Autoritarismus im deutschen Staat

14. April 2019

In den vorangegangenen Artikeln schrieb ich über autoritäre Strömungen in evangelikalen Kirchen und Familien. Doch Autoritarismus kann ebensogut von der säkularen Gesellschaft und vom Staat ausgehen. Letzteres scheint mir insbesondere in Deutschland der Fall zu sein, soweit ich als ferner Beobachter dies aus den Nachrichten schliessen kann.

Gegenüber der Staatsregierung besteht tatsächlich ein biblisches Gebot der Unterordnung (Römer 13,1-2, 1.Petrus 2,13). Aber auch diese Unterordnung hat ihre Grenzen. Die Regierung ist dazu da, jene zu loben, die das Gute tun, und jene zu bestrafen, die das Böse tun (Römer 13,3-4, 1.Petrus 2,14). Wenn die Regierung das nicht tut, oder sogar das Gegenteil davon tut, dann gilt auch hier: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg.5,29).

In den vorangehenden Artikeln haben wir u.a. die Haupt-Losung des Autoritarismus untersucht: „Man muss sich der Leiterschaft/Regierung unterordnen, auch wenn diese im Unrecht ist.“ So falsch das in der christlichen Gemeinschaft ist, so falsch ist es auch im Staat. In einem Unrechtsstaat stehen auch Christen unter keinerlei Gebot, sich dem Unrecht zu unterwerfen, das dieser Staat tut oder fordert.

Ich lese z.B, dass die deutsche Regierung mit ihrem Vorgehen im Zusammenhang mit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ während der letzten Jahre mehrfach ihre Kompetenzen überschritten hat, und damit das deutsche Grundgesetz sowie EU-Verträge gebrochen hat. In einem Rechtsstaat wäre die Regierung dafür zur Rechenschaft gezogen worden. Da dies nicht geschehen ist, muss ich daraus schliessen, dass Deutschland nun hochoffiziell ein Unrechtsstaat ist.

Ich lese auch, dass gewisse deutsche Behörden anscheinend weiterhin Homeschooling-Familien verfolgen. Ich hätte gedacht, gerade wegen der „Flüchtlingskrise“ hätten sie jetzt Wichtigeres zu tun. Z.B. dafür zu sorgen, dass zigtausende Migrantenkinder eine Bildung erhalten, die diesen Namen tatsächlich verdient. Aber stattdessen scheint es immer noch eine Priorität gewisser Behördenvertreter zu sein, deutsche Familien zu schikanieren und zu verfolgen, die ihren Kindern eine bessere Bildung vermitteln, als es in der Schule möglich wäre.

So berichtet die Familie Wunderlich, es sei ein neues Sorgerechtsverfahren gegen sie eingeleitet worden. Dies anscheinend in der Folge eines (vorläufigen und fragwürdigen) Urteils des Europäischen Gerichtshofs in Strassburg, wonach die Praxis der deutschen Behörden in dieser Sache nicht gegen die Menschenrechte verstiesse. (Nur nebenbei: Auch die EU ist ein zunehmend autoritäres Gebilde, wie u.a. aus deren Reaktion auf den Brexit deutlich wurde.) Dabei ist der 2013 gegen die Wunderlichs verfügte Sorgerechts- und Kindesentzug bereits 2014 vom OLG Frankfurt als ungesetzlich erklärt worden. Die behauptete „Kindeswohlgefährdung“ konnte nicht nachgewiesen werden. Es zeugt von einer gehörigen Portion Unverschämtheit, wenn ein Richter dasselbe Vorgehen, das zuvor von einer übergeordneten Instanz als ungesetzlich erklärt wurde, erneut wiederholen will.

Ich habe vor Jahren schon mehrere Artikel zu dem Thema geschrieben (man suche in diesem Blog nach „Homeschooling“ und „Deutschland“). Ich möchte mich deshalb im folgenden auf einen einzigen Aspekt beschränken:

Der deutsche Bundesgerichtshof hat im November 2007 in einem Grundsatzurteil festgehalten, dass die brutale Durchsetzung der deutschen Schulpflicht weder auf einer Sorge um die Bildung noch um das Kindeswohl gründet, sondern einzig auf dem „berechtigten Interesse der Allgemeinheit“, „der Entstehung von religiös oder weltanschaulich motivierten ‚Parallelgesellschaften‘ entgegenzuwirken und Minderheiten zu integrieren.“ – Also im Klartext, das ideologische Indoktrinierungsmonopol des Staates durchzusetzen. (Die zitierte Formulierung wurde anscheinend u.a. in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Oktober 2014 wortwörtlich wiederholt.) In der öffentlichen Debatte wurde damals vor allem das Schreckgespenst islamisch-extremistischer Parallelgesellschaften beschworen, die angeblich dann zustande kämen, wenn auch islamistischen Eltern das Recht zugestanden werde, ihre Kinder zuhause auszubilden.

Das ist schon ziemlich lange her. Heute muss ich als ferner Beobachter aus den Nachrichten schliessen, dass islamische und islamistische Parallelgesellschaften mittlerweile in den meisten deutschen Grossstädten Wirklichkeit geworden sind. Als Folge grösserer Bildungsfreiheit? – Keineswegs. Es hat in dieser Hinsicht ja keine Änderung der Gesetze oder der Praxis stattgefunden. Nicht nur hat die Schulpflicht die Entstehung dieser Parallelgesellschaften nicht verhindert; das Schulsystem hat sie in gewisser Hinsicht sogar gefördert:

„… Diese 16- und 17-jährigen [moslemischen Schüler] sehen sich täglich Versionen dieser Frage gegenübergestellt: Gehöre ich auch dazu? Kann ich Deutscher und Moslem sein?
Öffentliche (sic) Schulen in einigen der bevölkerungsreichsten Städte Deutschlands helfen solchen Schülern, Antworten zu finden in einer unerwarteten Umgebung: Islamunterricht.
Dieser Unterricht, erteilt von Moslems und an moslemische Schüler gerichtet, … wird nun als Wahlfach in neun deutschen Bundesländern erteilt, in mehr als 800 öffentlichen (sic) Primar- und Sekundarschulen … Er enthält Lektionen über den Koran, die Geschichte des Islams, vergleichende Religion und Ethik. Oft dreht sich die Diskussion um die Identitätsprobleme der Schüler, oder ihre Gefühle der Entfremdung …“
(Übersetzt aus der „Washington Post“, 3.November 2018)

Der Artikel in der „Washington Post“ behauptet zwar, dieser Unterricht sei zum Zweck der „Integration“ eingeführt worden:

„Einige deutsche Politiker setzen sich für eine Erweiterung des Islamunterrichts in öffentlichen (sic) Schulen ein, als ein Weg, die kulturelle Integration moslemischer Schüler zu fördern, und eine Interpretation des Islam, die deutsche Werte betont.
… Eine weitere Begründung für den Islamunterricht ist, dass moslemische Schüler gegen den Fundamentalismus ‚geimpft‘ werden sollen, wie es der protestantische Leiter Heinrich Bedford-Strohm ausdrückte.“

Eine ziemlich seltsame Begründung dafür, an den „öffentlichen“ Schulen moslemische Schüler in ihrem eigenen Unterricht abzusondern. Absonderung ist das genaue Gegenteil von Integration. Und wer garantiert, dass nicht genau dieser Islamunterricht mit der Zeit von „Fundamentalisten“ bzw. Extremisten übernommen wird?
Der syrisch-deutsche Politikwissenschafter Bassam Tibi setzt sich als Moslem seit Jahrzehnten für einen kulturell angepassten „Euro-Islam“ ein – erfolglos. Mittlerweile findet er in der deutschen Presse kaum noch eine Plattform. Das deutet vielmehr daraufhin, dass die deutsche „Allgemeinheit“ keinerlei Interesse hat an einer „Interpretation des Islam, die deutsche Werte betont“.

„… Seit zwei Jahrzehnten dringen periodisch Hilferufe und Alarmmeldungen verzweifelter Pädagogen, Schulleiter und Lehrerkollegien durch den Wall des verordneten Schweigens, mit dem Politiker und Schulbürokraten die Überlastung der Schulen durch hohe Ausländeranteile und integrationsunwillige Parallelgesellschaften umgeben.
…’Die Willkommenskultur zerreißt unsere Schulen‘ – Josef Kraus, Oberstudiendirektor a.D. und früherer Präsident des deutschen Lehrerverbands, spricht aus, was viele Lehrer nur hinter vorgehaltener Hand zu sagen wagen. Je höher der Anteil von Schülern ‚mit Migrationshintergrund‘, besonders mit islamischem, desto rasanter verwandeln sich Klassenzimmer in Chaosgebiete, in denen Angst und Gewalt herrschen und statt regulärem Unterricht und Wissensvermittlung für Lehrkräfte und restdeutsche Schüler vor allem Durchwursteln und Überleben auf dem Stundenplan stehen.
Der jüngste Warnruf kam von der Leiterin der Neuköllner Grundschule ‚an der Köllnischen Heide‘, Astrid-Sabine Busse, von deren 103 neu eingeschulten Erstklässlern nur ein einziger noch zu Hause Deutsch spricht.
… Und an zwei weiteren Schulen im Viertel sind unter 109 neu eingeschulten Kindern noch ganze zwei deutsche…“
(Deutschland-Kurier, 4.Dezember 2018)

„Die achtjährige Yara war das letzte Kind in ihrer Klasse, das zuhause Deutsch sprach. Ihre Schule hat mehrheitlich türkische und arabische Migranten als Schüler.
‚Sie mussten einen Übersetzer anstellen, um von Deutsch auf Türkisch oder Arabisch zu übersetzen, damit die Schüler überhaupt verstanden, was vorging …‘, erzählt der Vater des Mädchens, Mike F, gegenüber Sat 1.
… ‚[Yara] wurde zu Boden geworfen von einem arabischen Kind, das sie nicht einmal kannte. Dieses Kind schlitzte mit einem scharfen Gegenstand ihren Unterleib auf‘, sagt ihr Vater.
‚Sie ging natürlich zur Lehrerin und zeigte ihr, was geschehen war. Sie hatte Schmerzen und blutete. Die Lehrerin verharmloste den Vorfall und zwang meine Tochter, den ganzen Rest des Tages an der Schule zu bleiben.‘
… Mike F. versuchte mit der Lehrerin zu sprechen, wurde aber abgewiesen. – ‚Ich beging den Fehler zu erwähnen, dass es sich um arabische Kinder handelte; das war zuviel. Die Lehrerin sagte: Oh, das geschieht auf jedem Schulhof. Das hat nichts mit der Herkunft der Kinder zu tun.‘ “
(Übersetzt aus „Voice of Europe“, 30.November 2018)

Wenn mit „Allgemeinheit“ die regierungstreuen Kreise und Medien gemeint sind, dann sind für die „Allgemeinheit“ solche „religiös oder weltanschaulich motivierten Parallelgesellschaften“ jetzt anscheinend kein Schreckgespenst mehr, sondern im Gegenteil eine „kulturelle Bereicherung“, die toleriert und sogar geschützt werden soll. So z.B. wenn Polizei und Presse angewiesen werden, den kulturellen und religiösen Hintergrund von Gewalttätern zu verschweigen. Oder wenn zugelassen wird, dass gewisse Bezirke und Schulen faktisch von diesen Parallelgesellschaften regiert werden.
Damit hat natürlich die Argumentation des Bundesgerichtshofs von 2007 jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Wollte man diese Argumentation aufrechterhalten, dann müssten Schulbehörden, welche die Bildung solcher Parallelgesellschaften in Schulen dulden oder gar fördern, mindestens ebenso streng strafrechtlich verfolgt werden wie Homeschooling-Familien; und den Schulen müsste das Betreuungsrecht über die Kinder entzogen werden. Gibt man aber zu, dass in Wirklichkeit die „Allgemeinheit“ keinerlei Interesse daran gezeigt hat, die Entstehung von Parallelgesellschaften zu verhindern, dann wird der einzige von den obersten Gerichten zugestandene Grund zur Verfolgung von Homeschool-Familien hinfällig.

„Hat Gemeinschaft mit dir der Thron des Verderbens, der das Gesetz vorschützt und Unheil schafft? Sie rotten sich zusammen wider das Leben des Gerechten, und verurteilen unschuldiges Blut.“ (Psalm 94,20-21 ZÜ)

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Der Mann, dem der Evangelikalismus sein hässliches Gesicht verdankt

3. April 2019

Der bibeltreue Evangelikalismus hat ein freundliches und ein hässliches Gesicht. Das freundliche Gesicht ist Ausdruck von allem, was mit dem Evangelium von Jesus Christus zu tun hat: Befreiung von Schuld und Sünde; Vergebung, Versöhnung, Mitleid, vertrauensvolle Gemeinschaft; ein erneuertes Leben in der Kraft des Heiligen Geistes. Mag sein, dass es auch heute noch Gruppen gibt, wo ein solches von Jesus erneuertes Leben tatsächlich gelebt wird; ich weiss es nicht.
Das hässliche Gesicht kann beschrieben werden als: Engstirnigkeit, Gesetzlichkeit, diktatorische Leiterschaft, geistlicher Missbrauch (oft verbunden mit anderen, „handfesteren“ Formen von Machtmissbrauch).

Bei meinen Nachforschungen bin ich darauf gestossen, dass in neuerer Zeit anscheinend ein einziger Mann massgeblich dazu beigetragen hat, den amerikanischen Evangelikalismus (und in der Folge weltweit) innerhalb einer Generation auf die Seite der Gesetzlichkeit und des Autoritarismus zu ziehen. Natürlich ist er nicht der einzige. Aber wenn jemand Zehntausende von evangelikalen Pastoren und mehrere Millionen Mitglieder verschiedenster Denominationen zu seinen direkten, hingegebenen „Jüngern“ zählen kann, sowie zig Millionen von „indirekten“ Nachfolgern, dann stehen wir schon vor einem ganz aussergewöhnlichen Phänomen.

Man stelle sich vor: Ein Manipulator, der tausende von jungen Menschen psychisch und finanziell ausgebeutet hat, z.T. sogar körperlich misshandeln liess, und dutzende von jungen Frauen sexuell belästigt hat, hat jahrzehntelang in der evangelikalen Welt als grosse Koryphäe gegolten. Er hatte einen Grossteil der evangelikalen Gemeindeverbände, Ausbildungsstätten und Buchverlage – zumindest in den USA – derart unter seiner Fuchtel, dass diese auf sein Geheiss hin sicherstellten, dass so gut wie nichts Negatives über ihn veröffentlicht werden konnte. Die wenigen Gemeindeleiter und Bibellehrer, die es wagten, öffentlich vor ihm zu warnen, wurden beschimpft und verleumdet, oder einfach ignoriert.

Seine Gefolgschaft erstreckt sich über das gesamte theologische Spektrum, rekrutiert sich aber anscheinend mehrheitlich aus den konservativeren, bibeltreuen Reihen. Dabei sind einige seiner (weniger bekannten) Lehren derart abwegig, dass bibeltreue Gemeinden sie sofort abgewiesen hätten, wenn ein anderer sie verkündet hätte. Andererseits sind die wichtigeren seiner Lehren offenbar vor allem daraufhin angelegt, zu verhindern, dass jemand ihn selber zur Rechenschaft ziehen oder seine Autorität in Frage stellen könnte.

Fast jedes Mal, wenn ich mit evangelikalen Kreisen in Kontakt komme, stosse ich von neuem auf den direkten oder indirekten Einfluss dieses Mannes. Erfahrungsgemäss lassen Leiter, die unter diesem Einfluss stehen, keinerlei offene Diskussion zu über die Frage, ob diese Lehren und Praktiken einer biblischen Überprüfung standhalten. Traurig ist, dass tausende von Menschen von solchen Leitern verletzt und geschädigt werden. Und besorgniserregend, dass die meisten anderen Leiter, auch wenn sie selber ihre Macht nicht missbrauchen, sich mit ihrem Schweigen zu Komplizen machen.

(Weiterlesen)

… und hier ist eine biblische Analyse der Lehren des
Autoritarismus zu finden (die vorangegangene Artikelserie in
einem einzigen PDF-Dokument).

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 7

29. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Die Leiter im Volk Gottes sollen dem Autoritarismus widerstehen

Der Apostel Paulus benützt an einigen Stellen in seinen Briefen ziemlich harte Ausdrücke. Bei einigen Gelegenheiten „gebietet“ er gewissen Personen oder „weist zurecht“. Ist das ein Ausdruck von Autoritarismus?

Wenn wir den Zusammenhang untersuchen, dann finden wir, dass an den meisten Stellen, wo Paulus auf diese Weise spricht, er es genau zu dem Zweck tut, zu verhindern, dass sich der Autoritarismus in der Gemeinde ausbreitet:

„Wenn jemand euch evangelisiert entgegen dem, was ihr angenommen habt, sei er verflucht.“ (Gal.1,9) – Von wem spricht er? – Von den „infiltrierten falschen Brüdern, die sich eingeschlichen haben, um unsere Freiheit auszuspionieren, die wir in Christus Jesus haben, und um uns zu versklaven; denen wir keine Stunde in Unterordnung nachgegeben haben, damit die Wahrheit des Evangeliums bei euch bleibe.“ (Gal.2,4-5). D.h. Paulus musste sich durchsetzen, um den Galatern die Freiheit zu erhalten; um sie zu befreien von der Unterordnung unter gewisse Leiter, die sie wieder unter das Gesetz stellen wollten.

„… und wir sind dazu bereit, jeden Ungehorsam zu rächen, wenn euer Gehorsam vollständig ist.“ (2.Kor.10,6) – In diesem selben Zusammenhang sagt er später: „Denn ihr ertragt gern die Unverständigen, obwohl ihr verständig seid. Denn ihr ertragt es, wenn jemand euch versklavt, wenn jemand euch auffrisst, wenn jemand euch das Eure nimmt, wenn jemand sich selbst erhöht, wenn jemand euch ins Gesicht schlägt.“ (11,19-20)
Es geht also nicht darum, dass die Korinther einem Befehl des Paulus ungehorsam gewesen wären. Es geht darum, dass sie sich fälschlicherweise untergeordnet hatten unter die „Überapostel“, die eine autoritäre Leiterschaft über sie ausübten und sie misshandelten. Paulus spricht auf diese harte Weise, nicht um zu sagen: „Ordnet euch jetzt mir unter!“, sondern um ihnen die Freiheit in Christus zurückzugeben. „… Ich habe euch mit einem einzigen Mann verlobt, um [euch als] eine reine Jungfrau vor Christus zu stellen“ (11,2). – Das ist das Ziel von Paulus, nicht dass die Korinther sich ihm unterordnen, sondern dass sie mit Christus vereint werden.

„Aber der Geist sagt ausdrücklich, dass in den letzten Zeiten einige vom Glauben abfallen werden. Sie werden betrügerischen Geistern und Lehren von Dämonen folgen (…) Sie werden das Heiraten verhindern, und [gebieten] sich von Speisen zu enthalten …“ (1.Tim.4,1.3) – Auch hier warnt Paulus vor falschen Lehrern, die eine äusserliche Disziplin und „Menschengebote“ einführen werden.

„Deshalb weise sie streng zurecht, damit sie gesund im Glauben werden, und sich nicht jüdischen Mythen widmen, noch Geboten von Menschen, die sich von der Wahrheit abgewandt haben.“ (Titus 1,13-14) – Auch hier soll Titus gewisse Personen „streng zurechtweisen“, nicht damit die Geschwister sich ihm unterordnen, sondern damit sie nicht unter Menschengebote versklavt werden.

„Denn das weiss ich, dass nach meiner Abreise gefährliche Wölfe zu euch hereinkommen werden, die die Herde nicht verschonen werden; und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger hinter sich selbst her wegzuführen.“ (Apg.20,29-30) – Eines der Kennzeichen der falschen Leiter besteht darin, dass sie die Jünger „hinter sich selbst her“ führen, statt ihnen zu helfen, dem Herrn nachzufolgen. D.h. sie verlangen von den Jüngern eine solche Loyalität ihnen selbst gegenüber, wie sie nur dem Herrn Jesus gebührt. Paulus weist die Ältesten von Ephesus an, wachsam zu sein gegen die autoritären Leiter, die aus ihrer eigenen Mitte aufstehen werden.

Auf ähnliche Weise warnen auch die Apostel Petrus und Johannes vor dem Autoritarismus:

„Weidet die Herde Gottes, die bei euch ist … nicht als Herrscher über jene, die euch zugeteilt sind …“ (1.Petrus 5,1-3)

„Aber Diotrephes, dem es gefällt, der wichtigste unter ihnen zu sein, nimmt uns nicht auf. Deshalb werde ich, wenn ich komme, an seine Taten erinnern, (…) und nicht genug damit, nimmt er zudem die Brüder nicht auf; und jenen, die [sie aufnehmen] wollen, wehrt er es, und wirft sie aus der Gemeinde hinaus.“ (3.Joh.9-10)

Es ist eine der schwierigsten Aufgaben für einen echten geistlichen Leiter, Widerstand zu leisten gegen die Versuche autoritärer Leiter, die Macht zu ergreifen. Ein echter geistlicher Leiter hat die Frucht des Heiligen Geistes in seinem Leben, und ist deshalb eine gütige, barmherzige und integre Person. Er wird dazu neigen, seinen Geschwistern zu vertrauen. Er hat keine Freude daran, anderen zu widerstehen oder sie zurechtweisen zu müssen. Ein autoritärer Leiter dagegen wird alles tun, um Macht zu erlangen und über seine Geschwister zu herrschen. Dazu mag er sich auch einen sehr demütigen und geistlichen Anschein geben, wenn das zu seinen Zielen beiträgt. Gerade in diesen Situationen muss sich ein echter geistlicher Leiter durchsetzen, auch wenn das nicht seinem Wesen entspricht; aber es ist nötig, um zu verhindern, dass die Geschwister zu Opfern von missbrauchenden Leitern werden.

Warum folgen so viele evangelikale Leiter autoritären Lehren und Praktiken?

Angesichts der lehrmässigen Probleme des Autoritarismus, und seiner schädlichen Auswirkungen, fragt man sich, warum Millionen von Evangelikalen diesen Strömungen folgen.

Doch die Probleme sind nicht überall und auf den ersten Blick offenbar. Ich kam selber relativ bald nach meiner Bekehrung in eine Umgebung, wo autoritäre Lehren verkündet wurden. Als junger Christ hatte ich noch nicht gelernt, anhand der Schrift „alles zu prüfen“, was gelehrt wird. Ich kannte das Gesamtbild der neutestamentlichen Aussagen über christliche Gemeinschaft noch nicht, und war deshalb nicht in der Lage zu erkennen, wo Bibelstellen aus dem Zusammenhang gerissen und falsch angewandt wurden. Ich war hungrig nach Anleitung für mein Leben mit Jesus.
Die meisten Lehrer des Autoritarismus, denen ich damals begegnete, waren freundliche und hilfsbereite Menschen. Sie waren auch überzeugende Redner, hatten „geistliche Erfolgsgeschichten“ zu erzählen, und lehrten im übrigen manch Gutes und Wahres. Einige Menschen, die mir in meinem persönlichen Glaubensleben weitergeholfen hatten, empfah­len diese Lehrer, oder verkündeten selber autoritäre Lehren.
In einer Umgebung, wo ich die Leiter als im grossen ganzen ehrlich und integer kennenlernte, fiel mir auch die „Unterordnung“ nicht schwer. Doch der Haken daran war: Ich gewöhnte mich daran, „geistlichen Leitern“ praktisch bedingungslos zu vertrauen und zu gehorchen. Auch nachdem meine Bibelkenntnis zugenommen hatte, getraute ich mich noch nicht wirklich, biblisches Unterscheidungsvermögen anzuwenden. Insbesondere kam es mir während langen Jahren nie in den Sinn, die Grundlage meiner „Leichtgläubigkeit“ an sich in Frage zu stellen, nämlich die Lehren von „Autorität und Unterordnung“. Als ich später in eine Umgebung kam, wo die Leiter alle Arten von unehrlichen Machen­schaften und Missbrauch betrieben, erkannte ich deshalb lange Zeit nicht, was vorging, und wusste auch nicht wie mich dagegen zur Wehr zu setzen.

Meine eigene Geschichte illustriert einige Gründe, warum manche junge Christen autoritären Lehren folgen:

– Autoritäre Leiter und Gruppen müssen nicht unbedingt „hart“, „gesetzlich“ oder missbrauchend sein. Einige sind es; aber andere können sehr anziehend und hilfreich und sogar weitgehend „rechtschaffen“ sein.

– Auch in tatsächlich missbrauchenden Gruppen können viele Christen jahrelang dabei sein, ohne ein Problem zu sehen. Die dunkle Seite lernen in der Regel nur jene kennen, die Zugang zu Insider-Kenntnissen über Vorgänge innerhalb der Leiterschaft erhalten, oder die sich irgendwann veranlasst sehen, der Leiterschaft zu widersprechen. Die tatsächliche Einstellung eines Leiters zu Macht und Machtmissbrauch kommt oft erst dann ans Licht, wenn man einen Konflikt mit ihm hat.

– Aber auch in den „rechtschaffenen“ Gruppen konditioniert der Autoritarismus seine Nachfolger dazu, später Opfer von Irrlehrern zu werden, und von Leitern, die ihre Macht missbrauchen.

– Der Autoritarismus ist ein Lehrgebäude, das sich sozusagen selber vor seiner Entlarvung schützt: „Warum soll ich dieser Lehre folgen?“ – „Weil die Leiter es sagen.“ – „Und warum soll ich den Leitern glauben?“ – „Weil diese Lehre sagt, wir sollen ihnen glauben und folgen.“ Wer auf diesen ewigen Zirkelschluss hereinfällt, der bleibt darin gefangen und fragt gar nicht mehr, ob diese Lehren auf einer tragfähigen biblischen Grundlage aufbauen.

So habe auch ich selber viele Jahre lang autoritäre Lehren gelehrt und praktiziert, ohne diese wirklich am Wort Gottes geprüft zu haben. Verschiedene schmerzliche Erfahrungen waren nötig, sowie der Mut, das Neue Testament zu studieren, ohne sogleich die mir gewohnten kirchlichen Strukturen und Traditionen hineinzulesen, um zur Einsicht zu kommen, dass die Bibel etwas anderes lehrt.

Warum folgen aber auch viele reife Christen, Leiter, Pastoren, den Lehren des Autoritarismus?

Eine mögliche Antwort ist, dass manche von ihnen in einer solchen Umgebung aufwuchsen und es ihnen aus „Tradition“ gar nie in den Sinn kam, den obenerwähnten Zirkelschluss biblisch zu überprüfen.

Ein anderer möglicher Grund ist, dass viele religiöse Leiter an einem starken Machtstreben leiden. Sie sind dann sehr dankbar, wenn ihnen jemand ein Rezept anbietet, wie sie ihre Macht und ihren Einfluss festigen können, und die Gemeindeglieder „unterwürfiger“ machen können. Und wenn das Rezept zu funktionieren scheint, dann halten die wenigsten inne, um ihr Unterscheidungsvermögen zu aktivieren und sich zu fragen, ob das Rezept wirklich biblisch ist.

Die grosse Popularität autoritärer Lehren und Praktiken ist zugleich ein Anzeichen, dass auch in evangelikalen Kreisen das Erbe der Reformation am Verlorengehen ist: nämlich die Überzeugung, dass die Heilige Schrift die oberste Autorität über christliche Lehre und Praxis ist. Der Autoritarismus stellt die Autorität eines „Pastors“, Lehrers oder Leiters über die Autorität des Wortes Gottes; und er lässt nicht zu, dass jemand auf biblischer Grundlage die Lehre oder Praxis dieser „Autoritäten“ in Frage stellt. Eine solche Haltung ist aber weder reformiert noch evangelikal.

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 6

23. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Untersuchung einiger spezifischer Lehren des Autoritarismus

– „Gehorcht euren Pastoren.“

Hebr.13,17 wird oft zur Begründung autoritärer Lehren herangezogen: „Gehorcht euren Vorstehern und füget euch [ihnen], denn sie wachen über euren Seelen als solche, die Rechenschaft ablegen werden …“ (ZÜ). – Diesen Text müssen wir im Original näher betrachten. Das Wort für Vorsteher ist hägoúmenoi (wörtlich „Führer, Leiter“) – dasselbe Wort, das Jesus in Luk.22,26 benützt, um zu lehren, dass der „Leiter“ ein Dienender sein soll, nicht jemand, der Gehorsam einfordert. In Hebr.13,7 heisst es ausserdem von den hägoúmenoi: „Seht auf das Ergebnis ihres Betragens, und ahmt ihren Glauben nach.“ Es handelt sich also um Menschen, deren Beispiel der Nachahmung würdig ist. Niemand kann eine solche Autorität beanspruchen, nur weil er eine Leitungsstellung einnimmt in einer Organisation, die sich „Kirche“ nennt. Zumindest muss sein Autoritätsanspruch abgedeckt sein durch das Zeugnis eines gottgefälligen Lebens.
„Gehorchen“ heisst auf griechisch hypakoúo. Aber in Hebr.13,17 steht nicht dieses Wort, sondern peíthomai, was bedeutet „sich überzeugen lassen“. Es steht hier auch nichts von „sich unterordnen“ (hypotássomai); stattdessen steht hypeiko, was bedeutet „Raum geben“, „nachgeben“, oder „sich anpassen“ – nicht unter Zwang, weil man eine untergeordnete Stellung innehätte, sondern als freiwillige Entscheidung. Die hier verwendeten Ausdrücke sind also viel weniger stark, als der Autoritarismus vorgibt. Es geht nicht um „Unterordung“ bloss weil jemand „Autorität“ ist. Es geht darum, „sich überzeugen zu lassen“ von jemandem, der uns tatsächlich überzeugt, mit dem Beispiel seines Lebens und seiner geistlichen Reife.

Einige Leiter wollen aus unserem Vers zusätzlich die Lehre ableiten, dass Christen vor ihren Leitern Rechenschaft ablegen müssten über alles, was sie tun. Aber die Grammatik des Verses ist eindeutig: Die „Rechenschaft ablegen werden“, sind die Leiter, nicht „eure Seelen“. Es sind die Leiter, die vor Gott Rechenschaft ablegen müssen über die Art und Weise, wie sie ihre Leiterschaft ausgeübt haben.

Die Priester in Jerusalem (also die religiösen Leiter) wollten den Aposteln verbieten, den Namen Jesu zu verkünden. Die Apostel antworteten: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg.5,29). Die Priester waren im Irrtum, ihr Befehl war entgegen dem Willen Gottes; somit musste man ihnen nicht gehorchen. Dieses Prinzip widerlegt klar die Lehre, man müsse dem Leiter gehorchen, auch wenn er im Irrtum ist.

– „Die Leiter der Kirche sind Obrigkeiten.“

Einige benützen Römer 13,1: „Jedermann unterordne sich den herrschenden Obrigkeiten“, und wenden dies auf die kirchlichen Leiter an. Aber diese Stelle spricht einzig von der Staatsregierung! Das ist aus dem Zusammenhang klar ersichtlich. Der Abschnitt spricht von den „Regierenden“ árchontes, (13,3), die böse Taten bestrafen, sogar mit dem Schwert (v.4), und die Steuern erheben (v.6). Nichts davon trifft auf Gemeindeleiter zu; und die Leiter der Gemeinde heissen nirgends „árchontes“. Sie werden auch nicht „Obrigkeiten“ (exousíai, (13,1) genannt.
Dasselbe gilt für die Parallelstelle 1.Petrus 2,13-14.

– „Die Rebellion ist eine der schlimmsten Sünden.“

Als Beispiel wird oft Saul zitiert, zu dem Samuel sagte: „Gehorsam ist besser als Opfer, Aufmerken besser als Fett von Widdern. Denn Ungehorsam ist gerade so Sünde wie Wahrsagerei, und Widerspenstigkeit ist gerade so Frevel wie Abgötterei.“ (1.Sam15,22-23 ZÜ). – Das Problem mit dieser Auslegung besteht darin, dass der Text vom Ungehorsam Gott gegenüber spricht, nicht gegen einen Menschen. Es heisst weiter: „Weil du das Wort des Herrn verworfen hast, hat er dich verworfen als König.“ Das ist das Thema aller Bibelstellen, welche „Rebellion“ oder „Ungehorsam“ verurteilen: Es geht immer um die Rebellion gegen Gott, nicht gegen die Leiterschaft von Menschen.
Natürlich wollen die autoritären Leiter uns glauben machen, ihre Befehle seien identisch mit den Geboten Gottes. Aber diese Identität besteht nur da, wo das geschriebene Wort Gottes dasselbe sagt. Deshalb ruft uns die Schrift dazu auf, alles zu prüfen, was ein Leiter sagt, und das zu verwerfen, was nicht schriftgemäss ist.

– „Du hast nur dann den Schutz Gottes, wenn du unter einer ‚Abdeckung‘ stehst [einer hierarchischen menschlichen Leiterschaft]“.

Als Begründung wird oft Mat.8,9 zitiert, wo der Hauptmann von Kapernaum sagt: „Denn auch ich bin ein Mensch unter Autorität, und habe Soldaten unter meinem Befehl; und ich sage zu diesem: ‚Geh!‘, und er geht; und zum andern: ‚Komm!‘, und er kommt; und zu meinem Diener: ‚Tue dies!‘, und er tut es.“ So begründet der Hauptmann seine Überzeugung, dass Jesus Macht hat über die Krankheiten, und dass sein Diener allein durch das Wort Jesu geheilt werden würde. Deshalb – so der Autoritarismus – solle sich jeder Christ einer „Befehlshierarchie“ unterstellen, so wie der Hauptmann der militärischen Hierarchie unterstellt ist.
Diese Auslegung schiebt dem Text eine Anwendung unter, die nicht vorhanden ist. Der Hauptmann spricht von der Befehlsstruktur der römischen Armee, und von der Macht Jesu über Krankheiten (nicht über Menschen). Er sieht eine Analogie zwischen diesen beiden Arten von Autorität, weil die Armee die einzige Autoritätsstruktur ist, die er aus Erfahrung kennt. Soweit ist der Vergleich legitim, und Jesus lobt den Hauptmann für seinen Glauben. Aber beachten wir: für seinen Glauben daran, wer Jesus ist; nicht für seinen Glauben an eine
Befehlshierarchie.

Wenn wir darauf eine Lehre über die Leitungsstruktur der christlichen Gemeinde aufbauen wollen, dann gehen wir in die Irre. Die Gemeinde ist hier in keiner Weise im Blickfeld! Der Text gibt uns keine Grundlage zu behaupten, die Gemeinde müsse in derselben Weise organisiert sein wie die römische Armee, oder römische Hauptleute müssten uns belehren über die Struktur der christlichen Gemeinde. Wenn wir wissen wollen, was Jesus oder die Apostel zu diesem Thema sagen, dann müssen wir jene Aussagen in Betracht ziehen, die tatsächlich von der Gemeinde sprechen! Und wir haben in Teil 2 [LINK] gesehen, dass die Lehre Jesu und der Apostel in keiner Weise für eine „militärische“ Gemeindestruktur spricht. Wir haben dort auch gesehen, dass die Idee, menschliche Leiterschaft sei unser geistlicher Schutz, unbiblisch ist.

– „Gib deine Rechte auf.“

Jesus rief seine Jünger dazu auf, „sich selbst zu verleugnen, ihr Kreuz auf sich zu nehmen, und ihm zu folgen“ (Mat.16,24 u.a). Vertreter des Autoritarismus haben das zum Vorwand genommen, um zu verlangen, ein Christ solle sich völlig „hingeben“ an die Ansprüche seiner religiösen Leiter: „Gib dein Recht auf, über dein Leben zu entscheiden; tue, was dein Leiter dir sagt. Gib dein Recht auf, über die Wahl deiner Freunde zu entscheiden, über deine Arbeit, deinen Wohnort, wen du heiratest, … gehorche den Weisungen deiner Leiter. Gib dein Recht auf, recht zu haben; widersprich deinen Leitern nicht.“ Und wenn jemand gegen die Ansprüche der Leiter protestiert, wird ihm gesagt, er sei nicht genügend „hingegeben“.
Es geht hier aber wiederum darum, dass Jesus einzig davon spricht, sich ihm selber, dem Herrn, hinzugeben; nicht anderen Menschen. Gott ist der einzige, der ein Eigentumsrecht auf unser Leben geltend machen kann, weil er uns geschaffen hat und er uns erlöst hat. Kein Mensch auf der Erde hat das für uns getan. Deshalb darf kein Mensch auf der Erde von einem anderen diese „Hingabe“ verlangen, die nur der Herr verdient. „Mit einem Preis seid ihr erkauft worden; macht euch nicht zu Sklaven von Menschen“ (1.Kor.7,23). Der Herr Jesus ist berechtigt, uns in allen Aspekten unseres Lebens zu führen. Aber das tut er persönlich, nicht mittels fehlbarer Leiter: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Joh.10,27). Und wir dürfen darauf vertrauen, dass er das mit Liebe und zu unserem Besten tut, nicht wie die „Mietlinge“.

– „Richtet nicht.“

Wenn ein missbraucherischer Leiter wegen seiner Taten konfrontiert wird, verteidigt er sich oft mit diesen Worten (Mat.7,1).
Aber dieselben Leiter, die sich mit diesem Zitat verteidigen, richten die ganze Zeit! Oder ist es etwa kein „Richten“, die Geschwister in „Gehorsame“ und „Rebellen“ einzuteilen, je nachdem, ob sie alle Forderungen der Leiter erfüllen oder nicht? Ist es etwa kein „Richten“, einen Bruder unter Zensur zu stellen und auszuschliessen, nur weil er etwas gesagt hat, was dem Leiter missfällt? oder gar, weil er eine Sünde des Leiters aufgedeckt hat?
„Richten“ schliesst ein, dass ein Schuldspruch gefällt und eine Strafe verhängt wird. Es ist daher unsinnig, jemanden des „Richtens“ zu bezichtigen, der gar nicht die Macht hat, irgendwelche effektiven Strafen zu verhängen. Einige Leiter sind solche Heuchler, dass sie ihre Geschwister anklagen, einen „Richtgeist“ oder einen „kritischen Geist“ zu haben, „rachsüchtig“ oder „bitter“ und „rebellisch“ zu sein, während jene Geschwister keinerlei Macht oder Einfluss haben, um irgendwie die Machtposition des Leiters zu beeinträchtigen in der autokratischen Pyramidenstruktur, die er errichtet hat. Und oft stellen diese Leiter zum vornherein sicher, dass es innerhalb dieser Struktur keine Instanz gibt, die sie tatsächlich „richten“ könnte oder von ihnen Rechenschaft fordern könnte. Und gleichzeitig verhängen diese Leiter ständig Urteile von „Gemeindezucht“, Zensur, Ausschluss, Verfluchungen, Kontaktverbote, usw, gegen Geschwister, die es wagen, das Verhalten der Leiter in Frage zu stellen. Damit wendet sich dieses Argument des „nicht Richtens“ gegen die Leiter selber.

Das Wort vom Splitter und vom Balken (Mat.7,1-5) bezieht sich auf einen kleinen Fehler im Leben meines Bruders, den ich zu korrigieren versuche, ohne dass dieser Fehler mich selber schädigen würde. (Der Splitter im Auge meines Bruders beeinträchtigt nur ihn selber; er tut niemand anderem weh.)
Autoritäre Lehren und Machtmissbrauch gehören zu einer ganz anderen Kategorie: Sie schädigen und verletzen eine grosse Zahl von Menschen. Deshalb handelt es sich um Sünden, die gemäss den biblischen Anweisungen konfrontiert werden müssen. Wo Sünde oder falsche Lehre herrscht, da soll sehr wohl „gerichtet“ werden (1.Kor.5,3-5; 6,5; 14,29). Das soll mit Gerechtigkeit und ohne Ansehen der Person geschehen, auf der Grundlage des Wortes Gottes. „Die Gemeinde“ soll das tun, d.h. die Gemeinschaft aller Nachfolger des Herrn.

– „Wenn du unsere Gruppe verlässt, bist du abgefallen und unter dem Gericht Gottes.“

Diese Lehre missbraucht das Konzept des „Abfalls vom Glauben“, um die Mitglieder an die autoritäre Gruppe gebunden zu halten, und um zu verhindern, dass sie Hilfe oder auch nur Kontakte ausserhalb der Gruppe suchen. Aber im Neuen Testament bedeutet „Abfall“, die Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus zu verlassen, nicht die Gemeinschaft mit einer bestimmten Gruppe oder Organisation. Der Glaubensabfall ist eine Angelegenheit des persönlichen Glaubens und des Herzens, nicht der Zugehörigkeit zu dieser oder jener Gruppe. Ein Christ soll sogar eine Gruppe verlassen, wenn diese von falschen Lehren und Praktiken (z.B. Autoritarismus) beherrscht wird, aus Gewissensgründen und um seine eigene geistliche Gesundheit zu bewahren. „Hütet euch vor dem Sauerteig der Sadduzäer und Pharisäer“ (Mat.16,6). – „Geht hinaus aus ihrer Mitte, und trennt euch“ (2.Kor.6,17). – „Gehen wir also zu ihm hinaus, ausserhalb des Lagers, und tragen wir seine Schmach“ (Hebr.13,13).

– Mit einer religiösen Organisation oder deren Leitern einen „Bund“ schliessen und Verpflichtungen eingehen.

In letzter Zeit ist es in einigen Kreisen Mode geworden, dass Gemeindeglieder einen „Bund“ oder eine „Mitgliedschaftsverpflichtung“ unterschreiben müssen. Oft ist darin der Gehorsam den Leitern gegenüber enthalten, oder die regelmässige Teilnahme an gewissen Versammlungen, oder bestimmte finanzielle Verpflichtungen. Dafür gibt es keine biblische Grundlage. Die Schrift ruft uns auf, mit Gott einen Bund einzugehen, aber nicht mit Leitern auf dieser Erde. Es ist besser, keine Versprechen zu machen: „Besser, du gelobst gar nichts, als dass du gelobst und nicht hältst.“ (Pred.5,4 ZÜ). Keine der im Neuen Testament erwähnten Gemeinden unterwarf ihre Mitglieder irgendeiner „Mitgliedschaftsverpflichtung“.

In der Bibel gilt die Loyalität und Verpflichtung eines Christen immer dem Herrn, nicht einer irdischen Leiterschaft. Die Warnungen des Paulus in 1.Kor.1,12-13 und 3,3-4.21-23 richten sich nicht nur gegen die Bildung von „Parteien“ und Denominationen. Sie richten sich auch gegen die Praxis, einem Leiter eine Loyalität zu versprechen, die allein Christus gebührt. Ein Christ ist Eigentum Christi mit allem, was er ist und hat. Deshalb kann er sich nicht gleichzeitig einem irdischen Leiter hingeben mit einem „Gehorsamsbund“ o.ä. Solche Praktiken haben grosse Ähnlichkeit mit den Mönchsgelübden, wo auch unbedingter Gehorsam gelobt werden muss. In diesem Zusammenhang bekäme es uns gut, zu den Lehren der Reformation zurückzukehren und die Worte Luthers zu hören. Was er über das Papsttum sagt, müsste er heute auch vielen evangelikalen Kirchen sagen:

„Das soll klar sein: Weder der Papst, noch die Bischöfe, noch irgendein Mensch ist berechtigt, den Christen auch nur mit einer Silbe dem Gesetz zu unterwerfen, ohne dessen Einwilligung. Jede andere Art des Vorgehens ist Tyrannei. … Nun ist die Unterwerfung unter diese tyrannischen Gesetze und Einrichtungen dasselbe, wie sich unter die Knechtschaft von Menschen zu begeben.
… Den Christen können rechtmässigerweise weder Menschen noch Engel Gesetze auferlegen, ausser in dem Mass, wie die Christen selber es wünschen; wir sind vollständig befreit. … Deshalb richte ich meine Anklage gegen den Papst und gegen alle Papisten, und sage ihnen: Wenn sie nicht ihre Kirchengesetze und Traditionen widerrufen, wenn sie den Kirchen Christi nicht ihre Freiheit zurückgeben, wenn sie nicht veranlassen, dass diese Freiheit proklamiert wird, dann machen sie sich des Verderbens aller Seelen schuldig, die in dieser elenden Gefangenschaft zugrunde gehen, und das Papsttum wird nichts anderes sein als das Reich Babylons und des wahren Antichristen.“
Martin Luther, „Die babylonische Gefangenschaft der Kirche“, 1520 (rückübersetzt aus einer spanischen Ausgabe)

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 5

17. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Untersuchung einiger spezifischer Lehren des Autoritarismus

Die Vertreter des Autoritarismus benützen verschiedene Bibelstellen, um ihre besonderen Lehren zu begründen. Aber wenn wir ihre Argumente untersuchen, finden wir oft, dass diese Zitate aus dem Zusammenhang gerissen sind, oder dass sie nicht wirklich das aussagen, was der Autoritarismus behauptet. Betrachten wir einige Beispiele.

– „Der Leiter ist die Stimme Gottes für dich.“

Einige Gruppen lehren, die Leiter seien beauftragt, den Christen die Wegweisung Gottes für persönliche Entscheidungen zu vermitteln, z.B. betreffend Wohnort, Arbeit, Wahl ihrer Freunde, Heirat, usw. Sie begründen das mit einigen biblischen Geschichten, wo Gott tatsächlich durch besonders beauftragte Personen Weisungen erteilte.
In der Bibel finden wir zwei Arten von Menschen, die von Gott beauftragt wurden, Menschen sein Wort zu vermitteln: die alttestamentlichen Propheten, und die neutestamentlichen Apostel. Sie waren die einzigen, die mit voller Autorität sagen konnten: „So spricht der Herr.“
Wenn wir zu den Propheten des Neuen Testaments kommen, sehen wir bereits nicht mehr dasselbe Mass an Autorität: die Propheten des Neuen Testaments mussten von der ganzen Gemeinde geprüft werden (1.Kor.14,29; 1.Thess.5,20-21). Heute gibt es niemanden mehr, der anderen Weisungen erteilen könnte „im Namen Gottes“.
In der Ordnung des Neuen Testamentes möchte Gott vielmehr zu jedem Gläubigen persönlich sprechen und ihn persönlich führen, ohne die Einmischung eines Leiters: „Meine Schafe hören meine Stimme…“ (Joh.10,27). Gottes Kinder sind „von Gott gelehrt“ (Joh.6,45) und „vom Heiligen Geist geleitet“ (Röm.8,14).
Ein reifer, weiser Christ kann anderen Rat geben; aber er kann nicht „im Namen Gottes“ Befehle erteilen, die über das hinausgehen, was in der Bibel ausdrücklich geboten ist.

– „Man darf den Pastor nicht kritisieren. Taste den Gesalbten Gottes nicht an.“

Hierzu wird oft Psalm 105,15 zitiert: „Tastet meine Gesalbten nicht an, und tut meinen Propheten kein Leid!“ (ZÜ) Es lohnt sich, den Zusammenhang zu lesen. Der Psalm spricht von Gottes Bund mit Jakob (Israel) und seinen Nachkommen. Von ihnen heisst es, vor dem Auszug aus Ägypten: „Da sie noch wenige Männer waren, erst kurz im Lande und Fremdlinge dort, wanderten sie von Volk zu Volk, von einem Königreiche zum andern. Er liess sie von niemand bedrücken und wies Könige um ihretwillen zurecht: Tastet meine Gesalbten nicht an…“ (v.12-14, ZÜ)
Die „Gesalbten“ sind hier also das ganze Volk Gottes! Nicht ein autoritärer Leiter, sondern das demütige Volk, das als Fremdling „von einem Volk zum andern“ wandert. Und zu wem sagt Gott: „Tastet meine Gesalbten nicht an“? Zu den Königen der anderen Völker! Wir haben hier also keine Grundlage für den Autoritarismus. Im Gegenteil, es ist eine Verheissung Gottes, dass er auch das einfachste Glied seines Volkes in Schutz nimmt vor den Misshandlungen der „Könige“.
Im Reich Gottes gilt kein Ansehen der Person, es gibt keine hierarchischen Privilegien. Jeder Christ, unabhängig von seiner Funktion im Leib Christi, ist nicht mehr als ein Bruder unter Brüdern (Mat.23,8). So soll er auch brüderlich zurechtgewiesen werden, wenn er sündigt oder falsch lehrt.

– „Man darf nie über einen Leiter schlecht reden.“

Zur Begründung werden biblische Warnungen vor Klatsch und Verleumdung genannt (Ps.15,3; Spr.16,28; 26,20). Autoritäre Leiter lehren, dass jeder, der etwas Schlechtes über sie sagt, die Sünde des „Klatsches“ oder der „Verleumdung“ begeht. Damit verhindern sie, dass Opfer von Missbrauch Hilfe suchen, und dass die Probleme offen diskutiert werden.
Die Wahrheit ist, dass die Wahrheit nie Verleumdung ist! Böse Taten sollen getadelt und ans Licht gebracht werden (Eph.5,11), ob der Täter ein „gewöhnliches Mitglied“ oder ein Leiter ist. – Paulus schreibt an Tiimotheus: „Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses zugefügt; der Herr wird ihm nach seinen Werken vergelten. Und auch du hüte dich vor ihm! denn er hat unsern Worten grossen Widerstand geleistet.“ (2.Tim.4,14-15). Ist das „Klatsch“ oder „Verleumdung“? Nein, Paulus gibt Timotheus eine nötige Warnung. Auf ähnlich Weise spricht Johannes in seinem dritten Brief „schlecht“ von Diotrephes. Wenn jemand eine Gefahr für andere darstellt (z.B. weil er ein Sexualstraftäter oder ein Psychopath ist), dann müssen diese anderen gewarnt werden.

Ein ähnlicher Trick missbrauchender Leiter besteht darin, darauf zu bestehen, dass jede Konfrontation „privat“ zu erfolgen habe. Manchmal stellen sie sogar eine Menge von Vorbedingungen auf, bevor sie jemandem überhaupt erlauben, sie zur Rede zu stellen: „Bist du sicher, dass du selber ohne Schuld bist? – Hast du genau überprüft, ob alles, was du sagst, exakt den Tatsachen entspricht? – Ist deine Motivation rein, oder handelst du aus Bitterkeit?“ (Als ob es Sünde wäre, sich wegen einer erlittenen Misshandlung erbittert zu fühlen …)
Wenn diese Leiter selber alle diese Bedingungen erfüllen müssten, dann kämen sie nie dazu, ihre Leiterschaft auszuüben; denn sie selber konfrontieren, fordern, kritisieren und beschuldigen ihre „Untergebenen“ ständig, und aus ziemlich fragwürdigen Motiven. Aber in der Weltanschauung des Autoritarismus gelten die Regeln nur für „Untergebene“; die Leiter können tun, was sie wollen. Im Widerspruch zu allen biblischen Ermahnungen, die Person nicht anzusehen.

Ja, in Mat.18,15-17 heisst es, man solle den Täter zuerst privat konfrontieren, „wenn dein Bruder gegen dich sündigt“. Aber das gilt nicht in Fällen wie den folgenden:
– Wenn die Sünde öffentlich ist. Private Sünden sollen privat behandelt werden, aber öffentliche Sünden in der Öffentlichkeit. Deshalb musste Paulus Petrus vor allen Anwesenden zurechtweisen (Gal.2,14), weil dessen Heuchelei alle beeinflusst hatte. Dasselbe gilt für jemanden, der öffentlich falsche Lehren verbreitet: In diesem Fall ist es richtig, ihn öffentlich zu widerlegen.
– Wenn der Sünder ein Leiter ist, und es mindestens zwei oder drei Zeugen gibt. (1.Tim.5,19-20). In diesem Fall soll er öffentlich zurechtgewiesen werden.
– Wenn das Opfer sich in einer verletzbaren Situation dem Täter gegenüber befindet. Es ist ein wichtiges biblisches Prinzip, die Schwachen und Verletzlichen zu schützen. „Öffne deinen Mund für die Witwe, schaffe Recht allen verwaisten Kindern. Öffne deinen Mund zu gerechtem Spruch, und schaffe Recht den Elenden und Armen.“ (Spr.31,8-9, ZÜ). „… damit die Glieder alle sich umeinander kümmern“ (1.Kor.12,25). Es wäre unverantwortlich und nicht dem Geist Gottes gemäss, wenn z.B. verlangt würde, eine junge Frau solle den Mann, der sie vergewaltigt hat, privat und hinter verschlossenen Türen zurechtweisen. Keine Bibelstelle verbietet einem Opfer von Missbrauch irgendeiner Art, die Hilfe anderer Menschen in Anspruch zu nehmen, um sich gegen weitere Fälle von Missbrauch zu schützen.

– „Man muss dem Leiter gehorchen, auch wenn er im Irrtum ist.“

Zur Begründung wird oft die Geschichte von David und Saul zitiert. Als David sich in der Wüste versteckt hielt, hatte er zwei Gelegenheiten, Saul zu töten; aber er entschied, ihn zu verschonen (1.Samuel Kap.24 und 26). David sagte: „Nie werde ich meinem Gebieter, dem Gesalbten des Herrn, das antun, dass ich Hand an ihn legte; denn er ist der Gesalbte des Herrn.“ (1.Samuel 24,6 ZÜ). Und: „Denn wer könnte Hand an den Gesalbten des Herrn legen und bliebe ungestraft?“ (1.Samuel 26,9 ZÜ) Von daher lehren autoritäre Leiter: „David ordnete sich Saul unter, obwohl Saul böse handelte. So müssen sich auch die Christen ihren Leitern unterordnen, auch wenn die Leiter im Irrtum sind.“ Und: „Man darf einen Leiter nicht kritisieren; er ist der Gesalbte des Herrn.“

Entspricht diese Auslegung der Botschaft dieser biblischen Geschichten?

Erinnern wir uns, dass David ein Diener Sauls war. Aber als er verstand, dass Saul ihn töten wollte, floh er zu Samuel (1.Sam.19,11-19). Als Diener Sauls hätte er nicht weglaufen dürfen!
Erinnern wir uns auch, dass David eindeutig ein Rebell war in den Augen Sauls. Sonst hätte er ihn nicht verfolgt. Auch nachdem ihn David zum ersten Mal verschont hatte, sah Saul das offenbar nicht als ein Zeichen der Unterordnung an, denn er verfolgte ihn von neuem. Das zweite Mal sagte Saul: „Komm zurück, mein Sohn David, ich will dir forthin kein Leid mehr tun …“ (1.Sam.26,21 ZÜ). Aber David ging nicht mit Saul. Auch bei dieser Gelegenheit gehorchte David Saul nicht.
Trotzdem zeigt die ganze Geschichte klar, dass Gott auf der Seite des „rebellischen“ David stand und gegen „seinen Gesalbten“ Saul.
Betrachten wir nun die Worte „Hand anlegen an den Gesalbten des Herrn“. Es ging darum, dass Davids Leute Saul töten wollten. Aber einige heutige „Pastoren“ ertragen es nicht einmal, dass jemand sie mit Worten kritisiert: sofort beklagen sie sich, man „lege Hand an den Gesalbten des Herrn“. Zwischen Kritisieren und Töten ist ein riesiger Unterschied!
David kritisierte Saul sehr wohl, und das öffentlich: „Warum hörst du auf das Gerede der Leute, die da sagen: ‚Siehe, David sinnt auf dein Verderben‘? … Wen verfolgt doch der König von Israel? wem jagst du nach? einem toten Hund! einem Floh!“ (1.Sam.24,10.15-16 ZÜ)
Wenn wir also David als Beispiel nehmen, dürfen wir sehr wohl einen Leiter kritisieren, der verkehrt handelt. Und wir haben auch das Recht, einem solchen Leiter nicht zu gehorchen, wenn wir sonst sündigen oder Schaden erleiden müssten.

Ein letzter Aspekt: Wenn ein Leiter die angebliche „Unterordnung“ Davids als Beispiel darstellt, mit wem vergleicht er sich selber? Offenbar mit Saul, dem Verfolger, der selber Gott ungehorsam war. Wer also diese Geschichte benützt, um „Unterordnung“ zu lehren, verrät sich selbst als ein Rebell gegen Gott. Dieser selbe Saul verleumdete David und verdrehte die Tatsachen, als er zu seinen Dienern sagte: „…dass ihr euch alle wider mich verschworen habt und niemand es mir offenbarte, als mein Sohn sich mit dem Sohne Isais verbündete, und dass niemand unter euch Mitleid mit mir hatte und es mir offenbarte, dass mein Sohn meinen Knecht aufgestiftet hat, mir nachzustellen, wie es jetzt am Tage ist?“ (1.Sam.22,8 ZÜ)
So stellte Saul sich selbst als Opfer dar und David als den Angreifer, während es in Wirklichkeit umgekehrt war. So machen es auch viele autoritäre Leiter: Wenn jemand sich darüber beklagt, dass er von ihnen misshandelt wurde, oder sie zurechtweist wegen einer Sünde, dann sagen sie, sie seien Opfer einer „Verschwörung“ und des „Murrens“, und verlangen die Bestrafung des „Rebellen“, oder rufen die Strafe Gottes auf ihn herab und schliessen ihn aus.

Andere gebrauchen das Beispiel Sarahs, die auf Geheiss Abrahams lügen musste (1.Mose 12,11-13; 20,13). Das sei ein „gutes Beispiel der Unterordnung unter ihren Ehemann“. Sie sagen, „in diesem Fall verurteilt Gott Sarah nicht, denn sie war gehorsam; nur Abraham trägt die Verantwortung, weil er die Autorität ist.“ – Aber das Wort Gottes sagt nirgends, dass Sarah richtig gehandelt hätte mit ihrer Lüge! Dass eine Tat in der Bibel berichtet wird, bedeutet noch lange nicht, dass Gott diese Tat gutheisst. Und erst recht nicht, dass es eine Norm für das christliche Leben sei. Die Gebote Gottes sind klar: „Du sollst kein falsches Zeugnis geben“ – egal, wer einem das aufträgt. Und: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ – Das Wort Gottes ist auch klar darin, dass jeder gerichtet wird nach dem, was er selber getan hat: „Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit jeder erhält nach dem, was er mittels des Körpers getan hat, sei es gut oder böse.“ (2.Kor.5,10). Vor dem Thron Gottes kann sich niemand herausreden: „Mein Mann hat mich geheissen“, oder „Mein Gemeindeleiter hat mich geheissen.“
Wohin dieser Autoritarismus in letzter Konsequenz führt, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar. Viele Nazi-Kriegsverbrecher verteidigten sich damit, sie hätten auf Befehl ihrer Vorgesetzten gehandelt. So tötet der Autoritarismus das Gewissen des Einzelnen ab und verwandelt ihn in ein willenloses Folterwerkzeug.

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 4

11. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Was ist so schlimm an der Lehre von „Abdeckung“ und „Unterordnung“? (Fortsetzung)

Sie verletzt und misshandelt Gottes Volk.

Jesus sagte über autoritäre Leiter: „…sie binden schwere und schwierig zu tragende Bürden, und legen sie auf die Schultern der Menschen; sie selber aber wollen sie nicht mit einem Finger bewegen.“ (Mat.23,4) Autoritäre Leiter auferlegen ihren Untergebenen oft schwierige und ermüdende Vorschriften; aber sie selber folgen ihren eigenen Regeln nicht. Diese Doppelmoral ist eine Wurzel der Heuchelei, die Jesus kritisiert: „sie sagen, aber sie tun es nicht“ (Mat.23,3).

So kann ein autoritärer Leiter z.B. von seinen Untergebenen völlige Transparenz und Ehrlichkeit verlangen; aber er selber legt vor niemandem Rechenschaft ab, und verdreht die Wahrheit.
Oder er verlangt, dass seine Untergebenen „ihre Rechte aufgeben“, z.B. im finanziellen Bereich; aber er selber bereichert sich auf ihre Kosten.
Oder er stellt strenge Regeln auf über „sexuelle Reinheit“, die Kleidung der Frauen, und strenge Beschränkungen der Kontakte zwischen Männern und Frauen; aber er selber begeht Unzucht und sexuellen Missbrauch.
Oder er verbietet alle kritischen Äusserungen über ihn; aber er selber kritisiert, verflucht, und „diszipliniert“ seine Untergebenen hemmungslos.

In Teil 1 nannten wir einige Beispiele, was in solchen Umgebungen geschehen kann. Da es in autoritären Systemen kein gesundes Kräftegleichgewicht gibt, ist es oft nur ein Schritt von einem autoritären System zu einem missbrauchenden.

Oft finden Vertreter des Autoritarismus scheinheilige Vorwände, um ihren Untergebenen die Schuld zuzuschieben an den Problemen und an den Misshandlungen, die diese erleben. Z.B. erkrankt jemand wegen des Stresses, ständig die Vorwürfe der Leiter ertragen zu müssen; und sie sagen ihm: „Du bist krank, weil du einen Geist der Bitterkeit hast.“ – Oder eine Frau wird sexuell missbraucht, und sie sagen ihr: „Das geschah wegen der Art, wie du dich anziehst.“ – Oder eine Mutter hat rebellische Kinder, und sie sagen ihr: „Das liegt daran, dass du selber dich deinem Mann nicht genügend unterordnest.“

Es gibt keine biblische Grundlage für solche Anschuldigungen. Wo jemand unter der Sünde einer anderen Person leidet, da liegt die Schuld immer bei demjenigen, der die Sünde begangen hat! Und der Sünder muss nach Mat.18,15-17 konfrontiert werden, ohne Ausweichmanöver oder zusätzliche Hindernisse. Auch oder erst recht, wenn der Sünder ein Leiter ist. Aber die Lehren des Autoritarismus verdunkeln diese einfache Wahrheit, und beschuldigen die Opfer.

Zudem werden wir in 1.Kor.4,5 gewarnt, nicht vorschnell über die Absichten und Motive anderer Personen zu urteilen: „Richtet also nichts vor der Zeit, bis der Herr kommt. Er wird auch das im Dunkeln Verborgene ans Licht bringen, und die Absichten der Herzen sichtbar machen…“ – Autoritäre Leiter geben dagegen fälschlich vor, die verborgenen Absichten und Haltungen ihrer Untergebenen zu kennen, und fällen Urteile aufgrund solcher angeblicher Absichten.

Leiter, die autoritären Lehren folgen, fühlen sich manchmal unter einem enormen Druck, ihre Mitchristen „vor der Sünde bewahren zu müssen“, da sie glauben, sie seien die „geistliche Abdeckung“ ihrer laubensgeschwister. Wir haben bereits gesehen, dass es in Wirklichkeit Gott ist, der jeden Gläubigen beschützt. Aber wenn ein Leiter glaubt, das sei nicht genügend, und seine „Abdeckung“ sei notwendig, dann beginnt er ausgefeilte Mechanismen von „pastoraler Überwachung“ oder „Rechenschaftspflicht“ einzuführen, um alles zu überwachen und unter Kontrolle zu halten, was die Mitglieder in ihrem Privatleben tun. Z.B. benutzen sie „Seelsorgegespräche“, um die Mitglieder über ihr Leben und übereinander auszufragen; oder sie leiten die Mitglieder an, dem Leiter jedes „Fehlverhalten“ zu berichten, das sie bei einem anderen Mitglied beobachten (ähnlich wie die Netze von Denunzianten in den kommunistischen Diktaturen); und andere ähnliche Massnahmen.
All dies zerstört die mitmenschlichen Beziehungen unter den Geschwistern. Die Überwachung vermittelt Misstrauen: „Wir vertrauen nicht darauf, dass du dich gut benimmst. Wir misstrauen deinem guten Willen, ein gottgefälliges Leben zu führen. Wir müssen dich überwachen, weil du verdächtig bist.“ So geht die geschwisterliche Liebe und das Vertrauen zwischen Christen verloren. Stattdessen herrscht in den gegenseitigen Beziehungen das Misstrauen, die Angst, die Anpassung, und die Scham. All das verhindert ein gesundes geistliches Wachstum.

Einige rechtfertigen solche Praktiken mit Hebr.13,17: „…denn sie wachen über eure Seelen, als solche, die Rechenschaft ablegen müssen…“ – Aber der Ausdruck „über eure Seelen“ ist nicht verbunden mit dem „Rechenschaft ablegen“. D.h. es steht hier nicht, die Leiter müssten über die Seelen anderer Menschen Rechenschaft ablegen. Jeder muss Rechenschaft ablegen über das, was er selber getan hat (2.Kor.5,10, Offb.20,12-13). Die Bedeutung ist also: die Leiter müssen vor Gott Rechenschaft ablegen über die Art und Weise, wie sie ihre Leiterschaft ausgeübt haben.
Zweitens bedeutet „über eure Seelen wachen“ nicht, hinter den Mitgliedern herzuspionieren, und auch nicht jedem zu misstrauen, oder sie einer strengen Kontrolle zu unterwerfen. Das griechische Wort ist agrypnéo und bedeutet wörtlich „ohne Schlaf bleiben“. D.h. die Leiter sollen sich (positiv) „Tag und Nacht“ um ihre Geschwister kümmern. Wenn wir ein Beispiel suchen, was das bedeutet, so finden wir es im Bericht des Paulus über seinen Umgang mit den Thessalonichern: „Sondern wir waren gütig in eurer Mitte, wie eine stillende Mutter ihre eigenen Kinder nährt und pflegt. Wir hatten gute Absichten euch gegenüber, und es gefiel uns, mit euch nicht nur das Evangelium Gottes zu teilen, sondern auch unsere eigenen Seelen, denn ihr seid uns sehr lieb geworden.
Denn erinnert euch, Brüder, an unsere harte Arbeit und Mühe; denn wir arbeiteten Tag und Nacht, um niemandem von euch zur Last zu fallen, und so verkündeten wir euch das Evangelium Gottes. Ihr und Gott seid Zeugen, wie ehrerbietig und gerecht und untadelig wir zu euch, die Gläubigen, waren, wie ihr wisst; wie wir jeden einzelnen von euch ermutigten und trösteten wie ein Vater seine eigenen Kinder, damit ihr Gottes würdig lebt, der euch zu seinem eigenen Reich und zu seiner Herrlichkeit berufen hat.“ (1.Thess.2,7-12)

In Wirklichkeit will ein wiedergeborener Christ von sich selber aus das Gute tun, weil Gott ihm ein neues Herz gegeben hat. (Ez.36,25-27; 2.Kor. 5,17). Christus lebt in ihm, und bewirkt in ihm ein gottgefälliges Leben, durch die Gnade Gottes. „Denn durch das Gesetz bin ich dem Gesetz gestorben, um für Gott zu leben. Ich bin zusammen mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir; und was ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selber für mich gegeben hat.“ (Gal.2,20; siehe auch 1.Kor.15,10). Die „pastorale Überwachung“ zieht diese grosse Wahrheit des Evangeliums in Zweifel. Sie macht, dass die Christen sich ständig schuldig fühlen (für Dinge, die keine Sünden sind), an ihrer Stellung vor Gott zu zweifeln beginnen, und „von der Gnade fallen“ (Gal.5,4).
(Ein anderer Fall ist es, wenn jemand in Wirklichkeit nicht von neuem geboren wurde. Aber diese Situation ist nicht im Blickfeld der vorliegenden Artikelserie.)

Jesu Rede vom guten Hirten (Joh.10) erinnert die Zuhörer an Ezechiel 34, eine Prophetie, die die Folgen einer autoritären und missbrauchenden Leiterschaft beschreibt:

„Wehe den Hirten Israels, die sich selbst geweidet haben! Sollten die Hirten nicht die Schafe weiden? Die Milch geniesst ihr, mit der Wolle bekleidet ihr euch, und das Gemästete schlachtet ihr; die Schafe aber weidet ihr nicht. Das Schwache habt ihr nicht gestärkt, das Kranke nicht geheilt und das Gebrochene nicht verbunden; ihr habt das Versprengte nicht heimgeholt und das Verirrte nicht gesucht, und das Kräftige habt ihr gewalttätig niedergetreten. So zerstreuten sich denn meine Schafe, weil kein Hirte da war, und wurden allem Getier des Feldes zum Frasse.“ (Ez.34,2-5)

Weiter sagt Gott, er werde sich gegen die bösen Hirten wenden, die Schafe aus ihrer Hand befreien, und einen guten Hirten bestellen („meinen Knecht David“ = Jesus), der sie weiden wird. Gott zwingt niemanden, unter einer schlechten Leiterschaft zu bleiben, nur „weil sie die Leiter sind“.

Sie verhindert eine offene Diskussion der Probleme.

Alle Mitglieder der neutestamentlichen Gemeinde sind aufgerufen, ihr Unterscheidungsvermögen einzusetzen, um zu prüfen, was gelehrt wird:

„Prüft alles, behaltet das Gute.“ (1 Thess.5,21)

„Propheten sollen zwei oder drei sprechen, und die übrigen richten.“ (1.Kor.14,29)

Die Beröer wurden „edel“ genannt, weil sie prüften, was Paulus sprach: „sie forschten täglich in der Schrift, ob es so war“ (Apg.17,11).

Paulus schrieb den Galatern, sie sollten nicht einmal ihn selber aufnehmen, falls er ein anderes Evangelium als das ursprüngliche lehren würde (Gal.1,8). Nicht einmal ein Apostel kann fordern, dass seine Geschwister seine Lehren ungeprüft aufnehmen. Die römisch-katholische Kirche irrte während des Mittelalters so weit ab, weil sie ihren Mitgliedern das Recht verweigerte, die Lehren ihrer Leiter zu prüfen und in Frage zu stellen.

Ebenso sollen auch Sünden offen konfrontiert werden, unabhängig davon, ob der Sünder ein „gewöhnliches Mitglied“ oder ein Leiter ist. (Siehe Mat.18,15-17; Gal.2,11-14.)

Autoritäre Leiter verdrehen diese Prinzipien. Sie errichten Machtstrukturen, wo nur sie andere zurechtweisen können, aber niemand kann sie zurechtweisen. Wenn es ein Problem gibt in der Gemeinde, eine Sünde, oder eine falsche Lehre, dann wird die offene Diskussion darüber unterdrückt, und es wird gelehrt, es sei „Klatsch“ oder „Rebellion“, auf einen Fehler eines Leiters hinzuweisen.

In einer gesunden Gemeinde können falsche Lehren, extreme Ansichten, und Machtmissbrauch von seiten der Leiter eingedämmt und korrigiert werden durch die offene, allgemeine Diskussion auf biblischer Grundlage. In einer autoritär geleiteten Gemeinde wird dagegen jede abweichende Meinung als „Disziplinarfall“ behandelt. Statt die Probleme offen und ehrlich zu diskutieren, werden jene Personen, die Probleme aufzeigen, eingeschüchtert und als „Sünder“ behandelt. Infolgedessen leben die Mitglieder in gegenseitigem Misstrauen, und das schlechte Verhalten von seiten der Leiter nimmt zu, weil niemandem erlaubt wird, sie zurechtzuweisen.

Sie führt zum Denominationalismus und Sektiererei

Von allen Gemeinden, die im Neuen Testament erwähnt werden, war jene von Korinth offenbar am stärksten beeinflusst von der Idee der „Unterordnung unter die Leiterschaft“. Sie waren nicht damit zufrieden, zu Christus zu gehören; sie wollten auch einem ihrer Leiter „gehören“. Deshalb sagten einige: „Ich gehöre Paulus“, andere: „Ich gehöre Apollos“, usw. (1.Kor.1,12)
Die genannten Leiter hatten selber nie diese Art von „Unterordnung“ gefordert, und hatten auch nie ein „Eigentumsrecht“ über die Korinther geltend gemacht. Paulus erklärt: „Wer ist also Paulus? Und wer Apollos? – Diener, durch die ihr zum Glauben kamt; und jeder [dient], wie der Herr es ihm gegeben hat. Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, aber Gott liess es wachsen. So ist nicht der etwas, der gepflanzt hat, noch der, der begossen hat, sondern Gott, der es wachsen liess.“ (1Kor.3,5-7)

Die neutestamentliche Gemeinde wird von einer Vielfalt von „Diensten“ aufgebaut. (Eph.4,11 nennt „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“). Diese bilden keine „Hierarchie“ oder „Befehlskette“, sondern ergänzen einander. Im vorherigen Zitat (1.Kor.3,5-7) erklärt Paulus, dass zwischen ihm und Apollos keine Vorgesetzten-Untergebenen-Beziehung besteht (und auch nicht zwischen ihm und Kephas=Petrus). Beide sind gleichermassen von Gott gebrauchte „Diener“, jeder mit seiner eigenen Gabe. Die einzige Person, die eine „privilegierte“ Stellung einnimmt in der neutestamentlichen Gemeinde, ist Jesus Christus selber. „Denn niemand kann ein anderes Fundament legen ausser dem, das gelegt ist, welches Jesus Christus ist.“ (1.Kor.3,11)

Nun hat jeder Leiter oder Lehrer gewisse persönliche Vorlieben oder Neigungen in seiner Bibelauslegung, und in seiner Art, das christliche Leben zu leben. Deshalb werden zwei Leiter nie völlig übereinstimmen in allen Details ihrer Lehre und Praxis. Die Korinther waren anscheinend nicht in der Lage, diese Unterschiede auf reife Weise zu handhaben – ähnlich wie heute viele Evangelikale (inbegriffen Leiter) nicht auf geistliche Weise umgehen können mit den Unterschieden zwischen Calvinisten und Arminianern; zwischen Pfingstlern und Nichtpfingstlern; zwischen jenen, die den Frauen das Hosentragen erlauben und jenen, die es nicht erlauben; zwischen jenen, die beim Singen die Hände erheben und jenen, die das nicht tun, usw.
Der Fehler der Korinther bestand darin, diese persönlichen Vorlieben der Leiter auf den Rang göttlicher Gebote zu erheben. Dieser Fehler wird in 1.Kor.4,6 angesprochen: „Und dies, Brüder, habe ich um euretwillen auf mich und Apollos angewandt, damit ihr an uns[erem Beispiel] lernt, nicht über das hinaus zu denken, was geschrieben steht, damit niemand von euch aufgeblasen werde wegen des einen [Leiters und] gegen den anderen.“ – Die Korinther waren „aufgeblasen“ geworden, indem die einen allen übrigen die persönlichen Vorlieben des Apollos auferlegen wollten, und andere die persönlichen Vorlieben des Paulus. Paulus erklärt, dass ein Leiter rechtmässigerweise der Gemeinde nur das auferlegen kann, „was geschrieben steht“. Kein Leiter hat Autorität, seinen Geschwistern besondere Auslegungen oder Praktiken aufzuzwingen, die über das hinausgehen, was die Heilige Schrift festlegt.

Wegen dieses Problems sagt Paulus den Korinthern: „Ihr seid mit einem Preis erkauft worden; werdet nicht Sklaven von Menschen.“ (1.Kor.7,23)

Wegen dieses Problems widmet Paulus ein ganzes Kapitel (1.Kor.12) der Beschreibung des Leibes Christi, wo die Glieder unterschiedliche Funktionen haben, aber alle dieselbe Wichtigkeit und Würde. Die Glieder haben untereinander eine Beziehung der gegenseitigen Ergänzung, nicht der „Autorität“ und „Unterordnung“.

Ein evangelikaler „Pastor“ antwortete einmal darauf: „Aber die Gemeinde ist ein Leib, dessen Haupt der Herr ist. Könnt ihr euch einen Leib vorstellen, wo die Hände und die Füsse direkt am Haupt angebracht sind? Ein Monster!“ – Dieser Pastor ist im Irrtum, sowohl biblisch als auch anatomisch. Die Bibel bekräftigt ausdrücklich, was er verneint:

„Lasst euch durch niemand um den Kampfpreis bringen, der sich gefällt in [unterwürfiger] Demut und Verehrung der Engel, der sich auf Dinge einlässt, die er [gar] nicht gesehen hat, ohne Ursache aufgeblasen von dem Sinn seines Fleisches, und der sich nicht hält an das Haupt, von dem aus der ganze Leib, durch die Gelenke und Bänder unterstützt und zusammengehalten, das Wachstum vollzieht, das Gott gibt.“ (Kol.2,18-19, ZÜ)

Jedes Glied des Leibes Christi soll sich also „an das Haupt halten“, das Christus ist. So ist es auch eine anatomische Tatsache, dass z.B. die Finger ihre Befehle nicht von der Hand erhalten, auch nicht vom Vorderarm, sondern direkt vom Haupt (d.h. genauer, vom Zentralnervensystem). Dadurch befindet sich tatsächlich jedes Glied in direkter Kommunikation mit dem Haupt; und die Glieder erteilen einander keine Befehle.

Wenn wir nun zum zweiten Korintherbrief gehen, dann sehen wir, dass dieses Problem das einzige ist, das nicht korrigiert wurde, sondern sich sogar verschlimmerte (Kap.10 und 11): Nun ziehen die Korinther jene Leiter vor, die tatsächlich „Unterordnung“ fordern (d.h. die „Überapostel“), entgegen den echten Leitern wie Paulus, Apollos und Petrus. Deshalb muss Paulus auch im zweiten Brief betonen: „Nicht dass wir Herren wären über euren Glauben, sondern wir sind Mitarbeiter zu eurer Freude; denn im Glauben steht ihr.“ (2.Kor.1,24) – Sein Ziel ist es nicht, dass die Korinther sich ihm unterordnen; sondern dass sie mit Christus vereint werden (2.Kor.11,2).

Da der Autoritarismus es nicht erlaubt, die Lehre und Praxis der Leiter biblisch zu prüfen und zu diskutieren, produziert und verschlimmert er genau dieses Problem. Zuerst produziert er Denominationalismus und Parteisucht (die Situation von 1.Korinther); und wenn er weiter fortschreitet, Sektiererei (die Situation von 2.Korinther).

Sie führt zum Papsttum.

Wenn ein Leiter „die Stimme Gottes“ ist für seine Nachfolger, und wenn der Gehorsam der Untergegebenen Gott gegenüber sich ausdrückt in ihrem Gehorsam dem Leiter gegenüber, dann stellt sich dieser Leiter zwischen seine Untergebenen und Gott. Er wird zu einer „Brücke“ oder einem „Mittler“ zwischen den Menschen und Gott. Das ist das Wesen des katholischen Priestertums: eine „Brücke“, die den Zugang der Gläubigen zu Gott vermittelt. Deshalb ist einer der Titel des Papstes „Pontifex Maximus“, „der grösste Brückenbauer“.

Aber es ist nicht biblisch, dass ein Mensch diese Stellung einnimmt. (Siehe in Teil 2 über den direkten Zugang des Christen zu Gott.) Das war eines der Schlüsselthemen der Reformation: Brauchen wir die Vermittlung eines Priesters, oder kann sich jeder Christ direkt Gott nähern, durch Jesus Christus? Die Lehren des Autoritarismus sind in Wirklichkeit ein Rückfall zur katholischen Auffassung vom Priestertum.

Und wenn jeder Leiter seinerseits einen übergeordneten Leiter in der „Befehlshierarchie“ haben soll, und das konsequent fortgeführt wird, dann gelangen wir zu einer Pyramidenstruktur, wo notwendigerweise jemand die Stellung an der Spitze einnehmen muss. Und es ist nötig, dass dieser Leiter an der Spitze die Bibel unfehlbar auslegen kann; denn er ist verantwortlich dafür, die ganze Christenheit zu lehren, und er hat niemanden, der ihn belehren könnte, ausser Gott selber. Diese Logik führt unvermeidlicherweise zum römischen Papsttum.

Auf der evangelikalen Seite hat diese Logik des Autoritarismus zwei Ergebnisse hervorgebracht, die wir gegenwärtig beobachten können. Eines ist das Erscheinen verschiedener evangelikaler „Päpste“, die sich an die Spitze ihrer eigenen „Pyramide“ stellen, jeder mit seinen eigenen Nachfolgern. Einige von ihnen sind örtliche Pastoren mit einigen hundert „Jüngern“; andere haben internationalen Einfluss und Millionen von Nachfolgern. Gemeinsam ist ihnen ihr Anspruch auf unantastbare Autorität. Auch wenn sie nicht offen sagen, sie betrachteten sich als „unfehlbar“, so handeln sie doch in der Praxis, als ob sie es wären. Sie fügen der Bibel ihre eigenen Gebote und Ideen hinzu; sie bestrafen ihre Nachfolger, wenn sie ihnen nicht gehorchen; und sie nehmen von niemandem Korrektur an.

Das zweite Ergebnis ist, dass in den letzten Jahren eine wachsende Anzahl evangelikaler Leiter (sogar von internationalem Einfluss) tatsächlich begonnen hat, die Reformation zu widerrufen und die „sichtbare Einheit“ mit dem römischen Papst zu suchen. Unter ihnen sind mehrere Leiter der Weltweiten Evangelischen Allianz, d.h. die oberste Vertretung der Evangelikalen weltweit. Auch das ist eine logische Folge des Autoritarismus: Wenn man „dem Leiter gehorchen muss, auch wenn er im Irrtum ist“, dann war die Reformation eine Rebellion gegen die rechtmässige Leiterschaft der Kirche ihrer Zeit. Alle evangelikalen Kirchen haben ihre Wurzeln in dieser „Rebellion“. Wer sich als Erbe der Reformation oder der Täufer versteht, der kann nicht an den Lehren des Autoritarismus festhalten, ohne den Ast abzusägen, auf dem er selber sitzt.
Tatsächlich ist der Unterschied zwischen Reformation und Katholizismus wesentlich ein Unterschied zwischen christlicher Freiheit und Autoritarismus. Wir sehen dies anhand zweier von Luther formulierter Prinzipien: Das Priestertum aller Gläubigen, und „Sola Scriptura“.

Das Priestertum aller Gläubigen

Im Neuen Testament gibt es genau fünf Stellen, wo Christen „Priester“ oder „Priestertum“ genannt werden:

„… Lasst euch auch selbst wie lebendige Steine aufbauen als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft … Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums …“ (1.Petrus 2,5.9 ZÜ)
(Jesus Christus) „machte aus uns Könige und Priester für Gott, seinen Vater …“ (Offb.1,6)
„…denn du wurdest geschlachtet, und erkauftest für Gott mit deinem Blut aus jedem Stamm und Sprache und Volk und Nation, und machtest sie zu Königen und Priestern für unseren Gott …“ (Offb.5,9-10)
„… Über diese hat der zweite Tod keine Autorität, sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein, und werden mit ihm tausend Jahre regieren.“ (Offb.20,6)

Diese Stellen sprechen von allen wahren Christen. Es gibt keine Christen, die „priesterlicher“ wären als andere. Jeder Christ ist ein Priester vor Gott, unter dem Hohenpriester Jesus Christus (Hebr. 4,14; 7,26-28).

Im katholischen System sind das besondere Priestertum und die von ihm verwalteten Sakramente notwendig, um den Zugang der Gläubigen zu Gott zu sichern. Die Reformation schaffte diese menschliche Vermittlung ab (siehe 1.Tim.2,5). Aber der Autoritarismus führt die evangelikalen Kirchen zurück zu einer Situation, wo die Gläubigen eine „Priesterschaft“ nötig haben (die „Autoritäten“), die sich zwischen sie und Gott stellen.

Sola Scriptura

Die katholische Kirche kennt drei „Autoritäten“ über die christliche Lehre und Praxis: die Heilige Schrift, die „Tradition“, und das Lehramt der Kirche. Diese drei „Autoritäten“ sind gleichrangig. Deshalb hat die römische Kirche im Lauf der Zeit von ihren Meistern verschiedene Lehren angenommen, die der Bibel widersprechen. Wenn menschlichen Lehrern dieselbe Autorität gegeben wird wie der Heiligen Schrift, dann gibt es keine Möglichkeit, diese Lehrer anhand der Bibel zu korrigieren.

Angesichts dieser Situation postulierten die Reformatoren, dass die Heilige Schrift die einzige massgebende Autorität für die Lehre und das christliche Leben ist. Das kann mit den neutestamentlichen Stellen begründet werden, die jedem Gläubigen auftragen, die Lehren, die er hört, zu prüfen (1.Kor.14,29; Gal.1,8; 1.Thess.5,21; Apg.17,11); und mit den Verheissungen, dass Gott selber jeden Gläubigen lehrt (Joh.6,45; 10,27; 1.Joh.2,27). Jeder Gläubige ist in der Lage, die Bibel zu verstehen, soweit es nötig ist; und es ist weder nötig noch gerechtfertigt, dass die Leiter der Kirche eine „autoritative Auslegung“ als verbindlich erklären.

Infolgedessen hat jeder Gläubige das Recht, einen Leiter oder Lehrer zu konfrontieren und zu korrigieren, wenn ein biblischer Grund dazu besteht. Die Autorität über die Kirche liegt nicht in einer Person oder einem „Amt“, sondern in der Heiligen Schrift. Auch der einfachste Christ, der sich auf die Bibel stützt, hat grössere Autorität als ein Leiter, der im Widerspruch zur Bibel lehrt oder handelt.

Die Lehren und Praktiken des Autoritarismus leugnen das „Sola Scriptura“, und setzen von neuem die Autorität fehlbarer Menschen anstelle der Autorität der Heiligen Schrift.

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 3

5. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Was ist so schlimm an der Lehre von „Abdeckung“ und „Unterordnung“? (Fortsetzung)

Sie gibt uns falsche Motive, Gott zu dienen.

In manchen Gruppen wird gelehrt: „Du gehorchst Gott, indem du deinen Leitern gehorchst.“ Und auch: „Wenn du deinem Leiter nicht gehorchst, verlierst du den Schutz Gottes.“ So wenden die Christen ihre Aufmerksamkeit von Gott ab, und den Leitern zu. Ihre Handlungen sind nicht mehr von der Liebe zu Gott motiviert, sondern von der „Pflicht“, sich dem Leiter unterzuordnen, und von der Angst vor dem Missfallen des Leiters und davor, den Schutz Gottes zu verlieren.

Das Wort Gottes sagt dazu: „In der Liebe ist keine Angst, sondern die vollkommene Liebe wirft die Angst hinaus; denn die Angst hat Strafe; aber wer sich fürchtet, ist nicht vollkommen in der Liebe. Wir lieben ihn, weil er uns zuerst geliebt hat.“ (1.Joh.4,18-19).

Wer also die Angst als Motivation zum Gehorsam einführt, der zerstört die Liebe der Gläubigen, und lenkt ihren Blick von der Liebe Gottes ab. Der wahre christliche Gehorsam ist motiviert von der Liebe Gottes zu uns, die als Antwort in uns eine Liebe zu ihm hervorruft.

Ein wiedergeborener Christ hat das Vorrecht einer tiefen Vertrauensbeziehung zu Gott. Er darf wissen, dass Gott auf seiner Seite ist, dass er ihn nicht verlassen wird, dass er ihn beschützt, dass er ihn nie betrügen oder verraten wird, dass er ihn als sein Kind angenommen hat. Die autoritären Systeme zerstören dieses Vertrauen, weil sie zu einer ständigen Angst führen, die Gnade und Fürsorge Gottes zu verlieren. Mitglieder solcher Gruppen fühlen sich unter einem ständigen Druck, an sich selbst und an ihrer guten Beziehung zu Gott zu zweifeln, weil sie vielleicht irgendeine Anordnung der Leiter übersehen hatten, oder eines von deren „Prinzipien“ oder Menschengeboten übertreten hatten (s.u).

Sie bewirkt Sünde.

Gott hat versprochen, die Seinen davor zu beschützen, in Sünde zu fallen:

„Denn die Sünde wird keine Macht über euch haben; denn ihr seid nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade.“ (Röm.6,14)
„Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes.“ (Röm.8,2)
„Gott ist treu und wird nicht zulassen, dass ihr über euer Vermögen hinaus versucht werdet. Er wird mit der Versuchung auch den Ausweg schaffen, damit ihr sie ertragen könnt.“ (1.Kor.10,13)
„Dazu hat sich der Sohn Gottes gezeigt, um die Taten des Teufels zunichte zu machen. Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht die Sünde, denn der Same Gottes bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen
[genauer: in Sünde leben], denn er ist aus Gott geboren.“ (1.Joh.3,8-9)
„… er kann euch ohne Fehltritt bewahren, und euch untadelig festigen vor seiner Herrlichkeit mit Frohlocken …“ (Judas 24).

Aber in den autoritären Strömungen wird anstelle des Schutzes Gottes die „Abdeckung“ durch die Leiterschaft gesetzt. Das hat verschiedene schädliche Folgen:

– Das Vertrauen auf Gott wird zerstört, und ersetzt durch die Abhängigkeit von Menschen.

Christen, welche den autoritären Lehren Glauben schenken, richten ihr Vertrauen auf das falsche Objekt. Statt auf den Schutz Gottes zu vertrauen, beginnen sie zu glauben, es sei ihre Unterordnung unter die Leiterschaft, welche sie vor der Sünde beschützt. Aber ein blosser Mensch kann keinen solchen Schutz bieten. Deshalb kommen die Christen, die solchen Lehren folgen, zu Fall, wie wir gewarnt werden:

„Menschenfurcht ist ein Fallstrick; wer aber auf den Herrn vertraut, wird erhöht werden.“ (Sprüche 29,25)
„Verflucht ist der Mann, der auf Menschen vertraut und Fleisch zu seinem Arm macht, und sein Herz sich vom Herrn abwendet. Denn er wird sein wie der Strauch in der Wüste (…)
Gesegnet ist der Mann, der auf den Herrn vertraut, und dessen Zuversicht der Herr ist. Denn er wird sein wie der Baum, der am Wasser gepflanzt ist …“ (Jer.17,5-8)

– Dem Wort Gottes werden Menschengebote hinzugefügt.

Jesus wies die Pharisäer und Schriftgelehrten zurecht: „Und ihr habt mit eurer Tradition das Gebot Gottes aufgehoben. Ihr Heuchler, gut hat Jesaja über euch prophezeit: ‚Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir. Vergeblich verehren sie mich, indem sie als Lehren Menschengebote lehren.‘ “ (Mat.15,6-9)

Die Pharisäer glaubten, das Gesetz Gottes sei nicht genug. Sie glaubten sich beauftragt, „das Gesetz Gottes zu schützen“, indem sie einen grossen „Zaun“ von zusätzlichen Geboten darum herum aufbauten. Wie jemand, der einen Ziehbrunnen auf dem Feld hat, und vermeiden möchte, dass jemand hineinfällt; aber er begnügt sich nicht damit, den Brunnen zuzudecken, sondern baut zusätzlich einen Zaun in hundert Metern Entfernung rund um den Brunnen herum, damit sich niemand dem Brunnen auch nur nähern kann.

Das kann auch auf ganz subtile Weise geschehen, indem z.B. gewisse biblische Anweisungen überbetont und als „Gesetze“ streng eingefordert werden, während andere Bibelstellen übergangen werden.

Aber der Pharisäismus führt dazu, dass ihre Nachfolger erst recht in Sünde fallen. „Denn ihr durchzieht das ganze Meer und das Trockene, um einen einzigen Proselyten zu machen; und wenn er es geworden ist, dann macht ihr aus ihm einen Sohn der Hölle, doppelt [so schlimm] wie ihr.“ (Mat.23,15). Die Wurzel des Pharisäismus ist der Unglaube: Sie glauben nicht, dass Gott vollkommen imstande ist, die Seinen zu beschützen. Aber „der Gerechte wird durch Glauben leben“, in der Kraft des Evangeliums von Christus (Römer 1,16-17), nicht durch das Erfüllen von Menschengeboten.

Das ist nicht blosse Theorie. Ich musste in verschiedenen evangelikalen Organisationen beobachten, dass je mehr die Mitglieder unter Druck gesetzt wurden mit Verhaltensregeln, äusserlichen Vorschriften, Kleidungsvorschriften, strenger Trennung zwischen Frauen und Männern, Verboten gewisser Musikstile, usw, desto mehr nahm die Sünde in ihrer Mitte zu.

Menschengebote sind nicht in der Lage, uns vor Sünde zu beschützen:
„Wenn ihr mit Christus den Weltelementen gestorben seid, warum lasst ihr euch Vorschriften machen als solche, die in der Welt leben? ‚Nimm nicht, koste nicht, berühre nicht‘, was alles zur Vernichtung durch den Verzehr ist. Sie folgen Geboten und Lehren von Menschen, und haben den Ruf der Weisheit wegen des eigenwilligen Gottesdienstes und der Demut und der Strenge dem Körper gegenüber; aber sie haben keinen Wert hinsichtlich der Befriedigung des Fleisches.“ (Kol.2,20-23)

Noch schlimmer ist es, wenn Verhaltensregeln auferlegt werden, die nicht einmal offen deklariert werden. In einer solchen heuchlerischen Umgebung gibt man sich den Anschein von Freiheit; und nur durch Andeutungen wird dem „Übertreter“ hinterher zu verstehen gegeben, dass er irgendein unausgesprochenes Gesetz gebrochen hat. Z.B. weil er den Pastor nicht mit seinem Titel angesprochen hat; oder weil er ein „verbotenes“ Kleidungsstück trägt; oder weil er über ein Thema gesprochen hat, über das „man nicht spricht“.

Wahre Christen sind Kinder des Lichts, leben im Licht (d.h. offen und transparent), und bringen die unfruchtbaren Werke der Finsternis ans Licht (Eph.5,11-13, 1.Joh.1,5-8). In einer wirklich christlichen Umgebung ist kein Platz für Andeutungen, unausgesprochene Gesetze, oder andere Arten von unaufrichtiger Kommunikation.

– Die Leiter werden angreifbar für die Sünde.

Auch die Leiter in autoritären Systemen fallen oft in Sünde. Das liegt daran, dass diese Lehren in den Leitern Selbstherrlichkeit und Stolz hervorrufen. Sie sehen sich an der Spitze der „Befehlshierarchie“ als solche, die über alle anderen befehlen dürfen. Deshalb tendieren Leiter in autoritären Systemen dazu, sich selber in eine Position zu versetzen, wo sie vor niemandem Rechenschaft ablegen müssen. Einige Leiter, die laut über „Unterordnung unter die Autorität“ predigen und über die Pflicht, „Rechenschaft abzulegen“, antworten auf die Frage, vor wem sie Rechenschaft ablegen: „Ich bin nur Gott Rechenschaft schuldig.“ D.h. sie haben eine Doppelmoral: sie praktizieren selber nicht, was sie von anderen fordern. – Andere setzen eine Art Vorstand ein, um den Anschein zu erwecken, sie hätten Leiter über sich. Aber der Vorstand ist nur zum Schein da; er besteht aus Personen, die völlig vom Leiter abhängig sind und sich nie getrauen würden, ihm zu widersprechen.
Als Nebeneffekt tendieren autoritäre Leiter dazu, ihr Privatleben vor ihren Untergebenen geheimzuhalten. Sie fürchten, ihre „Autorität“ zu verlieren, wenn jemand erfahren könnte, dass sie ein Eheproblem haben, oder eine persönliche Schwäche, oder dass sie eine Sünde begangen haben. Oft benutzen sie die Lehre von der Unterordnung dazu, zu vermeiden, dass jemand sie konfrontieren könnte wegen einer Sünde oder einer falschen Lehre: „Wer bist du, dass du einen Diener Gottes kritisierst? Du hast einen kritischen Geist, eine rebellische Haltung, bist respektlos …“ So gibt es autoritäre Leiter, die während Jahren oder sogar Jahrzehnten in Sünde leben und es immer schlimmer wird mit ihnen, ohne dass sie je von jemandem Korrektur entgegennähmen, bis alles in einem grossen Skandal auffliegt.

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 2

25. Februar 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Was ist so schlimm an der Lehre von „Abdeckung“ und „Unterordnung“?

Sie ist unbiblisch.

Der erste Test für jede Lehre und Praktik ist immer: Entspricht es der Heiligen Schrift; insbesondere dem Neuen Testament?

Die Vertreter des Autoritarismus zitieren einige Bibelstellen als Begründungen. Aber bei näherer Untersuchung findet man meistens, dass diese Stellen aus dem Zusammenhang gerissen wurden, falsch angewandt werden, und/oder nicht wirklich das aussagen, was die Lehrer des Autoritarismus behaupten. In einem späteren Artikel werden wir einige dieser Stellen untersuchen. Zuerst aber sehen wir kurz, was Jesus und die Apostel über die Struktur der Gemeinde sagen, und über christliche Leiterschaft:

„Aber ihr sollt euch nicht Rabbi (Meister) nennen lassen; denn einer ist euer Meister, Christus; und ihr alle seid Brüder. Und nennt niemanden auf der Erde euren Vater, denn einer ist euer Vater, der in den Himmeln ist.“ (Mat.23,8-9)

„Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe. Aber der Angestellte, der nicht der Hirte ist und dem die Schafe nicht gehören, schaut zu, wie der Wolf kommt, und verlässt die Schafe und flieht …“ (Joh.10,11-12)

Die neutestamentliche Gemeinde ist eine Bruderschaft unter einem einzigen Vater; eine Herde unter einem einzigen Hirten. In diesen Bibelstellen gibt es keine hierarchischen Unterschiede zwischen einem Bruder und dem anderen, oder zwischen einem Schaf und dem anderen. Auch der berühmteste Apostel ist nicht mehr als ein Kind in der Familie des himmlischen Vaters; nicht mehr als ein Schaf in der Herde des guten Hirten. Im Leib Christi gibt es unterschiedliche Funktionen; aber diese Verschiedenheit begründet keine „Unterordnung“ unter eine Hierarchie, keine militärische „Befehlskette“.

„Und das Auge kann nicht zur Hand sagen: ‚Ich brauche dich nicht‘; noch der Kopf zu den Füssen: ‚Ich brauche euch nicht.‘ Im Gegenteil, jene Körperteile, die uns schwächer scheinen, sind viel notwendiger; und jene, die wir weniger wertschätzen, umgeben wir mit grösserer Wertschätzung (…) Aber Gott fügte den Körper (so) zusammen: er gab jenen grössere Wertschätzung, denen sie fehlt, damit der Körper einig sei, und damit die Glieder sich in gleicher Weise umeinander kümmern.“ (1.Kor.12,21-25)

Diese Worte stehen im Zusammenhang mit den verschiedenen „Gaben“ oder „Funktionen“, die Gott der Gemeinde gegeben hat: Apostel, Propheten, Lehrer, usw.

Jesus sprach zu seinen Jüngern sehr klar über die Gefahr, Strukturen der „Autorität und Unterordnung“ errichten zu wollen:

„Die Könige der Nationen machen sich zu Herren über sie [d.h. verlangen Unterordnung], und jene, die Autorität ausüben über sie, lassen sich Wohltäter nennen. Aber unter euch soll es nicht so sein; sondern der Grösste unter euch soll wie der Jüngste werden, und der Führende wie der Dienende. Denn wer ist wichtiger: der zu Tisch sitzt, oder der Dienende? Nicht der, der zu Tisch sitzt? Aber ich bin mitten unter euch wie der Dienende.“ (Luk.22,25-27, siehe auch Mat.20,25-28, 23,12, Joh.13,13-15, 1.Petrus 5,3.)

In dieser Hinsicht drücken sich die Schreiber des Neuen Testaments sehr genau aus. In einem säkularen Zusammenhang haben sie kein Problem damit, zu sagen, ein Leiter stehe „über“ anderen. Aber nie brauchen sie dieses Wort „über“, wenn sie von einem Leiter von Christen sprechen. Z.B. Mat.20,25-27: „Ihr wisst, dass die Regierenden der Nationen sich zu Herren über sie machen (wörtlich: „hinunter-herrschen“), und die Grossen üben Autorität über sie aus (wörtlich: „hinunter-Autorität ausüben“). Unter euch soll es nicht so sein; sondern wer gross sein möchte unter („en“ = wörtlich „in“) euch … und wer der Wichtigste sein möchte unter euch …“ – Diese Stelle macht deutlich, dass Autoritätsstrukturen, wie sie in den weltlichen Regierungen bestehen, nicht in die christliche Gemeinschaft hineingetragen werden sollen.

Von Christus sagt die Schrift, er sei „zum Haupt über alles“ erhoben worden (Eph.1,22). Aber von den christlichen Leitern heisst es: „… die unter euch arbeiten und euch vorstehen im Herrn …“ (1.Thess.5,12). Es heisst nicht „die über euch stehen“. Die Idee von „Oberen“ und „Untergebenen“ findet keine Anwendung in der neutestamentlichen Gemeinde. (Siehe auch 1.Petrus 5,2-3.)

Anstelle einer „vertikalen“ Struktur betont das Neue Testament viel stärker die „horizontalen“ Beziehungen, die „Einander-„Beziehungen im Leib Christi:

„Wir sind … Glieder voneinander“ (Röm.12,5, Eph.4,25)
„Liebt
einander.“ (Joh.13,34-35, Röm.12,10, 1.Petrus 1,22, 1.Joh. 3,11.23, u.a.)
„Tragt
einer des anderen Last …“ (Gal. 6,2)
„Und vergesst nicht Gutes zu tun, und die Gemeinschaft [untereinander] …“ (Hebr. 13,16)
„Beherbergt
einander ohne Murren.“ (1.Petrus 4,9)
„Legt die Lüge ab, und sprecht Wahrheit
jeder zu seinem Nächsten …“ (Eph.4,25)
„Ihr selber
[alle Gemeindeglieder] seid voll Tugend, voll aller Erkenntnis, fähig, auch andere zu ermahnen.“ (Röm.15,14)
„… lehrt und ermahnt
einander in aller Weisheit …“ (Kol.3,16)
„Ermutigt einander, und erbaut
einander“ (1.Thess.5,11)
„… um
einander anzuspornen zur Liebe und zu guten Taten …“ (Hebr.10,24)
„… indem ihr
zueinander sprecht mit Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern …“ (Eph.5,19)
„Bekennt
einander eure Übertretungen und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet.“ (Jak.5,16)
„Seid gütig
zueinander, barmherzig, vergebt einander …“ (Eph.4,32)
„Ordnet euch
einander unter in der Furcht Gottes.“ (Eph.5,21)
„… und alle,
einander untergeordnet, zieht Demut an …“ (1.Petrus 5,5)

Die zwei letzten Stellen sind besonders wichtig, weil sie den Begriff der „Unterordnung“ enthalten, den der Autoritarismus so sehr betont. In der neutestamentlichen Gemeinde ist auch die „Unterordnung“ gegenseitig, sie geht in beide Richtungen. Es gibt keine „Oberen“, die von ihren „Untergebenen“ „Unterordnung“ verlangen könnten; der Herr ruft uns auf, uns einander unterzuordnen.

Was die Gemeindeleitung betrifft, so finden wir, dass alle neutestamentlichen Gemeinden, soweit wir darüber informiert sind, von einem Team von mehreren Leitern gemeinsam geleitet wurden. Das ist wichtig, weil so auch innerhalb des Leitungsteams die gegenseitige Unterordnung praktiziert wurde, nicht eine Unterordnung aller unter einen einzigen „Hauptleiter“.

Sie unterwirft das Volk Gottes einer unangemessenen Form von Autorität.

Die Vertreter des Autoritarismus stützen sich auf eine einzige Form von Autorität ab: die delegierte Autorität bzw. Autorität aufgrund einer Position. Das ist die Art von Autorität, die wir in den weltlichen Regierungen finden, oder in der Armee: Die Leiter kommen zu ihrer Position, weil sie von ihren Vorgesetzten dahin befördert wurden. Ihre Pflicht besteht darin, die Befehle ihrer Vorgesetzten an ihre Untergebenen weiterzuleiten. Die Untergebenen müssen jedem gehorchen, der eine „übergeordnete“ Position innehat, unabhängig vom Charakter dieser Person, und unabhängig davon, ob sie ihre Leiterschaft gut oder schlecht ausübt.

Jesus erklärte in Lukas 22,25-27 und Parallelstellen, dass in seinem Volk eine andere Art von Autorität gilt: die beziehungsmässige Autorität, bzw. Autorität aufgrund von Anerkennung. Das ist z.B. die Autorität eines älteren Freundes, dessen Ratschläge ich respektiere, weil ich ihn als einen reifen und weisen Christen kenne. Diese Art von Autorität zwingt sich nicht auf, und hat nichts zu tun mit einer „Position“ oder einem „Amt“, das mein Freund innehätte. Sie beruht darauf, wer er ist, und auf meiner Anerkennung seiner Qualitäten. (Einige Autoren nennen diese Art von Autorität eine moralische Autorität.)

In den folgenden Zitaten finden wir weitere Hinweise darauf, dass dies die Art von Autorität ist, die in der neutestamentlichen Gemeinde ausgeübt wurde:

„Sucht also, Brüder, sieben Männer unter euch mit gutem Zeugnis, voll des Heiligen Geistes und Weisheit, die wir über diese Notwendigkeit einsetzen können…“ (Apg.6,3)

Das war keine „Delegation“ oder „Beförderung“ gewisser Personen von seiten der Apostel, um die neuen Verantwortungen wahrzunehmen. Stattdessen wurde die ganze Gemeinde gebeten, Personen zu suchen mit den nötigen Qualifikationen. Mit anderen Worten, die Sieben wurden ausgewählt aufgrund ihrer Anerkennung durch die Gesamtgemeinde.

„Aber von jenen, die als etwas gelten (…), mir haben jene, die etwas gelten, nichts auferlegt (…) Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen gelten…“ (Gal.2,6.9)

Jakobus, Kephas (Petrus) und Johannes galten als „Säulen“, nicht aufgrund einer „Position“, die sie innegehabt hätten, sondern wegen ihrer hohen Wertschätzung in der Gemeinde. Das mit „gelten“ übersetzte Wort (dreimal dokéo) bedeutet „denken, meinen, [jemandem] scheinen, ansehen [als]“, manchmal auch „wertschätzen“. Die Autorität dieser drei Leiter gründete sich auf der Anerkennung ihrer Qualitäten durch die ganze Gemeinde.

1.Tim.3 zählt einige Anforderungen an Leiter auf. Diese Anforderungen zeigen, dass die Autorität der Ältesten nicht darauf beruhte, in ein „Amt“ eingesetzt worden zu sein (delegierte Autorität), sondern auf dem Erweis ihrer persönlichen Qualitäten und Integrität (moralische Autorität).
Das entspricht auch der Art und Weise, wie die Ältesten in Israel gewählt wurden: Die Stämme oder Sippen wählten die reifsten und weisesten Familienväter zu Ältesten. Ihre eigenen Familienmitglieder und nächsten Bekannten konnten diese Qualitäten bezeugen, und so entscheiden, welche Personen Älteste sein sollten.

In einigen Bibelübersetzungen scheint Apg.14,23 dieser Ansicht zu widersprechen: „Und sie [Paulus und Barnabas] setzten in jeder Gemeinde Älteste ein…“ Das kann den Eindruck vermitteln, die Apostel hätten bestimmte Gemeindeglieder zu Ältesten „ernannt“ oder „befördert“. Aber das mit „einsetzen“ übersetzte Wort ist cheirotonéo, „durch Handaufheben bestätigen“. Die Apostel entschieden also nicht allein. Wir können annehmen, dass ihre Meinung grosses Gewicht hatte, da sie als erste das Evangelium gebracht hatten. Aber die Anerkennung von seiten der Gemeinde hatte mindestens dasselbe Gewicht.

Hierarchische Strukturen in der Form einer „Befehlskette“ mögen in einer weltlichen Regierung oder in der Armee angebracht sein. Aber wenn sie in die Gemeinde Gottes eingeführt werden, dann wird der Gemeinde eine fremde Art von Autorität aufgezwungen, die weltlich und nicht biblisch ist.

Sie hält das Volk Gottes in der Unreife fest.

Die Mitglieder einer autoritären Gruppe sind vom Leiter abhängig. Der Leiter muss für sie die Bibel auslegen; muss für sie beten; muss ihnen sagen, was sie tun und lassen sollen, sogar in ihrem Privatleben… Dieser Lebensstil mag vielen Menschen anziehend erscheinen, die nicht gerne für ihr Leben Verantwortung übernehmen. Sie können dann in der Illusion leben, ihre Leiter seien für alles verantwortlich. Wo es keine Entscheidungsfreiheit gibt, da ist auch keine Gelegenheit, Verantwortlichkeit zu lernen und auszuüben.

Aber Gott möchte nicht, dass wir einen solchen sklavischen Geist haben. Er möchte uns den Geist von Söhnen geben, freien und verantwortlichen Söhnen, die in der Liebe des Vaters Sicherheit finden. „Denn ihr habt nicht einen Geist der Sklaverei empfangen, um wiederum Angst zu haben. Sondern ihr habt einen Geist der Adoption empfangen, in dem wir rufen: ‚Abba („Papi“), Vater!‘ Der Geist selber bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.“ (Röm.8,15-16). Wer als Kind Gottes adoptiert worden ist, der wird sich nicht wieder in eine sklavische Abhängigkeit von menschlichen Leitern begeben.

„Steht also fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat, und lasst euch nicht wieder einem Joch der Sklaverei unterwerfen.“ (Gal.5,1)

„Er (Christus) hat euch mit einem Preis erkauft; werdet nicht Sklaven von Menschen.“ (1.Kor.7,23)

Der direkte Zugang zu Gott ist ein äusserst wichtiger Aspekt des christlichen Lebens:

„Da wir also einen grossen Hohenpriester haben, der durch die Himmel hindurchgegangen ist, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns am Bekenntnis festhalten. (…) Treten wir also mit Freimut zum Gnadenthron hinzu, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade von Gott finden zur rechtzeitigen Hilfe.“ (Hebr.4,14-16)

„Also, Brüder, da wir Freimut haben, in das Allerheiligste einzutreten durch das Blut Jesu, welches ein neuer und lebendiger Weg ist, den er für uns eingeweiht hat durch den Vorhang hindurch, das ist sein Fleisch, und einen grossen Priester über das Heim Gottes, lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in der Fülle des Glaubens, die Herzen besprengt [zur Reinigung] vom schlechten Gewissen, und den Körper gewaschen mit reinem Wasser.“ (Hebr.10,19-22)

Dieser Zugang geschieht durch Jesus Christus. Wir brauchen keine Vermittlung durch einen Leiter, Priester, Pastor, oder irgendeinen anderen Menschen auf Erden.

„Denn Gott ist einer, und einer ist Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus.“ (1 Tim.2,5)

Der Herr möchte auch jedes Glied seines Volkes direkt und persönlich führen und lehren:

„Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir.“ (Joh.10,27)

„Und die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt nicht nötig, dass jemand euch lehrt, sondern wie die Salbung selber euch über alles belehrt …“ (1.Joh.2,27)

Diese direkte Beziehung zu Gott geht verloren, wenn Christen sich angewöhnen, in allen Aspekten des christlichen Lebens von ihren Leitern abhängig zu sein. Sie wissen dann nicht, wie sie selber die Bibel verstehen können; sie sind sich nicht gewohnt, selber zu beten; sie wissen nicht, wie sie selber Gottes Führung für ihr Leben suchen können; sie wissen nicht, wie sie den Versuchungen widerstehen können, oder wie sie sich gegen Angriffe und gegen falsche Lehren wehren können.

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 1

21. Februar 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Historische Einleitung

Ich lebe im peruanischen Hochland. Diese Gegenden haben das Christentum in einer schrecklich verzerrten Form kennengelernt. Es kam im 16. Jahrhundert in Form eines Priesters, der nach Darlegung einiger biblischer Lehren den König, Inka Atahuallpa, mit folgender Forderung konfrontierte:
„Die Päpste, Nachfolger des heiligen Petrus, regieren über das ganze Menschengeschlecht. Alle Völker (…) müssen ihnen gehorchen. Ein Papst hat den Königen von Spanien alle diese Länder gegeben, um die Ungläubigen zu befrieden und sie unter die Herrschaft der katholischen Kirche zu bringen. (…) Deshalb müssen Sie, Herr, dem Kaiser tributpflichtig werden, die Verehrung der Sonne aufgeben und allen Götzendienst, der euch in die Hölle bringt, und müssen die wahre Religion annehmen.“

Statt ein Evangelium der Erlösung und Freiheit zu verkünden, wurde das Christentum als „Unterwerfung unter die Autorität“ des Königs und des Papstes vorgestellt. Hinter dem Priester Valverde stand der Eroberer Pizarro mit seiner Armee, um dieser Forderung mit Waffengewalt Nachdruck zu verleihen. Es folgten dreihundert Jahre der gewalttätigen Unterdrückung und Ausbeutung.

Das war auch das Jahrhundert des Ignatius von Loyola, der sich vorgenommen hatte, die Reformation zu bekämpfen, indem er eine „geistliche Armee“ ausbildete, die ihm, und dem Papst, in unbedingtem Gehorsam folgen würde. Ignatius verlangte Folgendes von seinen Jüngern:
„Um in allem richtigzugehen, sollen wir immer dafürhalten und glauben, dass das Weisse, was ich sehe, schwarz sei, wenn die hierarchische Kirche es so bestimmt.“ (Ignatius von Loyola, „Geistliche Übungen“)
Ignatius lehrte also, die „Autoritäten“ der Kirche hätten das Recht, die Wahrheit zu verdrehen, und die Gläubigen müssten ihnen gehorsam in ihrer Lüge folgen, selbst wenn die Lüge vor aller Augen offensichtlich sei. Das ist ein direkter Widerspruch gegen das Wort Gottes, welches sagt: „Wehe denen, die das Böse gut nennen und das Gute böse; die aus Licht Finsternis machen und aus Finsternis Licht; die das Bittere als süss darstellen und das Süsse als bitter!“ (Jesaja 5,20)

Ignatius sagte auch: „Wir sollen wie ein Kadaver sein, der von sich aus unfähig ist sich zu bewegen, oder wie der Stock eines Blinden[, in der Hand unserer Oberen].“ (Von daher kommt unser Wort „Kadavergehorsam“.) – Schon die mittelalterlichen Mönchsgelübde verlangten unbedingten Gehorsam den Oberen gegenüber; aber Ignatius zog diesen Gedanken ins Extrem.

Vergleichen wir damit die Auswirkungen des Wortes Gottes in den Ländern, die von der Reformation beeinflusst wurden. Das Grundprinzip der Reformation war, dass die Heilige Schrift oberste Autorität über die Lehre und Praxis der Christen ist. Nach diesem Prinzip konnte auch der einfachste Christ, wenn er biblische Gründe dazu hatte, jeden Leiter und jede „Autorität“ – selbst den Papst – zurechtweisen, wenn dieser entgegen dem Wort Gottes lehrte oder handelte. Obwohl die Reformatoren selber oft diesem Prinzip zuwiderhandelten, gab dies doch den „Laien“ eine nie dagewesene Macht, gegen jede unrechte Tyrannei aufzustehen. Ein Jahrhundert nach dem Sieg der Reformation begann man dieses Prinzip in den Bereich der Politik zu tragen; zuerst in England. Es wurde gelehrt (aufgrund von Bibelstellen wie 5.Mose 17,16-20 und Apg.5,29), dass selbst der König nicht nach Gutdünken regieren kann; er muss sich dem Gesetz unterwerfen. So entstand der moderne Rechtsstaat. Das neutestamentliche Modell einer Gemeinde, die von einem Ältestenkollegium geleitet wird (nicht von einem einzelnen Mann an der Spitze), welches seine Entscheidungen in Einmütigkeit trifft (siehe z.B. Apg.15), wurde zum Vorbild für die Einrichtung von Parlamenten. Anfangs des 19.Jahrhunderts kämpfte William Wilberforce auf biblischen Grundlagen für die Abschaffung der Sklaverei in England; Abraham Lincoln tat dasselbe in den USA.

In den reformierten Ländern führte also das allgemeine freie Erforschen der Bibel zu mehr Freiheit und Gerechtigkeit und zu einer besseren Ethik. In den spanischen Kolonien dagegen wurde die Bibel in der Hand eines autoritären Klerus dazu missbraucht, ganze Nationen zu versklaven. Dieser Autoritarismus prägt die peruanische Gesellschaft bis heute in allen ihren Bereichen. Selbst in den peruanischen evangelischen Kirchen wird das Christentum vorwiegend als „Unterwerfung unter die Autorität des Pfarrers“ verstanden. Der grundlegende Unterschied zwischen den Reformationsländern und den spanischen Kolonien besteht in den grundverschiedenen Auffassungen von „Autorität“.

Im vorliegenden Artikel (und den folgenden) habe ich hauptsächlich die evangelikalen Kirchen im Auge. Es ist meine Beobachtung, dass ein beträchtlicher Teil der Evangelikalen – auch in den Reformationsländern – den Boden der Reformation verlassen hat und zum römisch-katholischen Konzept zurückgekehrt ist, was die Auffassung von „Autorität“ betrifft.

Ansätze zu autoritären Lehren und Praktiken im evangelikalen Raum finden sich bereits in den Schriften von Watchman Nee. Meines Wissens war er es, der den Begriff der „geistlichen Abdeckung“ prägte. Weite Verbreitung fand der evangelikale Autoritarismus aber erst ungefähr ab den 1970er-Jahren. Auf der pfingstlich-charismatischen Seite war der Einfluss der amerikanischen „Shepherding“-Bewegung gross (deren Leiter, u.a. Derek Prince, aber bereits 1986 ihre Lehren und Praktiken widerriefen). Auf der „konservativen“ oder „Mainstream-„Seite beeinflussten Bill Gothard und seine Anhänger Zehntausende von Pastoren und Millionen von Gemeindegliedern mit ihren hyper-autoritären Lehren. Weitere verwandte Strömungen sind u.a. der calvinistische „Rekonstruktionismus“ oder „Dominionismus“; die charismatische „G12“; und eine neue „Königreichs-Lehre“ in gewissen Hausgemeinde-Kreisen.

Einige Autoren sehen im Autoritarismus der 1970er-Jahre eine Reaktion auf die 68er-Bewegung mit ihrer Ablehnung aller Autorität, welche die Evangelikalen zutiefst verunsicherte. Ein Kommentator sagte: „Wenn dein Haus brennt, dann fragst du den Feuerwehrmann nicht nach seinen Lehrüberzeugungen.“ Die Lehrer des Autoritarismus waren anscheinend solche „Feuerwehrmänner“, deren Lehren und Praktiken angesichts einer Notsituation unkritisch übernommen wurden. Erst später wurden die unheilvollen Folgen sichtbar: Tausende, vielleicht Millionen von Gemeindegliedern wurden bevormundet, psychisch zerstört, und in ihrem Glauben zutiefst verunsichert (man spricht von „geistlichem Missbrauch“). Und viele evangelikale Christen prüfen nicht mehr anhand der Schrift, was ihre Leiter lehren und praktizieren.

Was ist Autoritarismus?

Es gibt unterschiedliche Strömungen und Färbungen des evangelikalen Autoritarismus. Aber im wesentlichen kann er so zusammengefasst werden:

„Ein Christ muss sich seinen Leitern unterordnen und gehorchen, nicht nur in Angelegenheiten direkter biblischer Gebote, sondern in allem. Wenn ein Christ einen Leiter kritisiert oder ihm widerspricht, begeht er die Sünde der ‚Rebellion‘.“

Einige gehen noch weiter und sagen ausdrücklich, ein Christ müsse sich auch dann unterordnen und gehorchen, wenn seine Leiter in Sünde leben, oder wenn ihre Befehle unsinnig, schädlich, oder im Widerspruch zur Bibel sind.

Einige lehren zudem, die Unterordnung unter einen autoritären Leiter sei eine „Abdeckung“, die einen beschützt vor Versuchungen, teuflischen Angriffen, und Strafen Gottes.

In der Praxis führt das zu Situationen wie die folgenden:

– Eine Frau lässt sich von ihren Gemeindeleitern überzeugen, eine gutbezahlte Arbeitsstelle zu kündigen, um als Sekretärin der Kirche zu arbeiten, zu einem niedrigeren Lohn und ohne formellen Arbeitsvertrag. Nach mehreren Monaten wartet sie immer noch auf ihren ersten Lohn. Sie reklamiert bei den Leitern, aber diese sagen ihr nur, sie solle Geduld haben. Später stellt sie die Leiter wiederum zur Rede, zusammen mit zwei anderen Personen (nach Mat.18,16). Die Leiter machen ihr Vorwürfe, weil sie mit anderen Personen über die Angelegenheit gesprochen hat. Einige Zeit später wird sie wegen „Klatsch“ und „Rebellion“ entlassen.

– Der Kassier einer Kirche erhält Anweisungen von seinem Pastor, bestimmte Änderungen in der Buchhaltung durchzuführen. Bei der Überprüfung findet der Kassier Beweise für unrechtmässige Bereicherungen von seiten des Pastors, und versteht, dass die verlangten Änderungen dazu dienen sollen, diese Tatsachen zu verbergen, angesichts einer bevorstehenden Revision. Der Kassier getraut sich nicht, die Anweisungen in Frage zu stellen, da er weiss, dass er sonst als „ungehorsam“ unter „Gemeindezucht“ gestellt würde. Er erwägt zurückzutreten und zu einer anderen Gemeinde zu wechseln. Aber der Pastor droht ihm: „Wenn du das tust, dann verlierst du deine ganze geistliche Abdeckung, und fällst unter einen Fluch und unter den Einfluss des Teufels.“ Dadurch lässt sich der Kassier zwingen, sich zum Komplizen des Pastors zu machen, wenn auch mit einer riesigen Last auf seinem Gewissen.

– Die Leiter einer gewissen Kirche glauben sich dazu berufen, über allen Liebesbeziehungen und Heiraten der Mitglieder streng zu „wachen“. Sie verbieten ihnen, eine Paarbeziehung anzufangen oder zu heiraten ohne die Erlaubnis der Leiter. Sie trennen Dutzende von Liebes- und Brautpaaren, und zwingen sie, jemand anderen zu heiraten. Einige der betroffenen Personen verlassen die Kirche und verlieren ihren Glauben. Andere fügen sich den Leitern und erleiden später Schiffbruch in ihrer Ehe.

– In einer gewissen Kirche weiss jedermann, dass der Pastor eine Geliebte hat. Aber niemand getraut sich darüber zu sprechen, weil sie wissen, dass sie sonst unter „Gemeindezucht“ gestellt würden; denn es gilt als Sünde, den Pastor zu kritisieren. Die Kirche hat einen regionalen Rat, der gemäss dem offiziellen Organigramm über die örtlichen Pastoren wachen soll. Eines Tages konfrontiert der Regionalpräsident den Pastor mit seiner Sünde. Der Pastor berät sich mit einigen Leitern, die ihn unterstützen; beklagt sich über „Rebellion“ von seiten eines Mitarbeiters (womit der Regionalpräsident gemeint ist), und sie intrigieren gegen den Regionalpräsidenten, um ihn seines Amtes zu entheben.

In autoritären Organisationen kommt es oft vor, dass ein „Vorstand“ eingesetzt wird, um den Anschein einer Gewaltenteilung zu erwecken, während in Wirklichkeit der Vorstand keinerlei Macht hat, sondern vollständig vom autoritären Leiter abhängig ist.

(Die Beispiele beruhen auf mir bekannten authentischen Fällen, nur mit Änderungen einiger Details. Ich habe Kenntnis von noch schwerwiegenderen Fällen.)

In Familien, die von einer autoritären Strömung beeinflusst sind, kommen oft Kindsmisshandlungen und sexueller Missbrauch vor. Zudem wird eine „Schweigekultur“ gepflegt, um die Taten zu verheimlichen und zu verhindern, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. – In dieser Schrift ist nicht Raum, um auf diese Problematik einzugehen; ich beschränke mich im folgenden auf die Aspekte, die die Kirche betreffen.

Die erwähnten Beispiele zeigen bereits, dass der Autoritarismus schlechte Frucht bringt. In den folgenden Artikeln werden wir das auf etwas systematischere Weise untersuchen.

Die neutestamentliche Gemeinde als „Leib Christi“ – Teil 4

14. Februar 2019

„Einander“ (Fortsetzung)

In der vorherigen Betrachtung haben wir gesehen, wie wichtig die „Einander“-Beziehungen in der neutestamentlichen Gemeinde sind – viel wichtiger als die Beziehungen vom Typ „Leiter-Nachfolger“. Wir haben einige der Anweisungen in den apostolischen Briefen angesehen, die darüber sprechen; aber es gibt noch weitere:

„Und beteiligt euch nicht an den unfruchtbaren Werken der Finsternis, sondern konfrontiert sie.“ (Epheser 5,11)
„… Lehrt einander und weist einander zurecht in aller Weisheit…“ (Kolosser 3,16)
„Verfolgt den Frieden mit allen und die Heiligung … und achtet darauf, dass niemand hinter der Gnade Gottes zurückbleibe …“ (Hebäer 12,15)
(Vgl. auch Römer 15,14, 1.Thessalonicher 5,14)
Gott gab jedem Glied am Leib Christi die Fähigkeit – im Rahmen des individuellen Masses an Weisheit eines jeden -, andere zu ermahnen und böses Handeln zu konfrontieren. Die Glieder am Leib Christi sollen „aufeinander achten“. Das griechische Wort, das hierfür in Hebräer 12,15 verwendet wird, ist „episkopeo“, verwandt mit „epískopos“ (Aufseher; von da kommt das Wort „Bischof“). Damit der Leib Christi funktioniert, darf also die „Aufsichtsfunktion“ nicht das Privileg einiger weniger Leiter sein; sie soll von allen Gliedern geteilt werden. Nur dass die Ältesten diese Funktion mit grösserer Intensität und Verantwortung ausüben werden.
Aber bei diesem „Ermahnen“ und „Zurechtweisen“ ist es äusserst wichtig, dass es aus Liebe geschieht. Wenn ein Glaubensbruder „zurechtgewiesen“ werden muss, dann immer mit dem Ziel, seine Beziehung zum Herrn wiederherzustellen; nicht um ihn blosszustellen oder zu entmutigen. In 1.Thessalonicher 5,14 sehen wir, dass die Anweisung zum „Ermahnen“ kompensiert wird mit „ermutigen“ oder „trösten“, „unterstützen“ und „geduldig sein“.

In Kolosser 3,16 sehen wir, dass Lehren eine weitere Funktion ist, die jedes Glied ausüben kann. Das sehen wir auch in 1.Korinther 14,26, wo „Lehre“ als eines der Dinge erwähnt wird, die „jeder hat“. In der neutestamentlichen Gemeinde ist Lehren nicht das Vorrecht einiger weniger „Leiter“ oder „Theologen“. Der Neue Bund besteht darin, dass Gott sein Gesetz in den Sinn und in die Herzen der Wiedergeborenen schreibt, so dass sie „nicht nötig haben, dass jemand euch lehrt“, denn „alle werden von Gott gelehrt sein“. (Jeremia 31,33-34, Jesaja 54,13, Johannes 6,45, 1.Johannes 2,27.) Also kann jeder Wiedergeborene auch seinen Bruder etwas lehren, worüber Gott ihm Verständnis gegeben hat – wiederum im Rahmen des individuellen Masses an Weisheit, das Gott einem jeden gegeben hat.

„Ermutigt einander, und erbaut einander“ (1.Thessalonicher 5,11)
„…sondern ermutigt einander täglich, solange es ‚Heute‘ heisst, damit nicht einer unter euch verhärtet werde durch den Betrug der Sünde.“ (Hebräer 3,13)
„… um einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen…“ (Hebräer 10,24)
Die positive Seite des „Ermahnens“ ist das „Ermutigen“ oder „Anspornen“. Einander zu ermutigen und aufzuerbauen ist eine der wichtigsten Funktionen im Leib Christi.
Hebräer 10,24 fährt im folgenden Vers fort: „… und nicht unsere Versammlungen zu verlassen, nach der Gewohnheit einiger…“. Dieser Vers ist von vielen „Pastoren“ dazu missbraucht worden, ihre Geschwister unter Druck zu setzen, damit sie alle Predigtversammlungen (sog. „Gottesdienste“) besuchen. Aber wenn wir diesen Vers im Zusammenhang von Vers 24 lesen, dann sehen wir, dass dieser Vers nicht von Predigtversammlungen spricht. Vers 24 sagt uns nämlich, was der Zweck christlicher Versammlungen sein sollte: „einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen“. Wenn aber eine einzige Person „predigt“ und alle anderen zuhören, dann wird dieser Zweck des „Einander“ nicht erfüllt. Eine Predigtversammlung ist also keine „Versammlung“ im Sinn von Hebräer 10,25. Um diesen Vers anwenden zu können, müsste in den Versammlungen das geschehen, was Vers 24 sagt: Jeder sollte seine Nächsten „zur Liebe und zu guten Werken anspornen“.

„…indem ihr untereinander sprecht mit Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern…“ (Epheser 5,19)
„Wenn ihr zusammenkommt, hat jeder von euch ein Lied, hat eine Lehre, hat eine Offenbarung, hat eine [Botschaft in einer] Sprache, hat eine Auslegung; alles soll zur Auferbauung geschehen.“ (1.Korinther 14,26)
Diese Verse geben einige detaillierte Beispiele, wie die „gegenseitige Auferbauung“ in christlichen Zusammenkünften geschehen kann. Die Liste ist sicher nicht vollständig. „Jeder hat“ etwas, was Gott ihm gegeben hat zur Auferbauung der anderen Glieder. In der neutestamentlichen Gemeinde trugen alle Glieder zur gegenseitigen Auferbauung bei mit den Gaben, die der Heilige Geist ihnen gegeben hatte.

„Propheten sollen zwei oder drei sprechen, und die übrigen unterscheiden.“ (1.Korinther 14,29)
„Verachtet das prophetische Reden nicht. Prüft alles, behaltet das Gute.“ (1.Thessalonicher 5,20-21)
Bei so viel Freiheit in den Versammlungen zum Mitteilen von Worten, Lehren, Prophezeiungen, usw, konnte die Gefahr falscher Lehren und falscher Prophezeiungen auftauchen – sei es aus Unkenntnis, oder vorsätzlich von seiten falscher Brüder, um die Gläubigen vom Weg abzubringen. Deshalb sollten Lehren und Prophezeiungen nicht ohne weiteres akzeptiert werden. Jedes Glied war dafür verantwortlich, sein Unterscheidungsvermögen anzuwenden und das Gesagte zu „prüfen“. Die Ältesten übten zweifellos einen grösseren Teil dieser Verantwortung aus; aber die zitierten Verse richten sich an die gesamte Gemeinde.
Wenn also eine Gruppierung verlangt, das Wort eines „Pastors“, Lehrers, Propheten oder Predigers solle ohne nachzufragen akzeptiert werden, dann ist das keine neutestamentliche Gemeinde, denn sie beraubt ihre Mitglieder dieser Verantwortung des Prüfens und Unterscheidens. Falsche Lehren werden selten von „gewöhnlichen Mitgliedern“ erfunden. Ihre Urheber sind meistens Personen, die einen Ruf als Leiter, Prediger oder Theologen haben. Deshalb sind es gerade die Lehren der Leiter, die im Licht der Heiligen Schrift geprüft werden sollen.

„Seid gütig zueinander, barmherzig, vergebt einander …“ (Epheser 4,32)
„Ertragt einander [ständig] und vergebt einander, wenn jemand eine Klage hat gegen jemanden.“ (Kolosser 3,13)
Diese Stellen sprechen vom Umgang mit Konflikten zwischen Gliedern des Leibes Christi. Hier sehen wir wiederum, dass die Glieder der neutestamentlichen Gemeinde ihr tägliches Leben weitgehend miteinander teilten; denn das ist normalerweise der Ort, wo Konflikte entstehen, und das ist auch der Ort, wo sie gelöst werden sollen. Das „Einander vergeben“ ist also nicht ein „Ritual“, das man in einer besonderen Versammlung der Gemeinde durchführt (wie es in einigen Kreisen Brauch ist). Es ist etwas, was im täglichen Leben getan wird; und da, im täglichen Zusammenleben, muss sich zeigen, ob die Umkehr und die Vergebung echt waren.

„Ordnet euch einander unter in der Furcht Gottes.“ (Epheser 5,21)
„… und alle, einander untergeordnet, kleidet euch mit Demut…“ (1.Petrus 5,5)
Fast alle neutestamentlichen Stellen, die über Unterordnung sprechen, betonen im selben Zusammenhang, dass Unterordnung gegenseitig ist: Nicht nur soll sich die Frau dem Mann unterordnen oder die Jungen den Älteren, sondern alle „einander“. Das stimmt überein mit der Aussage Jesu, dass in seinem Reich die „Leiterschaft“ im wesentlichen Dienst ist. Also auch das „hierarchischste“ Konzept des Neuen Testamentes, die Unterordnung, muss im Zusammenhang des „Einander“ verstanden werden.

Damit der Leib Christi so funktioniert, wie es von Gott vorgesehen ist, müssen diese verschiedenen Aspekte der „Einander“-Beziehungen funktionieren. Wo das „Einander“ nicht funktioniert, wo alles sich auf einige wenige Personen konzentriert, da ist nicht neutestamentliche Gemeinde.
Praktizieren die Mitglieder deiner Gemeinde ständig diese verschiedenen Aspekte des „Einander“? Werden sie von den Leitern dazu ermutigt? Kannst du mindestens drei oder vier Personen ausserhalb deines Familienkreises nennen, mit denen du im täglichen Leben in einer nahen „Einander“-Beziehung
stehst?