Nähere Hinweise und Zusatzfrage zur Forschungsaufgabe: Annähernd gekürzt

7. November 2019

Niveau: Einfach bis mittelschwer (ca.5. bis 9.Schuljahr)

Dies ist ein Beispiel eines alternativen Zugangs zum Mathematiklernen. Aufgaben in der Art dieser Artikelserie finden sich in diesem Buch zum mathematischen Forschen und Selber-Entdecken.

Weitere Informationen hier.

Dies ist die erste Folge von näheren Hinweisen und Lösungsansätzen zu dieser Forschungsaufgabe. Es lohnt sich, vor dem Lesen dieser Hinweise zuerst selber ein paar Stunden lang das gestellte Problem zu erforschen! – Der Artikel mit der Problembeschreibung enthält auch einige pädagogische Hinweise zum Sinn und Nutzen solcher Forschungsaufgaben.


Frage 1 sollte keine Hinweise benötigen; das ist eine einfache Bruchrechnungsaufgabe.

Zu Frage 2: Dies ist natürlich die Hauptfrage!
Ich gehe davon aus, dass du selber schon verschiedene annähernde Kürzungen gefunden hast, bevor du diese Hinweise zu Rate ziehst. (Andernfalls ist entweder die Aufgabe zu schwierig für dich, oder du hast noch nicht ernstlich mit Forschen angefangen.) Wenden wir uns daher zuerst dem zweiten Teil der Frage zu, mit deinen annähernden Kürzungen vor Augen:
Einerseits ist eine annähernde Kürzung "gut", wenn sie einen möglichst kleinen Fehler aufweist. Andererseits aber sollten Zähler und Nenner des neuen Bruchs möglichst klein sein. Du wirst festgestellt haben, dass da, wo es mehrere Möglichkeiten gibt, oft eine von ihnen den kleinsten Fehler aufweist, aber eine andere den kleinsten Zähler und Nenner hat. Um das Beispiel von Susi und Stephan zu nehmen: 10/13 ist auch annähernd 7/9. Bei dieser zweiten Näherung ist der Fehler kleiner (rechne!), aber Zähler und Nenner sind grösser als bei 3/4. Man könnte also diese beiden Näherungen als "gleich gut" bezeichnen.
Vergleichen wir damit die Näherung 4/5. Zähler und Nenner sind grösser als bei 3/4; und auch der Fehler ist grösser. Diese Näherung muss also als weniger gut bezeichnet werden als 3/4 und 7/9.
Wenn wir beide Kriterien zugleich berücksichtigen wollen, könnten wir die "Unvollkommenheit" einer Annäherung definieren als den Fehler multipliziert mit dem Nenner der Näherung. (Das ist eine ziemlich willkürliche Definition. Es ist aber praktischer, zum Multiplizieren den Nenner zu nehmen und nicht den Zähler. Überlege, warum.) Die besten Näherungen wären dann jene mit der geringsten "Unvollkommenheit". Im obigen Beispiel wirst du feststellen, dass 3/4 und 7/9 beide eine Unvollkommenheit von 1/13 haben; während 4/5 eine Unvollkommenheit von 2/13 hat. (Prüfe es nach!)

Nun zum ersten Teil der Frage: Wenn du jeweils die Fehler der "besten" Näherungen ausgerechnet hast, dann solltest du bereits die entscheidende Eigenschaft gefunden haben, die diese auszeichnet. Diese sollte dir helfen, auf relativ einfache Weise diese besten Näherungen zu finden. (Es gibt aber auch so keine ganz direkte Operation dafür!)
– Hast du diese Eigenschaft noch nicht gefunden? Dann pass auf, was beim Ausrechnen des Fehlers passiert; also der Differenz zwischen dem ursprünglichen Bruch und der Näherung:
10/133/4  =  10·4/13·413·3/13·4  =  1/52.
Der Fehler wird klein, weil die Differenz zwischen 10·4 und 13·3 genau 1 beträgt. Es geht also darum, Vielfache von 10 bzw. 13 zu finden, die sich um genau 1 unterscheiden.
Eine andere Frage ist nun, wie man solche Vielfache findet. Man kann es einfach ausprobieren, indem man die Folgen der Vielfachen von Zähler und Nenner miteinander vergleicht. Aber vielleicht kann man die Suche effizienter durchführen? Hier kannst du selber weiter forschen. Wir gelangen da in Bereiche der Zahlentheorie, die im normalen Schulunterricht selten zur Sprache kommen. (Für Neugierige: Das Thema hat damit zu tun, wie man den modularen Kehrwert einer Zahl findet.)

Zu Frage 3: Du weisst jetzt, was für Eigenschaften eine "beste" annähernde Kürzung hat. Was für Bedingungen müssen Zähler und Nenner eines Bruchs erfüllen, damit Zahlen mit diesen Eigenschaften überhaupt existieren? – Und wenn solche nicht existieren: Was können wir dann mit dem Bruch machen, anstelle einer "annähernden" Kürzung?
(Auch hier kommen wir wieder auf eine interessante Eigenschaft aus der Zahlentheorie!)

Zu Frage 4: Hier kannst du natürlich unbeschränkt weiterforschen und vom Hundertsten ins Tausendste kommen, bzw. von den Hundertsteln in die Tausendstel … Übe dich in der Kunst, interessante Fragen zu stellen!
Hier nur ein Beispiel, was man noch herausfinden könnte. Stephan, der Experte im annähernden Kürzen, behauptet: "Wenn man zu einem Bruch eine ‚bestmögliche‘ annähernde Kürzung finden kann, dann gibt es immer eine zweite, die ebenso gut ist (nach dem oben definierten Kriterium der ‚Unvollkommenheit‘). Und diese kann man dann auf ganz einfache Weise finden."

Dazu nun die Zusatz-Frage 5:

Stimmt Stephans Behauptung? Kannst du sie beweisen, oder allenfalls widerlegen? Und welches ist das "ganz einfache" Verfahren, mit dem man die zweite Näherung finden kann?

(Nähere Hinweise zu dieser Frage folgen später…)

Funktionen der Ältesten in der Familie Gottes – Teil 2

1. November 2019

Aufseher bzw. Fürsorger

In der vorherigen Betrachtung haben wir gesehen, dass es in der neutestamentlichen Gemeinde keine „Pastoren/Pfarrer/Hirten“ gab, die über den Ältesten gestanden wären oder ein spezielles „Amt“ neben dem Ältestendienst gebildet hätten. Im Gegenteil, der „Hirtendienst“ ist eine Funktion der Ältesten selbst.

Es gibt ein weiteres neutestamentliches Wort, das fälschlicherweise als eine besondere „Leiterschaftsposition“ verstanden wurde, und zwar das griechische Wort „epískopos“ (Plural „epískopoi“), das in manchen Bibelausgaben als „Bischof“ übersetzt wird. Eine sinngemässere Übersetzung wäre „Aufseher“ oder „Fürsorger“. Zwei griechische Verben sind mit diesem Wort verwandt: „Episkopéo“ bedeutet „achtgeben, Aufsicht üben“ oder „sorgen für“. – „Episképtomai“ bedeutet „besuchen“ (fürsorglich oder prüfend), „nach etwas oder jemandem sehen“.
Diese Verben drücken nicht spezifisch „Leiterschaftsfunktionen“ aus. Im Gegenteil, sie werden mehrmals als „Einander“-Funktionen erwähnt, also als Funktionen aller Glieder im allgemeinen:

  • „Seht/Findet (episképtomai) also, ihr Brüder, sieben Männer von gutem Zeugnis unter euch …“ (Apg. 6,3)
  • „Ich war krank, und ihr habt mich besucht (episképtomai) … Ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht …“ (Matthäus 25,36.43)
  • „Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater ist es, Waisen und Witwen in ihrer Bedrängnis zu besuchen (episképtomai) …“ (Jakobus 1,27)
  • „Trachtet nach dem Frieden mit allen und nach der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird; und achtet darauf (episkopéo), dass niemand hinter der Gnade Gottes zurückbleibt …“ (Hebräer 12,14-15)

Das Verb „episkopéo“ erscheint auch in einer der Stellen, die wir schon in der vorhergehenden Betrachtung zitierten, als eine Funktion der Ältesten:
„Weidet die Herde Gottes, die bei euch ist, indem ihr [für sie] sorgt (episkopéo), …“ (1.Petrus 5,2)

Das Substantiv „epískopos“ kommt fünfmal im Neuen Testament vor. Eine dieser Stellen bezieht sich auf den Herrn Jesus (1.Petrus 2,25). In zwei Stellen werden „epískopoi“ zusammen mit „Dienern“ erwähnt, ohne dass daraus Genaueres über ihre Stellung geschlossen werden könnte (1.Tim.3,2, Phil.1,1). Die verbleibenden zwei Stellen sind jene, die uns klar Aufschluss geben über die Identität der „epískopoi“:

„Dazu liess ich dich in Kreta zurück, dass du das übrige in Ordnung bringst und in jeder Stadt Älteste einsetzt, wie ich dich anwies: Wenn jemand untadelig ist (usw. …) Denn der Aufseher/Fürsorger (epískopos) muss untadelig sein als Verwalter [im Auftrag] Gottes, nicht eingebildet, nicht jähzornig, (usw. …) (Titus 1,5-7) – Hier erscheint das Wort „epískopos“ im Zusammenhang mit der Einsetzung von Ältesten. Der Vers, der über den „epískopos“ spricht, beginnt mit „Denn …“ und schliesst damit unmittelbar an den Vers an, der über die Ältesten spricht. Von daher ist es offensichtlich, dass „Aufseher/Fürsorger“ (epískopos) und „Älteste“ sich auf dieselben Personen beziehen.

– Schliesslich finden wir das Wort „epískopos“ in der Abschiedsrede von Paulus an die Ältesten in Ephesus: „„Achtet auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist als Aufseher/Fürsorger (epískopoi) gesetzt hat …“ (Apg.20,28). Paulus spricht also die Ältesten als „epískopoi“ an.

Damit sollte klargestellt sein, dass im Neuen Testament „Bischof“ (epískopos) und „Ältester“ gleichbedeutend sind. Die „Aufsicht“ oder „Fürsorge“ ist eine Funktion der Ältesten, nicht ein besonderes „Amt“.

Funktionen der Ältesten in der Familie Gottes – Teil 1

25. Oktober 2019

In den vorhergehenden Betrachtungen fanden wir, dass die neutestamentliche Gemeinde eine familiäre, nicht eine institutionalisierte Struktur hatte; und dass die Ältestenschaft als erweiterte Vaterschaft ein besonderer Ausdruck dieser familiären Struktur ist. Sehen wir nun, was das Neue Testament als Funktionen der Ältesten beschreibt.

„Hirtendienst“

Zuallererst müssen wir verstehen, dass es in der neutestamentlichen Gemeindestruktur kein „Pfarramt“ oder „Hirtenamt“ gibt in der Art, wie es in den meisten gegenwärtigen Kirchen besteht. Das evangelische „Pfarramt“ ist in Wirklichkeit die Fortsetzung des römisch-katholischen Priestertums, nur unter einem anderen Namen und mit leicht veränderten Funktionen. Im Urtext des Neuen Testamentes erscheint das Wort „Pfarrer/Hirte“ (griechisch „poimén“) nur ein einziges Mal als eine Funktion in der Gemeinde (Epheser 4,11). Und dort bedeutet es nicht einen Leiter einer örtlichen Gemeinde, sondern eine Funktion zur „Zurüstung der Heiligen zu (ihrem) Dienst“.

Ausserdem finden wir in drei neutestamentlichen Stellen das Verb „(als Hirte) weiden (griechisch „poimáino“) als eine Funktion in der Gemeinde:
– In Johannes 21,6 sagt Jesus zu Petrus: „Weide meine Schafe.“ Das ist ein Aspekt der apostolischen Funktion des Petrus. Kein „Pastor“ einer örtlichen Gemeinde kann dieses Wort auf sich selber anwenden, denn es richtete sich an Petrus persönlich in seiner Funktion, die über die örtliche Gemeinde hinausging.
– Petrus selber benutzt das Wort „weiden“, wo er sich an die Ältesten richtet: „Ich ermutige die Ältesten unter euch (…): Weidet die Herde Gottes, die bei euch ist, indem ihr [für sie] sorgt, nicht gezwungenermassen, sondern freiwillig; nicht um Habsucht nach schändlichem Gewinn, sondern guten Willens; nicht als solche, die über die ihnen Anvertrauten herrschen, sondern als Beispiele der Herde …“ (1.Petrus 5,1-3). Das „Weiden“ in der örtlichen Gemeinde ist also eine Funktion der Ältesten.
– In Apostelgeschichte 20,17 lesen wir, dass Paulus „nach Ephesus sandte, um die Ältesten der Gemeinden kommen zu lassen“. Und in Vers 28 sagt er zu ihnen: „Achtet auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist als Aufseher/Fürsorger gesetzt hat, um die Gemeinde des Herrn und Gottes zu weiden, die er durch sein eigenes Blut erworben hat.“ – Auch diese Stelle bestätigt, dass das „Weiden“ (Hirten-/Pastorendienst) eine Funktion der Ältesten ist.

Die zitierten Stellen sind die einzigen im ganzen Neuen Testament, wo die Worte „Hirte“ oder „(als Hirte) weiden“ im Sinne einer Funktion in der christlichen Gemeinde gebraucht werden.

Wenn wir nun genauer wissen wollen, was „weiden“ im Volk Gottes bedeutet, dann müssen wir ins Alte Testament gehen. Dort finden wir im 34.Kapitel des Buches Ezechiel die Prophetie über die bösen Hirten und den Guten Hirten. Da werden als Funktionen eines rechtmässigen „Hirten“ genannt: Die Schwachen stärken; die Kranken heilen (oder pflegen); die Verletzten verbinden; die Verirrten zurückbringen; die Verlorenen suchen. „Weiden“ hat also zu tun mit Ermutigen, Trösten, liebevoll Rat geben, Wiederherstellen, Aufbauen. Das ist nicht gerade das, was heutzutage weithin unter „Leiterschaft“ verstanden wird. Sowohl Ezechiel wie auch Petrus warnen die Ältesten davor, über die Herde „herrschen“ zu wollen. Die Idee des „Hirtendienstes“ wird in sein Gegenteil verkehrt, wo ein Leiter unter dem Vorwand eines „Pastorenamtes“ seine Glaubensgeschwister ausnützt und sie zwingt oder dahingehend manipuliert, für seine eigenen Pläne zu arbeiten; oder wo ein Leiter sich in das Privatleben seiner Glaubengeschwister einmischt und „Unterordnung“ unter willkürliche Menschengebote einfordert.

Herausforderung zum mathematischen Forschen: Annähernd gekürzt

19. Oktober 2019

Niveau: Einfach bis mittelschwer (ca.5. bis 9.Schuljahr)

Dies ist ein Beispiel eines alternativen Zugangs zum Mathematiklernen. Aufgaben in der Art dieses Artikels finden sich in diesem Buch zum mathematischen Forschen und Selber-Entdecken.

Über den Sinn und Nutzen solcher „Forschungsaufgaben“ siehe die Anmerkungen weiter unten.

Weitere Informationen hier.


Die Kinder lösen Rechnungsaufgaben. Susi bemerkt beiläufig: “ 10/13 kann man nicht kürzen.“
– „Aber annähernd“, antwortet Stephan.
– „Was meinst du damit?“
– “ 10/13 ist annähernd 3/4.“
– „Mag sein, aber das hilft mir nicht für meine Aufgabe. Wenn es nicht genau richtig ist, dann ist es falsch.“
– „Kommt darauf an“, meint Stephan. „Für viele praktische Zwecke ist eine annähernde Lösung gut genug. Zum Beispiel, kannst du eine 10/13 Tasse Milch einschenken? oder 10/13 von einem Apfel abschneiden? 3/4 ist doch viel praktischer.“
– „Ja, aber wir sind jetzt nicht beim Essen. Für die Schulaufgaben taugt dein annäherndes Kürzen nicht.“
– „Sollte es aber. Ich wäre dafür, im Schulbuch eine Lektion über annäherndes Kürzen einzufügen.“

Lassen wir uns von dieser Diskussion zu einigen mathematischen Entdeckungen anregen. Meines Wissens kommt das annähernde Kürzen immer noch nicht in den Schulbüchern vor. Aber du kannst den Inhalt einer solchen Lektion selber herausfinden. Die folgenden Fragen sollen dir ein paar Anstösse geben dazu:

1) Wie gut ist Stephans Annäherung? D.h. wie gross ist der Fehler?

2) Versuche andere Brüche annähernd zu kürzen; z.B. 10/17 oder 19/29. Findest du ein systematisches Verfahren, um die beste „annähernde Kürzung“ zu finden?
(Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, dann wirst du feststellen, dass man verschiedener Meinung sein kann darüber, welches die „beste“ ist. Was für Kriterien würdest du anwenden? Begründe, warum.)

3) Was für Bedingungen sollte ein Bruch erfüllen, damit er „annähernd gekürzt“ werden kann?

4) Versuche weitere mathematische Eigenschaften des annähernden Kürzens herauszufinden.

In einigen Wochen oder Monaten werde ich, so Gott will, weitere Hinweise zu diesem Problem veröffentlichen. Korrespondenz kann über die Kontaktseite geführt werden.


Pädagogische Anmerkungen:

Forschungsaufgaben haben einige Eigenschaften, die sie von „schulüblichen“ Mathematikaufgaben unterscheiden:

– Die Antwort ist nicht einfach eine Zahl oder ein mathematischer Ausdruck, sondern ein (unter Umständen komplizierter) mathematischer Sachverhalt, der erklärt werden soll. Das kann auf unterschiedliche Arten geschehen. Es gibt also nicht einfach eine „einzige richtige Antwort“. Um einen Vergleich mit Sprachübungen zu machen: Viele Schulbuchaufgaben sind wie Grammatikübungen. Eine Forschungsaufgabe dagegen ist wie ein Aufsatzthema.

– Bei einer Forschungsaufgabe geht es nicht um die Schnelligkeit, sondern um die „Tiefe“ des Denkens. Das mathematische Denken wird auf nachhaltige Weise geübt, weil die Antworten nicht mit einer mechanischen Prozedur gefunden werden können, sondern nur durch eingehende Betrachtung des Themas unter verschiedenen Blickwinkeln.
Forschungsaufgaben sollten deshalb nie unter Zeitdruck gelöst werden müssen. Idealerweise sollte eine Frist von mindestens einer Woche gegeben werden, wobei täglich mindestens eine Stunde zur Arbeit am Thema zur Verfügung stehen sollte. (Bei einfacheren Themen und auf den unteren Schulstufen kann es auch weniger sein.)

Idealerweise kommen noch folgende Aspekte dazu:

– Die Schüler werden herausgefordert und ermutigt, das Thema mit eigenen Fragestellungen zu erweitern. (In der vorliegenden Aufgabe betrifft dies die sehr offen formulierte Frage 4.) Dadurch wird Raum geschaffen für die eigene Kreativität; ein Aspekt, der in der Schulmathematik oft zu kurz kommt.

– Die Aufgabenstellung ist mit einem gewissen „Mysterium“ umgeben. Erst im Lauf des Forschens wird ersichtlich, was das eigentliche (mathematische) Thema der Aufgabe ist. Und/oder das Problem führt unerwarteterweise über das vordergründige Thema hinaus zu einem anderen Gebiet der Mathematik.

– Die Probleme können aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und mit verschiedenen mathematischen „Werkzeugen“ angegangen werden. Z.B. mit Zahlenbeispielen oder algebraisch; geometrisch oder analytisch; usw.

– Es kann sinnvoll sein, in Kleingruppen von zwei oder drei Schülern zu arbeiten.

Das Erarbeiten einer Forschungsaufgabe erfordert in der Regel mehrere oder alle der folgenden Tätigkeiten:

– Beispiele sammeln und damit „spielen“.
In dieser Phase geht es darum, mit dem Thema vertraut zu werden. In der vorliegenden Aufgabe z.B. werden die Schüler versuchen, verschiedene Brüche „annähernd zu kürzen“, und werden den jeweiligen Fehler ihrer Näherungen ausrechnen. Möglicherweise werden sie auch verschiedene Methoden erfinden und ausprobieren, um auf solche Näherungen zu kommen. Diese Sammlung von Beispielen dient dann als „Rohmaterial“ für die weiteren Schritte.

– Beobachten.
Hier geht es um die Frage: Wie „verhalten sich“ diese Zahlen (bzw. andere mathematische Objekte)? Beim näheren Beobachten der Beispiele können Gemeinsamkeiten und Auffälligkeiten festgestellt werden. Beim vorliegenden Thema könnten Schüler z.B. die Beobachtung machen, dass das „annähernde Kürzen“ besonders einfach ist bei jenen Brüchen, wo der Nenner beinahe ein Vielfaches des Zählers ist.
Die Beobachtungen können zu weiteren Erkenntnissen führen, wenn sie geordnet und systematisiert werden.

– Vermutungen aufstellen; Sachverhalte verallgemeinern.
Die gemachten Beobachtungen sollten nun zu Fragen grundsätzlicherer Art führen, wie z.B: Ist das immer so? Warum ist das so? Usw. Die Schüler sollen ermutigt werden, ihre Vermutungen zu formulieren, auch und gerade dann, wenn sie nicht sicher sind, ob diese richtig sind oder nicht. Das Aufstellen von Vermutungen ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung.
Der nächste Artikel zu dieser Forschungsaufgabe wird einige Hinweise enthalten, wie das konkret bei dieser Aufgabe aussehen könnte.

– Die Vermutungen überprüfen und begründen.
In dieser Phase werden die gemachten Vermutungen „aussortiert“. Eine falsche Vermutung kann oft durch ein Gegenbeispiel widerlegt werden. Für eine richtige Vermutung kann im besten Fall ein logisch korrekter Beweis gefunden werden. (Ein Beweis ist im Grunde nichts anderes als eine überzeugende Antwort auf die Frage: „Warum?“)

– Schlussfolgerungen formulieren.
Hier geht es darum, die erkannten Eigenschaften und Gesetze geordnet und verständlich zu formulieren, und wenn möglich zu begründen. In den Schlussfolgerungen dürfen aber durchaus auch Vermutungen erwähnt werden, die nicht bewiesen werden konnten, sofern vieles dafür spricht, dass sie richtig sind.
Auf den höheren Stufen darf erwartet werden, dass Schüler ihre Schlussfolgerungen schriftlich formulieren. Bei jüngeren Schülern kann auch eine mündliche Erklärung ausreichend sein.

– Die Fragestellung erweitern.
Oft führt die Antwort auf eine Frage zu neuen, unbeantworteten Fragen. Diese Erweiterungen des Themas können sehr wertvoll sein, sofern die Schüler in der Lage sind, sie zu erforschen. Dann können die vorherigen Phasen für die neuen Fragestellungen nochmals durchlaufen werden. Andernfalls können solche unbeantworteten Fragen auch Schülern einer höheren Stufe als neue Forschungsaufgaben vorgelegt werden.

Frauen im Ältestendienst

13. Oktober 2019

Die Paulusbriefe sprechen an zwei Stellen von Frauen in leitender Funktion in der Gemeinde:

„Ebenso die Frauen sollen aufrichtig sein, nicht verleumderisch, nüchtern, treu in allem.“ (1.Timotheus 3,11)

„Ebenso die Ältesten [Frauen] sollen ehrerbietig sein in ihrer Haltung, nicht verleumderisch, nicht dem vielen Wein ergeben, sondern die das Gute lehren, die die jüngeren [Frauen] anleiten, ihre Männer und Kinder zu lieben, massvoll, rein, gute Haushälterinnen, gütig, ihren eigenen Männern untergeordnet, damit niemand das Wort Gottes in Verruf bringe.“ (Titus 2,3-5)

Der Vers 1.Timotheus 3,11 befindet sich mitten im Abschnitt über die „Diener“ (manchmal als „Diakone“ übersetzt); der Vers im Titusbrief steht unmittelbar nach einem Abschnitt über die Ältesten. Beide Verse beginnen mit „Ebenso …“. Sie können sich deshalb nicht auf Frauen im allgemeinen beziehen; sie müssen im Zusammenhang mit den leitenden Funktionen in der Gemeinde verstanden werden. Das könnte auf zwei Arten gesehen werden: Entweder konnten als „Diener“ bzw. Älteste unterschiedslos sowohl Männer wie auch Frauen anerkannt werden; oder diese Verse sprechen von den Ehefrauen der „Diener“ bzw. der Ältesten.

Angesichts der hohen Priorität der Familienstrukturen in der Bibel (siehe die vorangegangenen Betrachtungen) erscheint mir die erstere Auslegung höchst unwahrscheinlich. Aus biblischer Sicht bilden Ehemann und Ehefrau zusammen „ein Fleisch“ (1.Mose 2,24). Die Voraussetzungen für Leiter, wie sie im 1.Timotheus- und im Titusbrief ausgeführt werden, legen grosses Gewicht auf das Familienleben. Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass ein Mann als Ältester anerkannt worden wäre, ohne den Lebenswandel seiner Frau in Betracht zu ziehen; oder eine Frau, ohne Rücksicht auf die Qualifikationen und den Lebenswandel ihres Mannes. Zudem: Wenn eine Frau „Ältestin“ wäre, ohne dass ihr Mann Ältester wäre, dann würde dies die „Unterordnungsstruktur“ in der Ehe und Familie durcheinanderbringen – eine Struktur, die viel grösseres Gewicht hat als die Struktur der Gemeinde (siehe die vorherige Betrachtung).

Viel naheliegender ist deshalb, dass die Ältesten als Ehepaare gewählt wurden, und dass Mann und Frau gemeinsam die Funktionen von Ältesten ausübten; aber die Frau unter der Autorität ihres Mannes. Die Stelle im Titusbrief zeigt, dass der Ältestendienst der Frauen hauptsächlich in ihren Beziehungen zu anderen Frauen ausgeübt wurde, durch Lehre und Beratung über gute Mutterschaft; ähnlich wie auch der Ältestendienst des Mannes sich hauptsächlich auf gute Vaterschaft konzentriert. Wir können annehmen, dass die Frauen der Ältesten ausserdem als „geeignete Hilfe“ und Beraterinnen ihrer Männer fungierten, indem sie ihnen bei der Ausübung ihrer Funktionen zur Seite standen.

An einigen Orten kreist die Diskussion um die Leiterschaft der Frauen hauptsächlich um die Frage, ob eine Frau „predigen“ dürfe oder „Pastorin“ sein könne. Aber im Licht des neutestamentlichen Zeugnisses über die Gemeinde werden solche Fragen irrelevant. Wir haben in früheren Betrachtungen gesehen, dass die Gemeinden hauptsächlich zur gegenseitigen Auferbauung zusammenkamen. Daran nahmen die Frauen selbstverständlich auch teil: 1.Kor.11,5 spricht von Frauen, die in den (Haus-)Versammlungen beteten und prophezeiten; Philippus hatte vier Töchter, die prophezeiten (Apg.21,9). So etwas wie ein „Pfarramt“ existierte in den neutestamentlichen Gemeinden gar nicht, jedenfalls nicht in der Form, wie es heute verstanden wird.

Im übrigen scheint mir wichtig, dass diese Frage der Funktion der Frauen in der Gemeinde nicht unter den heutigen postmodernen Gesichtspunkten von „Frauenrechten“ oder „Geschlechtergleichheit“ betrachtet werden sollte. Eine solche Perspektive würde von Anfang an Mann und Frau in Konkurrenz und Rivalität gegeneinander positionieren; und eine solche Mentalität widerspricht schon von ihren Voraussetzungen her dem Willen Gottes. Wo das Neue Testament über die jeweiligen Funktionen von Mann und Frau spricht, oder über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, da ist der zentrale Wert immer die Einheit der Ehe. „Im Herrn existiert die Frau nicht ohne den Mann, und der Mann nicht ohne die Frau …“ (1.Kor.11,11). Von diesem Gesichtspunkt her sollten auch jene Stellen verstanden werden, die aus der Sicht des heutigen Zeitgeistes die Möglichkeiten der Frau einzuschränken scheinen: Es ist ein äusserst wichtiges Anliegen im Herzen Gottes, die Einheit der Ehe zu bewahren und Praktiken zu vermeiden, die Mann und Frau allzu „unabhängig“ voneinander machen würden. Die familiären Strukturen haben Vorrang vor den Gemeindestrukturen. Nicht die Gemeinde als Institution sollte fragen: „Ist eine Frau berechtigt, dies oder jenes zu tun?“ Eine solche Frage ist falsch gestellt. Mann und Frau sollten sich fragen: „Handeln wir noch als ‚ein Fleisch‘; bewahren wir noch die richtige Beziehung zwischen uns?“

Die neutestamentliche Gemeinde als „Familie Gottes“ – Teil 5

2. Oktober 2019

Die Unterordnung im Neuen Testament

Untersuchen wir nun den „hierarchischsten“ Begriff, den es im Neuen Testament gibt: die „Unterordnung“. Das griechische Wort für „sich unterordnen“ ist „hypotássomai“. Wenn wir die neutestamentlichen Stellen untersuchen, wo dieses Wort vorkommt, dann stellen wir zuerst fest, dass Gott der Einzige ist, der aktiv jemanden oder etwas ihm „unterordnet“. Nirgends heisst es, dass ein Mensch einen anderen ihm unterordnen solle, oder von jemandem Unterordnung verlangen solle. Das ist ein wichtiges Prinzip: Unterordnung im Sinne des Neuen Testamentes ist etwas, was man von sich aus tut. Es ist nicht etwas, was jemand von anderen Menschen einfordern könnte. – Mit anderen Worten: Es gibt verschiedene Stellen im Neuen Testament, die bestimmten Personen sagen, sie sollten sich anderen Personen unterordnen. Aber nie wird diesen anderen Personen gesagt, sie sollten von den ersteren Unterordnung verlangen.
So lesen wir auch mehrmals, dass die Apostel den Mitgliedern der Familie Gottes sagen, sie sollten sich bestimmten Personen unterordnen; aber kein Apostel oder Leiter im Neuen Testament sagte je: „Ordnet euch mir unter.“

Nun finden wir unter den Stellen, die von „Unterordnung“ zwischen Menschen sprechen, nur eine einzige, die sich auf das eigentliche Gemeindeleben bezieht: „Ihr kennt die Familie des Stephanas, die die Erstlingsfrucht von Achaja sind, und sich selbst zum Dienst für die Heiligen gesetzt haben; damit auch ihr euch solchen unterordnet, und jedem, der mitarbeitet und sich abmüht.“ (1.Korinther 16,15-16).
Es fällt auf, dass hier keine spezifische Leiterschaftsposition erwähnt wird (wie wenn z.B. gesagt würde: „Ordnet euch den Aufsehern unter“, oder „Ordnet euch den Aposteln unter“). Stattdessen spricht Paulus auf ziemlich allgemeine Weise von „jedem, der mitarbeitet und sich abmüht“. Es gibt also keinen fest definierten Kreis von Personen in der Gemeinde, die von sich aus ein Anrecht darauf hätten, dass sich die übrigen ihnen unterordneten. Paulus empfiehlt Stephanas und seine Familie namentlich, überlässt es aber den Gemeindegliedern zu erkennen und zu entscheiden, wer die anderen sind, die „mitarbeiten und sich abmühen“. Das liegt natürlich auf einer Linie mit der Aussage Jesu: „Der Grösste von euch sei euer Diener“ (Matthäus 23,12). Es liegt auch auf einer Linie mit dem früher Gesagten, dass Ältestenschaft weder durch demokratische Wahl noch durch Einsetzung „von oben“ definiert wird, sondern durch die Anerkennung von seiten der Gemeinde.

Diese Beobachtungen sind noch auffälliger, wenn wir sie damit vergleichen, dass in anderen Lebensbereichen das Neue Testament sehr wohl klare „Unterordnungsstrukturen“ festlegt: nämlich inbezug auf die staatliche Regierung, und noch klarer im Familienleben. Allen wird gesagt, sie sollten sich der Regierung unterordnen (Römer 13,1.5, Titus 3,1, 1.Petrus 2,13). (Wenn auch diese Unterordnung ihre Grenzen hat, wo es um die Gebote Gottes geht; aber es ist hier nicht der Ort, darauf einzugehen.) – Noch klarer und detaillierter sind die Worte, die eine „Unterordnungsstruktur“ in der Familie definieren:

– Die Frauen sollen sich ihren Ehemännern unterordnen. (Epheser 5,22, Kolosser 3,18, Titus 2,5, 1.Petrus 3,1.5). – Zusätzlich gibt es zwei Stellen, die sagen, die Frauen sollten in Unterordnung sein, ohne anzugeben wem gegenüber (1.Korinther 14,34, 1.Timotheus 2,11). Aber vor dem klaren Hintergrund der Ehestruktur können wir mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass auch hier die Unterordnung dem eigenen Ehemann gegenüber gemeint ist (und nicht irgendwelchen anderen Männern gegenüber).

– Kinder sollen sich ihren Eltern unterordnen. Das wird in Lukas 2,51 und 1.Timotheus 3,4 impliziert.

– Sklaven sollen sich ihren Herren unterordnen. (Titus 2,9, 1.Petrus 2,18). Das ist auch eine familiäre Beziehung, da Bedienstete und Sklaven zur Familie des Hausherrn gezählt wurden.

– Die Jüngeren sollen sich den Älteren unterordnen (1.Petrus 5,5). Einige denken, es handle sich hier um eine „kirchliche“ Beziehung, da die vorangehenden Verse über die Gemeindeältesten sprechen. Aber durch den Gebrauch des Wortes „die Jüngeren“ stellt Petrus klar, dass der Grund für die Unterordnung nicht in einer „Leiterschaftsposition“ der Älteren besteht, sondern im Altersunterschied (der zugleich als Unterschied an Erfahrung und Weisheit verstanden wird). Auch wo es sich um die Gemeindeältesten handelt, so ist der Hintergrund dieses Prinzips doch der gewöhnliche Brauch in der erweiterten Familie. Deshalb gehört dieser Vers in die Kategorie der familiären Beziehungen (die sich in der Gemeinde fortsetzen), nicht der „institutionellen“.

Dasselbe beobachten wir, wenn wir den Gebrauch des griechischen Wortes „hypakoúo“ (gehorchen) untersuchen. Die grosse Mehrheit der entsprechenden Stellen sprechen vom Gehorsam Gott und seinem Wort gegenüber. Die übrigen beziehen sich alle auf innerfamiliäre Beziehungen:

– Sarah gehorchte ihrem Mann Abraham (1.Petrus 3,6).

– Kinder sollen ihren Eltern gehorchen (Epheser 6,1, Kolosser 3,20).

– Sklaven sollen ihren Herren gehorchen (Epheser 6,5, Kolosser 3,22).

Es gibt keine neutestamentliche Stelle, wo das Wort „hypakoúo“ den Gehorsam gegenüber einem Leiter in der Gemeinde bezeichnen würde.

Einige zitieren Hebräer 13,17, um einen „Gehorsam“ gegenüber Gemeindeleitern oder „Pastoren“ zu begründen. Leider wird dieser Vers in einigen Bibelübersetzungen ungenau oder irreführend übersetzt. Im griechischen Original steht hier weder das Wort „hypotássomai“ (sich unterordnen) noch das Wort „hypakoúo“ (gehorchen). Stattdessen befinden sich hier zwei andere Worte von wesentlich schwächerer Bedeutung: „peíthomai“ =“sich (freiwillig) überzeugen lassen“, und „hypeíko“= „nachgeben“. Eine genauere Übersetzung wäre: „Lasst euch von euren Leitern überzeugen und gebt ihnen nach, denn sie wachen zum Besten eurer Seelen …“

Das Neue Testament verwendet also recht viele Worte darauf, die „richtige Ordnung“ in den Familienbeziehungen darzulegen; aber es sagt beinahe nichts über eine derartige „Unterordnungsstruktur“ in der christlichen Gemeinde!

Wir finden ausserdem im Zusammenhang mit den bereits zitierten Stellen zwei Verse, die sagen: „Ordnet euch einander unter“ (Epheser 5,21, 1.Petrus 5,5). Die „Unterordnungsstrukturen“, die wir bis jetzt betrachtet haben, sind also nicht absolut. Sie müssen eingebettet sein in eine Umgebung von gegenseitigem Respekt und Unterordnung – sowohl in der Familie als auch in der Gemeinde.

Wir kommen also zu folgendem Schluss:

Die Unterordnung in der Gemeinde des Herrn soll nicht als Ausdruck einer hierarchischen und künstlichen Struktur verstanden werden, wie es z.B. in den Institutionen des Staates der Fall ist. In der Gemeinde ist die Unterordnung vielmehr eine natürliche Folge der familiären Beziehungen, die in den Kern- und erweiterten Familien existieren. Aus biblischer Sicht besteht in den Familien eine viel stärkere und wichtigere „Unterordnungsstruktur“ als in der Gemeinde. Diese Familienstrukturen sind der natürliche Ursprung der Ältestenschaft in der Gemeinde, und sie sind auch der Ursprung des Respekts und der Unterordnung, die freiwillig den Ältesten als weisen und reifen Vätern im Herrn entgegengebracht werden.
Jene Personen, die würdig sind, dass man sich ihnen auf diese Weise unterordnet, unterscheiden sich nicht durch ein definiertes „Amt“ oder eine „Position“, sondern dadurch, dass sie sich freiwillig „zum Dienst für die Heiligen gesetzt haben“ (1.Korinther 16,15-16), und dass sie als solche von der Gemeinde anerkannt wurden. All das ist eingebettet in die gegenseitige Unterordnung, die allen Gliedern der Familie Gottes entgegengebracht wird, unabhängig von ihrer Funktion in der Gemeinde oder Familie.

Im Licht der neutestamentlichen Lehre sollte jedem Leiter misstraut werden, der Unterordnung unter seine Person einfordert; und insbesondere dann, wenn diese Unterordnung kollidiert mit den von Gott eingesetzten familiären Beziehungen zwischen Ehepartnern oder zwischen Eltern und Kindern.

Die neutestamentliche Gemeinde als "Familie Gottes" – Teil 4

24. September 2019

Plurale Ältestenschaft

Soweit wir Informationen über Gemeindestrukturen haben, wurde keine im Neuen Testament beschriebene Gemeinde von einer einzigen Person geleitet. Überall finden wir ein Team von mehreren Personen, die gemeinsam die Verantwortung für die Gemeinde wahrnahmen:
– Jerusalem: die elf Apostel.
– Antiochien: fünf „Propheten und Lehrer“ (Apg.13,1)
– Die ersten von Paulus gegründeten Gemeinden: Älteste (Apg. 14:23)
– Ephesus: Älteste (Apg. 20,17)
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“ (Epheser 4,11)
– Philippi: „Aufseher und Diener“ (Philipper 1,1)
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Leiter“ oder „Vorsteher“ (Hebräer 13,7.17.24)
– Die Gemeinden im allgemeinen: Älteste (Titus 1,5, Jakobus 5,14, 1.Petrus 5,1)

Ein evangelikaler „Pastor“ antwortete mir einmal, in 1.Timotheus 3,2 stehe „der Bischof“ im Singular: „Der Aufseher („Bischof“) soll untadelig sein, Mann einer einzigen Frau, …“ (usw.) Ja, aber hier wird die Einzahl repräsentativ für alle Aufseher verwendet. Das ist so, wie wenn eine Anweisung lautet: „Der Feuerwehrmann hält sich ständig bereit“; damit soll auch nicht ausgesagt werden, die Feuerwehr bestünde nur aus einem einzigen Feuerwehrmann.

Die Verantwortung mit mehreren Ältesten zu teilen, hat verschiedene Vorteile:

  • Ein Ältestenteam wird eher die Notwendigkeit verspüren, Gott ernsthaft zu suchen, um zu einmütigen Entscheidungen nach dem Willen Gottes zu kommen. „Wo viele Ratgeber sind, herrscht Sicherheit“ (Sprüche 11,14).
  • Die Gefahr ist geringer, dass einer der Ältesten anfängt, seine Macht auf autoritäre Weise zu missbrauchen.
  • In einem Team gibt es eine grössere Vielfalt an geistlichen Gaben. Das ist nötig für die gesunde Auferbauung der Gemeinde.

Man vergleiche die folgenden Stellen miteinander: Apg.20,17.28, 1.Petrus 5,1-3, Titus 1,5-7. Wir stellen fest, dass die „Aufseher“ („Bischöfe“) mit den Ältesten identisch sind, und dass auch das „Weiden“ (Hirtendienst, „Pfarramt“) eine Funktion der Ältesten ist. In der neutestamentlichen Gemeinde gibt es also keine „Pastoren über Ältesten“, keine „Bischöfe über Pastoren“, und keine „Bischöfe über Ältesten“. Verantwortlich für die örtliche Gemeinde waren die Ältesten (im Plural). Punkt.

Schwierige Zeiten für Schweizer Homeschooler?

18. September 2019

Betrübt stelle ich bei einem Blick auf meine ehemalige Heimat fest, dass auch dort offenbar das Recht der Eltern, ihre Kinder zu erziehen, immer stärker unter Beschuss gerät. Gemäss einer kürzlichen Pressemitteilung (Basler Zeitung vom 16.September) hat das Schweizer Bundesgericht dem Kanton Basel-Stadt recht gegeben, der einem Elternpaar verboten hatte, ihr Kind zuhause zu unterrichten. Dies offenbar nicht, weil die Eltern dazu nicht in der Lage wären, sondern lediglich aus bürokratischer Prinzipienreiterei.
Nun urteilte das Bundesgericht, „weder internationales noch Bundesrecht begründen einen Anspruch auf Unterricht in den eigenen vier Wänden“. Dies in klarem Widerspruch gegen die Universelle Erklärung der Menschenrechte, welche in Art.26.3 den Eltern das Recht zuspricht, über die Art der Erziehung und Bildung zu entscheiden, die ihren Kindern zuteil werden soll. Der Artikel in der „Basler Zeitung“ zitiert dazu Willi Villiger, den Präsidenten des Vereins „Bildung zu Hause“. Dieser erklärt, das Bundesgericht setze sich mit diesem Urteil auch über den Geist der Bundesverfassung hinweg. „Bei der Totalrevision von 1874 habe der Verfassungsgeber bewusst nur den Unterricht für obligatorisch erklärt, nicht den Volksschulunterricht – dies mit Rücksicht auf die konservativen Kantone, die eine unbotmässige Beeinflussung ihrer Kinder in der staatlichen Schule befürchteten. ‚Deshalb gibt es bei uns in der Schweiz keinen Schulbesuchszwang wie etwa in Deutschland‘, sagt Villiger.“

Entgegen dieser klaren Rechtslage möchten nun anscheinend auch die Schweizer Bundesrichter, ebenso wie die deutschen, einen rechtlich nicht existierenden Schulbesuchszwang auf juristischem Weg konstruieren. Besonders befremdlich daran ist, dass das Bundesgericht dabei mit dem „Kindeswohl“ argumentiert: „Das elterliche Erziehungsrecht ist ohnehin ein fremdnütziges, durch das Kindeswohl begründetes und begrenztes Pflichtrecht (…)“ (Was ist ein „Pflichtrecht“? Der Ausdruck könnte direkt aus Orwells „1984“ stammen.) Die Schule sei „nicht Selbstzweck, sondern im Interesse der Kinder“, sodass „der Schulbesuch deshalb auch gegen den Willen der Eltern durchgesetzt werden könne.“
Befremdlich ist diese Argumentation, weil im vorliegenden Fall gerade das Kindeswohl den Ausschlag gegeben hat zur Entscheidung der Eltern, ihr Kind aus der Schule zu nehmen. Wie der Presseartikel informiert, hat das zehnjährige Kind bereits in zwei Schulen Probleme gehabt. „Schule und Behörden seien nicht richtig mit der Hochbegabung ihres Sohnes umgegangen, kritisierte die Mutter“; ein neuerlicher Schulwechsel sei nicht zumutbar. Wer ist besser in der Lage zu entscheiden, was dem Kindeswohl nützt: die Eltern, die ihm nahestehen und es persönlich kennen, oder ein unpersönliches, institutionalisiertes Schulsystem, das notorischerweise schlecht zurechtkommt mit Kindern, die in irgendeiner Art von der „Norm“ abweichen? Die Behauptung, Menschen müssten „zu ihrem eigenen Wohl“ einschneidenden Zwangsmassnahmen unterworfen werden, ist Ausdruck einer totalitären und diktatorischen Gesinnung, wie sie ansonsten in der Schweiz verpönt ist.

Eine wichtige Information habe ich vergebens in dem Artikel gesucht: Was sagt das betroffene Kind selber dazu? Anscheinend ist es nicht um seine Meinung gefragt worden. Wie kann ein Gericht sich anmassen, über das angebliche „Wohl“ eines Kindes zu bestimmen, ohne dessen eigene Meinung überhaupt zu berücksichtigen?
Das wenigstens ist in einigen Teilen Deutschlands inzwischen erkannt worden. Das neuerliche Verfahren gegen die Familie Wunderlich ist von der zuständigen Richterin eingestellt worden, nachdem sie bei einer getrennten Anhörung sowohl der Eltern als auch der Kinder keinerlei Anzeichen einer Gefährdung des Kindeswohls feststellte.

Die Art und Weise, wie ein Land mit seinen „Homeschoolern“ umgeht, ist immer auch ein Indikator für das allgemeine Mass an Freiheit und Rechtsstaatlichkeit in dem betreffenden Land. Gemäss diesem Indikator hat nun anscheinend auch in der Schweiz eine Abkehr von einer freiheitlichen und rechtsstaatlichen Grundordnung begonnen. Schule wird jeweils dort mit Zwang durchgesetzt, wo man sie als ein Instrument zur ideologischen Indoktrinierung und obrigkeitlichen Bevormundung eines Volkes sieht. Das ist schon bei den ersten Zwangsschulsystemen zu beobachten, von denen die Geschichte berichtet:
– Nebukadnezar, der König von Babylonien, liess die jugendlichen Adligen der eroberten Völker an seinen Hof bringen, wo sie zur babylonischen Kultur und Religion umerzogen wurden. So zu abhängigen Gefolgsleuten gemacht, wurden sie als Regierungsbeamte in ihre Heimat zurückgeschickt, wo sie ihre eigenen Landsleute nun im babylonischen Sinn und Geist regierten. Anscheinend eine effektive Art und Weise, sich andere Völker zu unterwerfen und unter dem Deckmantel der Eigenverwaltung eine Fremdherrschaft zu errichten.
– Im alten Sparta wurden Jungen im Alter von sieben Jahren den Eltern weggenommen und in eine Art militärisches Erziehungslager gesteckt. Das Ziel der spartanischen Schule bestand darin, starke, unerschrockene und gehorsame Soldaten für den Krieg heranzubilden. (Dasselbe Ziel lag dem deutschen Schulsystem zugrunde, das auf die preussische Militärdiktatur des 18.Jahrhunderts zurückgeht, und das im wesentlichen bis heute die Grundlage der meisten staatlichen Schulsysteme weltweit bildet, wie John Taylor Gatto in einer gründlichen historischen Untersuchung festgestellt hat.) Das spartanische Ziel ist aber anscheinend nicht erreicht worden: Trotz (oder wegen?) dieses Zwangssystems war Sparta dem – damals noch freiheitlichen – Athen unterlegen.

Schweizer Homeschooler haben in der gegenwärtigen Situation zum Glück noch eine Chance: Das Schulwesen unterliegt voll und ganz der Hoheit der Kantone. Das Bundesgericht kann deshalb nicht direkt Kinder zum Schulbesuch verpflichten. Auch im vorliegenden Fall hat es lediglich das Recht des Kantons Basel-Stadt gestützt, eine solche Verpflichtung auszusprechen. Eine Instanz des Bundes kann aber nicht z.B. die Regierung eines freiheitlicheren Kantons zwingen, das Homeschooling einer strengeren Regelung zu unterwerfen. Bleibt zu hoffen, dass es weiterhin solche freiheitlichen Kantone geben wird, wohin bedrängte Homeschooler ausweichen können. Dennoch ist die kürzlich zum Ausdruck gebrachte Haltung des Bundesgerichts ein sehr bedenkliches Zeichen.

Demokratieverständnis in Perú und in Europa

13. September 2019

Letztes Jahr ist bei einer Volksabstimmung in Perú eine Verfassungsreform gutgeheissen worden, die v.a. für mehr Transparenz und Gerechtigkeit bei Wahlen sorgen soll. Eingeführt worden ist diese Reform aber bisher nicht, weil das Parlament zuerst darüber befinden muss, ob und wie diese Reform verwirklicht werden soll. Dabei sind alle möglichen Änderungs- bzw. Verwässerungsvorschläge eingebracht worden, und die Debatten darüber sind immer wieder verschleppt worden. Der politischen Elite ist anscheinend viel daran gelegen, diese Reformen zunichte zu machen, oder sie zumindest so weit hinauszuzögern, dass die nächsten Parlamentswahlen noch unter der alten Gesetzgebung abgehalten werden müssen.

Für mich als Schweizer ist ein solches System nicht so leicht nachvollziehbar. Nach dem schweizerischen Verständnis bedeutet Demokratie („Volksherrschaft“), dass das Volk das letzte Wort hat. Ergebnisse einer Volksabstimmung werden ohne Wenn und Aber umgesetzt, da hat das Parlament nichts mehr zu sagen. Ausser eine Abstimmung sei durch falsche Informationen behördlicherseits manipuliert worden, wie in einem nicht so lange zurückliegeden Fall (meines Wissens erstmals) in der Schweiz gerichtlich entschieden wurde.

Ein möglicher Ausweg bleibt der peruanischen Regierung noch: Wenn erwiesenermassen das Parlament den Auftrag der Exekutive sabotiert, dann kann unter gewissen Umständen der Staatspräsident das Parlament auflösen. Doch die Verfassung macht ihm das nicht leicht; es müssen dazu eine ganze Menge Bedingungen erfüllt sein. Andererseits haben Umfragen ergeben, dass in der gegenwärtigen Situation eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung eine solche Massnahme gutheissen würde. Immer wieder finden Streiks und Protestaktionen statt, bei denen zur Auflösung des Parlaments aufgerufen wird.

An all das musste ich denken, als ich kürzlich von den Entrüstungsstürmen las, die Boris Johnson ausgelöst haben soll mit seiner Entscheidung, das britische Parlament – nicht aufzulösen, nur für ein paar Wochen zu schliessen. Die Situation ist durchaus mit der peruanischen vergleichbar. Der Brexit ist nach demokratischen Massstäben eine beschlossene Sache; das Volk hat entschieden. Doch das Parlament hat bisher die Inkraftsetzung dieses Beschlusses erfolgreich verhindert. Auch wenn einige Snobs wie Richard Dawkins verlauten liessen, man hätte das tumbe Volk gar nicht über eine so hochwichtige Sache abstimmen lassen dürfen – so weit ist England noch nicht, dass selbsternannte Wissenschaftspäpste die Regierung in der Tasche hätten wie im Mittelalter die Päpste von Rom. (Deutschland scheint in dieser Hinsicht „weiter“ zu sein. Wann gab es dort zum letzten Mal eine Volksabstimmung?)

Man mag manche Einwände gegen demokratische Regierungsformen an sich vorbringen. Aber wenn ein Land einmal entschieden hat, sich demokratisch zu regieren, dann müssen die Regierenden sich an diese Spielregeln halten. Auch gewählte „Volksvertreter“ können einen Volksbeschluss nicht einfach annullieren. Und die Exekutive hat in einer Demokratie den Auftrag, den Willen des Volkes in die Tat umzusetzen, gegen alle Widerstände – selbst wenn diese Widerstände vom Parlament kommen. Deshalb ist „Demokratie“ gerade dasjenige Argument, das man nicht gegen Boris Johnson ins Feld führen kann. Im Gegenteil, er hat das Demokratischste getan, was er in seiner Situation tun konnte: nämlich dem Volkswillen Geltung zu verschaffen (oder es zumindest zu versuchen). Die Reaktion von Parlament und Presse zeigt, dass Europa anscheinend noch (oder wieder) weiter entfernt ist von einem echten Demokratieverständnis als Perú.

David Livingstone – auch ein christlicher Aussteiger? – Teil 2

28. August 2019

Im ersten Teil haben wir betrachtet, wie Livingstone in seiner Missionstätigkeit ein „nicht-institutionelles“ Gemeindemodell vertrat und lebte. Ist es mehr als ein Zufall, dass sein Name übersetzt „lebendiger Stein“ bedeutet? In 1.Petrus 2,4-5 heisst es: „Tretet hinzu zu ihm (Jesus), dem lebendigen Stein, von den Menschen zwar verworfen, von Gott aber auserwählt und wertgeschätzt; und lasst auch euch selber als lebendige Steine aufbauen zu einem geistlichen Haus, einer heiligen Priesterschaft…“ – Livingstone hat nie eine „Kirche“ aus toten Steinen gebaut; aber er liess sich als „lebendiger Stein“ da einsetzen, wo Gott ihn haben wollte. Das entsprach nicht immer dem Willen der Vertreter irdischer Institutionen und Kirchen.
Englische Expeditionsgefährten, die ihn eine Zeitlang begleiteten, beschrieben ihn als eigensinnig, unberechenbar, und als einen „höchst unzuverlässigen Leiter“. Sie zweifelten sogar daran, ob er noch bei Verstand sei. Eine Beurteilung, die auch anderen „lebendigen Steinen“ vor und nach ihm zuteil geworden ist.

1857 trennte sich Livingstone von der London Missionary Society (LMS), und unternahm seine nächste Expedition mit Unterstützung der Royal Geographical Society und der englischen Regierung. Über die Hintergründe der Trennung gibt es widersprüchliche Versionen. Einige Biographen schreiben, nachdem Livingstone hauptsächlich zu einem Entdecker geworden war, fühlte er sich nicht mehr berechtigt, von einer Missionsgesellschaft unterstützt zu werden, und sei deshalb aus eigenem Entschluss zurückgetreten. Ähnlich Thomas Hughes (1889):
„Durch die Veröffentlichung seines Buches war er plötzlich zu einem reichen Mann geworden. Deswegen, und weil er zum Konsul für die afrikanische Westküste ernannt worden war, (…) beschloss er nach langem Überlegen, von der London Missionary Society zurückzutreten. Sie trennten sich sehr freundschaftlich, obwohl sein Handeln in der (sogenannten) religiösen Presse missverstanden und scharf kritisiert wurde.“

Andere Versionen sprechen jedoch von persönlichen und sachlichen Differenzen. So im englischsprachigen Wikipedia-Artikel:
„Livingstone hatte sich der Missionsleitung gegenüber beklagt über deren Politik, zu viele Missionare in der Gegend am Kap zu konzentrieren, obwohl die einheimische Bevölkerung dort gering war (Blaikie). (…) In Quelimane erhielt Livingstone einen Brief von der Leitung der Missionsgesellschaft, in welchem sie ihm zu der vollbrachten Reise gratulierten, aber gleichzeitig sagten, die Leitung sei ‚limitiert in ihrer Vollmacht, Pläne zu unterstützen, die nur ganz entfernt mit der Ausbreitung des Evangeliums zu tun haben‘ (Tim Jeal 2013).“

Livingstone selber sah sich bis an sein Lebensende als ein von Gott beauftragter Missionar. Mit seinen Reisegefährten und Helfern hielt er tägliche Andachten (die aber zu keiner weiteren Bekehrung mehr führten). Seine Entdeckungsreisen sah er nur als ein Mittel zum Zweck, weitere Missionare in das zuvor unerforschte Innere Afrikas bringen zu können. Darin sah er seinen eigentlichen Beitrag zum Missionsauftrag und seine eigentliche Berufung – während offenbar Setschele dazu ausersehen war, die direkte Missionsarbeit zu leisten, die Livingstone anfangs selber tun wollte. (Siehe Teil 1.)

Silvester Horne (1916) beurteilt seine Trennung von der LMS folgendermassen:

„Da Livingstone glaubte, es sei seine Lebensaufgabe, das Innere dieses grossen Landes zu erschliessen, fühlte er sich verpflichtet, von der LMS zurückzutreten, da einige ihrer Unterstützer nicht mit dieser Art von Arbeit einverstanden wären. Zugleich war er sehr besorgt um den Fortgang der Arbeit der Missionsgesellschaft, und fühlte sich verpflichtet, selber für einen Stellvertreter zu sorgen. Er kam mit seinem Schwager John Moffat überein, dass dieser als Missionar zu den Makololo ginge, und versprach ihm (…) ingesamt eine Summe von 1400 Pfund.
Seine eigene Zukunft war bestimmt durch die Ernennung zum Konsul in Quelimane, und zum Leiter einer Expedition zur Erforschung von Ost- und Zentralafrika. (…)
Es wird immer einige Menschen geben – Opfer einer Theorie, die das Leben in wasserdichte Abteilungen unterteilt -, die argumentieren, jemand könne kein Diener Gottes oder Missionar sein, wenn er zugleich etwas anderes ist. Diese Menschen glauben, wenn jemand zu einem Entdecker werde, dann höre er auf, ein Missionar zu sein. Konsequenterweise müssten sie glauben, dass Paulus aufhörte, ein Apostel zu sein, als er als Zeltmacher arbeitete (…) Livingstone betrachtete alle seine Arbeit als heilig, weil er sie zur Ehre Gottes und zum Besten der Menschheit tat. Die Ziele, die er gegen sein Lebensende verfolgte, waren im wesentlichen dieselben wie zuvor: das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit.“

Aus dieser Perspektive gesehen, war Livingstone nicht nur aus einer Institution ausgetreten. Er war zugleich aus einer institutionellen Weltanschauung „ausgestiegen“ bezüglich der Frage, was unter „Gott dienen“ zu verstehen sei. Ist nur der institutionell anerkannte „Pastor“ oder „Missionar“ ein Diener Gottes? – oder auch der Entdecker, der nachkommenden Missionaren den Weg öffnen will, der seinen Reisebegleitern mit Wort und Tat das Evangelium bezeugt, und der aus christlicher Überzeugung gegen den Sklavenhandel kämpft?

U.a. ging es dabei auch um die Frage, was wichtiger ist: die persönliche Berufung, die Gott einem Menschen gegeben hat, oder die institutionellen Vorgaben irdischer Vorgesetzter, z.B. einer Missionsgesellschaft? In einer Firma, die weltliche Interessen verfolgt, gelten die Mitarbeiter als Untergebene des Chefs und müssen, was ihre Arbeit anbelangt, den Anweisungen des Chefs folgen. Im Reich Gottes dagegen gibt es nur einen einzigen „Chef“, der Herr selber, „und ihr alle seid Brüder“ (Matth.23,8). Im „Leib Christi“ sind wir alle unterschiedliche Glieder unter einem einzigen Haupt (1.Kor.12,18-27, Kol.2,18-19); und die Glieder erteilen einander keine Befehle. In einer Vereinigung, die sich der Ausbreitung des Reiches Gottes verpflichtet hat, ist deshalb zu erwarten, dass die persönliche Berufung jedes einzelnen respektiert und wertgeschätzt wird. (Im Falle der LMS sollte erwähnt werden, dass sie dies Livingstone gegenüber bis vor seiner Ganz-Durchquerung des afrikanischen Kontinents auch getan hat. Die Leitung der Missionsgesellschaft liess ihm volle Freiheit bei der Wahl seines jeweiligen Wohn- und Arbeitsortes, seiner Reisepläne, usw.)

Leider muss ich beobachten, dass heutzutage in vielen freikirchlichen Kreisen nicht nur Missionsleiter, sondern auch örtliche Gemeindeleiter ihren Mitarbeitern Vorschriften machen, die weit über das hinausgehen, was zur Funktion der jeweiligen Organisation gehört oder vom Wort Gottes vorgeschrieben wird. Es wird ihnen gesagt, wo sie wohnen sollen, was sie arbeiten sollen, sogar wen sie heiraten dürfen und wen nicht. Wenn sich Livingstone von seiner Missionsgesellschaft trennte, weil diese seine persönliche Berufung nicht mehr unterstützte, wieviel mehr Grund besteht dann, zum „Aussteiger“ zu werden, wenn religiöse Leiter, angeblich im Namen Gottes, ihr Mikromanagement über persönliche Entscheidungen durchsetzen wollen, die überhaupt nicht zum Kompetenzbereich dieser Leiter gehören?!

Wie in seinen Missionsmethoden (siehe Teil 1), so hat Livingstone auch in seinen persönlichen Entscheidungen gezeigt, dass ihm die persönliche Beziehung zu Gott wichtiger war als alle institutionellen Formen, Regeln und Beschränkungen. Und das, denke ich, ist das hervorstechendste Merkmal eines „christlichen Aussteigers“.