Wie Jesus mich fand

Eigentlich suchte ich nicht Jesus. Ich suchte lediglich Hilfe in einer tiefen seelischen Not und Einsamkeit, und ich kannte niemanden, den ich um Hilfe hätte bitten können. Da ich damit rechnete, dass Gott mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit existierte, begann ich zu ihm um Hilfe zu rufen. Und er antwortete, indem er mir Menschen über den Weg schickte, die mir tatsächlich in gewisser Weise helfen konnten. Zuerst einen Religionslehrer, der nicht einfach seinen „Stoff“ durchnahm, sondern uns Schüler als Menschen ernstnahm und Verständnis zeigte. Später eine Schulkameradin, die mich zu einem Treffen christlicher Schüler einlud.

So erhielt ich persönlich Hilfe, aber damit bin ich nicht schon Christ geworden. Ich nahm zwar an christlichen Veranstaltungen teil, las in der Bibel und betete ab und zu, und versuchte ein gutes Leben zu führen. Deshalb dachte ich, ich sei ein ziemlich guter Christ und Gott könne einigermassen zufrieden sein mit mir.

Leider funktionierte das aber nicht. Es gab Zeiten, da interessierten mich all die geistlichen Dinge überhaupt nicht, und ich blieb den christlichen Treffen fern. Dann machte ich mir wieder Vorwürfe, weil ich so „lau“ war, und versuchte „verbindlicher“ zu sein. Aber ich entdeckte immer schlimmere Fehler in mir selber, und stiess Leute vor den Kopf, die ich eigentlich als meine Freunde betrachtete, und verstand selbst nicht, warum ich das tat. Es ging mir wie Martin Luther, der als junger Mönch versuchte sich von seinen Sünden zu reinigen, und entmutigt ausrief: „Je mehr man versucht sich die Hände zu waschen, desto schmutziger werden sie!“

Einige Worte von Jesus trafen mich besonders. So z.B. in der Bergpredigt:

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde: ‚Du sollst nicht töten.‘ … Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, ist vor dem Gericht schuldig …

Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: ‚Du sollst nicht ehebrechen.‘ Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon mit ihr Ehebruch begangen. …

Und ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde: ‚Du sollst nicht falsch schwören, sondern dem Herrn deine Schwüre halten.‘ Ich aber sage euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören … sondern euer Ja sei Ja, und euer Nein Nein; denn was darüber hinausgeht, kommt vom Bösen.“

(aus Matthäus Kapitel 5)

Wenn ich mein eigenes Herz und meine Gedanken ehrlich untersuchte, begann ich mich zu fragen, ob ich wirklich ein Christ war.

An einem grossen christlichen Schülertreffen wurde gefragt: „Wer von euch möchte Jesus dienen?“ – Ich dachte: Natürlich, wer möchte das denn nicht?, und erhob die Hand. Später kam einer der Leiter auf mich zu, sprach mit mir und betete mit mir. Meine christlichen Kameraden werden gedacht haben, ich hätte mich damals „bekehrt“. Aber in Wirklichkeit hatte ich noch gar nicht verstanden, worum es bei einer Beziehung zu Jesus geht.

In jener Zeit hatte ich einen Traum, der mir später zu einer grossen Verständnishilfe wurde, wie ich von neuem geboren werden konnte. Ich habe diesen Traum in diesem Artikel beschrieben:
https://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/06/22/der-weg-zum-anderen-ufer/

Schliesslich kam ich in eine so grosse Krise (die ich jetzt nicht im Einzelnen beschreiben möchte), dass ich mir sagen musste: „Mein Leben bringt Jesus solche Unehre, dass er ganz recht hätte, wenn er mich jetzt in die Hölle schicken würde. Und dass ich dabei sage, ich sei Christ, macht das Ganze nur noch schlimmer. Ich verdiene überhaupt nicht mehr zu leben.“ – Mir kam aber noch jemand in den Sinn, den ich um Rat fragen konnte; eine Person, von der ich wusste, dass sie Jesus liebte. Diese Person stellte mir eine wichtige Frage: „Als du so schreckliche Dinge getan hast – glaubst du, dass Jesus auch in jenen Momenten bei dir war, und dass er am Kreuz gestorben ist, um dir genau diese Dinge zu vergeben?“

Nein, das konnte ich nicht glauben. Ich hatte Jesus derart beleidigt – und er würde mir einfach so vergeben? Solange ich dachte, mein Leben sei in Ordnung, war es einfach gewesen zu sagen: „Ja, ich glaube, dass Jesus für meine Sünden gestorben ist.“ Aber in diesem Moment, wo ich von konkreten Sünden überführt war, stellte ich fest, dass ich im Grunde meines Herzens nicht auf Jesus vertraute.

Jesus sagte, der Heilige Geist werde kommen, um die Welt von der Sünde zu überführen, „dass sie nicht an mich glauben“ (Johannes 16,8-9). Genau das tat der Heilige Geist mit mir in jenem Moment.

Es folgten mehrere Monate geistlichen Ringens: ich wollte glauben, aber ich konnte es nicht. Ein weiser Seelsorger half mir, schliesslich zum Durchbruch zu kommen, sodass ich mein ganzes Leben mit all seinen Fehlern und Sünden in die Hände von Jesus legen konnte und ihm sagen konnte: „Mache damit, was du selber willst.“

Damit änderte sich mein Leben nicht schlagartig. Aber ich lernte nach und nach, mein Leben im Vertrauen auf Jesus zu leben, statt aus eigener Kraft zu versuchen, mich selbst zu verbessern. Damit wurden die Dinge tatsächlich besser. Und ich bekam die Gewissheit, dass Gott mich wirklich als sein Kind „adoptiert“ hat.

Lange Zeit erzählte ich diese Geschichte niemandem. Im evangelikalen Raum ist es heute üblich, dass man an einer Evangelisationsveranstaltung ein „Übergabegebet“ spricht und sich damit auf einfachste Weise „bekehrt“ und von heute auf morgen ein „Christ“ wird. Ich beobachtete andere, die das taten, und fragte mich: Warum ist es bei mir nicht so einfach gegangen? War ich wohl ein besonders schwieriger Fall für Jesus? Und ich schämte mich, weil ich kein so handliches, einfaches „Zeugnis“ zu erzählen hatte.

Inzwischen fand ich aber heraus, dass viele grosse Gottesmänner der Vergangenheit auf eine Weise zu Jesus fanden, die eher meiner Geschichte gleicht als den heutigen Evangelisationsveranstaltungen. Martin Luther, John Bunyan, John Wesley, Charles Finney, und viele andere, gingen durch eine lange, schwierige Zeit der Überführung von der Sünde und des Ringens um den Glauben, bevor Jesus sie zum Durchbruch brachte. Die heutigen Evangelisationsveranstaltungen und Instant-Bekehrungsaufrufe sind dagegen eine Neuerung der letzten hundert Jahre.

Ich will damit nicht sagen, dieser Bekehrungsprozess müsse immer lang sein. Gott kann einen Menschen auch augenblicklich zum Glauben bringen, wie Saulus auf dem Weg nach Damaskus. Aber wenn das Element der tiefen Überführung von der eigenen Sündhaftigkeit und Unfähigkeit nicht dabei ist, dann zweifle ich, ob es sich um eine echte Bekehrung handelt.

Aber das wäre ein Thema für einen anderen Artikel…

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