Höchste Zeit zum Ausstieg!

17. Dezember 2020

Hast du Jesus Christus von Herzen lieb?
Hast du eine echte Bekehrung zu ihm erlebt, eine Wiedergeburt, die dein Leben radikal verändert hat?
Hast du erkannt, dass die Bibel das wahre Wort Gottes ist? Hast du entschieden, auf die biblischen Verheissungen zu vertrauen, und den biblischen Anweisungen zu folgen, nach deinem besten Verständnis und Gewissen?

Wenn ja, dann ist dieser Artikel für dich.
Wenn nein, dann brauchst du nicht weiterzulesen, denn die Fortsetzung wird dir auf deinem Weg nicht weiterhelfen.

In einigen Artikeln aus der Anfangszeit dieses Blogs habe ich erklärt, warum ich mich „christlicher Aussteiger“ nenne. Insbesondere, warum ich aus dem organisierten Kirchen-System ausgestiegen bin (inkl. Freikirchen). Ich hatte damals Verständnis dafür, dass viele andere Nachfolger Jesu es für sich nicht sehen können, einen solchen Schritt zu vollziehen; ja, dass sie es sogar als einen Treuebruch ihrem Herrn gegenüber ansehen würden, sich von „seiner“ Kirche abzusondern.

Angesichts der Entwicklungen in der kirchlichen Welt, die ich seither beobachten musste, kann ich dieses Verständnis heute kaum noch aufbringen. Zumindest jene Kirchen, die in Organisationen wie dem ökumenischen Weltkirchenrat oder der Evangelischen Allianz zusammengeschlossen sind, können keinen rechtmässigen Anspruch mehr darauf erheben, „Gemeinde Jesu“ genannt zu werden. Nur einige wenige Punkte dazu:

  • Die Notwendigkeit einer echten Bekehrung und lebensverändernden Wiedergeburt wird kaum noch verkündigt, geschweige denn praktiziert. Als kümmerlicher Ersatz dafür gilt das rituelle Nachsprechen eines „Übergabegebets“, und das Bekenntnis zu einer billigen Gnade.
  • Im Vorfeld der Reformationsfeiern 2017 haben nicht nur der Lutherische Weltbund, sondern auch die Weltweite Evangelische Allianz und andere prominente evangelikale Leiter faktisch die Reformation widerrufen, und öffentlich ihre Bereitschaft zu einer „sichtbaren Einheit mit dem Papst“ verkündet. Damit haben sie implizit die Bibel als oberste Richtschnur für Glauben und Leben verworfen, denn das ist der hauptsächliche Streitpunkt zwischen Reformierten und der römischen Kirche. „Sichtbare Einheit mit dem Papst“ ist gemäss katholischer Lehre nicht möglich, ohne sich zugleich dessen absolutem Herrschaftsanspruch zu unterwerfen.
  • Mit einigen Jahren Verspätung sind so gut wie alle antichristlichen Strömungen der Welt, Relativismus, Perversion, Staatstotalitarismus, Meinungsmanipulation und Zensur, usw. auch in die kirchliche Welt eingedrungen. Repräsentativ für diese Entwicklung ist z.B. eine grosse deutsche Internetplattform, die sich zwar „christlich“ nennt, deren Politik sich aber in dieser Hinsicht nicht von weltlichen Plattformen unterscheidet. Mir ist keine institutionelle Kirche im deutschen Sprachraum bekannt, die sich je ausdrücklich gegen diese pseudochristliche Plattform abgegrenzt hätte.
  • Bibelkritische Theologie wird heute auch an den meisten evangelikalen Ausbildungsstätten gelehrt.
  • Die heute übliche Form der pfarramtlichen Kirche ist ein unbiblisches Relikt des römischen Katholizismus. Solange die Kirchen zu einem grossen Teil aus wiedergeborenen Christen bestanden, und das Postulat des „allgemeinen Priestertums“ wenigstens teilweise berücksichtigt wurde, so lange konnte Gott auch in diesen unbiblischen Strukturen segensreich wirken. Aber mit zunehmender Entfremdung von Gott wurden auch die systemischen Probleme der Pfarrerkirche immer deutlicher sichtbar – wie schon im mittelalterlichen Katholizismus: Entmündigung und geistliche Unreife der Mitglieder; alle Arten von Missbrauch von seiten der Leiterschaft; kein Korrektiv mehr gegen Sünde und Irrlehre – besonders, wenn diese von der Leiterschaft ausgeht.

Vor etwa 30 bis 40 Jahren erhielten die Freikirchen viel Zuzug von Christen aus den Landeskirchen, die vom dortigen Glaubensabfall enttäuscht waren. Aber heute treffen die Austrittsgründe jener Christen auch auf die Freikirchen zu. Warum sollte heute noch jemand von der Landeskirche zu einer Freikirche wechseln wollen, wenn man dort dasselbe Programm erhält, nur dass man mehr dafür bezahlen muss? Der biblische Aufruf, sich abzusondern (2.Kor.6,14-18), richtet sich heute an alle wahren Nachfolger Jesu, die sich noch im institutionellen kirchlichen System befinden.

– „Aber meine Kirche ist geistlich lebendig, ich kann sie nicht als abgefallen bezeichnen.“

Wenn es sich um eine allianz-unabhängige Kirche handelt, dann hat dieses Argument eine gewisse Berechtigung. Wenn eine Kirche darauf achtet, nur solche Mitglieder aufzunehmen, die glaubhaft eine geistliche Wiedergeburt bezeugen können; wenn als oberste Autorität die Bibel als Gottes Wort gilt und nicht das Wort der kirchlichen Leiter oder die kirchliche Tradition; wenn das allgemeine Priestertum der Gläubigen praktiziert wird; und wenn die Kirche nicht irgendeinem Verband angehört, in dem auch das Gegenteil gelehrt und praktiziert wird; dann halte ich es für möglich, dass eine solche Kirche auch mit unbiblischen Strukturen geistlich lebendig bleiben kann.
Falls aber irgendeiner der genannten Punkte nicht zutreffen sollte, dann wird auch diese Kirche früher oder später vom Zeitgeist mitgerissen werden. Erst recht, wenn sie irgendeinem ökumenischen Dachverband wie z.B. der Evangelischen Allianz angehört; denn dann ist es unvermeidlich, vom Sauerteig dieses Verbandes angesteckt zu werden.

– „Es gibt keine vollkommene Gemeinde.“

Das kommt darauf an, wie man „vollkommen“ definiert. Jesus und die Apostel haben sich nicht gescheut, das Wort „vollkommen“ in den Mund zu nehmen:
„Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ (Matth.5,48)
„…bis wir alle … zu einem vollkommenen Menschen (werden), zum Mass der vollen Reife Christi (gelangen) …“ (Eph.4,13)
„… damit ihr feststeht als Vollkommene und Erfüllte in allem Willen Gottes.“ (Kol.4,12)
„Werde wachsam und stärke das Übrige, das am Sterben ist! Denn ich habe deine Werke nicht vollkommen gefunden vor Gott.“ (Offb.3,2)

Jesus möchte also sehr wohl eine vollkommene Gemeinde haben. In einer Gemeinde, deren Werke nicht vollkommen sind, ist gemäss Offb.3,2 Umkehr nötig. Dieser Spruch, es gäbe keine vollkommene Gemeinde, wird von den Worten Jesu blossgestellt als eine fadenscheinige Entschuldigung dafür, nicht die Vollkommenheit anzustreben, die Jesus fordert.
Andererseits dürfen wir natürlich diese Vollkommenheit nicht so verstehen, als ob in einer solchen Gemeinde kein Mitglied je sündigen oder Fehler begehen würde. Diese Art von Vollkommenheit werden wir tatsächlich erst im Himmel erreichen. Aber es ist ein wesensmässiger Unterschied, ob eine Gemeinde jede Art von Sünde toleriert, und lehrt, es sei normal, dass Christen in Sünde leben, und sogar gegen jene Mitglieder vorgeht, die den Sünder zurechtweisen – oder ob eine Gemeinde auf biblische Weise mit der Sünde umgeht, mit dem Ziel, den sündigenden Christen zur Umkehr und zur Wiederherstellung zu bringen. Es ist auch ein wesensmässiger Unterschied, ob eine Gemeinde vertrauensvoll damit rechnet, dass Jesus die Wiedergeborenen umgestaltet und ihnen Sieg über die Sünde verleiht (1.Joh.3,6-9); oder ob sie im Gegenteil lehrt, Sieg über die Sünde sei weder erforderlich noch möglich (billige Gnade), oder dieser Sieg müsse in eigener Kraft errungen werden statt in der Kraft Gottes. Und es ist ein wesensmässiger Unterschied, ob eine Gemeinde und ihre Leiter bereit sind, sich vom Wort Gottes korrigieren zu lassen und unbiblische Traditionen, Praktiken und Lehren zu ändern; oder ob sie darauf beharren, auf einem falschen Weg weiterzugehen, weil es ja angeblich keine vollkommene Gemeinde gäbe.

Wenn es falsch wäre, nach solchen Kriterien zwischen verschiedenen Gemeinden zu unterscheiden, dann könnte ich auch irgendeinem Fussballklub beitreten und behaupten, das sei jetzt meine Gemeinde.

– „Aber meine Kirche hat ein biblisch begründetes Glaubensbekenntnis.“

In dem allmählichen Prozess des Abfalls vom Glauben ist das offizielle Bekenntnis normalerweise das Letzte, was fällt. Kirchen können jahrzehnte- oder sogar jahrhundertelang an einem bibeltreuen Glaubensbekenntnis festhalten, während sie das Gegenteil davon lehren und praktizieren. Mache die Probe: Wenn du in deiner Kirche Lehren oder Praktiken beobachtest, die dem Glaubensbekenntnis widersprechen, dann stelle die Verantwortlichen zur Rede. Versuche, aufgrund des offiziellen Bekenntnisses eine offizielle Verurteilung dieser konkreten Lehren oder Praktiken zu erwirken. Du wirst feststellen, dass im Konfliktfall das Bekenntnis zu einem wertlosen Stück Papier wird.

– „In meiner Kirche habe ich die Möglichkeit, jene Mitglieder, die nicht zu Jesus gehören, für ihn zu gewinnen.“
Oder, ähnlich: „In meiner Kirche habe ich die Möglichkeit, für eine geistliche Erneuerung, Erweckung und Reformation zu wirken.“

Wirklich? Wie viele dieser Mitglieder hast du schon für Jesus und für ein Leben in seiner Nachfolge gewonnen? Wie viele Leiter sind zu Jesus umgekehrt und haben ihre Lehren und Praktiken geändert?
Falls deine Antwort eine bedeutende Zahl sein sollte (und nur dann!), dann hast du vielleicht eine Berufung, weiter so zu wirken. Dann musst du aber auch damit rechnen, dass du über kurz oder lang von jenen Leitern, die nicht umkehren wollen, hinausgeworfen wirst.

Mir ist kein einziges Beispiel aus der Kirchengeschichte bekannt, wo eine lau gewordene oder abgefallene Kirche als Kirche „geistlich erneuert“ worden wäre. Erweckungs- und Reformationsbewegungen kamen meistens recht schnell an den Punkt, wo sie nur noch die Wahl hatten, entweder aus ihrer angestammten Kirche ausgeschlossen zu werden oder aus eigenem Entschluss zu gehen. Luther wollte die römische Kirche reformieren, wurde aber unter Acht und Bann gestellt. Die Täufer wollten die reformierten Kirchen zu einer konsequenten Durchführung der Reformation bewegen, wurden aber sowohl von den Katholiken wie von den Reformierten verfolgt. Die Methodisten konnten innerhalb der anglikanischen Kirche geistlich nicht überleben und trennten sich von ihr. Die Pietisten organisierten sich später zum grossen Teil als Freikirchen; und jene, die in der Landeskirche verblieben, wurden zu kaum beachteten Randgruppen ohne Einfluss auf die Entwicklung des „Mainstreams“. Im Gegenteil, was von ihnen übriggeblieben ist, wird jetzt vom „Mainstream“ zurückabsorbiert. Und so weiter.

Höre auf, Parasiten zu züchten!

Eine abgefallene Kirche wird zu einem Parasiten, der sich vom geistlichen Leben der wenigen Mitglieder ernährt, die noch geistliches Leben haben. Diese Mitglieder werden dann zu den „fünf Gerechten in Sodom“, die das Gericht Gottes noch eine Zeitlang hinauszögern, es aber nicht mehr abwenden können. Wären diese Gerechten nicht mehr da, dann würde der geistliche Tod der Kirche vor aller Welt offenbar, und ihr Kartenhaus würde ziemlich schnell einstürzen. Mit deiner Anwesenheit trägst du nur dazu bei, dass die Kirche ihren falschen Anschein von geistlichem Leben aufrechterhalten kann, und dadurch weitere Menschen vom Weg abbringt. Statt eine geistliche Erneuerung der Kirche zu erreichen, wirst du selber geistlich ausgelaugt, und wirst der Sünden der Leiter teilhaftig, denen du dich unterstellt hast. So kommst du in Gefahr, selber in Sünde zu fallen und dich von Gott zu entfernen. Du zehrst dein geistliches Leben auf damit, den Parasiten am Leben zu erhalten, statt für Jesus Frucht zu bringen.
Du kannst sogar in Gefahr kommen, wie die anderen Mitglieder daraufhin konditioniert zu werden, dich dem endzeitlichen Tier zu unterwerfen. Betrachte die Einschränkungen, denen die staatlich anerkannte Kirche Chinas unterworfen ist: Alle Aktivitäten werden vom Staat kontrolliert. Leiter werden vom Staat ausgewählt. Die Namen und persönlichen Daten aller Veranstaltungsteilnehmer müssen dem Staat übermittelt werden. Die Anzahl von Mitgliedern und Veranstaltungsbesuchern ist strikt begrenzt. Minderjährige unter 18 Jahren dürfen an keinen Veranstaltungen teilnehmen. Die zentralen Wahrheiten über Jesus (Gottheit, Auferstehung, Wiederkunft) dürfen nicht verkündet werden; stattdessen muss eine „nationalisierte“, der staatlichen Doktrin entsprechende Version des Christentums gelehrt werden. Das ist die Ziellinie, auf die sich jetzt die Kirchen weltweit zubewegen.

Der Parasit hasst die wenigen Gerechten, aber gleichzeitig weiss er, dass er auf ihre Anwesenheit angewiesen ist. Deshalb versucht er immer wieder sich bei ihnen anzubiedern, um sie nicht zu verlieren. Vielleicht erlaubt er ihnen ab und zu, öffentlich ein Gebet zu sprechen oder eine Bibelstelle vorzulesen. Vielleicht bietet er ihnen eine nicht allzu einflussreiche Stellung innerhalb der kirchlichen Hierarchie an. Vielleicht bringt er in offiziellen Verlautbarungen einige unbedeutende Korrekturen im Sinne eines biblischen Standpunktes an, um den Gerechten sagen zu können: „Wir haben eure Meinung berücksichtigt.“
Letzteres ist eine bekannte Taktik des Weltkirchenrates und ähnlicher Organisationen: Sie laden eine kleine Anzahl Evangelikaler ein, um bei der Verfassung offizieller Erklärungen mitzuwirken. Der erste Entwurf ist radikal antibiblisch. Aufgrund der Proteste der Evangelikalen werden einige Punkte abgeschwächt, aber an der hauptsächlichen Stossrichtung ändert sich nichts. Da ihre Meinung „berücksichtigt worden ist“, sehen sich die Evangelikalen nachher verpflichtet, die veröffentlichte Endfassung mitzuverantworten. So werden sie neutralisiert unter dem Vorwand, ihre Meinung sei gefragt.
Auch im grossen gilt: Der Weltkirchenrat wäre ziemlich bald am Ende, wenn ihm nicht auch einige Kirchen angehörten, die noch einen Rest von geistlichem Leben bewahrt haben. Deshalb hat sich der Weltkirchenrat in den letzten Jahren „christlicher“ gegeben, hat heidnische und antibiblische Elemente reduziert, und hat sich an die Evangelikalen, Pfingstler und Charismatiker angenähert. Nicht etwa, weil seine Leiter ihre Ausrichtung geändert hätten; aber weil sie wissen, dass ihre halbtote Organisation eine neue geistliche „Blutspende“ benötigt, um zu überleben. Deshalb bemühen sie sich jetzt so eifrig, die Freikirchen für sich zu gewinnen. Das Ergebnis wird nicht etwa eine geistliche Erneuerung des Weltkirchenrates sein. Im Gegenteil, der Parasit wird das Leben jener Kirchen aufsaugen und sie tot zurücklassen, so wie es mit den Landeskirchen bereits geschehen ist.

Jetzt ist die Zeit, wo Gott über die kirchliche Welt sagt:

„Gefallen, gefallen ist Babylon die Grosse, und ist zu einer Wohnung von Dämonen geworden, und zu einem Wachtposten aller unreiner Geister und aller unreiner und abscheulicher Vögel.“ (Offb.18,2)

Zu den echten Nachfolgern Jesu aber sagt er:

„Geht hinaus aus ihr, mein Volk, damit ihr keine Gemeinschaft habt mit ihren Sünden, und nichts von ihren Plagen empfangt!“ (Offb.18,4)

Wenn wir die Dämonen und unreinen Vögel in „Babylon“ hausen sehen, dann sollen wir nicht dort bleiben in dem vergeblichen Bemühen, sie zu vertreiben. Nein, wir sollen hinausgehen! Und auch für jene Menschen, die dort bleiben und vielleicht noch zu retten sind, wird unser Ausstieg ein deutlicheres Zeichen setzen als alles, was wir ihnen sagen könnten, solange unser Bleiben unseren Worten widerspricht, da wir uns dadurch sichtbar mit dem System identifizieren.

Aus dem System auszusteigen bedeutet nicht, uns auch mitmenschlich von jenen abzusondern, die darin zurückbleiben. Viele werden uns zwar meiden, weil sie sich mit dem System identifizieren und uns nach dem Ausstieg als Feinde ansehen, oder weil ihre Leiter ihnen den Kontakt mit uns verbieten. Aber wo Menschen zu einer weiteren Gemeinschaft auf persönlicher Ebene, oder sogar Freundschaft, bereit sind, da sollten wir diese Beziehungen weiter pflegen. In einer solchen persönlichen Beziehung wird Gott uns besser gebrauchen können als in einer institutionellen Beziehung, die von den Vorgaben des Systems konditioniert wird. Nur sollten wir klarstellen, was wir wollen: „Ich möchte Gemeinschaft mit dir als Person haben, nicht mit dir als Mitglied deiner Kirche oder Organisation. Ich möchte mich mit dir im persönlichen Rahmen treffen, als ‚zwei oder drei‘ (Matth.18,20), nicht im Rahmen von kirchlichen Veranstaltungen.“ So können wir anfangen, eine Kultur gegenseitiger geistlicher Auferbauung zu schaffen, ohne dass das geistliche Leben von einem kirchlichen Überbau aufgesaugt wird.

Ein falscher Jesus propagiert Sünde und zensiert Bibeltreue

10. Dezember 2020

Jesus hat vorausgesagt, dass in den letzten Tage falsche Christusse und falsche Propheten aufstehen werden, die versuchen werden, sogar die Auserwählten irrezuführen (Matth.24,24; Mark.13,22). Und Paulus sagte: „Auch aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger hinter sich wegzuführen.“ (Apg.20,30). Solche Persönlichkeiten hat es schon immer gegeben. Aber jetzt scheint eine Zeit zu sein, wo sich diese Voraussagen in besonderer Intensität erfüllen.

Ein spezieller falscher Jesus ist offenbar ein deutsches Internetportal, das sich in anmassender Übertretung des dritten Gebots „jesus.de“ nennt. Die verzerrte Darstellung des Evangeliums, die ich in meinem damaligen Artikel zitierte, ist zwar inzwischen durch eine neue Fassung ersetzt worden. Diese ist aber noch extremer allversöhnerisch als die vorherige. Es wird jetzt nicht einmal mehr davon gesprochen, dass der Mensch ein „Angebot“ Gottes annehmen soll. Es heisst jetzt einfach: „…als der Sohn Gottes sich um unserer Schuld willen unter uns Menschen demütigte, da passierte genau dies: Gott schloss Frieden mit uns. Frieden, der nicht durch erneute Schuld in Frage gestellt wird. Frieden, der stärker ist als Ungerechtigkeit. Gott verzichtete auf die ihm zustehende Gerechtigkeit.“ Wenn das wahr wäre, dann müssten wir heute niemanden mehr bitten oder ermahnen: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2.Korinther 5,20) Alle Menschen wären dann bereits versöhnt mit Gott, ohne jegliche Notwendigkeit von Umkehr, Glaube und Wiedergeburt – eben Allversöhnung.

Landeskirchliche Kreise lehren das ja schon lange. Dass diese Irrlehre jetzt auch in freikirchlichen Kreisen verbreitet wird (die die erwähnte Internetseite mittragen), ist mir eher neu – und schockierend.

Übrigens „verzichtet“ Gott natürlich auch nicht auf seine Gerechtigkeit. Im Gegenteil, Gott hat in Jesus seine eigene Gerechtigkeit erfüllt! (Siehe Römer 3,25.) Und auch in einem wiedergeborenen Christen, der „gemäss dem (Heiligen) Geist lebt“, erfüllt sich die Gerechtigkeit Gottes (Römer 8,4) – im Gegensatz zu den Nichtwiedergeborenen.

Als logische und tragische Folge der Allversöhnungslehre wird dann jegliche Art von Sünde in den Gemeinden toleriert und sogar propagiert. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Gemeinde und Welt. Ja, man kann dann sogar als Ketzer verurteilt werden, wenn man wie Paulus behauptet, es müsste einen solchen Unterschied geben. (Siehe 1.Korinther 5,9-13; 2.Korinther 6,14-7,1.) Nicht mehr der Sünder wird unter „Gemeindezucht“ gestellt, sondern der, der den Sünder zurechtweist.
Und als weitere Folge wird Gottes Name in der Welt verunehrt durch das schändliche Zeugnis der Kirche. „Wozu brauche ich Gott, wenn seine Kirche voll ist von Lüge, Betrug, Korruption, Hurerei, Missbrauch …?“

Was ist „christlicher Journalismus“?

Ich hätte mich ja nicht mehr mit jenem dubiosen Internetportal auseinandergesetzt, hätte ich nicht vor einigen Tagen von dorther eine Bettel-Mail erhalten, worin ich gebeten wurde, „christlichen Journalismus“ finanziell zu unterstützen. „Christlicher“ Journalismus wurde definiert als „fern von Hatespeech“. Ich kann mich nicht erinnern, in der Bibel eine solche Definition von „christlich“ gelesen zu haben. „Hatespeech“ (zu deutsch „Hassrede“) ist ein ideologischer Kampfbegriff, der in den Medien – und zunehmend auch in der Gesetzgebung – hauptsächlich als Waffe gegen eine biblische Ethik verwendet wird. (Weiter unten mehr dazu.)
Zufällig (oder geplanterweise?) erhielt ich diese Mail am selben Tag, als „jesus.de“ die Nachricht veröffentlichte, Pfarrer Olaf Latzel sei wegen Volksverhetzung verurteilt worden. Ich bin kein Freund von beleidigenden Worten. Latzel hat mit seiner Wortwahl tatsächlich kein gutes Zeugnis abgegeben. Aber „Volksverhetzung“, wegen ein paar Kraftausdrücken?? Latzel hat in keiner Weise zu Gewalt oder zu Straftaten aufgerufen. Im Gegenteil, er erklärte, dass er in der Zeit vor den beanstandeten Äusserungen selber zur Zielscheibe von Gewaltandrohungen geworden war – und diese wurden anscheinend nie geahndet.

Leiter von „jesus.de“ ist nicht in der Lage, sich zu Jesus zu bekennen

Das Urteil gegen Latzel ist genau die logische Folge der „Anti-Hassrede-Politik“. Es werden nur ganz bestimmte, nach politischen Kriterien selektionierte Formen von „Hass“ bestraft – Hass gegen Christen dagegen darf nicht als „Hatespeech“ bezeichnet werden. Es interessierte mich daher, was der Leiter von „jesus.de“ dazu meint. Ergebnis: Daniel Wildraut, Leiter Onlineredaktion, war auch nach dreimaliger Nachfrage nicht bereit zu einer klaren Auskunft darüber, ob er auch Jesus des „Hatespeechs“ bezichtigen würde wegen der Verwendung von Ausdrücken wie „Schlangenbrut“ oder „Kinder des Teufels“. Ebenso drückte er sich um eine klare Stellungnahme dazu, wie er persönlich zu Jesus steht, zur Wahrheit der Bibel, und insbesondere zur biblischen Sexualethik.

Da mir Herr Wildraut verboten hat, seine Erklärungen zu veröffentlichen, darf ich hier nur meine eigenen Mails an ihn wiedergeben, sowie meine eigene Beurteilung seiner Antworten.

Anmerkung: Wie ich höre, hat die weltweite Zensurwelle gegen „politisch inkorrekte“ Inhalte auch die vorliegende Plattform erreicht. Ich muss deshalb damit rechnen, dass auch die Tage dieses Blogs gezählt sind. Die Fortsetzung dieses Artikels kann auf der alternativen Seite gefunden werden.

Herausforderung zum mathematischen Forschen: Die universelle Verdoppelungs-Sequenz

5. September 2020

Niveau: Einfach bis schwierig.

(Das „Experiment“ kann allein mit Kenntnis der Grundoperationen durchgeführt und verifiziert werden. Die dazugehörige Forschungsaufgabe erfordert jedoch Algebrakenntnisse und ein Verständnis gewisser zahlentheoretischer Zusammenhänge, um zu einer vollständigen Erklärung zu gelangen.)

Dies ist ein Beispiel eines alternativen Zugangs zum Mathematiklernen. Aufgaben in der Art dieses Artikels (auch zu einfacheren Themen) finden sich in diesem Buch zum mathematischen Forschen und Selber-Entdecken.Über den Sinn und Nutzen solcher „Forschungsaufgaben“ siehe die Anmerkungen weiter unten.

Weitere Informationen hier.


Experiment: Untersuche die folgende mathematische Kuriosität:

Beginne mit irgendeiner natürlichen Zahl. Nur eine Bedingung sollte sie erfüllen: sie soll nicht durch 7 teilbar sein.
Verdopple diese Zahl, und schreibe das Ergebnis darunter, aber zwei Stellen nach rechts versetzt. Verdopple die neue Zahl wiederum, und schreibe das Ergebnis wieder zwei Stellen weiter rechts darunter. Wiederhole diesen Vorgang etwa 20 bis 30mal.
Nun addiere alle diese Zahlen, in der Position wie sie aufgeschrieben sind, Kolonne für Kolonne. Du kannst dabei mit den vordersten zwei Stellen der letzten Zahl beginnen und die hinteren Stellen weglassen: diese gelten nicht, da wir hier ja die Verdoppelungsreihe abgebrochen haben.

Beispiel (hier nur mit 10 Verdoppelungen):

41
  82
   164
     328
       656
        1312
          2624
            5248
             10496
               20992
                 41984
4183673469387755100...

Rechne ein eigenes Beispiel mit einer anderen Anfangszahl. Dann vergleiche dein Ergebnis mit dieser Ziffernfolge:

102040816326530612244897959183673469387755...

(Nach der letzten Ziffer wiederholt sich die Folge von Anfang an.)

Du wirst feststellen, dass dein Ergebnis, angefangen mit der Einerstelle der Anfangszahl und bis zur zweitletzten Ziffer (also die im obigen Beispiel fett geschriebenen Ziffern), in dieser Folge vollständig und exakt enthalten ist. Das Verblüffende dabei ist, dass dies immer zutrifft, egal mit was für einer Zahl man anfängt! (Nur durch 7 teilbar sein sollte sie nicht, wie anfangs bemerkt.)

Allfällige Zwischenräume zwischen einstelligen Zahlen sollten dabei mit Nullen aufgefüllt werden, wie der Anfang der Folge zeigt (Anfangszahl 1).

Du kannst dies als Trick vorführen: Schreibe zum voraus die Ziffernfolge auf einen Papierstreifen, und klebe das Ende mit dem Anfang zusammen. Lass dein Publikum die obige Rechenaufgabe lösen, ohne dass du hinsiehst. Dann kannst du behaupten, dass du das Ergebnis bereits vorausgesehen hast: Du musst nur noch auf deinem Papierstreifen die Stelle finden, wo das Ergebnis deines Publikums anfängt. Oder du kannst das Publikum bitten, dir zwei aufeinanderfolgende Ziffern aus der vorderen Hälfte des Ergebnisses zu nennen, und dann bist du (mit Hilfe deines Papierstreifens) in der Lage, die darauffolgenden fünfzehn oder zwanzig Ziffern korrekt zu nennen.

Nun dazu die Fragen für Forscher:

1) Die Hauptfrage ist natürlich: Warum funktioniert das? Worin besteht das Geheimnis dieser Ziffernfolge? Wie kann man das mathematisch erklären?

2) Wir haben die durch 7 teilbaren Zahlen als Anfangszahlen ausgeschlossen, weil es bei diesen nicht funktioniert. Dafür tritt bei diesen ein anderer, ähnlicher Effekt ein. Untersuche die Ergebnisse der Verdoppelungs-Operation, wenn die Anfangszahl durch 7 teilbar ist. Kannst du daraus weitere Schlüsse ziehen?

3) Vielleicht hilft dieser Hinweis weiter: Die oben angegebene Ziffernfolge kommt auch in einem anderen Zusammenhang vor; d.h. sie kann auch mit einer anderen Rechenoperation produziert werden. Mit welcher? – Das ist vielleicht leichter herauszufinden, wenn du zuerst die Ergebnisse der durch 7 teilbaren Anfangszahlen untersuchst. Und dann kommst du vielleicht auch der Antwort auf Frage 1 näher.

4) Eine weitere interessante Beobachtung ist, dass die Ziffern der zweiten Hälfte der Folge (ab 8979…) jeweils die Ziffern der ersten Hälfte auf 9 ergänzen. Woher kommt das? Und wie hängt das mit der anderen, in Frage 3 angedeuteten Operation zusammen?

5) Du kannst auch andere, verwandte Ziffernfolgen und Operationen untersuchen. Zum Beispiel:
– Was passiert, wenn man die Anfangszahl jeweils mit 3 oder mit 4 multipliziert, statt sie zu verdoppeln?
– Was passiert, wenn man die Ergebnisse der Verdoppelungen statt zwei Stellen nur eine Stelle nach rechts rückt?
– Usw.

Sobald du die mathematischen Gesetze erkannt hast, die diesen Operationen zugrundeliegen, wirst du selber auf weitere Variationen kommen. Du kannst dann auch Operationen finden, die Ziffernfolgen mit ganz bestimmten, zum voraus festgelegten Eigenschaften produzieren. Doch davon in einer späteren Folge. Versuche zuerst selber so viel wie möglich herauszufinden.

In einigen Wochen oder Monaten werde ich, so Gott will, weitere Hinweise zu diesem Problem veröffentlichen. Korrespondenz kann über die Kontaktseite geführt werden.


Pädagogische Anmerkungen:

Bei früheren Forschungsaufgaben (hier und hier) habe ich bereits darüber geschrieben, was der Sinn solcher Aufgaben ist.

Die vorliegende Aufgabe gehört zur Kategorie der „Mysteriums“-Themen, bei denen erst nach einiger Zeit des Forschens ersichtlich wird, worin das eigentliche Thema besteht. Schüler (oder auch Erwachsene!), die dieses Thema erforschen möchten, werden deshalb mehrere Zugänge ausprobieren müssen, bis sie herausfinden, welche mathematischen „Werkzeuge“ darauf anwendbar sind. Das schadet gar nichts! Im Gegenteil, es fördert unsere Flexibilität und unser logisches Denken.

Tatsächlich wird man finden, dass die vorliegende Aufgabe zu mehreren unterschiedlichen Bereichen der Mathematik führt. Sie beginnt mit einer einfachen arithmetischen Operation. Aber um diese erklären zu können, werden wir Gesetzmässigkeiten aus der Algebra und der Zahlentheorie heranziehen müssen; und wer weiss, vielleicht sogar aus der Infinitesimalrechnung … (Keine Angst, Letzteres ist für eine befriedigende Lösung der Aufgabe nicht notwendig! Aber Kenntnisse der Infinitesimalrechnung können tatsächlich dazu beitragen, gewisse Aspekte dieses Themas in einem schärferen Licht zu sehen.)

Aus praktischen Gründen pflegen wir die Mathematik in Teilbereiche zu unterteilen wie Arithmetik, Algebra, Geometrie, Trigonometrie, usw. Aber diese Bereiche hängen alle unter sich zusammen, manchmal auf ganz überraschende Weise. Wenn wir nur jeden Bereich für sich praktizieren, dann können wir den Blick dafür verlieren, dass die Mathematik ein zusammenhängendes grosses Ganzes ist. Aufgaben wie die vorliegende, die uns herausfordern, mehrere Bereiche im Blick zu haben, können dazu beitragen, solche Zusammenhänge zu entdecken und darüber zu staunen.

Im Gegensatz zu dieser Aufgabe war mir beim Ausarbeiten der vorliegenden schon zum voraus klar, was für Prinzipien ihr zugrunde liegen. Dennoch durfte ich auch hier ein kleines „Heureka!“-Erlebnis machen, als ich mit dem anfangs vorgestellten Experiment eine ziemlich beeindruckende Anwendung dieser Prinzipien fand. An euch Forschern liegt es nun, diese Prinzipien herauszufinden.

Warum funktionieren die biblischen Zurüstungsfunktionen nach Epheser 4,11 gegenwärtig nicht?

30. August 2020

In den vorherigen Betrachtungen haben wir eine biblische Sichtweise über die „Zurüstungsfunktionen“ des Apostels, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrers nach Epheser 4,11 erarbeitet. Betrachtet man die gegenwärtigen Kirchen, so ist unschwer zu sehen, dass die beschriebenen Funktionen nicht in ihrem biblischen Sinn funktionieren. Warum?

– Weil es zu viele autoritäre Fälschungen dieser Funktionen gibt.
Verschiedene Kirchen und Denominationen, darunter einige von überwältigendem Einfluss, lehren und praktizieren ein „apostolisches“ oder „Lehramt“, das wie eine „Regierung“ an der Spitze einer hierarchischen Pyramide funktioniert. In mehreren früheren Betrachtungen haben wir gezeigt, warum das nicht dem Willen des Herrn entspricht. In einer solchen autoritären Struktur wirken die „Apostel“, „Lehrer“, usw. nicht wirklich zur „Zurüstung“ der Heiligen, sonder sie halten sie in einer beständigen Abhängigkeit und Unreife. Ausserdem verletzen sie mit ihrer hierarchischen Mentalität die Unabhängigkeit der örtlichen Gemeinden.

– Weil es zu viel Neid und Eifersucht zwischen Leitern gibt.
Viele kirchliche Leiter betrachten die Mitglieder ihrer Organisation als ihre Untergebenen, ihr Eigentum, und wollen nicht zulassen, dass diese von jemandem ausserhalb ihrer eigenen Organisation oder Kirche gelehrt oder zugerüstet werden. Das rechtfertigen sie damit, dass die Mitglieder „von Irrlehrern verführt“ werden könnten. Aber oft ist das eigentliche Motiv dahinter, dass diese Leiter fürchten, etwas von dem Einfluss und der Macht zu verlieren, die sie über die Menschen haben. Sie respektieren die Herrschaft Jesu nicht, der nach seinem souveränen Willen zu seinen Schafen senden kann, wen er will, um sie zuzurüsten. Deshalb verschliessen sie ihre Türen vor den reisenden Dienern, die Gott berufen hat.
Nun warnt uns der Herr tatsächlich vor falschen Aposteln, Propheten und Lehrern. Und es gibt die erwähnten autoritären Fälschungen. Aber rechtfertigt das einen ebensolchen Autoritarismus innerhalb einer örtlichen Gemeinde oder einer Denomination, wodurch diese von den anderen Gemeinden abgeschottet wird? – Keineswegs. Genauso wie die Verführungen von ausserhalb kommen können, können sie auch von innen kommen, von den eigenen örtlichen oder denominationellen Leitern selber. Und wo das geschieht, da könnte ein reisender Apostel, Prophet oder Lehrer die nötige Korrektur anbringen – sofern er aufgenommen würde.
In Wirklichkeit kann keinerlei menschliche Leiterschaft einen Schutz vor Irrlehren garantieren: weder auf der örtlichen Ebene, noch auf der denominationellen (etwas, was es im Neuen Testament gar nicht gibt), noch auf der nationalen oder internationalen. Im Gegenteil, jede dieser Leiterschaftsebenen kann selber zu einer Quelle falscher Lehren und Praktiken werden. Als sich Paulus von den Ältesten von Ephesus verabschiedete, befahl er diese deshalb keiner Leiterschaft an, sondern „Gott und seinem Wort“ (Apostelgeschichte 20,32).

Damit die Zurüstungsfunktionen wieder ihrer Bestimmung gemäss funktionieren könnten, wäre folgendes nötig:
– Kein Leiter dürfte seinen „Dienst“ monopolisieren; weder örtlich noch regional, national oder international. Jeder müsste anerkennen, dass er eine spezifische Funktion ausübt, welche der Ergänzung durch andere Diener Gottes bedarf, die andere Funktionen ausüben. Jeder müsste dazu bereit sein, sich in einen lebendigen Organismus einzufügen, den „Leib Christi“, statt über „seine eigene“ Gemeinde oder Denomination zu herrschen. Selbst der Apostel Paulus anerkannte, dass sein Dienst des „Pflanzens“ unvollständig war ohne den Dienst des „Begiessens“, den Apollos ausübte (1.Korinther 3,5-9). – Das bedeutet auch anzuerkennen, dass kein Christ „Eigentum“ irgendeines Leiters ist. Jeder Christ ist Eigentum von Jesus Christus, und von niemandem sonst.
– Ebenso dürfte keine Denomination ihren „Dienst“ und ihre Leiterschaft monopolisieren. Viele reisende Diener sind in ihrer Wirksamkeit eingeschränkt, weil viele Kirchen sie nicht aufnehmen und sagen: „Er gehört nicht zu unserer Denomination.“ Jede Denomination ist in gewissen theologischen und praktischen Bereichen voreingenommen und einseitig. Das ist ja genau einer der Hauptgründe für die Bildung von Denominationen: sie sind Zusammenschlüsse von Personen, welche dieselbe Einseitigkeit teilen. Und genau darum hätten sie es erst recht nötig, durch reisende Diener ergänzt zu werden, die aus einem anderen Hintergrund kommen.
– Die Gesamtgemeinde, d.h. alle ihre Glieder, müsste Klarheit darin haben, dass die Heilige Schrift die einzige und ausreichende Grundlage ist zur Prüfung jeder Lehre und Praxis. Das bedeutet, keinem Leiter oder Verkündiger blindlings zu folgen, sei er aus der eigenen Gemeinde oder von weither.

Wenn sich diese Bedingungen irgendwo wieder erfüllen könnten, dann könnten die Christen jenes Ortes wieder voll von den Zurüstungsfunktionen profitieren, die Gott seinen Dienern gegeben hat.

– Weil die Gemeinde als ganze ihre Funktionen nicht ausübt.
Wir haben in früheren Betrachtungen gesehen, dass es zu den Funktionen aller Christen gehört, biblisch zu beurteilen, was sie gelehrt werden, und auch in gewissem Masse einander zu lehren und zurechtzuweisen. Um diese Funktionen ausüben zu können, müssen sie zuallererst wirkliche Christen sein, „neutestamentliche Menschen“, wiedergeboren durch den Heiligen Geist. Wenn in einer Kirche echte Christen und Scheinbekehrte durcheinandergewürfelt sind, dann entsteht Verwirrung, und falsche Lehren und Praktiken dringen ein. Wenn das geschieht, dann wird die Lösung oft in einer Form autoritärer Leiterschaft gesucht. Aber die biblische Lösung besteht darin, zu dem zurückzukehren, „was von Anfang an war“, sich vor dem Herrn zu demütigen, bei ihm die Reinheit und Heiligkeit der ersten Gemeinde zu suchen, und sich mit wirklich wiedergeborenen Christen zusammenzutun. Wenn die Mitglieder einer Gemeinde ihre eigenen Funktionen und Verantwortungen „einander“ gegenüber nicht wahrnehmen, dann werden sie manipulierbar, geben sich in die Hände autoritärer und falscher Leiter, und verlernen es, echte Diener Gottes wertzuschätzen. Die echten Diener Gottes können dann nicht mehr wirken, weil sie kein „Herrschaftsgebiet“ und keine „Untergebenen“ für sich selbst beanspruchen, während das (ehemalige) Volk Gottes sich bereits zu Untergebenen anderer Leiter gemacht hat.

Lehrer in der neutestamentlichen Gemeinde

25. August 2020

Die hauptsächliche Funktion eines Lehrers besteht natürlich im Lehren.
Aber wir sollten nicht denken, das bedeute einfach „Informationsvermittlung“. Ein Lehrer im Sinne des Neuen Testamentes zeichnet sich nicht in erster Linie durch besondere Kenntnisse aus, auch nicht durch eine besondere Redegabe, und auch nicht durch besonders gute didaktische Methoden. All das sind menschliche, natürliche Fähigkeiten, die zum Lehren hilfreich sind, die aber keine spezielle Gabe des Heiligen Geistes erfordern. Ein Lehrer mit der entsprechenden geistlichen Gabe zeichnet sich in erster Linie durch die geistliche Qualität seiner Lehre aus. Seine Lehre vermittelt nicht einfach Informationen, sondern rührt den Geist seiner Zuhörer (oder Leser) an und bringt sie in Kontakt mit den geistlichen, ewigen Wahrheiten Gottes.
Zusätzlich ist es natürlich eine Qualität eines jeden guten Lehrers, dass er seine Schüler zum Verständnis führt. Und wenn es sich um einen geistlichen Lehrer handelt, dann wird seine Lehre nicht nur intellektuelles, sondern insbesondere geistliches Verständnis bewirken. Und dieses wiederum bringt eine radikale Umgestaltung der Denk- und Lebensweise hervor (Römer 12,1-2).

Jesus selber gab seinen Jüngern eine Demonstration geistlicher Lehre, als er auf dem Weg nach Emmaus „ihnen alle Schriftstellen auslegte, die von ihm selbst handelten“ (Lukas 24,27). Später beschrieben die Jünger die Wirkung jener Lehre folgendermassen: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er auf dem Weg mit uns sprach und uns die Schriften öffnete?“ (Vers 32) – Etwas später hatte der auferstandene Jesus ein ähnliches Gespräch mit einer anderen Gruppe von Jüngern: „Dann öffnete er ihren Sinn, damit sie die Schriften verstünden.“ (Vers 45). Geistliche Lehre öffnet den Sinn und bringt zugleich das Herz zum Brennen. Gibt es in deiner Gemeinschaft solche Lehre?

Die Lehre Jesu beschränkte sich nicht auf Worte. Jesus lehrte auch mit seinem eigenen Beispiel: indem er sich nicht um Essen oder Kleidung sorgte; indem er mitten im Sturm vertrauensvoll schlief; indem er Kranke heilte und böse Geister austrieb; indem er den Jüngern die Füsse wusch; indem er sein Leiden bis zum Kreuz geduldig ertrug; und indem er den Tod besiegte.
In Markus 1,27 haben wir ein bemerkenswertes Zeugnis über die Wirkung der Lehre Jesu: „Und alle erschraken und disputierten miteinander, und sagten: ‚Was ist das? Was für eine neue Lehre ist das, dass er mit Autorität sogar den unreinen Geistern gebietet, und sie ihm gehorchen?‘ “

Vom Gesichtspunkt des Neuen Testamentes her müssen wir uns bei manchem, was in Kirchen und theologischen Seminaren unter der Bezeichnung „Lehre“ läuft, fragen: Verdient das wirklich den Namen „Lehre“?

Wie die Träger der übrigen, früher erwähnten „Zurüstungsfunktionen“, müssen auch die Lehrer von der Gesamtgemeinde geprüft werden, nach denselben Kriterien. Das Neue Testament enthält viele Warnungen vor falschen Lehrern. Wahrscheinlich ist diese Funktion diejenige, die am leichtesten von einem Feind des Evangeliums nachgeahmt werden kann, denn jeder kann lehren, wenn er nur reden kann und einige Kenntnisse erworben hat. Dazu ist es nicht einmal nötig, wiedergeboren zu sein. (Sogar viele Autoren theologischer Bücher und Lehrer an Seminaren und theologischen Fakultäten sind nicht wiedergeboren!) Deshalb ist es so wichtig, dass die Gemeinde lernt, zu unterscheiden zwischen dem natürlichen, fleischlichen Lehrdienst, der mit rein menschlichen Fähigkeiten und „irdischer Weisheit“ (Jakobus 3,15-16) ausgeübt wird, und der echten geistlichen Lehre, die eine Gabe des Heiligen Geistes ist. Oft lässt sich eine Gemeinschaft verführen von die Gelehrsamkeit eines Lehrers, von seinem „Anschein der Gottesfurcht“ (2.Timotheus 3,5), oder von seiner Redegabe, die ihnen „die Ohren kitzelt“, indem er ihnen das sagt, was sie gerne hören (2.Timotheus 4,3). Umso nötiger ist es, dass die Gemeinde in der Lage ist, Lehrer nach geistlichen Kriterien zu beurteilen.

Jakobus warnt auch: „Werdet nicht viele Lehrer, meine Brüder, da ihr wisst, dass wir strenger gerichtet werden.“ (Jakobus 3,1). Ein Lehrer hat eine grosse Verantwortung, da er mit seinen Worten viele Menschen beeinflusst. Es hat der Gemeinde geschadet, viele Lehrer zu haben; nicht nur direkt durch falsche Lehren, sondern auch weil einige Kreise anfingen zu denken, Gelehrsamkeit und intellektuelles Wissen sei wichtiger als das christliche Leben und die Treue zum Herrn. So hat z.B. die lutherische Reformation das Lehramt und das Theologiestudium allzu stark gewichtet; und infolgedessen verkam sie bald zu einer „toten Orthodoxie“: Es wurde zwar noch „rechtgläubig“ (orthodox) gelehrt, aber die Leute lebten in Sünde und Ungehorsam Gott gegenüber. Im nächsten Schritt begann dann auch der Inhalt der Lehre vom Wort Gottes abzuweichen, was im 19.Jahrhundert zur Entwicklung der sog. „historisch-kritischen“ Theologie führte. Eine ganz ähnliche Entwicklung läuft gegenwärtig in den Freikirchen ab.

Im Neuen Testament haben wir das wahrscheinlich aussagekräftigste Beispiel eines Lehrers in Apollos. Er wird zwar nicht ausdrücklich „Lehrer“ genannt; aber es heisst, er sei „machtvoll in den Schriften“ gewesen, und „mit brennendem Geist sprach und lehrte er genau über den Herrn“ (Apostelgeschichte 18,24-25). Hier haben wir kurz zusammengefasst einige Qualitäten geistlicher Lehre: Sie ist auf die Schrift gegründet; sie ist „genau“; aber zugleich „mit brennendem Geist“.
Interessant ist, dass Apollos von Anfang an diese Qualitäten zeigte, „obwohl er nur die Taufe des Johannes verstanden hatte“ – d.h. obwohl seine Kenntnisse noch riesige Lücken aufwiesen. „Und als Aquilas und Priscilla ihn hörten, nahmen sie ihn auf und legten ihm den Weg Gottes genauer dar.“ (Vers 26). Apollos war also auch belehrbar. Seine Qualitäten als Lehrer hinderten ihn nicht daran, demütig die Lehre anderer Lehrer anzunehmen, die mehr wussten als er.
Etwas später heisst es über ihn: „… energisch widerlegte er die Juden, und bewies öffentlich durch die Schriften, dass Jesus der Christus war“ (Vers 28). Hier sehen wir, dass die Funktion eines Lehrers nicht allein darin besteht, Christen zu lehren und zu stärken. Ein Lehrer kann auch eine Funktion „nach aussen“ ausüben, nämlich in der Apologetik (d.h. die argumentative Verteidigung des Glaubens). Wo diese Funktion fehlt, da stehen auch die Christen selber in Gefahr, von falschen Lehren in ihrer Umgebung vom Weg abgebracht zu werden; und dann beginnen sich diese falschen Lehren auch innerhalb der Gemeinde zu verbreiten.
Im 1.Korintherbrief nimmt Paulus Apollos als Beispiel, um zwei Kapitel lang (Kap.3 und 4) das Verhältnis zwischen Apostel und Lehrer zu erklären. Vielleicht der wichtigste Punkt dabei ist, dass es zwischen den beiden keine Rivalität gibt. Jeder hat seine eigene von Gott zugewiesene Funktion; die beiden ergänzen sich gegenseitig; und keiner beneidet den andern um dessen Funktion: „Wer ist also Paulus? und wer ist Apollos? – Diener, durch die ihr zum Glauben kamt; und jeder [dient] wie es ihm der Herr gegeben hat. (…) Denn wir sind Mitarbeiter Gottes; ihr seid das Ackerfeld Gottes, das Gebäude Gottes.“ (1.Korinther 3,5.9) – Ausserdem heisst es genauer: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat bewässert, aber Gott liess es wachsen.“ (1.Korinther 3,6). Der Apostel macht also den Anfang, die Pionierarbeit, bis die Gemeinde gut gegründet ist. Später kommt der Lehrer, um die Gemeinde weiter zu stärken und zu ernähren. Oder wie es in einem anderen Vergleich etwas später heisst: Der Apostel stellt sicher, dass die Gemeinde auf das richtige Fundament gebaut wird, nämlich auf Jesus; der Lehrer baut darauf auf (1.Korinther 3,10-11). Beide Funktionen sind wichtig und haben ihren Platz: sowohl das „Pflanzen“ wie das „Bewässern“; sowohl das „Grund legen“ wie das „darauf Aufbauen“.

Hirten in der neutestamentlichen Gemeinde

5. August 2020

Heutzutage lassen sich viele Gemeindeleiter „Pfarrer“ oder „Pastoren“ (Hirten) nennen. Das ist wirklich seltsam in Anbetracht der Tatsache, dass dies die Funktion ist, die im Neuen Testament am seltensten erwähnt wird. Das Substantiv „Hirte(n)“ bezeichnet einzig in Epheser 4,11 eine Funktion in der Gemeinde. Dann gibt es noch drei Stellen, wo das verwandte Verb „weiden“ für eine Funktion in der Gemeinde verwendet wird: Joh.21,16 (an Petrus gerichtet), Apg.20,28 (an Älteste gerichtet), und 1.Petrus 5,2 (ebenfalls an Älteste). Darüber haben wir bereits in einer Betrachtung über die Funktionen der Ältesten gesprochen. Dort sahen wir, dass auch Petrus selber den Hirtendienst als eine Funktion der Ältesten betrachtete.

Wir haben also einige wenige neutestamentliche Stellen über das „Weiden“ als eine Funktion der Ältesten. Aber keine einzige neutestamentliche Stelle spricht von einem vollzeitlichen „Pfarramt“, das über die Funktionen eines örtlichen Ältesten hinausginge! Und während wir im Neuen Testament mehrere Personen finden können, die namentlich „Apostel“, „Propheten“ oder „Evangelisten“ genannt wurden, finden wir niemanden, der „Hirte“ („Pastor“) genannt worden wäre; mit Ausnahme von Jesus selber. Somit beruht das meiste, was heutige Kirchen über das „Pfarramt“ lehren und praktizieren, in Wirklichkeit auf Bibelstellen, die von anderen Funktionen oder Diensten handeln (z.B. vom Ältestendienst) – oder noch schlimmer: es beruht auf Annahmen und Traditionen, die überhaupt keine biblische Grundlage haben.

Diese Tatsache – das sollte nochmals hervorgehoben werden – annulliert die Leiterschaftsstruktur der meisten heutigen Kirchen. Diese Strukturen sind eines der grössten Hindernisse, die verhindern, dass heutige Kirchen zur neutestamentlichen Wirklichkeit zurückkehren.

Wenn es also wirklich einen „Hirtendienst“ geben sollte, der über die Funktionen eines örtlichen Ältesten hinausgeht, dann können wir darüber nur Vermutungen aufstellen. In Analogie zu den anderen vier Funktionen, die in Epheser 4 erwähnt werden (Apostel, Propheten, Evangelisten, Lehrer) können wir annehmen, dass es sich ebenfalls um einen Reisedienst handelt, der einen grösseren geographischen Raum abdeckt, mit dem Auftrag, Gemeindeglieder und insbesondere Älteste dazu zuzurüsten, einander zu „behirten“ mit Ermutigung, Trost, Rat, und Glaubensstärkung.

Wenn wir eine im Neuen Testament erwähnte Person suchen wollen, auf die diese Beschreibung zutrifft oder die zumindest darin ein Vorbild ist, dann kommt mir als einziger Barnabas in den Sinn. Von seinem ersten Auftauchen in der Apostelgeschichte an trägt er diesen Zunamen, der „Sohn der Ermutigung“ oder „Sohn des Trostes“ bedeutet. Es wird dort auch von seiner aussergewöhnlichen Grosszügigkeit berichtet (Apg. 4,36-37). Barnabas war also bekannt als jemand, der andere ermutigte, tröstete und unterstützte.
Das nächste Mal, wo wir von Barnabas lesen, ist er der einzige, der genügend Vertrauen zu dem neubekehrten Saulus hatte, um auf ihn zuzugehen und ihn der Gemeinde in Jerusalem vorzustellen, während alle anderen Jünger ihm noch misstrauten (Apg. 9,26-28). Ohne diesen mutigen Schritt von Barnabas hätte Saulus keinen Zugang zur christlichen Gemeinde erhalten!
Anscheinend war Barnabas auch der einzige, der den apostolischen Ruf auf dem Leben von Saulus erkannte. Denn viele Jahre später, als Saulus endlich anfing, eine Funktion in der Gemeinde auszuüben und sich der Verwirklichung seiner Berufung zu nähern, da geschah das wiederum dank Barnabas, der extra nach Tarsus gereist war, um Saulus zu suchen und ihn nach Antiochien zu bringen (Apg. 11,25).
Am Anfang der ersten Missionsreise war Barnabas offenbar der Leiter. In den Kapiteln 11 und 13 der Apostelgeschichte wird er jeweils an erster Stelle genannt: „Barnabas und Saulus“ (Apg. 11,30; 13,27). Dann, im Vers 43 des 13.Kapitels, geschieht eine Veränderung: jetzt heisst es „Paulus und Barnabas“. Saulus änderte also seinen Namen, und zugleich seine Position: er steht jetzt an erster Stelle. Das kann nur dadurch erklärt werden, dass Barnabas die geistliche Autorität erkannte, die Gott Paulus gegeben hatte, und freiwillig den zweiten Platz einnahm. Und wir können ziemlich sicher sein, dass es auch Barnabas war, der Saulus seinen neuen Namen gab; auf ähnliche Weise wie Jesus den Namen Simons in „Petrus“ änderte. – Barnabas bewies also jene Demut im Hirtendienst, die Petrus allen Ältesten anbefiehlt: „Weidet die Herde Gottes (…) nicht als solche, die über die ihnen Anvertrauten herrschen, sondern als Vorbilder der Herde.“ (1.Petrus 5,2-3).
Vor dem Aufbruch zur zweiten Missionsreise gab es zwischen Paulus und Barnabas „eine solche Erbitterung, dass sie sich voneinander trennten“. Der Grund war, dass Barnabas den Johannes Markus mitnehmen wollte; aber Paulus traute ihm nicht, weil er sie auf der ersten Reise verlassen hatte, aus Gründen, die nicht berichtet werden. Deshalb weigerte sich Paulus, Johannes Markus als Reisebegleiter mitzunehmen. Die Angelegenheit endete mit der Trennung von Barnabas und Paulus. Und Barnabas stellte erneut sein Hirtenherz unter Beweis, indem er denjenigen aufnahm und ermutigte, der wohl von dem Streit am meisten beeinträchtigt worden war: Johannes Markus (Apg. 15,37-40). Dieser Grossmut war nicht vergebens: Johannes Markus wurde später bekannt als der Autor des Markusevangeliums. Einmal mehr hatte Barnabas das geistliche Potenzial eines Menschen erkannt und gefördert, der von den übrigen abgelehnt worden war. Wenn das nicht ein grossartiges Beispiel von „Hirtendienst“ im Sinne des Neuen Testamentes ist, dann gibt es kein anderes. Barnabas erfüllte, was der Prophet Ezechiel als die Pflichten eines guten Hirten beschreibt:
„Ich werde sie (die Schafe) von allen Orten befreien, wohin sie versprengt wurden am Tag des Wolkendunkels. (…) Ich werde sie auf guter Weide weiden. (…) Ich werde die Verlorenen suchen, und die Verirrten zurückbringen, und die Zerbrochenen verbinden, und die Kranken stärken.“ (Ezechiel 34,12-16).

Was für eine Idee von „Hirtendienst“ hat deine Gemeinschaft?

Eine Kultur ist untergegangen

31. Juli 2020

Freiheit, Unabhängigkeit, Demokratie

Dieser Tage begeht die Schweiz ihren Nationalfeiertag. Als ferner Beobachter ist mir nicht bekannt, ob auch dieses Jahr Höhenfeuer angezündet, öffentliche Ansprachen gehalten, und Feuerwerke abgebrannt werden, oder ob das jetzt verboten ist. Eines aber sehe ich auch aus der Ferne: Die Werte und die Kultur, die diesen Feierlichkeiten zugrunde liegen, existieren spätestens seit diesem Jahr nicht mehr. Eine Kultur, die mit den Begriffen "Freiheit" und "Unabhängigkeit" umschrieben werden konnte; im Lauf der Jahrhunderte kamen noch "Demokratie" und "Rechtsstaatlichkeit" hinzu.

Historiker bezweifeln zwar den Wahrheitsgehalt der überlieferten Geschichten über den "Rütlischwur". Einwandfrei bezeugt ist aber, dass die Gründer der Eidgenossenschaft ihren Bund u.a. auf den folgenden Artikel gründeten:
"Wir werden nie einen Richter anerkennen, der nicht unser Landsmann ist."
Das ist ohne Zweifel eine Unabhängigkeitserklärung.

Wer richtet heute über die Vorgänge in der Schweiz?
Offiziell ist es immer noch die Schweizer Regierung. Inoffiziell aber mischen da viele ausländische Interessierte mit: Internationale Kommissionen und Organisationen; "Nichtregierungsorganisationen" (die in Tat und Wahrheit sehr wohl Regierungsbeteiligung beanspruchen, obwohl sie von niemandem gewählt wurden); internationale Unternehmen, insbesondere aus den Sparten Internetkommunikation und Pharmazeutik; und andere. (Von letzteren haben einige ihren Hauptsitz in der Schweiz … sicher ein zusätzlicher Anreiz für die Regierung, sich deren Forderungen zu beugen.)
Oder glaubt tatsächlich jemand, die einschneidenden Einschränkungen, die seit einigen Monaten auch den Schweizern auferlegt wurden, seien ganz allein den Köpfen der Schweizer Regierung entsprungen? Schon die weltweite Parallelität in den Handlungen und Argumentationen der nationalen Regierungen widerlegt eine solche Annahme. Nein, die Schweiz ist nicht mehr souverän und unabhängig – und dasselbe gilt für praktisch alle anderen Nationen der Welt. Nur dass manche anderen Nationen das nicht als so einschneidend empfinden, weil sie in ihrer Geschichte kaum je volle Souveränität erlebt haben; während das in der Schweiz seit Jahrhunderten sozusagen zum nationalen Erbgut gehört.

Dasselbe gilt für den Begriff der "Demokratie". Die Schweiz rühmt sich, eine der wenigen direkten Demokratien der Welt zu sein; also ein Land, wo bei wichtigen Entscheidungen jeder Bürger per Volksabstimmung mitbestimmen darf. Aber als es darum ging, Versammlungen, Reisen, und sogar das Arbeiten weitgehend zu verbieten, da gab es keine Volksabstimmung. Wenn ich richtig informiert bin, gab es nicht einmal eine Parlamentsdiskussion. Mit anderen Worten: Es wurde diktatorisch entschieden.

(Man kann natürlich darüber diskutieren, ob ein "Notstand" herrschte, der ein solches diktatorisches Vorgehen gerechtfertigt hätte. Aber wenn ich die aktuellen Zahlen vergleiche mit den weltweiten Zahlen über andere ansteckende Krankheiten, z.B. Influenza (jährlich bis 650’000 Tote) oder Tuberkulose (jährlich 1’600’000 Tote), dann erscheint mir dieses Argument zweifelhaft. Erst recht, wenn ich dann noch in den Nachrichten lese, dass viele Schweizer Spitäler während den letzten Monaten Kurzarbeit anmelden mussten.
In der jetzt nicht mehr existierenden Kultur von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit galt noch, dass jeder eigenverantwortlich entscheidet über die Vermeidung persönlicher Risiken. Z.B. wäre es niemandem in den Sinn gekommen, mir gesetzlich zu verbieten, aus dem zweiten Stock meines Hauses zu springen. Jetzt aber ist zu erwarten, dass sich die Verbotskultur auf immer weitere Bereiche des täglichen Lebens ausdehnen wird.)

Das christliche Erbe, und die Folgen seines Verlustes

Doch das Gesamtbild ist viel grösser. Die Schweiz gehört ja zu einem grösseren Kulturraum, der bisweilen als "das christliche Abendland" bezeichnet worden ist. Wenn es auch nie eine wirklich christliche Gesellschaft gegeben hat, so war doch der Einfluss des Christentums auf diesen Kulturraum grösser als je in einer anderen Weltgegend oder Epoche.
Das betrifft insbesondere das Christentum in seiner reformierten Form, d.h. unter dem Prinzip "Sola Scriptura" ("Allein die Schrift"). Dieses Prinzip besagt, dass allein die Heilige Schrift massgebend ist für die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Irrtum, und für unsere Lebensführung. Im reformierten Christentum gibt es (zumindest in der Theorie) keinen Papst, Kirchenlehrer oder Vorgesetzten, der mir vorschreibt, wie ich zu glauben und zu leben habe. Jeder Christ kann das selber in der Bibel nachlesen, verstehen, und ausleben. Hier haben wir wie in einem Samenkorn alle die Prinzipien angelegt, ohne die ein demokratischer Rechtsstaat nicht funktionieren kann: Gleichheit aller vor dem Gesetz; Eigenverantwortung und Freiheit; aber auf der Grundlage einer gemeinsamen, allgemein anerkannten Wertordnung; und im Bewusstsein, dass jeder vor Gott Rechenschaft ablegen muss.
Wahrscheinlich der erste, der diese Grundsätze auf die Staatspolitik übertrug, war der Schotte Samuel Rutherford mit seinem Werk "Lex Rex" ("Das Gesetz ist König", 1644). Der Grundgedanke ist folgender: So wie in der Kirche die Schrift allein massgebend ist, und jeder, auch der mächtigste Leiter, sich ihr unterordnen muss, so sollte auch der Staat auf einem Gesetz gegründet sein, dem jeder, auch der König, folgen muss. Die Regierung darf also nicht willkürlich herrschen oder sich Vorrechte herausnehmen. Es muss Instanzen geben, welche auch die Regierenden für Gesetzesübertretungen zur Rechenschaft ziehen können. Das ist der Kern des modernen Rechtsstaats auf verfassungsmässiger Grundlage. – Von seinem christlichen Hintergrund her setzte Rutherford als selbstverständlich voraus, dass das Gesetz des Staates seinerseits auf Gottes Wort begründet sein soll.

Werte wie "Freiheit" und "Demokratie" wurden also in dieser Kultur nicht als absolut verstanden. Sie galten nur im Rahmen der biblisch-christlichen Prinzipien und Werte, die zumindest in den Reformationsländern während mehreren Jahrhunderten allgemein anerkannt wurden – auch von jenen, die selber keine geistliche Wiedergeburt erlebt hatten. Francis Schaeffer bringt es folgendermassen auf den Punkt:
"In den Ländern der Reformation gab es eine Lösung für das Problem, in der Gesellschaftsordnung zwischen ‚Zwang‘ und ‚Chaos‘ wählen zu müssen."
Das bedeutet aber auch: Diese Lösung ist jetzt nicht mehr zugänglich. Seit dem Zusammenbruch der reformatorisch geprägten Kultur müssen auch die ehemaligen Reformationsländer entscheiden, entweder die Freiheit oder die Ordnung aufzugeben – oder beides zu verlieren. Gegenwärtig hat man sich offenbar für die Preisgabe der Freiheit entschieden.

Nun ist diese Kultur natürlich nicht von einem Tag auf den andern untergegangen. Gegner einer biblisch-christlichen Weltanschauung hat es immer gegeben, auch in den Reformationsländern. Und etwa seit der Mitte des 19.Jahrhunderts kann man deutlich einen zunehmenden gesellschaftlichen Einfluss antichristlicher Strömungen beobachten: Rationalismus, Materialismus, Bibelkritik, Darwinismus, Marxismus, Existenzialismus, Okkultismus, usw. usw. Die christlichen Prinzipien sind über einen langen Zeitraum hinweg ausgehöhlt worden. Der endgültige Zusammenbruch, den wir jetzt miterleben, war schon seit längerer Zeit unvermeidlich – ausser es hätte eine tiefgreifende Umkehr und Erweckung stattgefunden, zuallererst innerhalb der christlichen Kirchen selber.

Trotz ihrer zunehmenden Verleugnung des christlichen Erbes dienten die ehemaligen Reformationsländer bis in die jüngste Vergangenheit immer noch anderen Kulturen als lebendiges Beispiel dafür, dass christliche Prinzipien "funktionieren" – allein aufgrund ihrer andersartigen Lebensweise. So wurde mir vor Jahren folgendes Beispiel erzählt:
Eine Chinesin besuchte eine Schweizer Stadt. Nachdem sie mehrmals mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs gewesen war, sagte sie zu ihrer Gastgeberin: "Nicht wahr, in diesem Land glauben die Menschen an einen Gott, der alles sieht?" – Wie kam sie zu diesem Schluss? Sie hatte beobachtet, wie man am Automaten Fahrkarten lösen kann, in den Bus oder die Strassenbahn einsteigt, und während der ganzen Fahrt nie kontrolliert wird. Völlig undenkbar in einem Land wie China, dass eine Regierung oder ein Unternehmen dem gewöhnlichen Bürger zutrauen würde, auch ohne Überwachung die Regeln einzuhalten. Für diese Besucherin war es logisch: ein solches Vertrauen und eine solche Ehrlichkeit kann nur entstehen auf der Grundlage des Glaubens an Gott.
Übrigens wären auch hier in Perú solche auf Vertrauen und Ehrlichkeit basierende Systeme undenkbar, obwohl die überwiegende Mehrheit der Peruaner sich als Christen bezeichnen. Aber die biblische Ethik konnte das Alltagsleben nie in einer solchen Weise prägen, wie das in den Reformationsländern der Fall war. Die römisch-katholische Variante des Christentums führt die Menschen nicht zu einer persönlichen Lebenswende und Wiedergeburt, sondern zur Unterwerfung unter ein hierarchisches System und zur Erfüllung äusserlicher Riten. Das gilt hierzulande sogar für die evangelischen bzw. evangelikalen Kirchen. Diese haben zwar eine evangelische Theologie, aber weiterhin eine katholische Mentalität. Deshalb konnten sie trotz über hundertjähriger Existenz und zahlenmässigen Wachstums nie eine biblisch-christliche Kultur entwickeln.

Missionare aus dem reformatorisch geprägten Kulturraum konnten bis vor kurzem das Evangelium relativ wirksam in andere Kulturen tragen, weil sie selber in ihren Heimatländern die Überreste einer ehemals christlich geprägten Kultur "live" miterleben konnten. Wie wir im Beispiel sahen, konnten selbst diese kläglichen Überreste immer noch eine zeugnishafte Wirkung entfalten. Missionare konnten deshalb ihren eigenen Glauben auf ein "real existierendes Christentum" abstützen. Und sie hatten die Möglichkeit, auf dem Missionsfeld eine "Miniaturausgabe" einer christlich geprägten Kultur zu reproduzieren, zumindest mit ihrem eigenen Familienleben, ihrer persönlichen Integrität, ihrem Verhalten in mitmenschlichen Beziehungen, Arbeit, Wirtschaft, usw. Solange es ein solches "real existierendes Christentum" gab, konnte man am Glauben Interessierten sagen: "Komm und sieh (Joh.1,46), das gibt es wirklich."
(Allerdings haben viele Missionare diese Möglichkeiten nicht wahrgenommen, und haben sich stattdessen darauf beschränkt, religiöse Clubs zu gründen, oder die westliche Kultur in ihren äusserlichen Aspekten wie Technik und "Entwicklung" zu reproduzieren, statt in ihrem geistlichen Gehalt.)

Jetzt aber existiert diese christlich geprägte Kultur nur noch in der Erinnerung der älteren Hälfte der Bevölkerung, und in den Seiten einiger Geschichtsbücher. Und es sind eifrige Anstrengungen im Gang, sie auch von dort zu verbannen. Das bedeutet nicht nur das Ende der abendländischen Kultur; es bedeutet auch das Ende der abendländischen christlichen Mission in anderen Kulturkreisen. Es ist wohl kein Zufall, dass etwa seit der Jahrtausendwende die abendländische Mission stagniert, und dass immer mehr ehemalige Missionswerke die Bezeichnungen "Mission" und "Missionar" ablehnen und durch andere ersetzen ("Entwicklungshilfe", "interkulturelle Mitarbeiter", usw). Man kann darin eine Anpassung an den Zeitgeist sehen; ich sehe darin aber auch das stillschweigende Eingeständnis, dass die westlichen Kirchen und Missionsgesellschaften die geistliche Autorität zur "Mission" verloren haben. Nicht nur die "Welt" ausserhalb der Kirchen, auch die westlichen Kirchen selber (inbegriffen die Freikirchen) haben ihr geistliches Erbe weitgehend verloren.

Der Untergang der Kultur der Reformationsländer hat deshalb Auswirkungen weit über diesen Kulturkreis hinaus.

Eine gewisse Hoffnung sehe ich darin, dass in der Zwischenzeit – ziemlich unbemerkt von der westlichen Welt – eine andersartige christliche Kultur entstanden ist, nämlich in China. Diese hat kaum Gemeinsamkeiten mit der reformatorisch geprägten Kultur, aber dafür mit dem Urchristentum im Römischen Reich:
Während sich die Reformationsländer in weitgehender Freiheit entfalten konnten und christliche Kräfte sogar staatsgestaltend wirken konnten, mussten Christen im Römischen Reich und in China als Minderheit eine Gegenkultur entwickeln, die ständig von Verfolgung bedroht war und ist. Während die Kultur der Reformationsländer die Massen dazu gebracht hat, sich als "christlich" zu verstehen, selbst wenn sie es in Wirklichkeit nicht waren, so mussten und müssen dagegen im Römischen Reich und in China viele Christen ihre Identität verbergen. Während die Reformationsländer aus einer Position der Stärke heraus andere Länder und Kulturkreise beeinflussen und "missionieren" konnten, kann die chinesische Christenheit ebenso wie die Urchristen ihre Missionare nur als "Schafe unter die Wölfe" aussenden (siehe Matth.10,16-22).
Gerade wegen dieser andersartigen Umstände sind es jetzt nicht mehr westliche Missionare, sondern chinesische, welche den Hauptanteil an der Missionsarbeit unter den unerreichten Volksgruppen im sogenannten "10-40-Fenster" leisten. Von ihrem eigenen Hintergrund her sind die chinesischen Christen viel besser auf eine Arbeit in Armut, Isolation und Verfolgung vorbereitet. – In den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts wurde in der Missionstheologie viel von der "Vollendung des Missionsbefehls" gesprochen: Wenn "alle Volksgruppen" mit dem Evangelium erreicht sind, dann ist der Auftrag vollendet, und Jesus kann wiederkommen. (Siehe Matth.24,14; 28,19-20; Apg.1,6-8.) Dabei wurde meistens stillschweigend vorausgesetzt, dass westliche Missionare mit ihren strategischen Plänen, ihrem Geld, ihrer akademischen Bildung und ihrem technischen Know-How diesen Auftrag vollenden würden. Aber "Letzte werden Erste sein, und Erste werden Letzte sein". Nicht nur bleiben wir Westler jetzt mehrheitlich aussen vor; wir werden nicht einmal erfahren, ob und wie weit der Auftrag erfüllt ist. Denn die Arbeiter, an die Gott jetzt den Auftrag übertragen hat, geben mit gutem Grund keine Statistiken, Erfolgsmeldungen oder Werbebroschüren heraus.
Matth.24,14 sagt übrigens nicht unbedingt eine weltweite endzeitliche Erweckung voraus. Es heisst dort nur, dass das Evangelium unter allen Nationen verkündet wird; es steht aber nichts darüber, ob diese Nationen das Evangelium auch annehmen werden. Eine Erweckung ist deshalb nur insofern zu erwarten, als die erforderlichen Missionare hervorgebracht und geistlich vorbereitet werden müssen. Die gegenwärtige chinesische Erweckung könnte dazu bereits ausreichen. – Matth.24,14 steht mitten in einem Abschnitt über Verfolgungen und Abfall vom Glauben. Das sind offenbar die Umstände, unter denen der "Endspurt" des Missionsbefehls stattfinden wird; während gleichzeitig die Erfüllung von Off.13 in die Wege geleitet wird.
Zur falschen Lehre, die Christen würden vorher entrückt, habe ich hier (und folgende) und hier bereits geschrieben.
Fazit: Blicke nach China. Was in China geschieht (z.B. betr. Regierungspolitik, Überwachung und Beeinflussung der Massen, Verfolgung, usw.), wird bald auch im Rest der Welt geschehen. Aber auch die chinesische Ausprägung des christlichen Glaubens wird bald vielen anderen Völkern als Vorbild dienen. Waren in den vergangenen Jahrhunderten Europa und die USA die weltweiten "Trendsetter", im Guten wie im Schlechten, so ist diese Rolle jetzt an China übergegangen.

Freiheit und Wahrheit

Es besteht eine enge Verbindung zwischen Freiheit und Wahrheit. Jesus sagte: "Wenn ihr in meinem Wort bleibt, werdet ihr wahrhaftig meine Jünger sein, und ihr werdet die Wahrheit kennen, und die Wahrheit wird euch frei machen." (Johannes 8,32). Im unmittelbaren Zusammenhang ist hier natürlich die Wahrheit über Gott und über Jesus gemeint. Aber wir können das durchaus anwenden auf alles, was wahrhaftig ist: Wer die Wahrheit kennt, lässt sich nicht so leicht manipulieren und versklaven. Und umgekehrt: In einer freien Gesellschaft werden die Menschen nicht daran gehindert, die Wahrheit zu suchen, zu kennen und bekanntzumachen. Insbesondere werden sie nicht daran gehindert, Lügen ihrer eigenen Regierung aufzudecken.

Ein wichtiges Kennzeichen einer Diktatur ist dagegen, dass Informationen und Meinungen zensuriert werden. Die Regierung und die Nachrichtenmedien verbreiten speziell ausgewählte und z.T. verzerrte Informationen, um ein bestimmtes Narrativ im Einklang mit der Regierungspolitik zu unterstützen. Mit anderen Worten: Was sich als Information ausgibt, ist in Wirklichkeit Propaganda. Und es werden Anstrengungen unternommen, um die Veröffentlichung und den Zugang zu abweichenden Informationen und Meinungen zu verhindern. Auch in der Schweiz sind neuerdings Personen diffamiert, bestraft, und Zwangsmassnahmen unterworfen worden, weil sie Informationen und Meinungen aussprachen, die dem offiziellen Narrativ zuwiderlaufen. Dagegen konnte anscheinend auch in Europa problemlos das Märchen verbreitet werden, Demonstrationen (angeblich) "gegen Rassismus" seien gut für die Volksgesundheit, während Demonstrationen gegen Reise- und Arbeitsverbote natürlich höchst gefährlich seien. Vielsagend ist auch, dass der hauptsächliche Autor der bestdokumentierten medizinischen Informationsseite zur aktuellen Situation (folge den entsprechenden Links) sich genötigt sieht, seine Identität geheimzuhalten.
Ein demokratischer Rechtsstaat gründet sich auf die freie und offene Diskussion aller Standpunkte. Eine Gesellschaft, die diese Diskussion unterbindet, kann sich nicht mehr "demokratisch" oder "rechtsstaatlich" nennen.

Die Bibel enthält auch folgende Prophetie über den "Menschen der Sünde": "[Er wird kommen …] mit aller Verführung der Ungerechtigkeit unter jenen, die verlorengehen, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, sodass sie gerettet würden. Und deshalb wird Gott ihnen eine verführerische Macht senden, damit sie die Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht glaubten, sondern an der Ungerechtigkeit Gefallen hatten." (2.Thessalonicher 2,10-12).
Der endzeitlichen Diktatur geht also eine Zeit voraus, in welcher die Menschen von vielen Lügen verführt werden. Und warum glauben sie die Lügen? Weil sie die Wahrheit nicht liebten. Menschen, die gerne lügen und einen falschen Anschein erwecken, werden selber mit Lügen verführt werden. Das schliesst viele ein, die sich "Christen" nennen. Ein echter, wiedergeborener Christ verabscheut die Lüge und jeden falschen Anschein. Aber auch in den christlichen Kirchen befinden sich viele Mitglieder und Leiter, die nicht wiedergeboren sind und weiterhin die Lüge lieben. Ihre kirchlichen Funktionen werden sie nicht vor der Verführung schützen. Viele Kirchen, grosse und kleine, werden dem "Menschen der Sünde" folgen. Um auf der Seite von Jesus zu sein, ist es nötig, umzukehren und wiedergeboren zu werden.


PS: Unter den gegenwärtigen Umständen ist natürlich auch der Fortbestand dieses Blogs in der Schwebe. Wenn dir gewisse Artikel wichtig sind, kannst du ja Sicherheitskopien anlegen. Evtl. werde ich hier einen Ersatz anbieten können (ohne Garantie).
So oder so werden Webseiten, die bestimmte Themen enthalten, von den Suchmaschinen aktiv gemieden bzw. aus den Ergebnissen verdrängt. Ich muss annehmen, das ist der Grund, warum die Besucherzahl hier markant zurückgegangen ist, seit ich angefangen habe, Artikel über aktuelle Ereignisse im Licht biblischer Prophetie zu veröffentlichen.

Evangelisten in der neutestamentlichen Gemeinde

27. Juli 2020

Während des grössten Teils der Kirchengeschichte wurde das Wort „Evangelist“ ausschliesslich für die Autoren der vier Evangelien verwendet. Noch zur Zeit John Wesleys (18.Jh) war es eine kontroverse Angelegenheit, dass er sich selber „Evangelist“ nannte. Aber inzwischen haben die meisten Denominationen anerkannt, dass die Funktion eines Evangelisten auch heute noch gültig ist.

Ein Beispiel aus dem Neuen Testament wäre „Philippus der Evangelist“ (Apg.21,8) – nicht zu verwechseln mit dem Apostel Philippus. Offenbar handelt es sich um jenen Philippus, der in Apg.6,5 als einer der „Sieben“ erwähnt wird, und dessen Geschichte in Kapitel 8 erzählt wird. Am Ende dieses Kapitels „zog er durch alle Orte und evangelisierte in allen Städten, bis er nach Cäsarea kam.“ Und dort befand er sich immer noch, als Paulus ihn in Apg.21 besuchte.
Der Dienst des Philippus in Samarien (Apg.8,5-12) hat grosse Ähnlichkeit mit dem Dienst der Apostel an Pfingsten und danach. Ein Evangelist wird von Gott dazu gebraucht, das Evangelium auf überzeugende Weise zu verkünden, sodass Überführung von Sünde geschieht, Umkehr, und Glaube an Jesus Christus. – In der Folge sehen wir, wie Philippus von Gott auch zur persönlichen Evangelisation gebraucht wurde, indem er dem äthiopischen Beamten die Schrift auslegte (Apg.8,26-39).

Auch Timotheus wird „Evangelist“ genannt (2.Tim.4,5).

Ein echter Evangelist wird immer Christus in den Mittelpunkt seiner Botschaft und seiner Praxis stellen. Ein echter Evangelist ist kein Werbefachmann mit dem Auftrag, mehr Mitglieder für eine bestimmte Organisation zu gewinnen. Ein echter Evangelist ist von Gott gesandt, um den Menschen zu sagen, dass sie sich mit Gott versöhnen lassen sollen (2.Kor.5,20). Sein tiefster Wunsch ist es, dass der Heilige Geist in den Menschen wirken möge zur Überführung von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht; um sie zur Umkehr zu bringen, zur Ganzhingabe an den Herrn, zum Glauben, und zur Wiedergeburt. Ein echter Evangelist möchte erleben, wie Menschen zu Untertanen des Königs und zu Bürgern seines Reiches werden; nicht zu Mitgliedern einer religiösen Organisation dieser Welt.

Eine der kritischsten Funktionen eines Evangelisten (und heute zumeist vergessen) besteht darin, mit dem Evangelium nicht nur die „Aussenstehenden“ zu konfrontieren, sondern auch die Mitglieder der christlichen Kirchen. Je mehr eine Gemeinde wächst, desto mehr wächst auch die Anzahl der Mitglieder, die „den Namen haben, dass sie leben, aber tot sind“ (Offb.3,1). Diese sind sehr schwer zu evangelisieren. Die „Aussenstehenden“ sind sich immerhin bewusst, dass sie keine Christen sind. Aber die „Mitglieder“ leben in der Illusion, sie seien bereits Christen und seien bereits errettet. Deshalb können sie sehr aggressiv reagieren, wenn jemand ihnen sagt, sie müssten erst noch von neuem geboren werden. Das war der Grund, warum viele Erweckungsprediger von den Leitern ihrer eigenen Kirchen angegriffen und verfolgt wurden: Sie waren berufen, den Namenschristen zu sagen, dass sie geistlich tot waren.

Nachdem Charles Finney einmal in einer Kirche gepredigt hatte, kam ein alter Mann auf ihn zu. Finney erkannte den Pastor der ersten Gemeinde, wo er Mitglied gewesen war, und mit dem er immer wieder Auseinandersetzungen gehabt hatte. Der Pastor sagte zu ihm: „Bruder Finney, ich muss Sie um Vergebung bitten. Heute abend hat Gott mir gezeigt, dass ich selber noch nicht wiedergeboren bin.“

Anerkennt deine Gemeinde oder Denomination den Dienst echter Evangelisten? Heisst sie Evangelisten willkommen, die auch die „Mitglieder“ (und Leiter!) zur Umkehr aufrufen?

Propheten in der neutestamentlichen Gemeinde

24. Juli 2020

Dies ist die Fortsetzung einer vor mehreren Monaten unterbrochenen Artikelserie über die „Zurüstungsfunktionen“ in der neutestamentlichen Gemeinde (Epheser 4,11). Ich denke, ich habe inzwischen die dringendsten Themen im Zusammenhang mit den geistlichen Hintergründen des gegenwärtigen Zeitgeschehens behandelt, und möchte daher zu diesem lange liegengebliebenen Thema zurückkehren.


Das Wort „prophezeien“ bedeutet von seinem Ursprung her: „hervor sagen“, oder auch „voraussagen“. Von daher hat ein Prophet zwei Funktionen:
1. Verborgenes offen heraussagen und ans Licht bringen (siehe Matth.10,26-27). So kann ein Prophet verborgene Dinge Gottes offenbaren (seinen Charakter, seine Vorsätze, seine Handlungsweise …). Er kann aber auch die verborgenen Gedanken, Absichten und Sünden von Menschen ans Licht bringen.
2. Zukünftige Ereignisse nach dem Willen Gottes voraussagen. Das ist das landläufige Verständnis von Prophetie; aber wie wir gesehen haben, ist es nicht das einzige.

Die Funktion eines Propheten im Neuen Testament ist nicht genau dieselbe wie im Alten Testament. In der alttestamentlichen Ordnung beauftragte Gott Propheten damit, seine autoritative Offenbarung zu verkünden und aufzuschreiben; d.h. unter der Inspiration des Heiligen Geistes die Bücher der Heiligen Schrift zu schreiben. Im Neuen Testament ging diese Funktion an die Apostel über. Keiner der mit Namen genannten neutestamentlichen Propheten schrieb ein biblisches Buch. Sie hatten lediglich den Auftrag, ihre Geschwister zu ermutigen, zu ermahnen und zu warnen mit dem, was Gott ihnen offenbarte. (Siehe Apg.15,32: „Und Judas und Silas waren auch Propheten, und so ermutigten und stärkten sie die Brüder mit vielen Worten.“)
Ausserdem ist es eine wichtige Funktion der Prophetie, „das Verborgene des Herzens“ ans Licht zu bringen (1.Kor.14,24-25). Prophetie kann einen Ungläubigen, der zufällig in eine christliche Zusammenkunft kommt, von Sünde überführen.
Obwohl die Propheten in der neutestamentlichen Ordnung nicht dasselbe Gewicht haben wie im Alten Testament, so bleibt ihre Funktion doch wichtig. Sie sind zwar nicht dazu da, ewige und autoritative Glaubenswahrheiten zu offenbaren; aber in spezifischen Situationen müssen sie ankündigen, was der Herr einer spezifischen Person oder Gemeinde sagen möchte. Die Prophetie ist damit eine der wenigen Funktionen in der Gemeinde, die direkt das grosse Vorrecht des Neuen Bundes verwirklicht: direkten Zugang zu Gott zu haben.

Viele cessationistische Theologen sind der Meinung, die Gabe und Funktion der Prophetie sei nur für die Zeit der ersten Apostel bestimmt gewesen. (Andere sagen, heute bestehe „Prophetie“ lediglich in der Auslegung biblischer Wahrheiten, aber nicht mehr in der übernatürlichen Offenbarung von Verborgenem. Doch dann wäre Prophetie gleichbedeutend mit Lehre, und dann hätte es keinen Sinn mehr, das Wort „Prophetie“ zu gebrauchen.) Aber das Buch der „Apostellehre“ (Didache), das im zweiten Jahrhundert geschrieben wurde, enthält Anweisungen über die Aufnahme und Prüfung reisender Apostel und Propheten. Das beweist, dass die Funktion der Prophetie auch im zweiten Jahrhundert fortbestand, und dass die Gemeinde jener Zeit nicht cessationistisch eingestellt war.

Prophetien müssen geprüft werden.

Wie die Apostel, so müssen auch die Propheten und ihre Aussprüche von der Gesamtgemeinde geprüft werden. Wenn die Prophetie eine so wichtige Gabe für die Gemeinde ist, dann wird der Teufel grosse Anstrengungen unternehmen, um sie zu fälschen und in Verruf zu bringen. Deshalb sagt Paulus: „Propheten sollen zwei oder drei sprechen, und die übrigen sollen prüfen.“ (1.Kor.14,29). Und: „Löscht den Geist nicht aus; verachtet die Prophetien nicht; aber prüft alles, behaltet das Gute, meidet allen bösen Anschein.“ (1.Thess.5,19-22)
Die Gemeinde hat nur selten ein gesundes Gleichgewicht zwischen „Prophetie nicht verachten“ und „alles prüfen“ zu bewahren vermocht. Während langen Zeiträumen der Kirchengeschichte war die Funktion der Prophetie beinahe unbekannt. Heute ist sie wieder in Mode gekommen (zumindest in gewissen Kreisen), aber das hat wiederum ein Menge falscher Propheten und falscher Prophetien hervorgebracht, und eine leichtgläubige Bewunderung von allem, was sich als „prophetisch“ ausgibt.

Um einen Propheten zu prüfen, gelten dieselben Kriterien wie für einen Apostel: Entspricht seine „Frucht“ und sein Charakter dem Vorbild Christi? Und ist seine Botschaft schriftgemäss?

Ein wichtiges Kriterium finden wir in mehreren Stellen des Alten Testaments: Ein echter Prophet fürchtet sich nicht davor, das Volk mit unangenehmen Wahrheiten zu konfrontieren. Ein falscher Prophet wird dagegen „Friede, Friede“ sagen, wo kein Friede ist. (Jeremia 6,13-14, 8,10-11, Ezechiel 13,1-16). Ein falscher Prophet sagt, was das Volk hören will (Jeremias 23,16-17), und sagt ihnen hauptsächlich angenehme Dinge voraus, damit sie sich „auferbaut“ fühlen, aber auf fleischliche Weise. Ein echter Prophet verkündigt treu, was der Herr ihm aufträgt, und das schliesst oft Zurechtweisungen, Gerichtsankündigungen und Rufe zur Umkehr ein.
Auch im Neuen Testament, als Johannes die prophetischen Worte an die sieben Gemeinden in Offb.2 und 3 erhielt, musste er fünf der sieben Gemeinden zur Umkehr aufrufen. Auch in der Ordnung des Neuen Testamentes beginnt das Gericht beim Haus Gottes (1.Petrus 4,17); und die Propheten sind beauftragt, die Gemeinde zu warnen.
Der echte Prophet ist aber nicht etwa jemand, der es geniesst, Menschen zu beleidigen und vor den Kopf zu stossen. Im Gegenteil, oft ist er selber derjenige, der am meisten darunter leidet, wenn er über den Zorn Gottes sprechen muss. Die Klage des Jeremia drückt wahrscheinlich die Gefühle eines jeden echten Propheten aus: „Sooft ich rede, muss ich aufschreien. ‚Unrecht! Gewalttat!‘, muss ich rufen. Denn das Wort des Herrn ist mir zur Schmach und zum Hohn geworden den ganzen Tag. Sage ich mir aber: ‚Ich will nicht mehr an ihn denken, will nicht mehr reden in seinem Namen‘, dann wird es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, gehalten in meinem Gebein.“ (Jeremia 20,8-9) – Mehr als einmal sagte Gott zu Mose, er würde das ganze Volk vernichten; und jedesmal begann Mose für das Volk Fürbitte zu leisten, bis Gott sich für ein weniger strenges Gericht entschied (2.Mose 32,9-14, 4.Mose 14,11-20). – Auch Samuel, nachdem er Saul hart zurechtweisen musste, weinte um ihn, bis Gott ihm sagte, er solle aufhören zu weinen und David zum König salben (1.Samuel 15,35, 16,1).
Aber die Zuhörer nehmen dieses verborgene Leiden des Propheten selten wahr. Sie hören nur seine harten Worte, und dann – wenn sie nicht zur Umkehr bereit sind – beginnen sie die Propheten zu hassen. Deshalb werden auch in den Gemeinden, die sich christlich nennen, die echten Propheten oft verfolgt, und die Menschen folgen falschen Propheten. Deshalb warnte Jesus seine Jünger:
„Glücklich seid ihr, wenn die Menschen euch hassen und ausstossen und beschimpfen und euren Namen als etwas Böses verwerfen um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tag und hüpft, denn seht, ihr werdet einen grossen Lohn im Himmel haben. Denn so taten es ihre Vorfahren mit den Propheten. (…) Wehe, wenn alle Menschen gut von euch reden!, denn so taten es ihre Vorfahren mit den falschen Propheten.“ (Lukas 6,22-23.26)

Hat deine Gemeinde ein biblisches Konzept von Prophetie? Ist sie dazu bereit, von einem echten Propheten zurechtgewiesen zu werden? Und ist sie in der Lage, einen falschen Propheten zu erkennen?

Gibt es eine christliche Wirtschaft? – Teil 2

28. Juni 2020

Im vorherigen Artikel haben wir einige Kennzeichen einer christlichen Wirtschaft betrachtet. Ich möchte einige Punkte hinzufügen:

Dezentralisierung

Das grosszügige Geben und die Unterstützung Notleidender in der neutestamentlichen Gemeinde geschahen hauptsächlich in der persönlichen Verantwortung jedes Einzelnen. Es bestand also eine grösstmögliche Dezentralisierung, wo jede Person (oder jede Familie) selber über die Verwaltung ihrer Güter entschied, in Verantwortung vor Gott.

Dasselbe kann von einer christlichen Wirtschaft im allgemeinen gesagt werden. Der „Leib Christi“ hat ein einziges Haupt, Christus selber. In diesem Sinn könnte er als „zentralistisch“ angesehen werden. Aber seine Glieder hier auf der Erde haben untereinander eine vollständig dezentralisierte Struktur. „Einer ist euer Meister; und ihr seid alle Geschwister“ (Matthäus 23,8). Die Glieder eines Leibes erteilen einander keine Befehle; sie erhalten alle Befehle vom Haupt. Angewandt auf die Wirtschaft: In der neutestamentlichen Gemeinde gibt es keine Hierarchie, die einem Christen befehlen könnte, was er mit seinen Gütern zu tun habe. Aber jeder einzelne steht unter dem Befehl des Herrn selber.

Andererseits gibt es in einem Leib eine intensive Zusammenarbeit zwischen benachbarten Zellen und Gliedern. So werden sich auch in einer wirklich christlichen Gemeinschaft Netzwerke der gegenseitigen Unterstützung bilden zwischen Mitgliedern, die einander persönlich kennen und nahe beieinander wohnen. Es wird einen Austausch von Gütern und Dienstleistungen geben, je nach den „Talenten“, die Gott jedem einzelnen gegeben hat. Dazu braucht es keine zentrale Organisation oder Koordination, denn jeder einzelne richtet sich nach dem Willen Gottes und nach dem Besten seiner Nächsten. Wie wir im vorhergehenden Artikel sahen, entspringt diese Zusammenarbeit nicht dem Wunsch nach persönlichem Gewinn, sondern dem Wunsch, Gott zu gefallen und dem Nächsten zu dienen. Aber die Geschichte hat gezeigt, besonders am Beispiel der Reformationsländer, dass oft Gott eine solche Einstellung auch materiell belohnt.

In den gegenwärtigen Kirchen habe ich noch kaum Beispiele einer solchen dezentralisierten Zusammenarbeit gesehen. Hier in Lateinamerika könnte das teilweise auf die vorherrschende zentralistische Kultur zurückzuführen sein. In der Politik wird das Wort „Dezentralisierung“ vorwiegend in einem propagandistischen Sinn verwendet, wobei es in Wirklichkeit „Zentralismus“ bedeutet. Z.B. werden regionale und lokale Regierungen gewählt, und dann wird gesagt, damit sei das Land „dezentralisiert“. Aber in Wirklichkeit sind diese regionalen und lokalen Regierungen nicht viel mehr als Befehlsempfänger und Ausführungsorgane der Zentralregierung in der Hauptstadt. Über wirklich wichtige Fragen können sie nicht entscheiden. Sie verfügen auch nicht über Einrichtungen, mit denen sie in näheren Kontakt zum Volkswillen kommen könnten, wie z.B. Parlamente. – Ich nehme an, dass es auch in Europa eine unterschwellige Tendenz zu einer solchen Schein-Dezentralisierung gibt.
Aber der neutestamentliche Leib Christi wird als ein in Tat und Wahrheit dezentralisierter Organismus beschrieben.

Noch aus einem anderen Grund dürfte es den Kirchen schwerfallen, diesen Punkt zu verstehen: Viele haben eine falsche Vorstellung vom „Reich Gottes“. In dieser Vorstellung wird „Reich“ gleichgesetzt mit „Hierarchie“ und „autoritärer Leiterschaft„, vorzugsweise natürlich die Leiterschaft der eigenen speziellen Organisation. Da ein echter König auf dieser Erde autoritär regiert und absoluten Gehorsam verlangt, so sagen die Vertreter dieser Richtung, seien auch Gemeindeleiter „Autoritäten“, denen bedingungslos zu gehorchen sei und die nicht hinterfragt werden dürften. Dieses Konzept hat seinen Ursprung im römischen Katholizismus, ist aber auch in evangelikalen Kreisen weit verbreitet, und sogar in Kreisen, die sich von den institutionellen Kirchen distanzieren und sich als echte Rückkehr zum Neuen Testament bezeichnen. Ein bekannter Vertreter dieser Richtung lehrt z.B, Apostel seien „Banker Gottes“, und auch heute müssten Nachfolger Jesu ihren nicht lebensnotwendigen Besitz einer auserwählten Gruppe von Aposteln zu Füssen legen, damit diese ihn zentral verwalten.
Das ist natürlich keine wirkliche Rückkehr zum Neuen Testament; eher zum Mittelalter. Jesus sagte deutlich, dass die Leiter in seinem Volk eben gerade nicht so „regieren“ sollen wie die Machthaber dieser Welt. (Lukas 22,25-26 und Parallelen.)

Wenn Jesus sagte, wir sollten keine Schätze auf Erden aufhäufen, dann gilt das sicher auch für die Gemeinde als Kollektiv. Und eine zentralistische wirtschaftliche Struktur ist verletzlich in Krisen- und Verfolgungszeiten. Wenn die Zentrale fällt, dann fallen alle, die davon abhängig sind. Dagegen sagt die Weisheit des Predigers: „Teile in sieben Teile und sogar acht; denn du weisst nicht, was Böses über die Erde kommen wird.“ (Prediger 11,2)

Keine Schulden machen

„Gebt allen, was ihnen gebührt. (…) Bleibt niemandem etwas schuldig, ausser dass ihr einander liebt …“ (Römer 13,7-8)

Die Liebe müssen wir einander zwangsläufig „schuldig bleiben“, weil niemand von uns in der Lage ist, seine Nächsten auf so vollkommene Weise zu lieben wie Jesus. Aber in materiellen Angelegenheiten sollten wir keine Schulden machen. Wir sollten uns auch nicht zu Bürgen für fremde Schulden machen (Sprüche 6,1-5; 11,15; 22,26.)

Normalerweise gibt uns Gott das Nötige, um unsere Aufträge auszuführen, ohne dass wir uns verschulden müssen. Als er Mose berief, um zum Pharao und zu den Israeliten zu gehen, sagte Mose: „Aber sie werden mir nicht glauben.“ – Gott antwortete: „Was hast du in deiner Hand?“ – „Einen Stab.“ – Und mit diesem Stab tat Gott Wunder, die die Berufung Moses bestätigten.
Ebenso, als eine grosse Volksmenge Jesus folgte und sie nichts zu essen hatten, fragte Jesus die Jünger: „Wieviele Brote habt ihr?“ – Sie antworteten: „Fünf, und zwei Fische.“ (Markus 6,38) – Jesus nahm diese wenigen Brote entgegen, und gab damit der ganzen Menge zu essen.
Auch im Gleichnis von den Talenten gab der Herr seinen Dienern, „jedem nach seinen Fähigkeiten“ (Matthäus 25,15). Er sagte nicht: „Nehmt einen Kredit auf, um Geschäfte zu machen.“ Mit genügend Initiative und Vertrauen hätte auch der Diener mit dem einzigen Talent ein weiteres dazugewinnen können. Die Dinge, die Gott segnet, beginnen oft im Kleinen. Da können wir Erfahrung gewinnen und unsere Treue beweisen; und dann kann Gott uns Grösseres anvertrauen. (Siehe Matthäus 25,21.) Manche Leute haben sich verschuldet, weil sie zu gross anfangen wollten.

Andererseits kann in gewissen Umständen ein Geschäft mit Krediten nach christlichen Kriterien funktionieren, wie wir im folgenden Abschnitt sehen werden.

Vertrauenswirtschaft

Als Teenager begann ich Gott zu suchen. In jener Zeit nahm ich an einem christlichen Ferienlager teil. Was mich am meisten beeindruckte, waren nicht die Aktivitäten, sondern die Kaffeebar, die in einem kleinen Zimmer eingerichtet war. Zu jeder Tageszeit gab es Süssigkeiten zu kaufen, und einen Thermoskrug mit heissem Wasser, um sich Kaffee oder Tee zuzubereiten. Den entsprechenden Geldbetrag konnte man in eine kleine Kartonschachtel legen. Niemand beaufsichtigte die „Kunden“. Ich hatte nie zuvor etwas Ähnliches gesehen. Ich fragte mich, ob es den Teilnehmern nicht in den Sinn kommen könnte, ohne Bezahlung zu konsumieren – oder sogar Geld aus der Schachtel herauszunehmen, statt hineinzulegen. Meine Schlussfolgerung war: „Wenn das funktioniert, dann existiert Gott!“

In mehreren christlichen Organisationen habe ich ein solches System angetroffen – aber nur in sogenannten „freien Werken“ oder informellen Gruppen, nie in einer denominationellen Kirche. Und hier in Perú noch überhaupt nirgends. Wahrscheinlich gibt es in den institutionellen Kirchen nicht genügend persönliche Integrität, als dass ein solches System funktionieren könnte. Das bedeutet dann aber gleichzeitig, dass diese Kirchen weit vom neutestamentlichen Vorbild entfernt sind. Oder könnten wir uns einen der Jünger in der Jerusalemer Urgemeinde vorstellen, wie er Geld aus der Kasse nimmt, statt ehrlich zu bezahlen? Anscheinend waren Ananias und Saphira die einzige Ausnahme.

Vom wirtschaftlichen Standpunkt her ist ein System, das auf Vertrauen und Ehrlichkeit beruht, viel rentabler als eines, das Überwachung und Kontrolle erfordert. Eine Überwachung zu organisieren, kostet Geld, und beansprucht die Zeit von Personen, die dadurch verhindert sind, etwas Produktives zu leisten. Der indische Theologe Vishal Mangalwadi beobachtete, dass dies genau einer der Schlüsselfaktoren war in der wirtschaftlichen Entwicklung Europas und Nordamerikas im 18. und 19. Jahrhundert. Nachdem er sowohl in Indien wie in Europa gelebt hatte, konnte Mangalwadi aus eigener Beobachtung Vergleiche ziehen zwischen einer Kultur, die zutiefst vom biblischen Christentum geprägt worden war, und einer Kultur, die nur einen geringen und oberflächlichen christlichen Einfluss erlebt hatte. Inbezug auf die Wirtschaft kam er, zusammengefasst, zu folgenden Schlüssen:
In den Reformationsländern bewirkte das biblische Christentum ein nie dagewesenes Mass an persönlicher Integrität und Ehrlichkeit in der Gesamtbevölkerung. So entstand zum ersten und einzigen Mal eine Gesellschaft, die relativ frei von Korruption und Kriminalität war. Diese Ehrlichkeit bewirkte Vertrauen. Aufgrund des Vertrauens wurden wirtschaftliche Transaktionen und Gewohnheiten für die Allgemeinheit möglich, die es zuvor nicht oder nur für einen beschränkten Personenkreis gegeben hatte. Zum Beispiel:
– Sparen und Banken. In einer Misstrauensgesellschaft ist Sparen sinnlos. Das Risiko ist allzu gross, dass die Ersparnisse gestohlen werden von Verbrechern, von der Regierung (die allzuoft auch aus Verbrechern besteht), oder von der Bank, falls sie nicht zuhause aufbewahrt werden. Aber in einer Gesellschaft der Ehrlichkeit und des Vertrauens sind Ersparnisse sicher, sogar auf der Bank. Damit wurden viel weitreichendere wirtschaftliche Unternehmungen möglich.
– Verkaufen auf Kredit. Das wurde erstmals von Cyrus McCormick eingeführt, dem amerikanischen Erfinder der Mähmaschine im 19.Jahrhundert. Er pflegte seine Maschinen vor Beginn der Erntesaison gegen eine sehr geringe Anzahlung zu verkaufen. Er gab den Bauern die Möglichkeit, den Restbetrag zu bezahlen, nachdem sie ihre Ernte verkauft hatten. Dank des gegenseitigen Vertrauens war das ohne grösseres Risiko möglich. Durch diese Erfindung vervielfachte sich die Nahrungsmittelproduktion in den USA und in der übrigen Welt.
(Nach Vishal Mangalwadi, „The Book that made your World“ – dt. „Das Buch der Mitte“.)
– Wenn es sich um Produktionsmaschinen handelt, ist der Verkauf auf Kredit sinnvoll, weil eine hohe Sicherheit besteht, dass die Maschine zu vermehrter Produktion und Gewinn beiträgt. Bei unproduktiven Gütern jedoch führen Kredite zur Verschuldung.

Andererseits ist eine Vertrauenswirtschaft verletzlich. In den Gemeinden in Galatien hatten sich falsche Geschwister eingeschlichen, „um unsere Freiheit auszukundschaften, die wir in Christus Jesus haben, und um uns zu versklaven“ (Galater 2,4). So zerstörten sie das gegenseitige Vertrauen und den Glauben der Galater. So wird auch eine Vertrauenswirtschaft zerstört, wenn daran eine gewisse Anzahl von Personen teilnimmt, die unehrlich sind und das Vertrauen der übrigen missbrauchen. Deshalb hatten manche Länder keinen Erfolg mit ihren Versuchen, die wirtschaftlichen und technologischen Systeme der Reformationsländer zu reproduzieren, weil es ihnen an persönlicher Integrität mangelte. Und aus demselben Grund bricht jetzt auch die Wirtschaft in den Reformationsländern selber zusammen, weil sie schon seit mindestens fünfzig Jahren eifrig damit beschäftigt sind, ihr christliches Erbe zu zerstören. Damit wurde die Ehrlichkeit zerstört, und infolgedessen auch das Vertrauen.

Die echten Nachfolger Jesu stehen jetzt vor der grossen Herausforderung, eine eigene Alternativ-Wirtschaft aufzubauen, die zwar bescheiden sein wird (weil es nur wenige echte Nachfolger Jesu gibt), aber auf gegenseitigem Vertrauen und auf christlichen Prinzipien beruht. Nachdem jetzt die Krise bereits begonnen hat, wird das sehr schwierig sein. Und die Existenz institutioneller Kirchen hilft dabei nicht weiter; im Gegenteil, sie sind ein Störfaktor. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum Gott zugelassen hat, dass sie schliessen mussten. Vielleicht gibt er den wenigen, die ihn von Herzen lieben, nochmals eine Gelegenheit, neu anzufangen. Sonst bleibt uns nur, uns unter sein Gericht zu demütigen.