Archive for Mai 2009

Warum „Schule zuhause“?

23. Mai 2009

„Was, eure Kinder gehen nicht zur Schule??“ – So rufen manchmal Bekannte entsetzt aus. – „Wie sollen sie dann etwas Rechtes lernen?“

Ja, das Vorurteil ist weit verbreitet, Schule sei notwendig, um etwas „Rechtes“ zu lernen. Trotz historischen Gegenbeispielen wie Albert Einstein (der in der Schule ein völliger Versager war), Thomas Alva Edison (der von seiner Mutter zuhause unterrichtet wurde), Blaise Pascal (der von seinem verwitweten Vater zuhause unterrichtet wurde), Abraham Lincoln (der nur 18 Monate lang zur Schule ging), und manchen anderen.

An lehrreichen Tätigkeiten mangelt es unseren Kindern jedenfalls nicht. Josias (11 Jahre) programmiert seine eigenen Spiele auf dem Computer. (Das „Ausprobieren“ der Spiele gefällt ihm zwar besser als das eigentliche Programmieren…) David (9 Jahre) hat soeben seinen ersten eigenen Modellbogen, ein Auto, fertig konstruiert (mit Lineal, Winkelmass und Zirkel), ausgeschnitten und zusammengebaut. (Während andere Kinder seines Alters noch nie auch nur einen vorgegebenen Modellbogen zusammengebaut haben.)

Ich weiss, man kann darüber streiten, wie „sinnvoll“ solche Tätigkeiten sind. Ich meinerseits finde, sie sind mindestens so sinnvoll wie die Hauptbeschäftigungen von Schulkindern (Lärm machen, einander hauen, Kaugummis unter den Stuhl kleben, und ab und zu ein paar Sekunden lang dem Vortrag des Lehrers / der Lehrerin zuhören und Wissen aus zweiter Hand wiederkäuen). Unser David hat stattdessen aus erster Hand gelernt, wie man einen rechten Winkel konstruiert, Strecken abmisst und abträgt, räumliche Strukturen auf ein flaches Papier überträgt, und ähnliches. Und es hat erst noch Spass gemacht. – Josias lernt allmählich mit Computergrafiken und Programmiersprachen umzugehen (die er dann später einmal hoffentlich  nicht ausschliesslich für Spiele einsetzen wird, sondern auch für „sinnvollere“ Dinge.)

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Warum Schulen nicht bilden – John Taylor Gatto

23. Mai 2009

Diesmal kein eigener Beitrag. Ich möchte diesen höchst lesenswerten Artikel hier hineinstellen:

Warum Schulen nicht bilden
Von John Taylor Gatto

Rede anlässlich der Entgegennahme der Auszeichnung „Lehrer des Jahres“ der Stadt New York, 31.Januar 1990
(Leicht gekürzte Übersetzung)

Ich nehme diese Auszeichnung entgegen im Namen all der guten Lehrer, die ich im Lauf der Jahre kennenlernte, die darum kämpften, ihren Austausch mit den Kindern ehrbar zu gestalten; die ständig Fragen stellten im Kampf darum, das Wort „Bildung“ zu definieren. Ein „Lehrer des Jahres“ ist nicht der beste existierende Lehrer – diese sind zu still, um leicht entdeckt zu werden -, aber er ist ein Bannerträger, ein Symbol dieser Menschen, die ihr Leben im Dienst der Kinder zubringen. Diese Auszeichnung ist sowohl ihre als meine.

Wir leben in einer grossen Schulkrise. Unsere Kinder (der USA) befinden sich am untersten Ende einer Liste von 19 Industrieländern im Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Weltwirtschaft basiert auf unserem eigenen Konsum der Produktion – und die Schulen sind ein wichtiger Verkaufspunkt. Unsere Selbstmordrate unter Teenagern ist die höchste weltweit; und die meisten selbstmordgefährdeten Teenager sind reich, nicht arm. (…)

Unsere Schulkrise widerspiegelt die grössere Gesellschaftskrise. Wir scheinen unsere Identität verloren zu haben. Kinder und alte Menschen sind von der Welt ausgeschlossen in einem noch nie dagewesenen Ausmass. Niemand spricht mehr mit ihnen. Wenn Kinder und alte Menschen nicht mehr im täglichen Leben miteinander austauschen, dann hat die Gesellschaft keine Zukunft und keine Vergangenheit mehr. Wir leben in Netzwerken statt in Gemeinschaften; und das macht alle Menschen einsam, die ich kenne. Die Schule ist eine Hauptperson in dieser Tragödie. Mit der Schule als Auslesemechanismus sind wir auf dem Weg, ein Kastensystem zu schaffen…

In meinen 25 Jahren als Lehrer stellte ich erstaunlicherweise fest, dass Schulen und Schulbildung zunehmend irrelevant werden inbezug auf die grossen Unternehmen dieses Planeten. Niemand glaubt mehr, dass Wissenschafter im Naturwissenschaftsunterricht ausgebildet würden, oder Politiker im Staatskundeunterricht, oder Dichter im Sprachunterricht. In Wirklichkeit lehren die Schulen nichts mehr, ausser Befehlen zu gehorchen. Das ist ein grosses Mysterium für mich, denn Tausende von menschlichen, fürsorglichen Lehrern arbeiten in den Schulen, aber die abstrakte Logik der Institution überwältigt ihre individuellen Beiträge. (…) Die Glocke läutet, und der junge Mann, der gerade ein Gedicht schreibt, muss mittendrin aufhören und zu einer anderen Zelle wandern, wo er auswendiglernen muss, dass Menschen und Affen von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen.

Unsere Schulpflicht (in den USA) ist eine Erfindung des Staates Massachusetts um 1850. Etwa 80% der Bevölkerung widersetzte sich – einige sogar mit Gewehren -; ihr letzter Stützpunkt in Barnstable, Cape Cod, übergab ihre Kinder erst nach 1880, als das Gebiet militärisch besetzt wurde und die Kinder unter militärischer Bewachung zur Schule gehen mussten.

Etwas merkwürdiges zum Nachdenken: Das Büro von Senator Ted Kennedy gab ein offizielles Dokument heraus, wonach vor der Einführung der Schulpflicht 98% der Einwohner des Staates (Massachusetts) lesen und schreiben konnten; danach blieb die Ziffer ständig unter 91%, wo sie heute (1990) noch ist. Ich hoffe, das interessiert Sie.

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Wie Jesus mich fand

21. Mai 2009

Eigentlich suchte ich nicht Jesus. Ich suchte lediglich Hilfe in einer tiefen seelischen Not und Einsamkeit, und ich kannte niemanden, den ich um Hilfe hätte bitten können. Da ich damit rechnete, dass Gott mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit existierte, begann ich zu ihm um Hilfe zu rufen. Und er antwortete, indem er mir Menschen über den Weg schickte, die mir tatsächlich in gewisser Weise helfen konnten. Zuerst einen Religionslehrer, der nicht einfach seinen „Stoff“ durchnahm, sondern uns Schüler als Menschen ernstnahm und Verständnis zeigte. Später eine Schulkameradin, die mich zu einem Treffen christlicher Schüler einlud.

So erhielt ich persönlich Hilfe, aber damit bin ich nicht schon Christ geworden. Ich nahm zwar an christlichen Veranstaltungen teil, las in der Bibel und betete ab und zu, und versuchte ein gutes Leben zu führen. Deshalb dachte ich, ich sei ein ziemlich guter Christ und Gott könne einigermassen zufrieden sein mit mir.

Leider funktionierte das aber nicht. Es gab Zeiten, da interessierten mich all die geistlichen Dinge überhaupt nicht, und ich blieb den christlichen Treffen fern. Dann machte ich mir wieder Vorwürfe, weil ich so „lau“ war, und versuchte „verbindlicher“ zu sein. Aber ich entdeckte immer schlimmere Fehler in mir selber, und stiess Leute vor den Kopf, die ich eigentlich als meine Freunde betrachtete, und verstand selbst nicht, warum ich das tat. Es ging mir wie Martin Luther, der als junger Mönch versuchte sich von seinen Sünden zu reinigen, und entmutigt ausrief: „Je mehr man versucht sich die Hände zu waschen, desto schmutziger werden sie!“

Einige Worte von Jesus trafen mich besonders. So z.B. in der Bergpredigt:

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde: ‚Du sollst nicht töten.‘ … Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, ist vor dem Gericht schuldig …

Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: ‚Du sollst nicht ehebrechen.‘ Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon mit ihr Ehebruch begangen. …

Und ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde: ‚Du sollst nicht falsch schwören, sondern dem Herrn deine Schwüre halten.‘ Ich aber sage euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören … sondern euer Ja sei Ja, und euer Nein Nein; denn was darüber hinausgeht, kommt vom Bösen.“

(aus Matthäus Kapitel 5)

Wenn ich mein eigenes Herz und meine Gedanken ehrlich untersuchte, begann ich mich zu fragen, ob ich wirklich ein Christ war.

An einem grossen christlichen Schülertreffen wurde gefragt: „Wer von euch möchte Jesus dienen?“ – Ich dachte: Natürlich, wer möchte das denn nicht?, und erhob die Hand. Später kam einer der Leiter auf mich zu, sprach mit mir und betete mit mir. Meine christlichen Kameraden werden gedacht haben, ich hätte mich damals „bekehrt“. Aber in Wirklichkeit hatte ich noch gar nicht verstanden, worum es bei einer Beziehung zu Jesus geht.

In jener Zeit hatte ich einen Traum, der mir später zu einer grossen Verständnishilfe wurde, wie ich von neuem geboren werden konnte. Ich habe diesen Traum in diesem Artikel beschrieben:
https://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/06/22/der-weg-zum-anderen-ufer/

Schliesslich kam ich in eine so grosse Krise (die ich jetzt nicht im Einzelnen beschreiben möchte), dass ich mir sagen musste: „Mein Leben bringt Jesus solche Unehre, dass er ganz recht hätte, wenn er mich jetzt in die Hölle schicken würde. Und dass ich dabei sage, ich sei Christ, macht das Ganze nur noch schlimmer. Ich verdiene überhaupt nicht mehr zu leben.“ – Mir kam aber noch jemand in den Sinn, den ich um Rat fragen konnte; eine Person, von der ich wusste, dass sie Jesus liebte. Diese Person stellte mir eine wichtige Frage: „Als du so schreckliche Dinge getan hast – glaubst du, dass Jesus auch in jenen Momenten bei dir war, und dass er am Kreuz gestorben ist, um dir genau diese Dinge zu vergeben?“

Nein, das konnte ich nicht glauben. Ich hatte Jesus derart beleidigt – und er würde mir einfach so vergeben? Solange ich dachte, mein Leben sei in Ordnung, war es einfach gewesen zu sagen: „Ja, ich glaube, dass Jesus für meine Sünden gestorben ist.“ Aber in diesem Moment, wo ich von konkreten Sünden überführt war, stellte ich fest, dass ich im Grunde meines Herzens nicht auf Jesus vertraute.

Jesus sagte, der Heilige Geist werde kommen, um die Welt von der Sünde zu überführen, „dass sie nicht an mich glauben“ (Johannes 16,8-9). Genau das tat der Heilige Geist mit mir in jenem Moment.

Es folgten mehrere Monate geistlichen Ringens: ich wollte glauben, aber ich konnte es nicht. Ein weiser Seelsorger half mir, schliesslich zum Durchbruch zu kommen, sodass ich mein ganzes Leben mit all seinen Fehlern und Sünden in die Hände von Jesus legen konnte und ihm sagen konnte: „Mache damit, was du selber willst.“

Damit änderte sich mein Leben nicht schlagartig. Aber ich lernte nach und nach, mein Leben im Vertrauen auf Jesus zu leben, statt aus eigener Kraft zu versuchen, mich selbst zu verbessern. Damit wurden die Dinge tatsächlich besser. Und ich bekam die Gewissheit, dass Gott mich wirklich als sein Kind „adoptiert“ hat.

Lange Zeit erzählte ich diese Geschichte niemandem. Im evangelikalen Raum ist es heute üblich, dass man an einer Evangelisationsveranstaltung ein „Übergabegebet“ spricht und sich damit auf einfachste Weise „bekehrt“ und von heute auf morgen ein „Christ“ wird. Ich beobachtete andere, die das taten, und fragte mich: Warum ist es bei mir nicht so einfach gegangen? War ich wohl ein besonders schwieriger Fall für Jesus? Und ich schämte mich, weil ich kein so handliches, einfaches „Zeugnis“ zu erzählen hatte.

Inzwischen fand ich aber heraus, dass viele grosse Gottesmänner der Vergangenheit auf eine Weise zu Jesus fanden, die eher meiner Geschichte gleicht als den heutigen Evangelisationsveranstaltungen. Martin Luther, John Bunyan, John Wesley, Charles Finney, und viele andere, gingen durch eine lange, schwierige Zeit der Überführung von der Sünde und des Ringens um den Glauben, bevor Jesus sie zum Durchbruch brachte. Die heutigen Evangelisationsveranstaltungen und Instant-Bekehrungsaufrufe sind dagegen eine Neuerung der letzten hundert Jahre.

Ich will damit nicht sagen, dieser Bekehrungsprozess müsse immer lang sein. Gott kann einen Menschen auch augenblicklich zum Glauben bringen, wie Saulus auf dem Weg nach Damaskus. Aber wenn das Element der tiefen Überführung von der eigenen Sündhaftigkeit und Unfähigkeit nicht dabei ist, dann zweifle ich, ob es sich um eine echte Bekehrung handelt.

Aber das wäre ein Thema für einen anderen Artikel…

Einige Bilder aus unserer Umgebung – Stadt und Land

20. Mai 2009

Im folgenden einige Bilder von der Umgebung, wo ich wohne: das peruanische Hochland, genauer gesagt die Gegend von Cusco.
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Zum Anfang: Warum „christlicher Aussteiger“?

18. Mai 2009

Ich wage es jetzt einmal, dieses Blog zu eröffnen. In erster Linie soll es als Kommunikationsmittel zu meinen Freunden, Verwandten und sonstigen Interessierten – alten und neuen – im deutschen Sprachgebiet dienen.

Warum „christlicher Aussteiger“?

„Christlich“, weil ich für Jesus Christus leben möchte. Was ich darunter genau verstehe, hoffe ich in einem späteren Beitrag auszuführen.

„Aussteiger“, weil ich mich im Lauf meines Lebens immer wieder geführt sah, aus den verschiedensten Umgebungen, Organisationen und Systemen „auszusteigen“ – meistens eben gerade um Jesu willen.

Das sollte nicht überraschen. Hat nicht Jesus selber von seinen Nachfolgern einen radikalen „Ausstieg“ verlangt aus allem, was sie kannten und was ihnen lieb und wert war?

„Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert; wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert; und wer nicht sein Kreuz nimmt und mit mir geht, ist meiner nicht wert.“ (Matthäus 10,37-38).

„Willst du vollkommen sein, dann geh, verkaufe was du hast, und gib es den Armen, dann wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm, geh mit mir.“ (Matthäus 19,21)

„Niemand, der die Hand an den Pflug legt und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes.“ (Lukas 9,62 – übrigens mein Konfirmationsspruch.)

Als ich Christ wurde, bedeutete das einen persönlichen „Ausstieg“ aus manchen Gewohnheiten, Denkmustern und Ansichten, die mir bis dahin selbstverständlich und „natürlich“ gewesen waren.

Seit gut 15 Jahren wohne ich im Hochland von Perú. Das bedeutete den „Ausstieg“ aus meinem Heimatland, aus der mir vertrauten Kultur und Umgebung, und aus manchen Annehmlichkeiten, die mir bis dahin selbstverständlich gewesen waren (wie z.B. eine geheizte Wohnung, Trinkwasser aus dem Wasserhahn, zuverlässige Verkehrsmittel, etc.)

Als Familie sind wir aus dem gegenwärtig als „normal“ angesehenen Schulsystem „ausgestiegen“, weil wir fanden, dass es unseren Kindern nicht zuträglich war – und in Wirklichkeit ist es auch nicht „normal“; aber davon vielleicht ein anderes Mal.

Zudem kam es auch zum „Ausstieg“ aus den meisten Gemeinden und Organisationen, die sich „christlich“ nennen. Das ist wahrscheinlich der „anstössigste“ Aspekt an meinem Leben und an diesem Blog – zumindest für jene Freunde und Bekannten, die sich (noch) zu solchen Organisationen zählen. Aber auch das hat Jesus schon vorausgesehen, und sogar noch Schlimmeres:
„Sie werden euch aus den Synagogen (Kirchen) ausschliessen; und es kommt sogar die Stunde, wo jeder, der euch tötet, denkt, er leiste Gott einen Dienst. Und das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich kennen.“ (Johannes 16,2-3)

Ich hoffe alle diese Aspekte mit der Zeit gebührend beleuchten zu können.

Soviel für den Anfang.