Archive for Juni 2009

Was es im peruanischen Hochland gibt bzw. nicht gibt

29. Juni 2009

Die folgende Zusammenstellung habe ich vor etwa 15 Jahren geschrieben, als mir das „Fremde“ in Perú noch besonders auffiel. Da auch hier sich das Leben ändert, habe ich einige aktualisierende Bemerkungen hinzugefügt. Z.B. gibt es inzwischen einige der Dinge, die ich unter „nicht gibt“ aufgeführt habe; aber sie sind weiterhin ziemlich unüblich.

Was es hier nicht gibt:

  • Zentralheizungen
  • Taschentücher (man benutzt stattdessen WC-Papier)
  • Briefkästen (Inzwischen sind an unserem Wohnblock am Haupteingang kleine Brieffächer angebracht worden. Das ist aber immer noch die Ausnahme; und die Fächer sind winzig klein, da sie kaum je benützt werden, ausser für die Strom- und Wasserrechnung. Briefpost wird weiterhin höchst selten benützt; seit dem Aufkommen von e-mail erst recht nicht.)
  • blonde Haare
  • Vollkornbrot (Gibt es inzwischen, wird aber relativ selten gekauft.)
  • schnelle Autos (Gibt es inzwischen auch. Es gibt aber weiterhin nur wenige Privatpersonen, die ein Auto besitzen, ausser sie arbeiten damit als Taxifahrer.)
  • trinkbares Wasser (man muss es desinfizieren oder abkochen. Nachmittags kommt in der Stadt Cusco überhaupt kein Wasser.)
  • Busfahrpläne
  • öffentliche WCs (dazu gibt’s Strassengräben…) (Inzwischen gibt es im Zentrum von Cusco ein einziges öffentliches WC.)
  • Baukräne (höchstens zwei oder drei in der ganzen Stadt)
  • Gerenne und Gehetze, um pünktlich zur Arbeit zu kommen
  • Dreipolige Steckdosen (Geräte, die solche erfordern, werden einfach ohne Erdung angeschlossen… man lebt unbekümmerter hier, aber gefährlicher…)

Was es hier gibt:

  • Colectivos (Taxi für 7 Personen, kostet bloss 25 Rappen)
  • Lastwagen als Transportmittel für Personen
  • Cuy (Meerschweinchenfleisch)
  • Schuluniformen
  • unheimlich raffinierte Diebe (Diese Situation hat sich leider nur verschlimmert. Heute sind die Diebe nicht mehr nur raffiniert, sondern auch brutal; manche sind inzwischen mit Feuerwaffen bewaffnet.)
  • Rocoto (eine Chili-Art, sieht aus wie Peperoni, schmeckt aber schärfer als Pfeffer)
  • 10 Personen in einer 4-Zimmer-Wohnung
  • Geldwechseln auf der Strasse
  • Überhaupt wird alles mögliche auf der Strasse verkauft, von Süssigkeiten über Rattengift und Bücher bis hin zu ganzen Wohnungseinrichtungen.
  • Spitze Glasscherben auf den Gartenmauern, zum Schutz vor Einbrechern
  • Inkaruinen

Der Weg zum anderen Ufer (Ein Gleichnis)

22. Juni 2009

Ein Gleichnis

Lange Zeit schon war ich am Rand dieser tiefen Schlucht entlanggegangen. Etwas unterhalb des Fusswegs waren felsige Abgründe zu sehen, aber die ganze Tiefe der Schlucht war nicht abzuschätzen. Ich erkannte, dass ich mich auf der falschen Seite befand. Ich musste ans andere Ufer gelangen, aber wie? Es gab keinen Weg, keine Brücke, nur diese unüberwindlichen Abgründe. Ich konnte die andere Seite der Schlucht sehr gut sehen: sie war voll von Leben und sehr nahe, aber doch so weit weg…

Als ich an einen Bergvorsprung vorbeigegangen war, sah ich die Brücke. In Wirklichkeit war es keine Brücke, sondern nur eine Konstruktion aus losen Holzelementen. Diese ähnelten ineinander- oder übereinandergestellten leeren Stühlen, die derart einen kühnen hohen Bogen in der Luft formten, der sich bis ans andere Ufer spannte. Um auf diesem Bogen hochzusteigen, musste ich mich mit den Händen am Rand festhalten, und zwischen meinen Füssen sah ich den Abgrund, der immer tiefer wurde, je weiter ich vorwärtsging; denn es gab keinen Boden, die ganze Konstruktion war nur wie ein leeres Gerüst.

Während ich auf diese gefährliche Weise vorwärtsging, erinnerte ich mich, wie ich in meinen Kinderspielen alle möglichen Arten von Schlössern, Schiffen, Brücken und anderen Dingen gebaut hatte, indem ich Stühle und Bänke aufeinanderstellte. Diese Brücke sah tatsächlich genau wie eine jener meiner Konstruktionen aus. Sollte ich selbst irgendwann einmal diese Brücke gebaut haben?, fragte ich mich. Ja, ich selbst musste es gewesen sein, denn das war ja mein Ziel: auf irgendeine Art das andere Ufer zu erreichen. Und so hatte ich es gewagt, das Menschenunmögliche zu versuchen.

Ich näherte mich der Mitte des Bogens, wo er am höchsten war. Ich musste jetzt auf allen Vieren gehen und mich mit den Händen noch stärker festhalten, denn über mir gab es nichts mehr, woran ich mich hätte halten können. Tief unten konnte ich endlich den Grund der Schlucht sehen. Sie war noch tiefer, als ich gedacht hatte: Hunderte und Aberhunderte von Metern, vielleicht über tausend Meter von Felswänden fielen fast senkrecht in die Tiefe ab. Zuunterst schäumte ein reissender Bergfluss. Sein weisslich-blaues Wasser sprang wild über die Felsen, während es den Himmel widerspiegelte. Der Anblick schwindelte mir, aber ich musste weitergehen.

In diesem Moment geschah etwas weiter vorne; ich sah nicht genau, was es war: War ein Stein aus dem Nichts auf die Brücke gefallen? Oder war ein Vogel im Flug mit ihr zusammengestossen? Was es auch immer war, es löste eines der Holzelemente, und dieses fiel nach unten, immer schneller und immer kleiner werdend, bis ich es nicht mehr erkennen konnte. Aber damit verlor das benachbarte Element seine Stütze und verrutschte ebenfalls und fiel und fiel … und so löste sich nach beiden Seiten ein Element nach dem anderen und fiel in diesen unermesslichen Abgrund.

Ich konnte nur zusehen, unfähig mich zu bewegen oder irgendetwas zu tun. Diese selbe Konstruktion, von der ich dachte, sie würde mich zum Leben führen, sollte jetzt mein Tod sein!

Jetzt war ich an der Reihe. Das Holz, an dem ich mich festhielt, begann zu fallen, und ich mit ihm. Mit einer erschreckenden Geschwindigkeit sauste ich an den endlosen Felswänden vorbei. Unter mir sah ich die wilden Wellen und den Schaum des Flusses näherkommen. Und schneller als ich denken konnte, befand ich mich inmitten dieser aufgewühlten Wasser und versank, noch tiefer hinunter.

Gegen den Grund des Flusses war die Strömung ruhiger. Als ich mich schon in diesen stillen Wassern der Tiefe befand, war es, als ob ich aus einem Traum erwachte, erstaunt, dass ich noch am Leben war. Es schien mir, ich könnte die Form der Strömungen genau sehen, und ich wusste, dass ich nur einen einzigen Schwimmstoss machen musste – nicht nach oben, sondern noch tiefer hinunter -, und ich würde in die Grundströmung gelangen, die mich schliesslich wieder an die Oberfläche tragen würde.

Das tat ich, und tatsächlich wurde ich von einer kraftvollen Strömung erfasst, die mich nach oben trug und mich auf den Sand des Ufers warf. Der Fluss sah jetzt anders aus: er schäumte nicht mehr, sondern floss breit und majestätisch, aber immer noch sehr kraftvoll.

Ich erkannte, dass ich mich am anderen Ufer befand: an dem Ort, der mein Ziel gewesen war. Meine eigenen Versuche, dahin zu gelangen, waren gescheitert. Aber nachdem alles gestorben war, was ich war und was ich tun konnte, war ich auf wunderbare Weise hierhergebracht worden. Genau an dem Ort, wo ich mich befand, konnte ich den Anfang eines Weges sehen, der nach oben führte. Glücklich, dieses Leben gefunden zu haben, begann ich, auf diesem Weg hinaufzusteigen. Aber nicht mehr ich war es, der da ging; denn ich war ein anderer geworden.

Anmerkung: Dies ist die Beschreibung eines Traums, den ich in jener Zeit hatte, als ich Gott suchte (siehe https://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/05/21/wie-jesus-mich-fand/). Der Traum war eines der „Puzzleteile“, die mir schliesslich halfen zu verstehen, wie ich von wiedergeboren werden konnte.

Lernprojekt: „David Livingstone“

2. Juni 2009

Dies war unser erstes grösseres Lernprojekt, als unsere Kinder noch klein waren. Josias war siebenjährig und konnte schon lesen; der fünfjährige David hatte noch nicht lesen gelernt.

Das Projekt begann, wie so manche, eher beiläufig. Anlass dazu gab ein Computerspiel namens „Livingstone“, ein altes, dummes Spiel mit einem Männchen, das durch den Urwald rennt und wilden Tieren Steine nachwirft – eines der wenigen Spiele, die funktionierten auf dem uralten Computer mit 80286-Prozessor und Schwarzweiss-Bildschirm, den wir den Kindern zum Spielen überlassen hatten. Ich fragte die Kinder, ob sie wüssten, wer Livingstone war. Sie wussten es nicht (woher sollten sie auch…) So begann ich zu erzählen. David freute sich, als er feststellte, dass David Livingstone sein Namensvetter war. Er freute sich noch mehr, als er hörte, dass Livingstone Arzt war, denn er hatte selber auch schon gewünscht, Arzt zu werden.

Im Internet fand ich eine Kurzbiographie von Livingstone – Josias‘ Lesekenntnissen angemessen -, einige Fotos und anderes Material. Josias begann seinem Bruder die Biographie vorzulesen.

Wie kam Livingstone auf die Idee, nach Afrika zu gehen? – Anlass dazu waren die Beschreibungen des Missionars Robert Moffat über die vielen abgelegenen Dörfer Afrikas, wo noch niemand von Jesus gehört hatte. Seine Motivation war die Liebe Jesu zu den Menschen, die Gott nicht kannten. Die geographischen und naturkundlichen Entdeckungen, die Livingstone berühmt machten, waren – in seinen eigenen Augen – nur ein Nebenprodukt dieser missionarischen Berufung.

Dies gab Anlass, mit den Kindern über das Thema der Mission zu sprechen, über die Anweisung Jesu, „in alle Welt zu gehen“, und nicht zuletzt über die Gründe meiner eigenen Umsiedlung nach Perú. Parallel zur Biographie Livingstones lasen wir über die Reisen des Apostels Paulus.

Natürlich musste auch die Geographie Afrikas ein Thema sein. Auf der Landkarte suchten wir die Orte, die Livingstone entdeckt hatte, und zeichneten seine Reiserouten nach. Mit Hilfe des Internets fanden wir auch Fotos jener Gegenden.

Da Livingstone Arzt war, durfte auch dieser Aspekt nicht fehlen. Vor allem David lernte mit Eifer, Wunden zu desinfizieren und einfache Verbände anzulegen.

Dann kam der Tag, an dem auch wir, wie einst Livingstone, auf eine Expedition gingen. Wir wohnten damals nahe an einer noch einigermassen natürlichen Flusslandschaft; ein guter Ort, um Livingstones Reisen nachzuerleben. Etwa zwei Stunden lang wanderten wir (gemächlich) dem Flussufer entlang. Josias und David erhielten die Aufgabe, unterwegs alle interessanten Tiere und Pflanzen zu beobachten; David zeichnete sie ab und Josías schrieb jeweils eine kurze Beschreibung dazu. Ausserdem übten wir den Gebrauch eines Kompasses, um die jeweilige Richtung des Flusslaufes festzustellen. So zeichneten wir eine einfache Landkarte von unserer Marschroute und dem Flusslauf. (Das war natürlich noch zu schwierig für die Kinder; ich zeichnete die Karte und sie schauten dabei zu.)

Der Fluss ist einer der Quellflüsse des Amazonas. Das war ein Anlass, auch die peruanische Geographie zu studieren. Wir verfolgten auf der Landkarte den Lauf des Flusses bis zum Amazonas (wobei er unterwegs mehrmals den Namen wechselt), und dann den Lauf des Amazonas bis zum Atlantik. – Bei einer anderen Gelegenheit reisten wir flussaufwärts bis zum Quellgebiet auf 4500 Metern Höhe. Für die Kinder war die interessanteste Entdeckung, dass es dort gefrorene Wasserfälle gibt. (Wir wohnen zwar auf ca. 3500 Metern Höhe, aber selbst da sind Eis und Schnee etwas höchst Seltenes.)

Gefrorener Wasserfall auf 4500 Metern Höhe

Gefrorener Wasserfall auf 4500 Metern Höhe

Das Thema „Landkarten“ gab dann auch Anlass zur Mathematik: Josias lernte, auf der Landkarte Distanzen zu messen und umzurechnen. (Natürlich nur mit einfachen Massstäben wie z.B. 1:100’000, wo ein Zentimeter einem Kilometer entspricht.)

Das war also unser erstes „Lernabenteuer“, mit dem wir auf den Geschmack der „Moore Formula“ kamen (das ist die Methode oder „Lernphilosophie“, nach der wir weitgehend arbeiten).