Meine zweite Bekehrung (Teil 1)

Während der letzten Jahre habe ich so etwas ähnliches wie eine „zweite Bekehrung“ durchgemacht. Es ging dabei zwar nicht direkt um meine persönliche Beziehung zu Gott; aber im Rückblick sehe ich doch einen so tiefgreifenden Wandel in mir, dass der Vergleich angebracht ist. Es handelt sich, einfach gesagt, um meine Sicht von der christlichen Gemeinde und meine Beziehung zu ihr.

Schon vor vielen Jahren war ich Opfer von „geistlichem Missbrauch“ geworden – d.h. des Missbrauchs von Macht, die religiöse Leiter haben aufgrund ihrer „besonderen Stellung vor Gott“ und des daraus resultierenden Abhängigkeitsverhältnisses anderer Menschen von ihnen. (Es ist hier nicht Platz, dieses ganze Thema aufzurollen. Wer sich dafür interessiert, kann mit einer Internet-Suche nach „Geistlicher Missbrauch“ diesbezügliche Informationen finden.)

Ich dachte damals, bei den beteiligten Organisationen und Leitern handelte es sich um einige wenige „schwarze Schafe“. Einige der betreffenden Leiter hatten sich auch einige Jahre später bei mir für gewisses Fehlverhalten entschuldigt und mich in gewisser Weise vor ihrer Organisation „rehabilitiert“. Mir kamen deshalb damals noch keine grundsätzlichen Bedenken inbezug auf die gegenwärtigen Gemeinde- und Leiterschaftsstrukturen. – Einige Jahre später musste ich jedoch bei Gesprächen feststellen, dass sich die grundsätzliche Haltung der Leiterschaft jener Organisationen, inbezug auf den Gebrauch und Missbrauch von Macht, kaum geändert hat.

Dann machte ich auch einige merkwürdige Beobachtungen bei Kursen und Einsätzen in peruanischen Gemeinden. Wer hinderte die Jugendlichen an der Teilnahme? Wer war überhaupt nicht daran interessiert, dass das Evangelium verkündet würde? Wer gab mit seinem Lebensstil der Gemeinde ein schlechtes Beispiel? Wer waren die gleichgültigsten Kursteilnehmer? – Sehr oft die Gemeindeleiter.
Ich möchte hier gleich anfügen, dass es natürlich auch Ausnahmen gibt. Aber schon die Tatsache, dass gute Leiter „Ausnahmen“ sind und nicht die Regel, spricht Bände. Die fleissigsten, hingegebensten, lerneifrigsten Mitarbeiter waren meistens nicht diejenigen, die offizielle Verantwortung innehatten – und die auch nicht Aussicht hatten, demnächst in Verantwortung berufen zu werden. (Auch wieder mit Ausnahmen.)

Pastoren aus dem deutschen Sprachraum, die dies lesen, werden diese Zeilen (und das, was folgt) möglicherweise als den endgültigen Beweis ansehen, dass ich tatsächlich ein „Rebell“ sei. (Das war ihr Hauptvorwurf an mich gewesen, als ich es gewagt hatte, Gottes Richtlinien zu folgen statt den von Menschen aufgestellten.) Nun, falls dies ihre Vorstellung von einem Rebellen sein sollte, nehme ich den Titel gerne an; denn dann waren die Apostel auch Rebellen, als sie zu den religiösen Leitern sagten: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29).

Schlussfolgerung so weit: Etwas ist grundsätzlich nicht in Ordnung in den Gemeinden – und zwischen Südamerika und Europa besteht in dieser Hinsicht kein grosser Unterschied, nur die kulturellen Schattierungen sind anders. Christliche Gemeinden, und deren Leiter, sind ihren Mitgliedern oftmals keine Hilfe, sondern sogar ein Hindernis davor, Gott näherzukommen.

Dann kam mir eine Statistik aus den USA in die Hände, die meine Beobachtungen bestätigte und weiterführte. Rund 12 Millionen evangelikale Christen in jenem Land besuchen keine Gemeinde – nicht weil sie vom Glauben abgefallen wären, sondern im Gegenteil, weil die Gemeinde ihnen zum Anstoss und Hindernis geworden war in ihrem Glaubensleben. Dasselbe Phänomen wird anscheinend in vielen anderen Ländern (vorwiegend den englischsprachigen) beobachtet.
Weiter: diese Ausgetretenen „um des Glaubens willen“ sind anscheinend nicht irgendwelche Mitglieder. 94% von ihnen hatten in ihrer Gemeinde eine Leiterschaftsstellung inne, und 40% waren vollzeitliche Mitarbeiter in der Gemeinde!
(Veröffentlicht bei: http://www.livenet.ch/www/index.php/D/article/108/16786/  )

Weitere Erinnerungen aus früherer Zeit vervollständigten das Bild. An meiner Bekehrung, meinem geistlichen Wachstum und meiner Ausbildung zum christlichen Dienst waren fast ausschliesslich Menschen und Gruppen von über- bzw. aussergemeindlichen Organisationen beteiligt; denominationelle Ortsgemeinden spielten kaum eine Rolle dabei.
Ich erinnerte mich auch an mein seinerzeitiges Gemeindepraktikum als Theologiestudent. Meine Zeit war weitgehend ausgefüllt mit Büroarbeiten, Sitzungen, Pflichtbesuch von Veranstaltungen, und ab und zu Ausarbeitung von Lehrunterlagen für den Pastor (etwa einmal im Monat auch für eine Lehre, die ich selber zu halten hatte). Zu „geistlichem Dienst“ hatte ich nicht mehr Gelegenheiten als in meinen vorherigen Freizeit-Verantwortungen.

Am Ende meines letzten Semesters als Bibelschullehrer (ich wusste damals noch nicht, dass es das letzte sein sollte), fragte ich die Schüler des ersten Jahrgangs nach ihrem geistlichen Leben. Alle(!) sagten, sie seien während des Semesters in ihrem geistlichen Leben zurückgegangen und hätten an Eifer für den Herrn abgenommen.

Schon an mindestens fünf verschiedenen Orten habe ich dieselbe Geschichte gehört: „Ja, früher, da war unsere Kirche voll, fast das ganze Dorf ist zu uns in den Gottesdienst gekommen. Aber sie sind alle zurückgefallen, heute sind wir, wenn es gut geht, noch etwa zehn Personen.“ (Wobei „früher“ sich jeweils auf eine Zeit vor zehn bis zwanzig Jahren bezieht; manchmal noch weniger.) – Wenn ich Gelegenheit dazu hatte, dann stellte ich jeweils zwei Fragen: „Haben sich diese Gottesdienstbesucher denn auch bekehrt? – Und habt ihr auch eure Kinder das Evangelium gelehrt und evangelisiert?“ – Die Antworten waren ungefähr: „Nun, sie sind zur Gemeinde gekommen, sie haben ein Übergabegebet gesprochen, sie haben sich taufen lassen…“ (Ist irgendetwas davon ein Beweis für eine echte Bekehrung?) – „Manchmal hatten wir Sonntagschule, aber manchmal war auch niemand da, der die Kinder unterrichten wollte…“ (d.h. die Kinder sind nicht so wichtig – oder würde man die Erwachsenengottesdienste auch ausfallen lassen, weil vielleicht gerade „niemand da ist, der den Gottesdienst leiten will“? Und ist „Sonntagschule haben“ schon gleichbedeutend mit „das Evangelium lehren und evangelisieren“?)
Dann sehe ich diejenigen Gemeinden an, die zur Zeit florieren (meistens sind es solche, die erst in jüngerer Zeit, etwa vor fünf bis zehn Jahren, gegründet wurden), und frage mich: Was für ein Fundament haben diese Gemeinden? Werden sie in ein paar Jahren dasselbe sagen müssen wie die anderen? Wieviele ihrer Mitglieder (und Leiter) gehören tatsächlich zu Jesus? Wird hier vielleicht auch einfach eine Art Luftballon aufgeblasen, der eines Tages platzt?

So wurde die Frage immer drängender: Was ist falsch mit der Gemeinde? Und wie wäre es denn „richtig“?

Dann fand ich ein Buch, das es gedruckt gar nicht gibt, aber es ist auf Englisch im Internet veröffentlicht: „The Secrets of the Early Church“ (Die Geheimnisse der Urgemeinde), von Andrew Strom (http://www.revivalschool.com ). Dieses Buch drückt vieles aus, was ich so oder ähnlich auch schon gedacht und geschrieben hatte; aber der Autor stellt es so in einen Zusammenhang, dass sich für mich ein viel klareres Bild ergab. – Gleichzeitig ist es so provokativ, dass Eure Pastoren Euch wahrscheinlich warnen werden, es nicht zu lesen. Sollte dies geschehen, dann habt Ihr eine Bestätigung, dass diese Botschaft wirklich wichtig ist.

Das Buch stellt „neun Lügen“ bloss, die in den heutigen Gemeinden sehr verbreitet sind und oft sogar als „biblische Wahrheit“ gelehrt werden, obwohl sie in Wirklichkeit der Bibel entgegengesetzt sind. Demgegenüber stellt der Autor das Bild der Urgemeinde, wie sie v.a. in der Apostelgeschichte beschrieben wird. Seine Grundthese ist: Die Berichte der Apostelgeschichte (zusammen mit den Anweisungen in den Briefen) sind nicht nur als Berichte über eine vergangene Epoche aufzufassen, sondern als normative Richtlinien für die Gemeinde heute. Die heutigen Formen der evangelikalen Gemeinden (und erst recht der liberalen Landeskirchen) sind meilenweit von diesen Richtlinien entfernt. Zeiten der Reformation und Erweckung bestehen darin, dass die Gemeinde vorübergehend diesem Urbild wieder ein wenig näherkommt; aber selbst die historisch bezeugten Erweckungen blieben noch weit entfernt davon.

Eine „theoretische Grundlage“ hatte ich also, zumindest der Spur nach. (Auch wenn meine offene Fragen mir noch Stoff geben für viele Wochen des Bibelstudiums.) Viel wichtiger, und schwieriger, war aber die nächste Frage: Wie können wir praktisch dem Standard der Apostelgeschichte wieder näherkommen?

Eine ebenso naheliegende wie abgegriffene Antwort war: „Beten und den Herrn suchen“. Das habe ich in den vergangenen Jahren auch ausgiebig getan; meistens allein, ab und zu auch mit meiner Frau und (seltener) mit anderen Christen. Aber es musste einfach noch etwas mehr geschehen. Ich hatte (und habe) mittlerweile ein so starkes Verlangen nach „wirklicher Gemeinde“, dass ich mich nicht einfach damit zufriedengeben konnte und kann, in den bestehenden Strukturen weiterzugehen und zu warten, bis irgendwann einmal Gott etwas verändert.

Unsere Erfahrungen an der Bibelschule brachten mich zu einer ziemlich radikalen Schlussfolgerung. Ich musste dort eine derartige Häufung von Fällen von krasser Unehrlichkeit und Unmoral mitansehen – öfters ohne jegliche Folgen für die Schuldigen -, dass der Schluss naheliegend war, manche Bibelschüler, und auch Lehrer, seien in Wirklichkeit gar keine Christen. (Es geht ja nicht darum, dass ein Christ „perfekt“ sein soll; aber dass er Sünde klar bekennen und hinter sich lassen kann, statt zu versuchen, sie zu vertuschen.)
Zudem macht es die Struktur einer Bibelschule, mit ihrem Schwergewicht auf verstandesmässigem Wissen und Reglamentsgehorsam, sehr schwierig, solche Fälle wirklich auf persönlicher Ebene aufzuarbeiten. Und von den Gemeinden (ich habe oben die Situation ein wenig beschrieben) kann dies erst recht nicht erwartet werden. Diejenigen Aktivitäten, wo wirkliche geistliche Ergebnisse zu sehen waren, waren jene, die abseits der bestehenden „Gefässe“ von Bibelschule und Gemeinden stattfanden! (Z.B. eine unoffizielle sogenannte „Teenager-Bibelschule“, die wir eine Zeitlang führen konnten, bis die Leiter sie wieder auflösten.) – Eine ähnliche Erfahrung machten Bibelschüler, die in ihren Gemeindepraktika versuchten, z.B. Teenager geistlich weiterzuführen: Anfangs sehen sie oft Anzeichen von Erneuerung und Erweckung, aber dann kommen die Leiter und „bremsen“.

Fazit: Es ist nicht möglich, geistliche Erneuerung innerhalb der bereits bestehenden organisierten Strukturen zu verwirklichen.

Zu dieser – auf den ersten Blick übertrieben klingenden – Einsicht sind in Wirklichkeit fast alle Reformatoren und Erweckungsprediger der Vergangenheit früher oder später gekommen!
Bei einem kurzen Überflug der Kirchen- und Erweckungsgeschichte fiel mir bald eine eigenartige Gesetzmässigkeit auf: Die meisten Reformatoren und Erweckungsprediger begannen ihren Dienst innerhalb einer Kirche oder Bewegung, die aus einer vorhergegangenen Erweckung hervorgegangen war. Aber irgendwann kam ein Punkt, wo sie ihrer Kirche zu radikal wurden und es zu einem Bruch kam.
Martin Luther war ein katholischer Mönch und Priester. Zumindest am Anfang der Reformation dachte er nicht im Entferntesten daran, eine andere Kirche zu gründen; er wollte die katholische Kirche als solche reformieren. Aber je mehr er die Gedanken der Reformation verbreitete, desto „untragbarer“ wurde er für die Kirche, bis er schliesslich exkommuniziert wurde. So begann etwas Neues: die reformierten Kirchen.
John Wesley begann seinen Dienst in der anglikanischen Kirche; also einer Kirche, die aus der Reformation hervorgegangen war. Aber auch er musste bald feststellen, dass die Kirche seinen Erneuerungsversuchen nicht wohlgesinnt war. Wiederum entstand etwas Neues: die methodistische Bewegung (die mit der Zeit dann auch zu einer „Kirche“ wurde).
William Booth war ein methodistischer Prediger. Aber die Methodisten seiner Tage (Wesley war längst tot) konnten seine Vision nicht teilen, das Evangelium auf die Strasse hinaus und zu den Bedürftigen zu tragen. So brauchte auch hier der „neue Wein“ wieder ein „neues Gefäss“, und die Heilsarmee entstand.
Aus der Heilsarmee wiederum ging z.B. Smith Wigglesworth hervor, der aber nicht als Heilsarmist, sondern als Prediger der Pfingstbewegung bekannt wurde. – Und wenn ich jetzt Männer Gottes nennen würde, die sich von den heutigen Pfingstgemeinden trennen mussten, weil es dort zu eng war, dann würden sich meine pfingstlichen Freunde vermutlich ärgern…

Wir sehen also, dass die Träger fast jeder neuen Erweckung abgelehnt und oft sogar vefolgt wurden von den Trägern genau jener vergangenen Erweckung, aus deren Schoss sie selber hervorgegangen waren.

(Fortsetzung folgt)

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