Sie dachten, sie wären frei

19. August 2022

Von Joshua Styles, 28.Juli 2022

Der nachfolgende Artikel beruht auf dem Buch von Milton Mayer, „They Thought They Were Free“ (1955). Es handelt sich um eine der wichtigsten Analysen der deutschen Vergangenheit, die aber meines Wissens nie auf Deutsch übersetzt wurde. Mayer hat nach dem Krieg zehn deutsche Nazi-Mitläufer eingehend über ihre Erlebnisse und Beweggründe befragt. Seine wichtigste Schlussfolgerung drückt er bereits im Titel aus: „Sie dachten, sie wären frei“. Seine Interviewpartner hatten tatsächlich und aufrichtig während der ganzen Zeit gedacht, sie lebten in einem demokratischen Rechtsstaat. Diese Einsicht hat gravierende Konsequenzen, wenn man sie auf heute anwendet.
Nun fand ich kürzlich diesen Artikel, welcher die wichtigsten Aussagen des Buches zusammenfasst und zur Gegenwart in Beziehung setzt. Ich habe ihn deshalb in seiner vollen Länge übersetzt.

Der Originalartikel ist hier zu finden. Die Veröffentlichungen des Brownstone-Instituts sind zur Weiterverbreitung lizensiert unter der internationalen „Creative Commons Attribution 4.0“-Lizenz.

In der Übersetzung habe ich es unterlassen, das I-Wort auszuschreiben. Vervollständigen Sie das bitte gedanklich.

Und noch eine Vorbemerkung: Regierungstreue Leser werden sich womöglich stossen an den gelegentlichen Aufrufen des Autors zum „Widerstand“. Sie werden dabei wahrscheinlich in die Versuchung kommen, mit den in einem früheren Artikel erwähnten Vorwürfen um sich zu schleudern. Falls das Sie betreffen sollte, dann bitte ich Sie höflich, zuerst diesen Artikel zu lesen, und mir eine fundierte und dokumentierte Antwort auf die Fragestellung jenes Artikels zu senden. Nachdem Sie das getan haben, dürfen Sie gerne wieder hierher zurückkommen und mich – oder den Original-Autor – kritisieren.
Andererseits vermute ich, dass Regierungstreue mit dem vorliegenden Artikel sowieso nichts anfangen können. Und zwar deshalb, weil sie sich exakt in derselben Situation befinden wie Mayers Interviewpartner, die auch Jahre nach Kriegsende immer noch nicht verstehen konnten, dass Nazideutschland kein Rechtsstaat gewesen war.


„Ich kehrte nach Hause zurück mit ein wenig Furcht um mein eigenes Land; Furcht, was es wollen und bekommen und mögen könnte unter dem Druck einer Kombination von Realität und Illusion. Ich fühlte, und fühle immer noch, dass es nicht „der Deutsche“ war, den ich kennengelernt hatte, sondern den Menschen an sich. Er befand sich zufällig in Deutschland, unter bestimmten Bedingungen. Unter anderen Bedingungen hätte er ich selber sein können.“ (Milton Mayer, „They Thought They Were Free“)

Es ist über 75 Jahre her, seit die Nazis besiegt und Auschwitz befreit wurde. 75 Jahre sind eine lange Zeit – so lange, das während viele erst gerade vom Horror des Holocausts erfahren, nur wenige verstehen, wie der Mord an den Juden geschah. Wie wurden die Leben von Millionen von Menschen systematisch ausgelöscht, in einer fortschrittlichen westlichen Nation – einer konstitutionellen Republik? Wie konnten so respektable und intelligente Bürger zu Komplizen am Mord ihrer Mitbürger werden? Das sind die Fragen, die Milton Mayer zu beantworten suchte in seinem Buch.

Im Jahr 1952 zog Mayer mit seiner Familie in ein deutsches Dorf, um unter gewöhnlichen Menschen zu leben, in der Hoffnung zu verstehen, wie die Nazis an die Macht kamen, und wie „gewöhnliche Deutsche“ zu unwissenden Teilnehmern eines der grössten Völkermorde der Geschichte werden konnten. Die Menschen, unter denen Mayer lebte, hatten unterschiedliche Beschäftigungen: ein Schneider, ein Tischler, ein Schuldeneintreiber, ein Geschäftsmann, ein Student, ein Lehrer, ein Bankangestellter, ein Bäcker, ein Soldat, und ein Polizist.

Es ist bedeutsam, dass Mayer nicht einfach formelle Interviews mit diesen Menschen führte. Vielmehr ass er mit ihnen zusammen, schloss Freundschaft mit ihren Familien, und lebte als einer der Ihren während beinahe eines Jahres. Seine eigenen Kinder gingen zur selben Schule wie ihre Kinder. Und am Ende seiner Zeit in Deutschland konnte Mayer sie echte Freunde nennen. „They Thought They Were Free“ ist Mayers Bericht über ihre Geschichten, und der Titel des Buches ist seine These. Mayer erklärt:

Nur ein einziger meiner zehn Nazi-Freunde sah den Nationalsozialismus in irgendeiner Weise so, wie Sie und ich ihn sahen. Das war Hildebrandt, der Lehrer. Und sogar er glaubte, und glaubt immer noch, an einen Teil seines Programms und seiner Praxis, an „den demokratischen Teil“. Die anderen neun, alles anständige, arbeitsame, gewöhnliche, intelligente und aufrichtige Menschen, wussten vor 1933 nicht, dass der Nationalsozialismus böse war. Sie wussten zwischen 1933 und 1945 nicht, dass er böse war. Und sie wissen es auch jetzt noch nicht. Keiner von ihnen hat je den Nationalsozialismus so kennengelernt, wie wir ihn kennen; und sie lebten unter ihm, dienten ihm, und, ja, sie schufen ihn. (47)

Bevor ich dieses Buch las, hatte ich jene Ereignisse in Deutschland immer mit einer gewissen Arroganz betrachtet. Wie konnten sie nicht wissen, dass der Nationalsozialismus böse war? Und wie konnten sie sehen, was geschah, ohne ihre Stimme zu erheben? Lauter Feiglinge. – Aber nachdem ich Mayers Buch gelesen hatte, fühlte ich einen Knoten in meinem Magen, eine wachsende Furcht, dass das, was in Deutschland geschehen war, nicht bloss das Ergebnis eines Defekts der damaligen Deutschen war.

Die Deutschen in den 30er und 40er Jahren waren nicht anders als die Amerikaner in den 2010ern und 2020ern, oder die Menschen irgendeines anderen Landes zu irgendeiner anderen Zeit der Geschichte. Sie waren menschlich, so wie wir menschlich sind. Und als Menschen tendieren wir stark dazu, die Übel anderer Gesellschaften hart zu verurteilen, aber unser eigenes moralisches Versagen nicht zu erkennen, das während der vergangenen zwei Jahre ganz offen zu Tage lag.

Mayers Buch zeigt ein beängstigendes Vorauswissen. Seine Worte zu lesen ist wie in die Tiefen unserer eigenen Seelen zu blicken. Die folgenden Abschnitte zeigen, wie sehr sich die Antwort der Welt auf die „Bedrohung“ der letzten zwei Jahre der deutschen Antwort auf die jüdische „Bedrohung“ ähnelte. Wenn wir die Parallelen zwischen unseren heutigen Reaktionen und der Situation in Hitlerdeutschland wirklich verstehen können, wenn wir absehen können, auf was für ein Ziel hin sich die „zwei Wochen zum Abflachen der Kurve“ entwickeln, dann können wir vielleicht in unserer Zeit die schlimmsten Gräuel noch verhindern. Aber wenn wir unsere Tendenz zur Tyrannei aufhalten wollen, dann müssen wir zuerst bereit sein, uns den dunkelsten Bereichen unserer Natur zu stellen, inbegriffen unsere Tendenz, andere zu entmenschlichen, und unsere Nächsten als Feinde zu behandeln.

Den Anstand überwinden

„Gewöhnliche Menschen“ und „gewöhnliche Deutsche“ tolerieren keine Handlungen, die den allgemeinen Sinn für Anstand verletzen – ausser die Opfer sind zum voraus erfolgreich stigmatisiert worden als Feinde des Volkes, der Nation, der Rasse, der Religion. Oder, wenn sie noch nicht Feinde sind (das kommt erst später), dann müssen sie zumindest irgendwie am Rande der Gesellschaft stehen, ein zersetzendes Ferment ausserhalb der Bande der Gemeinschaft (und sei es nur durch die Art, wie sie sich kämmen oder ihre Krawatte binden), ausserhalb der Gleichförmigkeit, die überall die Grundlage des allgemeinen Friedens bildet. Die naive Akzeptanz und Praxis eines sozialen Antisemitismus in Deutschland schon vor Hitler hatte ihren allgemeinen Anstand untergraben, sodass er der kommenden Stigmatisierung und Verfolgung nicht mehr viel Widerstand entgegensetzte. (55)

Andere haben schon erklärt, wie die totalitären Impulse mit der „institutionalisierten Entmenschlichung“ zusammenhängen, und haben über die Ausgrenzung der Ungei- in Ländern der ganzen Welt diskutiert. Mayer zeigt, dass eine solche Entmenschlichung nicht unbedingt mit Vorurteilen beginnt:

Der Nationalsozialismus war Antisemitismus. Abgesehen davon, war er gleich wie tausende von Tyranneien vor ihm, mit einigen modernen Annehmlichkeiten. Der traditionelle Antisemitismus … spielte eine wichtige Rolle darin, die Deutschen allgemein empfänglicher zu machen für die Nazi-Lehren. Aber es war die Ausgrenzung, nicht das Vorurteil an sich, welche den Nationalsozialismus möglich machte; die einfache Trennung zwischen Juden und Nichtjuden. (116-117).

Auch wenn viele Deutsche keine antisemitischen Vorurteile hegten (zumindest nicht am Anfang), so schuf doch die erzwungene Trennung zwischen Juden und Nichtjuden einen verheerenden Graben in der deutschen Gesellschaft, riss das soziale Gefüge auseinander, und bereitete den Weg für die Tyrannei. In unseren Tagen hat die Trennung zwischen Maskierten und Unmaskierten, zwischen Gei- und Ungei-, Gesellschaften weltweit in einer Weise gespalten, wie wir das zu unseren Lebzeiten noch nie erlebt haben. Und in so einem weltweiten Ausmass ist das wahrscheinlich noch nie in der ganzen Weltgeschichte geschehen.

Wie wurde diese Trennung möglich? Durch die immense Macht der Propaganda, und insbesondere die Propaganda des digitalen Zeitalters. Wir denken, wir wüssten, wie die Propaganda uns beeinflusst; aber oft erkennen wir die wirklich hinterlistigen Auswirkungen darauf, wie wir andere Menschen sehen, erst wenn es zu spät ist. Mayers Freunde erklärten das sehr ausführlich. Bei einer Gelegenheit fragte Mayer den früheren Bankangestellten über einen seiner jüdischen Freunde: „Machte Ihre Erinnerung an den Händler Sie zum Antisemiten?“ – „Nein, oder erst, als ich antisemitische Propaganda hörte. Es wurde gesagt, Juden täten schreckliche Dinge, die der Händler nie getan hatte … Die Propaganda bewirkte, dass ich nicht mehr an ihn dachte als den Menschen, den ich kannte, sondern dass ich an ihn als Juden dachte.“ (124, Hervorhebung hinzugefügt)

Können wir etwas tun, um den entmenschlichenden Folgen der Propaganda entgegenzuwirken? Mayer beschreibt die Macht der Nazipropaganda als so intensiv, dass alle seine Freunde davon verändert wurden – sogar der Lehrer, der sich dieser Taktiken besser bewusst war. Fast sieben Jahre nach dem Krieg waren seine Freunde immer noch nicht davon zu überzeugen, dass sie verführt worden waren:

Niemand hat meinen Freunden bewiesen, dass die Nazis unrecht hatten in bezug auf die Juden. Niemand kann das. Es war einfach unerheblich, ob das, was die Nazis sagten oder was meine Freunde glaubten, wahr oder falsch war. Staunenswert unerheblich. Es gab schlicht keinen Weg, zu diesem Punkt zu gelangen; jedenfalls nicht auf dem Weg von Logik und Fakten. (142).

Mayers Schlussfolgerung ist deprimierend. Wenn wir andere nicht mit Logik und Fakten überzeugen können, wie können wir sie dann überzeugen? Wie viele von uns haben ihren Freunden unwiderlegbare Daten mitgeteilt, dass die I. mit Risiken verbunden sind? Wie viele von uns haben Videos geteilt, wo Regierungsbeamte offen zugeben, dass die I. die Übertragung nicht verhindern, und dass Stoffmasken nicht funktionieren? Aber Fakten und Evidenz überzeugen jene nicht, die in der Propaganda gefangen sind: sie können sie nicht überzeugen. Denn die Propaganda zielt naturgemäss nicht auf die Logik oder den Verstand ab, und sie beruft sich nicht auf Evidenz. Die Propaganda zielt auf unsere Emotionen. Und in einer Welt, wo sich die meisten Menschen von ihren Emotionen leiten lassen, verwurzelt sich die Propaganda tief in den Herzen jener, die sie konsumieren.

Was tun wir also? Mayer erzählt von einer frustrierenden Realität. Aber es ist wesentlich zu verstehen, wie die Propaganda in Nazideutschland funktionierte, und wie sie heute funktioniert, wenn wir irgendeinen Zugang finden wollen zu jenen, die davon geformt wurden. Und es ist vielleicht noch wichtiger zu verstehen, warum so viele Menschen sich von Emotionen leiten lassen, und ihr kritisches Denken ausschalten oder es andern überlassen. Wir können nicht erwarten, dass kommende Gräueltaten aufgehalten werden und dass Menschen der Tyrannei der Propaganda entfliehen, wenn sie keine Zeit zum Denken haben, oder wenn sie dazu motiviert wurden, nicht zu denken.

Unsere eigenen Leben

Auch ohne die Entmeschlichung jener, die als „Bedrohung“ der Gemeinschaft dargestellt wurden, waren die meisten Deutschen zu sehr auf ihre eigenen Leben konzentriert, um sich um das Leiden ihrer Nächsten zu kümmern:

Die Menschen denken zuerst an das Leben, das sie selber führen, und an die Dinge, die sie sehen. Und unter den Dingen, die sie sehen, denken sie nicht in erster Linie an die aussergewöhnlichen Anblicke, sondern an das, was sie jeden Tag sehen. Die Leben meiner neun Freunde – und sogar des zehnten, des Lehrers – wurden aufgehellt vom Nationalsozialismus, wie sie ihn kannten. Sie blicken darauf zurück – neun von ihnen zumindest – als die beste Zeit ihres Lebens; denn was ist das Leben eines Menschen? Arbeit und Arbeitsplatzsicherheit; Sommerlager für die Kinder, und die Hitlerjugend, um sie davon abzuhalten, auf den Strassen herumzulungern. Was möchte eine Mutter wissen? Sie möchte wissen, wo und mit wem ihre Kinder sind, und was sie tun. In jenen Tagen wusste sie das, oder sie dachte, sie wüsste es. So liefen die Dinge zuhause besser, und wenn es zuhause und am Arbeitsplatz besser geht, was würde ein Ehemann und Vater noch wünschen? (48)

Die beste Zeit ihres Lebens. Aus heutiger Sicht eine unglaubliche Aussage. Wie konnten sie eine Gesellschaft als „gut“ ansehen, die Millionen ihrer Mitbürger ausschloss und schliesslich ermordete? Wie konnten sie wegschauen, wenn Juden und andere litten? Es ist einfach, solche Fragen zu stellen. Aber sind wir in unserer modernen Welt nicht ebenso eng auf unser eigenes Wohlergehen und dasjenige unserer Familie konzentriert? Wenn die Leben anderer aufs Spiel gesetzt werden, sodass unsere Familien weiterhin „zuhause bleiben und Leben retten“ können, damit wir uns sicher fühlen können vor einem tödlichen Virus, und „gerecht“ aufgrund unserer Entscheidungen, würden wir dann nicht so entscheiden? Viele von uns taten das. Aber haben wir je daran gedacht, dass infolge unseres Zuhausebleibens andere nicht zuhause bleiben konnten?

Die Hausarreste haben die Leben von Millionen armer Kinder zerstört, im In- und Ausland. Aber die Laptop-Klasse blieb abgeschirmt von diesem Leiden, zufrieden mit hausgeliefertem Gemüse, Zoom-Konferenzen, und neuen Folgen von „König Tiger“. Und während viele rund um die Welt verhungerten oder um beschränkte Nahrungs- und Wasservorräte kämpften, stritten wir um die neusten iPhones, im Glauben, dass diese Geräte nötig seien, um „die Pandemie zu überstehen“ in unseren hochgebauten Schlössern und vorstädtischen Festungen. Tatsächlich war für viele von uns die grösste Sorge, ob wir bald einen neuen 42-Zoll-Fernseher geliefert bekommen könnten, falls der alte den Geist aufgeben sollte. Wir wussten nichts vom Leiden der anderen, und wir nahmen kaum zur Kenntnis, dass ihre Lebenswirklichkeit anders sein könnte als die unsere. (Anm.d.Ü: Hier nur ein einziges Beispiel von vielen.) – So auch in Deutschland:

Es gab wunderbare Familienferienreisen zu zehn Dollar, durch das Programm „Kraft durch Freude“, nach Norwegen im Sommer und nach Spanien im Winter, für Menschen, die nie von einer solchen Reise geträumt hätten. Und in Kronenberg musste niemand frieren (d.h. niemand, den meine Freunde kannten), niemand musste hungern, kein Kranker blieb ohne Behandlung. Wen kennen denn die Menschen? Sie kennen Menschen aus ihrer eigenen Nachbarschaft, ihrer eigenen sozialen Stellung und Arbeitsumgebung, Menschen mit denselben politischen (oder unpolitischen) Ansichten, Menschen ihrer eigenen Religion und Rasse. Alle die Segnungen der Neuen Ordnung, die überall angepriesen wurden, kamen „allen“ zugute. (48-49).

Jene, die in einer Distanz zu uns leben, vergessen wir schnell. Und in einer gesichtslosen Welt des „sozialen Abstandhaltens“ ist es noch viel leichter, die Zehntausende von Menschen zu vergessen, die mehr leiden, als wir aushalten könnten. Die Kinder, die nie die Gesichter ihrer Lehrer sehen konnten? Geht uns nichts an. Die Alten und Kranken, die vom Rest der Welt abgeschnitten wurden, jedes sozialen Kontakts und jeder menschlichen Berührung beraubt? „Es ist ja für ihre Gesundheit und Sicherheit.“ Taubstumme Kinder und Erwachsene, und andere Behinderte? „Wir alle müssen Opfer bringen, um die Ausbreitung zu verlangsamen.“

Unsere eigenen Ängste

Zu unserem eigenen Leben kommen unsere eigenen Ängste (vor realen oder imaginären Gefahren) hinzu, und so sind wir noch weniger motiviert, an die Probleme anderer zu denken:

Ihre Welt war die Welt des Nationalsozialismus. In dieser Menschengruppe kannten sie nur gute Gemeinschaft, und die gewöhnlichen Sorgen des gewöhnlichen Lebens. Sie fürchteten die „Bolschewiken“, aber nicht einander. Und ihre Angst war die Angst, die allgemein in der sonst glücklichen Nazigemeinschaft Deutschland akzeptiert wurde. (52).

Die „akzeptierte Angst“ der Gemeinschaft. Die zehn Personen, unter denen Mayer lebte, beschrieben die sozial akzeptablen Ängste, die sie ausdrücken durften; und die Ängste, nach denen sie ihre Leben ausrichten mussten. Aber Angst oder auch nur Unbehagen ausdrücken über den zunehmenden Totalitarismus der Naziregierung? Solche Sorgen waren verboten. Und so ist es auch heute. Es ist erlaubt (ja, sogar gefördert!), den Virus zu fürchten. Wir dürfen den Zusammenbruch des Gesundheitssystems fürchten. Wir dürfen „die Ungei-“ und sogar die „Maskengegner“ fürchten. Aber wer wagt es, Angst vor dem wachsenden Totalitarismus um uns herum auszudrücken? Wer wagt es, dem „wissenschaftlichen Konsens“ Fakten entgegenzustellen, oder die Verordnungen von „Gesundheitsbeamten“ in Frage zu stellen? Nein, das dürfen wir nicht, wenn wir nicht mit den wissenschaftsleugnenden I-gegnern in einen Topf geworfen werden wollen. Wir dürfen es nicht, wenn wir nicht wollen, dass unsere Veröffentlichungen als Falschinformation etikettiert werden und unsere Konten gelöscht werden.

Unsere eigenen Probleme

Ich denke, schlussendlich waren es ihre eigenen Probleme, welche die Unfähigkeit meiner Freunde erklären, „etwas zu tun“ oder überhaupt etwas zu wissen. Jeder kann nur ein gewisses Mass an Verantwortung tragen. Wenn er mehr zu übernehmen versucht, dann bricht er zusammen. Um das zu vermeiden, lehnt er die Verantwortung ab, die seine Kraft übersteigt. … Wenn er sie ablehnen muss, dann verneint er sie. Er zieht den Vorhang zu. Er kapselt sich ab von der Betrachtung des Bösen, gegen das er streiten sollte, es aber nicht kann. (75-76).

Wir haben alle unsere täglichen Sorgen um Familie und Freunde. Wir haben auch unsere eigenen Ängste – Angst vor imaginären Bedrohungen, oder vor tatsächlichen Risiken. Dazu kommt das Gewicht unserer eigenen Verantwortungen, und das kann uns machtlos machen angesichts der Probleme unserer Nächsten. Das galt nicht nur für die damaligen Deutschen, sondern auch für die Amerikaner. Mayer beschreibt ein Gespräch mit seinem Freund Simon, dem Schuldeneintreiber, über die amerikanische Internierung der Japaner. Simon erwähnte die zwangsweise Umsiedlung von 100’000 Amerikanern, darunter Kinder, wegen ihrer japanischen Abstammung (und weil sie deswegen angeblich eine Bedrohung der nationalen Sicherheit darstellten).

Simon fragte, was Mayer getan hätte, um für seine Mitbürger aufzustehen, die ohne rechtmässiges Gerichtsverfahren aus ihren Häusern vertrieben wurden. „Nichts“, antwortete Mayer. Simons Antwort ist ernüchternd:

„Da haben Sie es. Sie erfuhren alle diese Dinge offen, von Ihrer eigenen Regierung und Ihrer Presse. Wir erfuhren nichts. Wie in Ihrem Fall, wurde nichts verlangt von uns – in unserem Fall nicht einmal Wissen. Sie wussten von Dingen, die Sie als falsch ansahen. Sie dachten, es sei falsch, nicht wahr, Herr Professor?“ „Ja.“ „So. Und Sie taten nichts. Wir konnten nur vom Hörensagen einige Dinge vermuten, und wir taten nichts. So ist es überall.“ Als ich protestierte, die japanischstämmigen Amerikaner seien aber nicht behandelt worden wie die Juden, sagte er: „Und wenn sie so behandelt worden wären, was dann? Sehen Sie nicht, dass die Idee, etwas dagegen zu tun oder nichts zu tun, in beiden Fällen dieselbe ist?“ (81). 

Wir denken alle gerne, wir würden anders reagieren. Wir haben alle die besten Absichten, und denken, wir hätten den Mut, für andere aufzustehen. Wir möchten die Helden sein, wenn alle anderen sich fürchten zu handeln. Aber wenn der Moment kommt, was werden wir wirklich tun? Mayers Gespräch mit seinem Freund, dem Lehrer, verdient es, ausführlich zitiert zu werden:

„Ich kam nie aus dem Staunen heraus, dass ich überlebte“, sagte Herr Hildebrandt. „Ich konnte nicht anders als froh zu sein, wenn andern etwas geschah, was mir nicht geschehen war. So wie später, wenn eine Bombe auf eine andere Stadt fiel, oder auf ein anderes Haus und nicht auf das eigene, dann waren wir dankbar.“ „Dankbarer für Sie selber, als betrübt um die anderen?“ „Ja. In Wahrheit, ja. Es mag in Ihrem Fall anders sein, Herr Professor, aber ich denke nicht, dass Sie das wissen können, solange Sie es nicht erlebt haben. …

Man war betrübt um die Juden, von denen jeder Mann sich mit dem zweiten Namen „Israel“ identifizieren musste und jede Frau mit „Sarah“, bei jeder offiziellen Gelegenheit. Betrübter, später, dass sie ihre Arbeitsstellen und ihre Häuser verloren, und sich bei der Polizei melden mussten. Noch betrübter, dass sie ihre Heimat verlassen mussten, dass sie in Konzentrationslager eingesperrt und versklavt und getötet wurden. Aber waren wir nicht froh, dass wir keine Juden waren? Man erschrak noch mehr, wenn es auch mit Tausenden und Hunderttausenden von Nichtjuden geschah. Aber waren wir nicht froh, dass es nicht uns geschehen war, als Nichtjuden? Es war sicher nicht die hochstehendste Art von Freude. Aber wir umarmten sie, und wir hüteten unsere Schritte, noch viel vorsichtiger als zuvor.“ (58-59).

Ich bin betrübt um sie, aber ich bin nicht bereit, für sie aufzustehen. Ich hasse es, dass den Kindern der Zugang zu Sprachtherapie, zu Präsenzunterricht und zu mitmenschlichem Kontakt mit ihren Freunden verweigert wird. Aber wenn ich etwas sage, kann ich meine Stellung und meinen Einfluss verlieren. Ich hasse es, dass die Ungei- ihre Arbeitsstellen verlieren und in ihre Häuser eingesperrt werden. Aber wenn ich etwas sage, kann auch ich meine Arbeit verlieren. Ich hasse es, dass meine Mitbürger gegen ihren Willen in „Quarantänezentren“ abgeführt werden. Aber wenn ich etwas sage, riskiere ich eine Strafverfolgung. Und ich hasse es, dass die Ungei- aus der Gesellschaft ausgeschlossen und von den politischen Leitern mit Verachtung behandelt werden. Aber wenn ich etwas sage, kann auch ich ausgeschlossen werden. Das Risiko ist zu gross.

Taktiken der Tyrannen

Die modernen Tyrannen stehen alle über der Politik; und damit beweisen sie, dass sie meisterhafte Politiker sind. (55).

Wie oft haben Staatsvertreter jene, die ihr Narrativ hinterfragen, beschuldigt, „die Krankheit zu politisieren“? „Hört auf, die Masken zu politisieren!“ „Hört auf, die I. zu politisieren!“ Und Dissidente werden verächtlich gemacht als „wissenschaftsleugnende Trump-Anhänger“ oder als „I-Gegner und V-Theoretiker“. Kein Wunder, haben so wenige das offizielle Narrativ über Masken, Hausarreste und I. in Frage gestellt. Wer es tut, der macht sich selber zur Zielscheibe und zieht Anschuldigungen auf sich, er kümmere sich mehr um Politik und Wirtschaft als um Menschenleben und Gesundheit. Diese falschen Unterstellungen sind längst nicht die einzige Taktik jener, die ihre autoritäre Macht erweitern wollen. Mayers Werk hilft uns nicht nur zu verstehen, was uns anfällig macht für den Totalitarismus, und warum so viele von uns „den Vorhang zuziehen“ angesichts des Bösen. Er legt auch die Taktiken der Tyrannen offen, damit seine Leser sie sehen und widerstehen können.

Diese Distanzierung der Regierung vom Volk, diese Verbreiterung des Grabens, geschah so allmählich und unmerklich, jeder Schritt verkleidet als eine vorübergehende Notstandsmassname, oder als eine Forderung echter patriotischer Hingabe, oder als ein tatsächlicher sozialer Zweck. Und alle die Krisen und Reformen (tatsächliche Reformen) hielten die Leute so beschäftigt, dass sie die zugrundeliegende langsame Bewegung nicht sahen, die darin bestand, den ganzen Regierungsprozess dem Volk immer weiter zu entziehen. (166-167).

Während der letzten zwei Jahre haben viele Alarm geschlagen wegen der Bedrohung durch endlose Notfälle, und wir haben alle gesehen, wie das Zielband ständig in weitere Ferne gerückt wurde. „Es werden nur zwei Wochen sein.“ „Es ist bloss eine Maske.“ „Es ist bloss eine I.“ Und so weiter. Die meisten haben zwar inzwischen verstanden, dass die „zwei Wochen zum Abflachen der Kurve“ nicht bloss zwei Wochen waren. Aber viel zu wenige verstehen die hinterlistige Bedrohung durch eine ständige „Regierung durch Notfälle“. Mayers Freunde verstanden es, und sie erlebten die katastrophalen Ergebnisse.

Bevor Hitler Kanzler wurde, war Deutschland immer noch eine Republik unter der Weimarer Verfassung. Aber Artikel 48 dieser Verfassung erlaubte die Aufhebung bürgerlicher Freiheiten, sofern die öffentliche Sicherheit und Ordnung ernsthaft gestört oder gefährdet seien. Diese Notstandsvollmachten wurden ständig missbraucht. Nach dem Reichstagsbrand 1933 übertrug das Ermächtigungsgesetz alle gesetzgebenden Vollmachten vom Parlament auf die Exekutive. Das ermöglichte es Hitler bis zum Kriegsende 1945 „per Dekret“ zu regieren.

Die legislativen Gewalten der Gliedstaaten und der Bundesregierung der USA (und anderer Länder weltweit) haben zwar während den letzten zwei Jahren Sitzungen abgehalten. In Wirklichkeit haben sie aber kaum je versucht, die Macht der Exekutive zu beschränken. Unter der Schirmherrschaft er CDC, der WHO, und anderer Organisationen, hat die Exekutive tatsächlich per Dekret regiert. Sie haben Geschäfte geschlossen, Masken und I. obligatorisch gemacht, Menschen gezwungen zuhause zu bleiben – meistens ohne die Legislative überhaupt zu konsultieren. Womit wurde das gerechtfertigt? Der „Notstand“. Wenn wir in der Zeit zurückreisen könnten bis 2019 und die Frage stellten, ob es einer Exekutive erlaubt sein solle, ihrem Volk willkürlich solch einschneidende Einschränkungen aufzuerlegen, auch mit legislativer Zustimmung, dann hätte sicher die grosse Bevölkerungsmerheit „Nein“ gesagt. Wie sind wir denn zur jetzigen Situation im 2022 gelangt? Mayers Freunde geben uns wertvolle Einsichten.

Das Gemeinwohl

Die Gemeinschaft ist plötzlich ein Organismus, ein einziger Leib und eine einzige Seele, der seine Glieder zu seinen eigenen Zwecken aufzehrt. Während der Dauer des Notstands existiert die Stadt nicht für ihre Bürger, sondern die Bürger für die Stadt. Je stärker die Stadt unter Druck steht, desto härter arbeiten ihre Bürger für sie, und desto produktiver und effizienter werden sie in deren Interesse. Der Bürgerstolz wird zum höchsten Stolz, denn das Endziel all der enormen Anstrengungen ist der Erhalt der Stadt. Gewissenhaftigkeit ist die höchste Tugend, das Gemeinwohl das höchste Gut. (255). 

Was wurde als Begründung angegeben für viele der Massnahmen der letzten zwei Jahre? Das Gemeinwohl. Wir müssen Masken tragen, um die andern zu schützen. Lass dich i. aus Liebe zu deinen Nächsten. Bleib zuhause, um Leben zu retten. Und nicht nur um unserer Nachbarn und individueller Menschen willen, sondern für die Gemeinschaft als ganzes. Wir müssen Schulen schliessen, um Spitalressourcen zu sparen. In Grossbritannien gab es eine Kampagne: „Schützt den nationalen Gesundheitsdienst“. Und unzählige ähnliche Slogans, die unsere gemeinschaftliche Tugend hervorheben.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin nicht gegen eine Zusammenarbeit zum Gemeinwohl. Ich schätze meine Freiheiten nicht höher als die Leben anderer (das war eine der üblichen gemeinen Unterstellungen, die gegen jene ins Feld geführt wurde, die sich gegen den Machtmissbrauch der Regierung wehrten). Aber ich verstehe, wie Regierungen aller Zeiten das „Gemeinwohl“ als Vorwand gebrauchten, um sich mehr Macht anzueignen und diktatorische Massnahmen einzuführen, die unter normalen Umständen nie durchkämen. Genau das beobachteten Mayers Freunde:

Nehmen wir an, Deutschland sei eine Stadt, die vom Rest der Welt abgeschnitten wurde von einer fortschreitenden Überschwemmung oder einem Flächenbrand. Der Stadtpräsident ruft den Notstand aus und schliesst den Stadtrat. Er mobilisiert das Volk und weist jeder Gruppe ihre Aufgabe zu. Die Hälfte der Bürger sind plötzlich zugleich mit öffentlichen Aufgaben beschäftigt. Jede private Handlung – ein Telephonanruf, der Gebrauch einer Glühbirne, der Dienst eines Arztes – wird zu einer öffentlichen Handlung. Jedes private Recht – spazierenzugehen, eine Versammlung zu besuchen, eine Druckerpresse zu bedienen – wird zu einem öffentlichen [d.h. staatlichen] Recht. Jede private Institution – das Spital, die Kirche, der Verein – wird zu einer öffentlichen Institution. Auch wenn wir es nicht anders zu nennen wagen als den Druck der Notwendigkeit: hier haben wir die ganze Formel des Totalitarismus.
Das Individuum gibt seine Individualität ohne Widerrede auf, ja ohne überhaupt darüber nachzudenken
– und nicht nur seine individuellen Hobbies und Vorlieben, sondern auch seinen individuellen Beruf, seine individuellen Familienangelegenheiten, seine individuellen Bedürfnisse. (254, Hervorhebungen hinzugefügt).

Tyrannen verstehen es gut, unsere Fürsorglichkeit auszunützen. Wir müssen ihre Tendenz verstehen, unsere Gutwilligkeit auszubeuten. Wenn wir diese Taktik verstehen, und Widerstand leisten gegen die Angriffe auf die Freiheit, dann tragen wir zum Erhalt des wirklichen Gemeinwohls bei. Tragischerweise realisieren viele Menschen nicht, dass sie ausgenützt wurden – dass ihr Wunsch, zum Gemeinwohl beizutragen, zu einem bedingungslosen Gehorsam geworden ist. Mayers Beschreibung ist erstaunlich:

Für die übrigen Bürger – etwa 95 Prozent der Bevölkerung – ist „Pflicht“ jetzt das zentrale Element des Lebens. Sie gehorchen, zuerst unbeholfen, aber erstaunlich bald spontan. (255)

Diese Art von Willfährigkeit ist wohl am klarsten mit den Gesichtsbedeckungen geschehen. Wir gehorchen spontan, auch wenn niemand uns mit einer Waffe bedroht. Und wir gehorchen, ohne überhaupt über die Rationalität der Forderungen nachzudenken. Wir bedecken unser Gesicht, um zu einem Tisch in einem vollbesetzten Restaurant zu gehen; dort essen wir zwei Stunden lang, und dann fühlen wir uns verpflichtet, unser Gesicht wieder zu bedecken, um zum Ausgang zu gehen. Dasselbe müssen wir im Flugzeug tun, um „die Ausbreitung aufzuhalten“, aber nicht während wir essen oder trinken. Einige tun es sogar, wenn sie allein in ihrem Auto fahren. Ich möchte klarstellen, dass ich nicht die Menschen kritisiere, die in solchen Situationen ihr Gesicht bedecken. Was ich beklage, ist, wie die Propaganda uns derart beeinflusst hat, dass wir gehorchen, ohne überhaupt über unsere Handlungen nachzudenken. Oder vielleicht noch schlimmer, wir haben darüber nachgedacht, aber wir gehorchen trotzdem, weil es die andern auch tun, und weil es von uns erwartet wird.

Sehen Sie die gefährlichen Parallelen zwischen, dem, was heute geschieht, und was in Deutschland geschah? Es geht nicht bloss um Gesichtsbedeckungen. Es geht um die Bereitwilligkeit, jeder Forderung der Regierung nachzukommen, wie unlogisch oder schädlich sie auch sein mag. Können Sie sehen, wie diese Tendenzen zur Dämonisierung bestimmter Personen führen? Jene, die nicht mit einer Gesichtsbedeckung „ihre Nächsten schützen“, oder die nicht an einem medizinischen Experiment teilnehmen wollen „um der Verletzlichen willen“, gelten als Gefahr für die Gesellschaft und als Bedrohung für uns alle. Können Sie sehen, wohin diese Dämonisierung führen kann? Wir wissen, wohin es in Deutschland geführt hat.

Endlose Ablenkungen

Plötzlich sah ich mich in all diese neue Aktivität hineingeworfen, als die Universität in die neue Situation hineingezogen wurde: Sitzungen, Konferenzen, Interviews, Zeremonien, und vor allem Formulare zum Ausfüllen, Berichte, Bibliographien, Listen, Fragebögen. Und dazu kamen die Forderungen in der Gemeinschaft, die Dinge, wo erwartet wurde, dass man teilnahm, die es zuvor nicht gegeben hatte oder die nicht wichtig gewesen waren. Es war natürlich alles nur Geschwätz, aber es zehrte alle unsere Energie auf, da es zu der Arbeit hinzukam, die man wirklich tun wollte. Sie können sehen, wie einfach es dann war, nicht über die grundlegenden Dinge nachzudenken. Man hatte keine Zeit.(167).

Kombinieren wir den tyrannischen Gebrauch des „Gemeinwohls“ mit einem ununterbrochenen Notstand, dann haben wir ein totalitäres Regime, das nicht hinterfragt werden darf: „Diese Zeit ist vor allem keine Zeit für Spaltungen“ (Mayer, 256). Wenn dazu noch die unaufhörlichen Ablenkungen das Volk beschäftigt halten, dann hat niemand überhaupt Zeit, irgendetwas in Frage zu stellen. Hören wir einen von Mayers Kollegen:

Die Diktatur, und der ganze Prozess ihrer Entstehung, war vor allem Ablenkung. Das verschaffte eine Ausrede, um nicht zu denken, für Menschen, die sowieso nicht denken wollten. Ich meine damit nicht die „kleinen Menschen“, den Bäcker usw; ich spreche von meinen Kollegen und von mir selber, gelehrte Menschen, wissen Sie. Die meisten von uns wollten nicht über grundsätzliche Dinge nachdenken, und hatten das nie getan. Es war nicht nötig. Der Nationalsozialismus gab uns einige schauerliche grundsätzliche Dinge zum Denken – wir waren anständige Menschen -, und hielt uns so beschäftigt mit ständigen Änderungen und „Krisen“, und so fasziniert, ja, fasziniert, mit den Machenschaften der „Volksfeinde“ ausserhalb und innerhalb, dass wir keine Zeit hatten, um über diese schauerlichen Dinge nachzudenken, die überall rundherum allmählich wuchsen. Ich denke, unbewusst waren wir dankbar. Wer möchte denn denken? (167-168).

Ist es nicht das, was in der Welt um uns herum geschieht, sogar gerade während ich dies schreibe? Während der letzten zwei Jahre erlebten wir eine ständige Zerrüttung unserer Leben mit Hausarrest, Videokonferenzen, Online-Lernen, Verhüllungsvorschriften, „sozialem“ Abstandhalten, und mehr. Und dann wurde uns gesagt, wir müssten uns i, oder sonst würden wir unsere Arbeit verlieren, und manche von uns waren bereits zu müde, um Widerstand zu leisten, und andere noch erschöpfter, weil sie es versucht hatten. Und wer entschied, hier nicht mitzumachen, der muss seine Zeit – Unmengen von Zeit – darauf verwenden, Ausnahmegesuche für die verschiedenen Vorschriften zu schreiben und seine Gründe zu erklären.

Und dann, wenn es scheint, diese Verrücktheit käme allmählich zu einem Ende (zumindest vorläufig), da wird in Kanada ein „Notstand“ erklärt, der die Rechte der kanadischen Bürger mit Füssen tritt, und die Welt wird in eine weitere Krise geworfen wegen des Ukraine-Konflikts. Es geschieht so vieles, was zu Recht nach unserer Aufmerksamkeit ruft, dass viele von uns gar nicht merken, wie sich die totalitäre Schlinge um uns herum zuzieht. Und wir sind zu müde um zu untersuchen, was geschieht; zu erschöpft, uns überhaupt darum zu kümmern. Aber wir müssen uns darum kümmern! Sonst wird es zu spät sein, und es wird kein Zurück mehr geben.

Wissenschaft und Bildung

„Die Universitätsstudenten glaubten alles Mögliche, wenn es nur kompliziert war. Die Professoren ebenfalls. Haben Sie die „Rassenreinheitstabelle“ gesehen?“ „Ja“, sagte ich. „Dann kennen Sie das ja. Ein ganzes System. Wir Deutsche mögen Systeme, wissen Sie. Es passte alles zusammen, also war es Wissenschaft, System und Wissenschaft, wenn man nur die Kreise ansah, schwarz, weiss, und Grautöne, und nicht die wirklichen Menschen. Solche Dummheit konnten sie uns kleine Menschen nicht lehren. Sie versuchten es nicht einmal.“ (142).

„Vertraue der Wissenschaft.“ So hat man uns über zwei Jahre lang gesagt. Eine weitere Taktik autoritärer Leiter aller Zeiten besteht darin, an die Wissenschaft und die Experten zu apellieren. Mayers Freunde beschrieben, wie die Nazis die „Wissenschaft“ dazu gebrauchten, Studenten und andere davon zu überzeugen, dass die Juden minderwertig und Krankheitsüberträger seien. Aber das war nicht Wissenschaft, das war Wissenschaftsgläubigkeit. Genau wie heute.

Wissenschaft ist kein Dogma; sie ist kein System von Glaubenssätzen. Wirkliche Wissenschaft ist der Prozess, durch den wir die Wahrheit über die physische Welt entdecken. Wir beginnen mit einer Hypothese, die riguros überprüft werden muss durch Beobachtung und Experimente. Aber während der letzten zwei Jahre wurde als „Wissenschaft“ bezeichnet, was auch immer die Gesundheitsbehörden als wahr ausgaben, unabhängig davon, ob ihre Behauptungen von irgendwelchen Evidenzen gestützt wurden oder nicht. Tatsächlich hat sich vieles von dieser sogenannten Wissenschaft als falsch erwiesen.

Neben der „Wissenschaft“ bemühte sich die Reichsregierung zum Erreichen ihrer Ziele auch die Bildung unter Kontrolle zu halten. „Der Nationalsozialismus verlangte die Zerstörung der akademischen Unabhängigkeit“ (112). Wahrheit und die Suche nach Wahrheit wurden durch Loyalität zu den Nazi-Lehren ersetzt. Bemerkenswerterweise übernahmen die Nazis nicht nur die Sekundarschulen, sondern auch die Primarschulen, und schrieben sogar gewisse Fächer ganz neu, um sie in Einklang mit der Nazi-Propaganda zu bringen: „In Geschichte, in Biologie und in Wirtschaftskunde war das Lehrprogramm viel ausgefeilter als in Literatur, und viel strenger. Diese Fächer wurden wirklich neu geschrieben.“ (198). Mayers Freund, der Lehrer, erklärte, wie das Reich zudem „zuverlässige Ignoranten“ aus der Politik oder Wirtschaft als Vorgesetzte über die Lehrer einsetzte. Das gehörte zur Nazi-Art, die Bildung zu demütigen und sie der Verachtung des Volkes auszusetzen.“ (197). In der heutigen Welt wäre das vergleichbar damit, wie Bürokraten darüber bestimmen, was in den Klassenzimmern gelehrt wird, oder darüber, ob es überhaupt Klassenzimmer gibt, da ja so viele Schulen permanent geschlossen wurden.

Unterdrückung der freien Rede, und Verstärkung der Selbstzensur

Es wurde nie alles spezifisch reglementiert. So war es überhaupt nicht. Alles wurde der Entscheidung des jeweiligen Lehrers überlassen, wenn es nur im „deutschen Geist“ geschah. Das war alles, was nötig war; der Lehrer musste nur diskret sein. Wenn er sich fragen musste, ob vielleicht jemand Einspruch erheben würde gegen ein bestimmtes Buch, dann war es weise, jenes Buch nicht zu gebrauchen. Das war eine viel wirksamere Art der Einschüchterung, wissen Sie, als jede festgelegte Liste von akzeptablen oder inakzeptablen Veröffentlichungen. Die Art, wie es getan wurde von seiten der Regierung, war bemerkenswert schlau und effizient. Der Lehrer musste selber die Entscheidungen treffen und die Konsequenzen riskieren; das machte ihn nur noch vorsichtiger. (194).

Die Methoden des Reichs, die Bildung (und die freie Rede überhaupt) unter Kontrolle zu halten, verliess sich nicht auf detaillierte Regeln. In unserer modernen Welt geht diese Taktik weit über das Aufzwingen von „Gesundheitsprotokollen“ hinaus, schliesst diese aber zweifellos ein. Nur wenige Institutionen erlaubten persönliche Entscheidungen über Masken; die meisten Schulen entschieden, diese zu fordern, unabhängig von den persönlichen Überzeugungen der Schüler. Als Ergebnis lernten die Schüler schnell, dass sie ihre Gesichter bedecken mussten, um an der Gesellschaft teilnehmen zu dürfen. Manche glauben jetzt sogar, sie würden sich selber oder ihren Kameraden ernsthaften Schaden zufügen, wenn sie sie abnähmen. Und sogar nachdem diese Vorschriften aufgehoben wurden, schämen sich immer noch viele Schüler, vor andern ihr Gesicht zu zeigen. Was hat uns das gekostet inbezug auf die geistige Gesundheit dieser Schüler, und inbezug auf die Meinungsäusserungsfreiheit? Wir werden es nie genau wissen.

Und das geschah nicht nur in den Schulen. Diese Protokolle und Narrative wurden auch ausserhalb der Schulen durchgesetzt. Anfangs 2021 erlaubte nur eine kleine Minderheit von Geschäften ihren Kunden, mit unbedecktem Gesicht einzutreten; noch weniger erlaubten es ihren Angestellten. Obwohl die staatlichen Bürokraten es nicht zugeben wollen: die Masken behindern sehr wohl die zwischenmenschliche Kommunikation. (Täten sie das nicht, warum nehmen Leiter von Weltrang sie ab, wenn sie sprechen?) Und wo die Kommunikation behindert wird, da ist auch der freie Gedankenaustausch beeinträchtigt.

Was die Meinungsäusserungsfreiheit im allgemeinen betrifft, so verstärkt die von Mayer beschriebene Taktik die Selbstzensur. Jeder, der ehrlich darüber nachdenkt, wird zugeben, dass dasselbe auch heute geschieht. Wenn wir betrachten, was vor Jahrzehnten gesagt wurde und jetzt als „politisch inkorrekt“ angesehen wird, dann verstehen wir alle, dass zu verschiedenen Themen nur noch ganz bestimmte Standpunkte akzeptiert werden, von Rasse und Sexualität bis zu I. und Krankenbehandlungen.

Traue dich nicht, irgendetwas mitzuteilen, was dem offiziellen Narrativ widerspricht; sei es über die Krankheit oder über irgendetwas anderes. Etwas mitzuteilen, was einer Infragestellung des Narrativs nahekommt, kann tausende von Konsequenzen haben, sowohl persönlich wie beruflich. Du möchtest doch nicht angeklagt werden, Falschinformation zu verbreiten, nicht wahr? Oder als V-Theoretiker bezeichnet werden? So vermeiden wir es, Gegenargumente und Evidenz mitzuteilen, sogar wenn die Evidenz absolut legitim, überprüfbar und richtig ist.

Unsicherheit

„Sehen Sie“, fuhr mein Kollege fort, „man sieht nie genau, wohin oder wie man sich bewegen soll. Glauben Sie mir, das ist wahr. Jede Handlung, jede Gelegenheit, ist schlimmer als die vorhergehende, aber nur ein klein wenig schlimmer. So wartet man auf die nächste und die übernächste Gelegenheit. Man wartet auf die eine grosse schockierende Gelegenheit, wo man denkt, dass die anderen, wenn so ein Schock kommt, sich dir anschliessen und irgendwie widerstehen werden. Du möchtest nicht allein handeln, oder auch nur sprechen; du möchtest nicht deine gewohnte Routine unterbrechen und Probleme machen. Warum nicht? Weil du es nicht gewohnt bist. Und es ist nicht nur die Angst, die Angst allein zu stehen, die dich zurückhält; es ist auch echte Unsicherheit.

Diese Unsicherheit ist ein sehr wichtiger Faktor, und statt mit der Zeit abzunehmen, nimmt sie zu. Draussen auf der Strasse, in der allgemeinen Gesellschaft, ist „jedermann“ zufrieden. Man hört keinen Protest und sieht erst recht keinen (…) du sprichst privat mit deinen Kollegen, und einige fühlen wie du; aber was sagen sie? Sie sagen: „Es ist doch nicht so schlimm“, oder: „Du siehst Gespenster“, oder „Du bist ein Alarmist“.

Und du bist ein Alarmist. Du sagst, dieses muss zu jenem führen, und du kannst es nicht beweisen. Das sind die Anfänge, ja; aber wie kannst du es sicher wissen, wenn du das Ende nicht kennst; und wie kannst du das Ende kennen oder auch nur vermuten? Einerseits schüchtern dich deine Feinde ein, das Gesetz, die Regierung, die Partei. Auf der anderen Seite verachten dich deine Kollegen als pessimistisch oder gar neurotisch. Es bleiben dir einige nahe Freunde, die natürlich Menschen sind, die immer so gedacht haben wie du.“ (169-170).

Und so tun wir nichts. Mayer hat recht. Sein Kollege hatte recht. Was können wir dazu sagen?

Etwas, was wir sagen können, ist dies: Jene, die uns Masken aufgezwungen haben, haben dieses Gefühl der Unsicherheit – zufällig oder absichtlich – noch vergrössert. Wir wissen nicht mehr, was andere denken oder fühlen, weil unsere Gesichter verborgen sind. Alle spüren eine unterschwellige Angst, die macht, dass wir die anderen als Bedrohung ansehen und nicht mehr als Mitmenschen. Und wir sind unsicher darüber, warum die anderen ihr Gesicht bedecken. Tun sie einfach, was ihnen gesagt wird? Ist es aus Angst davor, was die anderen denken könnten? Oder ist es ihr echter Wunsch, ihr Gesicht zu verhüllen?

Wahrscheinlich würde die grosse Mehrheit der Angestellten keine Masken tragen, wenn ihre Vorgesetzten es nicht von ihnen verlangen würden. Aber wie wissen wir, was sie tun würden, wenn ihnen nicht die Wahl gelassen wird? In ähnlicher Weise, wenn verlangt wird, gewisse Dinge zu tun, um die Loyalität zur Partei unter Beweis zu stellen, wie kann man wissen, ob die anderen wirklich loyal zur Partei sind, oder ob sie nur äusserlich mitmachen, um nicht aufzufallen (oder um nicht in ein Lager gebracht zu werden)?

Allmählich, dann plötzlich

„Wenn man mitten in diesem Prozess lebt, ist man absolut unfähig, ihn wahrzunehmen – bitte versuchen Sie mir zu glauben -, ausser man hat ein viel grösseres politisches Gespür, eine Feinfühligkeit, als die meisten von uns je entwickeln konnten. Jeder Schritt war so klein, so folgenlos, so gut erklärt, oder manchmal auch „bedauert“, dass niemand – ausser man hätte von Anfang an ausserhalb dieses Prozesses gestanden und hätte verstanden, worum es im Prinzip ging und wozu alle diese „kleinen Massnahmen“, die kein „patriotischer Deutscher“ ablehnen konnte, eines Tages führen mussten – niemand diesen täglichen Prozess sehen konnte, ebensowenig wie ein Bauer auf dem Feld den Mais wachsen sehen kann. Aber eines Tages ist er ihm über den Kopf gewachsen.“ (168).

Von all den Taktiken, mit denen die Tyrannen ihr Ziel erreichen, ist vielleicht die wichtigste die Illusion, wir hätten jede Menge Zeit, allem zu entfliehen. Wie viele von uns hätten im Februar 2020 vorausgesagt, dass wir heute an diesem Punkt stehen würden? Wie geschah das alles? Allmählich, aber dann plötzlich. Mayer spürt unser Dilemma:

Wie kann man das vermeiden, unter gewöhnlichen Menschen, sogar hochgebildeten gewöhnlichen Menschen? Offen gesagt, ich weiss es nicht. Ich sehe es auch jetzt noch nicht. Sehr oft, seit das alles geschah, habe ich über diese zwei grossen Wahlsprüche nachgedacht: Principiis obsta und Finem respice – „Wehret den Anfängen“ und „Bedenke das Ende“. Aber man muss das Ende voraussehen, um gegen die Anfänge Widerstand zu leisten oder sie auch nur zu sehen. Man muss das Ende klar und sicher voraussehen; und wie können gewöhnliche Menschen das tun, oder sogar aussergewöhnliche Menschen? Die Dinge hätten anders verlaufen können, bevor es so weit kam; das taten sie nicht, aber es hätte sein können. Und jeder hofft auf dieses hätte. (168).

Denke an den März 2020. Wir hätten damals Widerstand leisten sollen. Wir hätten keinen Hausarrest tolerieren sollen, und auch keine unsinnigen Einschränkungen der örtlichen Geschäfte und des Privatlebens. Die Regierungen waren bereits zu weit gegangen. Und dann kamen die Masken, und einige sagten, hier müsse man widerstehen. Wer solche Sorgen äusserte, wurde als Fanatiker und V-theoretiker lächerlich gemacht – aber sie hatten recht.

Viele sahen es nicht, und noch weniger widerstanden. Ich sah es relativ früh, aber ich widerstand nicht so, wie ich es hätte tun sollen, und mein Versagen verfolgt mich bis heute. Hätten wir ernsthafter widerstanden, dann wäre die Idee eines I-Zwangs weitgehend in sich zusammengefallen. Es hätte keine politische, moralische oder praktische Unterstützung dafür (und für die noch hinterlistigeren I-Pässe) gegeben. Aber wir – aber ich – haben nicht so entschieden widerstanden, wie wir es hätten tun sollen.

Warum nicht? Ich sagte mir, es sei es wert, meine einflussreiche Arbeitsstelle zu behalten. Es war eine berechnete Entscheidung, um den Menschen um mich herum weiterhin helfen zu können. Und ich musste auch für Essen und eine Wohnung für meine Kinder sorgen, damit sie eine „normale“ Kindheit haben könnten.

Aber habe ich mit meinen guten und edlen Kompromissen – denn das waren es, Kompromisse – den Grund gelegt für weitergehende Eingriffe in das Leben und die Freiheiten meiner Familie? Habe ich die Samen einer Dystopie ohne Ende gesät, die meine Kinder und Kindeskinder für immer terrorisieren wird? Habe ich einen Pakt mit dem Teufel geschlossen? Und wenn ja, gibt es einen Weg, aus diesem Pakt wieder auszusteigen?

Die Macht des gewaltlosen Widerstands

Es ist der tatsächliche Widerstand, der den Tyrannen Sorge bereitet, nicht der Mangel an einigen Händen, die die schmutzige Arbeit der Tyrannei tun. Was die Nazis abschätzen mussten, war der Punkt, an dem ihre Gräuel die Gesellschaft zum Bewusstsein ihrer moralischen Gewohnheiten bringen würden. Dieser Punkt konnte weiter hinausgeschoben werden in dem Mass, in dem der nationale Notstand bzw. der kalte Krieg vorwärtsgetrieben wurde, und noch weiter im heissen Krieg. Aber das ist und bleibt der Punkt, dem sich der Tyrann annähern muss, den er aber nicht überschreiten darf. Wenn seine Berechnungen zu weit hinter dem Temperament der Bevölkerung zurückbleiben, dann riskiert er eine Palastrevolution; wenn er zu weit vorauseilt, einen Volksaufstand. (56).

Wir unterschätzen die Macht, die ein Volk hat, wenn es Widerstand leistet. Landesweit [in den USA] wehrten sich Eltern gegen die Maskenpflicht, und viele Schulleitungen gaben nach. Viele Angestellte weigerten sich, der I-pflicht nachzukommen, und viele Arbeitgeber gaben nach, oder machten zumindest grosszügige Ausnahmen. Eltern und Angestellte gewannen nicht in allen Fällen, aber sie haben mehr Auseinandersetzungen gewonnen, als vielen bewusst ist, und der Krieg ist noch nicht zu Ende. Starke und einige Opposition hat auch den Rückzug mehrerer Regierungsanordnungen bewirkt. Wir müssen weiterhin widerstehen und anderen helfen, dasselbe zu tun, und erkennen, dass der Preis, den wir bezahlen, das Endresultat wert ist.

Der Preis des Andersdenkens

Sie sind respektiert in der Gemeinschaft. Warum? Weil Ihre Standpunkte dieselben sind wie die der Gemeinschaft. Aber sind die Standpunkte der Gemeinschaft respektabel? Wir – Sie und ich – suchen die Anerkennung der Gemeinschaft zu den Bedingungen der Gemeinschaft. Wir suchen nicht die Anerkennung von Verbrechern, aber es ist die Gemeinschaft, die entscheidet, was verbrecherisch ist und was nicht. Das ist die Falle. Sie und ich und meine zehn Nazi-Freunde sitzen in dieser Falle. Das hat nicht direkt zu tun mit Angst um die eigene Sicherheit oder der Familie, um die Arbeitsstelle oder den Besitz. Ich kann all das haben und es nicht verlieren, und trotzdem im Exil sein. (…) Wenn ich es nicht gewohnt bin, ein Dissident zu sein, oder ein Einsiedler, oder ein Snob, dann besteht meine Sicherheit in der Zahl der Menschen, die mich bestätigen. Dieser Mann, der morgen gleichgültig an mir vorbeigehen wird, und der, obwohl er mich vorher immer grüsste, nie auch nur einen Finger erhoben hätte für mich, dieser Mann wird morgen meine Sicherheit um die Anzahl Eins verringern. (60).

In Hitlerdeutschland bedeutete es, sich einem Risiko auszusetzen, wenn man von den allgemein akzeptierten Sorgen abwich oder von dem allgemein akzeptierten Narrativ. Und so ist es auch heute. Dissidenten werden als Problemverursacher angesehen. Die allgemein akzeptierten Narrative herauszufordern, oder den „Konsens“ in Frage zu stellen, zieht den Zorn sowohl der gewöhnlichen Bürger als auch der kulturellen Eliten auf sich. Anders zu denken ist gefährlich, nicht weil man mit seinen Ansichten faktisch unrecht hätte, sondern weil andere Ansichten eine Herausforderung an die allgemein akzeptierten Dogmen darstellen.

Der Preis der Unterwerfung

Ein Dissident zu sein, kostet einen Preis. Mayers Freunde waren in ständiger Gefahr, ihre Arbeitsstelle, ihre Freiheit, und womöglich ihr Leben zu verlieren. Aber die Unterwerfung kostet auch einen Preis, und dieser Preis ist viel grösser als alles, was wir uns gegenwärtig vorstellen können. Hören Sie bitte Mayer aufmerksam zu:

Es wird ständig klarer, dass wenn du irgendetwas tun willst, dann musst du eine Gelegenheit herbeiführen, um es zu tun, und dann bist du offensichtlich ein Störefried. Also wartest du ab, und du wartest weiter. Aber die eine grosse schockierende Gelegenheit, wo Dutzende oder Hunderte oder Tausende sich dir anschliessen werden, kommt nie. Das ist die Schwierigkeit. Wenn die letzte und schlimmste Handlung dieser Regierung unmittelbar auf die erste und kleinste gefolgt wäre, dann wären Tausende, ja Millionen ausreichend schockiert gewesen. Wenn, sagen wir, das Vergasen der Juden von 1943 unmittelbar nach den „Deutsche Firma“-Aufklebern auf den Schaufenstern nichtjüdischer Geschäfte von 1933 gekommen wäre. Aber natürlich geschehen die Dinge nicht so. Dazwischen kommen all die hunderte von kleinen, fast unmerklichen Schritten, von denen dich jeder darauf vorbereitet, vom nächsten nicht schockiert zu sein.

Und eines Tages, wenn es zu spät ist, dann stürmen alle deine Prinzipien, wenn du ihrer je bewusst warst, auf dich ein. Die Last des Selbstbetrugs ist zu schwer geworden, und irgendein kleiner Vorfall lässt alles einstürzen. In meinem Fall geschah es, als ich meinen kleinen Jungen, fast noch ein Baby, „Judenschwein“ sagen hörte. Dann erst siehst du, dass alles, wirklich alles, sich direkt vor deiner Nase vollständig verändert hat. Die Welt, in der du lebst – deine Nation, dein Volk – ist überhaupt nicht mehr die Welt, in der du geboren wurdest. Die äusseren Formen sind zwar alle noch da, unberührt und beruhigend: die Häuser, die Geschäfte, die Arbeitsplätze, die Essenszeiten, die Besuche, die Konzerte, das Kino, die Feiertage. Aber der Geist, den du nie wahrgenommen hast, weil du ihn dein Leben lang irrtümlich mit den äusseren Formen identifiziert hast, der Geist hat sich verändert. Jetzt lebst du in einer Welt voll Hass und Furcht, und die Menschen, die hassen und sich fürchten, wissen es selber nicht einmal: wenn jedermann verändert ist, dann fühlt sich niemand verändert. Jetzt lebst du in einem System, das sogar ohne jede Verantwortung vor Gott regiert.

Du bist fast den ganzen Weg selber gegangen. Das Leben ist ein kontinuierlicher Prozess, ein Fluss, nicht eine Folge von Handlungen und Ereignissen. Es ist auf eine neue Ebene geflossen und hat dich mitgerissen, ohne jede Anstrengung deinerseits. Auf dieser neuen Ebene, auf der du jetzt lebst, hast du jeden Tag gemütlicher gelebt, mit einer neuen Moral, neuen Prinzipien. Du hast Dinge akzeptiert, die du fünf Jahre zuvor oder auch nur ein Jahr zuvor nie akzeptiert hättest, Dinge, die dein Vater, auch in Deutschland, sich nie hätte vorstellen können. Und plötzlich fällt es alles auf dich herunter, alles auf einmal. Du siehst, wer du bist, was du getan hast, oder genauer, was du nicht getan hast (denn das war alles, was von den meisten von uns verlangt wurde: dass wir nichts tun). Du erinnerst dich an jene ersten Sitzungen deiner Fakultät an der Universität, wo, wenn einer aufgestanden wäre, andere vielleicht auch aufgestanden wären; aber niemand stand auf. Eine kleine Angelegenheit, vielleicht die Frage, ob dieser oder jener Mann angestellt werden solle, und du hast diesen angestellt anstelle des anderen. Du erinnerst dich jetzt an alles, und dein Herz bricht. Zu spät. Du bist rettungslos kompromittiert.

Was dann? Dann musst du dich erschiessen. Einige taten es. Oder du musst deine Prinzipien anpassen. Viele versuchten es, und ich nehme an, einige hatten Erfolg damit, aber ich nicht. Oder du musst lernen, den Rest deines Lebens mit deiner Schande zu leben. Letzteres liegt unter diesen Umständen am nächsten beim Heldentum: die Schande. Viele Deutsche wurden zu dieser ärmlichen Art von Helden, viel mehr, denke ich, als die Welt weiss oder wissen möchte. (171-172). 

Ich habe diese Abschnitte öfter gelesen, als ich zählen kann, und während ich sie jetzt lese, weine ich um mein eigenes Versagen. Meine eigenen Ängste. Meine eigene Komplizenschaft mit dem langsamen Wachstum des Totalitarismus. Weil ich es den Regierungen und den Medien ermöglicht habe, ihre Narrative durchzusetzen. Weil ich nicht aufgestanden bin. Aber es ist nicht zu spät! Was noch kommt, mit digitalen Identitäten und digitalen Pässen, ist noch schlimmer und noch hinterlistiger, aber noch ist Zeit zum Widerstand. Aber wir müssen uns entschliessen, jetzt unseren Standpunkt einzunehmen. Wir müssen uns entschliessen, zusammenzustehen. Und wir müssen stehenbleiben, unabhängig davon, wie viel es kostet.

„Wissen Sie“, fuhr er fort, „wenn Menschen, die verstehen, was geschieht – das heisst die Bewegung der Geschichte, nicht die Berichte von einzelnen Ereignissen oder Entwicklungen -, wenn solche Menschen nicht widersprechen oder protestieren, dann können wir nicht erwarten, dass Menschen, die es nicht verstehen, es tun. Was würden Sie sagen, wie viele Menschen verstehen es – in diesem Sinne – in Amerika? Und wenn sich die Bewegung der Geschichte beschleunigt, und jene, die es nicht verstehen, vor Angst verrückt werden, wie es mit unserem Volk geschah, und sie zu einer riesigen patriotischen Menschenmasse werden, werden sie es dann verstehen, wenn sie es vorher nicht verstanden haben?“ (175).

Auf uns, die wir sehen, was geschieht, liegt die Pflicht aufzustehen und zu widerstehen. Wir alle werden einen Preis bezahlen müssen, entweder jetzt oder in der Zukunft. Einige von uns haben erlebt, was es kostet, aufzustehen: wir haben Arbeitsplätze verloren, Freunde verloren, einige haben die Freiheit verloren. Aber wir alle bezahlten den Preis der Tyrannei unter dem Vorwand der öffentlichen Gesundheit. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele Menschen ich kenne, denen es verwehrt wurde, von ihren Lieben Abschied zu nehmen. Denen der Zugang zu möglicherweise lebensrettenden Behandlungen verwehrt wurde. Denen medizinische Behandlung verweigert wurde, im Namen des Gemeinwohls. Zweifellos haben wir alle gelitten während den letzten zwei Jahren, aber dieser sich ständig weiter ausbreitenden Tyrannei nicht zu widerstehen, wird mehr kosten, als wir verstehen können. Ich weiss nicht, was es uns kosten wird in den kommenden Monaten und Jahren, für die Wahrheit und die Freiheit aufzustehen. Aber ich kann mit fast völliger Sicherheit sagen, dass der Preis gegenwärtigen Widerstands viel erträglicher sein wird für unsere Gewissen und vielleicht für unsere Leben, als nicht zu widerstehen. Und noch wichtiger, jetzt zu widerstehen wird mit Sicherheit erträglicher sein für die Leben unserer Kinder.

Die Wahl, die vor uns liegt

Wegen der Risiken für ihre Leben und ihre Familien weigerten sich viele Deutsche, offen zu sprechen über das, was geschah, auch wenn sie es wussten. Und ihre Ängste waren gerechtfertigt:

Jene, die von Buchenwald zurückkamen in den ersten Jahren, hatten versprochen – wie jeder Insasse jedes deutschen Gefängnisses bei seiner Freilassung immer versprechen musste -, nicht über ihre Gefängniserfahrung zu sprechen. Man hätte das Versprechen brechen sollen. Man hätte seinen Landsleuten davon erzählen sollen; man hätte, auch wenn alle Chancen gegen einen standen, damit vielleicht sein Land retten können. Aber man tat es nicht. Man erzählte es vielleicht seiner Frau oder seinem Vater, und beschwor sie, es geheimzuhalten. Und so, obwohl Millionen es vermuteten, wussten es nur einige tausend. Wolltest du etwa zurück nach Buchenwald, und das nächste Mal schlimmer behandelt werden? Taten dir nicht jene leid, die dort zurückblieben? Und warst du nicht froh, draussen zu sein?“ (59).

Ist das nicht auch der Fall mit den vielen, die aus Lagern in Nordkorea geflüchtet sind? Oder mit den Uiguren, die aus „Umerziehungsanstalten“ in Xinjiang, China, entlassen wurden? Ich wage es nicht, jene zu richten, die nichts gesagt haben, weil ich nicht nachvollziehen kann, was sie erlebt haben. Aber ich wünschte, dass ich – und jeder, der diesen Artikel liest – die Festigkeit haben werde, in diesen dunklen Stunden aufzustehen und etwas zu sagen. Zusammenzustehen, und nicht unserer Verantwortung ausweichen für unsere Kinder, unsere Nachbarn, und die Generationen nach uns. Aber dann denke ich an meine Kinder – meine drei kostbaren Töchter -, und ich denke an den gegenwärtigen Preis für das Aufstehen.

Wenn ich etwas sage, dann kann ich verhaftet werden, mein Bankkonto kann eingefroren werden, meine Berufslizenz kann mir entzogen werden. Meine Möglichkeiten, meine Familie zu versorgen, können radikal verringert werden, und meine Mädchen könnten ihr Heim verlieren. Und wenn ich verhaftet und in ein Gefängnis oder Lager gebracht werde (oder wie immer jetzt die Orte genannt werden, wo Menschen gegen ihren Willen festgehalten werden), dann werde ich nicht da sein, um mit meinen Kindern Fangen zu spielen oder mit ihnen zu lesen. Ich werde sie nicht ins Bett bringen können, mit ihnen singen und beten können – und nicht nur für eine Nacht, sondern während Wochen und Monaten (wenn nicht Jahren). So bin ich hin- und hergerissen.

Soll ich etwas sagen, im Wissen, dass dies das Leben meiner Kinder zerstören und sie vaterlos machen könnte? Oder schweige ich und unterdrücke die Proteste meines Herzens, bis sie zusammenschrumpfen und zunichte werden? Soll ich die neue Normalität einer dystopischen Tyrannei akzeptieren, damit ich physisch anwesend sein kann bei meinen Kindern, auch wenn ich weiss, dass dies meine Kinder (und ihre Familien und Nachkommen) zu einem Totalitarismus verurteilt, der vielleicht nie gestürzt wird? Wozu drängt mich die Liebe? Was ist das Richtige? Wie werde ich entscheiden? Ich kenne die Hoffnung, die ich wähle, aber sehen Sie das Problem?

Wie werden wir entscheiden?

„Hier in Kronenberg? Wir waren zwanzigtausend Personen. Von diesen zwanzigtausend, wie viele leisteten Widerstand? Wie könnte man das wissen? Wie könnte ich es wissen? Wenn Sie mich fragen, wie viele im Geheimen Widerstand leisteten, was sie in grosse Gefahr brachte, dann würde ich sagen, vielleicht zwanzig. Und wie viele taten so etwas offen, und aus lauter guten Beweggründen? Vielleicht fünf, vielleicht zwei. So sind die Menschen.“ „Sie sagen immer, So sind die Menschen, Herr Klingelhöfer“, sagte ich. „Sind Sie sicher, dass die Menschen so sind?“ „So sind die Menschen hier“, sagte er. „Sind sie in Amerika anders?“ Ausreden, Ausreden, Ausreden. Ausreden für die Deutschen; und Ausreden für den Menschen, der, als er in alter Zeit gefragt wurde, ob er lieber Unrecht tun oder Unrecht leiden würde, antwortete: „Ich möchte keines von beiden.“ Die tödliche Wahl, die jeder Deutsche treffen musste – ob es ihm bewusst war oder nicht -, ist eine Wahl, mit der wir Amerikaner nie konfrontiert wurden.  (93-94).

Als Mayer sein Buch schrieb, waren die Amerikaner noch nicht den Entscheidungen gegenübergestanden, die seine Freunde treffen mussten. Aber seit den letzten zwei Jahren stehen wir diesen Entscheidungen direkt gegenüber. Ebenso die Australier und die Neuseeländer. Österreich, Spanien, Italien, und Kanada – ganz zu schweigen von den östlichen Ländern, stehen definitiv diesen Entscheidungen gegenüber. Und in vielen Städten und Staaten der USA mussten unsere Mitbürger das Gewicht der Trennung und der Diskriminierung spüren.

Oft stelle ich meinen Studenten die folgende Frage, wenn wir jeweils im Frühling dieses Buch behandeln: Was geschieht, wenn die USA und andere freie Länder unter eine Tyrannei fallen? In Deutschland vor dem 2.Weltkrieg war es immerhin möglich gewesen, auszuwandern. Wer die Mittel hatte, und es rechtzeitig kommen sah, konnte raus. Aber was geschieht, wenn wir den Kampf aufgeben? Wohin könnten wir gehen? Wohin können unsere Kinder fliehen? Wenn die ganze Welt so wird wie China, dann gibt es keinen Ort, wo man dem kommenden Sturm entfliehen könnte.

Was sollen wir also tun? Wir müssen uns heute entscheiden, eine Grenzlinie zu ziehen. Wie andere geschrieben haben, hätten wir diese Linie schon bei den Masken ziehen sollen. Regierungen weltweit haben ganze Gesellschaften unterwürfig gemacht, indem sie unsere Gesichter versteckten. In so vielen Fällen sehen wir einander nicht mehr als Mitmenschen. Stattdessen sehen wir einander als eine Bedrohung, als anonyme Krankheitsvektoren. Aber da wir im Jahr 2020 diese Linie nicht zogen, müssen wir jetzt den verlorenen Boden zurückgewinnen. Wir müssen kämpfen, um nicht nur die gegenwärtigen Obligatorien und Einschränkungen zu beenden, sondern bis auch nur die Möglichkeit solcher Massnahmen als politisch unrealisierbar und als moralisch und ethisch unhaltbar gilt. Und wie viel es auch kosten mag, wir dürfen keinesfalls digitale Pässe akzeptieren (dieses kurze Video zeigt warum). Und schliesslich soll es uns nicht nur darum gehen, die Politik zu ändern; wir müssen uns darum bemühen, Herzen und Gedanken zu verändern, und andere aufzuwecken für die Realität dessen, was geschieht.

Freunde, wir müssen handeln – Ich muss handeln. Es ist keine Zeit mehr zum Warten.

Der Autor

Joshua Styles ist Assistenzprofessor für Kriminaljustiz und Christliche Studien an der Universität North Greenville. Seine Leidenschaft ist es, die Wahrheit zu finden und bekanntzumachen.

Zwei verschiedene Konzepte von Menschenrechten

10. August 2022

„Dass man mit Füssen tritt alle Gefangenen der Erde,
dass man das Recht des Mannes beugt vor dem Höchsten,
dass man den Menschen bedrückt in seinem Rechtsstreit,
sollte der Herr das nicht sehen?“
(Klagelieder 3,34-36)

„Hat Gemeinschaft mit dir der Thron des Verderbens,
der das Gesetz vorschützt und Unheil schafft?
Sie rotten sich zusammen gegen das Leben des Gerechten
und verurteilen unschuldiges Blut.“
(Psalm 94,20-21)


Die erste offizielle Erklärung von „Menschenrechten“ wurde noch nicht ausdrücklich so genannt. Sie befindet sich in der Präambel zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776:

„Wir betrachten diese Wahrheiten als unmittelbar einsichtig (self-evident): dass alle Menschen gleich geschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräusserlichen Rechten ausgestattet wurden, und unter diesen sind das Leben, die Freiheit, und das Streben nach Glück.
Dass zum Schutz dieser Rechte Regierungen eingesetzt werden unter den Menschen, die ihre gerechte Macht aus der Einwilligung der Regierten ableiten.
Dass wann immer eine Regierungsform destruktiv wird hinsichtlich dieser Ziele, es das Recht des Volkes ist, sie [die Regierung] zu ändern oder abzuschaffen, und eine neue Regierung einzusetzen, deren Grundlage auf solchen Prinzipien aufgebaut ist und deren Macht auf solche Weise organisiert ist, wie es ihm [dem Volk] am geeignetsten erscheint, um ihre Sicherheit und ihr Glück zu bewirken. (…)“

Der Begriff „Menschenrechte“ an sich taucht erstmals in der „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ der Französischen Revolution von 1789 auf. Hier einige Auszüge daraus:

„Die Vertreter des französischen Volkes, konstitutiert in der Nationalversammlung, (…) haben beschlossen, in einer feierlichen Erklärung die natürlichen, unveräusserlichen und heiligen Menschenrechte darzustellen,
damit diese Erklärung, ständig allen Mitgliedern des Gesellschaftskörpers gegenwärtig, sie ohne Unterlass an ihre Rechte und Pflichten erinnere;
damit die Handlungen der legislativen und der exekutiven Gewalt in jedem Moment verglichen werden können mit dem Ziel jeder politischen Institution, und so eher respektiert werden;
damit die Forderungen der Bürger, von jetzt an gegründet auf einfache und unwiderlegbare Prinzipien, immer auf die Erhaltung der Verfassung und das Glück aller abzielen. (…)

Art.1: Die Menschen werden frei und mit gleichen Rechten geboren und bleiben so. Soziale Unterschiede können einzig mit dem Gemeinwohl begründet werden.

Art.2: Das Ziel jeder politischen Vereinigung ist die Erhaltung der natürlichen und unverjährbaren Menschenrechte. Diese Rechte sind die Freiheit, das Eigentum, die Sicherheit, und der Widerstand gegen Unterdrückung.

Art.3: Das Prinzip aller Souveränität wohnt wesentlich der Nation inne. Keine Körperschaft und keine Einzelperson kann irgendeine Autorität ausüben, die nicht ausdrücklich von ihr ausgeht.

(…)“

Auf den ersten Blick sieht diese Erklärung fast gleich aus wie die amerikanische. Es gibt eigentlich nur einen einzigen wesentlichen Unterschied – aber dieser ist so grundlegend, dass er als ausreichenden Grund für die so andersartige historische Entwicklung in den beiden Ländern angesehen werden kann. Vom historischen Hintergrund her möchte ich die beiden Konzepte als das „amerikanische“ und das „französische“ bezeichnen.

Der subtile Unterschied besteht darin, dass die französische Erklärung keinen Gott und Schöpfer kennt.

Die amerikanischen Unabhängigkeitskämpfer waren überzeugt, dass Gott ihnen ihre Rechte und Freiheiten gegeben hatte; und dass er deshalb ihre Bestrebungen nach Freiheit billigte, wenn nicht gar unterstützte. Sie rechneten damit, dass Gott selber als Garant ihrer Rechte auftreten würde.
Die französischen Revolutionäre dagegen rebellierten ausdrücklich gegen Gott. Einer ihrer Wahlsprüche lautete: „Ni Dieu ni maître“ („Weder Gott noch Meister“). Wer würde dann ihre Rechte garantieren, wenn Gott nicht mehr im Blickfeld ist?
Die Antwort liegt auf der Hand: der Staat. Der Staat tritt in gewisser Weise an die Stelle Gottes. Deshalb finden wir bei genauer Lektüre in den beiden oberflächlich so ähnlichen Menschenrechtserklärungen auch zwei gegensätzliche Auffassungen vom Staat.

Im französischen Konzept ist die Wahrung der Menschenrechte „das Ziel jeder politischen Vereinigung“. Diese politische Vereinigung, „die Nation“ (Art.3) bzw. der Staat, wird von Anfang an vorausgesetzt. Nur wird dieser von Anfang an existierende Staat jetzt in gewisser Weise auf die Menschenrechte verpflichtet – zu welchem Zweck? Damit seine Handlungen „eher respektiert werden“, heisst es in der Präambel.
Man stutzt, wenn man in der französischen Menschenrechtserklärung zu den Artikeln 12, 13 und 14 kommt: Da ist die Rede von der Einführung einer Polizeigewalt, und von der Erhebung von Steuern zu deren Unterhalt. In einer Staatsverfassung mögen solche Artikel vielleicht angebracht sein; aber in einer Menschenrechtserklärung? Steuern sind ja im Gegenteil Einschränkungen der Menschenrechte, insbesondere des Rechts auf Eigentum. Aber wenn man davon ausgeht, dass der Staat das Erste ist, ja dass er quasi göttlich ist, dann erscheint es logisch: dann stehen die „Rechte des Staates“ über den Rechten des Menschen, und müssen natürlich auch in der Menschenrechtserklärung erwähnt werden.

Im amerikanischen Konzept ist diese Ordnung umgekehrt. Die Menschenrechte sind das Primäre, denn sie gehen direkt auf den Schöpfer zurück, und existieren deshalb schon vor dem Staat. Die Regierung wird nachträglich eingesetzt „zum Schutz dieser Rechte“; ihre Macht wird aber abhängig gemacht von der „Einwilligung der Regierten“. Die Regierung steht also im Dienst des Volkes. Das ist ein weiteres Detail, das in der französischen Erklärung nicht vorkommt.

Verstehen wir jetzt, wie sich dieser subtile Unterschied in der so krass unterschiedlichen historischen Entwicklung auswirkte? Wenn die Menschenrechte von Gott kommen, dann ist keine Regierung der Welt berechtigt, sie einem Menschen wegzunehmen. Wenn es aber die Regierung ist, welche diese Rechte garantiert, dann kann die Regierung auch entscheiden, sie gewissen Menschen unter gewissen Umständen wieder wegzunehmen. Und genau das ist es, was in Frankreich geschah. Wir wissen, dass die Revolution nicht etwa zu einer friedlichen und gerechten Gesellschaft führte, sondern im Gegenteil zu blutiger Tyrannei. Und das revolutionäre Zeitalter endete nicht etwa mit der Einführung einer Demokratie, sondern mit dem Kaisertum Napoleons.
In den USA dagegen verwirklichte sich, was den idealistischeren unter den Franzosen ebenfalls als Ziel vorgeschwebt haben mag, was aber unter ihren gottlosen Denk- und Lebensvoraussetzungen unerreichbar war: Die USA blühten tatsächlich von ihrer Gründung an jahrzehntelang unter so demokratischen und freiheitlichen Bedingungen, wie sie kaum ein anderes Land der Erde je gekannt hat.

Dementsprechend ist in der Verfassung der USA auch die Figur eines „Notrechts“ nicht vorgesehen. Den Gründern der USA war klar, dass die Möglichkeit der Ausrufung eines „Ausnahmezustands“ (oder ähnlich) sofort Tür und Tor geöffnet hätte zu diktatorischem Missbrauch der Regierungsgewalten (wie es jetzt am Tage ist); und genau das wollten sie verhindern.
Die ursprüngliche Idee des „Rechtsstaats“ besteht darin, was Voltaire in seinen „Briefen über die englische Nation“ (1733) schrieb: „Die Engländer sind das einzige Volk auf Erden, denen es gelungen ist, der Macht der Könige Grenzen zu setzen, indem sie sich ihnen widersetzten; und die in einer Reihe von Auseinandersetzungen schliesslich (…) eine weise Regierung etablierten, in der der König alle Macht besitzt, um Gutes zu tun, aber daran gehindert wird, Böses zu tun (…)“ Mit anderen Worten:
In einem Rechtsstaat (nach englischem oder amerikanischem Muster) sind die Verfassung und die Gesetze dazu da, die Bürger vor Übergriffen des Staates zu schützen.

Aber in den Ländern, wo das französische Konzept vorherrscht, da dienen Verfassung und Gesetze dazu, die Übergriffe des Staates zu legitimieren. Und das ist leider gegenwärtig in fast allen Ländern der Welt der Fall, und natürlich auch in den Vereinten Nationen.

Die heute bekannteste Menschenrechtserklärung ist ja die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen. Und diese folgt klar dem französischen Konzept und nicht dem amerikanischen. Das wird deutlich in Art.29.3, der folgende Einschränkung festlegt: „Diese Rechte und Freiheiten dürfen in keinem Fall ausgeübt werden im Widerspruch zu den Zielen und Prinzipien der Vereinten Nationen.“ In der Weltanschauung der Vereinten Nationen gibt es keinen Gott, der über der Regierung steht und vor dem sie Rechenschaft ablegen müssten. Nein, die Vereinten Nationen bestimmen selber, wer seine Menschenrechte ausüben darf und wer nicht.

Schon in der französischen Erklärung von 1789 haben wir gesehen, wie Rechte und Pflichten miteinander vermengt werden (so auch wörtlich in der Präambel). Und in den letzten Jahrzehnten sind in der Praxis immer mehr Menschenrechte in Pflichten verkehrt worden. Nur einige Beispiele:

– Das „Recht auf Bildung“ wurde pervertiert zu einer Pflicht, eine staatlich kontrollierte und reglementierte Schule zu besuchen. Im Endergebnis erhalten manche Schüler kaum noch Bildung, sondern hauptsächlich ideologische Indoktrination. Und Alternativen werden mit bürokratischen Hindernissen blockiert, oder gleich ganz verboten.

– Das „Recht auf Identität“ wurde umgewandelt in eine Pflicht, sich überall und immer detaillierter ausweisen zu müssen und überwachen zu lassen. Und im Zusammenhang damit nehmen sich immer mehr Regierungen das Recht heraus, ihren Bürgern die mit ihrer Identität verbundenen Rechte willkürlich wegzunehmen (z.B. Zugang zu Verwaltungsgebäuden, zu Bankkonto und Kreditkarte, zu Verkehrsmitteln, usw).

– Das „Recht auf Gesundheit“ wurde umgedeutet zu einer Pflicht, sich willkürlichen Beschränkungen der Freiheit sowie medizinischen Experimenten zu unterziehen (letzteres in krassem Widerspruch zum Nürnberger Kodex und zur Helsinki-Erklärung). Als Folge sind viele Menschen in ihrer Gesundheit geschädigt worden.

Im Prinzip steht hinter all diesen Umdeutungen dieselbe Art von Argumentation:

„Die Menschenrechte gelten zwar für eine abstrakte „Allgemeinheit“, aber nicht für dich als konkrete Einzelperson.“
Du wirst also deiner individuellen Rechte beraubt, um die imaginären „Rechte der Allgemeinheit“ zu wahren. Was diese „Allgemeinheit“ genau fordert, darüber hast du kein Mitspracherecht; das bestimmen irgendwelche mächtige Personen oder Gremien, die sich aus irgendeinem Grund ermächtigt fühlen, die „Allgemeinheit“ zu vertreten.
Auch diese Idee ist keimhaft bereits in der französischen Erklärung von 1789 angelegt, wo z.B. Art.1 einräumt, dass „soziale Unterschiede“ gemacht werden dürfen, wenn es „mit dem Gemeinwohl begründet“ werden kann. Ebenso erklären andere Artikel, dass Menschen enteignet werden können, wenn das „Gemeinwohl“ es erfordert.
Dem amerikanischen Konzept sind solche Ideen fremd. Dort ist klar, dass die Menschenrechte jedem (einzelnen) Menschen gelten. Regierungen sind dazu da, die Rechte des Einzelnen zu schützen. Und wenn „die Regierten“ (also die Einzelpersonen) nicht mehr einwilligen in die Art, wie sie regiert werden, dann dürfen sie die Regierung absetzen oder stürzen. Ein imaginäres „Gemeinwohl“ aber, das als Vorwand dienen könnte, dem Einzelnen seine Rechte wegzunehmen, das kommt im amerikanischen Konzept nicht vor. Auch in der Verfassung der USA existiert der Begriff „Gemeinwohl“ nicht.

Doch wir haben gesehen, dass die Welt jahrzehnte-, wenn nicht jahrhundertelang daraufhin propagandisiert wurde, das französische Konzept dem amerikanischen vorzuziehen. Und so bist du jetzt also verpflichtet, dich u.U. drakonischen Einschränkungen deiner Rechte zu unterwerfen, um die angeblichen „Rechte der Allgemeinheit“ zu wahren – Rechte, die du selber im konkreten Fall aber nicht beanspruchen darfst.

So darf z.B. ein Arzt – unter Androhung, sein Recht auf Berufsausübung zu verlieren – seinen Patienten gewisse Behandlungen nicht mehr verabreichen, obwohl diese zur Gesundung des Patienten beitragen würden, also dessen individuelles Recht auf Gesundheit schützen würden. Als Begründung wird angegeben, der Arzt würde damit (nach Meinung gewisser Regierungsexperten) „die öffentliche Gesundheit“ (also das „Recht der Allgemeinheit auf Gesundheit“) gefährden. Und umgekehrt muss der Arzt gewisse Behandlungen vornehmen, die voraussichtlich die Gesundheit des Patienten schädigen werden, weil das angeblich „die öffentliche Gesundheit“ fördere.

Und du darfst nicht mehr frei deine Meinung äussern, weil du dadurch das „Recht der Allgemeinheit auf Nichtdiskriminierung“ verletzen würdest. Dass du selber damit diskriminiert wirst, weil dir das Recht auf freie Meinungsäusserung verwehrt wird – das andere (d.h. Regierungstreue) sehr wohl beanspruchen dürfen -, das wird als vernachlässigbarer Kollateralschaden betrachtet.

Ja, in manchen Ländern kannst du sogar in ein geschlossenes „Zentrum“ verschleppt und eingesperrt werden, weil deine Anwesenheit angeblich die Freiheit der „Allgemeinheit“ behindert, sich auf der Strasse zu bewegen. Dein persönliches Recht auf Freiheit zählt dabei nicht. Und es wird völlig ausser Acht gelassen, dass ja nicht du es bist, der es den anderen verwehrt, auf die Strasse zu gehen; sondern dass es die Regierung selber ist, die den andern gesagt hat – ohne hinreichende Begründung -, es sei gefährlich, auf die Strasse zu gehen.

Ihre letzte und schlimmste Konsequenz erreicht diese Idee in der Behauptung, die von den malthusianischen Entvölkerungsaposteln schon seit Jahrzehnten vorgebracht wird: Alle Probleme der Menschheit seien auf die „Übervölkerung“ zurückzuführen, und seien deshalb mittels Reduktion der Bevölkerung zu lösen. Konkret und krass: „Die Menschheit“ hat ein Recht auf Überleben, du als Einzelperson aber nicht. Wenn die globalen Machthaber deine Existenz als eine Bedrohung des Überlebens der Menschheit ansehen, dann können sie dir ohne weiteres das Recht auf Leben entziehen.
So weit sind wir in der Praxis zwar noch nicht. Das theoretische Fundament dazu ist aber von der Propaganda der letzten Jahrzehnte ausreichend zementiert worden. Wenn sich ein passender konkreter Anlass findet, dann werden diese Ideen zweifellos in die Tat umgesetzt werden – ausser Milgrams 62% würden ganz überraschend doch noch ihr Gewissen wiederfinden.

Auf diese Weise kann genau jenes Konzept, das oft als Garant der Freiheit und Rechtsstaatlichkeit betrachtet wird – eben die Menschenrechte – als Instrument der Unterdrückung und Diktatur missbraucht werden. Es ist mit ihnen dasselbe geschehen wie mit der Verfassung und den Gesetzen: Statt die Bürger vor den Übergriffen des Staates zu schützen, dienen sie jetzt zur Legitimierung der Übergriffe des Staates.

Und das ist natürlich eines der hervorstechenden Merkmale der Kultur der Lüge, in der wir jetzt leben. Das Wort „Menschenrechte“ in den obengenannten Zusammenhängen zu verwenden, ist bereits eine Lüge, denn es geht ja nicht um Rechte, sondern im Gegenteil um die Verweigerung der Rechte. Wie ich schon im vorherigen Artikel sagte: Lüge und Propaganda beginnt oft damit, dass man die Dinge nicht mit ihrem richtigen Namen nennt. Man sagt vielleicht noch keine direkte Unwahrheit, aber man verwendet Worte auf eine Art und Weise, die ihrer eigentlichen Bedeutung widerspricht. Klammheimlich werden die Definitionen umgebogen, bis schliesslich das ganze Denken der Menschen verbogen ist und sie tatsächlich denken, die „Menschenrechte“ legitimierten den Entzug von Rechten.

Es dürfte eine der wichtigsten Aufgaben von geistig wachen Menschen – und besonders natürlich von Nachfolgern Jesu – in dieser Zeit sein, Lügen wie diese aufzudecken und ihnen zu widerstehen.

Die Begründung, die alle Diktaturbefürworter schuldig bleiben

5. August 2022

Wenn ich mich gegen die Diktatur und den Machtmissbrauch von seiten der Regierungen ausspreche, dann muss ich mich auf alle Arten von Anwürfen gefasst machen:

„Du bringst Menschenleben in Gefahr!“

„Du willst bloss egoistisch auf deinen Freiheiten beharren!“

„Hast du denn nicht verstanden, dass wir in einer *SC’H:R+ECK*LI;CH’EN_ *P’A·N*D+EM’I*E_ sind?!“

Meine Antwort auf alle diese Anwürfe kann mit zwei Worten zusammengefasst werden: „Begründung bitte.“

  • Begründe bitte wissenschaftlich, warum ich, wenn ich mit unbedecktem Gesicht auf der Strasse gehe, eine Gefahr für meine Mitmenschen darstellen soll. Und vor allem, warum diese Gefahr geringer sein soll, wenn ich mein Gesicht verhüllte.
  • Begründe bitte wissenschaftlich, warum ich, wenn ich normal zur Arbeit gehe, eine Gefahr für meine Mitmenschen darstellen soll. Und vor allem, warum diese Gefahr geringer sein soll, wenn ich zuhause bliebe.
  • Begründe bitte wissenschaftlich, warum ich, wenn ich an einem risikoreichen medizinischen Experiment nicht teilnehme, eine Gefahr für meine Mitmenschen darstellen soll. Und vor allem, warum diese Gefahr geringer sein soll, wenn ich an dem Experiment teilnehme.
  • Und falls deine Begründung davon ausgehen sollte, dass ich krank bin, dann solltest du zusätzlich wissenschaftlich begründen, warum du glaubst, ich sei krank. (Wenn nicht, dann hast du eine noch schwierigere Aufgabe: Dann müsstest du nämlich wissenschaftlich erklären, wie ein Gesunder eine Krankheit, die er gar nicht hat, auf andere Menschen übertragen kann.)

Nun muss ich aber noch etwas weiter ausführen, wie eine solche Begründung aussehen müsste, damit sie als wissenschaftlich gelten kann.

Das grundlegende Axiom

Soweit ich bis jetzt beobachten konnte, stützen sich alle Diktaturbefürworter in ihrer Argumentation auf dieselbe Voraussetzung, die etwa so lautet:

„Die stattgefundene Aufhebung von Rechtsstaat und Menschenrechten diente der Krankheitsbekämpfung, und hat diesen Zweck auch erfüllt.“

Sie nehmen das für so selbstverständlich, als sei es ein Dogma ihrer Religion, oder ein nicht hinterfragbares Axiom der Logik. Aber in Wirklichkeit handelt es sich um eine unbewiesene Behauptung. Und falls diese grundlegende Behauptung falsch sein sollte, dann fällt die ganze Argumentation der Diktaturbefürworter in sich zusammen.

Um diese Behauptung zu beweisen, müsste man nachweisen, dass das, was sie behauptet, tatsächlich eingetroffen ist. Es gibt ja jetzt immerhin über zwei Jahre an Erfahrungsdaten mit diesen drakonischen Eingriffen in die bürgerlichen Freiheiten und Rechte. Also:

  • Wäre die Behauptung wahr, dann müsste regelmässig an allen Orten, wo bestimmte „Massnahmen“ eingeführt wurden, rund zwei Wochen später eine statistisch signifikante Abnahme der Krankheitsfälle zu beobachten sein; und einige weitere Wochen später eine ebenso signifikante Abnahme der Todesfälle.
  • Ebenso müsste im internationalen oder regionalen Vergleich festzustellen sein, dass Länder oder Landesteile mit strengen „Massnahmen“ signifikant niedrigere Krankheits- und Todeszahlen (im Verhältnis zur Bevölkerung) aufweisen als Länder ohne oder mit nur geringfügigen „Massnahmen“.

Ich bitte also alle Diktaturbefürworter, die wünschen, dass ich ihren Standpunkt ernst nehme, mir wissenschaftliche Untersuchungen oder offizielle Statistiken (mit Quellenangaben) zu senden, welche obige Behauptungen belegen. Solange ich keine überzeugende Begründung erhalte, werde ich mir weiterhin das Recht vorbehalten, ihren Standpunkt als irrational, unwissenschaftlich und vor allem unbelehrbar zu bezeichnen.

Noch einige Klarstellungen darüber, was als „wissenschaftliche Untersuchung“ gilt:

– Gemäss obiger Beschreibung soll untersucht werden, was in der wirklichen Welt wirklich geschehen ist; also „Real World Data“. Ob etwas zur Krankheitsbekämpfung dient oder nicht, kann nur dadurch verifiziert werden, dass man Krankheits- und Todesfallstatistiken untersucht. Solche Statistiken können aus unterschiedlichen Quellen stammen wie z.B. Regierungsstellen, Spitäler, Krankenkassen, Lebensversicherungen, usw. In einigen Fällen ist eine Statistik in sich selber schon genügend aussagekräftig, um gewisse Schlüsse ziehen zu können.
Ebenso gültig sind Analysen solcher Statistiken, oder eigens durchgeführte Erhebungen, sofern die verwendeten Statistiken überprüfbar sind, und korrekte statistische und mathematische Methoden angewandt werden. Solche Analysen können u.a. in medizinischen und anderen wissenschaftlichen Fachzeitschriften gefunden werden, oder auch in den Veröffentlichungen von Universitäten.

– Zeitungsartikel sind natürlich keine wissenschaftlichen Untersuchungen! Ich begegne manchmal journalistischen Ergüssen, die Dinge behaupten wie: „Wissenschaftlich erwiesen: Gesichtsbedeckungen sind zu 70% wirksam!“ – Sucht man dann aber im Text nach Quellenangaben, dann findet man entweder keine; oder als Quelle wird die persönliche Aussage eines vom Staat bezahlten Bürokraten (z.B. Institutsleiters) genannt, der wiederum nicht sagt, auf was für eine Untersuchung sich seine Aussage stützt. Oder wenn man ganz viel Glück hat, findet man als Quelle tatsächlich eine wissenschaftliche Studie; nur dass diese nicht das beweist, was der Journalist behauptet.

– Computermodelle und Laborsimulationen gelten zwar als „wissenschaftlich“, sind aber zum Beweis der obigen Behauptung nicht tauglich. Die Behauptung bezieht sich nämlich auf etwas, was tatsächlich geschehen sein soll. Modelle und Simulationen dagegen sagen voraus, was unter bestimmten Bedingungen geschehen würde; oder spekulieren darüber, was unter anderen Bedingungen geschehen wäre. Was aber nicht nachweisbar ist, da es ja keine überprüfbaren Daten gibt über Dinge, die gar nicht geschehen sind.
Das Ergebnis eines Computermodells ist vollständig abhängig von den Algorithmen und Anfangsparametern, die der Programmierer (bzw. sein Auftraggeber) willkürlich bestimmt. Diese Parameter und die sich daraus ergebenden Resultate können also nach Belieben verändert werden. Die wichtigste Frage dabei ist aber, ob diese Parameter und Algorithmen die Wirklichkeit zutreffend nachmodellieren oder nicht. Und genau diese Frage kann das Modell, für sich allein genommen, nicht beantworten. Man müsste dazu die Daten, die das Modell aufnimmt und liefert, vergleichen mit den Daten darüber, was in der wirklichen Welt wirklich geschehen ist. Soll das Modell also irgendwelchen wissenschaftlichen Wert haben, dann kommt man nicht darum herum, „Real World Data“ heranzuziehen.
Ähnliches gilt für Laborsimulationen. Diese untersuchen, was geschieht, wenn die Bedingungen dieselben sind wie im Labor. Aber die Bedingungen der wirklichen Welt sind nie dieselben wie in einem Chemie- oder Biologielabor. Z.B. ist meine Lunge nicht identisch mit einem Haufen im Labor gezüchteter Lungenzellen. Die Luft in meinem Wohnzimmer hat nicht dieselbe Temperatur, Feuchtigkeit, Strömungsverhältnisse und chemische Zusammensetzung wie die Luft im Labor. Usw. Deshalb sind auch solche Simulationen nicht aussagekräftig, solange nicht zusätzlich nachgewiesen wird, dass auch in der wirklichen Welt dasselbe geschieht wie im Labor.


Ich möchte hinzufügen, dass für unvoreingenommene Leser allein schon die Erfahrung hier in Perú ausreichen sollte zur Widerlegung der obigen Behauptung. Kaum ein Land hat im Jahr 2020 so strenge und langandauernde Einschränkungen durchgeführt wie Perú. Niemand durfte sein Haus verlassen, ausser um Lebensmittel oder Medikamente einzukaufen, oder wer im Lebensmittelhandel oder Gesundheitswesen arbeitete. Geschäfte, die nicht zu diesen Sparten gehören, mussten schliessen. Zusätzlich waren nur noch Banken, offiziell genehmigter Journalismus, sowie natürlich Polizei und Militär erlaubt. In den Geschäften galten strengste Desinfektionsvorschriften für Räumlichkeiten, Waren, Angestellte und Kunden. Nur eine Person pro Haushalt durfte einkaufen gehen; waren es zwei, dann wurden sie verhaftet. Überall galt Maskenzwang, sogar im Wald und auf dem Feld. Polizei und Militär patrouillierten ständig in den Strassen, um die Einhaltung der Vorschriften zu überwachen. Ein Taxifahrer, der einer Anweisung eines Soldaten nicht Folge leistete, wurde erschossen. Der Gebrauch sowohl öffentlicher wie privater Verkehrsmittel war verboten. Auch Warentransporte (ausser Lebensmittel), Post- und Kurierdienste waren stillgelegt; Geschäfte durften also auch keine Hauslieferungen durchführen. Nachts und sonntags herrschte totale Ausgangssperre.
Diese ganzen Massnahmen wurden eingeführt, als es noch keinen einzigen Toten wegen des Virus gegeben hatte, und in vielen Regionen noch nicht einmal einen Krankheitsfall. Und das Ganze dauerte – je nach Region – rund vier bis sechs Monate.
Das Ergebnis? Wäre das Axiom der Diktaturbefürworter wahr, dann hätte Perú den Virus restlos besiegen müssen. Aber das Gegenteil war der Fall. Nach vier Monaten dieses Hausarrests befand sich Perú an der Spitze der Weltrangliste von Toten pro Million, übertroffen nur noch vom Zwergstaat San Marino. Einen klareren Beweis kann es kaum geben, dass alle diese „Massnahmen“ kontraproduktiv waren.

Im übrigen sind auf dieser Seite über 400 (vierhundert) wissenschaftliche Studien aufgeführt, welche die Unwirksamkeit der Massnahmen belegen. (Zusätzlich hier zur I.) Solltest du also zehn oder zwölf finden, die deine Behauptung stützen, dann wäre das zwar ein Achtungserfolg. Aber du stündest damit immer noch gegen eine Übermacht von mehreren hundert.

Abschliessend möchte ich nochmals klar die Bedeutung dieser Überlegungen herausstellen:

Wenn du die obige Behauptung nicht belegen kannst, d.h. dass die „Massnahmen“ zur Krankheitsbekämpfung dienten, dann wird deine ganze Verteidigung der Diktatur sinnlos. Wenn der behauptete Zweck nicht erfüllt wurde noch wird, dann ist die ganze Aufhebung unserer verfassungsmässigen Rechte tatsächlich blosse Unterdrückung um der Unterdrückung willen, und nichts anderes.

Einige werden gegen den Ausdruck „Diktaturbefürworter“ protestieren. Sie werden sagen: „Ich bin gar nicht für eine Diktatur. Ich bin nur dafür, dass man die unbedingt notwendigen Massnahmen einhält.“
Aber es ist mir wichtig, die Dinge mit ihrem richtigen Namen zu nennen. Lüge und Propaganda beginnt da, wo man die Dinge nicht beim richtigen Namen nennt, wo man Definitionen nach Gutdünken abändert und umbiegt. Deshalb zur Erinnerung nochmals:
– Wenn die Regierung per Dekret regiert und grundlegende Menschenrechte mit Füssen tritt, dann nennt man das eine Diktatur, unabhängig davon, was als Begründung für ihre Einführung angegeben wird. Die meisten grossen Diktaturen des 20.Jahrhunderts wurden damit gerechtfertigt, dass ein „Notstand“ herrsche.
– Wenn eine Massnahme ihren angeblichen Zweck gar nicht erfüllt, dann kann man sie natürlich nicht „unbedingt notwendig“ nennen. Im Gegenteil, sie ist dann überflüssig und schädlich. Deshalb bestehe ich so sehr auf überprüfbaren Belegen für das grundlegende Axiom der Diktaturbefürworter.

Darf man Menschen töten, um Menschenleben zu retten?

4. Juli 2022

Das ist eine nicht ganz unwichtige und zur Zeit ziemlich aktuelle ethische Frage. Betrachten wir sie zuerst in einer erfundenen Situation:

Nehmen wir an, ein Flugzeug mit 200 Passagieren ist entführt worden. Es steuert gerade auf eine grosse Stadt der USA zu. Der amerikanische Geheimdienst hat Informationen, wonach die Entführer ein Attentat wie jenes vom 11.September 2001 vorhaben, was schätzungsweise 3000 Todesopfer zur Folge hätte.
Die Entführer lassen nicht mit sich verhandeln. Das Militär verfügt aber über Möglichkeiten, das Flugzeug abzuschiessen. Hältst du das für ethisch vertretbar? Es würden damit zweihundert Menschenleben geopfert, um die Leben von dreitausend anderen Menschen zu retten. Ja, man könnte sogar argumentieren, es sei eigentlich gar kein Opfer, da die Passagiere beim Gelingen des Attentats ebenfalls sterben würden. Was meinst du zu dieser Argumentation?

Im Grunde ist das die Argumentation des Kaiaphas: „Es nützt uns mehr, wenn ein Mensch für das Volk stirbt, und nicht das ganze Volk umkommt.“ (Joh.11,49) Er sagte das, weil die führenden Männer Jerusalems fürchteten, Jesus würde als Messias auftreten, und dann würden die Römer kommen und den Tempel zerstören und das Volk töten. Um das zu verhindern, solle Jesus umgebracht werden.

Aber beachten wir zuerst, dass unsere Beispielsituation mehrere hypothetische Elemente enthält. Werden die Entführer das Attentat tatsächlich ausführen? Wenn ja, wird es gelingen? Wenn ja, wird es tatsächlich 3000 Todesopfer geben? Alles das sind Annahmen, die in der gegebenen Situation zwar eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich haben, aber nicht mit Sicherheit vorausgesagt werden können. In Wirklichkeit sollte die Frage also lauten, ob die 200 Passagiere geopfert werden dürfen, um 3000 mutmassliche Todesfälle zu verhindern. Damit wird die Abwägung, es würden mehr Leben gerettet als geopfert, bereits fragwürdig.

Weiter: Im obigen Beispiel sind wir in der Situation der militärischen Entscheidungsträger. Wir haben keinen Einfluss darauf, wie die Entführer handeln werden. Wir können lediglich über unseres eigenes Handeln entscheiden.
Sollten also die Entführer tatsächlich ihr Vorhaben ausführen, dann ist es allein ihre Schuld, wenn dabei Menschen sterben. Es geschieht aufgrund ihrer Entscheidung, nicht unserer. Wenn wir aber das Flugzeug abschiessen, dann laden wir eindeutig Schuld auf uns, denn die Passagiere sterben dann aufgrund unserer Entscheidung und unseres Handelns. Das ist Mord. Der Tod der Anschlagsopfer wird aber nicht uns als Mord zur Last gelegt, sondern den Attentätern.

Betrachten wir dann auch mögliche Zukunftsszenarien. So wie wir nicht mit Sicherheit voraussagen können, ob es tatsächlich 3000 Todesopfer geben wird, so können wir auch die längerfristigen Folgen unseres Handelns nicht voraussagen. Die Entführer könnten zu einer mächtigen radikalen Organisation gehören. Der Abschuss des Flugzeugs könnte in deren Umfeld eine weitergehende Radikalisierung verursachen. Die Organisation bekäme dadurch mehr Mitglieder, mehr Macht, und hätte dann die Möglichkeit, eine doppelte Rache durchzuführen, also ein Attentat mit 6000 Todesopfern. Und sie würde dieses so planen, dass es nicht zum voraus verhindert werden kann.
Wenn wir uns die Rettung der 3000 Menschenleben als „Verdienst“ auf unser Konto gutschreiben wollen, dann müssten wir uns in diesem Fall auch die 6000 neuen Opfer als unsere Schuld anrechnen. Auch deren Tod wäre eine indirekte Folge unseres Handelns.

So endete tatsächlich auch die Kaiaphas-Situation: Man konnte in Wirklichkeit nicht wissen, was die Römer getan hätten oder was der Ausgang der Dinge gewesen wäre, wenn Jesus als Messias aufgetreten wäre. Jesus wurde getötet; aber vierzig Jahre später kamen die Römer dennoch. Nicht nur töteten sie alle Einwohner Jerusalems; sie zerstörten sogar die Stadt und den Tempel völlig. Jesus hatte vorausgesagt, dass dies gerade als Gericht Gottes dafür geschehen würde, dass die massgeblichen Regierenden ihn dem Tod überliefern würden.


Stellen wir nun die Frage in einem anderen Zusammenhang.

Ist es ethisch gerechtfertigt, Milliarden von Menschen einem „Ausnahmezustand“ zu unterstellen, welcher zu einer Vervielfachung der Selbstmorde und der Drogentoten führt, weltweit über hundert Millionen Menschen in Armut stürzt (von denen ein gewisser Prozentsatz den Hungertod erleiden wird), sowie die Zahl der Todesfälle wegen Krebs, Diabetes, und anderen Krankheiten erhöht, weil deren Behandlung zurückgestellt wurde – das alles, um eine nicht voraussagbare (vielleicht vernachlässigbar kleine) Zahl von mutmasslichen Todesfällen aufgrund einer anderen Krankheit zu vermeiden?

Und ist es ethisch gerechtfertigt, Millionen von Menschen zur Teilnahme an einem medizinischen Experiment zu nötigen, an dem schätzungsweise 0,01 bis 0,02% der Teilnehmer sterben, – um dadurch möglicherweise eine nicht voraussagbare Zahl von Todesfällen aufgrund einer Krankheit mit einer Sterblichkeit von etwa 0,2% zu vermeiden?

Die (fremdgesteuerte) „öffentliche Meinung“ folgt in dieser Sache offenbar dem Kaiaphas-Argument: „Es werden mehr Leben gerettet, als geopfert werden; also dürfen wir das ohne weiteres machen.“
Gerade zur zweiten Frage hat die öffentliche Meinung offenbar aufgrund der Fremdsteuerung einen ganz extremen Umschwung erlebt. In früheren Jahren und Jahrzehnten wurden derartige Experimente nämlich abgebrochen, sobald es auch nur einige dutzend Todesfälle gegeben hatte. Und es wurde dabei nie verlangt, es müsse zuerst in jedem einzelnen Fall ein „kausaler Zusammenhang“ hieb- und stichfest nachgewiesen werden. Es genügte, dass ein solcher Zusammenhang nicht eindeutig ausgeschlossen werden konnte. Heute aber hält man viele tausende von gemeldeten Todesfällen für normal. Oder eben, man argumentiert sogar, solange das Experiment nicht mehr Opfer fordere als die Krankheit, sei das Experiment (und die Nötigung dazu!) gerechtfertigt.
Und dann gibt es ja noch jene unbedarften Zeitgenossen, die nicht einmal wissen (wollen), dass es diese Todesfälle überhaupt gibt, weil diese von den Medien und den Politikern unter den Teppich gekehrt werden.

Aber alle die oben genannten Einwände treffen auch hier zu.

Zuerst einmal ist es nur eine Hypothese, dass Ausnahmezustand, experimentelle Präventionstherapien, usw, Menschenleben retten würden. Inzwischen gibt es eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen, die zeigen, dass alle diese Dinge keinen statistisch signifikanten Beitrag zur Eindämmung der Krankheit geleistet haben. Ja, einige Untersuchungen legen sogar nahe, dass die ganze Regierungspolitik in dieser Hinsicht kontraproduktiv gewirkt hat. Auch der internationale Vergleich zwischen Ländern mit unterschiedlicher Politik führt zum selben Schluss (siehe z.B. hier und hier).

Zweitens gilt auch hier das Argument, dass es nicht dasselbe ist, ob Menschen aus Ursachen sterben, auf die man nicht direkt einwirken kann (z.B. Infektion), oder ob sie an den Folgen von Massnahmen sterben, die durch bewusste Entscheidungen von Machthabern eingeführt wurden. Letzteres stellt eine konkrete Schuld dar.
Man könnte hier einwenden, dass auch die Folgen dieser Massnahmen und Experimente nicht zum voraus bekannt waren. Es gab aber viele frühe Warnungen von Fachleuten, die genau das voraussagten, was später eingetroffen ist. Spätestens nach einigen Wochen waren die Auswirkungen in grossen Zügen bekannt; die Informationen darüber wurden aber aggressiv zensuriert und unterdrückt. Spätestens von da an muss die Weiterführung dieser Massnahmen und Experimente als bewusst zerstörerisch und damit schuldhaft betrachtet werden.

Und es gilt auch hier, dass die längerfristigen Auswirkungen genau in dem bestehen könnten, was man angeblich vermeiden wollte. Es gibt Hinweise darauf, dass die Einschränkungen unter dem „Ausnahmezustand“ das Immunsystem und die allgemeine Gesundheit der Bevölkerung so geschwächt haben, dass die Menschheit dadurch auf alle Arten von Krankheiten anfälliger geworden ist. Und Statistiken zeigen, dass da, wo das medizinische Experiment im internationalen Vergleich am meisten fortgeschritten ist, in der Regel am meisten Menschen an genau der Krankheit erkranken und sterben, die man damit vermeintlich bekämpft.
Wenn die Regierenden sich das Verdienst zuschreiben wollen, mit ihrer Politik „Menschenleben gerettet“ zu haben, dann sollen sie auch für die Schuld an den längerfristigen Auswirkungen geradestehen.


Nun noch ein letzter Aspekt. Wenn die Politik der Regierungen immense Schäden anrichtet und zu zigtausenden von zusätzlichen Todesopfern führt, dann könnte man es ja gemäss dem Kaiaphas-Argument auch als gerechtfertigt ansehen, diese Entscheidungsträger beiseite zu schaffen, um dadurch weitere Todesfälle zu verhindern.

Natürlich werden alle Regierungtreuen bei einem so ungeheuerlichen Vorschlag vor Wut laut aufheulen. Aber, liebe Regierungsfans, vom ethischen Standpunkt her ist das genau dieselbe Argumentation wie eure eigene: Man begeht Handlungen, die voraussehbar zum Tod einer gewissen Anzahl Menschen führen, um damit eine grössere Zahl anderer mutmasslicher Todesfälle zu vermeiden. Es ist also euer eigener Standpunkt, der mir einen Anlass dazu gegeben hat, an diese Möglichkeit überhaupt nur zu denken.

Übrigens hat ein so grosser Theologe wie Dietrich Bonhoeffer einen derartigen Standpunkt nicht nur vertreten, sondern auch ausgelebt (bzw. es versucht). Er sagte, dass zwar einerseits jeder Mord, auch der Tyrannenmord, Schuld ist. Aber andererseits sei es auch Schuld, der Vernichtung von Millionen von Menschen tatenlos zuzusehen. Es gebe in dieser Situation keine Möglichkeit, schuldlos zu bleiben. Wenn also durch den Tyrannenmord dem Krieg und der Vernichtung der Juden Einhalt geboten werden könne, dann müsse man dazu bereit sein, diese Schuld zu übernehmen. Das ist Bonhoeffers Lehre von der „Schuldübernahme“.

Ich bin mit dieser Lehre nicht einverstanden. (Bitte beruhigt euch also, ihr Regierungsfans.) Auch hier gilt dasselbe wie oben: Die Opfer eines verrückt gewordenen Tyrannen können nicht uns zur Last gelegt werden – wenigstens sofern wir ihn nicht aktiv unterstützt haben. (Anders ist das allerdings mit den willigen Befehlsausführern. Siehe Nürnberger Prozesse 1946-47 … aber das wäre wieder ein anderes Thema.) Wenn wir aber eigenmächtig handeln in Übertretung von Gottes Geboten, das ist dann sehr wohl schuldhaft.
Und wir können die Zukunft nicht voraussehen. Wir können nicht wissen, ob es weiterhin Opfer geben wird, oder ob vielleicht morgen der Tyrann eines natürlichen Todes stirbt oder von Feinden besiegt wird oder sich auf wundersame Weise bekehrt. Und wenn ein allfälliger Anschlag erfolgreich wäre, dann können wir nicht wissen, ob vielleicht dann der Tyrann durch einen noch schlimmeren ersetzt wird; oder ob dann eine Revolution ausbricht, die noch mehr Todesopfer fordert.

Dazu noch ein Kommentar, nicht von einem Theologen, sondern aus „Der Herr der Ringe“. Da sagt eine der Personen (ich zitiere aus dem Gedächtnis):
„Viele Menschen sterben, die nicht sterben sollten. Kannst du ihnen das Leben zurückgeben? Nein? Dann masse dich auch nicht an, jemandem das Leben zu nehmen, der deiner Meinung nach nicht leben sollte.“

Im konkreten Fall von Bonhoeffer scheiterte ja der Anschlag. Manche behaupteten daraufhin, das sei ein Beweis, dass der „Führer“ von Gott gesandt sei. Ein christlicher Kommentator sagte später, wahrscheinlich habe Gott vielmehr deshalb ein Gelingen des Anschlags nicht zugelassen, weil die ganze Brutalität zuerst bis zu ihrer letzten Konsequenz auswachsen und Deutschland zerstört werden musste, damit auch der hinterste und letzte Mitläufer erkennen müsste, was er da unterstützt hat.
Aufgrund von Offb.13,3.12 kann angenommen werden, dass auch diese Geschichte sich in unserer Zeit so ähnlich wiederholen wird.

Gebet des braven Untertans

10. Juni 2022

Unsere Regierung,
die du bist im Regierungspalast,
und in New York, in Genf und in Beijing,
und auf den Bildschirmen unserer Fernseher und Handys:

Dein Name sei über alle Kritik erhaben.
Deine Macht herrsche über die ganze globale Gemeinschaft.
Deine Notstandsverordnungen seien durchgesetzt,
wie im Regierungspalast, so an unseren Arbeitsstellen, auf der Strasse und in unseren Häusern.

Gib uns heute unser bedingungsloses Grundeinkommen,
und verringere nicht unseren Sozialpunktestand.

Halte deine Vollzugsbeamten auf Distanz von uns,
wie auch wir Distanz halten zu unseren Nächsten.

Und führe uns nicht in die Versuchung, selbständig zu denken,
sondern erlöse uns vom Virus, vom Klimawandel, von Russland, von der Hungersnot, von den Asteroiden, von den Ausserirdischen, von den Homo- und Transphoben, von den Querdenkern und Verschwörungstheoretikern.

Denn dein ist die Ermächtigung und die Zensur und die Propaganda ohne Ende.

Amen.

Glaubensbekenntnis des braven Untertans

9. Juni 2022

Ich glaube an die wohltätige, allwissende Regierung,
deren drakonische Massnahmen uns vor allem Unheil bewahren.

Ich glaube an die Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Massenmedien
in allem, was sie verkünden und lehren.

Ich glaube an die heilige, unantastbare öffentliche Gesundheit,
um derentwillen ich alles zu opfern bereit bin:
meine Freiheit, meine Arbeit, meine Menschenwürde,
ja sogar mein eigenes Leben.

Ich glaube an die gütige Planwirtschaft,
an die totale Digitalisierung,
an die Agenda 2030,
an die innewohnende Künstliche Intelligenz,
und an die Gemeinschaft der Gechipten im Metaversum.

Ich glaube an die heilige Maskenpflicht,
an die Quarantäne der Gesunden,
an die irdische Erlösung der siebenfach Geimpften,
und an das Verderben der Ungeimpften.

Amen.

Postfaktischer Glaube 2: Die Umkehrung des Narrativs

4. Februar 2022

„… Nach sechs solchen Tagen, als die Erregung der Gemüter ihren Höhepunkt erreicht hatte und der allgemeine Hass auf Eurasien zu solcher Siedehitze geschürt worden war, dass die Menge, wenn sie Hand an die zweitausend eurasischen Kriegsverbrecher hätte legen können, die am letzten Tag der Veranstaltung öffentlich gehängt werden sollten, sie unweigerlich in Stücke gerissen hätte – genau in diesem Augenblick wurde bekannt gegeben, Ozeanien befinde sich keineswegs im Kriegszustand mit Eurasien. Ozeanien befinde sich im Kriegszustand mit Ostasien. Eurasien war ein Verbündeter.

Selbstverständlich wurde nicht zugegeben, dass eine Veränderung eingetreten war. Es wurde lediglich ganz plötzlich und überall gleichzeitig bekannt gemacht, dass Ostasien und nicht Eurasien der Feind sei.

(…) Die Ansprache war seit etwa zwanzig Minuten im Gange, als ein Bote auf die Rednertribüne eilte und dem Sprecher ein Zettel in die Hand gedrückt wurde. Er entfaltete und las ihn, ohne seine Rede zu unterbrechen.

Nichts in seiner Stimme oder in seinem Gehaben änderte sich, auch nichts im Inhalt seiner Rede, doch plötzlich lauteten die Namen anders. Ohne dass Worte gefallen wären, durchlief die Menge eine Welle des Verstehens. Ozeanien befand sich im Krieg mit Ostasien! Im nächsten Augenblick begann eine ungeheure Geschäftigkeit. Die Fahnen und Plakate, mit denen der Platz dekoriert war, stimmten sämtlich nicht mehr.

Gut die Hälfte davon stellte die falschen Gesichter dar. Es war Sabotage! Die Agenten Goldsteins waren am Werk gewesen! Ein lärmendes Zwischenspiel setzte ein, bei dem Anschläge von den Mauern gerissen, Fahnen zerfetzt und zertrampelt wurden. Die Späher vollführten Wunder an Tatkraft darin, auf Dächer zu klettern und von den Kaminen flatternde Spruchbänder abzuschneiden. Aber in ein paar Minuten war alles zu Ende. Der Sprecher, noch immer mit einer Hand das Mikrophon umklammernd, die Schultern vorgebeugt, die freie Hand in die Luft gekrallt, war unbeirrt in seiner Rede fortgefahren. Noch eine Minute, und die wilden Wutschreie brachen erneut aus der Volksmenge hervor. Die Hassdemonstration nahm genau wie vorher ihren Fortgang, nur dass die Zielscheibe sich geändert hatte.

(…) Ozeanien lag im Krieg mit Ostasien: Ozeanien war immer mit Ostasien im Krieg gelegen. Ein Grossteil der politischen Literatur der letzten fünf Jahre war jetzt vollkommen unbrauchbar geworden. Berichte und Aufzeichnungen aller Art, Zeitungen, Bücher, Flugschriften, Filme, Sprechplatten, Fotografien – alles musste mit Blitzesschnelle richtiggestellt werden. Wenn auch keinerlei Direktiven erlassen wurden, so wusste man doch, dass die Abteilungsleiter wünschten, binnen einer Woche sollte nirgendwo mehr eine Anspielung auf den Krieg mit Eurasien oder das Bündnis mit Ostasien übriggeblieben sein. Es war eine Riesenarbeit, die noch dadurch erschwert wurde, dass die erforderlichen Prozeduren nicht bei ihrem wahren Namen genannt werden durften…“

(George Orwell, „1984“)

Diese Szene im Roman spielt sich ab, nachdem fünf Jahre lang jeder eingekerkert werden konnte, der irgendetwas Gutes über Eurasien sagte. Das Erschütternde ist, dass jetzt nicht bloss eine Umkehrung der politisch korrekten Ansicht stattfindet. Die Leute sagen nicht etwa: „Ja, früher war Ostasien unser Verbündeter, aber jetzt ist es unser Feind.“ Nein, die Propaganda hat ein noch ehrgeizigeres Ziel erreicht. Die Leute sagen jetzt: „Ostasien war schon immer unser Feind.“
Jedes Vorhandensein eines Widerspruchs in der offiziellen Propaganda wird geleugnet. Dem neuen Narrativ wird ebensolche Ewigkeitsgültigkeit zugesprochen wie zuvor dem gegenteiligen.

Das ist nicht etwa eine groteske Überzeichnung von seiten Orwells. Er musste für sein „1984“ keine neuartigen Propaganda- und Gehirnwäschetechniken erfinden. Er beschreibt lediglich mit dichterischer Freiheit, was die Diktatoren seiner Zeit – hauptsächlich Stalin und Hitler – bereits praktiziert hatten. Man vergleiche z.B. die offizielle sowjetische Darstellung Trotzkis, bevor und nachdem er in Ungnade fiel. Oder wie Hitler die Sowjetunion zuerst als Feind behandelte (um als „Beschützer vor dem Kommunismus“ an die Macht zu kommen); dann als Freund (durch den Pakt mit Stalin); dann wieder als Feind (durch den Bruch des Paktes).

Ähnliches geschieht im militärischen Training. Da heisst es z.B. „Tagwache morgen 5:30 Uhr“, aber mitten in der Nacht werden die Rekruten aus dem Bett gescheucht: „Feueralarm! Alles evakuieren!“ – Natürlich ist es eine Übung, jeder weiss, dass es nur eine Übung ist, aber nicht mitzumachen würde zu Unannehmlichkeiten führen – Oder der Rekrut erhält einen Befehl: „Packen Sie Ihre Sachen zusammen, in einer Stunde werden Sie nach XYZ verlegt.“ In der Kaserne von XYZ angekommen, ist er gerade dabei, sich den ihm zugewiesenen Schlafplatz so behaglich einzurichten, wie das in dieser Umgebung möglich ist, da kommt ein neuer Befehl: „Sie bleiben nicht hier. In 30 Minuten müssen Sie mit Ihrem Gepäck am Bahnhof sein!“
Das alles sind nicht nur organisatorische Mängel; das sind bewusste Taktiken, um Verwirrung zu stiften und sich so die Menschen gefügig zu machen.

Auch Sektenführer wenden ähnliche Methoden an, wenn es darum geht, ihre Nachfolger vom selbständigen Denken abzubringen und die Kontrolle über ihr Denken und Handeln zu übernehmen. Sie verkünden dann dogmatisch gewisse willkürliche Lehren, die jedermann glauben muss. Und einige Zeit später verkünden sie ebenso dogmatisch das Gegenteil, und das muss jetzt geglaubt werden, ohne Vernunftgründe, ohne Diskussion. Wer widerspricht oder auch nur Fragen stellt, ist „rebellisch“ oder „konfliktiv“. So wird in den Nachfolgern eine „kognitive Dissonanz“ erzeugt, die auf längere Sicht das rationale Denken ausschaltet und Kadavergehorsam bewirkt.

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Postfaktischer Glaube

27. Januar 2022

Möchten Sie einen bibelkritischen Theologen sich in Ausflüchten und rhetorischen Winkelzügen winden sehen? Dann stellen Sie ihm eine Frage wie z.B: „Ist es wahr, dass Jesus leibhaftig von den Toten auferstanden ist?“

Vermutlich wird der Theologe – sofern er die Frage nicht rundweg als unsinnig oder unerheblich abweist – sich in Erörterungen darüber ergehen, dass der Begriff der „Wahrheit“ nicht auf diese Kategorie von Ereignissen angewandt werden könne; oder dass ein grosser Unterschied bestehe zwischen „wissenschaftlichen“, „historischen“, oder sonstwie „objektiven“ Wahrheiten einerseits, und theologischen Wahrheiten andererseits, und man diese keinesfalls miteinander verwechseln oder vermischen dürfe.
(Sollte unser Theologe tatsächlich so argumentieren, dann hätte er zugleich sich selbst in Misskredit gebracht; denn er hätte damit ja gesagt, dass Theologie keine Wissenschaft ist.)

Die Bibelkritiker des 19. und des beginnenden 20.Jahrhunderts hätten es sich nicht so kompliziert gemacht. Sie hätten geradewegs erklärt: „Nein, die Auferstehung ist keine historische Wahrheit, sie ist Predigt der Urgemeinde.“ Vielleicht hätten sie sich dann noch bemüht hinzuzufügen, dass die Auferstehung natürlich dennoch das Fundament des christlichen Glaubens sei.

Doch hatten jene Bibelkritiker der ersten und zweiten Generation ein grosses praktisches Problem mit dieser Art von direkten Aussagen: Ihre Kirchen leerten sich bis zum Aussterben. Die philosophisch nicht so fein geschliffenen Gemeindeglieder sagten sich nämlich: „Wenn Jesus nicht auferstanden ist, wozu soll ich dann noch zur Kirche gehen?“

Genau das war auch der Standpunkt der Apostel und der ersten Christen. Ihnen waren die Fakten wichtig. Ein verschwommener philosophisch-psychologischer „Auferstehungsmythos“ hätte ihnen nicht genügt als Grundlage für ihren Glauben. Es war ihnen wichtig zu betonen, dass die Auferstehung Jesu eine objektive, historische Tatsache ist, die von vielen Augenzeugen bestätigt wurde:
„Und er [Christus] wurde begraben, und wurde auferweckt am dritten Tag nach den Schriften, und wurde von Kephas gesehen und dann von den Zwölfen, und dann wurde er von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal gesehen, von denen die meisten noch leben (…) Wäre aber Christus nicht auferweckt worden, dann wäre unsere Verkündigung wertlos, und euer Glaube wäre wertlos, und wir wären als falsche Zeugen entlarvt (…) Und wenn Christus nicht auferweckt worden wäre, dann wäre euer Glaube nichtig, und ihr wärt noch in euren Sünden; und auch die in Christus Entschlafenen wären verloren.“ (1.Korinther 15,4-6.14-15.17-18)

Aber da nun einmal die Bibelkritik des 19.Jh. „wissenschaftliche“ Gründe gefunden zu haben glaubte, wonach Jesus nicht wirklich auferstanden sein könne, konnte auch die akademische Theologie des 20.Jh. nicht mehr hinter diese vermeintliche „Erkenntnis“ zurückgehen, ohne das Gesicht zu verlieren. Die Theologen versuchten deshalb hauptsächlich die Frage zu beantworten: „Wie können wir uns weiterhin Christen nennen und einen „christlichen Glauben“ verkünden, wenn Jesus in Wirklichkeit und objektiv nicht auferstanden ist?“
Die wichtigsten Ansätze zur Beantwortung dieser Frage waren die „Neo-Orthodoxie“ Karl Barths, und das „Entmythologisierungsprogramm“ Rudolf Bultmanns. Damit etablierten sich in den Kirchen – zuerst in den Landeskirchen, aber zunehmend auch in den Freikirchen – verschiedene Ausprägungen eines „postfaktischen Glaubens“, den man etwa so zusammenfassen könnte:
„Als wissenschaftlich denkende Menschen „wissen“ wir, dass Jesus in Wirklichkeit nicht auferstanden ist. Als „Christen“ glauben wir aber trotzdem an die Auferstehung als eine theologische und psychologische Wahrheit.“

Damit geht ein ganzer Strauss von abstrusen Ideen einher, die alle um das Konzept kreisen, „Glauben“ und „Wissen“ bzw. „Glauben“ und „Fakten“ stünden in einem unversöhnlichen Gegensatz zueinander. Zum Beispiel:
– „Wenn man es wissen könnte oder sicher sein könnte, dann wäre es ja kein Glaube mehr.“
– Oder: „Es kommt doch nicht darauf an, ob es wahr ist oder nicht; Hauptsache man glaubt.“
– Oder auch: „Man darf doch die Wissenschaft (oder die Politik, die Arbeit, die Wirtschaft, die Medizin, die Pädagogik, oder was auch immer) nicht mit Glaubensfragen vermischen.“
(Womit der Sprecher in der Regel ausdrücken will, er halte nichts davon, in seinem Alltagsleben biblische Kriterien zu berücksichtigen, oder kontroverse Themen wie Evolutionstheorie, Abtreibung, Gender-Ideologie, oder Notstandsmassnahmen aus einer biblisch-christlichen Perspektive zu beurteilen.)
Solche Ideen beschränken sich nicht einmal nur auf bibelkritisch denkende „Christen“. Auch manche, denen im Grunde die Auferstehung als Tatsache wichtig ist, sind schon damit angesteckt worden.

Erschwerend kommt hier dazu, dass wir im Deutschen das Wort „glauben“ oft als Ausdruck der Unsicherheit verwenden: „Ich glaube, am Nachmittag wird es regnen (…bin mir aber nicht sicher).“ – Das neutestamentliche Wort für „Glaube“ ist aber das griechische „pistis„, das sowohl „Vertrauen“ wie auch „Treue“ bedeutet – also gerade das Gegenteil von Unsicherheit. Neutestamentlicher Glaube ist nicht ein gedankliches „Dafürhalten“ oder „Vermuten“, sondern eine Vertrauensbeziehung zum lebendigen Jesus Christus. Man kann natürlich keine Vertrauensbeziehung aufbauen zu einer Person, die man zum vornherein für tot hält.

Gemäss des obigen Paulus-Zitates hätten die Bibelkritiker, nachdem sie zum Schluss gekommen waren, die Auferstehung sei „nicht historisch“, konsequenterweise sofort zusammenpacken müssen und hätten aufhören müssen, sich „Christen“ zu nennen. Aber damit hätten sie ja ihre gesellschaftliche Stellung und ihren Lebensunterhalt verloren. Das Auseinanderreissen von „Glauben“ und faktischer Wahrheit bot ihnen den Vorwand, den sie benötigten, um sich weiterhin „Gläubige“ und „Christen“ nennen zu können, und ihr Unternehmen, „Kirche“ genannt, weiterhin betreiben zu können. Diese Kirche glaubt zwar nicht mehr an die Auferstehung als Tatsache; sie glaubt aber ganz fest an die Zuverlässigkeit der bibelkritischen Theologie.


In der Gegenwart stellt sich immer klarer heraus, dass dieser postfaktische Glaube eine perfekte Vorbereitung der Kirchen zur Akzeptanz der beginnenden endzeitlichen Propaganda war. Diese Propaganda stellt ja auch darauf ab, dass wir den „Experten“ und ihrer Art von „Wissenschaft“ einfach glauben sollen, ganz unabhängig davon, was die Fakten sind. Wir sollen ihnen glauben, was sie sagen, obwohl sie schon so oft der Lüge überführt wurden. Wir sollen Schlagworten folgen wie „Todesfälle vermeiden“, obwohl faktische Belege immer noch ausstehen, dass die im Zusammenhang damit angeordneten Handlungsweisen tatsächlich Todesfälle vermieden hätten. Wir sollen glauben, die zunehmende digitale Identifikation und Überwachung diene einzig zu unserer eigenen Sicherheit, obwohl in der Realität Präzedenzfälle existieren (z.B. im Reich der Mitte), die zeigen, dass der Zweck ein ganz anderer ist.

Und die Menschen, die da mitlaufen, zeigen eine unerhörte Faktenresistenz. Man kann ihnen noch so viele Statistiken, wissenschaftliche Forschungsergebnisse und Originalzitate zeigen. Entweder sagen sie: „Das interessiert mich nicht“, und brechen die Diskussion ab. Oder sie nehmen die Fakten zwar zur Kenntnis, kehren aber tretmühlenartig wieder zu ihrem Glauben zurück: „Aber wir müssen doch Todesfälle vermeiden.“ – „Aber wir müssen doch für unsere Sicherheit sorgen.“ Usw.
Oder ganz philosophisch-abstrus, aber leider wahrscheinlich typisch (Originalzitat aus einer kürzlich erhaltenen Zuschrift): „Wichtig wäre es, einen Schritt, wenn nicht zwei Schritte, zurückzunehmen; einen Abstand von der ganzen Problematik zu gewinnen. Unsere Befindlichkeiten aus einer Metaebene zu beobachten. (…) Es gibt da kein richtig oder falsch.“ – Wobei der Schreiber zugleich eine Regierungsform verteidigt, welche die „einzig richtige“ Meinung bzw. Handlungsweise mit Zwangsmassnahmen durchprügelt. „Es gibt kein richtig oder falsch“; „Das Richtige muss mit Zwang durchgesetzt werden“ – anscheinend kann er die Unvereinbarkeit dieser beiden Aussagen nicht sehen.

Besonders bei Menschen aus kirchlichen Kreisen kann ich mir diese Faktenresistenz nur damit erklären, dass die massgebenden Theologen uns schon längst an den Gedanken gewöhnt haben, der Glaube zeichne sich gerade dadurch aus, dass er den Fakten widerspreche.
Nach 2.Thess.2,10-12 wird die antichristliche Etappe der Endzeit dadurch eingeläutet, dass „Gott ihnen kräftige Irrtümer sendet (andere Übersetzung: „eine wirksame Kraft der Verführung“), damit sie der Lüge glauben“. – Und warum glauben sie der Lüge? Weil sie „die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben“. – Und warum lieben sie die Wahrheit nicht? Ist da nicht ein wesentlicher Faktor die schon seit hundert Jahren wuchernde Idee, Glaube hätte nichts mit Wahrheit zu tun?

Wo es um nachprüfbare Tatsachen geht, da gibt es sehr wohl ein richtig oder falsch. Jede Tatsachenbehauptung ist entweder wahr oder falsch. Und normalerweise kann mit einiger Wahrscheinlichkeit festgestellt werden, was von beidem zutrifft. Nur wird man dazu unterschiedliche Informationsquellen mit unterschiedlichen Blickwinkeln heranziehen müssen, oft auch Originalquellen nachgehen müssen (z.B. wissenschaftliche Untersuchungen, statistische Rohdaten, usw).
Der postfaktische Gläubige ist schlicht nicht willens, diese zur Wahrheitsfindung erforderliche Informations- und Denkarbeit zu leisten. Einer sachlichen Diskussion darüber weicht er aus; die Präsentation von Tatsachen und Vernunftgründen nennt er „aggressiv“, „spaltend“, oder „Falschinformation“. Lieber lässt er sich von den Massenmedien am Gängelband führen. So fällt es ihm nicht einmal auf, wie oft diese sogar sich selber widersprechen.

Wahrheitsliebe schliesst aber gerade auch ein, sich die Wahrheitsfindung etwas kosten zu lassen. Sich umfassend zu informieren – nicht nur bei den Vertretern einer einzigen Richtung. Nicht einfach unbelegte Behauptungen zu glauben, sondern Belege zu fordern. Und wenn die Fakten einmal geklärt sind, sachlich zu analysieren, welche Seite die bessere Faktengrundlage hat, und welche Seite die Fakten auf befriedigendere Weise interpretiert. Für Christen bedeutet das auch zu analysieren, welche Seite die Fakten im Sinne des Wortes Gottes interpretiert. Wer zu diesem Einsatz seiner geistigen und geistlichen Kräfte nicht bereit ist, der macht sich zum vornherein zur leichten Beute für die wirksame Kraft der Verführung.

Nicht zuletzt ist die Anstrengung zur Wahrheitsfindung und der Einsatz unseres Unterscheidungsvermögens auch ein biblisches Gebot:
„Prüft alles, behaltet das Gute!“ (1.Thess.5,21)
„Glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister!“ (1.Johannes 4,1)

Postfaktische Gläubige dagegen sagen ganz fatalistisch (Zitat): „Wir werden weiterhin manipuliert werden, das war gestern und heute so.“ Und somit lassen sie sich willig weiter manipulieren, bis zu dem Punkt, wo sie das Malzeichen annehmen werden und auf Befehl die wahren Nachfolger Jesu verfolgen werden. Denn wenn jemand jetzt, in der Gegenwart, die Manipulation nicht erkennen will und ihr nicht widerstehen will, wie kommt er dann auf die Idee, er würde dann, wenn die Manipulation noch viel raffinierter sein wird, ihr widerstehen können? Und wenn jemand jetzt es achselzuckend oder gar beifällig hinnimmt, wenn Menschen, die ihr Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit geltend machen wollen, vom gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen werden, verprügelt werden, ihnen ihre Kinder weggenommen werden, sie bedroht werden mit existenzgefährdenden Bussgeldern und Gefängnisstrafen, oder mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft; während andere Menschen, die „folgsam“ waren, so nebenbei an den Folgen sterben oder lebenslang behindert bleiben – wenn jemand das einfach so hinnimmt, wie kommt er dann auf die Idee, er hätte die moralische Kraft, „Stop“ zu sagen, wenn nächstes oder übernächstes Jahr Menschen aufgrund ihres Glaubens verfolgt werden?

Mehrere postfaktische Gläubige haben mir dann – sinngemäss – noch ganz fromm gesagt: „Vertraue doch auf Jesus, es wird alles zur Normalität zurückkehren, es gibt keine bösen Absichten von seiten der Regierung.“ So wird hinterrücks der Glaube an die allmächtige und allwissende Regierung zu einem angeblichen Glauben an Jesus umfunktioniert. In meiner Bibel steht es genau anders herum:

– Als Nachfolger Jesu müssen wir damit rechnen und uns darauf vorbereiten, verfolgt zu werden. (Matth.24,9-10; Joh.15,19-21; 2.Tim.3,12; Offb.12,11; u.a.) Die westliche Christenheit ist sehr lange mit relativ gottesfürchtigen Regierungen verwöhnt worden, und hat deshalb die biblische Wahrheit vergessen, dass die Vertreter von Gottes Reich normalerweise im Konflikt stehen mit den Reichen dieser Welt. Ja, manche Vertreter der westlichen Christenheit haben sogar hart geurteilt über die Untergrundgemeinden, die in der Sowjetunion, in China und anderswo unter unvorstellbaren Opfern für das Überleben des biblischen Christentums gesorgt haben: sie seien keine wirklichen Diener Gottes, weil sie der Obrigkeit ungehorsam seien. Solche Urteile sind üble Präzedenzfälle für die kommende Zeit, wo auch im ehemals freien Westen ein biblisches Christentum nur noch in untergründiger Form wird fortbestehen können. So wie es auch in den ersten Jahrhunderten im Römischen Reich war.
– In der Bibel werden wir angewiesen, auf Gott zu vertrauen und nicht auf Menschen oder Fürsten. (Psalm 118,8-9; Sprüche 29,25-26) Das Vertrauen auf Fürsten steht also in einem Gegensatz zum Vertrauen auf Gott. Siehe auch Jeremia 17,5-8.
(Man mag einwenden, dass es im Alten Testament auch „königsfreundliche“ Aussagen gibt. Aber diese beziehen sich nicht allgemein auf irgendwelche Könige, sondern auf spezielle gottesfürchtige Könige – meistens David – als Vorschattung des endzeitlichen Königtums des Messias. Sie haben deshalb mit unserem Thema nichts zu tun.)
– Das Vertrauen auf Jesus drückt sich daher nicht in einem Vertrauen auf ein Wohlwollen atheistischer und antichristlicher Regierungen aus, sondern im Gegenteil im Vertrauen darauf, dass Jesus auch mitten in der Verfolgung bei den Seinen ist und sie stärkt, Ihm treu zu bleiben und Ihn nicht zu verleugnen. (Matth.10,18-20; Apg.21,13; Phil.1,19-21; 1.Petrus 4,14; Offb.2,10; u.a.) – Was nicht bedeuten soll, dass ein Diener Gottes nicht in Ausnahmefällen auch „Gnade finden“ könnte vor einem weltlichen Herrscher. (Bsp. Daniel und die babylonischen Könige; Paulus in seinem ersten Prozess vor Nero.) Aber das sind Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Ich bin überzeugt, dass die Erfüllung von 2.Thess.2,10-12 begonnen hat, und dass wir gegenwärtig von Gott daraufhin geprüft werden, ob wir die Wahrheit lieb haben, und wie viel wir uns diese kosten lassen. Ein postfaktischer Glaube wird diese Prüfung nicht bestehen.

Noch eine Lektion von Jeremia

12. Januar 2022

Jeremia hatte eine sehr undankbare Aufgabe. Er musste eins übers andere Mal dem Volk das Gericht Gottes voraussagen, die Zerstörung Jerusalems und die babylonische Gefangenschaft. Und zugleich liess Gott ihn wissen, dass er damit das Gericht nicht würde abwenden können, weil es beschlossene Sache war und das Volk nicht umkehren würde. Gott sagte sogar zu Jeremia:

„So bitte du nun nicht für dieses Volk und tue kein Flehen noch Gebet für sie; denn ich will sie nicht hören, wenn sie zu mir schreien in ihrer Not.“ (Jeremia 11,14)

Mit seinen Voraussagen stand Jeremia oft in Konfrontation gegen eine ganze Reihe anderer Propheten, die das Gegenteil sagten. (Siehe z.B. Kapitel 26, 27 und 28.) In den Augen der Öffentlichkeit musste es so aussehen, als ob die anderen Propheten, die in der Mehrheit waren, die Stimme Gottes verkörperten, während Jeremia der falsche Prophet war, der Querdenker und Verführer.

Dann kam der Tag, als Jeremia die Erfüllung seiner Voraussagen erlebte. Er befand sich als Gefangener im Hof des Palastes des Königs, als dieser seinen misslungenen Fluchtversuch unternahm und von Nebukadnezar gefangengenommen wurde (Kapitel 39). Daraufhin eroberten und zerstörten die Babylonier die Stadt, und führten die meisten Einwohner gefangen nach Babylon.

Die Babylonier befreiten Jeremia und erlaubten ihm zu wählen, ob er nach Babylon mitkommen oder in Jerusalem bleiben wollte (40,1-6). Jeremia hatte mehrmals prophezeit, dass die Juden nach Babylonien gehen müssten, und Gott ihnen dann gnädig sein würde; während es jenen, die in Juda blieben, schlecht gehen würde (24,5-10; 27,11). Von daher ist seine Entscheidung, in Jerusalem zu bleiben, schwer verständlich. Es waren Gerüchte im Umlauf, Jeremia sei ein Verräter im Dienst der Babylonier. Blieb er in Jerusalem, um diesen Gerüchten nicht noch mehr Auftrieb zu verleihen? Oder war es Gottes Wille, dass wenigstens einer seiner treuen Propheten bei diesem Häufchen der „Geringen im Lande“ bliebe? Wir wissen es nicht.

Jedenfalls war Jeremia jetzt ganz klar als ein echter Prophet Gottes bestätigt worden. Alle seine Voraussagen waren in Erfüllung gegangen. Man sollte denken, das Volk würde ihn jetzt ernstnehmen und auf ihn hören.


Da gibt es eine deutliche Parallele zur Gegenwart. Zwar gibt es leider in der gegenwärtigen westlichen Christenheit keinen Propheten vom Format eines Jeremia. (Der letzte war wahrscheinlich David Wilkerson mit seinen Voraussagen über den moralischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch der USA. Aber er lebt nicht mehr.) Doch scheint mir, Gott hat einige „Weltmenschen“ berufen, um wenigstens aus dem Blickwinkel ihrer weltlichen Expertise Licht zu bringen in einige Entwicklungen der Gegenwart.

So haben z.B. einige Investigativjournalisten schon seit manchen Jahren gewarnt, die USA (und evtl. auch andere Länder) würden dereinst unter ein „medizinisches Kriegsrecht“ gestellt. Wie Jeremia wurden auch sie als falsche Propheten und Verräter verschrieen. Aber siehe da, ihre Voraussage hat sich erfüllt.

Edward Snowden sagte bereits im März 2020:

„Wir verlieren Rechte, für die wir in Revolutionen gekämpft haben, für die Bewegungen gegründet wurden, die in jahrhundertelangen Bemühungen errungen wurden, und dann verlieren wir sie in einem Moment der Panik (…)
Wann haben Sie zum letzten Mal eine kurzfristige Aufhebung unserer bürgerlichen Rechte erlebt? (…) Notrechtsmassnahmen werden beharrlich. Die Behörden finden Gefallen an ihren neuen Befugnissen, auch nachdem die ursprüngliche Notsituation vorbei ist. Sie finden einfach neue Anwendungen ihrer neuerworbenen Gewalt. Dann versuchen sie neue Gesetze einzuführen, um diese Gewalt permanent zu machen. (…) Die Regierung braucht nicht einmal die Polizei hinter Ihnen her zu schicken. Zum voraus programmierte Computer-Algorithmen sorgen dafür, dass Sie automatisch Ihre Arbeit verlieren (…).
Die Regierung wird immer ihre Macht missbrauchen. Die einzige Art, eine bessere Regierung zu bekommen, ist der Widerspruch. Wenn das Volk aufsteht und sagt: ‚Das geht zu weit, damit bin ich nicht einverstanden, da mache ich nicht mehr mit (…)‘. Das ist Demokratie.“

Die etablierten Nachrichtenmedien haben natürlich nicht über diese Warnung berichtet. Aber auch diese Voraussage hat sich erfüllt. Was als eine „vorübergehende Massnahme von zwei Wochen“ begann, ist zu einer permanenten Entrechtung der Menschheit und Ausserkraftsetzung des Rechtsstaates geworden.

Analysten haben schon in der ersten Hälfte 2020 gewarnt, die hemmungslose Ausschüttung von staatlichen Geldspenden, bei gleichzeitiger Unterdrückung der Güterproduktion und -verteilung, würde zu einer unkontrollierbaren Inflation führen. (Das ist so grundlegende Wirtschaftskunde, dass sogar ich als Laie das verstehen kann.) Sie wurden lächerlich gemacht oder überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Aber jetzt beginnen sogar die etablierten Nachrichtenmedien ab und zu über besorgniserregende Inflationswerte zu berichten. (Nur dass sie diese anderen Ursachen zuschreiben.)

Ärzte und medizinische Forscher haben 2020 aufgrund ihrer Erfahrung und früheren wissenschaftlichen Untersuchungen gewarnt, die überstürzt eingeführte und nicht genügend getestete Präventionstherapie zur angeblichen Eindämmung der aktuellen Modekrankheit würde den umgekehrten Effekt haben und viele Menschen noch anfälliger machen. Sie wurden verlacht oder zum Schweigen gebracht; einige verloren ihre Arbeitsstelle und ihre akademische Anerkennung. Die Statistiken aus den in der „Prävention“ am weitesten fortgeschrittenen Ländern, die jetzt allmählich ans Licht kommen, zeigen aber, dass sie recht hatten.


Man sollte also denken, auch heute würde das Volk diese „säkularen Propheten“ jetzt ernstnehmen und auf sie hören. Aber was geschah zur Zeit Jeremias?

Die Voraussagen Jeremias erfüllten sich weiterhin. Die Zurückgebliebenen in Juda erlebten einen blutigen Aufstand nach dem anderen. Schliesslich heisst es: “ …sie wollten nach Ägypten ziehen vor den Chaldäern. Denn sie fürchteten sich vor ihnen, weil Ismael (…) den Gedalja (…) erschlagen hatte, den der König von Babylon über das Land gesetzt hatte.“ (41,17-18)
Doch bevor sie diesen Schritt unternahmen, kamen „alle Hauptleute des Heeres und alles Volk“ zu Jeremia und baten ihn: „Bitte für uns (…), dass uns der Herr, dein Gott, zeige, wohin wir ziehen und was wir tun sollen.“ (42,2-3). Sie versprachen sogar: „Sei es Gutes oder Böses, wir wollen der Stimme des Herrn, unsers Gottes gehorchen … damit es uns gut gehe …“ (42,6)

Nach zehn Tagen erhielt Jeremia die Antwort Gottes:
„Wenn ihr in diesem Land bleibt, dann werde ich euch aufbauen und nicht zerstören; ich werde euch pflanzen und nicht ausreissen (…) Wenn ihr aber nach Ägypten zieht, dann wird euch in Ägypten das Schwert treffen, vor dem ihr euch fürchtet; und der Hunger, um den ihr euch sorgt, wird euch dort in Ägypten anhangen, und ihr werdet dort sterben.“ (42,10.15-16)

Alles klar? Jeremias ist nach dem Eintreffen seiner Prophezeiungen vor aller Augen als Prophet Gottes gerechtfertigt; das Volk hat versprochen, jetzt Gott zu gehorchen; und Gott gibt ihnen eine klare Anweisung.

Aber siehe da: „Da sagten Asarja (…) und Johanan (…) und alle hochmütigen Männer zu Jeremia: ‚Du lügst; Gott hat dich nicht zu uns gesandt (…), sondern Baruch (…) hetzt dich auf, damit wir den Chaldäern übergeben werden, damit sie uns töten und uns nach Babylon wegführen.“ (in dieser Reihenfolge? Man sieht, dass das Denken dieser Männer schon nicht mehr ganz kohärent ist…) (43,2-3)

So zogen die Übriggebliebenen nach Ägypten, und führten auch Jeremia und Baruch mit sich. Dort in Ägypten erhielt Jeremia seine letzten beiden Prophetien. „Nebukadnezar wird seinen Thron über diesen Steinen hier errichten, und er wird in Ägypten töten, wer getötet werden muss; gefangen führen, wer gefangengeführt werden muss; und mit dem Schwert erschlagen, wer mit dem Schwert erschlagen werden soll.“ (43,9-13)
Und schliesslich hielt er noch eine längere Rede, in der er die Juden daran erinnerte, wie all die früheren Ankündigungen des Gerichtes Gottes eingetroffen waren, weil sie Gott verlassen und anderen Göttern gedient hatten. „Warum tut ihr so viel Böses gegen euer eigenes Leben (…) und erzürnt mich mit dem Werk eurer Hände und räuchert anderen Göttern in Ägypten (…), damit ihr ausgerottet werdet (…)? Habt ihr das Unglück eurer Vorfahren vergessen, das Unglück der Könige Judas und ihrer Frauen, dazu euer eigenes Unglück (…)?“ (44,1-14)

Ganz erschütternd ist jetzt die Antwort des Volkes auf diese letzte Prophetie, das letzte Reden Gottes vor ihrer endgültigen Vernichtung:

„Dieses Wort, das du uns im Namen des Herrn geredet hast, wollen wir von dir nicht hören; sondern wir werden jedes Wort tun, das aus unserem Mund hervorgeht; wir werden der Himmelskönigin räuchern und ihr Trankopfer opfern, wie wir und unsere Vorfahren, unsere Könige und Fürsten getan haben in den Städten Judas und auf den Gassen Jerusalems. Damals hatten wir Brot genug, es ging uns gut und wir sahen kein Unglück. Seit wir aber aufgehört haben, der Himmelskönigin zu räuchern und Trankopfer zu opfern, fehlt es uns an allem, und wir sind durch Schwert und Hunger umgekommen.“ (44,16-18)

Es gibt jetzt offenbar keinerlei Gemeinsamkeit mehr, aufgrund derer Jeremia und das Volk hätten miteinander kommunizieren können. Das Volk lebt jetzt in einem parallelen Universum; es betrachtet die Realität durch eine ganz andere Brille, hat ein völlig anderes Narrativ, ein völlig anderes Paradigma übernommen. In den Augen des Volkes ist jetzt Gott der Bösewicht; die falschen Götter sind die Erlöser; und Jeremia ist der vom wahren Glauben Abgefallene. Da das Volk in der Mehrheit ist, sieht es dieses Paradigma als die „Normalität“ an. Um es mit modernen Begriffen zu sagen: Jeremia ist beim Faktencheck vollends durchgefallen, und seine Prophetie ist als Fake-News gekennzeichnet worden; er muss jetzt „gecancelled“ werden.

So kommt es, wenn ein Volk sich von Gott abwendet. Es gibt dann keinen Weg mehr, das Volk zur Umkehr zu bringen. Selbst nachdem es die Erfüllung der Prophetien erlebt hat; selbst nachdem öffentlich bewiesen worden ist, was Wahrheit ist und was Lüge – die Herzen bleiben verhärtet, das Volk beharrt auf seiner Verblendung und rutscht immer tiefer hinein. „Gott hat sie dahingegeben“ (Römer 1,24) an ihre eigenen Begierden und ihr eigenes verkehrtes Denken.

In dieser Situation hört Gott auf zu sprechen bis zum bitteren Ende, wo er die Faktenchecks der Menschen mit seinem eigenen Realitäts-Check konfrontiert. Nebukadnezar stellte tatsächlich seinen Thron in Ägypten auf, und die abtrünnigen Juden mussten mit ihrem Leben bezahlen. Von Jeremia hören wir nichts mehr. Es muss angenommen werden, dass tragischerweise auch er selber dort in Ägypten umkam.


Viele der sogenannten Faktenchecks kommen auch heute noch auf dieselbe Weise zustande. In Wirklichkeit geht es gar nicht um Fakten, sondern um die Übereinstimmung mit dem herrschenden Narrativ. Wenn eine wissenschaftliche Untersuchung nicht mit diesem übereinstimmt, dann wird so lange gesucht, bis man einen Grund oder Vorwand findet, die beobachteten Fakten in Misskredit zu bringen.

Die zurückgebliebenen Juden wurden nicht durch Vernunftsargumente in ihrem neuen Narrativ bestärkt, sondern indem sie „der Himmelskönigin räucherten“. Die ständige Wiederholung eines Rituals führt dazu, dass dieses als „neue Normalität“ gilt. Alle Ereignisse werden dann innerhalb dieses Bezugssystems interpretiert: Wenn es uns gut geht, dann ist es dank unserem Ritual. Wenn es uns schlecht geht, dann geschieht das, weil wir in unserem Ritual nachlässig waren. – Dazu kommt die okkulte geistliche Bindung, die bei solchen Ritualen entsteht (1.Kor.10,20).

Sehen wir die Parallele? „Die Fallzahlen sind gesunken; das ist, weil wir Abstand hielten, weil wir Masken trugen, weil wir uns stechen liessen, …“- „Die Fallzahlen sind gestiegen; das ist, weil die Massnahmen nicht genügend eingehalten wurden, weil sie nicht genügend streng waren, weil sich nicht genügend Leute stechen liessen, …“ – Die so behaupteten Zusammenhänge sind nie statistisch nachgewiesen worden; aber wo es um Rituale geht, spielen Vernunftgründe keine Rolle mehr.

Neu ist nur, dass heute auch die „Wissenschaft“ von diesem Narrativ vereinnahmt wird. Früher galt als Wissenschaft die unparteiische Wahrheitssuche und der freie Wettbewerb der Ideen, wo sich jene Modelle durchsetzen konnten, welche die beobachteten Phänomene am einleuchtendsten erklärten. Als wichtiges Kriterium galt dabei dasselbe wie beim Erkennen eines echten Propheten: Erfüllen sich die gemachten Voraussagen? – Heute gilt als „wissenschaftlich“, was mit dem herrschenden Narrativ übereinstimmt. Wenn die Voraussagen der Gegenseite eintreffen, dann muss diese Nachricht totgeschwiegen werden; und wenn die Voraussagen des herrschenden Narrativs sich als falsch herausstellen, dann muss die Statistik angepasst werden, bis sie wieder mit dem Narrativ übereinstimmt. Deshalb ist auch heute nicht anzunehmen, dass die bereits erfüllten Voraussagen zu irgendwelchem Umdenken in der breiten Bevölkerung führen würden.

Nun sind aber manche der von den heutigen „Jeremias“ gemachten Voraussagen noch hängig. Ich möchte diese deshalb hier erwähnen, weil vielleicht doch noch nicht die ganze Welt unter der „Macht der Verführung“ (2.Thess.2,11) steht, und einige Menschen vielleicht ins Nachdenken kommen, wenn auch das folgende eintrifft.

Hier die wichtigsten:

  • Es wird keine Rückkehr zu freiheitlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Staatsformen geben, wie sie bis 2019 in der westlichen Welt üblich waren. Allenfalls werden äussere Formen beibehalten werden; aber die rechtstaatliche Substanz wird nicht wiederhergestellt werden.
  • Finanzielle Transaktionen werden nur noch digital getätigt werden können, wodurch sie vollständig überwacht und sogar „programmiert“ werden können: Bestimmte Beträge können von den Überwachern mit einem Verfalldatum versehen werden, an dem sie ihren Wert verlieren; oder mit einer Zweckbindung, sodass man damit z.B. zwar Lebensmittel kaufen kann, aber nicht einen Computer oder ein Bahnticket; oder umgekehrt.
  • Die z.Z. eingeführten digitalen Gesundheitsausweise werden verbunden werden mit der digitalen biometrischen ID, mit dem digitalen Zahlungsmittel (siehe oben), mit dem Handy, mit dem Strafregister, und mit anderen Werkzeugen. Dies ermöglicht es, jedem Menschen einen Punktestand zuzuteilen gemäss seinem Gesundheitszustand, Wohlverhalten, Arbeitsleistung, religiösen und politischen Ansichten, usw, und ihm demgemäss den Zugang zu den verschiedenen Aspekten des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens zu ermöglichen oder zu verweigern. (China macht es bereits vor.)
  • Diese Werkzeuge werden international vereinheitlicht werden, wodurch die Souveränität der einzelnen Nationen immer geringer wird bis zur Bedeutungslosigkeit.
  • Die kommende Weltwirtschaftskrise und evtl. Hungersnöte werden eine wichtige Rolle spielen als Begründung bzw. Vorwand zur Einführung der erwähnten Massnahmen.
  • Aufgrund der postulierten Klimakrise werden gewisse Kreise sich als „Beschützer des Planeten vor den Menschen“ positionieren, und in dieser Eigenschaft die verbliebenen Freiräume der übrigen Menschheit noch drastischer einschränken als bisher geschehen. Ein grosser Teil der Menschen wird glauben, sie seien tatsächlich eine „Plage“, und es wäre besser, sie wären gar nicht am Leben. Auf das Klima wird sich das alles kaum auswirken; dennoch wird das Narrativ aufrechterhalten werden mit den inzwischen hinlänglich bekannten Methoden.
  • Was die gegenwärtige Modekrankheit betrifft, so wird eine immer grössere Zahl der „Geschützten“ sterben; die Schuld daran wird aber den „Ungeschützten“ zugeschoben werden, um diese noch weiter ins Abseits zu drängen. Das dient der schnelleren Einführung der obengenannten Punkte.
  • Die grosse Mehrheit der institutionellen Kirchen und deren Leiter werden die obengenannten Entwicklungen befürworten und sogar bei deren Durchsetzung mitwirken.

Einige der genannten Voraussagen beruhen übrigens auf tatsächlichen offiziellen Verlautbarungen der Planer selber. In diesem Fall handelt es sich also nicht um „Prognosen“ aufgrund von beobachteten Entwicklungen, sondern um angekündigte Pläne. Deren Erfüllung würde dann aber noch davon abhängen, ob die Menschheit nicht unvorhergesehenerweise doch noch Widerstand leisten würde. Mit Bestimmtheit kann aber vorausgesagt werden, dass es weltweite Bestrebungen geben wird, die obengenannten Punkte zu erfüllen.
Sollten sich diese Voraussagen als falsch herausstellen, dann dürfen wir die heutigen Jeremias als falsche Propheten verurteilen – aber erst dann.

Bibellesende Christen mögen jetzt fragen: „Und wo ist die geistliche Botschaft? Mag ja sein, dass diese Voraussagen eintreffen – aber was dann?“

Darüber habe ich in früheren Artikeln schon einiges geschrieben. Deshalb hier nur zwei Zitate als Zusammenfassung:

„Denn es ist Zeit, dass das Gericht anfange beim Haus Gottes.“ (1.Petrus 4,17)

„Und es wurde ihm gegeben, Krieg zu führen gegen die Heiligen und sie zu besiegen.“ (Offb.13,17)

Warum das „Haus Gottes“ gerichtsreif geworden ist, dazu können ja eine ganze Menge Gründe genannt werden. Der aktuellste besteht aber sicher darin, dass diese Institutionen sich beim gegenwärtigen Trend zur Vergötzung des Staates zu Komplizen gemacht haben. Das ist qualitativ nichts anderes, als „der Himmelskönigin zu räuchern“. Ich weiss nicht, ob eine tiefgreifende Bussbewegung diesen Trend noch umkehren könnte. Zur Zeit sehe ich aber leider keine Anzeichen, dass eine solche Bewegung überhaupt beginnen könnte.

Gesundheit ist eine persönliche Angelegenheit

27. Dezember 2021

Schon seit Jahrzehnten werden wir gehirngewaschen mit der Idee, Gesundheit sei Sache des Staates. Das Zauberwort, das diesen Glauben einführt, heisst „öffentliche Gesundheit“. Das ist derselbe Trick wie mit den „öffentlichen Schulen“, die in Wirklichkeit weder einer Einsichtnahme durch die allgemeine Öffentlichkeit zugänglich sind, noch einer wirksamen Kontrolle von seiten der Öffentlichkeit unterworfen sind. Richtiger sollten sie „Schulen unter staatlicher Kontrolle“ heissen. Und so bedeutet auch „öffentliche Gesundheit“ in Wirklichkeit: „Gesundheit unter staatlicher Kontrolle“. (Siehe dazu auch: „Der Staat ist nicht Gott„.)

In Wirklichkeit gibt es so etwas wie eine „öffentliche Gesundheit“ gar nicht. Gesundheit ist eine persönliche Angelegenheit. Nur Einzelpersonen können im medizinischen Sinn als „gesund“ oder „krank“ diagnostiziert werden; nicht aber die „Öffentlichkeit“.

Bis vor kurzem galt in den zivilisierten Ländern das Arztgeheimnis: Ärzten war es verboten, Daten über die von ihnen behandelten Patienten und deren Gesundheitszustand weiterzugeben. In letzter Zeit fordern aber Regierungen auf der ganzen Welt immer aggressiver Zugang zu den Gesundheitsdaten der ganzen Bevölkerung, und erlassen Befehle, welche Menschen diskriminieren aufgrund ihres Gesundheitszustandes oder aufgrund erhaltener Behandlungen.

Lange Zeit galt zumindest in den Industrieländern auch die freie Arztwahl als ein Grundrecht. Man durfte nicht gezwungen oder genötigt werden, sich von einem Arzt behandeln zu lassen, den man nicht kennt oder nicht als vertrauenswürdig ansieht.
Es sollte zu denken geben, dass z.B. in den USA schon seit längerem „ärztliche Behandlung“ als dritthäufigste Todesursache auftritt. Darin sind nicht nur die Fälle eklatanter Fehlbehandlung enthalten, sondern auch eine grosse Zahl Fälle, wo Ärzte korrekt „nach Vorschrift“ gehandelt haben, und dennoch die Behandlung tödliche Folgen hatte. Ärztliche Behandlung ist nicht immer lebensrettend; es kann sogar das Gegenteil der Fall sein.

Eine persönliche Vertrauensbeziehung zwischen Patient und Arzt ist sehr wichtig für einen erfolgreichen Heilungsprozess. Ein vertrauenswürdiger Arzt wird nicht einfach routinemässig ein von der Regierung vorgeschriebenes Protokoll abwickeln. Er wird die Situation des Patienten individuell beurteilen, die besonderen Umstände seiner Krankheit oder Verletzung in Betracht ziehen, und die spezifischen Reaktionen seines Körpers auf bestimmte Behandlungen. Er wird den Patienten wahrheitsgemäss über die verfügbaren Behandlungsoptionen informieren, und über die zu erwartenden Wirkungen und Risiken. Er wird in dieser Hinsicht die Entscheidungen des Patienten respektieren. In einer solchen Vertrauensbeziehung fühlt sich auch der Patient ruhig und sicher, was wiederum die Heilung begünstigt.

Aber in den Institutionen der „öffentlichen Gesundheit“ geht es ganz anders zu und her. Das Personal, das dort arbeitet, agiert als Regierungsfunktionäre. Sie sind primär dazu angestellt, die Politik der Regierung umzusetzen, nicht die Gesundheit der Patienten zu verbessern. Sie nehmen sich selten Zeit, um die individuelle Situation jedes Patienten zu verstehen; und sie werden selten für negative Folgen ihrer Behandlungen zur Rechenschaft gezogen, da sie sich hinter der Institution verstecken können. Nicht selten werden sie sogar mit vorgegebenen bürokratischen Zielsetzungen von seiten der Regierung oder der grossen Pharmakonzerne unter Druck gesetzt: es müssen so und so viele Atemwegserkrankungen behandelt werden; so und so viele Kinder geimpft werden; so und so viele Dosen eines bestimmten Medikaments verkauft werden; so und so viele Patienten davon abgebracht werden, sich andere, günstigere Medikamente zu kaufen; usw. Das alles schlägt sich natürlich auch psychologisch auf die Patienten nieder, deren Heilungsprozess dadurch beeinträchtigt wird.

Viele Probleme des staatlichen „Gesundheitssystems“ (besser „Krankenverwaltungssystems“) können parallel zu den Problemen des staatlichen Schulsystems gesehen werden, über die in diesem Blog ja mehrere Artikel zu finden sind.

Die meisten Kinder gehen nicht gerne zum Arzt, und haben Angst. So wie ich es sehe, können wir dabei zwei Komponenten unterscheiden:

1. Die Angst vor Schmerz und Leiden.
Diese Art von Angst sollten wir dem Kind allmählich zu überwinden helfen, mit viel Geduld und Verständnis. Schmerz und Leiden sind normale Bestandteile des Lebens, und manchmal sind sie sogar nötig, um bestimmte Ziele zu erreichen. Eine körperlich anstrengende Arbeit, eine lange Wanderung, ein intensives Sporttraining bewirken ebenfalls Schmerz. In dieser Hinsicht können schon Kinder anfangen zu lernen, Nachfolger Jesu zu sein, der „um der vor ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldete“ (Hebräer 12,2).

2. Die Angst vor einer Invasion seiner körperlichen Privatsphäre.
Das ist eine gerechtfertigte Angst, die wir nicht ignorieren oder auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Es ist nur natürlich, dass wir nicht wollen, dass andere Personen unseren Körper auf eine uns unangenehme Art berühren. Es ist diese selbe Angst, die das Kind vor körperlichem und sexuellem Missbrauch schützt, denn sie löst im Kind einen Alarmzustand aus und lässt es spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn jemand es auf unangemessene Art berührt. Wenn wir diese Alarmglocke einfach abzustellen versuchen, und wenn wir dem Kind zu verstehen geben, dass diese Angst irgendwie „falsch“ oder gar „ungehorsam“ sei (z.B. vor einer ärztlichen Untersuchung), dann versetzen wir das Kind in einen Zustand, in dem es allzuleicht Opfer von Missbrauch werden kann.
Das ist ein weiterer Grund, warum der Arzt eine Vertrauensperson sein sollte, die wir selber frei auswählen aufgrund einer persönlichen Beziehung. Es ist weder weise noch sicher, unsere Kinder von Unbekannten in einer unpersönlichen staatlichen Institution untersuchen und behandeln zu lassen.

Auch wir als Erwachsene haben es nötig, unser Selbstvertrauen wiederzuerlangen bezüglich unseres Rechts, selber über unseren Körper und unsere Gesundheit zu entscheiden. Das (bis vor kurzem) international anerkannte Prinzip der informierten Zustimmung („informed consent“) legt fest, dass niemand ohne sein freiwilliges Einverständnis einer medizinischen Behandlung unterzogen werden darf. Ein solches Einverständnis ist ungültig, wenn es mithilfe von Manipulation, Zwang, oder des Einflusses von Autoritätspersonen erzielt wurde; oder wenn der Patient nicht wahrheitsgemäss und vollständig über die möglichen Risiken informiert wurde. (Zusammengefasst aus der englischsprachigen Wikipedia.)
Das ist äusserst wichtig heutzutage, wo durch Druck oder Manipulation von Autoritätspersonen in Millionen von Menschen potenziell schädliche Substanzen injiziert werden, ohne dass diese in angemessener Weise darüber aufgeklärt werden, dass ein Risiko lebenslanger Behinderung oder gar des Todes besteht. Viele von uns Erwachsenen haben sich ebenfalls daran gewöhnt, wo es sich um medizinische Angelegenheiten handelt, unsere innere Alarmglocke auszuschalten, die uns sagt: „Es tut mir weh und es macht mir Angst, wenn sie das mit meinem Körper tun wollen.“

Wenn Gesundheit eine persönliche Angelegenheit ist, und wenn die „informierte Zustimmung“ noch irgendwelche Bedeutung haben soll, dann hat keine Regierung der Welt das Recht, bestimmte medizinische Interventionen als obligatorisch zu erklären, und andere zu verbieten. Auch wenn es vielen Menschen heutzutage befremdlich erscheinen mag: Wir brauchen keinen Regierungserlass, um unsere Zähne zu putzen, unsere Hände zu waschen, oder uns gesund zu ernähren. Entscheidungen über solche Dinge sind Privatangelegenheiten.

Nun sagt uns die Regierungspropaganda, eine bestimmte medizinische Intervention müsse unbedingt durchgeführt werden, weil wir sonst andere gefährden würden. Aber genau diese Behauptung hat keinerlei wissenschaftliche Grundlage. Im Gegenteil, sie ist bereits in vielfältiger Weise von der Realität widerlegt worden. Siehe Beispiele hier und hier, sowie hier die Graphiken über Vietnam und Thailand.


Um also zu einer gesünderen Perspektive über Gesundheit und Krankheit zu gelangen, schlage ich vor, dass wir zuerst einmal die regierungsamtlich bestellten „Experten“ von ihrem Podest herunterholen. Es ist schon eine hochkomplizierte Wissenschaft, den Krankheitsverlauf eines einzelnen Patienten angemessen zu diagnostizieren und dementsprechend zu behandeln. Nicht umsonst wird von einem Arzt verlangt, dass er ein Doktoratsstudium absolviert. Noch viel komplizierter ist es, die Ausbreitung einer Krankheit unter Millionen von Menschen zutreffend zu analysieren oder gar mit obrigkeitlichen Eingriffen in deren Lebensweise irgendwie steuern zu wollen. Das wäre mindestens so kompliziert, wie die ganze Wirtschaft eines Landes mit minutiösen Regierungsvorschriften komplett unter Kontrolle zu halten … Experimente wie die Sowjetunion oder Venezuela haben uns gezeigt, wohin das führt. Wer vorgibt, einen derart komplexen Vorgang so gründlich verstanden zu haben, dass er nun mit einschneidenden Vorschriften eine neuartige Seuche eindämmen oder gar ausrotten könne, der ist entweder ein Lügner, oder ist von einer krankhaften Selbstüberschätzung besessen. Die Realität der letzten zwei Jahre hat ja gezeigt, dass alle derartigen Versuche der sogenannten Experten kläglich versagt haben.

Sogar auf der Ebene des individuellen Patienten sollten wir unsere Einschätzung der medizinischen Möglichkeiten relativieren. Es ist nie der Arzt oder die Medizin, was uns „heilt“. Medizinische Behandlung kann lediglich dazu beitragen, dem Körper zu helfen, seine eigenen von Gott gegebenen Heilungsfunktionen effizienter auszuüben, wie z.B. die Funktionen des Immunsystems, oder die Mechanismen zur Reparatur beschädigter Gewebe.

Zweitens schlage ich vor, dass wir medizinische Behandlungsmöglichkeiten suchen und schaffen, die so weitgehend wie möglich vom staatlichen System unabhängig sind – und wenn möglich auch vom Einfluss der Grosskonzerne. Das wird in der gegenwärtigen Situation immer schwieriger, da der allgemeine Trend dahingehend gesteuert wird, die staatlichen Systeme immer stärker zu begünstigen und zu finanzieren, und unabhängige Ärzte aus ihrem Beruf zu drängen. (Auch in dieser Hinsicht haben wir eine exakte Parallele zur Schulpolitik.) Aber je mehr Menschen Anstrengungen unternehmen, ihre Unabhängigkeit diesem System gegenüber zurückzufordern, desto mehr Arbeitsmöglichkeiten wird es wieder geben für unabhängige Ärzte.

Und drittens, aber nicht etwa weniger wichtig: Geben wir Gott den Platz zurück, der ihm gebührt. Unsere Körper sind kein Staatseigentum; sie sind Schöpfung Gottes. Er ist Herr über Gesundheit und Krankheit. Suchen wir in der Krankheit zuerst Gott, und erst dann den Arzt. Und wenn wir zum Arzt gehen, dann wählen wir einen gottesfürchtigen Arzt.
Auf Gott zu vertrauen schliesst meiner Meinung nach auch ein, von den Heilkräften der Pflanzen und anderer Elemente von Gottes Schöpfung Gebrauch zu machen. So können wir die Abhängigkeit von synthetischen Medikamenten weitgehend verringern, welche oft unerwünschte Nebenwirkungen haben.
Und schliesslich, wenn wir Gott als Herrn anerkennen, dann anerkennen wir auch, dass er die Dauer unseres Lebens bestimmt. Das Leben ist nicht der höchste Wert. – „Denn deine Güte ist besser als das Leben“ (Psalm 63,3). – „Ebensowenig erachte ich mein Leben als wertvoll für mich selber, wenn ich nur meinen Lauf mit Freude vollende …“ (Apg.20,24). – Es ist sicher nicht gottgefällig, aufzuhören mit dem, was Gott uns aufgetragen hat (z.B. zu arbeiten; einander gegenseitig zu helfen; uns zu versammeln, um uns gegenseitig im Glauben aufzuerbauen; usw), in dem Bestreben, so vielleicht unserem Leben oder dem Leben anderer Menschen einige Monate hinzuzufügen. Oder wie ein Rabbiner es kürzlich auf den Punkt brachte: „Die religiösen Leiter sagen uns jetzt, wir sollten Gott dienen, indem wir aufhören, ihm zu dienen.“
Und die Behauptung, solche Einschränkungen würden Leben retten, ist ja weiterhin unbewiesen. – Wenn Gott der Herr ist über das Leben, dann kann in Wirklichkeit niemand seiner vorbestimmten Lebensdauer auch nur eine Sekunde hinzufügen oder wegnehmen.
Aus Gottes Perspektive ist es unwesentlich, ob unser Leben lang oder kurz ist; wesentlich ist, dass wir es zu seiner Ehre leben. Jesus lebte nur 33 Jahre auf der Erde; aber niemand hat mit seinem Leben und Sterben diese Welt so zur Ehre Gottes beeinflusst wie er. Lernen wir also, „unsere Tage zu zählen, damit unser Herz weise werde“ (Psalm 90,12).