Funktionen der Ältesten in der Familie Gottes – Teil 5

21. Februar 2020

Die Rolle der Ältesten in den Zusammenkünften

Wenn die Familie Gottes zusammenkommt, dann „hat jeder etwas“ (1.Korinther 14,26). Es kann also nicht die Aufgabe der Ältesten sein, diese Zusammenkünfte zu beherrschen, indem sie die ganze Zeit sprechen. Viel wichtiger ist es, alle Glieder zu ermutigen und ihnen zu helfen, mitzuwirken mit den jeweiligen Gaben, die Gott ihnen gegeben hat. Die Ältesten sind also eher „Ermöglicher“ oder „Moderatoren“. Sie setzen ihre Weisheit dazu ein, jene zu bremsen, die zuviel sprechen wollen oder den Lauf der Versammlung beherrschen wollen; darüber zu wachen, dass alles „anständig und ordentlich“ geschieht (1.Korinther 14,40); zu prüfen, was gesagt wird (was u.U. bedeuten kann, Korrektur zu geben); und – das geht oft vergessen – die Schweigsamen und Schüchternen zu ermutigen und ihnen zu helfen, ebenfalls etwas beizutragen. – Zu angebrachten Gelegenheiten werden natürlich die Ältesten auch ein Wort der Lehre, der Weissagung, der Ermutigung, usw. beitragen, je nach ihren besonderen Gaben.

Die meisten Funktionen der Ältesten überschneiden sich mit den Funktionen, die von allen Gliedern ausgeübt werden. Z.B. das Lehren, Prüfen, Ermahnen, sind nicht ausschliesslich Funktionen der Ältesten. Alle Glieder sollen „einander lehren und ermahnen in aller Weisheit“ (Kolosser 3,16). Die Anweisung, „alles zu prüfen“, richtet sich an die gesamte Gemeinde (1.Thessalonicher 5,21). Die Glieder sollen „aufeinander achten“ (Hebräer 12,15). Sogar das „Richten“ ist in gewissem Masse eine Aufgabe der gesamten Gemeinde (1.Korinther 5,12; 6,2-3). Aber in all diesen Funktionen werden die Ältesten vorangehen, und werden sie mit grösserer Weisheit und Vollmacht ausüben.

Gastfreundschaft

Die Ältesten sollen auch „gastfreundlich“ sein (1.Timotheus 3,2, Titus 1,8). Gastfreundschaft ist ein Aspekt der „Einander“-Funktionen, die von allen Gliedern der Familie Gottes ausgeübt werden (1.Petrus 4,9). Aber wie in allen Aspekten des christlichen Lebens, sollen auch hier die Ältesten vorangehen. Die Gastfreundschaft ist in verschiedenen Formen wichtig für das gute Funktionieren der christlichen Gemeinschaft:

– Indem Familien ihre Häuser zur Verfügung stellen für die gemeinsamen Mahlzeiten der Familie Gottes, und die christliche Gemeinschaft im allgemeinen.
– Indem bedürftigen Geschwistern geholfen wird.
– Indem reisende Diener Gottes beherbergt werden.

Vielfalt in den Funktionen der Ältesten

Wir haben verschiedene Funktionen der Ältesten erwähnt: Hirtendienst, „Fürsorger“ oder „Aufseher“, Lehrdienst, Zurechtweisen oder Ermahnen, usw. Aber so wie es eine Vielfalt von Gaben und Funktionen gibt im gesamten Leib Christi, so gibt es auch eine Vielfalt von Gaben und Funktionen unter den Ältesten. Z.B. sagt Paulus: „Die Ältesten, die gut vorstehen, sollen doppelte Wertschätzung erhalten, vor allem jene, die hart arbeiten im Wort und in der Lehre.“ (1.Timotheus 5,17). Das bedeutet offensichtlich, dass nicht alle Ältesten lehren. Ebenso haben auch nicht alle Ältesten einen „Hirtendienst“. Andererseits werden einige Älteste sicher Gaben haben, die wir hier nicht erwähnt haben: Evangelisation; Weissagung; Verwaltung; Barmherzigkeit; usw. Im kleinen Rahmen der örtlichen christlichen Gemeinschaft üben die Ältesten dieselben Funktionen der Zurüstung aus, wie sie von den reisenden Dienern in einem grösseren Rahmen ausgeübt werden.

Gerade wegen dieser Unterschiedlichkeit von Gaben und Funktionen ist es nötig, dass es in einer örtlichen Gemeinde mehrere Älteste gibt. So ergänzen sie einander, und gemeinsam üben sie alle die eigentlichen Funktionen der Ältestenschaft aus.

Deshalb finden wir im Neuen Testament keine festgesetzte Liste von „Zuständigkeiten“ oder „Funktionen“ eines Ältesten. Es ist nicht Gottes Plan, alle Ältesten über einen Leisten zu schlagen. Die vorliegende Reihe von Betrachtungen sollte auch nicht in diesem Sinn verstanden werden. Wir haben einige Punkte aufgezählt, die zum Dienst eines Ältesten gehören können; und wir haben gezeigt, dass diese Aspekte keine besonderen „Ämter“ darstellen. (Z.B. gibt es im Neuen Testament kein spezifisches „Bischofs-“ oder „Pfarramt“.) Aber jeder Älteste hat seine besondere Berufung und seine besonderen von Gott gegebenen Gaben, und wird dieser Berufung und diesen Gaben gemäss dienen, und im Team mit den anderen Ältesten seines Wohnortes.

Funktionen der Ältesten in der Familie Gottes – Teil 4

4. Februar 2020

Belehrung

Nach 1.Timotheus 3,2 sollen die „Aufseher/Fürsorger“ (Ältesten) „didaktisch“ sein, d.h. fähig, andere zu lehren. Und in Titus 1,9 heisst es: „… und er soll das vertrauenswürdige Wort festhalten nach der Lehre, damit er auch fähig sei, mit der gesunden Lehre zu ermutigen, …“ Die „gesunde Lehre“ ist also die Lehre, die dem Wort Gottes gemäss ist. „Festhalten“ bedeutet nicht nur Kenntnisse davon zu haben. Vor allem sollte ein Ältester der Gemeinde selber dem Wort Gottes unterstellt sein als seiner obersten Autorität, sowohl in dem, was er lehrt, als auch in seiner Lebensweise. Ein Ältester muss also eine höchst integre Person sein, denn sein Leben muss mit seiner Lehre übereinstimmen.

Ein Ältester ist normalerweise kein „Lehrer“ im eigentlichen (biblischen) Sinn des Wortes. Dennoch wird von ihm erwartet, dass seine Lehre geistlich sei und nicht nur intellektuell.

Andererseits haben nicht alle Ältesten einen ausgesprochenen Lehrdienst; und auch jene, die ihn haben, sollten mit ihren Lehrbeiträgen die Versammlungen nicht dominieren, weil sie sonst verhindern, dass auch die anderen Glieder mit ihren jeweiligen Gaben mitwirken. Vergessen wir nicht, dass Gott seinen Heiligen Geist allen seinen Kindern gegeben hat, sodass alle in der Lage sind, sein Wort zu verstehen und von ihm direkt gelehrt zu werden: „Und die Salbung, die ihr von ihm erhalten habt, bleibt in euch, und ihr habt es nicht nötig, dass jemand euch lehrt, sondern wie die Salbung selber euch über alles belehrt …“ (1.Johannes 2,27) In einer Gemeinschaft von echten Nachfolgern Jesu besteht also keine so grosse Notwendigkeit von Lehrvorträgen, wie die Praxis der herkömmlichen Gemeinden uns glauben machen will. Älteste sollten also ihre Lehre auf jene wesentlichen Punkte beschränken, die wirklich wichtig sind, die von anderen Gliedern nicht so einfach verstanden werden oder selber entdeckt werden können, oder über die Gott dem jeweiligen Ältesten ein besonderes Verständnis gegeben hat und damit auch eine besondere Vollmacht, darüber zu lehren. Wir können davon ausgehen, dass Gott jedem Ältesten ein besonderes Verständnis über bestimmte (je besondere) Punkte gegeben hat; das sind die Punkte, die er lehren sollte, falls sie wichtig sind.

Wir sollten auch nicht denken, dass der Lehrdienst der Ältesten ausschliesslich in Versammlungen stattfinden sollte. Wir haben bereits gesehen, dass die ersten Christen normalerweise nicht zu „Lehrveranstaltungen“ zusammenkamen. Der Lehrdienst der Ältesten wird noch mehr in persönlichen Gesprächen, in der Seelsorge und Beratung, beim Lösen praktischer Situationen, usw. zum Tragen kommen.
Auch Paulus, der Apostel war und manchmal zu grossen Versammlungen sprach, lehrte selten in Form von Vorträgen. Viel öfter heisst es, dass er mit den Jüngern „einen Dialog führte“. (So z.B. in Apg.17,17; 19,8-9; 20,7-9 u.a, nach dem Urtext.)

Und wie steht es mit dem „Predigen“? – Das ist ein weiterer „traditioneller“ Begriff, der unser Verständnis der Bibel verdunkelt. Das ursprüngliche griechische Wort ist „kärysso“ und bedeutet die Tätigkeit eines Herolds. Früher waren die Herolde die offiziellen Sprecher oder Verkündiger des Königs bzw. der Regierung. Wenn der König ein Gesetz oder eine Anordnung erliess, dann schickte er seine Herolde aus, um den Erlass auf den öffentlichen Plätzen zu verkündigen. Diese Herolde durften natürlich keine eigenen Ankündigungen erfinden. Sie mussten wörtlich verkünden, was der König ihnen aufgetragen hatte, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzulassen. Dieser Heroldsdienst hat nichts damit zu tun, was heutige Kirchen unter „Predigen“ verstehen.
Im Neuen Testament wird dieses Wort „kärysso“ („herolden“) ausschliesslich für die öffentliche Verkündigung des Evangeliums an „Aussenstehende“ verwendet; d.h. an jene, die noch keine Nachfolger von Jesus sind. Das war hauptsächlich die Aufgabe der Apostel und der Evangelisten. Sie sind die vom König eigens beauftragten „Herolde“, um seine Erlasse öffentlich in der ganzen Welt zu verkünden. Dieses „Predigen“ geschah also nicht in den Versammlungen der Christen, denn diese kannten ja den Inhalt der Ankündigung bereits. Verwenden wir also dieses Wort nicht im Zusammenhang mit Zusammenkünften der Familie Gottes.

Unterkühltes Wasser

18. Januar 2020

In einem alten Eintrag berichtete ich über ein Experiment mit einer unterkühlten Flüssigkeit. Durch Zufall haben wir herausgefunden, dass man einen Aspekt jenes Experimentes auch mit gewöhnlichem Wasser beobachten kann, nämlich die Kristallisation einer unterkühlten Flüssigkeit. Nur tritt dabei keine spektakuläre Erwärmung ein wie im Fall der Natriumacetatlösung.

Wir legen jeweils transparente Flaschen voll Wasser auf ein Wellblechdach im Freien, damit es durch das Sonnenlicht desinfiziert wird („SODIS“-Methode). Die Flaschen bleiben über Nacht draussen, auch im Winter, wenn es gefriert. (Im hiesigen Hochlandklima haben wir auch dann tagsüber sehr intensive Sonneneinstrahlung.)
An einem kalten Morgen holten wir eine solche Flasche ins Haus und begannen Wasser daraus in ein Glas zu giessen. Das Wasser in der Flasche war nicht gefroren; aber sobald es ausfloss, begannen sich in der Flasche Eiskristalle zu bilden, bis sie ganz voll Eis war. Man kann den Prozess auch durch Umrühren mit einem Löffel auslösen; oder durch Schütteln der geschlossenen Flasche, sofern sich etwas Luft darin befindet.
Das Wasser in der Flasche war also offenbar unterkühlt gewesen. D.h. seine Temperatur lag mehrere Grade unter dem Gefrierpunkt, und es war trotzdem in flüssigem Zustand geblieben.

Hier haben wir eine Flasche mit solch unterkühltem Wasser:

Flasche mit Wasser

Der folgende Filmausschnitt zeigt den Kristallisationsvorgang: (Das Video braucht evtl. längere Zeit zum Laden.)

Kristallisation

Und hier das Ergebnis:

Wasser gefroren

Ich nehme an, dass das Experiment auch unter anderen klimatischen Bedingungen durchgeführt werden kann (z.B. im Gefrierfach des Kühlschranks). Es müssten dazu aber wahrscheinlich folgende Bedingungen erfüllt sein:
– Die Flasche sollte möglichst keine Luft enthalten.
– Sie muss während des Kühlvorgangs vollständig ruhig liegen.
– Die Kühltemperatur sollte nicht allzu kalt sein. Im Klima unserer Gegend sinkt die Temperatur nachts jeweils von etwa 10 Grad über Null (beim Einnachten) auf etwa 4 bis 7 Grad unter Null (frühmorgens). Das Wasser ist also während etwa acht Stunden einem mässigen Frost ausgesetzt.

Annähernd gekürzt: Nähere Hinweise zur Zusatzfrage 5

26. Dezember 2019

Niveau: Einfach bis mittelschwer (ca.5. bis 9.Schuljahr)

Dies ist ein Beispiel eines alternativen Zugangs zum Mathematiklernen. Aufgaben in der Art dieser Artikelserie finden sich in diesem Buch zum mathematischen Forschen und Selber-Entdecken.Weitere Informationen hier.

Achtung: Dies ist die zweite Folge von näheren Hinweisen und Lösungsansätzen zu dieser Forschungsaufgabe. Dieser Artikel wird also nicht viel Sinn machen, wenn du nicht zuerst die ursprüngliche Problemstellung gelesen hast, und wenn möglich selber versucht hast, die Antworten zu finden. Selber denken macht schlau!
– Falls du dies bereits getan hast, aber zur Zusatzfrage noch Zweifel hast, dann hoffe ich, dass dir die folgenden Hinweise Gewinn bringen.
– Der Artikel mit der Problembeschreibung enthält zusätzlich einige pädagogische Hinweise zum Sinn und Nutzen solcher Forschungsaufgaben.


Zur Zusatzfrage (5): Nehmen wir wiederum das erste Beispiel aus dem ursprünglichen Problem. Wir haben festgestellt, dass es darum geht, Vielfache von 10 und von 13 zu finden, die sich um 1 unterscheiden. Das kann man aber auch anders formulieren:
„Finde ein Vielfaches von 10, das beim Teilen durch 13 einen Rest von 1 oder von 12 ergibt.“
Oder auch: „Finde ein Vielfaches von 13, das beim Teilen durch 10 einen Rest von 1 oder von 9 ergibt.“
Überlege: Warum sind diese beiden Formulierungen gleichbedeutend? – Und warum zwei mögliche Reste?

Eine weitere entscheidende Beobachtung ist, dass sich die Vielfachen mit dieser Eigenschaft jeweils in Schritten von 10·13=130 wiederholen. Die erste Lösung mit der verlangten Eigenschaft war 39 und 40; weitere Lösungen wären demnach 169 und 170; 299 und 300; usw. – Überprüfe dies; und überlege, warum das so ist.
(Für das ursprüngliche Problem sind natürlich die weiteren Lösungen nicht sinnvoll, weil dadurch der Bruch „erweitert“ statt „gekürzt“ würde. Aber um die Antwort auf die Zusatzfrage zu verstehen, ist es hilfreich zu sehen, dass sich diese Lösungen periodisch wiederholen.)

Die Zahl 130 hat also eine besondere Bedeutung für die Lösungen des Problems, im Fall des Bruchs 10/13. Kannst du damit den Zusammenhang zwischen den beiden „besten“ Näherungen finden?
Wenn nicht, dann noch ein letzter Hinweis: Zeichne eine Zahlengerade von 0 bis 130, und zeichne darauf die Vielfachen von 10 und von 13 ein, die den Lösungen entsprechen. Du wirst eine interessante Symmetrie feststellen. Beschreibe diese Symmetrie mathematisch, und verallgemeinere sie für andere Zahlen. Wenn du zeigen kannst, dass diese Symmetrie für alle Probleme dieser Art gilt, dann hast du damit Stephans Behauptung bewiesen. Und natürlich kennst du dann auch sein „ganz einfaches“ Verfahren, die zweite Näherung zu finden.


Weitere Anmerkungen für Eltern und Lehrer:

Manche mathematischen Forschungen sind wie eine Wundertüte: Sie beginnen mit einer anscheinend ganz einfachen Fragestellung; aber dann stellt man unerwarteterweise fest, dass noch andere und fortgeschrittenere Dinge darinstecken. Das ist auch hier der Fall. Wir begannen mit einem relativ einfachen Problem, das lediglich Kenntnisse des Bruchrechnens verlangt. Aus dieser Perspektive dürften manche Elfjährige bereits in der Lage sein, erste Antworten auf die ersten beiden Fragen (und evtl. Frage 3) zu finden. Aber in den näheren Hinweisen zu jenen Fragen haben wir bereits gesehen, dass eine vollständige Erklärung der gemachten Beobachtungen zu weiteren Themen führt (die wir Elfjährigen normalerweise noch nicht zumuten sollten!). So könnte diese Forschungsarbeit für fortgeschrittenere Schüler u.a. als Sprungbrett dienen zur Einführung von Themen wie: Modulare Kongruenz und modulare Arithmetik; diophantische Gleichungen; Eigenschaften von teilerfremden Zahlen (Chinesischer Restsatz); usw. (Natürlich sind hierzu zumindest elementare Algebrakenntnisse Voraussetzung.)

Wir sehen hier auch, dass Schüler selbst beim Mathematiklernen nicht durchgängig nach Alters- bzw. Leistungsgruppen getrennt zu werden brauchen. Bei einer Aufgabe wie dieser können durchaus „Anfänger“ und „Fortgeschrittene“ zusammenarbeiten. Jeder hat die Möglichkeit, Entdeckungen zu machen, die seinem Verständnis gemäss sind. Und „Anfänger“ können sich an der ganz einfachen Entdeckung, dass Brüche „annähernd gleich“ sein können, ebenso freuen wie „Fortgeschrittene“ an der Entdeckung eines Beweises für ein zahlentheoretisches Gesetz.

Funktionen der Ältesten in der Familie Gottes – Teil 3

20. Dezember 2019

„Amtsträger“?

Wir haben zuvor gesehen, dass es in der neutestamentlichen Gemeinde keine „Pfarrer/Pastoren/Hirten“ und keine „Bischöfe“ als gesonderte Leitungsämter gab; beide Ausdrücke beschreiben im Neuen Testament Funktionen der Ältesten.
Einige mögen einwenden, dass das Neue Testament doch über das „geistliche Amt“ spricht. Aber das ist ein Übersetzungsproblem. In Wirklichkeit gibt es im Neuen Testament kein Wort, das „geistliches Amt“ o.ä. bedeutet. Wo in Bibelausgaben das Wort „Amt“ vorkommt, da handelt es sich in der Regel um die Übersetzung eines der griechischen Worte „diakonía“ oder „leitourgía“, die schlicht „Dienst“ bedeuten. Die meisten Bibelausgaben übersetzen diese Worte willkürlich an einigen Stellen als „Amt“ und an anderen Stellen als „Dienst“. In einem Vergleich zwischen zwei älteren Versionen, der Lutherbibel von 1912 und der Zürcher Übersetzung (Zwingli) von 1931, kommt diese Willkür klar zum Ausdruck:

Luther übersetzt „diakonía“ einmal als „dienen“, 7 mal als „Dienst“, 15 mal als „Amt“, 5 mal als „Handreichung“, einmal als „predigen“, und zweimal als „Steuer“.
Zwingli übersetzt „diakonía“ einmal als „Bedienung“, 25 mal als „Dienst“, zweimal als „Dienstleistung“, einmal als „Versorgung“, einmal als „Unterstützung“, einmal als „Hilfeleistung“, und nirgends als „Amt“.

Luther übersetzt „leitourgía“ zweimal als „Gottesdienst“, einmal als „dienen“, einmal als „Steuer“, und zweimal als „Amt“.
Zwingli übersetzt „leitourgía“ viermal als „Dienst“ oder „Dienstleistung“, einmal als „Gottesdienst“, einmal als „priesterliche Darbringung“, und nirgends als „Amt“.

Wenn wir eine zutreffendere Vorstellung davon gewinnen wollen, was der Text wirklich sagt, dann müssen wir konsequent „Amt“ durch „Dienst“ ersetzen, „ein Amt ausüben“ durch „dienen“, usw. Dann werden wir verstehen, dass diese Bibelstellen keine Grundlage bieten für „amtliche Vorrechte“, und auch nicht für eine Unterscheidung zwischen „Klerus“ und „Laien“. Und wir werden sehen, dass diese Stellen nicht viel beitragen zum Thema der Funktionen der Ältesten, ausser dass sie bestätigen, was wir bereits in einer früheren Betrachtung sagten: dass „Leiterschaft“ in der neutestamentlichen Gemeinde im wesentlichen Dienst ist.

Diese Verwirrung um „amtliche“ Begriffe ist eines der deutlichsten Beispiele dafür, wie die vom Katholizismus geerbte pfarrherrliche Organisation der Kirche unser Verständnis der Bibel so weit durcheinandergebracht hat, dass sogar viele Bibelübersetzungen dadurch Schlagseite bekommen haben. Unter dem Einfluss kirchlicher Traditionen haben Generationen von Bibellesern und -übersetzern in diese Bibelstellen etwas hineingelesen, was gar nicht da stand, nur weil sie von der Annahme ausgingen, diese Verse müssten ihren überkommenen Traditionen entsprechen.

(Eine ausführlichere Untersuchung und Wortstudien zu diesem Thema finden sich in der Artikelserie: „Das Neue Testament – Amtliche Version“.)

Nähere Hinweise und Zusatzfrage zur Forschungsaufgabe: Annähernd gekürzt

7. November 2019

Niveau: Einfach bis mittelschwer (ca.5. bis 9.Schuljahr)

Dies ist ein Beispiel eines alternativen Zugangs zum Mathematiklernen. Aufgaben in der Art dieser Artikelserie finden sich in diesem Buch zum mathematischen Forschen und Selber-Entdecken.

Weitere Informationen hier.

Dies ist die erste Folge von näheren Hinweisen und Lösungsansätzen zu dieser Forschungsaufgabe. Es lohnt sich, vor dem Lesen dieser Hinweise zuerst selber ein paar Stunden lang das gestellte Problem zu erforschen! – Der Artikel mit der Problembeschreibung enthält auch einige pädagogische Hinweise zum Sinn und Nutzen solcher Forschungsaufgaben.


Frage 1 sollte keine Hinweise benötigen; das ist eine einfache Bruchrechnungsaufgabe.

Zu Frage 2: Dies ist natürlich die Hauptfrage!
Ich gehe davon aus, dass du selber schon verschiedene annähernde Kürzungen gefunden hast, bevor du diese Hinweise zu Rate ziehst. (Andernfalls ist entweder die Aufgabe zu schwierig für dich, oder du hast noch nicht ernstlich mit Forschen angefangen.) Wenden wir uns daher zuerst dem zweiten Teil der Frage zu, mit deinen annähernden Kürzungen vor Augen:
Einerseits ist eine annähernde Kürzung "gut", wenn sie einen möglichst kleinen Fehler aufweist. Andererseits aber sollten Zähler und Nenner des neuen Bruchs möglichst klein sein. Du wirst festgestellt haben, dass da, wo es mehrere Möglichkeiten gibt, oft eine von ihnen den kleinsten Fehler aufweist, aber eine andere den kleinsten Zähler und Nenner hat. Um das Beispiel von Susi und Stephan zu nehmen: 10/13 ist auch annähernd 7/9. Bei dieser zweiten Näherung ist der Fehler kleiner (rechne!), aber Zähler und Nenner sind grösser als bei 3/4. Man könnte also diese beiden Näherungen als "gleich gut" bezeichnen.
Vergleichen wir damit die Näherung 4/5. Zähler und Nenner sind grösser als bei 3/4; und auch der Fehler ist grösser. Diese Näherung muss also als weniger gut bezeichnet werden als 3/4 und 7/9.
Wenn wir beide Kriterien zugleich berücksichtigen wollen, könnten wir die "Unvollkommenheit" einer Annäherung definieren als den Fehler multipliziert mit dem Nenner der Näherung. (Das ist eine ziemlich willkürliche Definition. Es ist aber praktischer, zum Multiplizieren den Nenner zu nehmen und nicht den Zähler. Überlege, warum.) Die besten Näherungen wären dann jene mit der geringsten "Unvollkommenheit". Im obigen Beispiel wirst du feststellen, dass 3/4 und 7/9 beide eine Unvollkommenheit von 1/13 haben; während 4/5 eine Unvollkommenheit von 2/13 hat. (Prüfe es nach!)

Nun zum ersten Teil der Frage: Wenn du jeweils die Fehler der "besten" Näherungen ausgerechnet hast, dann solltest du bereits die entscheidende Eigenschaft gefunden haben, die diese auszeichnet. Diese sollte dir helfen, auf relativ einfache Weise diese besten Näherungen zu finden. (Es gibt aber auch so keine ganz direkte Operation dafür!)
– Hast du diese Eigenschaft noch nicht gefunden? Dann pass auf, was beim Ausrechnen des Fehlers passiert; also der Differenz zwischen dem ursprünglichen Bruch und der Näherung:
10/133/4  =  10·4/13·413·3/13·4  =  1/52.
Der Fehler wird klein, weil die Differenz zwischen 10·4 und 13·3 genau 1 beträgt. Es geht also darum, Vielfache von 10 bzw. 13 zu finden, die sich um genau 1 unterscheiden.
Eine andere Frage ist nun, wie man solche Vielfache findet. Man kann es einfach ausprobieren, indem man die Folgen der Vielfachen von Zähler und Nenner miteinander vergleicht. Aber vielleicht kann man die Suche effizienter durchführen? Hier kannst du selber weiter forschen. Wir gelangen da in Bereiche der Zahlentheorie, die im normalen Schulunterricht selten zur Sprache kommen. (Für Neugierige: Das Thema hat damit zu tun, wie man den modularen Kehrwert einer Zahl findet.)

Zu Frage 3: Du weisst jetzt, was für Eigenschaften eine "beste" annähernde Kürzung hat. Was für Bedingungen müssen Zähler und Nenner eines Bruchs erfüllen, damit Zahlen mit diesen Eigenschaften überhaupt existieren? – Und wenn solche nicht existieren: Was können wir dann mit dem Bruch machen, anstelle einer "annähernden" Kürzung?
(Auch hier kommen wir wieder auf eine interessante Eigenschaft aus der Zahlentheorie!)

Zu Frage 4: Hier kannst du natürlich unbeschränkt weiterforschen und vom Hundertsten ins Tausendste kommen, bzw. von den Hundertsteln in die Tausendstel … Übe dich in der Kunst, interessante Fragen zu stellen!
Hier nur ein Beispiel, was man noch herausfinden könnte. Stephan, der Experte im annähernden Kürzen, behauptet: "Wenn man zu einem Bruch eine ‚bestmögliche‘ annähernde Kürzung finden kann, dann gibt es immer eine zweite, die ebenso gut ist (nach dem oben definierten Kriterium der ‚Unvollkommenheit‘). Und diese kann man dann auf ganz einfache Weise finden."

Dazu nun die Zusatz-Frage 5:

Stimmt Stephans Behauptung? Kannst du sie beweisen, oder allenfalls widerlegen? Und welches ist das "ganz einfache" Verfahren, mit dem man die zweite Näherung finden kann?

(Nähere Hinweise zu dieser Frage folgen später…)

Funktionen der Ältesten in der Familie Gottes – Teil 2

1. November 2019

Aufseher bzw. Fürsorger

In der vorherigen Betrachtung haben wir gesehen, dass es in der neutestamentlichen Gemeinde keine „Pastoren/Pfarrer/Hirten“ gab, die über den Ältesten gestanden wären oder ein spezielles „Amt“ neben dem Ältestendienst gebildet hätten. Im Gegenteil, der „Hirtendienst“ ist eine Funktion der Ältesten selbst.

Es gibt ein weiteres neutestamentliches Wort, das fälschlicherweise als eine besondere „Leiterschaftsposition“ verstanden wurde, und zwar das griechische Wort „epískopos“ (Plural „epískopoi“), das in manchen Bibelausgaben als „Bischof“ übersetzt wird. Eine sinngemässere Übersetzung wäre „Aufseher“ oder „Fürsorger“. Zwei griechische Verben sind mit diesem Wort verwandt: „Episkopéo“ bedeutet „achtgeben, Aufsicht üben“ oder „sorgen für“. – „Episképtomai“ bedeutet „besuchen“ (fürsorglich oder prüfend), „nach etwas oder jemandem sehen“.
Diese Verben drücken nicht spezifisch „Leiterschaftsfunktionen“ aus. Im Gegenteil, sie werden mehrmals als „Einander“-Funktionen erwähnt, also als Funktionen aller Glieder im allgemeinen:

  • „Seht/Findet (episképtomai) also, ihr Brüder, sieben Männer von gutem Zeugnis unter euch …“ (Apg. 6,3)
  • „Ich war krank, und ihr habt mich besucht (episképtomai) … Ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht …“ (Matthäus 25,36.43)
  • „Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater ist es, Waisen und Witwen in ihrer Bedrängnis zu besuchen (episképtomai) …“ (Jakobus 1,27)
  • „Trachtet nach dem Frieden mit allen und nach der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird; und achtet darauf (episkopéo), dass niemand hinter der Gnade Gottes zurückbleibt …“ (Hebräer 12,14-15)

Das Verb „episkopéo“ erscheint auch in einer der Stellen, die wir schon in der vorhergehenden Betrachtung zitierten, als eine Funktion der Ältesten:
„Weidet die Herde Gottes, die bei euch ist, indem ihr [für sie] sorgt (episkopéo), …“ (1.Petrus 5,2)

Das Substantiv „epískopos“ kommt fünfmal im Neuen Testament vor. Eine dieser Stellen bezieht sich auf den Herrn Jesus (1.Petrus 2,25). In zwei Stellen werden „epískopoi“ zusammen mit „Dienern“ erwähnt, ohne dass daraus Genaueres über ihre Stellung geschlossen werden könnte (1.Tim.3,2, Phil.1,1). Die verbleibenden zwei Stellen sind jene, die uns klar Aufschluss geben über die Identität der „epískopoi“:

„Dazu liess ich dich in Kreta zurück, dass du das übrige in Ordnung bringst und in jeder Stadt Älteste einsetzt, wie ich dich anwies: Wenn jemand untadelig ist (usw. …) Denn der Aufseher/Fürsorger (epískopos) muss untadelig sein als Verwalter [im Auftrag] Gottes, nicht eingebildet, nicht jähzornig, (usw. …) (Titus 1,5-7) – Hier erscheint das Wort „epískopos“ im Zusammenhang mit der Einsetzung von Ältesten. Der Vers, der über den „epískopos“ spricht, beginnt mit „Denn …“ und schliesst damit unmittelbar an den Vers an, der über die Ältesten spricht. Von daher ist es offensichtlich, dass „Aufseher/Fürsorger“ (epískopos) und „Älteste“ sich auf dieselben Personen beziehen.

– Schliesslich finden wir das Wort „epískopos“ in der Abschiedsrede von Paulus an die Ältesten in Ephesus: „„Achtet auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist als Aufseher/Fürsorger (epískopoi) gesetzt hat …“ (Apg.20,28). Paulus spricht also die Ältesten als „epískopoi“ an.

Damit sollte klargestellt sein, dass im Neuen Testament „Bischof“ (epískopos) und „Ältester“ gleichbedeutend sind. Die „Aufsicht“ oder „Fürsorge“ ist eine Funktion der Ältesten, nicht ein besonderes „Amt“.

Funktionen der Ältesten in der Familie Gottes – Teil 1

25. Oktober 2019

In den vorhergehenden Betrachtungen fanden wir, dass die neutestamentliche Gemeinde eine familiäre, nicht eine institutionalisierte Struktur hatte; und dass die Ältestenschaft als erweiterte Vaterschaft ein besonderer Ausdruck dieser familiären Struktur ist. Sehen wir nun, was das Neue Testament als Funktionen der Ältesten beschreibt.

„Hirtendienst“

Zuallererst müssen wir verstehen, dass es in der neutestamentlichen Gemeindestruktur kein „Pfarramt“ oder „Hirtenamt“ gibt in der Art, wie es in den meisten gegenwärtigen Kirchen besteht. Das evangelische „Pfarramt“ ist in Wirklichkeit die Fortsetzung des römisch-katholischen Priestertums, nur unter einem anderen Namen und mit leicht veränderten Funktionen. Im Urtext des Neuen Testamentes erscheint das Wort „Pfarrer/Hirte“ (griechisch „poimén“) nur ein einziges Mal als eine Funktion in der Gemeinde (Epheser 4,11). Und dort bedeutet es nicht einen Leiter einer örtlichen Gemeinde, sondern eine Funktion zur „Zurüstung der Heiligen zu (ihrem) Dienst“.

Ausserdem finden wir in drei neutestamentlichen Stellen das Verb „(als Hirte) weiden (griechisch „poimáino“) als eine Funktion in der Gemeinde:
– In Johannes 21,6 sagt Jesus zu Petrus: „Weide meine Schafe.“ Das ist ein Aspekt der apostolischen Funktion des Petrus. Kein „Pastor“ einer örtlichen Gemeinde kann dieses Wort auf sich selber anwenden, denn es richtete sich an Petrus persönlich in seiner Funktion, die über die örtliche Gemeinde hinausging.
– Petrus selber benutzt das Wort „weiden“, wo er sich an die Ältesten richtet: „Ich ermutige die Ältesten unter euch (…): Weidet die Herde Gottes, die bei euch ist, indem ihr [für sie] sorgt, nicht gezwungenermassen, sondern freiwillig; nicht um Habsucht nach schändlichem Gewinn, sondern guten Willens; nicht als solche, die über die ihnen Anvertrauten herrschen, sondern als Beispiele der Herde …“ (1.Petrus 5,1-3). Das „Weiden“ in der örtlichen Gemeinde ist also eine Funktion der Ältesten.
– In Apostelgeschichte 20,17 lesen wir, dass Paulus „nach Ephesus sandte, um die Ältesten der Gemeinden kommen zu lassen“. Und in Vers 28 sagt er zu ihnen: „Achtet auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist als Aufseher/Fürsorger gesetzt hat, um die Gemeinde des Herrn und Gottes zu weiden, die er durch sein eigenes Blut erworben hat.“ – Auch diese Stelle bestätigt, dass das „Weiden“ (Hirten-/Pastorendienst) eine Funktion der Ältesten ist.

Die zitierten Stellen sind die einzigen im ganzen Neuen Testament, wo die Worte „Hirte“ oder „(als Hirte) weiden“ im Sinne einer Funktion in der christlichen Gemeinde gebraucht werden.

Wenn wir nun genauer wissen wollen, was „weiden“ im Volk Gottes bedeutet, dann müssen wir ins Alte Testament gehen. Dort finden wir im 34.Kapitel des Buches Ezechiel die Prophetie über die bösen Hirten und den Guten Hirten. Da werden als Funktionen eines rechtmässigen „Hirten“ genannt: Die Schwachen stärken; die Kranken heilen (oder pflegen); die Verletzten verbinden; die Verirrten zurückbringen; die Verlorenen suchen. „Weiden“ hat also zu tun mit Ermutigen, Trösten, liebevoll Rat geben, Wiederherstellen, Aufbauen. Das ist nicht gerade das, was heutzutage weithin unter „Leiterschaft“ verstanden wird. Sowohl Ezechiel wie auch Petrus warnen die Ältesten davor, über die Herde „herrschen“ zu wollen. Die Idee des „Hirtendienstes“ wird in sein Gegenteil verkehrt, wo ein Leiter unter dem Vorwand eines „Pastorenamtes“ seine Glaubensgeschwister ausnützt und sie zwingt oder dahingehend manipuliert, für seine eigenen Pläne zu arbeiten; oder wo ein Leiter sich in das Privatleben seiner Glaubengeschwister einmischt und „Unterordnung“ unter willkürliche Menschengebote einfordert.

Herausforderung zum mathematischen Forschen: Annähernd gekürzt

19. Oktober 2019

Niveau: Einfach bis mittelschwer (ca.5. bis 9.Schuljahr)

Dies ist ein Beispiel eines alternativen Zugangs zum Mathematiklernen. Aufgaben in der Art dieses Artikels finden sich in diesem Buch zum mathematischen Forschen und Selber-Entdecken.

Über den Sinn und Nutzen solcher „Forschungsaufgaben“ siehe die Anmerkungen weiter unten.

Weitere Informationen hier.


Die Kinder lösen Rechnungsaufgaben. Susi bemerkt beiläufig: “ 10/13 kann man nicht kürzen.“
– „Aber annähernd“, antwortet Stephan.
– „Was meinst du damit?“
– “ 10/13 ist annähernd 3/4.“
– „Mag sein, aber das hilft mir nicht für meine Aufgabe. Wenn es nicht genau richtig ist, dann ist es falsch.“
– „Kommt darauf an“, meint Stephan. „Für viele praktische Zwecke ist eine annähernde Lösung gut genug. Zum Beispiel, kannst du eine 10/13 Tasse Milch einschenken? oder 10/13 von einem Apfel abschneiden? 3/4 ist doch viel praktischer.“
– „Ja, aber wir sind jetzt nicht beim Essen. Für die Schulaufgaben taugt dein annäherndes Kürzen nicht.“
– „Sollte es aber. Ich wäre dafür, im Schulbuch eine Lektion über annäherndes Kürzen einzufügen.“

Lassen wir uns von dieser Diskussion zu einigen mathematischen Entdeckungen anregen. Meines Wissens kommt das annähernde Kürzen immer noch nicht in den Schulbüchern vor. Aber du kannst den Inhalt einer solchen Lektion selber herausfinden. Die folgenden Fragen sollen dir ein paar Anstösse geben dazu:

1) Wie gut ist Stephans Annäherung? D.h. wie gross ist der Fehler?

2) Versuche andere Brüche annähernd zu kürzen; z.B. 10/17 oder 19/29. Findest du ein systematisches Verfahren, um die beste „annähernde Kürzung“ zu finden?
(Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, dann wirst du feststellen, dass man verschiedener Meinung sein kann darüber, welches die „beste“ ist. Was für Kriterien würdest du anwenden? Begründe, warum.)

3) Was für Bedingungen sollte ein Bruch erfüllen, damit er „annähernd gekürzt“ werden kann?

4) Versuche weitere mathematische Eigenschaften des annähernden Kürzens herauszufinden.

In einigen Wochen oder Monaten werde ich, so Gott will, weitere Hinweise zu diesem Problem veröffentlichen. Korrespondenz kann über die Kontaktseite geführt werden.


Pädagogische Anmerkungen:

Forschungsaufgaben haben einige Eigenschaften, die sie von „schulüblichen“ Mathematikaufgaben unterscheiden:

– Die Antwort ist nicht einfach eine Zahl oder ein mathematischer Ausdruck, sondern ein (unter Umständen komplizierter) mathematischer Sachverhalt, der erklärt werden soll. Das kann auf unterschiedliche Arten geschehen. Es gibt also nicht einfach eine „einzige richtige Antwort“. Um einen Vergleich mit Sprachübungen zu machen: Viele Schulbuchaufgaben sind wie Grammatikübungen. Eine Forschungsaufgabe dagegen ist wie ein Aufsatzthema.

– Bei einer Forschungsaufgabe geht es nicht um die Schnelligkeit, sondern um die „Tiefe“ des Denkens. Das mathematische Denken wird auf nachhaltige Weise geübt, weil die Antworten nicht mit einer mechanischen Prozedur gefunden werden können, sondern nur durch eingehende Betrachtung des Themas unter verschiedenen Blickwinkeln.
Forschungsaufgaben sollten deshalb nie unter Zeitdruck gelöst werden müssen. Idealerweise sollte eine Frist von mindestens einer Woche gegeben werden, wobei täglich mindestens eine Stunde zur Arbeit am Thema zur Verfügung stehen sollte. (Bei einfacheren Themen und auf den unteren Schulstufen kann es auch weniger sein.)

Idealerweise kommen noch folgende Aspekte dazu:

– Die Schüler werden herausgefordert und ermutigt, das Thema mit eigenen Fragestellungen zu erweitern. (In der vorliegenden Aufgabe betrifft dies die sehr offen formulierte Frage 4.) Dadurch wird Raum geschaffen für die eigene Kreativität; ein Aspekt, der in der Schulmathematik oft zu kurz kommt.

– Die Aufgabenstellung ist mit einem gewissen „Mysterium“ umgeben. Erst im Lauf des Forschens wird ersichtlich, was das eigentliche (mathematische) Thema der Aufgabe ist. Und/oder das Problem führt unerwarteterweise über das vordergründige Thema hinaus zu einem anderen Gebiet der Mathematik.

– Die Probleme können aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und mit verschiedenen mathematischen „Werkzeugen“ angegangen werden. Z.B. mit Zahlenbeispielen oder algebraisch; geometrisch oder analytisch; usw.

– Es kann sinnvoll sein, in Kleingruppen von zwei oder drei Schülern zu arbeiten.

Das Erarbeiten einer Forschungsaufgabe erfordert in der Regel mehrere oder alle der folgenden Tätigkeiten:

– Beispiele sammeln und damit „spielen“.
In dieser Phase geht es darum, mit dem Thema vertraut zu werden. In der vorliegenden Aufgabe z.B. werden die Schüler versuchen, verschiedene Brüche „annähernd zu kürzen“, und werden den jeweiligen Fehler ihrer Näherungen ausrechnen. Möglicherweise werden sie auch verschiedene Methoden erfinden und ausprobieren, um auf solche Näherungen zu kommen. Diese Sammlung von Beispielen dient dann als „Rohmaterial“ für die weiteren Schritte.

– Beobachten.
Hier geht es um die Frage: Wie „verhalten sich“ diese Zahlen (bzw. andere mathematische Objekte)? Beim näheren Beobachten der Beispiele können Gemeinsamkeiten und Auffälligkeiten festgestellt werden. Beim vorliegenden Thema könnten Schüler z.B. die Beobachtung machen, dass das „annähernde Kürzen“ besonders einfach ist bei jenen Brüchen, wo der Nenner beinahe ein Vielfaches des Zählers ist.
Die Beobachtungen können zu weiteren Erkenntnissen führen, wenn sie geordnet und systematisiert werden.

– Vermutungen aufstellen; Sachverhalte verallgemeinern.
Die gemachten Beobachtungen sollten nun zu Fragen grundsätzlicherer Art führen, wie z.B: Ist das immer so? Warum ist das so? Usw. Die Schüler sollen ermutigt werden, ihre Vermutungen zu formulieren, auch und gerade dann, wenn sie nicht sicher sind, ob diese richtig sind oder nicht. Das Aufstellen von Vermutungen ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung.
Der nächste Artikel zu dieser Forschungsaufgabe wird einige Hinweise enthalten, wie das konkret bei dieser Aufgabe aussehen könnte.

– Die Vermutungen überprüfen und begründen.
In dieser Phase werden die gemachten Vermutungen „aussortiert“. Eine falsche Vermutung kann oft durch ein Gegenbeispiel widerlegt werden. Für eine richtige Vermutung kann im besten Fall ein logisch korrekter Beweis gefunden werden. (Ein Beweis ist im Grunde nichts anderes als eine überzeugende Antwort auf die Frage: „Warum?“)

– Schlussfolgerungen formulieren.
Hier geht es darum, die erkannten Eigenschaften und Gesetze geordnet und verständlich zu formulieren, und wenn möglich zu begründen. In den Schlussfolgerungen dürfen aber durchaus auch Vermutungen erwähnt werden, die nicht bewiesen werden konnten, sofern vieles dafür spricht, dass sie richtig sind.
Auf den höheren Stufen darf erwartet werden, dass Schüler ihre Schlussfolgerungen schriftlich formulieren. Bei jüngeren Schülern kann auch eine mündliche Erklärung ausreichend sein.

– Die Fragestellung erweitern.
Oft führt die Antwort auf eine Frage zu neuen, unbeantworteten Fragen. Diese Erweiterungen des Themas können sehr wertvoll sein, sofern die Schüler in der Lage sind, sie zu erforschen. Dann können die vorherigen Phasen für die neuen Fragestellungen nochmals durchlaufen werden. Andernfalls können solche unbeantworteten Fragen auch Schülern einer höheren Stufe als neue Forschungsaufgaben vorgelegt werden.

Frauen im Ältestendienst

13. Oktober 2019

Die Paulusbriefe sprechen an zwei Stellen von Frauen in leitender Funktion in der Gemeinde:

„Ebenso die Frauen sollen aufrichtig sein, nicht verleumderisch, nüchtern, treu in allem.“ (1.Timotheus 3,11)

„Ebenso die Ältesten [Frauen] sollen ehrerbietig sein in ihrer Haltung, nicht verleumderisch, nicht dem vielen Wein ergeben, sondern die das Gute lehren, die die jüngeren [Frauen] anleiten, ihre Männer und Kinder zu lieben, massvoll, rein, gute Haushälterinnen, gütig, ihren eigenen Männern untergeordnet, damit niemand das Wort Gottes in Verruf bringe.“ (Titus 2,3-5)

Der Vers 1.Timotheus 3,11 befindet sich mitten im Abschnitt über die „Diener“ (manchmal als „Diakone“ übersetzt); der Vers im Titusbrief steht unmittelbar nach einem Abschnitt über die Ältesten. Beide Verse beginnen mit „Ebenso …“. Sie können sich deshalb nicht auf Frauen im allgemeinen beziehen; sie müssen im Zusammenhang mit den leitenden Funktionen in der Gemeinde verstanden werden. Das könnte auf zwei Arten gesehen werden: Entweder konnten als „Diener“ bzw. Älteste unterschiedslos sowohl Männer wie auch Frauen anerkannt werden; oder diese Verse sprechen von den Ehefrauen der „Diener“ bzw. der Ältesten.

Angesichts der hohen Priorität der Familienstrukturen in der Bibel (siehe die vorangegangenen Betrachtungen) erscheint mir die erstere Auslegung höchst unwahrscheinlich. Aus biblischer Sicht bilden Ehemann und Ehefrau zusammen „ein Fleisch“ (1.Mose 2,24). Die Voraussetzungen für Leiter, wie sie im 1.Timotheus- und im Titusbrief ausgeführt werden, legen grosses Gewicht auf das Familienleben. Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass ein Mann als Ältester anerkannt worden wäre, ohne den Lebenswandel seiner Frau in Betracht zu ziehen; oder eine Frau, ohne Rücksicht auf die Qualifikationen und den Lebenswandel ihres Mannes. Zudem: Wenn eine Frau „Ältestin“ wäre, ohne dass ihr Mann Ältester wäre, dann würde dies die „Unterordnungsstruktur“ in der Ehe und Familie durcheinanderbringen – eine Struktur, die viel grösseres Gewicht hat als die Struktur der Gemeinde (siehe die vorherige Betrachtung).

Viel naheliegender ist deshalb, dass die Ältesten als Ehepaare gewählt wurden, und dass Mann und Frau gemeinsam die Funktionen von Ältesten ausübten; aber die Frau unter der Autorität ihres Mannes. Die Stelle im Titusbrief zeigt, dass der Ältestendienst der Frauen hauptsächlich in ihren Beziehungen zu anderen Frauen ausgeübt wurde, durch Lehre und Beratung über gute Mutterschaft; ähnlich wie auch der Ältestendienst des Mannes sich hauptsächlich auf gute Vaterschaft konzentriert. Wir können annehmen, dass die Frauen der Ältesten ausserdem als „geeignete Hilfe“ und Beraterinnen ihrer Männer fungierten, indem sie ihnen bei der Ausübung ihrer Funktionen zur Seite standen.

An einigen Orten kreist die Diskussion um die Leiterschaft der Frauen hauptsächlich um die Frage, ob eine Frau „predigen“ dürfe oder „Pastorin“ sein könne. Aber im Licht des neutestamentlichen Zeugnisses über die Gemeinde werden solche Fragen irrelevant. Wir haben in früheren Betrachtungen gesehen, dass die Gemeinden hauptsächlich zur gegenseitigen Auferbauung zusammenkamen. Daran nahmen die Frauen selbstverständlich auch teil: 1.Kor.11,5 spricht von Frauen, die in den (Haus-)Versammlungen beteten und prophezeiten; Philippus hatte vier Töchter, die prophezeiten (Apg.21,9). So etwas wie ein „Pfarramt“ existierte in den neutestamentlichen Gemeinden gar nicht, jedenfalls nicht in der Form, wie es heute verstanden wird.

Im übrigen scheint mir wichtig, dass diese Frage der Funktion der Frauen in der Gemeinde nicht unter den heutigen postmodernen Gesichtspunkten von „Frauenrechten“ oder „Geschlechtergleichheit“ betrachtet werden sollte. Eine solche Perspektive würde von Anfang an Mann und Frau in Konkurrenz und Rivalität gegeneinander positionieren; und eine solche Mentalität widerspricht schon von ihren Voraussetzungen her dem Willen Gottes. Wo das Neue Testament über die jeweiligen Funktionen von Mann und Frau spricht, oder über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, da ist der zentrale Wert immer die Einheit der Ehe. „Im Herrn existiert die Frau nicht ohne den Mann, und der Mann nicht ohne die Frau …“ (1.Kor.11,11). Von diesem Gesichtspunkt her sollten auch jene Stellen verstanden werden, die aus der Sicht des heutigen Zeitgeistes die Möglichkeiten der Frau einzuschränken scheinen: Es ist ein äusserst wichtiges Anliegen im Herzen Gottes, die Einheit der Ehe zu bewahren und Praktiken zu vermeiden, die Mann und Frau allzu „unabhängig“ voneinander machen würden. Die familiären Strukturen haben Vorrang vor den Gemeindestrukturen. Nicht die Gemeinde als Institution sollte fragen: „Ist eine Frau berechtigt, dies oder jenes zu tun?“ Eine solche Frage ist falsch gestellt. Mann und Frau sollten sich fragen: „Handeln wir noch als ‚ein Fleisch‘; bewahren wir noch die richtige Beziehung zwischen uns?“