Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (1.Teil)

17. Juni 2017

Wir haben gesehen, was für Menschen die erste Gemeinde bildeten: Durch den Heiligen Geist wiedergeborene Menschen, die eine tiefgehende Überführung von Sünde erlebt hatten, sich von der Sünde abgewandt und Jesus zugewandt hatten, ihren „alten Menschen“ in der Taufe begraben hatten und durch den Glauben den Heiligen Geist erhalten hatten, und so zu „neuen Menschen“ wurden.

Sehen wir nun, was die Versammlung solcher Menschen für ein Leben und für eine Gemeinschaft hervorbrachte:

„Und sie blieben ausdauernd in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und in den Gebeten. Und es kam Furcht über jede Seele, und viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel. Und alle, die gläubig geworden waren, waren zusammen und hatten alles gemeinsam, und verkauften ihren Besitz und ihre Güter und verteilten sie an alle, gemäss dem, was jeder nötig hatte. Und sie blieben ausdauernd täglich auf dem heiligen Platz und im Brotbrechen von Haus zu Haus, und assen zusammen mit Freude und einfachem Herzen; sie lobten Gott und hatten die Gunst des ganzen Volkes. Und der Herr tat täglich zur Versammlung hinzu, die gerettet wurden.“ (Apostelgeschichte 2,42-47)

Beachten wir, dass all das auf natürliche Weise aus dem neuen Leben in Christus hervorging, das die Glieder der Urgemeinde erhalten hatten. Wenn wir also zu dem zurückkehren wollen, „was am Anfang war“, dann hülfe es nicht viel, wenn wir versuchten, alles so zu machen, wie es die ersten Christen machten. Sie folgten nicht einem „Rezept“ mit Anweisungen, wie christliche Gemeinschaft gelebt werden soll. Sie lebten gemäss dem, was der Heilige Geist in ihnen wachsen liess. Es sollte also vielmehr unser Ziel sein, dasselbe geistliche Leben zu erlangen, das sie hatten. Das wird dann von selber eine christliche Gemeinschaft hervorbringen, die der Urgemeinde ähnlich ist.

Andererseits denke ich, dass wir die Beschreibung in Apostelgeschichte 2 sehr wohl als einen Beurteilungsmassstab verwenden können: Wie nahe oder wie weit enfernt sind wir vom Leben der ersten Christen? – Diese oder jene Gruppe, die sich „christliche Gemeinde“ nennt: wie viel oder wie wenig hat sie gemeinsam mit dem Vorbild der ersten Gemeinde im Neuen Testament? „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“

Sie blieben ausdauernd in der Lehre der Apostel.

Das bedeutet zuallererst, dass sie häufig von den Aposteln gelehrt wurden. (Nach Vers 46 könnte das sogar täglich gewesen sein.) Sicher sehnten sich die ersten Christen danach, alles zu erfahren, was Jesus gesagt und getan hatte. Aber das stand noch in keinem Buch geschrieben. Deshalb war es sehr wichtig, es von den Aposteln zu hören und von anderen Jüngern, die Jesus nahe gewesen waren.
Es versteht sich dabei von selbst, dass die Apostel keine eigenen Lehren erfanden. Jesus hatte sie persönlich beauftragt: „… lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe…“ (Matthäus 28,20). – Auch der Heilige Geist würde sie lehren im Sinne dessen, was Jesus ihnen gesagt hatte: „Aber der Beistand, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Johannes 14,26) – „… er wird von mir Zeugnis geben.“ (Johannes 15,26). – Die Apostel gaben also Zeugnis von dem, was Jesus getan und sie gelehrt hatte, und was der Heilige Geist sie weiterhin lehrte. Sie erfanden keine „Predigten“ nach eigenem Gutdünken.

Aber wenn es heisst, die ersten Christen „blieben ausdauernd in der Lehre“, dann bedeutet das auch: Sie praktizierten sie; und sie wichen nicht davon ab und veränderten sie auch nicht.

Später schrieben die Apostel (bzw. ihre Mitarbeiter wie z.B. Markus oder Lukas) ihre Lehren auf, geführt vom Heiligen Geist. Das sind die Bücher, die wir in unserem Neuen Testament haben. Mittels des Neuen Testamentes können Nachfolger Jesu aller Zeiten bis heute, fast zweitausend Jahre später, auf die Lehre der Apostel zurückgreifen.

Es ist hier nicht Raum, auf die Argumente der leider im deutschsprachigen Raum weitverbreiteten sog. „historisch-kritischen Methode“ und verwandten Strömungen einzugehen, welche behaupten, das Neue Testament sei nicht von den Aposteln geschrieben worden, und deren Lehre sei darin abgeändert und verfälscht worden. Wie einmal ein Theologe zutreffend sagte, ist diese Methode in Wirklichkeit weder historisch noch kritisch: Sie übernimmt unkritisch rationalistische Vorurteile und Spekulationen des 19.Jahrhunderts, welche sich mit keinem historischen Dokument belegen lassen.

Hier haben wir ein wichtiges Kriterum, um die neutestamentliche Gemeinde zu erkennen: Die neutestamentliche Gemeinde gründet sich auf die Lehre der Apostel, wie wir sie in den Schriften des Neuen Testamentes finden. Diese Lehre hat grössere Wichtigkeit und Autorität als die Worte oder Lehren aller späteren Christen oder religiösen Leiter. Wo Lehren und Praktiken einer bestimmten kirchlichen Tradition oder einer bestimmten Gruppe von Leitern wichtiger genommen werden als das Neue Testament, da ist nicht neutestamentliche Gemeinde. Eine Gruppe, die mit ihren Worten oder Taten der Lehre des Neuen Testaments widerspricht, ist nicht neutestamentliche Gemeinde.

Zeichen der Wiedergeburt

30. Mai 2017

Wir haben gesehen, dass die Urgemeinde aus Menschen bestand, die ihr Leben radikal geändert hatten, die durch den Heiligen Geist von neuem geboren wurden, und die ihr Leben unter die Autorität von Jesus Christus stellten als ihrem Herrn und König. Sehen wir nun einige Kennzeichen wiedergeborener Menschen:

Das innere Zeugnis des Heiligen Geistes, ein Kind Gottes zu sein. – „Denn alle, die vom heiligen Geist angetrieben werden, sind Kinder Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist der Sklaverei erhalten, sodass ihr wieder Angst hättet, sondern ihr habt einen Geist der Adoption erhalten, durch den wir rufen: ‚Abba („Papi“), oh Vater!‘ Der Geist selber bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.“ (Römer 8,14-17)
„Denn ihr alle sind Kinder Gottes durch den Glauben an den Christus, Jesus. Denn alle, die in den Christus getauft wurden, sind mit dem Christus bekleidet worden. (…) Und weil sie Kinder sind, sandte und beauftragte Gott den Geist seines Sohnes in ihre Herzen, der ruft: ‚Abba („Papi“), oh Vater!‘ “ (Galater 3,26-27; 4,6)

Wer wiedergeboren ist, hat in sich dieses kindliche Vertrauen: „Gott ist mein Vater. Er hat mich adoptiert und als sein Kind angenommen.“
Es ist nicht einfach zu beschreiben, worin genau dieses „Zeugnis des Heiligen Geistes“ besteht. Es ist (normalerweise) keine aussergewöhnliche Erfahrung wie z.B. eine Vision oder eine Stimme vom Himmel. (Solche Erfahrungen können sogar Fälschungen aus der bösen Geisterwelt sein, um einem Nichtwiedergeborenen eine falsche Sicherheit zu geben.) Aber es ist auch kein Produkt des eigenen Denkens oder der eigenen Vorstellungskraft. Nicht wie an einigen Orten zu Neubekehrten gesagt wird: „Du musst jetzt einfach glauben, dass du ein Kind Gottes bist.“ – Nein, das Zeugnis des Heiligen Geistes ist eine innere Gewissheit, die Gott selber seinen Kindern gibt. Wer dieses Zeugnis in sich hat, der weiss, dass es von Gott kommt und nicht aus seinem eigenen Denken. Wer es erfahren hat, der weiss, worum es sich handelt.

„Hunger und Durst“ nach göttlichen Dingen. – Petrus schreibt: „… Wie neugeborene Säuglinge, habt Verlangen nach der unverfälschten, logischen Milch (oder: nach der unverfälschten Milch des Wortes), damit ihr durch sie wachst zur Errettung, wenn ihr denn geschmeckt habt, dass der Herr gütig ist.“ (1.Petrus 2,2-3)
Für einen neugeborenen Säugling ist es das Natürlichste von der Welt, nach Milch zu schreien. Ein Baby muss nicht erst überzeugt oder gezwungen werden, Milch zu trinken; es tut das von selber. Ausser es wäre schwer krank. Ebenso ist es für einen wiedergeborenen Christen das Natürlichste von der Welt, Verlangen nach Gott zu haben. Der Zusammenhang des obigen Zitats spricht hauptsächlich vom Wort Gottes (vgl. 1,23-25). Wer wiedergeboren wurde, hat ein natürliches Verlangen zu hören und zu lesen, was Gott ihm sagt.
Wir können unter „Milch“ auch einige andere Dinge verstehen: Gemeinschaft mit Gott im Gebet; Gemeinschaft mit anderen Christen; und alles, was wir tun können, um Gott zu dienen. Ein wiedergeborener Christ hat ein natürliches Verlangen nach diesen Dingen.
In manchen Gruppierungen, die sich „christlich“ nennen, beobachtete ich, dass die Mitglieder kein Verlangen hatten, selber in der Bibel zu lesen. In einigen Gruppen schien es den Leitern nötig, den Mitgliedern als „Pflicht“ vorzuschreiben, alle Versammlungen zu besuchen. Eine Kirche, die ich kennenlernte, kontrollierte sogar den „Gottesdienstbesuch“ mit einer Anwesenheitsliste. Das sind Anzeichen, dass wahrscheinlich die meisten Mitglieder nicht wiedergeboren sind (und vermutlich auch die Leiter nicht). Sonst wäre ein solcher Zustand ebenso unnatürlich wie ein Säugling, der zum Milchtrinken gezwungen werden muss.
Man müsste in solchen Fällen untersuchen, worin die „Krankheit“ besteht. Meist wird man finden, dass gar kein geistliches Leben vorhanden ist. Oder vielleicht ist jemand wiedergeboren, leidet aber an einer schweren geistlichen „Krankheit“; z.B, dass er in einer wichtigen Sache Gott nicht gehorchen will und deshalb keine Vertrauensbeziehung zu ihm hat. – Oder aber die „Milch“, die in jenen Versammlungen angeboten wird, ist verdorben.

Liebe zu den Glaubensgeschwistern. – Im ersten Petrusbrief lesen wir im selben Zusammenhang, einige Verse vorher: „Nachdem ihr eure Seelen durch den Gehorsam der Wahrheit gegenüber gereinigt habt, durch den Geist, zur ungeheuchelten Bruderliebe, so liebt einander innig aus reinem Herzen, da ihr wiedergeboren seid …“ (1.Petrus 1,22-23)
Beachten wir die Reihenfolge: Petrus sagt nicht: „Um gereinigt zu werden (bzw. um wiedergeboren zu werden), müsst ihr einander lieben.“ – Vielmehr sagt er: „Da ihr bereits gereinigt und wiedergeboren seid, so liebt einander jetzt mit der ungeheuchelten Bruderliebe, die Gott euch bereits gegeben hat.“ Bruderliebe und ein reines Herz sind nicht Dinge, die sich ein Christ mit äusserster Anstrengung erarbeiten müsste. Es sind Dinge, die Gott mit der Wiedergeburt bereits in ihn hineingelegt hat. Wenn also jemand diese Dinge bei sich findet, dann darf er daraus mit ziemlicher Sicherheit schliessen, dass er wiedergeboren ist – und wenn nicht, dann sollte er annehmen, dass er nicht wiedergeboren ist.

Zwei Punkte scheinen mir hier wichtig:

– Die Bruderliebe ist ungeheuchelt. Sie beschreibt also nicht das Lächeln und die Umarmungen nach einer Versammlung. Ungeheuchelte Liebe handelt immer zum Besten des Bruders, ohne versteckte Absichten, und ohne wichtig zu nehmen, was andere sehen oder denken könnten. Ein reines Herz gibt sich nicht den Anschein von etwas, was nicht ist; es ist ehrlich und transparent. Das muss sich nicht immer in „Liebenswürdigkeit“ ausdrücken. Ungeheuchelte Liebe kann auch einmal sagen: „Mein Bruder, hier liegst du aber ganz falsch!“ – wenn es zu seinem Besten ist, ihm das zu sagen.

– Christliche Bruderliebe ist nicht dasselbe wie allgemeine Nächstenliebe. Christliche Bruderliebe ist in einer „geistlichen Verwandtschaft“ begründet: Der Heilige Geist, der in mir lebt, antwortet auf denselben Heiligen Geist, der in meinem Bruder lebt.
Charles Finney hat diesen Unterschied sehr gut beschrieben in seinen „Reden über Erweckung“:

„Gott liebt alle Menschen mit wohlwollender Liebe, aber er fühlt keine Liebe des Wohlgefallens gegenüber jenen, die keine heiligen Leben führen. Ebenso können auch wir Christen einander keine Liebe des Wohlgefallens zeigen, ausser im Verhältnis zu unserer Heiligkeit. Wenn christliche Liebe die Liebe zum Bild Christi in seinem Volk ist, dann kann sie nirgends wirken, ausser wo dieses Bild existiert. Jemand muss das Bild Christi widerspiegeln und den Geist Christi zeigen, bevor andere Christen ihn mit einer Liebe des Wohlgefallens lieben können.
Es ist vergebens, uns Christen zu bitten, uns aneinander zu erfreuen, wenn wir nicht geistlich sind. Dann finden wir aneinander nichts, was diese Liebe hervorbringen würde. Wie könnten wir (in diesem Zustand) etwas anderes für den anderen empfinden, als was wir für die Sünder empfinden? Lediglich zu wissen, dass sie Kirchenmitglieder sind (…), wird keine christliche Liebe hervorbringen – ausser wir können in ihnen das Bild Christi sehen.“

In einigen Kirchen wird den Mitgliedern „mangelnde Liebe“ vorgeworfen, wenn sie die Sünden anderer Mitglieder (oder der Leiter) nicht gutheissen. Aber eine solche Situation könnte im Gegenteil ein Anzeichen dafür sein, dass die anderen Mitglieder nicht wiedergeboren sind. Ein Christ kann keine Bruderliebe empfinden für jemanden, der in Sünde lebt und nicht umkehrt.

Wer wiedergeboren ist, lebt nicht in Sünde.

„Jeder, der in ihm bleibt, sündigt nicht; jeder, der sündigt, hat ihn nicht gesehen noch erkannt. Kindlein, niemand soll euch täuschen: Wer Gerechtigkeit tut, ist gerecht, so wie er gerecht ist. Wer die Sünde praktiziert, ist vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an. Dazu ist der Sohn Gottes erschienen, um die Werke des Teufels zunichte zu machen. Jeder, der aus Gott geboren ist, praktiziert die Sünde nicht, denn der Same Gottes bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist.“ (1.Johannes 3,6-9)

Einige jener, die sich Christen nennen, wollen nicht glauben, dass das in der Bibel geschrieben steht. Sie haben sich angewöhnt zu sagen: „Wir sind alle Sünder.“ In Wirklichkeit gibt es keine Stelle im Neuen Testament, wo die Christen „Sünder“ genannt werden! Die echten Christen sind „Gläubige“, „Gerechte“, „Heilige“.

Vielleicht sollte ich ein mögliches Missverständnis über 1.Johannes 3,9 aufklären. Wenn Johannes sagt: „…er kann nicht sündigen“, dann meint er damit nicht, ein Christ könne nie mehr eine Sünde begehen. Er wusste gut, dass auch Christen ab und zu sündigen. Deshalb schreibt er ein wenig vorher: „Und wenn jemand gesündigt haben sollte, so haben wir einen Anwalt beim Vater, Jesus den Christus, den Gerechten“ (1.Johannes 2,1). Aber damit es niemandem in den Sinn kommt zu denken, das sei der Normalfall, schreibt er im selben Vers: „Meine Kindlein, das schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt.
Der Normalfall ist also, dass ein Christ nicht sündigt. Im Vers 9 steht im griechischen Original das Verb in der Zeitform des kontinuierlichen Präsens, das genauer so übersetzt würde: „… er kann nicht ständig sündigen“, oder „…er kann nicht in Sünde leben“. Ab und zu kommt es vor, dass ein Christ sündigt. Aber dann reagiert sein Gewissen darauf, und der Christ bereut seine Sünde, bekennt sie und bringt die Dinge vor Gott und vor den betroffenen Menschen in Ordnung. Wenn jemand sündigen kann, ohne dass es ihn gross kümmert; oder wenn jemand nicht dazu bereit ist, einer bestimmten Sünde abzusagen; oder wenn jemand sündigt im vollen Bewusstsein, dass es Sünde ist – solche Menschen sind keine Christen, nach den Worten des Apostels Johannes.

Paulus schreibt etwas Ähnliches:

„Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht erben werden? Täuscht euch nicht: Weder Unzüchtige, noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Verweiblichte, noch jene, die mit Männern schlafen, noch Diebe, noch Habsüchtige, noch Trinker, noch Flucher, noch Räuber werden das Reich Gottes erben. Und einige (von euch) waren solche. Aber ihr wurdet gewaschen, ihr wurdet geheiligt, ihr wurdet gerecht gemacht im Namen des Herrn Jesus und im Geist unseres Gottes.“ (1.Korinther 6,9-11)

Im Leben eines Christen gibt es klar ein „Vorher“ und ein „Nachher“. Einige der Korinther waren „vorher“ grobe Sünder im Sinne einer der erwähnten Kategorien. Aber das Verb steht in der Vergangenheit. Das bedeutet, dass sie es jetzt nicht mehr sind. Sie wurden von der Sünde befreit. Wenn jemand dieses „Vorher“ und „Nachher“ in seinem Leben nicht erlebt hat, dann ist er kein Christ nach den Worten des Apostels Paulus.

Für einen wahren Christen ist diese Botschaft weder „Perfektionismus“ noch eine „schwere Last“. Im Gegenteil, es ist eine befreiende Botschaft: In Christus ist es möglich, von der Sünde frei zu werden! Christus ist „mächtig, euch ohne Fall zu bewahren“ (Judas 24)!

Die neutestamentliche Gemeinde besteht aus Menschen, die durch den Heiligen Geist wiedergeboren wurden und somit die erwähnten Zeichen vorweisen:
– Sie haben
das innere Zeugnis des Heiligen Geistes, Kinder Gottes zu sein.
– Sie haben
Hunger und Durst nach göttlichen Dingen.
– Sie haben Bruderliebe gegenüber den Geschwistern, die wiedergeboren sind wie sie.
– Sie leben nicht in Sünde.
In jeder Gruppe, die sich auf irgendeine Weise vom Vorbild des Neuen Testamentes entfernt hat, ist das der erste Punkt, der in Ordnung gebracht werden muss: Die Mitglieder (und Leiter) müssen wiedergeboren werden. Solange das nicht geschieht, hat es keinen Sinn, über Aktivitäten, Leiterschaftsstrukturen, Versammlungen und Anlässe, usw. zu sprechen. Um neutestamentliche Gemeinde zu sein, müssen wir zuallererst „neutestamentliche Menschen“ sein!

Der grosse Beginn der neutestamentlichen Gemeinde (Apostelgeschichte 2)

29. April 2017

(Petrus sagte): ‚… So soll das ganze Volk Israel mit Gewissheit erkennen, dass Gott ihn zum Herrn und Gesalbten gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.‘
Als sie das hörten, wurden ihre Herzen [schmerzhaft] durchbohrt, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: ‚Was sollen wir tun, ihr Brüder?‘
Und Petrus sagte zu ihnen: ‚Kehrt um, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen von Jesus dem Christus zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr das Geschenk des Heiligen Geistes erhalten. Denn für euch ist die Verheissung und für eure Kinder und für alle, die ferne sind, so viele der Herr unser Gott zu ihm rufen wird.‘ Und mit vielen weiteren Worten bezeugte er feierlich und ermutigte sie: ‚Lasst euch retten aus dieser verkehrten Generation!‘ So nahmen sie bereitwillig sein Wort auf und liessen sich taufen; und an jenem Tag wurden etwa dreitausend Seelen hinzugetan.“
(Apostelgeschichte 2,36-41)

Lasst uns einige Kennzeichen der Urgemeinde ansehen, wie sie in diesem Abschnitt ersichtlich sind.

Die neutestamentliche Gemeinde besteht aus wiedergeborenen Christen.

Dieses Kennzeichen unterscheidet die neutestamentliche Gemeinde von allen Organisationen, Institutionen und Gruppen dieser Welt. Beobachten wir, wie Gott wirkte, um die erste Gemeinde zu begründen:

Zuerst goss er den Heiligen Geist über die hundertzwanzig versammelten Jünger aus. (Apg.2,1-6). Das geschah mit sicht- und hörbaren Zeichen, sodass die Menschen in Jerusalem erkennen mussten, dass es sich um ein Werk Gottes handelte.

Dann, nachdem Petrus diese Erscheinungen erklärt und die Auferstehung Jesu bezeugt hatte, wurden viele Anwesende von ihrer Sünde und ihrer Erlösungsbedürftigkeit überführt: „Als sie das hörten, wurden ihre Herzen [schmerzhaft] durchbohrt, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: ‚Was sollen wir tun, ihr Brüder?‘ “ (Apg.2,37) – In diesem Moment tat der Heilige Geist sein Werk an den Zuhörern, wie Jesus es in Johannes 16,8 versprochen hatte: „Und wenn er (der Heilige Geist) kommt, wird er die Welt überführen von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht …“
Worin genau besteht die Überführung von Sünde? – Jesus fährt weiter: „Von Sünde, weil sie nicht an mich glauben.“ (Joh.16,9). – „An Jesus glauben“ ist viel mehr als nur glauben, dass er einmal lebte und für uns starb. Es ist viel mehr als nur verstandesmässig damit einverstanden zu sein, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Am Pfingsttag konfrontierte Petrus (unter der Leitung des Heiligen Geistes) seine Zuhörer mit zwei spezifischen Punkten:

1. „Diesen (Jesus) habt ihr genommen und von den Gesetzlosen beseitigen lassen, indem sie ihn ans Kreuz nagelten.“ (Apg.2,23)

2. „So soll das ganze Volk Israel mit Gewissheit erkennen, dass Gott ihn zum Herrn und Gesalbten gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“ (Apg. 2,36)

Zuerst also machte der Heilige Geist die Anwesenden für den Tod Jesu verantwortlich. Das war eine ziemlich skandalöse Anschuldigung, denn das waren ja nicht die Anhänger der Priester, die mit ihnen zusammen geschrieen hatten: „Kreuzige ihn!“. Im Gegenteil, wir müssen annehmen, dass sich unter den Dreitausend von Pfingsten viele befanden, die vorher schon Jesus nachgefolgt waren und seine Worte gehört hatten. (Wir erinnern uns, dass Jesus bei einer Gelegenheit fünftausend Menschen zu essen gegeben hatte, die alle gekommen waren, um ihm zuzuhören.) Menschlich gedacht, hätten viele von ihnen Grund gehabt zu protestieren: „Aber ich war mit seiner Kreuzigung nicht einverstanden!“
Doch das Wort „durchbohrte ihre Herzen“. Gott zeigte ihnen, dass in einem gewissen Sinn sie alle mitschuldig waren am Tod Jesu. Jesus war für die Sünden der ganzen Welt gestorben, die deinen und die meinen. Wenn du und ich nicht gesündigt hätten, dann hätte Jesus nicht sterben müssen.
Die Überführung von Sünde, die der Heilige Geist bewirkt, geht viel tiefer als ein gelegentliches schlechtes Gewissen wegen einer Lüge oder weil man jemanden schlecht behandelt hat. Der Heilige Geist offenbart dir, dass jede einzelne dieser „kleinen Sünden“ dich am Tod Jesu mitschuldig macht.

Gab es einen Moment in deinem Leben, als du von dieser schrecklichen Wahrheit überführt wurdest? Hat dir der Herr schon die Augen geöffnet für den Zusammenhang zwischen deiner Sünde und dem Tod Jesu?

Punkt 2 hängt mit der Auferstehung zusammen. (Siehe die vorhergehenden Verse, Apg.2,30-35.) Aber das ist kein oberflächlicher Trost: „Gott sei Dank, nun ist alles wieder gut.“ Im Gegenteil, die Auferstehung Jesu offenbart den Zuhörern eine weitere grosse und erschreckende Wahrheit: Nun steht fest, dass Jesus wirklich der Herr ist, der verheissene Messias, der König des Universums. Er war nicht einfach irgendein Unschuldiger, der da am Kreuz hing. Er ist der König und Herr, dem wir alle Treue und Gehorsam schulden. Wir haben nicht nur seine Herrschaft ignoriert; wir haben ihn verraten und getötet!

Es überrascht daher nicht, dass die Zuhörer an jenem Tag zutiefst erschraken. Es ging nicht einfach um eine „kleine Entscheidung“, sich einer religiösen Gruppe anzuschliessen, oder „ein Übergabegebet zu sprechen“. Jene Dreitausend sahen sich vor dem Thron der allerhöchsten Majestät stehen, des Hochverrats angeklagt. Beim oberflächlichen Lesen stellt man das vielleicht nicht fest; aber ihre Frage „Was sollen wir tun?“ drückt äusserste Verzweiflung aus: Wir sind für ewig verloren. Gibt es noch irgendeine Möglichkeit, dem Gericht Gottes zu entrinnen und begnadigt zu werden?

Hast du je einmal einen Eindruck von der wahren Macht und Majestät Gottes erhalten? Ist dir wirklich bewusst, was es bedeutet, dass er DER HERR ist?

Wir sehen hier, dass die Praxis und Erfahrung vieler heutiger Kirchen, auch der Evangelikalen, weit vom Neuen Testament entfernt ist. Sünder werden aufgefordert, „ein Übergabegebet zu wiederholen“, obwohl sie noch keinerlei Überführung durch den Heiligen Geist erfahren haben und ihre Sünden nicht wirklich bereuen. In ihrem Eifer, neue Mitglieder zu gewinnen, bringen manche Prediger nicht die Geduld auf zu warten, bis der Heilige Geist sein Werk in einem Menschen tut (was Tage, Wochen, oder auch Monate dauern kann). So füllen sich die Kirchen mit unwiedergeborenen Namenschristen.
Wer wirklich vom Heiligen Geist überführt wurde, dem muss niemand sagen: „Komm nach vorne“ oder „Sprich mir dieses Gebet nach.“ Durch das Werk des Heiligen Geistes sieht sich diese Person bereits vor dem Thron Gottes. Sie wird von selber ausrufen: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“

Nun verstehen wir besser das grosse Gewicht der Antwort, die Petrus gibt: „Kehrt um!“ (Apg.2,38) Oder, nach dem wörtlichen Sinn übersetzt: „Ändert euer Denken radikal!“ Biblische Umkehr ist eine vollständige Änderung unserer Art zu leben, zu handeln und zu denken. Der „natürliche Mensch“, der nicht zur Umkehr gekommen ist, ist ein Bürger dieser Welt. Er dient dieser Welt, sich selber, und dem Teufel. „Umzukehren“ bedeutet, die Nationalität zu wechseln, nicht nur symbolisch, sondern ganz real. Es bedeutet, zu einem Bürger des Reiches Gottes zu werden und zu einem Diener des Königs, ganz unter seinem Befehl. Wie Jesus sagte: „Wenn jemand mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir. Denn jeder, der sein Leben retten will, wird es verlieren; und jeder, der sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden.“ (Matthäus 16,24-25). – Oder wie es Paulus ausdrückte: „Durch ihn (Jesus) ist mir die Welt gekreuzigt und ich der Welt.“ (Galater 6,14) – Zu einem geringeren Preis kann man nicht ins Reich Gottes eintreten.

Um es noch klarer zu sagen: Biblische Umkehr hat nichts mit religiösen Riten zu tun, auch nicht mit „Gottesdiensten“ und Worten der Anbetung, auch nicht mit der Mitgliedschaft in einer Institution, die sich „Kirche“ oder „Gemeinde“ nennt.
Biblische Umkehr bedeutet, mein ganzes Leben unter die Herrschaft Jesu zu stellen. Ich verzichte auf meine Art zu leben, und beginne so zu leben, wie Christus mir befiehlt. Ich verzichte auf meine Art, meiner Familie vorzustehen, und mache es so, wie Christus sagt. Ich verzichte auf meine Art, meine Kinder zu erziehen, und erziehe sie so, wie Christus sagt. Ich verzichte auf meine Art zu arbeiten und Geschäfte zu machen, und mache es so, wie Christus sagt. Ich verzichte auf meine Freunde und meine Art, mit ihnen umzugehen, und lasse den Herrn darüber entscheiden, mit wem ich mich zusammentun soll und wie ich sie behandeln soll. Ich verzichte auf meine Art der Freizeitgestaltung und mache mit meiner Freizeit, was der Herr sagt. Ich verzichte auf die Mittel dieser Welt für meinen Lebensunterhalt, und setze mein ganzes Vertrauen auf Gott als meinen Versorger. Ich verzichte auch auf meine Ideen darüber, was „Kirche“ oder „Gemeinde“ ist, und unterstelle mich den Anweisungen des Herrn für die Gemeinschaft unter seinen Nachfolgern.

All das und noch viel mehr ist inbegriffen in dem kurzen Wort: „Kehrt um!“

Die Urgemeinde bestand aus Menschen, die ihr Leben auf diese radikale Weise geändert hatten.

Die erste Gemeinde, Vorbild für alle Zeiten

13. April 2017

Das deutlichste Bild der neutestamentlichen Gemeinde finden wir, wenn wir die Urgemeinde in Jerusalem betrachten. Wenn Gott etwas Neues schafft, dann stellt er es immer am Anfang in seiner reinsten und klarsten Form vor. Dann vertraut er es Menschen an, und nach einiger Zeit lässt er zu, dass allmählich verändert und verdorben wird; wobei er aber immer wieder dazu aufruft, „zu den Anfängen zurückzukehren“. Aber wenn das Volk auf dem verkehrten Weg weitergeht, dann lässt er schliesslich zu, dass sie völlig abfallen und die entsprechenden Konsequenzen erleiden. Dieses Muster können wir durch die ganze biblische Geschichte hindurch beobachten:

Die ursprüngliche Schöpfung war vollkommen, und die ersten Menschen waren vollkommen. Am Anfang erklärte und offenbarte Gott seine Absichten mit der ganzen Schöpfung. „Am Anfang … war alles sehr gut.“ Dann, mit dem Sündenfall, begann die ganze Schöpfung zu verderben.

Als Gott anfing, Israel als eine unabhängige Nation zu gründen, da achtete er besonders darauf, sie während ihrer Wüstenwanderung zu reinigen. Während jener Zeit rief jede Sünde und jeder Ungehorsam ein strenges Gericht Gottes hervor. Das sehen wir auf Schritt und Tritt im zweiten und vierten Buch Mose. In jener Zeit erhielt Israel das Gesetz Gottes, den vollkommensten Ausdruck seines Willens für sie. Die Gegenwart Gottes war sichtbar mit ihnen und bewirkte in ihnen eine tiefe Ehrfurcht. – In späteren Zeiten entfernte sich das Volk von Gott und verdarb immer mehr; und gleichzeitig nahm die Kraft ihres Zeugnisses unter den Völkern ab.

Es sollte uns also nicht verwundern, wenn auch bei der Gründung der christlichen Gemeinde Gott auf dieselbe Weise vorging. In ihren Anfängen, in der Jerusalemer Urgemeinde, stellte Gott das deutlichste und reinste Beispiel auf, was „Gemeinde“ nach seinem Willen ist. Auch dort konnte keine Sünde verborgen bleiben. Die Gegenwart Gottes war mit ihnen und schuf eine Atmosphäre der Reinheit und heiligen Ehrfurcht.

Sechzig bis siebzig Jahre später, in den Sendschreiben der Johannesoffenbarung, ruft der Herr die von ihm abgewichenen Gemeinden dazu auf, zu ihren Anfängen zurückzukehren: „Erinnere dich also, wovon du gefallen bist, und kehre um, und tue die ersten Werke …“ (Offb.2,5) – „Erinnere dich also, was du erhalten und gehört hast; und halte es, und kehre um.“ (Offb.3,3) – Er sagt ihnen nicht: „Entwickelt euch weiter, wachst mehr, reift mehr“; nichts von dem.

Angesichts dieses deutlichen Musters kann ich nicht mit jenen einverstanden sein, die die Urgemeinde als „die unreife Kindheit der Gemeinde“ beschreiben und denken, mit den späteren Entwicklungen sei die Gemeinde „reifer“ und „besser“ geworden. Es gibt keine biblische Grundlage für diese Idee.
(Im Neuen Testament wird zwar davon ausgegangen, dass die einzelnen Gläubigen reifen und „in der Gnade wachsen“ und an Weisheit und Unterscheidungsvermögen zunehmen. Aber das hat nichts mit einer angeblichen „Reifung“ der Gemeinde als ganze Körperschaft zu tun.)
Im Gegenteil, die späteren Entwicklungen sind ein Abweichen vom ursprünglichen Vorbild. Das ist, wie wenn ich von einem schönen Bild eine Photokopie mache, und dann eine Kopie dieser Kopie, und dann eine Kopie dieser neuen Kopie, und so weiter. Jede neue Kopie wird minderwertiger sein als die vorhergehenden; ihre Qualität verschlechtert sich ständig und verbessert sich nicht. So ist es auch mit der Entwicklung der Gemeinde: Wenn jede Generation kopiert, was die vorherige Generation tat, und noch ihre eigenen Ideen hinzufügt, dann nimmt die Verderbnis zu. Nur wenn die Gemeinde zum ursprünglichen Vorbild der Urgemeinde zurückkehrt, kann sie ihre geistliche Qualität verbessern.

Deshalb kann ich als Vorbilder von „Gemeinde“ nicht die grossen katholischen und evangelischen Kirchen sehen, die viel Macht erworben haben und beeindruckende institutionelle Strukturen errichtet haben, aber ihren eigenen Wegen folgen und die Wege des Herrn verlassen haben. Auch die Gemeinden des zweiten und dritten Jahrhunderts sind nicht das Vorbild; und nicht einmal die Gemeinde von Korinth, die wir aus den Paulusbriefen kennen. (Einige missbrauchen das Beispiel dieser Gemeinde, indem sie sagen: „Siehst du, die damalige Gemeinde war auch voll von Problemen und Sünden, sie waren nicht besser als wir.“ Und daraus wollen sie ableiten, dass sie nun unbekümmert weitersündigen können. Aber das ist eine ganz verkehrte Schlussfolgerung, die weder dem Fall von Korinth noch dem Gesamtbild des Neuen Testamentes gerecht wird.) – Nein, wenn wir ein historisches Vorbild suchen, das die neutestamentliche Gemeinde auf richtige Weise verkörpert, dann müssen wir zur Jerusalemer Gemeinde in ihren Anfängen zurückkehren.

Einmal sprach ich mit einer Gruppe von Theologiestudenten eines evangelikalen Seminars, die gerade einen Kurs über die Apostelgeschichte besuchten. Ich fragte sie, ob sie in jenem Kurs Vergleiche zogen zwischen den Gemeinden, die in der Apostelgeschichte beschrieben werden, und ihren eigenen heutigen Kirchen. „Nein“, anworteten sie. Ich fragte sie, ob sie wenigstens von sich aus einmal einen solchen Vergleich gemacht hätten. „Nein, nie“, war die Antwort.
Das scheint die traurige Haltung vieler gegenwärtiger Kirchen und ihrer Leiter zu sein. Sie lesen die Apostelgeschichte nur wie eine vergangene Geschichte, die nichts mit ihnen selber zu tun hätte und auch nicht mit den Kirchen, denen sie vorstehen. Sie sehen nicht, dass in dem Beispiel der Urgemeinde die Medizin verborgen liegt gegen die geistlichen Krankheiten, an denen sie selber leiden. Das ist eine Form von Unglauben: Sie glauben nicht, dass Gott heute derselbe ist wie in jener Zeit; und sie glauben nicht, dass sein Wort heute noch ebenso gilt wie damals.

Um nun dieses Prinzip nicht ins Extrem zu führen, möchte ich es mit einem zweiten Prinzip ergänzen: Nicht alles, was historisch in der Urgemeinde geschah, sollte als Norm für die Gemeinde aller Zeiten verallgemeinert werden. Gott wirkt manchmal auf ganz spezielle Arten, und es gibt historisch einzigartige Situationen. Wir sollten nicht denken, dass solche Ausnahmesituationen sich durch die ganze Geschichte hindurch ständig wiederholen sollten. Deshalb möchte ich das erwähnte Prinzip auf folgende Weise ergänzen: Die Urgemeinde ist das Vorbild für die Gemeinde aller Zeiten in jenen Aspekten, die durch die Lehre der apostolischen Briefe bestätigt werden. In diesen Briefen haben wir die authentische „Lehre der Apostel“ (Apg.2,42). Diese Briefe lehren eindeutig zeitlose Prinzipien für die Gesamtgemeinde. Deshalb bin ich der Ansicht, dass wir auf sicherem Grund stehen, wenn wir das Vorbild der Urgemeinde mit der Lehre der Apostel auf die eben beschriebene Weise kombinieren.

Mit diesen Prinzipien im Hintergrund wollen wir, so Gott will, in zukünftigen Betrachtungen einige wichtige Stellen der Apostelgeschichte analysieren, und dabei auch die Apostelbriefe zum Vergleich heranziehen, wo es nötig ist. Die Schlüsselstelle zum Verständnis der ersten Gemeinde ist sicher Apg.2,36-47, wo die Eigenschaften der „neugeborenen“ Gemeinde beschrieben werden. Wir werden deshalb das Hauptgewicht auf diese Stelle legen.

Petrus als Säule der Gemeinde (2.Teil)

31. März 2017

In der vorherigen Betrachtung haben wir einige Punkte im Leben von Petrus gesehen, die ihn dazu befähigten, später eine der „Säulen der Gemeinde“ (Galater 2,9) zu sein: Eine tiefe Überführung von seiner eigenen Sündhaftigkeit, und in der Folge eine Umkehr zu Jesus, und eine radikale Abkehr von allem, was mit seinem alten Leben verbunden war.

Die Überführung von Sünde sollte zur Umkehr führen, zur Bekehrung, und zum rettenden Glauben. All das sind Aspekte des Vorgangs, den das Neue Testament als „Wiedergeburt“ bezeichnet. Wenn jemand von neuem geboren wird, dann lebt Jesus in dieser Person durch seinen Heiligen Geist. (Siehe Galater 2,20, Epheser 3,16-17). Diese Wiedergeburt und diese Errettung ist möglich dank des Blutes Jesu, das er vergoss, um uns freizukaufen.
Damit ist bereits gesagt, dass es nicht möglich war, im Sinne des Neuen Testamentes wiedergeboren zu werden, bevor Jesus gestorben und auferstanden war. Auch Petrus war sich zwar bewusst geworden, dass er ein Sünder war, aber er hatte noch nicht diese radikale Veränderung der Wiedergeburt erfahren. Während er mit Jesus auf der Erde umherzog, handelte er noch aus seiner eigenen Kraft, welche die Gerechtigkeit Gottes nicht erfüllen kann. (Siehe Römer 8,3-8. Das „Fleisch“ bedeutet dort unsere eigene Kraft und Fähigkeit.) Deshalb konnte er in einem Moment empfänglich sein für die Offenbarung Gottes, und im nächsten Moment den Gedankengängen satans folgen (Matthäus 16,16-23). Deshalb konnte er in einem Moment all seinen Glauben und Mut zusammennehmen und auf dem Wasser gehen, und im nächsten Moment zweifeln und sinken. (Matthäus 14,28-31). Deshalb konnte er in einem Moment Jesus versprechen, mit ihm bis in den Tod zu gehen, und ihn im nächsten Moment dreimal verleugnen.
Als Jesus die Verleugnung des Petrus voraussagte, da sagte er etwas Bedeutungsvolles: „… und du, wenn du dich einst bekehrt hast, stärke deine Brüder!“ (Lukas 22,32). Bevor er sich wirklich bekehren konnte, musste Petrus erfahren, dass er in seiner Schwäche sogar seinen Herrn verleugnen konnte. All sein Vertrauen in seinen eigenen „Glauben“ musste zunichte werden. Seine wirkliche Bekehrung begann, als ihm Jesus nach seiner Auferstehung eine neue Gelegenheit gab, ihm zu sagen „Ich liebe dich“. (Johannes 21,15-19). Und seine Wiedergeburt war erst vollständig an Pfingsten, als der Heilige Geist kam.

Vor Pfingsten waren die Apostel (inbegriffen Petrus) ängstlich und eingeschüchtert. Sie versammelten sich hinter verschlossenen Türen aus Angst vor den Feinden Jesu (Johannes 20,19). Aber als der Heilige Geist auf sie kam, sprachen sie mutig in aller Öffentlichkeit. Und folgendes war die Wirkung der Rede von Petrus: „Als sie es hörten, wurden ihre Herzen [schmerzhaft] durchbohrt, und sie sagten zu Petrus und den anderen Aposteln: ‚Was sollen wir tun, ihr Brüder?‘ “ (Apostelgeschichte 2,37)

In diesem Moment erfüllten sich die Worte des Herrn: „Und dir werde ich die Schlüssel des Himmelreichs geben; und alles, was du auf Erden binden wirst, wird im Himmel gebunden sein; und alles, was du auf Erden lösen wirst, wird im Himmel gelöst sein.“ (Matthäus 16,19). (- Man beachte, dass Jesus kurz danach diese selbe Vollmacht allen seinen Jüngern gab, Matthäus 18,18.) – Petrus gebrauchte die „Schlüssel“, die Jesus ihm gegeben hatte, um das Himmelreich vor seinen Zuhörern zu öffnen; und dreitausend von ihnen reagierten mit Umkehr und Glauben, und konnten so ins Himmelreich eintreten. (Apostelgeschichte 2,38-41). Und das war der Beginn der Urgemeinde.

So wiederholte sich in seinen Zuhörern dieselbe Erfahrung, die Petrus schon zuvor gemacht hatte: die Überführung von Sünde, der Zerbruch vor Gott, das Bewusstsein, verloren zu sein und durch kein menschliches Mittel gerettet werden zu können. Und nach der Umkehr die Erfahrung der wunderbaren Gnade Gottes, und die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist. Deshalb gehört Petrus zu den „Säulen“ der Gemeinde. Er verkörpert auf beispielhafte Weise den Weg, den Gott mit jedem Menschen geht, den er erwählt, ruft und rettet. Er konnte die neuen Jünger auf diesem Weg anleiten, weil er ihn zuvor selber gegangen war. Petrus verkörpert nicht eine Institution oder eine hierarchische Stellung. Er ist ein lebendiges Zeugnis des Erlösers und seines Heilsweges. Jeder von uns muss „mit Christus sterben“ und „mit Christus auferstehen“ (Römer 6,4-8; siehe auch 1.Petrus 1,3.23). Das ist es, was den „Felsengrund der Gemeinde“ ausmacht.

Damit stehen wir an der Schwelle zur Geschichte der Urgemeinde, die wir in späteren Betrachtungen untersuchen wollen. Ich möchte nur noch eine kurze Bemerkung zu Matthäus 16 anfügen:

Bei all diesem Interesse für Petrus könnten wir allzuleicht vergessen, dass er gar nicht die Hauptperson dieses Abschnitts ist. Das Gespräch begann mit der Frage Jesu: „Und ihr, wer sagt ihr, dass ICH BIN?“ (Vers 15) – Es ging Jesus nicht darum, darüber zu sprechen, wer Petrus war, sondern darüber, WER ER SELBER WAR. Und so sollten wir nicht übergehen, dass auch in Vers 18 Jesus sagt: „ICH werde MEINE Gemeinde bauen.“ Die Gemeinde gehört nicht Petrus; sie gehört Jesus und niemandem sonst. So sagt auch Paulus über den Aufbau der Gemeinde: „Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das gelegt ist, nämlich Jesus Christus.“ (1.Korinther 3,11). Und Petrus selber beansprucht in seinen Briefen nicht, Eigentümer oder Fundament der Gemeinde zu sein. Im Gegenteil, er erklärt, dass Jesus der „Grundstein“ der Gemeinde ist: „Tretet hinzu zu ihm (dem Herrn), dem lebendigen Stein, wahrhaftig von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und wertvoll; und lasst auch euch so als lebendige Steine auferbaut werden als ein geistliches Haus und ein heiliges Priestertum, um Gott wohlgefällige geistliche Opfer darzubringen durch Jesus Christus.“ (1.Petrus 2,4-5)
– Also kann kein Mensch ein Eigentumsrecht über die Gemeinde beanspruchen, auch nicht über das geringste ihrer Glieder. Alles in der Gemeinde soll auf Christus hinweisen, nicht auf irgendeinen Menschen. Eine Kirche, die als „Haupt“ jemanden anders als Christus hat, oder die ihre Glieder lehrt, sich vor einem Menschen verantworten zu müssen statt vor Christus, ist nicht neutestamentliche Gemeinde.

Petrus als Säule der Gemeinde (Matthäus 16)

8. März 2017

„Simon Petrus antwortete: ‚Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.‘
Da antwortete ihm Jesus: ‚Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas, denn nicht Fleisch und Blut hat dir das offenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist. Und ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen; und die Tore des Hades werden nicht bestehen gegen sie. Und dir werde ich die Schlüssel des Himmelreichs geben; und alles, was du auf Erden binden wirst, wird im Himmel gebunden sein; und alles, was du auf Erden lösen wirst, wird im Himmel gelöst sein.“
(Matthäus 16,16-19)

Das ist eine weitere der ganz wenigen neutestamentlichen Stellen, wo das Wort „Gemeinde“ in den eigenen Worten Jesu erscheint. In den vorhergehenden Betrachtungen haben wir gesehen, dass der Herr Jesus die Gemeinde als Versammlung von Geschwistern im Konsens beschreibt, ohne hierarchische Unterschiede und ohne Klerikalismus. Angesichts dieses Konzepts der Gemeinde als eine einfache Bruderschaft ist es ziemlich offensichtlich, dass diese Lieblingsstelle der römischen Apologeten nicht zugunsten eines Papsttums ausgelegt werden kann. Eine solche Auslegung würde allen anderen Worten des Herrn widersprechen. Sie würde auch den Worten von Petrus widersprechen, der schrieb, der „Grundstein“ der Gemeinde sei Jesus selber (1.Petrus 2,4-8), und der sich selber als nicht mehr als einen „Mitältesten unter Ältesten“ beschrieb (1.Petrus 5,1).
Es handelt sich also in Matthäus 16,18-19 vielmehr um eine Verheissung des Herrn an Petrus persönlich, und sie bezieht sich auf die anfängliche „Erbauung“ der Gemeinde in der apostolischen Zeit.

Das war auch der Konsens der alten Kirche während der ersten vier Jahrhunderte. Die „Kirchenväter“, auf deren Schriften die römisch-katholische Tradition gegründet sein soll, hatten unterschiedliche Auslegungen von Matthäus 16,18-19; aber in einem Punkt stimmten sie alle überein: Diese Stelle hat nichts zu tun mit einem angeblichen „Nachfolger“ von Petrus. Ich zitiere einen Autor, der gründlicher über dieses Thema geforscht hat:

„Es überrascht einen, dass in den ersten beiden Jahrhunderten der Petrus-Text“ (Matth.16,18-20) „kaum zitiert wird. (…) Erst am Anfang des dritten Jahrhunderts berief sich ein nicht näher bezeichneter Bischof – es dürfte der römische Bischof Kallist gewesen sein – auf diese Stelle. (…) Tertullian wandte sich gegen die Anmassung des Bischofs, das Wort, das Jesus in persönlicher Weise an Petrus gerichtet habe, umzudeuten. Er schrieb: ‚Wie kannst du dich erdreisten, die offenkundige Absicht des Herrn, der dieses dem Petrus nur persönlich überträgt, umzustossen und zu verdrehen! ‚Auf dir‘, sagt er, ‚will ich meine Kirche bauen‘, und ‚dir will ich die Schlüssel geben‘, nicht der Kirche, und ‚was du binden und lösen wirst‘, nicht was sie lösen und binden werden.‘ („De pudicitia“ 21)
(…) Augustin überliess dem Leser die Entscheidung, ob sich der ‚Fels‘ in Matth.16,18 auf Petrus oder auf Jesus selbst bezieht. (Retract.I,20,2). Hieronimus denkt, dass der Fels sich auf Christus bezieht, denn der Name Petrus bedeute ‚Stein‘: ‚Wahrlich gegründet auf dem festen Fels, welcher Christus ist.‘ *
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass von 77 Kirchenvätern, die über den Matthäustext geschrieben haben, 17 denken, der Fels habe sich auf Petrus bezogen, 44 sehen in ihm den Glauben von Petrus und 16 meinen, Jesus habe sich damit selbst bezeichnet. Keiner der Väter aber hat diese Stelle auf die Bischöfe von Rom als Nachfolger von Petrus angewandt.
(…) Leo I. der Grosse (440-461) war der erste römische Bischof, der konsequent die Papstidee verfochten hatte. Auf Berufung von Matth.16,18 begründete er den römischen Primat …“
(P.H.Uhlmann, „Die Lehrentscheidungen Roms im Licht der Bibel“, Telos-Taschenbuch 402, 1984)

* (Im griechischen Original heisst Petrus „Petros“; aber das Wort für „Fels“ ist „petra“. Somit besteht keine Übereinstimmung, sondern nur eine Ähnlichkeit, zwischen „Petrus“ und „Fels“.)

Die Lieblingsidee der Verfechter des Papsttums kam also keinem der Schriftsteller der frühen Kirche in den Sinn, und gehört deshalb nicht einmal zur „Tradition“ der alten Kirche.

Lassen wir also diese späteren Erfindungen, und sehen wir, was wir aus unserem Text über die neutestamentliche Gemeinde schliessen können.

Wie wir schon gesehen haben, ist der Name „Petrus“ nicht gleich, sondern nur ähnlich wie das griechische Wort für „Fels“. In welcher Hinsicht konnte Petrus einem Fels ähnlich sein?

Jesus sagte diese Worte, nachdem Petrus zu ihm gesagt hatte: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ (Vers 16). – Jesus antwortet ihm: „Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas, denn nicht Fleisch und Blut hat dir das offenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist.“ (Vers 17).
Jesus sagt hier, dass es für Petrus menschlich unmöglich war, Jesus in seiner irdischen Gestalt als den Messias und Sohn Gottes zu erkennen. Nur aufgrund einer übernatürlichen Offenbarung Gottes war es möglich, dass Petrus diese Erklärung aussprach. Und nur aufgrund dieser übernatürlichen Offenbarung konnte Petrus „fest wie ein Fels“ werden, um die Last einer wichtigen Verantwortung in der Gemeinde zu tragen.

Das wird noch deutlicher, wenn wir vergleichen, was gleich nachher geschah. Jesus kündigt seinen Jüngern an, dass er leiden und sterben muss (Vers 21). Petrus tadelt ihn und sagt: „Herr, habe Mitleid mit dir; keinesfalls soll dir das geschehen!“ (Vers 22). – Jesus antwortet: „Hinweg von mir, satan! Du bist mir ein Stolperstein, denn du denkst nicht Göttliches, sondern Menschliches.“ (Vers 23).
In diesem Moment hatte Petrus nicht mehr aufgrund göttlicher Offenbarung geredet; er sprach aus seinem menschlichen Herzen und wollte den stellvertretenden Opfertod Jesu verhindern. Und damit war er kein „Stein“ oder „Fels“ mehr, sondern „satan“ und „Stolperstein“! – Seine Fähigkeit, Autorität in der Gemeinde zu tragen, hing ganz davon ab, ob er in der Offenbarung Gottes verblieb. Nicht Petrus als Person konnte mit einem „Fels“ verglichen werden; auch nicht Petrus als Inhaber eines besonderen Amtes oder einer besonderen Position. Einzig Petrus in seiner Bereitschaft, die übernatürliche Offenbarung Gottes zu empfangen, zu verstehen, und ihr zu gehorchen.

Diese Ansicht wird gestützt durch jene andere Stelle, wo Jesus einen Vergleich mit einem Felsen vornimmt, Matthäus 7,24-27: „Jeder nun, der diese meine Worte hört und sie tut, den vergleiche ich mit einem weisen Mann, der sein Haus auf den Felsen baute.“ – Hier bedeutet der feste Felsengrund, die Worte des Herrn zu hören und zu tun. Petrus war „auf Fels gebaut“, solange er auf die Offenbarung Gottes hörte und dementsprechend handelte.

Hier glaube ich, dass wir ein wenig verallgemeinern dürfen. Die neutestamentliche Gemeinde hat als „feste Steine“ oder „Säulen“ (Galater 2,9) Menschen, die durch übernatürliche Offenbarung Jesus als den Messias und Sohn Gottes erkannt und anerkannt haben. Nicht Menschen, die ihn nur deshalb kennen, weil sie über ihn studiert haben, oder weil sie die Rituale und Ausbildungsgänge durchlaufen haben, die eine kirchliche Institution vorschreibt. Es gab zu jener Zeit viele Menschen, die Jesus „nach dem Fleisch“ kannten, die seine Wunder gesehen und seine Worte gehört hatten; aber nur wenige erkannten ihn auf die Weise, wie Petrus ihn erkannte. Seien wir vorsichtig: Unterordnen wir uns nicht leichthin Menschen, die „in ein Amt eingesetzt wurden“, ohne dass sie Jesus persönlich kennengelernt hätten durch eine Offenbarung Gottes.

Dieses Kennenlernen Jesu beginnt zuallererst mit der Überführung von der eigenen Sündhaftigkeit. So ging es Petrus bei einer seiner ersten Begegnungen mit Jesus: „Und als er es sah, fiel Simon Petrus vor die Kniee Jesu und sagte: ‚Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch!‘ Denn er war von Schrecken erfüllt worden, er und alle, die mit ihm waren …“ (Lukas 5,8-9). – Das war die erste übernatürliche Offenbarung, die Petrus empfing, und die ihn dazu führte, Jesus kennenzulernen: „Ich bin ein sündiger Mensch.“
Das ist kein Einzelfall; es ist ein allgemeines Prinzip. So sagt Jesus in Johannes 16,8: „Und wenn er (der Heilige Geist) kommt, dann wird er die Welt überführen von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht …“ – Das erste Werk des Heiligen Geistes in einem Menschen besteht darin, ihn von seiner Sündhaftigkeit zu überführen. Niemand kann ehrlicherweise behaupten, Jesus zu kennen, solange er nicht diese Erfahrung einer tiefen Überführung von seiner eigenen Sünde gemacht hat.
Diese Überführung ist nicht ein intellektuelles Bejahen der Aussage, dass „wir alle Sünder sind“. Im Gegenteil: Menschen, die so etwas sagen, sind oft jene, die ihre Sünde allzu leicht nehmen. Allzu viele nehmen diese Aussage als Entschuldigung, um weiterhin unbekümmert die Sünde in ihrem Leben zuzulassen.
Echte Überführung von Sünde ist begleitet von einer intensiven Gottesfurcht, und von dem tiefen Bewusstsein der Verlorenheit, und dass man das Gericht Gottes voll und ganz verdient hat. So wie Jesaja ausrief: „Wehe mir! Ich bin verloren! Denn ich bin ein Mensch mit unreinen Lippen, und wohne inmitten eines Volkes, das unreine Lippen hat, und meine Augen haben den König gesehen, den Herrn der Heerscharen!“ (Jesaja 6,5) Wer nie eine ähnliche Bedrängnis erlebt hat aufgrund seiner eigenen Verlorenheit, der hat Gott nicht wirklich kennengelernt.

Nicht weniger bedeutungsvoll ist der letzte Vers in der Geschichte vom wunderbaren Fischfang: „Und als sie die Schiffe an Land gebracht hatten, liessen sie alles zurück und folgten ihm. (Lukas 5,11). Es ist nicht möglich, Jesus nachzufolgen, ohne die Verbindungen zum alten Leben definitiv durchzuschneiden. Um Jesus nachzufolgen, liessen Petrus und die anderen Jünger ihre Arbeit hinter sich, ihre Eltern, ihre Freunde, auch den Ort, wo sie aufgewachsen waren und lebten. Auch in dieser Hinsicht ist Petrus ein Beispiel für alle Gläubigen nach ihm.
Ich habe mehrere Personen kennengelernt, die daran interessiert waren, sich zu Jesus zu bekehren. Einige von ihnen waren bereits einer Kirche beigetreten. Aber während ihr Interesse an Jesus ernsthafter wurde, begann der Herr seinen Finger auf eine bestimmte Sache in ihrem Leben zu legen, die sie aufgeben mussten. Nicht dass irgendein Prediger oder irgendeine andere Person ihnen gesagt hätte, sie müssten diese Sache aufgeben. Sie selber begannen darüber nachzudenken, weil der Herr anfing, Überführung von Sünde in ihnen zu wirken. Traurigerweise waren die meisten dieser Menschen nicht dazu bereit, diese bestimmte Sache loszulassen, die der Herr ihnen gezeigt hatte. So gelangten sie nie zu einer echten Bekehrung.
Möglicherweise befindet sich die Mehrheit der gegenwärtigen Kirchenmitglieder in einer ähnlichen Situation. Sie interessieren sich für Jesus, sie bezeichnen sich als „Christen“ und nehmen an den Anlässen ihrer Kirche teil; aber sie gelangen nicht zur Wiedergeburt, weil sie ihr altes Leben nicht hinter sich lassen.
Einige machen unehrliche Geschäfte, die ihnen einen guten Gewinn einbringen, und wollen nicht darauf verzichten. Andere haben eine Liebesbeziehung mit jemandem, der den Herrn nicht liebt, oder sind sonstwie mit jemandem verbunden auf eine Weise, die sie daran hindert, dem Herrn nachzufolgen. Einige sind nicht dazu bereit, heidnische Gebräuche hinter sich zu lassen, die in ihrer Familie praktiziert werden. In anderen Fällen ist es die weltliche Schule, an die sie ihre Kinder schicken, ohne darüber nachzudenken, dass diese Schule ihre Kinder zu Gottesverächtern macht. Wieder in anderen Fällen geht es um Dinge, die nicht einmal an sich schlecht sind, wie z.B. gewisse zeitraubende Hobbies, gewisse Freundschaften, eine Arbeitsstelle – oder sogar ein kirchliches Amt. Aber wenn Gott jemandem zeigt, dass er etwas davon aufgeben sollte, um seinen Ruf zu erfüllen, dann muss er es tun. Das kann bei jeder Person wieder eine andere Sache sein. Aber jeder hängt an gewissen Dingen in seinem Leben, die er aufgeben muss, wenn der Herr ihn ruft.
In Matthäus 16 fährt Jesus fort: „Wenn jemand mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, und nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir. Denn jeder, der sein Leben retten will, wird es verlieren; und jeder, der sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden.“ (Matthäus 16,24-25). Die neutestamentliche Gemeinde besteht aus Menschen, die darauf verzichteten, ihr eigenes Leben zu leben.

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 17 (3.Teil)

24. Februar 2017

Einheit in Heiligkeit

Die nächste Bitte Jesu ist um Heiligung seiner Jünger: „Heilige sie in deiner Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. … Und ich heilige mich selber für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt seien.“ (Johannes 17,17.19). „Heilig“ bedeutet „ausgesondert für Gott“, und damit auch „frei von Sünde“. Es ist Gottes Willen, dass die Glieder seiner Gemeinde heilig seien, nicht nur in der Theorie, sondern in Tat und Wahrheit. Ohne Heiligung wird niemand den Herrn sehen (Hebräer 12,14).

Das ist sehr wichtig zu verstehen, denn in vielen Kirchen ist eine falsche Lehre verbreitet, wonach die Erlösung einzig in der Vergebung der Sünden bestehe, und dass es unmöglich sei, frei von der Sünde zu sein. Aber wir wissen, dass der Vater allezeit die Bitten seines Sohnes erhört (Johannes 11,42), und dass seine Gebote nicht unmöglich zu erfüllen sind (1.Johannes 5,3). Sollte es dann für Gott unmöglich sein, seine Jünger zu heiligen? Oder sollte es für einen echten Jünger unmöglich sein, Gottes Gebot der Heiligkeit zu erfüllen? Wer so etwas behauptet, macht Gott zum Lügner.

Wir können das leicht mit anderen Aussagen aus den apostolischen Briefen stützen:
„Was sollen wir also sagen? Sollen wir in der Sünde verharren, damit wir mehr Gnade von Gott erhalten? Keineswegs! Die wir für die Sünde gestorben sind, wie sollen wir weiter in ihr leben?“ (Römer 6,1-2) – Ein echter Christ ist „tot für die Sünde, aber lebendig für Gott“ (Römer 6,11). Keinesfalls „muss er unweigerlich weitersündigen“.
„Wie alle Dinge, die zum Leben und zur Gottesfurcht gehören, uns gegeben wurden durch seine göttliche Macht … damit ihr durch sie Teilhaber der göttlichen Natur werdet, nachdem ihr der Verderbnis, die in der Welt ist, entflohen seid …“ (2.Petrus 1,3-4). – D.h. ein echter Christ hat von Gott alles erhalten, was notwendig ist, um ein heiliges Leben zu führen, an der „göttlichen Natur“ teilzuhaben und sich von der „Verderbnis, die in der Welt ist“, fernzuhalten.
„der mächtig ist, euch ohne Fall zu bewahren, und euch unbefleckt vor seiner Herrlichkeit hinzustellen mit grosser Freude…“ (Judas 24). – D.h. Gott ist vollkommen imstande, die echten Christen in Heiligkeit zu bewahren.
Wir sollen nur nicht denken, wir selber seien es, die wir uns in dieser Heiligkeit bewahren können. Gott tut es.

Johannes 17,17 lehrt uns ausserdem, dass das Wort Gottes ein wichtiges Mittel ist, das Gott gebraucht, um uns in der Heiligkeit zu bewahren.

Bevor er zur nächsten Bitte kommt, erklärt Jesus, dass er für die Gemeinde aller Zeiten bittet: „Aber ich bitte nicht nur für diese, sondern auch für jene, die durch ihr Wort an mich glauben werden.“ (Vers 20). Dieses Gebet Jesu ist auch für uns heute, für alle, die ihm wahrhaftig nachfolgen.

Glaubst du an die Erfüllung dieses Gebets für dich? Glaubt es die Gemeinde, der du zugehörst?

Die Heiligkeit der Jünger ist Voraussetzung für die nächste Bitte Jesu: die Bitte um Einheit. „…damit alle eins seien; wie du, Vater, in mir, und ich in dir, dass auch sie eins seien in uns; damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ (Johannes 17,21).

Das ist einer der schönsten Verse des Neuen Testamntes, aber auch einer der am meisten missbrauchten. Der ökumenische Weltkirchenrat hat diesen Vers zu seinem Motto gemacht. Aber die Einheit, welche die Ökumene sucht, ist etwas ganz anderes als die Einheit, für die Jesus betete:
– Jesus betete um eine Einheit in Heiligkeit. Aber die Ökumene fördert eine Einheit in Toleranz: Die ökumenischen Leiter erlauben nicht, dass jemand das Wort Gottes benützt, um jemanden wegen einer Sünde zurechtzuweisen, oder um falsche Lehren und Praktiken einer Kirche aufzuzeigen. Deshalb füllen sich die ökumenefreundlichen Kirchen mit Irrlehrern und mit sündigen und heidnischen Praktiken.
– Jesus betete für jene, „die an mich glauben“. Aber die Ökumene unterscheidet nicht zwischen wahren Christen und Namenschristen. Nach der ökumenischen Definition ist ein Christ, wer „im Namen des dreieinigen Gottes getauft wurde“ – inbegriffen alle jene Katholiken und Reformierten, die als Kleinkinder getauft wurden, aber nie persönlich dem Herrn nachfolgten.
– Jesus betete, dass seine Jünger eins seien als Menschen, auf persönlicher Ebene. Aber die ökumenischen Anstrengungen konzentrieren sich auf Institutionen und Organisationen, auf die „gegenseitige Anerkennung“ zwischen den verschiedenen Konfessionen, und dass die Christen sich den Leitern der jeweiligen konfessionellen Organisationen unterstellen.
– Jesus betete um eine Einheit „in uns“, d.h. im Vater und im Sohn. Damit die Jünger eins sein können, ist es zuallererst notwendig, dass jeder einzelne Jünger „in Jesus“ ist; dass er sich mit Jesus identifiziert und in einer reinen Beziehung zu ihm lebt. Aber die Ökumene schenkt der persönlichen Beziehung zu Jesus sehr wenig Beachtung, oder versteht sie lediglich in einem sakramentalen Sinn (getauft sein und am Abendmahl teilnehmen).

Das Neue Testament spricht nicht nur von Einheit; es spricht auch von der Notwendigkeit der Absonderung:

„… dass ihr nicht mit jemandem Gemeinschaft haben sollt, der sich Bruder nennen lässt, aber ein Unzüchtiger ist oder Habsüchtiger oder Götzendiener oder Lästerer oder Trinker oder Dieb; mit einem solchen esst auch nicht zusammen.“ (1,Korinther 5,11).
„Werdet nicht Jochgenossen mit Ungläubigen. Denn wie können die Gerechten an der Gesetzlosigkeit teilnehmen? Oder wie kann das Licht mit der Finsternis Gemeinschaft haben? Und wie können der Christus und Beliar übereinstimmen? Oder wie kann der Gläubige etwas mit dem Ungläubigen gemeinsam haben? Und wie kann der Tempel Gottes mit den Götzen übereinstimmen? (…) Deshalb ‚geht hinaus aus ihrer Mitte und sondert euch ab, spricht der Herr‘, und ‚rührt das Unreine nicht an; so werde ich euch aufnehmen‘. „ (2.Korinther 6,14-17)

Täuschen wir uns nicht. In der gegenwärtigen Situation sind viele Mitglieder und Leiter von Kirchen (möglicherweise die Mehrheit) „Unzüchtige“ oder „Habsüchtige“ oder „Ungläubige“ oder „Diebe“ oder Lügner… oder sie zeigen auf irgendeine andere Weise mit ihrem Leben und mit ihren Überzeugungen, dass sie keine echten Nachfolger des Herrn Jesus sind. Diese sind in Jesu Gebet um Einheit nicht eingeschlossen. Im Gegenteil, das Wort Gottes sagt, dass ein echter Christ sich von solchen absondern soll, die sich „Christen“ nennen oder Kirchenmitglieder sind, aber mit ihrem Leben oder ihren Lehren zeigen, dass sie nicht zum Herrn gehören.

Auch viele evangelikale Kirchen, die sich nicht als ökumenisch identifizieren, haben dennoch viele Aspekte der ökumenischen Idee von „Einheit“ übernommen: Sie sehen und suchen die „Einheit“ auf institutioneller Ebene, innerhalb mittels der Anpassung an die spezielle Tradition der eigenen Konfession oder Denomination, und ausserhalb mittels Vereinbarungen und „gemeinsamen Anlässen“ mit anderen Denominationen. Viele leben in der Illusion, alle Mitglieder der eigenen Organisation seien echte Christen. Einige glauben zusätzlich, alle Mitglieder anderer Denominationen seien im Irrtum. All das führt dazu, dass man sich zu „Jochgenossen“ mit Ungläubigen macht, und gleichzeitig die Gemeinschaft mit echten Christen in anderen Denominationen ablehnt. Sie vergessen das Zentrum der christlichen Einheit, nämlich Jesus selber.

Die neutestamentlichen Kriterien für Einheit sind klar: Ein echter Nachfolger Jesu befindet sich in Einheit mit allen anderen echten Nachfolgern Jesu, unabhängig davon, zu was für einer religiösen Organisation sie zugehören oder nicht zugehören. Und er sondert sich ab von jenen, die Jesus nicht wahrhaftig nachfolgen, auch wenn es Mitglieder seiner eigenen Organisation sind.
Christliche Einheit ist nicht die gemeinsame Mitgliedschaft in einer Institution. Sie ist nicht die Übereinstimmung mit einem bestimmten Glaubensbekenntnis. Sie ist nicht die Anerkennung eines Reglements oder einer Vereinbarung zwischen verschiedenen Institutionen. Die christliche Einheit wird am besten ausgedrückt durch das griechische Wort „koinonía“ (davon werden wir sprechen, wenn wir zur Apostelgeschichte kommen), oder auch „der Leib Christi“ (das ist der Ausdruck, den Paulus verwendet).

Jesus sagte, das Ergebnis der wahren christlichen Einheit werde darin bestehen, dass „die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ Die ökumenischen, institutionellen oder denominationellen Formen von Einheit bringen nicht dieses Ergebnis hervor. Sie bewirken nur, dass die Welt die Christen als eine Art weltlichen Verein oder politische Lobby wahrnimmt; aber sie kann nicht den Herrn in ihnen sehen. Wo dagegen eine echte Einheit herrscht, die auf dem Herrn selber beruht und auf Heiligkeit – und sei es auch nur eine einzige Familie, die diese Einheit lebt -, da nimmt die Welt das Licht des Evangeliums wahr. Da ist es, wo die Welt sieht, dass etwas „anders“ ist, etwas Übernatürliches; etwas, was die Welt nicht kennt. Dieses „Etwas“ ist die Gegenwart des Herrn.

Was für eine Vorstellung von Einheit hast du? Was für eine Vorstellung hat die Gemeinde, der du zugehörst? Eine ökumenische, institutionelle, denominationelle Vorstellung; oder die Vorstellung von dem, was Jesus gesagt hat?

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 17 (2.Teil)

13. Februar 2017

In der Welt, aber nicht von der Welt

In der Fortsetzung betet Jesus für die Beziehung der Seinen zur Welt. Er beginnt: „Die Welt hat sie gehasst“ (Vers 14). Es ist kein Ziel der neutestamentlichen Gemeinde, von der Welt akzeptiert oder gar bewundert zu werden. Wenn eine Kirche in der Welt berühmt ist und von ihr hoch gelobt wird, dann ist das nicht unbedingt ein Zeichen, dass Gott dahintersteht. Im Gegenteil, Jesus sagte: „Selig seid ihr, wenn die Menschen euch hassen und euch ausstossen und beleidigen und euren Namen als böse verwerfen um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tag und hüpft, denn seht, ihr werdet einen grossen Lohn im Himmel haben. Denn so taten ihre Vorfahren den Propheten. (…) Wehe, wenn alle Menschen gut von euch reden! Denn genauso taten ihre Vorfahren den falschen Propheten.“ (Lukas 6,22-23.26)
Und nicht nur das. Jesus sagte, dass auch die religiösen Organisationen, also die Kirchen, die wahren Christen hassen würden: „Sie werden euch aus den Synagogen ausstossen; und es kommt sogar die Stunde, wo jeder, der euch tötet, denken wird, er tue Gott einen Dienst. Und das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich kennen.“ (Johannes 16,2) – Denken wir nicht, damit seien nur die jüdischen Synagogen gemeint. Heute haben sich die traditionellen christlichen Kirchen an die Stelle der Synagogen gesetzt; und ihre Pastoren nehmen den Platz der damaligen Priester, Schriftgelehrten und Pharisäer ein. Tatsächlich haben die offiziellen Kirchen im Lauf der Geschichte viele wahre Christen verfolgt und getötet. Die römische Kirche verfolgte während mancher Jahrhunderte auf brutale Weise die Waldenser, die Reformierten, die Evangelischen, und andere ernsthafte Christen. Die reformierten Kirchen verfolgten ihrerseits die Täufer, die Quäker, die Puritaner, und die Methodisten. Viele Verfolger dachten, diese „Ketzer“ zu verfolgen und zu töten sei ein Dienst für Gott. Wundern wir uns nicht, wenn in naher Zukunft auch die evangelikalen Kirchen anfangen, echte Christen zu verfolgen. Sympathisanten des ökumenischen Weltkirchenrats (an den sich die Evangelikalen immer mehr annähern) haben es bereits getan.

Tatsächlich sind die echten Christen „nicht von der Welt“ (Verse 14 und 16), so wie auch Jesus nicht von der Welt war. Und das schliesst die religiöse Welt mit ein, die Kirchen, deren Mitglieder sich „Christen“ nennen, ohne wiedergeboren zu sein.

Jedes Mal, wenn eine Gruppe von Christen ein gewisses Mass an Einfluss und Ansehen erreichte, kamen sie in Versuchung, sich der Welt anzupassen. Sie begannen, sich ähnlich wie die Welt zu verhalten, um nicht verachtet zu werden. Ihre Leiter begannen, die Sünde zu tolerieren, um den reichen Mitgliedern und den weltlichen Herrschern zu gefallen. So wurde die betreffende Gruppe durch einen allmählichen Prozess zu einem Teil der Welt; und der Herr musste wieder neue Nachfolger berufen, die „nicht von der Welt“ waren.

Als Reaktion auf diese Situation können einige in die entgegengesetzte Versuchung fallen, sich völlig aus der Welt zurückzuziehen. So entstand die Idee der Klöster, christlichen Internate, und anderer Formen von geschlossenen Gemeinschaften und Versuchen, eine Art „Neues Jerusalem“ auf dieser Erde zu errichten. Aber Jesus bittet den Vater, dies für seine echten Nachfolger nicht zuzulassen: „Ich bitte nicht, dass du sie von der Welt wegnimmst“ (Vers 15). Das wäre nicht gut für die Welt, denn die Welt braucht die Christen als „Salz“ in ihrer Mitte. Und es wäre auch nicht gut für die Christen; denn ein Jünger des Herrn braucht die Herausforderungen der umgebenden Welt, um geistlich wach zu bleiben. Deshalb hat der Herr oft zugelassen, dass solche geschlossenen Gemeinschaften zu wahren Brutstätten der Sünde, der Intrige und Skandalen wurden, um ihren Mitgliedern zu zeigen, dass das nicht der richtige Weg ist.

Stattdessen betet Jesus: „sondern behüte sie vor dem Bösen.“ (Vers 15). Die Jünger Jesu sollen „in der Welt“ leben, „aber nicht von der Welt“; äusserlich mitten in der Welt, aber innerlich abgeschieden von ihr. Deshalb haben sie es so sehr nötig, vor dem Bösen in der Welt behütet zu werden, und das in doppeltem Sinn: Sie müssen behütet werden vor der Bosheit der Welt, welche die echten Christen angreift, verfolgt und misshandelt, damit sie auch in den widrigsten Umständen den Glauben bewahren und dem Herrn treu bleiben. Aber sie müssen auch vor der Bosheit bewahrt werden, die sich in ihr eigenes Leben einschleichen will, und die sie dazu verführen möchte, so wie die Welt zu werden. In beiden Bereichen ist die wahre Gemeinde des Herrn schutzbedürftig. Wie gut zu wissen, dass Jesus bereits dafür gebetet hat! Die wahre Gemeinde muss nicht zu menschlichen Kunstgriffen Zuflucht nehmen, zu Menschengeboten, zu einer „geistlichen Abdeckung“ durch eine „Leiterschaft“, oder zur phyischen Weltflucht. Nicht solche Dinge sind es, welche die Gemeinde behüten; der Herr selber tut es.

Schliesslich stellt Jesus klar, in welcher Beziehung seine Gemeinde zur Welt steht: „Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe ich sie in die Welt gesandt.“ (Vers 18). Die Jünger Jesu haben in dieser Welt eine Mission zu erfüllen. Nicht nur sollen sie in der Welt leben, ohne von der Bosheit der Welt beeinflusst zu werden; sondern sie sollen auch ein „Licht“ sein, damit die Welt Jesus kennenlernen kann durch ihr Leben und ihr Wort. (Siehe Matthäus 5,13-16). Für jeden Jünger Jesu gilt dasselbe Wort, das Gott zu Jeremia sprach: „Sie sollen zu dir umkehren, aber du sollst nicht zu ihnen umkehren!“ (Jeremia 15,9).

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 17 – Teil 1

4. Februar 2017

Jesus betet für seine Gemeinde

Dieses Kapitel, Johannes 17, ist eine weitere hilfreiche Stelle zu einem richtigen Verständnis der neutestamentlichen Gemeinde, auch wenn das Wort „Gemeinde“ hier nicht vorkommt. Aber Jesus betet für seine Jünger, und „für jene, die durch ihr Wort an mich glauben werden“ (Vers 20). Und wir haben bereits gesehen, dass genau das die Gemeinde ist: die Gemeinschaft jener, die an Jesus glauben.

Wenn wir gut hinsehen, sehen wir allerdings, dass Jesus in den ersten fünf Versen für sich selber betet: „Verherrliche deinen Sohn, damit auch dein Sohn dich verherrliche…“ (Vers 1). Ist das nicht ein eigensüchtiges Gebet? – Das wäre es tatsächlich, wenn es aus dem Munde eines gewöhnlichen Menschen käme. Aber nicht, wenn es der Sohn Gottes ausspricht, denn ihm gebührt es, den ersten Platz einzunehmen. Wenn Gott nicht verherrlicht würde (durch seinen Sohn), dann würde er aufhören, Gott zu sein, und damit würde die ganze Grundlage der Gemeinde (und des Universums überhaupt) zerstört. Deshalb sollte es im allerhöchsten Interesse der Gemeinde liegen, dass Gott verherrlicht wird.
Das ist eine weitere jener grundlegenden Wahrheiten, die vielen Christen allzu wohlbekannt ist, sodass sie meinen, sie müssten nicht weiter darüber nachdenken. Aber ich lade dich ein, einige Momente innezuhalten und nachzudenken: Verherrlicht deine Gemeinde Gott? Ist die Lebenspraxis dieser Gemeinde so, dass Gott in allem an erster Stelle steht?
Einige Kirchen setzen an die erste Stelle die persönliche Errettung ihrer Mitglieder – oder sogar irdische Dinge wie ihr persönliches Wohlergehen, ihre körperliche Gesundheit, ihr finanzielles Wohlergehen, ihr „Vorwärtskommen“ (in welchem Sinn auch immer), ihr persönliches Glück. Das sind lauter Dinge, die „die Heiden suchen“, während Gott den Seinen verspricht, ihnen diese Dinge als Zugabe zu geben, wenn sie zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit suchen (Matthäus 6,32-33). Die christliche Gemeinde ist nicht eine Institution zur persönlichen Errettung oder zum persönlichen Wohlergehen. Sie ist dazu da, Gott zu verherrlichen und in der Welt sein Reich zu repräsentieren, d.h. seine Herrschaft und seinen Willen.
Andere Kirchen setzen die Kirche selber an die erste Stelle. Ja, sie sprechen vom Herrn, aber ihr oberstes Ziel ist das Wachstum und der Einfluss der eigenen Organisation. Sie sprechen davon, „dem Herrn zu dienen“, aber in Wirklichkeit meinen sie damit, „unserer Organisation zu dienen“. Sie sprechen davon, „Menschen zu Jesus zu führen“, aber in Wirklichkeit meinen sie „Menschen in unsere Versammlungen zu bringen“. Sie sprechen sogar davon, „dem Herrn zu opfern“, wenn sie in Wirklichkeit meinen, „für die Leiter unserer Organisation zu spenden“. Auch die Gemeinde selber kann zu einem Götzen werden, wenn wir nicht sehr sorgfältig darauf achten, dass der Herr wirklich den ersten Platz einnimmt.

Von Gott „gegebene“ Menschen

Jesus bezeichnet seine Jünger als „die Menschen, die du mir aus der Welt gegeben hast … und sie haben dein Wort gehalten“ (Vers 6). Kurz zuvor hatte er ihnen gesagt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“ (Johannes 15,16). Die neutestamentliche Gemeinde besteht nicht aus Menschen, die irgendwann einmal die Idee hatten, „eine Gemeinde zu gründen“. Sie besteht aus Menschen, die von Gott erwählt und berufen wurden, und die auf seinen Ruf reagierten. Gott „gab“ sie seinem Sohn Jesus als Eigentum. Die Gemeinde gehört nicht sich selbst; und die Mitglieder gehören nicht den Gemeindeleitern. Die wahre Gemeinde, mit allen ihren Mitgliedern, gehört Jesus.
Es ist gut zu wissen, dass Gott es übernommen hat, die Seinen zu bewahren und zu behüten. „Als ich mit ihnen in der Welt war, behütete ich sie in deinem Namen …“ (Vers 12). „Heiliger Vater, die, die du mir gegeben hast, behüte sie in deinem Namen …“ (Vers 11). Er tut dies viel besser, als es irgendein menschlicher Leiter tun könnte. Jesus selber ist höchst interessiert daran, sein Eigentum gut zu behüten, und dass die Seinen immer bei ihm sind: „Vater, ich will, dass jene, die du mir gegeben hast, auch bei mir sind, wo immer ich bin …“ (Vers 24).

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 10 (4.Teil)

26. Januar 2017

Der Gute Hirte und die bösen Hirten im Alten Testament

Jesus sprach zu Juden, die das Alte Testament gut kannten. Als er begann, über den „Guten Hirten“ zu sprechen, mussten sie sich sofort an die alttestamentlichen Verheissungen eines „Guten Hirten“ erinnert haben, und besonders an das Kapitel 34 im Buch Ezechiel. Dieses Kapitel beginnt mit einer Zurechtweisung der bösen Hirten Israels:

„Wehe den Hirten Israels, die sich selber weiden! Sollen nicht die Hirten die Herde weiden? Ihr trinkt die Milch und kleidet euch mit der Wolle; die Fetten schlachtet ihr, aber ihr weidet die Schafe nicht. Ihr habt die Schwachen nicht gestärkt und die Kranken nicht gepflegt; ihr habt das Gebrochene nicht verbunden, die Versprengten nicht zurückgebracht und die Verlorenen nicht gesucht; sondern ihr habt sie geknechtet mit Härte und Gewalt …“ (Ezechiel 34,2-4)

Danach muss der Prophet das Gericht Gottes über die bösen Hirten verkünden:

„So hat Gott der Herr gesagt: Siehe, ich bin gegen die Hirten; und ich werde meine Schafe aus ihrer Hand zurückfordern, und ich werde sie nicht länger die Schafe weiden lassen; und auch die Hirten werden nicht länger sich selber weiden; denn ich werde meine Schafe aus ihrem Rachen reissen, und sie werden ihnen nicht länger zum Frass sein. Denn so hat Gott der Herr gesagt: Siehe, ich selber werde meine Schafe zurückfordern, und werde mich um sie kümmern.“ (Ezechiel 34,10-11)

Dann sagt Gott, dass er selber die Verantwortung eines Guten Hirten übernehmen wird:

„Auf guter Weide werde ich sie weiden, und auf den hohen Bergen Israels wird ihre Schafhürde sein: dort werden sie in einer guten Hürde ruhen, und auf fetten Weiden werden sie geweidet werden auf den Bergen Israels. (…) Ich werde die Verlorenen suchen und die Versprengten zurückbringen, und das Gebrochene verbinden und die Kranken pflegen (…)“ (Ezechiel 34,14-16)

Schliesslich verspricht Gott, dass er einen Guten Hirten über Israel setzen wird:

„Und ich werde über sie einen Hirten erwecken, und er wird sie weiden, meinen Diener David: er wird sie weiden, und er wird ihr Hirte sein. Ich, der Herr, werde ihr Gott sein, und mein Diener David Fürst mitten unter ihnen. Ich, der Herr, habe gesprochen.“ (Ezechiel 34,23-24)

Das ist eindeutig eine Prophetie auf Jesus hin, den „Sohn Davids“. Als Jesus sich selber als den Guten Hirten beschrieb, gab er zu verstehen, dass er gekommen war, um diese Prophetie Ezechiels zu erfüllen. Die Zeit war zu Ende gegangen, wo die religiösen Leiter nach Gutdünken regieren und das Volk knechten konnten. Jesus würde seine Schafe aus der Gewalt dieser Leiter befreien, und er selber würde sie weiden.

Vor diesem Hintergrund verstehen wir, dass nach dem Willen des Guten Hirten die christliche Gemeinde nie wieder unter die Gewalt anderer „Pastoren“ („Hirten“) oder Priester zurückkehren sollte. Wenn sie es trotzdem getan hat, so geschah das entgegen dem Willen des Guten Hirten. Aller Missbrauch, den Christen während all der Jahrhunderte erleiden mussten und noch erleiden müssen unter „Pastoren“, Priestern, und dem Papsttum, ist Konsequenz dieses Ungehorsams: Die Schafe Jesu hörten auf, Jesus den Herrn als ihren einzigen Guten Hirten anzuerkennen, und begaben sich wiederum unter die Herrschaft anderer Schafe (oder sogar von Wölfen in Schafskleidern). Aber das Wort Gottes bleibt weiterhin gültig: „Ich werde meine Schafe aus ihrem Rachen reissen!“