Wir werden Freizeitchemiker

Wie in früheren Beiträgen berichtet, gehen unsere Kinder nicht zur Schule – sie lernen (fast) alles Notwendige zuhause. Unsere Gründe dafür sind in anderen Artikeln der Kategorie „Aus der Schule geplaudert“ nachzulesen.

Dank den Wünschen unserer Kinder steht dieses Jahr Chemie auf unserem Lehrplan. Somit begannen wir, ein kleines Labor einzurichten und erste Experimente zu starten. Josias (11 Jahre) ist zum (Unter-)Chemiker ernannt worden und David (bald 10 Jahre) zum Laboranten. Das bedeutet, dass nach jedem Experiment Josias den Laborbericht schreibt, während David die Reagenzgläser und anderes Gerät reinigt. Bei den Experimenten machen natürlich beide mit, wobei Papi die heikleren Teile übernimmt und aufpasst, dass nichts schiefgeht.

Wir sind froh, dass die Moore-Academy, unter deren Aufsicht wir arbeiten, uns viel Freiheit lässt in der Lehrplangestaltung. So können wir ohne weiteres die Grundbegriffe der Chemie jetzt schon behandeln und dafür andere Stoffe auf später aufschieben. Wenn die Interessen der Kinder mit einbezogen werden, sind sie viel motivierter zum Lernen. Wir stellten fest, dass sie trotz ihres jungen Alters das Wichtigste recht gut verstanden. Atommodelle, chemische Verbindungen und Massenverhältnisse waren kein grosses Problem für sie. Fortgeschrittenere Dinge, wie z.B. ein Ionengleichgewicht zu berechnen, lassen wir einfach noch beiseite.

Papi musste also seine verstaubten Chemiekenntnisse ausgraben und einige interessante Experimente zusammenstellen. Ausserdem mussten wir Laborgeräte und Chemikalien beschaffen – war nicht immer so einfach.

Unsere Kinder sind bereits über das Stadium der „Kinder- und Haushalt-Experimente“ hinaus, die man in jedem Experimentierbuch für Anfänger findet – wie z.B. Backsoda mit Essig zu übergiessen, solche Dinge kannten sie bereits. (Das einzig Neue daran war, die chemische Formel für den Vorgang aufzuschreiben.) Wir machen also hauptsächlich „mittelschwere“ Experimente, d.h. Experimente, die unter Aufsicht eines Erwachsenen durchgeführt werden sollten, da sie etwas schwierigere Prozeduren und/oder potentiell gefährliche Substanzen erfordern – aber doch nicht so schwierige, dass sie nur Fachleuten zugänglich wären.

Ein Problem war, dass unsere Kinder am liebsten Explosionen machen würden. Ich musste ihnen beibringen, dass das nicht so ungefährlich ist, wie es in den Trickfilmen aussieht! Sie haben jetzt aber auch Gefallen gefunden an den nicht-explosiven Experimenten.

Dank Internet konnte ich manche nützliche Information finden. Noch kenne ich nicht viele Chemieseiten, aber die folgenden fand ich interessant als Quellen für einige Experimente:
http://www.versuchschemie.de
http://www.woelen.com  (auf Englisch)
http://centros5.pntic.mec.es/ies.victoria.kent/Rincon-C/RINCON.HTM  (auf Spanisch)
Leider werden wir viele der dort vorgestellten Experimente nicht ausführen können, weil sie entweder spezielle Chemikalien erfordern oder zu gefährlich sind. Einige konnten wir dennoch machen.
– Ausserdem kann man in Wikipedia (http://www.wikipedia.org) Informationen finden über die Eigenschaften der meisten chemischen Verbindungen.

Unser Labor

Was wäre ein Chemiker ohne Reagenzgläser? oder Rund- und Erlenmeyerkolben? Um den Kauf solcher Geräte kamen wir nicht herum. Hier also die notwendige Minimal-Einrichtung:

Manch anderes Zubehör kann man mit ein wenig Kreativität selber basteln (siehe Foto unten):

ein Dreibein aus einem alten dicken Eisendraht, einen Alkoholbrenner aus einer alten Konservenbüchse, einen Verbrennungslöffel aus einem Flaschendeckel und einem Stück Draht (Flaschendeckel sind hierzulande nicht aus Aluminium, das hätte einen zu niedrigen Schmelzpunkt!), einen Reagenzglasreiniger aus einem Stück von einem Lappen und einem Draht. Ein leeres Plastikfläschchen dient als Messzylinder (graduiert mit Hilfe einer Spritze). Ganz rechts ist unser „Mikroskop“ zu sehen (die Idee stammt aus einem alten Experimentierbuch): In einen Plastikstreifen wird mit einem Papierlocher ein Loch gestanzt. In das Loch gibt man vorsichtig einen Wassertropfen. Dieser dient als Linse und vergrössert darunterliegende Gegenstände im Idealfall bis 50fach. Der schräggestellte Spiegel unten im Becher dient dazu, Licht (z.B. vom Fenster) von unten auf das Objekt zu werfen.

Falls wir einmal mehr Hitze brauchen, als der Alkoholbrenner leistet, dann können wir unseren Gasherd zu einem Bunsenbrenner umfunktionieren, mit Hilfe eines Eisenröhrchens aus dem Abfall, das unten mit einer Dichtung aus einem Stück Fahrradschlauch und Isolierband versehen ist:

Andere nützliche Dinge: Alle möglichen Arten von leeren Gefässen, um Chemikalien aufzubewahren. Eine gebrauchte Spritze ersetzt die Pipette. Plastikröhrchen und -schläuche in allen Grössen dienen dazu, Gase und Flüssigkeiten von einem Gefäss ins andere zu leiten. Nur können wir damit keine allzu „heissen“ Experimente machen. (Unbegreiflicherweise konnten wir in keinem Geschäft gewöhnliche Glasröhrchen auftreiben!) Haushalt-Reinigungspapier als Filterpapier – funktioniert genauso gut, nur sollte man ein Tüchlein darunterlegen, damit es nicht zerreisst. Die Taucherbrille unserer Kinder funktioniert zugleich als Labor-Schutzbrille.

Und hier unsere Nicht-ganz-Präzisions-Waage. Sie wägt immerhin auf Zehntelgramm genau. Die Gewichte sind aus Papier, dessen Gewicht in g/m2 bekannt ist. „Laborant“ David hatte grossen Spass daran, mit dieser Waage alle möglichen Substanzen abzuwägen.

Waage

Gewichte

Soweit wäre also unser Labor eingerichtet – bei anderer Gelegenheit werde ich berichten, wie es weiterging.

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