Petrus als Säule der Gemeinde (Matthäus 16)

8. März 2017

„Simon Petrus antwortete: ‚Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.‘
Da antwortete ihm Jesus: ‚Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas, denn nicht Fleisch und Blut hat dir das offenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist. Und ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen; und die Tore des Hades werden nicht bestehen gegen sie. Und dir werde ich die Schlüssel des Himmelreichs geben; und alles, was du auf Erden binden wirst, wird im Himmel gebunden sein; und alles, was du auf Erden lösen wirst, wird im Himmel gelöst sein.“
(Matthäus 16,16-19)

Das ist eine weitere der ganz wenigen neutestamentlichen Stellen, wo das Wort „Gemeinde“ in den eigenen Worten Jesu erscheint. In den vorhergehenden Betrachtungen haben wir gesehen, dass der Herr Jesus die Gemeinde als Versammlung von Geschwistern im Konsens beschreibt, ohne hierarchische Unterschiede und ohne Klerikalismus. Angesichts dieses Konzepts der Gemeinde als eine einfache Bruderschaft ist es ziemlich offensichtlich, dass diese Lieblingsstelle der römischen Apologeten nicht zugunsten eines Papsttums ausgelegt werden kann. Eine solche Auslegung würde allen anderen Worten des Herrn widersprechen. Sie würde auch den Worten von Petrus widersprechen, der schrieb, der „Grundstein“ der Gemeinde sei Jesus selber (1.Petrus 2,4-8), und der sich selber als nicht mehr als einen „Mitältesten unter Ältesten“ beschrieb (1.Petrus 5,1).
Es handelt sich also in Matthäus 16,18-19 vielmehr um eine Verheissung des Herrn an Petrus persönlich, und sie bezieht sich auf die anfängliche „Erbauung“ der Gemeinde in der apostolischen Zeit.

Das war auch der Konsens der alten Kirche während der ersten vier Jahrhunderte. Die „Kirchenväter“, auf deren Schriften die römisch-katholische Tradition gegründet sein soll, hatten unterschiedliche Auslegungen von Matthäus 16,18-19; aber in einem Punkt stimmten sie alle überein: Diese Stelle hat nichts zu tun mit einem angeblichen „Nachfolger“ von Petrus. Ich zitiere einen Autor, der gründlicher über dieses Thema geforscht hat:

„Es überrascht einen, dass in den ersten beiden Jahrhunderten der Petrus-Text“ (Matth.16,18-20) „kaum zitiert wird. (…) Erst am Anfang des dritten Jahrhunderts berief sich ein nicht näher bezeichneter Bischof – es dürfte der römische Bischof Kallist gewesen sein – auf diese Stelle. (…) Tertullian wandte sich gegen die Anmassung des Bischofs, das Wort, das Jesus in persönlicher Weise an Petrus gerichtet habe, umzudeuten. Er schrieb: ‚Wie kannst du dich erdreisten, die offenkundige Absicht des Herrn, der dieses dem Petrus nur persönlich überträgt, umzustossen und zu verdrehen! ‚Auf dir‘, sagt er, ‚will ich meine Kirche bauen‘, und ‚dir will ich die Schlüssel geben‘, nicht der Kirche, und ‚was du binden und lösen wirst‘, nicht was sie lösen und binden werden.‘ („De pudicitia“ 21)
(…) Augustin überliess dem Leser die Entscheidung, ob sich der ‚Fels‘ in Matth.16,18 auf Petrus oder auf Jesus selbst bezieht. (Retract.I,20,2). Hieronimus denkt, dass der Fels sich auf Christus bezieht, denn der Name Petrus bedeute ‚Stein‘: ‚Wahrlich gegründet auf dem festen Fels, welcher Christus ist.‘ *
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass von 77 Kirchenvätern, die über den Matthäustext geschrieben haben, 17 denken, der Fels habe sich auf Petrus bezogen, 44 sehen in ihm den Glauben von Petrus und 16 meinen, Jesus habe sich damit selbst bezeichnet. Keiner der Väter aber hat diese Stelle auf die Bischöfe von Rom als Nachfolger von Petrus angewandt.
(…) Leo I. der Grosse (440-461) war der erste römische Bischof, der konsequent die Papstidee verfochten hatte. Auf Berufung von Matth.16,18 begründete er den römischen Primat …“
(P.H.Uhlmann, „Die Lehrentscheidungen Roms im Licht der Bibel“, Telos-Taschenbuch 402, 1984)

* (Im griechischen Original heisst Petrus „Petros“; aber das Wort für „Fels“ ist „petra“. Somit besteht keine Übereinstimmung, sondern nur eine Ähnlichkeit, zwischen „Petrus“ und „Fels“.)

Die Lieblingsidee der Verfechter des Papsttums kam also keinem der Schriftsteller der frühen Kirche in den Sinn, und gehört deshalb nicht einmal zur „Tradition“ der alten Kirche.

Lassen wir also diese späteren Erfindungen, und sehen wir, was wir aus unserem Text über die neutestamentliche Gemeinde schliessen können.

Wie wir schon gesehen haben, ist der Name „Petrus“ nicht gleich, sondern nur ähnlich wie das griechische Wort für „Fels“. In welcher Hinsicht konnte Petrus einem Fels ähnlich sein?

Jesus sagte diese Worte, nachdem Petrus zu ihm gesagt hatte: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ (Vers 16). – Jesus antwortet ihm: „Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas, denn nicht Fleisch und Blut hat dir das offenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist.“ (Vers 17).
Jesus sagt hier, dass es für Petrus menschlich unmöglich war, Jesus in seiner irdischen Gestalt als den Messias und Sohn Gottes zu erkennen. Nur aufgrund einer übernatürlichen Offenbarung Gottes war es möglich, dass Petrus diese Erklärung aussprach. Und nur aufgrund dieser übernatürlichen Offenbarung konnte Petrus „fest wie ein Fels“ werden, um die Last einer wichtigen Verantwortung in der Gemeinde zu tragen.

Das wird noch deutlicher, wenn wir vergleichen, was gleich nachher geschah. Jesus kündigt seinen Jüngern an, dass er leiden und sterben muss (Vers 21). Petrus tadelt ihn und sagt: „Herr, habe Mitleid mit dir; keinesfalls soll dir das geschehen!“ (Vers 22). – Jesus antwortet: „Hinweg von mir, satan! Du bist mir ein Stolperstein, denn du denkst nicht Göttliches, sondern Menschliches.“ (Vers 23).
In diesem Moment hatte Petrus nicht mehr aufgrund göttlicher Offenbarung geredet; er sprach aus seinem menschlichen Herzen und wollte den stellvertretenden Opfertod Jesu verhindern. Und damit war er kein „Stein“ oder „Fels“ mehr, sondern „satan“ und „Stolperstein“! – Seine Fähigkeit, Autorität in der Gemeinde zu tragen, hing ganz davon ab, ob er in der Offenbarung Gottes verblieb. Nicht Petrus als Person konnte mit einem „Fels“ verglichen werden; auch nicht Petrus als Inhaber eines besonderen Amtes oder einer besonderen Position. Einzig Petrus in seiner Bereitschaft, die übernatürliche Offenbarung Gottes zu empfangen, zu verstehen, und ihr zu gehorchen.

Diese Ansicht wird gestützt durch jene andere Stelle, wo Jesus einen Vergleich mit einem Felsen vornimmt, Matthäus 7,24-27: „Jeder nun, der diese meine Worte hört und sie tut, den vergleiche ich mit einem weisen Mann, der sein Haus auf den Felsen baute.“ – Hier bedeutet der feste Felsengrund, die Worte des Herrn zu hören und zu tun. Petrus war „auf Fels gebaut“, solange er auf die Offenbarung Gottes hörte und dementsprechend handelte.

Hier glaube ich, dass wir ein wenig verallgemeinern dürfen. Die neutestamentliche Gemeinde hat als „feste Steine“ oder „Säulen“ (Galater 2,9) Menschen, die durch übernatürliche Offenbarung Jesus als den Messias und Sohn Gottes erkannt und anerkannt haben. Nicht Menschen, die ihn nur deshalb kennen, weil sie über ihn studiert haben, oder weil sie die Rituale und Ausbildungsgänge durchlaufen haben, die eine kirchliche Institution vorschreibt. Es gab zu jener Zeit viele Menschen, die Jesus „nach dem Fleisch“ kannten, die seine Wunder gesehen und seine Worte gehört hatten; aber nur wenige erkannten ihn auf die Weise, wie Petrus ihn erkannte. Seien wir vorsichtig: Unterordnen wir uns nicht leichthin Menschen, die „in ein Amt eingesetzt wurden“, ohne dass sie Jesus persönlich kennengelernt hätten durch eine Offenbarung Gottes.

Dieses Kennenlernen Jesu beginnt zuallererst mit der Überführung von der eigenen Sündhaftigkeit. So ging es Petrus bei einer seiner ersten Begegnungen mit Jesus: „Und als er es sah, fiel Simon Petrus vor die Kniee Jesu und sagte: ‚Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch!‘ Denn er war von Schrecken erfüllt worden, er und alle, die mit ihm waren …“ (Lukas 5,8-9). – Das war die erste übernatürliche Offenbarung, die Petrus empfing, und die ihn dazu führte, Jesus kennenzulernen: „Ich bin ein sündiger Mensch.“
Das ist kein Einzelfall; es ist ein allgemeines Prinzip. So sagt Jesus in Johannes 16,8: „Und wenn er (der Heilige Geist) kommt, dann wird er die Welt überführen von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht …“ – Das erste Werk des Heiligen Geistes in einem Menschen besteht darin, ihn von seiner Sündhaftigkeit zu überführen. Niemand kann ehrlicherweise behaupten, Jesus zu kennen, solange er nicht diese Erfahrung einer tiefen Überführung von seiner eigenen Sünde gemacht hat.
Diese Überführung ist nicht ein intellektuelles Bejahen der Aussage, dass „wir alle Sünder sind“. Im Gegenteil: Menschen, die so etwas sagen, sind oft jene, die ihre Sünde allzu leicht nehmen. Allzu viele nehmen diese Aussage als Entschuldigung, um weiterhin unbekümmert die Sünde in ihrem Leben zuzulassen.
Echte Überführung von Sünde ist begleitet von einer intensiven Gottesfurcht, und von dem tiefen Bewusstsein der Verlorenheit, und dass man das Gericht Gottes voll und ganz verdient hat. So wie Jesaja ausrief: „Wehe mir! Ich bin verloren! Denn ich bin ein Mensch mit unreinen Lippen, und wohne inmitten eines Volkes, das unreine Lippen hat, und meine Augen haben den König gesehen, den Herrn der Heerscharen!“ (Jesaja 6,5) Wer nie eine ähnliche Bedrängnis erlebt hat aufgrund seiner eigenen Verlorenheit, der hat Gott nicht wirklich kennengelernt.

Nicht weniger bedeutungsvoll ist der letzte Vers in der Geschichte vom wunderbaren Fischfang: „Und als sie die Schiffe an Land gebracht hatten, liessen sie alles zurück und folgten ihm. (Lukas 5,11). Es ist nicht möglich, Jesus nachzufolgen, ohne die Verbindungen zum alten Leben definitiv durchzuschneiden. Um Jesus nachzufolgen, liessen Petrus und die anderen Jünger ihre Arbeit hinter sich, ihre Eltern, ihre Freunde, auch den Ort, wo sie aufgewachsen waren und lebten. Auch in dieser Hinsicht ist Petrus ein Beispiel für alle Gläubigen nach ihm.
Ich habe mehrere Personen kennengelernt, die daran interessiert waren, sich zu Jesus zu bekehren. Einige von ihnen waren bereits einer Kirche beigetreten. Aber während ihr Interesse an Jesus ernsthafter wurde, begann der Herr seinen Finger auf eine bestimmte Sache in ihrem Leben zu legen, die sie aufgeben mussten. Nicht dass irgendein Prediger oder irgendeine andere Person ihnen gesagt hätte, sie müssten diese Sache aufgeben. Sie selber begannen darüber nachzudenken, weil der Herr anfing, Überführung von Sünde in ihnen zu wirken. Traurigerweise waren die meisten dieser Menschen nicht dazu bereit, diese bestimmte Sache loszulassen, die der Herr ihnen gezeigt hatte. So gelangten sie nie zu einer echten Bekehrung.
Möglicherweise befindet sich die Mehrheit der gegenwärtigen Kirchenmitglieder in einer ähnlichen Situation. Sie interessieren sich für Jesus, sie bezeichnen sich als „Christen“ und nehmen an den Anlässen ihrer Kirche teil; aber sie gelangen nicht zur Wiedergeburt, weil sie ihr altes Leben nicht hinter sich lassen.
Einige machen unehrliche Geschäfte, die ihnen einen guten Gewinn einbringen, und wollen nicht darauf verzichten. Andere haben eine Liebesbeziehung mit jemandem, der den Herrn nicht liebt, oder sind sonstwie mit jemandem verbunden auf eine Weise, die sie daran hindert, dem Herrn nachzufolgen. Einige sind nicht dazu bereit, heidnische Gebräuche hinter sich zu lassen, die in ihrer Familie praktiziert werden. In anderen Fällen ist es die weltliche Schule, an die sie ihre Kinder schicken, ohne darüber nachzudenken, dass diese Schule ihre Kinder zu Gottesverächtern macht. Wieder in anderen Fällen geht es um Dinge, die nicht einmal an sich schlecht sind, wie z.B. gewisse zeitraubende Hobbies, gewisse Freundschaften, eine Arbeitsstelle – oder sogar ein kirchliches Amt. Aber wenn Gott jemandem zeigt, dass er etwas davon aufgeben sollte, um seinen Ruf zu erfüllen, dann muss er es tun. Das kann bei jeder Person wieder eine andere Sache sein. Aber jeder hängt an gewissen Dingen in seinem Leben, die er aufgeben muss, wenn der Herr ihn ruft.
In Matthäus 16 fährt Jesus fort: „Wenn jemand mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, und nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir. Denn jeder, der sein Leben retten will, wird es verlieren; und jeder, der sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden.“ (Matthäus 16,24-25). Die neutestamentliche Gemeinde besteht aus Menschen, die darauf verzichteten, ihr eigenes Leben zu leben.

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 17 (3.Teil)

24. Februar 2017

Einheit in Heiligkeit

Die nächste Bitte Jesu ist um Heiligung seiner Jünger: „Heilige sie in deiner Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. … Und ich heilige mich selber für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt seien.“ (Johannes 17,17.19). „Heilig“ bedeutet „ausgesondert für Gott“, und damit auch „frei von Sünde“. Es ist Gottes Willen, dass die Glieder seiner Gemeinde heilig seien, nicht nur in der Theorie, sondern in Tat und Wahrheit. Ohne Heiligung wird niemand den Herrn sehen (Hebräer 12,14).

Das ist sehr wichtig zu verstehen, denn in vielen Kirchen ist eine falsche Lehre verbreitet, wonach die Erlösung einzig in der Vergebung der Sünden bestehe, und dass es unmöglich sei, frei von der Sünde zu sein. Aber wir wissen, dass der Vater allezeit die Bitten seines Sohnes erhört (Johannes 11,42), und dass seine Gebote nicht unmöglich zu erfüllen sind (1.Johannes 5,3). Sollte es dann für Gott unmöglich sein, seine Jünger zu heiligen? Oder sollte es für einen echten Jünger unmöglich sein, Gottes Gebot der Heiligkeit zu erfüllen? Wer so etwas behauptet, macht Gott zum Lügner.

Wir können das leicht mit anderen Aussagen aus den apostolischen Briefen stützen:
„Was sollen wir also sagen? Sollen wir in der Sünde verharren, damit wir mehr Gnade von Gott erhalten? Keineswegs! Die wir für die Sünde gestorben sind, wie sollen wir weiter in ihr leben?“ (Römer 6,1-2) – Ein echter Christ ist „tot für die Sünde, aber lebendig für Gott“ (Römer 6,11). Keinesfalls „muss er unweigerlich weitersündigen“.
„Wie alle Dinge, die zum Leben und zur Gottesfurcht gehören, uns gegeben wurden durch seine göttliche Macht … damit ihr durch sie Teilhaber der göttlichen Natur werdet, nachdem ihr der Verderbnis, die in der Welt ist, entflohen seid …“ (2.Petrus 1,3-4). – D.h. ein echter Christ hat von Gott alles erhalten, was notwendig ist, um ein heiliges Leben zu führen, an der „göttlichen Natur“ teilzuhaben und sich von der „Verderbnis, die in der Welt ist“, fernzuhalten.
„der mächtig ist, euch ohne Fall zu bewahren, und euch unbefleckt vor seiner Herrlichkeit hinzustellen mit grosser Freude…“ (Judas 24). – D.h. Gott ist vollkommen imstande, die echten Christen in Heiligkeit zu bewahren.
Wir sollen nur nicht denken, wir selber seien es, die wir uns in dieser Heiligkeit bewahren können. Gott tut es.

Johannes 17,17 lehrt uns ausserdem, dass das Wort Gottes ein wichtiges Mittel ist, das Gott gebraucht, um uns in der Heiligkeit zu bewahren.

Bevor er zur nächsten Bitte kommt, erklärt Jesus, dass er für die Gemeinde aller Zeiten bittet: „Aber ich bitte nicht nur für diese, sondern auch für jene, die durch ihr Wort an mich glauben werden.“ (Vers 20). Dieses Gebet Jesu ist auch für uns heute, für alle, die ihm wahrhaftig nachfolgen.

Glaubst du an die Erfüllung dieses Gebets für dich? Glaubt es die Gemeinde, der du zugehörst?

Die Heiligkeit der Jünger ist Voraussetzung für die nächste Bitte Jesu: die Bitte um Einheit. „…damit alle eins seien; wie du, Vater, in mir, und ich in dir, dass auch sie eins seien in uns; damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ (Johannes 17,21).

Das ist einer der schönsten Verse des Neuen Testamntes, aber auch einer der am meisten missbrauchten. Der ökumenische Weltkirchenrat hat diesen Vers zu seinem Motto gemacht. Aber die Einheit, welche die Ökumene sucht, ist etwas ganz anderes als die Einheit, für die Jesus betete:
– Jesus betete um eine Einheit in Heiligkeit. Aber die Ökumene fördert eine Einheit in Toleranz: Die ökumenischen Leiter erlauben nicht, dass jemand das Wort Gottes benützt, um jemanden wegen einer Sünde zurechtzuweisen, oder um falsche Lehren und Praktiken einer Kirche aufzuzeigen. Deshalb füllen sich die ökumenefreundlichen Kirchen mit Irrlehrern und mit sündigen und heidnischen Praktiken.
– Jesus betete für jene, „die an mich glauben“. Aber die Ökumene unterscheidet nicht zwischen wahren Christen und Namenschristen. Nach der ökumenischen Definition ist ein Christ, wer „im Namen des dreieinigen Gottes getauft wurde“ – inbegriffen alle jene Katholiken und Reformierten, die als Kleinkinder getauft wurden, aber nie persönlich dem Herrn nachfolgten.
– Jesus betete, dass seine Jünger eins seien als Menschen, auf persönlicher Ebene. Aber die ökumenischen Anstrengungen konzentrieren sich auf Institutionen und Organisationen, auf die „gegenseitige Anerkennung“ zwischen den verschiedenen Konfessionen, und dass die Christen sich den Leitern der jeweiligen konfessionellen Organisationen unterstellen.
– Jesus betete um eine Einheit „in uns“, d.h. im Vater und im Sohn. Damit die Jünger eins sein können, ist es zuallererst notwendig, dass jeder einzelne Jünger „in Jesus“ ist; dass er sich mit Jesus identifiziert und in einer reinen Beziehung zu ihm lebt. Aber die Ökumene schenkt der persönlichen Beziehung zu Jesus sehr wenig Beachtung, oder versteht sie lediglich in einem sakramentalen Sinn (getauft sein und am Abendmahl teilnehmen).

Das Neue Testament spricht nicht nur von Einheit; es spricht auch von der Notwendigkeit der Absonderung:

„… dass ihr nicht mit jemandem Gemeinschaft haben sollt, der sich Bruder nennen lässt, aber ein Unzüchtiger ist oder Habsüchtiger oder Götzendiener oder Lästerer oder Trinker oder Dieb; mit einem solchen esst auch nicht zusammen.“ (1,Korinther 5,11).
„Werdet nicht Jochgenossen mit Ungläubigen. Denn wie können die Gerechten an der Gesetzlosigkeit teilnehmen? Oder wie kann das Licht mit der Finsternis Gemeinschaft haben? Und wie können der Christus und Beliar übereinstimmen? Oder wie kann der Gläubige etwas mit dem Ungläubigen gemeinsam haben? Und wie kann der Tempel Gottes mit den Götzen übereinstimmen? (…) Deshalb ‚geht hinaus aus ihrer Mitte und sondert euch ab, spricht der Herr‘, und ‚rührt das Unreine nicht an; so werde ich euch aufnehmen‘. „ (2.Korinther 6,14-17)

Täuschen wir uns nicht. In der gegenwärtigen Situation sind viele Mitglieder und Leiter von Kirchen (möglicherweise die Mehrheit) „Unzüchtige“ oder „Habsüchtige“ oder „Ungläubige“ oder „Diebe“ oder Lügner… oder sie zeigen auf irgendeine andere Weise mit ihrem Leben und mit ihren Überzeugungen, dass sie keine echten Nachfolger des Herrn Jesus sind. Diese sind in Jesu Gebet um Einheit nicht eingeschlossen. Im Gegenteil, das Wort Gottes sagt, dass ein echter Christ sich von solchen absondern soll, die sich „Christen“ nennen oder Kirchenmitglieder sind, aber mit ihrem Leben oder ihren Lehren zeigen, dass sie nicht zum Herrn gehören.

Auch viele evangelikale Kirchen, die sich nicht als ökumenisch identifizieren, haben dennoch viele Aspekte der ökumenischen Idee von „Einheit“ übernommen: Sie sehen und suchen die „Einheit“ auf institutioneller Ebene, innerhalb mittels der Anpassung an die spezielle Tradition der eigenen Konfession oder Denomination, und ausserhalb mittels Vereinbarungen und „gemeinsamen Anlässen“ mit anderen Denominationen. Viele leben in der Illusion, alle Mitglieder der eigenen Organisation seien echte Christen. Einige glauben zusätzlich, alle Mitglieder anderer Denominationen seien im Irrtum. All das führt dazu, dass man sich zu „Jochgenossen“ mit Ungläubigen macht, und gleichzeitig die Gemeinschaft mit echten Christen in anderen Denominationen ablehnt. Sie vergessen das Zentrum der christlichen Einheit, nämlich Jesus selber.

Die neutestamentlichen Kriterien für Einheit sind klar: Ein echter Nachfolger Jesu befindet sich in Einheit mit allen anderen echten Nachfolgern Jesu, unabhängig davon, zu was für einer religiösen Organisation sie zugehören oder nicht zugehören. Und er sondert sich ab von jenen, die Jesus nicht wahrhaftig nachfolgen, auch wenn es Mitglieder seiner eigenen Organisation sind.
Christliche Einheit ist nicht die gemeinsame Mitgliedschaft in einer Institution. Sie ist nicht die Übereinstimmung mit einem bestimmten Glaubensbekenntnis. Sie ist nicht die Anerkennung eines Reglements oder einer Vereinbarung zwischen verschiedenen Institutionen. Die christliche Einheit wird am besten ausgedrückt durch das griechische Wort „koinonía“ (davon werden wir sprechen, wenn wir zur Apostelgeschichte kommen), oder auch „der Leib Christi“ (das ist der Ausdruck, den Paulus verwendet).

Jesus sagte, das Ergebnis der wahren christlichen Einheit werde darin bestehen, dass „die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ Die ökumenischen, institutionellen oder denominationellen Formen von Einheit bringen nicht dieses Ergebnis hervor. Sie bewirken nur, dass die Welt die Christen als eine Art weltlichen Verein oder politische Lobby wahrnimmt; aber sie kann nicht den Herrn in ihnen sehen. Wo dagegen eine echte Einheit herrscht, die auf dem Herrn selber beruht und auf Heiligkeit – und sei es auch nur eine einzige Familie, die diese Einheit lebt -, da nimmt die Welt das Licht des Evangeliums wahr. Da ist es, wo die Welt sieht, dass etwas „anders“ ist, etwas Übernatürliches; etwas, was die Welt nicht kennt. Dieses „Etwas“ ist die Gegenwart des Herrn.

Was für eine Vorstellung von Einheit hast du? Was für eine Vorstellung hat die Gemeinde, der du zugehörst? Eine ökumenische, institutionelle, denominationelle Vorstellung; oder die Vorstellung von dem, was Jesus gesagt hat?

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 17 (2.Teil)

13. Februar 2017

In der Welt, aber nicht von der Welt

In der Fortsetzung betet Jesus für die Beziehung der Seinen zur Welt. Er beginnt: „Die Welt hat sie gehasst“ (Vers 14). Es ist kein Ziel der neutestamentlichen Gemeinde, von der Welt akzeptiert oder gar bewundert zu werden. Wenn eine Kirche in der Welt berühmt ist und von ihr hoch gelobt wird, dann ist das nicht unbedingt ein Zeichen, dass Gott dahintersteht. Im Gegenteil, Jesus sagte: „Selig seid ihr, wenn die Menschen euch hassen und euch ausstossen und beleidigen und euren Namen als böse verwerfen um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tag und hüpft, denn seht, ihr werdet einen grossen Lohn im Himmel haben. Denn so taten ihre Vorfahren den Propheten. (…) Wehe, wenn alle Menschen gut von euch reden! Denn genauso taten ihre Vorfahren den falschen Propheten.“ (Lukas 6,22-23.26)
Und nicht nur das. Jesus sagte, dass auch die religiösen Organisationen, also die Kirchen, die wahren Christen hassen würden: „Sie werden euch aus den Synagogen ausstossen; und es kommt sogar die Stunde, wo jeder, der euch tötet, denken wird, er tue Gott einen Dienst. Und das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich kennen.“ (Johannes 16,2) – Denken wir nicht, damit seien nur die jüdischen Synagogen gemeint. Heute haben sich die traditionellen christlichen Kirchen an die Stelle der Synagogen gesetzt; und ihre Pastoren nehmen den Platz der damaligen Priester, Schriftgelehrten und Pharisäer ein. Tatsächlich haben die offiziellen Kirchen im Lauf der Geschichte viele wahre Christen verfolgt und getötet. Die römische Kirche verfolgte während mancher Jahrhunderte auf brutale Weise die Waldenser, die Reformierten, die Evangelischen, und andere ernsthafte Christen. Die reformierten Kirchen verfolgten ihrerseits die Täufer, die Quäker, die Puritaner, und die Methodisten. Viele Verfolger dachten, diese „Ketzer“ zu verfolgen und zu töten sei ein Dienst für Gott. Wundern wir uns nicht, wenn in naher Zukunft auch die evangelikalen Kirchen anfangen, echte Christen zu verfolgen. Sympathisanten des ökumenischen Weltkirchenrats (an den sich die Evangelikalen immer mehr annähern) haben es bereits getan.

Tatsächlich sind die echten Christen „nicht von der Welt“ (Verse 14 und 16), so wie auch Jesus nicht von der Welt war. Und das schliesst die religiöse Welt mit ein, die Kirchen, deren Mitglieder sich „Christen“ nennen, ohne wiedergeboren zu sein.

Jedes Mal, wenn eine Gruppe von Christen ein gewisses Mass an Einfluss und Ansehen erreichte, kamen sie in Versuchung, sich der Welt anzupassen. Sie begannen, sich ähnlich wie die Welt zu verhalten, um nicht verachtet zu werden. Ihre Leiter begannen, die Sünde zu tolerieren, um den reichen Mitgliedern und den weltlichen Herrschern zu gefallen. So wurde die betreffende Gruppe durch einen allmählichen Prozess zu einem Teil der Welt; und der Herr musste wieder neue Nachfolger berufen, die „nicht von der Welt“ waren.

Als Reaktion auf diese Situation können einige in die entgegengesetzte Versuchung fallen, sich völlig aus der Welt zurückzuziehen. So entstand die Idee der Klöster, christlichen Internate, und anderer Formen von geschlossenen Gemeinschaften und Versuchen, eine Art „Neues Jerusalem“ auf dieser Erde zu errichten. Aber Jesus bittet den Vater, dies für seine echten Nachfolger nicht zuzulassen: „Ich bitte nicht, dass du sie von der Welt wegnimmst“ (Vers 15). Das wäre nicht gut für die Welt, denn die Welt braucht die Christen als „Salz“ in ihrer Mitte. Und es wäre auch nicht gut für die Christen; denn ein Jünger des Herrn braucht die Herausforderungen der umgebenden Welt, um geistlich wach zu bleiben. Deshalb hat der Herr oft zugelassen, dass solche geschlossenen Gemeinschaften zu wahren Brutstätten der Sünde, der Intrige und Skandalen wurden, um ihren Mitgliedern zu zeigen, dass das nicht der richtige Weg ist.

Stattdessen betet Jesus: „sondern behüte sie vor dem Bösen.“ (Vers 15). Die Jünger Jesu sollen „in der Welt“ leben, „aber nicht von der Welt“; äusserlich mitten in der Welt, aber innerlich abgeschieden von ihr. Deshalb haben sie es so sehr nötig, vor dem Bösen in der Welt behütet zu werden, und das in doppeltem Sinn: Sie müssen behütet werden vor der Bosheit der Welt, welche die echten Christen angreift, verfolgt und misshandelt, damit sie auch in den widrigsten Umständen den Glauben bewahren und dem Herrn treu bleiben. Aber sie müssen auch vor der Bosheit bewahrt werden, die sich in ihr eigenes Leben einschleichen will, und die sie dazu verführen möchte, so wie die Welt zu werden. In beiden Bereichen ist die wahre Gemeinde des Herrn schutzbedürftig. Wie gut zu wissen, dass Jesus bereits dafür gebetet hat! Die wahre Gemeinde muss nicht zu menschlichen Kunstgriffen Zuflucht nehmen, zu Menschengeboten, zu einer „geistlichen Abdeckung“ durch eine „Leiterschaft“, oder zur phyischen Weltflucht. Nicht solche Dinge sind es, welche die Gemeinde behüten; der Herr selber tut es.

Schliesslich stellt Jesus klar, in welcher Beziehung seine Gemeinde zur Welt steht: „Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe ich sie in die Welt gesandt.“ (Vers 18). Die Jünger Jesu haben in dieser Welt eine Mission zu erfüllen. Nicht nur sollen sie in der Welt leben, ohne von der Bosheit der Welt beeinflusst zu werden; sondern sie sollen auch ein „Licht“ sein, damit die Welt Jesus kennenlernen kann durch ihr Leben und ihr Wort. (Siehe Matthäus 5,13-16). Für jeden Jünger Jesu gilt dasselbe Wort, das Gott zu Jeremia sprach: „Sie sollen zu dir umkehren, aber du sollst nicht zu ihnen umkehren!“ (Jeremia 15,9).

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 17 – Teil 1

4. Februar 2017

Jesus betet für seine Gemeinde

Dieses Kapitel, Johannes 17, ist eine weitere hilfreiche Stelle zu einem richtigen Verständnis der neutestamentlichen Gemeinde, auch wenn das Wort „Gemeinde“ hier nicht vorkommt. Aber Jesus betet für seine Jünger, und „für jene, die durch ihr Wort an mich glauben werden“ (Vers 20). Und wir haben bereits gesehen, dass genau das die Gemeinde ist: die Gemeinschaft jener, die an Jesus glauben.

Wenn wir gut hinsehen, sehen wir allerdings, dass Jesus in den ersten fünf Versen für sich selber betet: „Verherrliche deinen Sohn, damit auch dein Sohn dich verherrliche…“ (Vers 1). Ist das nicht ein eigensüchtiges Gebet? – Das wäre es tatsächlich, wenn es aus dem Munde eines gewöhnlichen Menschen käme. Aber nicht, wenn es der Sohn Gottes ausspricht, denn ihm gebührt es, den ersten Platz einzunehmen. Wenn Gott nicht verherrlicht würde (durch seinen Sohn), dann würde er aufhören, Gott zu sein, und damit würde die ganze Grundlage der Gemeinde (und des Universums überhaupt) zerstört. Deshalb sollte es im allerhöchsten Interesse der Gemeinde liegen, dass Gott verherrlicht wird.
Das ist eine weitere jener grundlegenden Wahrheiten, die vielen Christen allzu wohlbekannt ist, sodass sie meinen, sie müssten nicht weiter darüber nachdenken. Aber ich lade dich ein, einige Momente innezuhalten und nachzudenken: Verherrlicht deine Gemeinde Gott? Ist die Lebenspraxis dieser Gemeinde so, dass Gott in allem an erster Stelle steht?
Einige Kirchen setzen an die erste Stelle die persönliche Errettung ihrer Mitglieder – oder sogar irdische Dinge wie ihr persönliches Wohlergehen, ihre körperliche Gesundheit, ihr finanzielles Wohlergehen, ihr „Vorwärtskommen“ (in welchem Sinn auch immer), ihr persönliches Glück. Das sind lauter Dinge, die „die Heiden suchen“, während Gott den Seinen verspricht, ihnen diese Dinge als Zugabe zu geben, wenn sie zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit suchen (Matthäus 6,32-33). Die christliche Gemeinde ist nicht eine Institution zur persönlichen Errettung oder zum persönlichen Wohlergehen. Sie ist dazu da, Gott zu verherrlichen und in der Welt sein Reich zu repräsentieren, d.h. seine Herrschaft und seinen Willen.
Andere Kirchen setzen die Kirche selber an die erste Stelle. Ja, sie sprechen vom Herrn, aber ihr oberstes Ziel ist das Wachstum und der Einfluss der eigenen Organisation. Sie sprechen davon, „dem Herrn zu dienen“, aber in Wirklichkeit meinen sie damit, „unserer Organisation zu dienen“. Sie sprechen davon, „Menschen zu Jesus zu führen“, aber in Wirklichkeit meinen sie „Menschen in unsere Versammlungen zu bringen“. Sie sprechen sogar davon, „dem Herrn zu opfern“, wenn sie in Wirklichkeit meinen, „für die Leiter unserer Organisation zu spenden“. Auch die Gemeinde selber kann zu einem Götzen werden, wenn wir nicht sehr sorgfältig darauf achten, dass der Herr wirklich den ersten Platz einnimmt.

Von Gott „gegebene“ Menschen

Jesus bezeichnet seine Jünger als „die Menschen, die du mir aus der Welt gegeben hast … und sie haben dein Wort gehalten“ (Vers 6). Kurz zuvor hatte er ihnen gesagt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“ (Johannes 15,16). Die neutestamentliche Gemeinde besteht nicht aus Menschen, die irgendwann einmal die Idee hatten, „eine Gemeinde zu gründen“. Sie besteht aus Menschen, die von Gott erwählt und berufen wurden, und die auf seinen Ruf reagierten. Gott „gab“ sie seinem Sohn Jesus als Eigentum. Die Gemeinde gehört nicht sich selbst; und die Mitglieder gehören nicht den Gemeindeleitern. Die wahre Gemeinde, mit allen ihren Mitgliedern, gehört Jesus.
Es ist gut zu wissen, dass Gott es übernommen hat, die Seinen zu bewahren und zu behüten. „Als ich mit ihnen in der Welt war, behütete ich sie in deinem Namen …“ (Vers 12). „Heiliger Vater, die, die du mir gegeben hast, behüte sie in deinem Namen …“ (Vers 11). Er tut dies viel besser, als es irgendein menschlicher Leiter tun könnte. Jesus selber ist höchst interessiert daran, sein Eigentum gut zu behüten, und dass die Seinen immer bei ihm sind: „Vater, ich will, dass jene, die du mir gegeben hast, auch bei mir sind, wo immer ich bin …“ (Vers 24).

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 10 (4.Teil)

26. Januar 2017

Der Gute Hirte und die bösen Hirten im Alten Testament

Jesus sprach zu Juden, die das Alte Testament gut kannten. Als er begann, über den „Guten Hirten“ zu sprechen, mussten sie sich sofort an die alttestamentlichen Verheissungen eines „Guten Hirten“ erinnert haben, und besonders an das Kapitel 34 im Buch Ezechiel. Dieses Kapitel beginnt mit einer Zurechtweisung der bösen Hirten Israels:

„Wehe den Hirten Israels, die sich selber weiden! Sollen nicht die Hirten die Herde weiden? Ihr trinkt die Milch und kleidet euch mit der Wolle; die Fetten schlachtet ihr, aber ihr weidet die Schafe nicht. Ihr habt die Schwachen nicht gestärkt und die Kranken nicht gepflegt; ihr habt das Gebrochene nicht verbunden, die Versprengten nicht zurückgebracht und die Verlorenen nicht gesucht; sondern ihr habt sie geknechtet mit Härte und Gewalt …“ (Ezechiel 34,2-4)

Danach muss der Prophet das Gericht Gottes über die bösen Hirten verkünden:

„So hat Gott der Herr gesagt: Siehe, ich bin gegen die Hirten; und ich werde meine Schafe aus ihrer Hand zurückfordern, und ich werde sie nicht länger die Schafe weiden lassen; und auch die Hirten werden nicht länger sich selber weiden; denn ich werde meine Schafe aus ihrem Rachen reissen, und sie werden ihnen nicht länger zum Frass sein. Denn so hat Gott der Herr gesagt: Siehe, ich selber werde meine Schafe zurückfordern, und werde mich um sie kümmern.“ (Ezechiel 34,10-11)

Dann sagt Gott, dass er selber die Verantwortung eines Guten Hirten übernehmen wird:

„Auf guter Weide werde ich sie weiden, und auf den hohen Bergen Israels wird ihre Schafhürde sein: dort werden sie in einer guten Hürde ruhen, und auf fetten Weiden werden sie geweidet werden auf den Bergen Israels. (…) Ich werde die Verlorenen suchen und die Versprengten zurückbringen, und das Gebrochene verbinden und die Kranken pflegen (…)“ (Ezechiel 34,14-16)

Schliesslich verspricht Gott, dass er einen Guten Hirten über Israel setzen wird:

„Und ich werde über sie einen Hirten erwecken, und er wird sie weiden, meinen Diener David: er wird sie weiden, und er wird ihr Hirte sein. Ich, der Herr, werde ihr Gott sein, und mein Diener David Fürst mitten unter ihnen. Ich, der Herr, habe gesprochen.“ (Ezechiel 34,23-24)

Das ist eindeutig eine Prophetie auf Jesus hin, den „Sohn Davids“. Als Jesus sich selber als den Guten Hirten beschrieb, gab er zu verstehen, dass er gekommen war, um diese Prophetie Ezechiels zu erfüllen. Die Zeit war zu Ende gegangen, wo die religiösen Leiter nach Gutdünken regieren und das Volk knechten konnten. Jesus würde seine Schafe aus der Gewalt dieser Leiter befreien, und er selber würde sie weiden.

Vor diesem Hintergrund verstehen wir, dass nach dem Willen des Guten Hirten die christliche Gemeinde nie wieder unter die Gewalt anderer „Pastoren“ („Hirten“) oder Priester zurückkehren sollte. Wenn sie es trotzdem getan hat, so geschah das entgegen dem Willen des Guten Hirten. Aller Missbrauch, den Christen während all der Jahrhunderte erleiden mussten und noch erleiden müssen unter „Pastoren“, Priestern, und dem Papsttum, ist Konsequenz dieses Ungehorsams: Die Schafe Jesu hörten auf, Jesus den Herrn als ihren einzigen Guten Hirten anzuerkennen, und begaben sich wiederum unter die Herrschaft anderer Schafe (oder sogar von Wölfen in Schafskleidern). Aber das Wort Gottes bleibt weiterhin gültig: „Ich werde meine Schafe aus ihrem Rachen reissen!“

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 10 (3.Teil)

11. Januar 2017

Der Gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe.

Manchmal gehen wir sehr schnell über grundlegende Wahrheiten des christlichen Glaubens hinweg, weil sie uns so wohlbekannt sind: „Ja, natürlich, ich weiss, dass Jesus sein Leben gegeben hat für mich.“ Aber sehen wir uns einige der Konsequenzen an, die sich daraus ergeben.

Als Jesus sein Leben hingab, bezahlte er den Preis, um die Schafe als sein Eigentum zu erwerben. „Er gab sich selbst für uns, um uns von aller Gesetzlosigkeit loszukaufen, und um für sich selber ein besonderes Eigentumsvolk zu reinigen, ein Volk, das guten Werken nacheifert.“ (Titus 2,14). Ein echter Christ, der von Jesus losgekauft wurde, weiss, dass er ihm sein ganzes Leben schuldet. Somit wird er kein anderes Lebensziel haben, als dem Herrn zu gefallen. Er wird sein Leben nicht in einen „religiösen Bereich“ und einen „weltlichen Bereich“ aufteilen, sodass er im „religiösen Bereich“ für den Herrn leben würde und im „weltlichen Bereich“ nach seinem eigenen Gutdünken und nach den Massstäben dieser Welt. Nein, ein echter Christ weiss, dass auch sein Familienleben, seine Arbeit, sein Geld, seine Freizeit, seine Freundschaften … – dass all das Eigentum des Herrn ist, weil er es mit seinem eigenen Blut erkauft hat. Deshalb sucht ein Christ immer den Willen des Guten Hirten in allen Angelegenheiten seines Lebens.

Jesus macht einen Vergleich mit dem „Angestellten“ oder „Mietling“:
„Aber der Angestellte, der nicht der Hirte ist, und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht; und der Wolf reisst die Schafe fort und zerstreut sie. Der Angestellte flieht also, weil er Angestellter ist und ihn die Schafe nicht kümmern.“ (Johannes 10,12-13)

Worin besteht der Unterschied zwischen dem Guten Hirten und dem Angestellten? – Einmal verrichtet der Angestellte seine Arbeit um Lohn, nicht aus Liebe zu den Schafen. Das ist tatsächlich ein Problem in einigen Kirchen: sie werden geleitet von Menschen „verdorbenen Sinnes, und die die Wahrheit nicht haben, die denken, die Gottesfurcht sei ein Mittel, um Geld zu gewinnen.“ (1.Timotheus 6,5)
– Aber auch wenn das nicht sein Beweggrund ist, und auch wenn der „Angestellte“ keinen Lohn erhielte, so bleibt doch ein grundlegender Unterschied: Die Schafe gehören ihm nicht. Kein Gemeindeleiter, „Pastor“, „Bischof“, „Apostel“, oder was auch immer seine Position oder sein Titel sei, keiner von ihnen hat sein Leben gegeben, um die Schafe loszukaufen. Deshalb kann keiner von ihnen ein Eigentumsrecht über die Schafe des Herrn beanspruchen. Somit können sie auch kein Recht beanspruchen, den Schafen zu befehlen, was sie tun sollen, über das hinaus, was der Herr selber geboten hat.

Aber wenn der Wolf die Schafe fortreisst, dann ist das nicht nur die Schuld des Angestellten. Die Schafe sind mitschuldig, weil sie sich von der falschen Person abhängig gemacht haben. Jesus sagte diese Worte in erster Linie als Warnung an die Schafe: Setzt euer Vertrauen nicht in einen Angestellten! Denkt nicht, dass er euch vor dem Wolf beschützen wird! Solange alles ruhig ist, kann der Angestellte den Anschein geben, er sei der Gute Hirte; er kann euch auf die Weide und wieder nach Hause führen; aber wenn es gefährlich wird, dann wird der Angestellte euch im Stich lassen. Setzt euer Vertrauen in den Guten Hirten, der euch zum Preis seines eigenen Lebens erkauft hat!

Und dennoch erwartet der Herr auch, dass ein Christ dazu bereit sei, für einen anderen Christen sein Leben zu geben: „Daran haben wir die Liebe erkannt, dass er sein Leben für uns gegeben hat; auch wir sollen unsere Leben geben für die Brüder.“ (1.Johannes 3,16). In extremen Not- oder Verfolgungssituationen mag das notwendig sein. Auch in weniger extremen Situationen mag es notwendig sein, dass ein Christ sein Geld, seine Zeit, seine Kraft einsetzt, um anderen zu helfen. Und besonders die „Leiter“ sind dazu berufen, zu dienen und dem Beispiel des Herrn zu folgen.
Aber solche Beispiele der Hingabe des eigenen Lebens (oder eines kleinen Teils des Lebens) für die Geschwister sind niemals vergleichbar mit dem, was Jesus für uns getan hat. Niemand von uns, auch wenn er sein eigenes Leben dafür gäbe, könnte jemanden für die Ewigkeit loskaufen. Wenn in einer Ausnahmesituation ein Christ in der Lage ist, sein Leben zu geben für einen anderen, dann kann er das nur tun, weil Jesus es zuerst tat. In solchen Situationen der äussersten Hingabe zeigt sich umso deutlicher, dass ein Christ Eigentum des Herrn ist mit allem, was er ist und hat, und dass wir „getrennt von ihm nichts tun können“ (siehe Johannes 15,5).

Der Islam – Geissel einer abgefallenen Christenheit?

3. Januar 2017

Ein einschneidendes, aber wenig bekanntes Datum aus der Kirchengeschichte ist die Synode von Whitby, 664. Dort wurde beschlossen, die keltische Kirche mit der angelsächsischen zu vereinigen; was bedeutete, sie dem Papst unterzuordnen. Damit verschwand die letzte von Rom unabhängige christliche Gemeinschaft in Europa, und der Papst wurde zum unumschränkten Herrscher. (Nur in Irland konnten die Kelten faktisch noch eine gewisse Unabhängigkeit behaupten.)

Das geschah natürlich nicht einfach so aus heiterem Himmel. Die keltische Christenheit muss sich bereits in einer Etappe geistlicher Abkühlung befunden haben. Die grosse Zeit der irischen Wanderprediger (wie z.B. Columbanus) ging zur Neige. Es entstand eine „ökumenische Bewegung“, welche die Vereinigung mit dem römischen Katholizismus befürwortete. Ein modernes Kirchengeschichtsbuch beschreibt diesen Vorgang beschönigend so: „Gegen Ende des 7.Jh. erwuchs eine Generation von Kirchenführern, die die Ordnung und Autorität Roms mit dem Gefühls- und Ideenreichtum des keltischen Christentums zu vereinigen wussten. Aidan von Lindisfarne (…) übernahm zusammen mit einigen Angelsachsen, darunter Wilfrid von York, die Führung bei der Überwindung von Heidentum und Rassenhass. Mit königlicher Unterstützung durch König Oswald von Northumbrien gelang das Unternehmen. Die Synode von Whitby beschloss 664 die Einigung der keltischen und der katholischen Kirche in England.“

Philip Schaff, ein Kirchenhistoriker des 19.Jh, beschreibt jedoch die Geschichte etwas anders:

„Der Streit zwischen dem angelsächsischen (römischen) und dem britischen (keltischen) Ritus flammte in der Mitte des 7.Jh. neu auf, endete aber mit dem Sieg des ersteren in England. (…) Die Kontroverse wurde in einer Synode in Whitby 664 entschieden, in Gegenwart von König Oswy (Oswald) und seinem Sohn Alfrid. Colman, der zweite Nachfolger Aidans, verteidigte den schottischen Ostertermin mit der Autorität von St.Columba und des Apostels Johannes. Wilfrid begründete den römischen Brauch mit der Autorität des Petrus (…) Als er erwähnte, Petrus seien die Schlüssel des Himmelreiches anvertraut, sagte der König: ‚Ich will dem Türhüter nicht widersprechen, damit nicht, wenn ich zur Himmelstür komme, niemand da ist, um mir zu öffnen.‘ Mit diesem unwiderstehlichen Argument war die Opposition gebrochen, und die Konformität mit den römischen Gebräuchen hergestellt. (…) Colman, schwer getroffen, kehrte mit seinen Anhängern nach Schottland zurück. (…) Tuda wurde an seiner Stelle zum Bischof ernannt.
Wenig später wütete eine schreckliche Pest durch England und Irland, während Kaledonien (Nordschottland) verschont blieb …“

Schaff sagt auch:

„Es ist bemerkenswert, dass die missionarische Aktivität der irischen Kirche sich auf die Zeit ihrer Unabhängigkeit von der römischen Kirche beschränkt.“

Nach 700 zeigten sich die Auswirkungen auch auf dem kontinentalen Europa. Der Angelsachse Bonifatius bemühte sich eifrig und mit Erfolg, im heutigen Deutschland die Herrschaft Roms über jene Gebiete zu festigen, die zuvor von den unabhängigen Iren missioniert worden waren.

Ist es Zufall, dass diese Vorgänge zeitlich in die Epoche der schnellsten Ausbreitung des Islam fielen? Im Todesjahr Mohammeds (632) war die arabische Halbinsel islamisch. 642 begannen die Vorstösse der arabischen Sarazenen nach Nordafrika. Ab 670 begann die Eroberung des westlichen Nordafrika (heutiges Algerien und Marokko); 711 setzten sie nach Europa über.

– Machen wir einen grossen Sprung nach vorne. Vom 14.Jahrhundert an sah sich Europa wiederum bedroht durch den Islam; diesmal in Form des Osmanischen Reiches, welches von der Türkei her über den Balkan nach Westen vorstiess. Bekanntestes Datum aus jener Epoche dürfte der Fall Konstantinopels sein (1453). Aber schon um 1400 stand die Stadt Konstantinopel nur noch wie eine Insel inmitten des Osmanischen Reiches, welches die ganze Osthälfte der Balkanhalbinsel beherrschte. Im 15.Jh. nahmen sie weitere Gebiete ein.

Auch diese Epoche islamischer Ausbreitung fällt zusammen mit einer Epoche grosser politischer Macht, und zugleich Verweltlichung, der sogenannten Christenheit und des Papsttums. Es ging jetzt zwar nicht mehr um territoriale Ausweitungen des römisch-katholischen Herrschaftsgebiets, aber um die Macht des Papstes über den Kaiser. 1302 erklärte Papst Bonifatius VIII, der römische Papst habe das von Gott gegebene Recht, nicht nur die kirchliche, sondern auch die weltlich-politische Herrschaft über die ganze Welt auszuüben. (Das ist bis heute ein verbindliches römisch-katholisches Dogma, denn die Bulle „Unam Sanctam“, welche diese Erklärung enthält, ist nie widerrufen worden, und gilt nach römischer Lehre als „unfehlbar“.)
Während der darauffolgenden Zeit verfiel zwar die politische Macht des Papsttums ein wenig aufgrund interner Intrigen. Aber noch 1493 fühlten sich die Päpste wie selbstverständlich als Weltherrscher, sodass Alexander VI sich anmasste, in einer offiziellen Bulle dem spanischen Königspaar und dessen Nachfolgern „für alle Zeiten“ die Herrschafts- und Eigentumsrechte am ganzen neu entdeckten amerikanischen Kontinent jenseits eines bestimmten Längengrades zuzusprechen, unter der Bedingung, dass sie die Einwohner aller dieser Länder zu Katholiken machten. (Auch dieses Dekret ist trotz verschiedener Vorstösse von Vertretern amerikanischer Ureinwohner bis heute nicht widerrufen worden.)
Was die „Ökumene“ betrifft, so war die römische Kirche in jener Epoche so mächtig, dass sie es nicht mehr für nötig hielt, diese Frage auf dem Verhandlungsweg anzugehen. Die Albigenser wurden auf brutalste Weise ausgerottet; die Waldenser in versteckte Winkel in den italienischen Alpen zurückgetrieben; die Anhänger Wycliffs verfolgt; Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz verbrannt. Nur mit der „orthodoxen“ Kirche des Ostens versuchte man noch auf diplomatischem Weg zu einer Einigung zu gelangen, mittels Verhandlungen mit dem Kaiser von Konstantinopel. 1439 unterzeichnete dieser ein Dekret zur Wiedervereinigung mit Rom, das aber erst 1452 veröffentlicht wurde. Ein Jahr später gab es in Konstantinopel keinen Kaiser mehr.

– Und wie sieht es heute aus? Wiederum sehen wir einen erschreckenden Niedergang der geistlichen Substanz in der sogenannten Christenheit. In den ehemaligen Reformationskirchen behaupten führende Theologen schon seit über hundert Jahren, die Bibel sei gefälscht, Jesus sei nicht leiblich vom Tod auferstanden, und die Grundsätze biblischer Ethik seien heute nicht mehr gültig. Weite Kreise in diesen Kirchen unterstützen jetzt antichristliche Strömungen wie z.B. den Marxismus, die „Gender“-Ideologie, oder den Islam (!). Sie agieren weltlich-politisch, interessieren sich aber nicht für eine geistliche Umkehr oder für Gottes Gebote. Eher neu ist jedoch, dass jetzt auch die evangelikalen Freikirchen weithin in diesen bibelkritischen, antichristlichen und weltlich-politischen Strömungen mitschwimmen.
Gleichzeitig sehen wir, wie sich die genannten Kirchen zunehmend an Rom annähern. Das Jahr 2017 könnte in dieser Hinsicht eine ähnliche kirchengeschichtliche Bedeutung erhalten wie Whitby 664. Auch das geschieht natürlich nicht erst seit gestern: schon jahrzehntelang laufen Vorbereitungen für die von den höchsten Leitern geplante „Wiedervereinigung“.

Und auch diese Epoche der Verweltlichung und zugleich Ökumenisierung fällt zusammen mit einer neuerlichen Ausbreitung des Islam. Ist es Zufall, dass radikale Islamisten ihre Anhänger dazu aufgerufen haben, gerade in diesem Jahr 2017 ihre Angriffe auf europäische Ziele massiv zu verstärken?
Auch in unserer Zeit ist aber die Ausbreitung des Islam nicht ein punktuelles Ereignis, sondern eine Entwicklung, die schon mehrere Jahrzehnte andauert und sicher noch weiter andauern wird. Diese zunehmende Islamisierung und Radikalisierung hat ja nicht erst mit dem IS begonnen, sondern reicht mindestens bis in die 70er-Jahre zurück: „Ölschock“ 1973; persische Revolution 1979; Bewaffnung radikaler Islamisten durch die USA in Afghanistan ab 1980 – eine Politik übrigens, welche die USA seither im Nahen Osten konsequent weiter verfolgt haben, und die ihr Gerede vom „Krieg gegen den Terrorismus“ Lügen straft…

– Soweit meine Beobachtungen. Was schliesse ich daraus?

Zuerst und vor allem gehe ich davon aus, dass Gott allmächtig ist, und dass er Herr ist über die Weltgeschichte. Auch wenn wir von unserer irdischen Warte aus oft keinen Sinn sehen können in der Geschichte, so bin ich doch überzeugt, dass aus Gottes Perspektive alles Sinn macht. Und wenn Gott allmächtig ist, dann muss auch der Islam ein Werkzeug in seiner Hand sein, und muss letztendlich seinen Zielen dienen.

Was für Ziele könnten das sein? Da kann ich nur spekulieren; aber ich denke, einiges ist doch ziemlich klar ersichtlich.

1. Wenn die sogenannte Christenheit ihren Auftrag derart verfehlt, dass sie sich in ihren Entscheidungen und Werturteilen nach weltlichen Massstäben richtet und weltlich-politische Macht anstrebt, statt das Reich Gottes zu suchen, dann setzt Gott diesen Bestrebungen ein militärisches Gegengewicht entgegen. Er lässt es (noch) nicht zu, dass eine scheinchristliche Weltmacht die totale Kontrolle übernimmt. Hätte sich das Papsttum vom 14. bis zum 17. Jahrhundert nicht immer wieder gegen die Türken wehren müssen, dann hätte es seine Kräfte noch stärker darauf konzentriert, jene Bewegungen völlig auszulöschen, die wieder zu einem biblischen Christentum zurückkehren wollten.

2. Gott möchte, dass auch die Moslems Jesus kennenlernen und durch ihn erlöst werden. Das ist eher möglich, wenn er sie aus ihren islamischen Ländern herausholt. Doch denke ich, wenn dies das Motiv ist, dann wird er sie eher ins südlichere Afrika schicken, wo es noch mehr echte Christen gibt, und wo die Versuchung einer Scheinbekehrung zur materiellen Bereicherung nicht so gross ist wie in Europa.

3. Eine vom Glauben abgefallene Christenheit lädt zur Islamisierung ein. Damit meine ich nicht in erster Linie die direkten Einladungen, die von europäischen Politikern an islamische Immigranten ausgesprochen worden sind. Ich meine vielmehr, dass der Glaubensabfall der sogenannten Christen Moslems dazu anspornt, diesen den Islam als rettende Alternative zu bringen.
Das muss ich vielleicht mit einigen Vergleichen und Beispielen klarmachen. Manche westlichen Hilfswerke werben mit Bildern von hungernden Kindern um Spenden und um freiwillige Mitarbeiter. Die Botschaft dahinter ist so ungefähr: „Diese Kinder hungern, weil sie die Segnungen der westlichen Zivilisation nicht haben, die du hast. Gib ihnen also etwas von dem, was du hast.“ – In früheren Zeiten hätte man vielleicht zusätzlich gesagt: „Die Leute in diesen Ländern sind arm, weil sie das Evangelium nicht haben. Wir müssen ihnen das Evangelium bringen.“ (Es ist heute in Europa nicht mehr zeitgemäss, so etwas zu sagen; aber Leser mit christlichem Hintergrund können vielleicht auch diese letztere Argumentation nachvollziehen.)
Was sehen nun Moslems, wenn sie nach Europa blicken? Natürlich sehen sie all den materiellen Reichtum; aber sie sehen noch etwas anderes: Sie sehen euch Europäer als geistlich Hungernde. „Sieh nur, wie krank Europa ist. Überall Pornographie; ihre Frauen laufen halbnackt auf den Strassen herum; Homosexuelle heiraten; Diebe werden nicht genügend hart bestraft; Gott darf öffentlich gelästert werden; die Leute beten nicht; sie lesen die heiligen Schriften nicht; … – Wir müssen ihnen den Islam bringen, damit sie aus ihrem unmoralischen und ungläubigen Zustand errettet werden!“ – Das dürfte das Motiv nicht weniger Moslems sein, die mit missionarischen und/oder kriegerischen Absichten nach Europa kommen. Das Schlimmste daran ist, dass viele dieser unmoralischen Europäer sich „Christen“ nennen. So reimt sich der Moslem die Gleichung zusammen: „Christ = unmoralisch“.
Ja, manche europäischen Länder sind in den letzten Jahren so weit gegangen, gewisse biblisch begründete Aussagen zu verbieten. Christliche Prediger haben Verfolgung erlitten, nur weil sie gewisse Dinge, die in der Bibel stehen, allzu deutlich gesagt haben. Also lässt Gott es jetzt zu, dass Europa mit moslemischen Predigern (und nicht nur Predigern) überschwemmt wird. Diese werden noch viel krassere Dinge sagen als die christlichen Prediger. Manches davon wird falsch, verzerrt oder völlig extrem sein; aber es werden auch Wahrheiten darunter sein – genau jene Wahrheiten, die man in Europa aus dem Munde christlicher Prediger nicht mehr hören will.

4. Damit komme ich zum unbequemsten Punkt: Gott ist nicht nur „gnädig“. Er straft auch, wo es nötig ist. Manche Begebenheiten aus dem Alten Testament zeigen, dass Gott als Werkzeuge dazu auswählt, wen er will – sogar barbarische, blutrünstige Herrscher, die nachher selber von Gott gerichtet werden müssen. Wer denkt, Gott würde heute nicht mehr in ähnlicher Weise handeln, der muss sich die Frage gefallen lassen: Was sollte Gott dann sonst tun? Sollte er das Böse einfach so lange gewähren lassen, bis im Endergebnis die schlimmsten Gräueltaten nicht mehr von den Heiden begangen werden, sondern von jenen, die sich „Christen“ nennen? – Tatsächlich hat Gott es ja im Mittelalter (und auch in jüngerer Vergangenheit!) öfters tatsächlich so weit kommen lassen; wodurch viel Schmach und Schande auf den Namen Jesu gebracht wurde. Aber irgendwann kommt ein Moment, wo Gott sagt: „Genug!“ Und dann schickt er z.B. die Türken (siehe Punkt 1).
Eine Person und auch eine Nation, die einmal Jesus gekannt hat und mit seinem Wort vertraut ist, hat in dieser Hinsicht eine viel grössere Verantwortung vor Gott als ein „Heide“. Gott straft denjenigen, „den er als Sohn annimmt“ (Hebräer 12,6; siehe auch Vers 8), um ihn zur Umkehr zu bringen (V.10-11). Wer einmal „des Heiligen Geistes teilhaftig geworden ist, das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Weltzeit geschmeckt hat“ (Hebräer 6,4-6), und dann auf diesen Ruf zur Umkehr nicht reagiert, sondern ganz abfällt, der ist vor Gott unvergleichlich viel schuldiger als jemand, der in Sünde lebt, weil er Jesus gar nie gekannt hat.
Ich glaube, dass sich diese Prinzipien in gewisser Weise auf ganze Nationen und Kulturkreise übertragen lassen. So wie Gott durch die Propheten oft das Volk Israel als Ganzes anspricht, als ob es eine einzige Person wäre, so spricht er heute auch zu Europa als Ganzes, oder zumindest zu den jeweiligen europäischen Nationen als Ganze. Die Botschaft ist unüberhörbar. Kein Kontinent der Erde hatte so viele Jahrhunderte lang das Vorrecht, die biblische Botschaft zu kennen. Kein Kontinent der Erde hat so viele Beweise von Gottes Güte erlebt wie Europa. Und kein Kontinent der Erde hat sich Gott gegenüber so undankbar und untreu gezeigt, im Vergleich zu den erhaltenen Segnungen. (Mit Ausnahme vielleicht der USA, die ja ursprünglich auch aus dem europäischen Kulturkreis hervorgegangen sind.) Wie laut muss Gott noch rufen, bis Europa zuhört?

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 10 (2.Teil)

19. Dezember 2016

Die Schafe folgen dem Guten Hirten.

Das Gleichnis in Johannes 10 betont die enge Vertrauensbeziehung zwischen den Schafen und dem Guten Hirten:
„Die Schafe hören seine Stimme, und er ruft seine eigenen Schafe, jedes mit Namen, und führt sie hinaus. Wenn er seine eigenen Schafe hinausgeführt hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, denn sie kennen seine Stimme.“ (Johannes 10,3-4)
„Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir …“ (Vers 27)

Hier in Perú (und möglicherweise auch in den anderen ehemaligen spanischen Kolonien) sind diese Worte noch schwieriger zu verstehen als in der europäischen Kultur. Peruanische Hirten gehen nicht vor ihren Schafen her. Sie gehen hinter ihnen und treiben sie vor sich her, so wie man es z.B. mit Kühen machen würde. Dieser kleine kulturelle Unterschied ist ein grosses Hindernis zum Verständnis des Evangeliums. Es macht einen grossen Unterschied in der Beziehung zwischen Hirte und Herde, ob der Hirte vor den Schafen hergeht oder hinter ihnen.

Wo der Hirte die Schafe vor sich hertreibt, besteht eine Beziehung der Überwachung und des gegenseitigen Misstrauens. Die Schafe haben niemanden, dem sie folgen können; sie müssen den Weg selber finden. Ausserdem fühlen sie sich ständig von hinten bedroht. Statt ihrem Hirten zu vertrauen, fürchten sie ihn. Der Hirte vertraut seinen Schafen ebensowenig: er muss sie antreiben, damit sie vorwärtsgehen, und er muss sie ständig überwachen, damit sie nicht vom Weg abkommen.
Das ist genau die Art von Beziehung, die in Perú seit der spanischen Eroberung herrscht zwischen Leitern und Geleiteten in der Gesellschaft, in der Politik, in der Arbeitswelt, und auch in den Kirchen: Antreiben und angetrieben werden; manipulieren, andere ausnützen, und ausgenützt werden. Auch in europäischen Kirchen habe ich diese Art kontrolliender, überwachender und manipulierender „Leiterschaft“ beobachten müssen. Aber wo diese Art von Beziehungen herrscht, da ist nicht neutestamentliche Gemeinde. Diese Beziehungen müssen vom Evangelium grundlegend verändert werden.

Wo der Hirte vor den Schafen hergeht, da sieht es ganz anders aus: Es herrscht eine gegenseitige Vertrauensbeziehung. Die Schafe vertrauen, dass der Hirte sie zu einem guten Ort führen wird, wo es zu essen gibt, und deshalb folgen sie ihm vertrauensvoll. Aber auch der Hirte vertraut seinen Schafen: er vertraut ihnen, dass sie ihm freiwillig folgen werden, und muss sie nicht ständig überwachen. – Ausserdem ist der Hirte derjenige, der als erster den Weg begeht. Wenn irgendwo ein gefährlicher Abgrund ist, eine kaputte Brücke, ein Sumpf, oder sonst ein Hindernis, dann ist der Hirte der erste, der der Gefahr begegnet und sie von den Schafen abwendet.
Das ist die Art von Beziehung, die wir mit dem Herrn Jesus haben können; und das ist auch die Art von Beziehung, die in einer echten christlichen Gemeinde zwischen „Leitern“ und anderen Christen besteht.

Wir stellen ausserdem fest, dass die Schafe immer dem Guten Hirten folgen, nicht einem anderen Schaf! In diesem Gleichnis muss jeder Älteste, „Pastor“ oder „Leiter“ sich selber als Schaf identifizieren, nicht als „Hirte“. Sicher, einige Schafe kennen den Weg besser als andere; aber das rechtfertigt nicht, dass sie sich über die Herde erheben und die Rolle des Hirten an sich reissen würden. Auch jene Schafe, die eine „Leitungsfunktion“ ausüben, werden dadurch nicht zu etwas anderem als Schafe. Eine Gruppe von Christen hört auf, neutestamentliche Gemeinde zu sein, wenn ihre Leiter sich anmassen, die Leben ihrer Mitchristen so zu überwachen und zu dirigieren, wie es allein dem Guten Hirten zusteht.

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 10

12. Dezember 2016

Nachdem wir einige Worte des Herrn in Matthäus 18 und 23 betrachtet haben, gehen wir nun zu Johannes 10. In diesem Kapitel kommt zwar das Wort „Gemeinde“ nicht vor; aber Jesus spricht symbolisch von der „Schafherde“ und vom „Hirten“. Offenbar ist das ein Gleichnis über die christliche Gemeinde. Untersuchen wir einige Aspekte dieses Gleichnisses.

Die Tür zu den Schafen

Es gibt eine Tür zur Schafhürde, wo die Schafe ein und aus gehen. Jesus sagt: „ICH bin die Tür zu den Schafen“. (Johannes 10,7). Das ist sehr wichtig, um die neutestamentliche Gemeinde zu verstehen. Es gibt eine einzige Art, wie man Teil der Gemeinde werden kann und mit ihr in Kontakt kommen kann: Man muss durch Jesus hineingehen.
Der Herr fährt weiter: „Wenn jemand durch mich hineingeht, wird er gerettet werden; und er wird ein und aus gehen und Weide finden.“ (Vers 9). Wir erinnern uns an ein Lied Davids, das er wahrscheinlich komponierte, während er Schafe hütete: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Auf saftigen Weideplätzen lässt er mich ausruhen. An ruhigen Wassern weidet er mich. Er tröstet meine Seele.“ (Psalm 23,1-3) Wenn jemand durch die Tür hineingeht, die Jesus ist, dann führt ihn der Herr auf eine gute Weide. Und dort wird er auch die anderen Schafe antreffen. Wenn wir durch Jesus hineingehen, finden wir auch die Gemeinschaft mit seinen anderen Schafen.

Es ist so wichtig, dies zu verstehen, weil die katholische Kirche diese Ordnung auf den Kopf gestellt hat, und die evangelischen und evangelikalen Kirchen sind ihr darin nachgefolgt. Der römische Katholizismus lehrt, dass die Errettung von der Kirche kommt: „Ausserhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ Und ganz ähnlich sagen die Evangelikalen: „Komm zur Kirche, damit du den Herrn kennenlernst.“ In dieser Sichtweise ist die Kirche eine Institution zur Verwaltung des Heils; eine Institution, die ein Eigenleben führt, unabhängig von den einzelnen Christen. Diese Institution stellt sich zwischen den Herrn und die einzelnen Christen. Von daher kommt die Abhängigkeit vom Priestertum, die macht, dass die Christen von einer Institution abhängig werden, oder von den Leitern dieser Institution, statt vom Herrn selber abhängig zu sein.

Das Gleichnis vom Guten Hirten zeigt uns eine andere Sichtweise: Die Gemeinde ist die „Schafherde“, die Gemeinschaft aller Christen. Sie ist weder ein Gebäude noch eine Institution; die Gemeinde ist eine Gruppe von Menschen. Sie besteht aus all jenen Menschen, die „durch Jesus hineingingen“, d.h. die eine persönliche Begegnung mit Jesus hatten und aufgrund dieser Begegnung errettet wurden. Sie sind definitionsgemäss „Gemeinde“, unabhängig von der äusseren Form, welche die Gemeinschaft unter ihnen annimmt. Sie sind in Gemeinschaft miteinander, weil sie zu Jesus gehören; nicht wegen einer gemeinsamen Mitgliedschaft in irgendeiner Institution. – Andererseits darf sich keine Institution rechtmässig „christliche Gemeinde“ nennen, wenn ihre Mitglieder durch irgendeinen anderen Prozess hineingekommen sind als eine persönliche Begegnung mit Jesus. Anstelle des katholischen Mottos sollten wir richtiger sagen: „Ausserhalb des Heils gibt es keine Gemeinde.“

Damit verachten wir keineswegs die Rolle, die den Christen dabei zukommt, andere Menschen zum Herrn zu führen. Nur müssen wir zwischen zwei Aspekten des christlichen Lebens unterscheiden:

Einerseits die Tätigkeit individueller Christen in ihrem Zeugnis für den Herrn und der Verbreitung des Evangeliums, was sowohl privat wie auch öffentlich geschehen kann;
und andererseits die Gemeinde im eigentlichen Sinn als Versammlung der Christen.

Das Zeugnis von Christen hat den Zweck, dass andere Menschen den Herrn persönlich kennenlernen können. Das geschieht nicht in Form eines „Rituals“ oder einer „institutionellen Handlung“. Es kann nur geschehen, wenn der Herr selber diesen Personen begegnet und sich ihnen offenbart. (Vgl. Lukas 10,22: „Niemand kennt, wer der Sohn ist, als nur der Vater; und [niemand kennt,] wer der Vater ist, als nur der Sohn, und wem es der Sohn offenbaren will.“ Und Galater 1,15-16: „Als es aber Gott gefiel, … seinen Sohn in mir zu offenbaren…“) Die „Eingangstür“ ist immer Jesus selber; sie kann nicht durch einen Prediger oder eine Institution ersetzt werden.

Eine Evangelisationsveranstaltung ist nicht „Gemeinde“. Die Gemeinde ist die Gemeinschaft jener, die bereits errettet sind; Evangelisation richtet sich an Unerrettete. Für die ersten Christen war dieser Unterschied sehr klar. Sie bezeugten Jesus privat und in der Öffentlichkeit, wo immer sich eine Gelegenheit bot; aber das nannten sie nicht „Gemeinde“. Wenn sie sich hingegen unter sich versammelten, dann luden sie keine Aussenstehenden dazu ein. Es wird sogar berichtet, dass „von den übrigen sich niemand getraute, sich ihnen anzuschliessen“ (Apostelgeschichte 5,13).

Die neutestamentliche Gemeinde in Matthäus 23 (3.Teil)

3. Dezember 2016

In der neutestamentlichen Gemeinde wird „Leiterschaft“ durch Dienst ersetzt.

Das sehen wir in Vers 12 unseres Kapitels Matthäus 23:

„Aber der grösste von euch sei euer Diener. Und jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und jeder, der sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“

Wir können mehrere Parallelstellen zitieren:

„Ihr wisst, dass die Machthaber der Völker über sie herrschen, und die Grossen missbrauchen ihre Macht über sie. Unter euch soll es nicht so sein; sondern wer unter euch gross sein will, der sei euer Diener, und wer unter euch wichtiger sein will, sei euer Sklave; wie auch der Menschensohn nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld zu geben für viele.“ (Matthäus 20,25-28)

„Die Könige der Völker knechten sie, und die über sie herrschen, lassen sich Wohltäter nennen. Aber ihr sollt nicht so sein; sondern der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Leitende wie der Dienende. Denn wer ist wichtiger, der am Tisch sitzt oder der bedient? Nicht der, der am Tisch sitzt? Aber ich bin mitten unter euch wie der, der bedient.“ (Lukas 22,25-27)

„Ihr nennt mich ‚Meister‘ und ‚Herr‘, und das sagt ihr gut; denn ich bin es. Wenn also ich, der Herr und Meister, eure Füsse gewaschen habe, dann sollt auch ihr einander die Füsse waschen; denn ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit auch ihr so tut, wie ich euch getan habe.“ (Johannes 13,13-15)

Ein „Leiter“ in der neutestamentlichen Gemeinde hat keine Privilegien. Jesus beanspruchte keine Privilegien vor seinen Jüngern und behandelte sie auch nicht autoritär. Sie anerkannten ihn als ihren Meister, weil sie in ihm eine echte Weisheit, Geistlichkeit und Autorität sahen, die sich in seinen Worten und in seinem Beispiel manifestierte. Deshalb war er es würdig, dass sie ihm nachfolgten. Und deshalb konnte er seinen Jüngern dienen, ohne seine Autorität zu verlieren.
Das ist das Beispiel, das Jesus allen Leitern unter seinen Jüngern nach ihm hinterliess. Ein echter christlicher Leiter sucht nicht ein „Amt“, eine „höhere Stellung“, oder Privilegien. Er knechtet seine Glaubensgeschwister nicht. Im Gegenteil, er übt seine Verantwortung zum Wohlergehen seiner Glaubensgeschwister aus. Ein echter christlicher Leiter wird immer ein Beispiel dieser Haltung geben, die auch im Herrn selber war: „Wir sollen (…) nicht uns selber zu Gefallen leben. Jeder von uns lebe dem andern zu Gefallen, indem er das Gute tut und ihn auferbaut. Denn auch der Christus hat nicht sich selber zu Gefallen gelebt …“ (Römer 15,1-3)

Aus der nichtchristlichen Welt sind wir es gewohnt, dass „Leiterschaft“ gleichbedeutend ist mit „herrschen“ oder „andere knechten“. Deshalb musste Jesus sehr klar sagen, dass in seinem Reich die Dinge anders sind. Ja, es gibt eine Vielfalt von Gaben und Funktionen in der Gemeinde (Römer 12,4-5, 1.Korinther 12,4-6); und einige dieser Funktionen schliessen das ein, was wir gemeinhin „Leiterschaft“ nennen. Aber in der christlichen Gemeinde begründet diese Vielfalt der Funktionen keine hierarchische Struktur und keine Unterscheidung zwischen „Geistlichen“ und „Laien“ (Siehe die vorhergehenden Betrachtungen.) Wer eine „Leiterschaftsfunktion“ innehat, steht deswegen nicht „über“ seinen Glaubensgeschwistern.

Es ist interessant zu beobachten, wie sorgfältig sich die Schreiber des Neuen Testaments in dieser Hinsicht ausdrücken: In einem weltlichen Kontext haben sie kein Problem zu sagen, ein Leiter sei „über“ anderen. Aber sie gebrauchen dieses Wort „über“ nicht, wenn sie sich auf einen christlichen Leiter beziehen. Betrachten wir nochmals genau Matthäus 20,25-27: „… die Grossen missbrauchen ihre Macht über sie. Unter euch soll es nicht so sein; sondern wer unter euch gross sein will, (…) und wer unter euch wichtiger sein will …“

In vielen gegenwärtigen Kirchen ist „Leiterschaft“ zu einer Machtposition geworden, verbunden mit viel Einfluss und manchmal auch finanziellem Gewinn. Infolgedessen fühlen sich jene Personen zu diesen Positionen hingezogen, die genau das suchen: Macht, Einfluss, und Reichtum. Das heisst, die Leiterschaftsstellungen werden allmählich von den ungeistlichsten Menschen eingenommen; von jenen, die in Bibelstellen wie den folgenden beschrieben werden:
„… Menschen mit verdorbenem Sinn, die die Wahrheit nicht haben, die fälschlich denken, die Gottesfurcht sei ein Mittel, Geld zu gewinnen …“ (1.Timotheus 6,5)
„… Feinde des Kreuzes Christi, deren Bestimmung das Verderben ist, deren Gott der Bauch ist, und deren Ehre in ihre Schande ist; die [nur] an das Irdische denken.“ (Philipper 3,18-19)
(Über die falschen Apostel): „… wenn jemand euch knechtet, wenn jemand euch aufzehrt, wenn jemand das Eure nimmt, wenn jemand sich selbst erhöht, wenn euch jemand ins Gesicht schlägt.“ (2.Korinther 11,20)
„… der es liebt, der Erste von ihnen zu sein, Diotrephes, nimmt uns nicht auf. (…) und nicht zufrieden damit, nimmt er auch die Brüder nicht auf; und jene, die [sie aufnehmen] wollen, hindert er daran und schliesst sie aus der Versammlung aus.“ (3.Johannes 9-10)

So entstehen Kirchen, die dem Anschein nach aufblühen, aber in geistlichem Elend leben; die voll von Habsucht, Intrigen, Lügen, Betrug, und weltlichem Ehrgeiz sind. Wo solche Dinge zu beobachten sind, und die Versammlung ergreift keine Massnahmen, um diese schlechten Leiter zu korrigieren und sie durch echte geistliche Leiter zu ersetzen, da können wir wissen, dass es sich nicht um neutestamentliche Gemeinde handelt.

Die Situation ist ganz anders an Orten wie China, wo die echte Gemeinde unter ständiger Bedrohung lebt. In China muss ein Gemeindeleiter damit rechnen, in Armut zu leben, und er geht ein erhöhtes Risiko ein, Verfolgung und Tod zu erleiden. Einige der wichtigsten christlichen Leiter in China können nicht einmal einer Gemeinde vorstehen, weil sie sich versteckt halten müssen; ihr ganzer Dienst besteht aus Fasten und Gebet, und Beratung anderer Leiter, die aktiv das Evangelium verkünden.
Dieselbe Situation – oder sogar noch schlimmer – besteht in vielen islamischen Ländern.
In solchen Umständen ist es viel wahrscheinlicher, dass tatsächlich die geistlicheren Christen Leiterschaft anstreben. Sie werden auf dieser Erde nicht belohnt werden dafür; deshalb wird ihre Belohnung vom Herrn umso grösser sein.

Es wäre traurig, wenn die Gemeinde nur in Verfolgungszeiten geistlich aufblühen könnte. Aber in Zeiten der Freiheit könnten wir zumindest die Leiter nach diesem Kriterium prüfen: Wäre diese Person auch unter den Umständen der chinesischen Gemeinde ein Leiter? Ist er in Leiterschaft, weil er dienen will, oder weil er herrschen will?