Der Weg zum anderen Ufer (Ein Gleichnis)

Ein Gleichnis

Lange Zeit schon war ich am Rand dieser tiefen Schlucht entlanggegangen. Etwas unterhalb des Fusswegs waren felsige Abgründe zu sehen, aber die ganze Tiefe der Schlucht war nicht abzuschätzen. Ich erkannte, dass ich mich auf der falschen Seite befand. Ich musste ans andere Ufer gelangen, aber wie? Es gab keinen Weg, keine Brücke, nur diese unüberwindlichen Abgründe. Ich konnte die andere Seite der Schlucht sehr gut sehen: sie war voll von Leben und sehr nahe, aber doch so weit weg…

Als ich an einen Bergvorsprung vorbeigegangen war, sah ich die Brücke. In Wirklichkeit war es keine Brücke, sondern nur eine Konstruktion aus losen Holzelementen. Diese ähnelten ineinander- oder übereinandergestellten leeren Stühlen, die derart einen kühnen hohen Bogen in der Luft formten, der sich bis ans andere Ufer spannte. Um auf diesem Bogen hochzusteigen, musste ich mich mit den Händen am Rand festhalten, und zwischen meinen Füssen sah ich den Abgrund, der immer tiefer wurde, je weiter ich vorwärtsging; denn es gab keinen Boden, die ganze Konstruktion war nur wie ein leeres Gerüst.

Während ich auf diese gefährliche Weise vorwärtsging, erinnerte ich mich, wie ich in meinen Kinderspielen alle möglichen Arten von Schlössern, Schiffen, Brücken und anderen Dingen gebaut hatte, indem ich Stühle und Bänke aufeinanderstellte. Diese Brücke sah tatsächlich genau wie eine jener meiner Konstruktionen aus. Sollte ich selbst irgendwann einmal diese Brücke gebaut haben?, fragte ich mich. Ja, ich selbst musste es gewesen sein, denn das war ja mein Ziel: auf irgendeine Art das andere Ufer zu erreichen. Und so hatte ich es gewagt, das Menschenunmögliche zu versuchen.

Ich näherte mich der Mitte des Bogens, wo er am höchsten war. Ich musste jetzt auf allen Vieren gehen und mich mit den Händen noch stärker festhalten, denn über mir gab es nichts mehr, woran ich mich hätte halten können. Tief unten konnte ich endlich den Grund der Schlucht sehen. Sie war noch tiefer, als ich gedacht hatte: Hunderte und Aberhunderte von Metern, vielleicht über tausend Meter von Felswänden fielen fast senkrecht in die Tiefe ab. Zuunterst schäumte ein reissender Bergfluss. Sein weisslich-blaues Wasser sprang wild über die Felsen, während es den Himmel widerspiegelte. Der Anblick schwindelte mir, aber ich musste weitergehen.

In diesem Moment geschah etwas weiter vorne; ich sah nicht genau, was es war: War ein Stein aus dem Nichts auf die Brücke gefallen? Oder war ein Vogel im Flug mit ihr zusammengestossen? Was es auch immer war, es löste eines der Holzelemente, und dieses fiel nach unten, immer schneller und immer kleiner werdend, bis ich es nicht mehr erkennen konnte. Aber damit verlor das benachbarte Element seine Stütze und verrutschte ebenfalls und fiel und fiel … und so löste sich nach beiden Seiten ein Element nach dem anderen und fiel in diesen unermesslichen Abgrund.

Ich konnte nur zusehen, unfähig mich zu bewegen oder irgendetwas zu tun. Diese selbe Konstruktion, von der ich dachte, sie würde mich zum Leben führen, sollte jetzt mein Tod sein!

Jetzt war ich an der Reihe. Das Holz, an dem ich mich festhielt, begann zu fallen, und ich mit ihm. Mit einer erschreckenden Geschwindigkeit sauste ich an den endlosen Felswänden vorbei. Unter mir sah ich die wilden Wellen und den Schaum des Flusses näherkommen. Und schneller als ich denken konnte, befand ich mich inmitten dieser aufgewühlten Wasser und versank, noch tiefer hinunter.

Gegen den Grund des Flusses war die Strömung ruhiger. Als ich mich schon in diesen stillen Wassern der Tiefe befand, war es, als ob ich aus einem Traum erwachte, erstaunt, dass ich noch am Leben war. Es schien mir, ich könnte die Form der Strömungen genau sehen, und ich wusste, dass ich nur einen einzigen Schwimmstoss machen musste – nicht nach oben, sondern noch tiefer hinunter -, und ich würde in die Grundströmung gelangen, die mich schliesslich wieder an die Oberfläche tragen würde.

Das tat ich, und tatsächlich wurde ich von einer kraftvollen Strömung erfasst, die mich nach oben trug und mich auf den Sand des Ufers warf. Der Fluss sah jetzt anders aus: er schäumte nicht mehr, sondern floss breit und majestätisch, aber immer noch sehr kraftvoll.

Ich erkannte, dass ich mich am anderen Ufer befand: an dem Ort, der mein Ziel gewesen war. Meine eigenen Versuche, dahin zu gelangen, waren gescheitert. Aber nachdem alles gestorben war, was ich war und was ich tun konnte, war ich auf wunderbare Weise hierhergebracht worden. Genau an dem Ort, wo ich mich befand, konnte ich den Anfang eines Weges sehen, der nach oben führte. Glücklich, dieses Leben gefunden zu haben, begann ich, auf diesem Weg hinaufzusteigen. Aber nicht mehr ich war es, der da ging; denn ich war ein anderer geworden.

Anmerkung: Dies ist die Beschreibung eines Traums, den ich in jener Zeit hatte, als ich Gott suchte (siehe https://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/05/21/wie-jesus-mich-fand/). Der Traum war eines der „Puzzleteile“, die mir schliesslich halfen zu verstehen, wie ich von wiedergeboren werden konnte.

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