Archive for November 2009

Der Freizeitchemiker dritter Streich: Der erste Laborzwischenfall

21. November 2009

Dies geschah bei einem unserer ersten Chemie-Experimente. Es ging darum, den Siedepunkt verschiedener Flüssigkeiten zu bestimmen. Mein Sohn heizte über einer Flamme ein Reagenzglas mit ein wenig Flüssigkeit und einem Thermometer. Ich hatte ihm soeben beigebracht, wie er das Reagenzglas halten musste: etwas schräg, vom Gesicht und von anderen Leuten weg, und den Reagenzglashalter am Ende anfassen, nicht zu nahe am Glas.

Eine der zu bestimmenden Flüssigkeiten war Alkohol. Anscheinend hatte Unterchemiker Josias den Siedepunkt verpasst und heizte weiter, denn plötzlich spritzte halb gasförmiger Alkohol aus dem Glas, lief dem Glas entlang nach unten und entzündete sich über der Flamme. Reagenzglas und Thermometer standen einige Sekunden lang in hohen Flammen, bis der verspritzte Alkohol verbraucht war. Nun war mein Sohn heilfroh, dass er das Reagenzglas richtig gehalten hatte, denn so war niemandem etwas passiert!

Man könnte jetzt sagen, dieses Experimentieren sei zu gefährlich. Ich bin aber nicht dieser Meinung. Ich bin sogar froh, dass dieser Zwischenfall ziemlich am Anfang passiert ist. Unsere Kinder wissen jetzt, wozu die Sicherheitsvorkehrungen dienen, und halten sich daran. Seither haben wir eine Menge Experimente gemacht (auch gefährlichere), und es gab keinen einzigen Zwischenfall mehr. Ausser dass einmal ein Reagenzglas beim Reinigen zu Bruch ging.

Das folgende Zitat scheint mir in dieser Hinsicht erwähnenswert. Ein Lehrer machte eine Umfrage über „experimentelle Erlebnisse“ in der Kindheit, und schreibt folgendes:

„Es stellte sich heraus, dass früher (gemeint sind die Jahre vor 68!) ganz andere Experimente möglich waren. Die Kinder wuchsen damals freier – im Sinne von unbeaufsichtigt – auf. Weniger Einengung, weniger Vorschriften, aber auch weniger Sicherheitsdenken ermöglichten Experimente, die aus heutiger Sicht grausamer (mit Tieren) oder gefährlicher (Wald, Material) wären. Eindrucksvoll zeigt dies der folgende Text:
… Als Kinder sassen wir in Autos ohne Sicherheitsgurten und ohne Airbags. Unsere Bettchen waren angemalt in strahlenden Farben voller Blei und Cadmium. Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen genauso wie die Flasche mit Bleichmittel. Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere Fingerchen. Auf dem Fahrrad trugen wir nie einen Helm. Wir tranken Wasser aus Wasserhahnen und aus Brunnen. Wir bauten Wagen aus Seifenkisten und entdeckten während der ersten Fahrt den Hang hinunter, dass wir die Bremsen vergessen hatten. Damit kamen wir nach einigen Unfällen klar. Wir verliessen morgens das Haus zum Spielen. Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Strassenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren, und wir hatten nicht einmal ein Handy dabei. Wir haben uns geschnitten, brachen Knochen und Zähne, und niemand wurde deswegen verklagt. Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld ausser wir selbst. Keiner fragte nach „Aufsichtspflicht“. Wir kämpften und schlugen einander manchmal bunt und blau. Damit mussten wir leben, denn es interessierte die Erwachsenen nicht. Wir assen Kekse, Brot dick mit Butter beschmiert und gingen trotzdem nicht „auseinander“. Wir tranken mit unseren Freunden aus einer Flasche, und niemand starb an den Folgen. Wir hatten weder Playstation, Videospiele, 164 Fernsehkanäle, eigene Fernseher, Computer noch Internet mit Chat-Rooms. Wir hatten nur Freunde. Wir gingen einfach raus und trafen sie auf der Strasse. Oder wir marschierten zu denen heim und klingelten. Manchmal brauchten wir gar nicht klingeln, wir gingen einfach hinein. Ohne Termin und ohne Wissen unserer Eltern. Keiner brachte uns, und keiner holte uns. Wir dachten uns Spiele aus mit Holzstöcken und Steinen. Ausserdem assen wir Würmer. Und die Prophezeiungen trafen nicht ein: Die Würmer lebten nicht in unseren Mägen für immer weiter (…) Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie rasselten durch Prüfungen und wiederholten Klassen. Das führte nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar zur Änderung der Leistungsbewertung. Unsere Taten hatten manchmal Konsequenzen. Das war klar und keiner konnte sich verstecken. Wenn einer von uns gegen das Gesetz verstossen hatte, hauten ihn die Eltern nicht aus dem Schlamassel heraus. Ganz im Gegenteil. Sie waren der gleichen Meinung wie die Polizei. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung. Mit alldem wussten wir umzugehen. Du gehörst auch dazu! Herzlichen Glückwunsch!

(Aus: Gerd Oberdorfer, „Die Forscherkiste“)

Kein weiterer Kommentar dazu. Nur noch eine Anmerkung zum Experiment mit dem Siedepunkt. Eine weitere interessante Lernerfahrung fand statt, als unsere Kinder feststellten, dass einige ihrer gemessenen Werte nicht mit den Daten im Lehrbuch übereinstimmten: Wasser 88ºC (statt 100º), Alkohol 66º (statt 78º). Hatten sie falsch gemessen? War das Thermometer nicht richtig geeicht? Oder war das Lehrbuch im Unrecht (kommt manchmal auch vor)? – Nichts von alldem. Wir wohnen im peruanischen Hochland auf 3500 Metern über Meer, und da sieden Flüssigkeiten eben bei niedrigeren Temperaturen als auf Meereshöhe. Das selber nachzumessen, ist natürlich viel eindrücklicher als es einfach theoretisch gelehrt zu bekommen.

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Die Suche nach dem Berg des Herrn

14. November 2009

Ein Gleichnis

Vor wenigen Tagen war ich durch die Enge Pforte eingetreten. Jetzt befand ich mich auf dem Weg zum Berg Zion. Ein dichter Nebel begann die Landschaft einzuhüllen. Da ich nie zuvor diesen Weg gegangen war, freute ich mich, als mir ein Bergführer seine Dienste anbot. Er versicherte mir, dass er mich auf dem besten Weg zum Gipfel führen würde, und ich bezahlte den vereinbarten Preis. Der Führer begann ein dickes Seil zu entrollen und erklärte mir, wie ich mich daran anbinden sollte.
– „Wozu?“, fragte ich.
– „Zu deiner Sicherheit. Es gibt einige gefährliche Abgründe nahe am Weg.“
Ich band mich also am Seil an, und der Führer band sich das andere Ende um.

So gingen wir, und bald begann der Weg anzusteigen. Man konnte nicht viel sehen wegen des Nebels. Diese Seite des Berges war tatsächlich ziemlich steil. Aber der Weg war gut, sicher und bequem zu gehen, sodass ich mich fragte, warum das Seil nötig sein sollte.

Plötzlich sah ich, wie mein Führer, der vorausging, ausrutschte und neben dem Weg hinunterfiel, wo ich ihn nicht mehr sehen konnte. Aber sogleich begann das Seil, an dem ich angebunden war, auch mich gegen den Abgrund zu ziehen. Wir beide rutschten über Steine und Felsen, bis uns einige Sträucher aufhielten. Mit grosser Mühe konnten wir den rutschigen Abhang hinaufsteigen, bis wir wieder auf den Weg gelangten.

„Ich hoffe, du wirst keinen Fehltritt mehr tun“, sagte der Führer. „Es hat mich viel Mühe gekostet, dich auf den Weg zurückzubringen.“
– „Ich habe keinen Fehltritt getan“, antwortete ich.
– „Doch, natürlich“, sagte er, „du hast nicht auf den Weg aufgepasst, sonst wären wir nicht hinuntergefallen.“
Es schien unnütz, mit ihm zu diskutieren.

Wir gingen weiter, und der Nebel begann sich ein wenig zu lichten. Man konnte sogar die Sonne sehen, aber sie schien nicht mit ihrer vollen Kraft. Wir kamen auf ein Hochplateau mit mehreren Häusern. Einige Leute spazierten in dem freien Platz zwischen den Häusern umher. Der Führer hiess mich in eines der Häuser eintreten und sagte: „Willkommen im Haus Gottes.“

Dieser Ausspruch befremdete mich ein wenig, aber ich sagte nichts. Viele andere Leute waren in dem Haus. Alle standen, obwohl es mehrere Sitzbänke gab. Alle schauten in dieselbe Richtung, obwohl es dort nichts zu sehen gab. Der Führer ging nach vorne, dorthin, wohin die Leute schauten. Dies zwang mich, ihm zu folgen, da ich immer noch am Seil angebunden war.

„Ihr könnt Platz nehmen“, sagte der Führer. Wir setzten uns alle in die Bänke. Der Führer begann über das Bergsteigen zu sprechen, und wie wichtig es sei, immer am Seil angebunden zu sein und keinen Fehltritt zu tun.

Als der Führer fast eine Stunde lang gesprochen hatte, wagte ich zu sagen:
– „Entschuldigen Sie, aber ich bin auf diesen Berg gekommen, um dem Herrn zu begegnen und um die Aussicht zu sehen, die man von hier hat.“
– „Unterbrich nicht“, sagte der Führer, „dies ist das Haus Gottes.“

Ich musste eine weitere Stunde warten, bis der Führer seine Rede beendet hatte. Dann begab er sich zur Tür des Hauses, und die Leute begannen hinauszugehen. Als ich an ihm vorbeikam, sagte er zu mir: „Jetzt kannst du hier ein wenig spazierengehen.“ – Ich konnte aber nicht weit gehen, denn ich war ja am Seil angebunden, und er entfernte sich nicht von der Tür des Hauses.

In einem Moment schien es mir, als sähe ich im Nebel einen hohen Gipfel, wenige Kilometer entfernt. Ich sah genauer hin, und da war tatsächlich ein hoher Berg, glänzend im Sonnenlicht, welches auf jener Höhe intensiver sein musste. Dies überraschte mich, und ich wandte mich an meinen Führer:
– „Sie sagten, der Berg Zion sei der höchste Berg in dieser Gegend.“
– „Das ist richtig.“
– „Was ist denn jener viel höhere Gipfel dort?“
– „Was für ein Gipfel?“
– „Dort“, sagte ich, und zeigte mit dem Finger die Richtung.
– „Dort ist nichts“, sagte der Führer.
– „Aber ich sehe einen Gipfel dort, sehen Sie gut hin.“
– „Nein, ich sehe nichts. Du siehst sicher eine Luftspiegelung.“

In diesem Moment durchbrach die Sonne den Nebel mit einigen stärkeren Strahlen, und die glänzenden Umrisse des hohen Gipfels zeichneten sich klar ab vor dem Himmel, der jetzt fast blau war.
– „Sehen Sie“, sagte ich, „jetzt sieht man ihn deutlich.“
– „Gut, es kann sein, dass da etwas ist, aber ich versichere dir, dass ich nie zuvor einen Berg dort gesehen habe.“
– „Dann haben Sie mich betrogen. Ich habe Sie angestellt, um mich zum Berg Zion zu führen, dem höchsten Berg dieser ganzen Region. Sie haben mich zum falschen Ort gebracht.“
– „Wie kannst du so etwas sagen? Dies ist der Berg Zion, und es ist meine Arbeit, die Menschen hierherzubringen, und das habe ich getan. Ich habe auf dem ganzen Weg auf dich aufgepasst und habe dich sicher hierhergebracht. Ohne meine Hilfe wärst du in den Abgrund gestürzt.“
– „Was auch immer dieser Ort sein mag, ich sehe dort einen höheren Gipfel und möchte dorthin gehen.“
– „Auch wenn dort tatsächlich etwas wäre“, sagte der Führer, „dann wäre es mit Sicherheit unmöglich, dorthin zu gelangen.“
– „Dann bitte ich Sie, mich zur Engen Pforte zurückzubringen.“
– „Tut mir leid, aber das steht nicht im Vertrag. Ich führe die Leute nur auf dem Aufstieg.“
– „Dann werde ich allein gehen.“
– „Wie kannst du so etwas tun? Du hast gesehen, wie gefährlich der Weg ist. Ohne meine Hilfe wärst du völlig verloren.“
– „Ich weiss wohin ich gehen will, und wenn Sie mich nicht führen wollen, dann muss ich allein gehen. Bitte lösen Sie mich von diesem Seil.“

Erst in diesem Moment fiel mir auf, wie lächerlich es war, an einem Seil an einen anderen Menschen angebunden zu gehen, auf einem völlig ebenen Platz, und sogar während wir im Haus drin waren. Aber der Führer antwortete: „Nein, das kann ich auf keinen Fall tun, das wäre völlig unverantwortlich. Hast du meine Predigt nicht verstanden? Niemand kann ohne Führer und ohne Seil in den Bergen umhergehen. Wenn du nicht an diesem Ort und in der Nähe dieses Hauses bleibst, wirst du verlorengehen.“

Somit begann ich, mich selber loszubinden, aber die Knoten hatten sich auf dem Weg derart zugezogen, dass ich sie nicht öffnen konnte. Ich versuchte einige andere Leute in der Nähe um Hilfe zu bitten, da mir der Führer auf keinen Fall helfen wollte. Zuerst schien es, als hätte mich niemand gehört. Nach vielen Versuchen fand ich schliesslich jemanden, der bereit war, mir ein Messer zu leihen. Mit diesem schnitt ich die Knoten durch.

Aber da wurde der Führer wütend: „Du hast mein Seil kaputtgemacht! Weisst du, wieviel ein solches Seil kostet? Das musst du mir jetzt gleich bezahlen!“
Viele Leute begannen sich um uns zu scharen, und es war offensichtlich, dass sie mich nicht gehen lassen würden, ohne dass ich das Seil bezahlte. Der Führer verlangte alles Geld, das mir geblieben war, bis auf den letzten Cent.

Dann suchte ich den Rückweg. Aber zu meiner Überraschung war jene Seite des Hochplateaus jetzt mit einer hohen Mauer abgeriegelt. Es gab keinen Durchgang zum Weg, auf dem ich gekommen war. Der einzige Ausweg war auf der gegenüberliegenden Seite, in der Richtung, wo ich den hohen Gipfel gesehen hatte. Der Nebel war wieder dichter geworden, und der Gipfel war nicht mehr zu sehen; aber ich erinnerte mich noch an die Richtung. Um dorthin zu gelangen, musste ich wieder an dem Haus vorbeigehen, wo der Führer war. Ich konnte hören, wie er die Leute ringsum davor warnte, mir zu folgen; und er wies sie an, jeden Kontakt mit mir zu vermeiden.

Ich überquerte das Hochplateau, das grösser war, als ich gedacht hatte. Ich sah viele verschiedene Häuser, aber in allen schienen sich ähnliche Szenen abzuspielen wie jene, die ich am Anfang erlebt hatte. Und öfters konnte ich Führer sehen, die eine oder mehrere Personen an einem Seil angebunden hinter sich her führten. Sie gaben ihnen ähnliche Anweisungen wie ich sie gehört hatte. Einige Führer warnten die Leute sogar davor, sich irgendeinem anderen Haus zu nähern, da die anderen Häuser, ausgenommen das seine, gefährlich seien. Ich versuchte mit einigen Leuten zu sprechen, aber sie konnten mich anscheinend nicht einmal sehen. Sie folgten nur ihren Führern.

Schliesslich gelangte ich an den Anfang des Abstiegs. Diese Seite des Berges war ebenso steil wie die andere; aber es gab keinen Weg, sodass der Abstieg schwierig war. Einige Male rutschte ich aus, und ich begann mich zu fragen, ob ich doch dem Führer hätte gehorchen sollen. Vielleicht war es wirklich gefährlich, hier zu gehen. Aber dann erinnerte ich mich, wie der Führer ausgerutscht war und dann mir die Schuld gegeben hatte. Ich folgerte, dass es sicherer war, ohne Führer zu gehen.

Auf einmal fiel mir das seltsame Aussehen der Felsen auf. An der Erde, den losen Steinen und dem Sand war nichts Aussergewöhnliches; aber der Fels, der an einigen Stellen zum Vorschein kam, glich keinem bekannten Gestein. Neugierig geworden, begann ich mit einem Stein gegen einen Felsen zu schlagen, um ihn zu untersuchen. Als ein Stück davon abbrach, erkannte ich, was es war: Zement!

Ich stieg weiter hinunter, und überall beobachtete ich dasselbe. Dieser Berg bestand nicht aus natürlichem Fels. Es war ein vollkommen künstlicher Berg, sicherlich mit riesigem Arbeitsaufwand erbaut, aus Zement und einigen natürlichen Bestandteilen.

Schliesslich kam ich an den Fuss des Berges. Wohin jetzt? Hier unten war der Nebel so dicht, dass man nicht einmal die Stellung der Sonne erraten konnte. Ich hatte keinen Kompass. Wie sollte ich die richtige Richtung finden? Wieder begann ich an meiner Entscheidung zu zweifeln, mich an diesen unbekannten Ort zu wagen, ohne Führer, ohne Sicherheit, und jetzt auch ohne Geld. Ich setzte mich auf einen umgestürzten Baumstamm und rief aus:
„O Herr, ich möchte nur Dich finden! Aber es scheint, dass ich mich hier verirrt habe.“

Ich weiss nicht, wie lange ich an diesem Ort geblieben war, als ich plötzlich durch den Nebel wieder jenen leuchtenden Gipfel erscheinen sah, den ich zuvor gesehen hatte. Ja, dort war er, jetzt konnte man ihn besser sehen. Nur sah er von hier viel höher und ferner aus. Wie seltsam, dass dieser Gipfel durch den Nebel hindurch sichtbar war, obwohl man nicht einmal die Sonne sehen konnte!

Ich begann, in die Richtung des Berges zu gehen. Ich musste ein verwildertes Dickicht voller Dornen durchqueren, dann einen Sumpf, mehrere Flüsse und Bäche, und unzählige andere Hindernisse. Aber immer wenn ich daran dachte aufzugeben, erschien von neuem der leuchtende Gipfel. Nach langer Wanderung kam ich zu etwas, was wie ein Weg aussah. Er war sehr schmal, voll von Steinen, und an einigen Stellen von hohem Gras und Kräutern überwachsen, als ob während vielen Jahren niemand hier entlanggegangen wäre. Er konnte sich überhaupt nicht mit dem sicheren und gut unterhaltenen Weg vergleichen, der auf den Zementberg führte. Aber zweifellos war es ein Weg, und er führte in Richtung des Gipfels.

Ich fragte mich, ob dieser Weg von der Engen Pforte herkam; und falls es so war, warum ich ihn nicht gesehen hatte. Aber dann erinnerte ich mich, dass ich dem Führer gefolgt war, sobald der Nebel aufgekommen war; und von da an hatte ich auf keinen anderen Weg mehr geachtet. Wieder fühlte ich Ärger gegen den Führer und seinen Betrug. Aber da war es, als ob eine Stimme mit den Worten des Meisters zu mir spräche:
„Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir.“

Wie konnte ich es vergessen? Der Meister hatte mir gesagt, ich solle ihm folgen. Nicht einem Menschen, nicht einem Führer, sondern ihm. Es war meine eigene Schuld, dass ich jenem Führer gefolgt war. Deshalb war es klar, dass ich den Herrn nicht finden konnte an dem Ort, wohin mich der Führer gebracht hatte. Mir kam auch der Gedanke, dass der Führer, obwohl er nicht ganz ehrlich war, vielleicht doch die Leute nicht bewusst irreführte. Vielleicht glaubte er aufrichtig, jener Berg sei der wirkliche Berg Zion.

Ich kniete nieder wo ich war, auf dem steinigen Weg, und bereute meinen Fehler und bat den Meister um Vergebung, weil ich nicht auf seine Stimme gehört hatte.

Sofort fühlte ich eine grosse Sicherheit, dass ich mich auf dem richtigen Weg befand. Und ich bemerkte, dass der Weg schon seit längerer Zeit aufwärts geführt hatte, und dass die Sonnenstrahlen wieder durch den Nebel drangen. Ich ging weiter aufwärts. Dieser Berg war noch steiler als der andere, und der Weg schmaler und schwieriger, aber dennoch hatte ich keine Angst mehr, hinunterzufallen.

Einige Minuten später verschwand der Nebel ganz. Vor mir befand sich der hohe leuchtende Gipfel. Er glänzte in der Sonne, und seine majestätischen Umrisse hoben sich scharf gegen den blauen Himmel ab. Noch stand mir ein langer Aufstieg bevor, aber der Weg war jetzt angenehmer im vollen Sonnenlicht.

Wenig später holte ich einen anderen Wanderer ein, der denselben Weg hochstieg. Er war schon älter und sah ein wenig müde aus.
– „Wo gehen Sie hin?“, fragte ich.
– „Zum Berg Zion.“
– „Dann ist dies der echte Berg Zion?“
– „Natürlich, wie kannst du daran zweifeln? Wenn du hier bist, dann ist es, weil der Meister dich hierher brachte. Es gibt keine andere Möglichkeit, diesen Weg zu finden. Aber du bist sicher mit dem falschen Berg betrogen worden.“
– „Ja, und auch von einem falschen Führer, wegen meiner Unvorsichtigkeit. Weisst du davon?“
– „Ja, ich habe mich auch einmal dorthin verirrt.“
– „Und hast du auch diese ganze wilde Gegend zwischen den zwei Bergen durchquert?“
– „Schlimmer, mein Bruder, noch schlimmer. Als ich verstand, dass ich den Herrn auf dem falschen Berg nicht finden konnte, entschied ich, dass alles, was ich über den Berg Zion gehört hatte, lauter Märchen und Betrug waren. Ich stieg vom Berg hinunter, suchte die Enge Pforte und ging durch sie hinaus.“
– „Aber dann bist du ganz verlorengegangen!“

– „So schien es. Ich befand mich sofort in der dunkelsten Finsternis, die du dir vorstellen kannst. Ich begann alles zu vergessen, was mir der Meister einmal gesagt hatte. Aber ob du es glaubst oder nicht, sogar dort fühlte ich mich freier als auf dem falschen Berg. So lebte ich viele Jahre in dieser Finsternis.
Eines Tages besuchte mich ein entfernter Verwandter, der weit gereist war. Er begann mir vom Berg Zion zu erzählen. Ich unterbrach ihn sogleich: ‚Sprich mir nicht davon. Ich bin dort gewesen, und ich habe gesehen, dass das alles ein riesiger Betrug ist.‘ Aber er bat mich, ihm von meinen Erfahrungen zu erzählen. So erzählte ich ihm alles, was mir geschehen war an jenem Ort, wo man mit Seilen angebunden wird. Er antwortete mir: ‚Das ist nicht der Berg Zion. Ich bin auf dem echten Berg gewesen, und ich versichere dir, die Liebe des Herrn ist Wirklichkeit dort.‘ Ich wollte ihm nicht glauben, aber es war etwas an seiner Person, was mich das Gespräch nicht vergessen liess. Seine letzten Worte an mich waren: ‚Falls du dich einmal entschliessen solltest, zum echten Berg zu gehen, dann suche den Meister. Ich kann dich nicht führen, aber der Meister weist niemanden zurück, der ihn von ganzem Herzen sucht.'“

– „Dann gingst du also diesen Weg suchen?“

– „Ich schob die Entscheidung viele Monate hinaus. Erst als mir eines Tages die Finsternis unerträglich wurde, nahm ich den Weg unter die Füsse. Und da erhob sich ein wahrer Krieg gegen mich. Ich habe einige Freunde, die auf dem falschen Berg leben und sich dort sehr gut fühlen, und sie bestanden darauf, mich wieder dorthin zu führen. Einige wollten mich sogar mit Gewalt hinschleppen. Andere sagten mir: ‚Du hast den Meister verleugnet, du hast ihn verlassen, jetzt wirst du nie mehr durch die Pforte hineingehen können. Er wird dich nicht mehr aufnehmen.'“

– „Und, Bruder“, fragte ich, „wie konntest du dann diesen Weg finden?“

– Der alte Mann lächelte: „Ich tat, was mir mein Verwandter geraten hatte: Ich suchte den Meister. Und er machte mir klar, dass ich nicht ihn abgelehnt hatte, da ich ihn ja gar nie wirklich kennengelernt hatte. Was ich abgelehnt hatte, war lediglich eine Fälschung seines heiligen Berges. Sobald ich dies verstand, war es kein Problem für mich, wieder zur Engen Pforte einzutreten und diesen Weg zu finden. Er hat mich nicht zurückgewiesen, genau wie er es versprochen hat.“

Dann wurde sein Gesichtsausdruck ernst. „Aber es gibt viele andere, die auf dieselbe Weise betrogen und enttäuscht wurden, und die immer noch in derselben Finsternis leben wie ich damals, und nichts mehr vom Meister wissen wollen. Oh, wenn sie doch nur diesen wunderbaren Ort sehen könnten!“

Ohne es zu bemerken, waren wir während unseres angeregten Gesprächs dem Gipfel schon sehr nahe gekommen. Die Sonne war nahe am Untergehen, aber der Berggipfel leuchtete immer noch mit demselben Glanz, und es schien mir, als ob wir selber ebenfalls leuchteten. Auf dem Gipfel konnte ich andere leuchtende Wesen erkennen, vereint in einer glücklichen Harmonie. Und da, vor uns, stand der Herr, bereit uns aufzunehmen in seiner unaussprechlichen Liebe.

Wie wir Freizeitchemiker unsere Chemikalien fanden

7. November 2009

Ich werde nicht gerne politisch, aber leider beeinflusst die Politik heutzutage sogar unsere Hobbies. Die USA nehmen ihren „Krieg gegen Drogen und Terror“ zum Anlass (oder Vorwand?), den Verkauf der meisten Chemikalien zu verbieten, da sie zur Herstellung von Drogen oder Sprengstoff verwendet werden könnten. (Privatpersonen können heute in den USA nicht einmal mehr Jodtinktur oder Zitronensäure kaufen, ohne sich einer komplizierten Befragung und Registrierung zu unterziehen!) Da Perú mit den USA auf gutem Fuss stehen möchte, ist diese Tendenz auch hierzulande spürbar. Jodtinktur können wir zwar noch kaufen, aber um Ammoniaklösung oder Natronlauge zu bekommen, müssten wir ein registriertes Unternehmen eröffnen… Meine Frau ist darauf hingewiesen worden, dass auch der Verkauf von Salzsäure demnächst verboten wird (dabei tragen wir alle in unseren eigenen Mägen Salzsäure mit uns herum). – Soweit ich informiert bin, geschieht in Europa Ähnliches.

Ich erlaube mir hier meine Meinung kundzutun, dass diese ganze Registrierung und Kontrolle ein Witz ist (oder ein schlauer Schachzug von „Big Brother“?). Wer die Gesetze umgehen will, findet immer einen Weg, das zu tun. Der Geschädigte ist der Normalbürger, der in seinem redlichen Bemühen gehindert wird, nützliche Produkte zu erwerben. Um etwas theologisch zu werden: Das Gesetz bewirkt (vielleicht) Erkenntnis der eigenen Bosheit (Sünde), aber es befreit nicht davon (frei nach Römer 3,20).

Und was die Gefährlichkeit von Chemikalien betrifft, gibt es einen zusätzlichen Witz: Als „Lejía“ (was eigentlich Natronlauge heisst) wird hier in jedem Laden Bleich- oder Javelwasser (Natriumhypochlorit) verkauft. Dieses setzt im Kontakt mit Säuren (z.B. Essig) giftiges Chlorgas frei, was Natronlauge nicht tut. – Ausserdem können selbst „ungefährliche“ Substanzen, die in fast jedem Haushalt anzutreffen sind, unter bestimmten Voraussetzungen explosiv werden. (Details dazu werde ich nicht verraten, da vielleicht meine Buben oder andere Unbefugte mitlesen…)

Wir haben inzwischen unser Ammoniak mit Hilfe von gelöschtem Kalk und Kunstdünger selber hergestellt (jedes Ammoniumsalz dient dazu). Auch Chlorgas haben wir gemacht (siehe oben), unter kontrollierten Bedingungen natürlich.

Meine Frau brachte einen Tag damit zu, Chemikalien zu suchen. Frei erhältlich waren nur Natriumbikarbonat (Backsoda), Salzsäure (z.Z. noch), Silbernitrat, gelöschter Kalk und verschiedene Kunstdünger; das war schon fast alles. Schliesslich fand sie immerhin noch Schwefel und Kupfersulfat – das gab es in keinem Laden und in keiner Apotheke, aber am Marktstand eines obskuren Medizinmannes. Es scheint, dass wir allmählich zum Mittelalter zurückkehren, als Chemie die esoterische Kunst einiger weniger eingeweihter Alchemisten war…

Schwefelsäure ist verboten; aber wenn wir welche bräuchten, könnten wir natürlich eine alte Autobatterie öffnen.

Metalle: Perú ist ein grosser Produzent von Kupfer, Eisen, Silber und Gold. Bleidrähte werden als elektrische Sicherungen verwendet. Andere Metalle sind hingegen schwierig zu finden. Erst seit ganz kurzer Zeit kann man im Supermarkt Aluminiumfolie kaufen. In allen grösseren Eisenwarenhandlungen und Elektrogeschäften suchte ich vergebens nach Magnesium und Zink. Dann las ich, dass metallene Bleistiftspitzer meistens ein Gehäuse aus Magnesium haben (um die Klinge vor dem Rosten zu schützen); mit ein wenig Glück konnten wir einen solchen finden.

Jetzt haben wir also einige Chemikalien, mit denen man interessante Experimente machen kann. Ein andermal mehr darüber…

Meine zweite Bekehrung (Teil 2)

1. November 2009

Die „zweite Bekehrung“, um die es hier geht, war hauptsächlich eine Bekehrung zu einer neutestamentlichen Sicht von christlicher Gemeinde. Im ersten Teil dieses Artikels habe ich einige Erlebnisse erwähnt, die mich zu dieser zweiten Bekehrung führten.

Es gab in diesem Prozess manche Parallelen zu meiner „ersten Bekehrung“ (https://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/05/21/wie-jesus-mich-fand/ ) (d.h. meiner Hinwendung zu Jesus Christus):

Viele biblische Wahrheiten hatte ich schon Jahre vor meiner Bekehrung verstandesmässig begriffen und akzeptiert, und davon gesprochen. Was den Anstoss gab zu meiner Bekehrung, war dass Gott mir aufzeigte, wie weit mein eigenes Leben von diesen Wahrheiten entfernt war, und wie sehr ich deshalb Ihn selber nötig hatte.
Etwas ganz Ähnliches ist jetzt inbezug auf meine Vorstellung von der Gemeinde geschehen. Vieles von dem, was ich beschrieben habe und noch beschreiben werde, wusste ich schon seit Jahren. (Schon während meines Theologiestudiums hatte ich mich gewundert, wie es möglich war, dass bewanderte Bibelforscher wie selbstverständlich annahmen, die neutestamentliche Gemeinde hätte etwa so funktioniert wie eine heutige Landes- oder Freikirche; und wie diese Bibelgelehrten dann die Strukturen ihrer eigenen Konfession bzw. Denomination in die neutestamentlichen Texte hineinlasen – wo doch die Urgemeinde so offensichtlich anders war als heutige Gemeinden.) Aber während der vergangenen Jahre war es, als ob Gott ganz deutlich die Gewissensfrage an mich richtete: „Wenn du schon verstanden hast, dass die heutigen Gemeinden nicht auf neutestamentliche Weise aufgebaut sind, warum hilfst du dann trotzdem mit, diese Strukturen aufrechtzuerhalten und zu festigen?“ – Und wieder musste ich feststellen, dass mein Leben und meine Praxis bei weitem nicht mit dem übereinstimmten, was ich aus der Bibel weiss.

Ich musste also für mich selber eine klare Grenze ziehen: hier herkömmliche Gemeinde, da neutestamentliche christliche Gemeinde. Genau wie bei meiner ersten Bekehrung: hier traditionelle Namenschristen, da wiedergeborene Nachfolger Jesu. Und als ich anfing, diese Grenzziehung vorzunehmen, gab es jede Menge Leute, die mich miss- oder gar nicht verstanden, über mich erbost waren, und alle möglichen hässlichen Dinge sagten und taten. Bei meiner ersten Bekehrung waren das hauptsächlich Mitglieder der Landeskirche, die nicht nachvollziehen konnten, dass es so etwas wie eine Bekehrung überhaupt gibt (und erst recht nicht, dass dies zum Christsein notwendig sein soll). Bei meiner zweiten Bekehrung ärgerten sich vor allem Leiter und Mitarbeiter von Freikirchen. Sie fühlten sich in ihrem (falschen) Frieden gestört und angegriffen, als ich anfing zu behaupten, neutestamentliche Gemeinde sei etwas anderes als was ihr jeweiliger Gemeindeverband vorschreibt und vorlebt. Aber ich muss auch hier sagen: Seit ich mit dem Echten in Berührung gekommen bin, kann ich mich nicht mehr mit einer billigen Nachahmung zufriedengeben. Genauso wie das traditionelle Namenschristentum eine billige Nachahmung von wirklichem Christsein ist, so ist das traditionelle Gemeindetum (sei es landes- oder freikirchlich) nur eine billige Nachahmung von echter christlicher Gemeinde.

Im folgenden möchte ich einige Prinzipien anführen, die ich neu ernstnehmen musste oder zum ersten Mal überhaupt begriffen habe:

1.- Wirkliche „Gemeinde“ basiert nicht auf institutionellen Strukturen, sondern auf persönlichen Beziehungen.

Als ich von meinem ersten Jahr in Perú zurückkehrte, unter falschen Anschuldigungen ausgeschlossen von der Missionsgesellschaft, mit der ich gearbeitet hatte, da musste ich feststellen, dass ich ausgerechnet in der Gemeinde, die mich ausgesandt hatte, kaum einen echten Freund hatte. (Ob jemand ein echter Freund ist, erkennst du erst, wenn du in Not bist!)
Aber in den heutigen Gemeinden dominieren anscheinend „institutionelle“ Überlegungen: ob Personalbedarf herrscht; ob jemand von der Denomination „anerkannt“ ist; ob ein Pastor „ordnungsgemäss ordiniert“ ist; usw.
In der Urgemeinde gab es keine Diplome oder Ausweise, die jemanden als Prediger oder Mitarbeiter „anerkannten“; aber die Christen kannten einander persönlich. Ein Leiter konnte seine wahre Persönlichkeit nicht hinter einem Kanzelauftritt oder einem Büroschreibtisch verstecken; denn bei der intensiv gepflegten Gastfreundschaft kam er nicht darum herum, sein wahres Privat- und Familienleben vor seinen Glaubensgeschwistern zu offenbaren. Dadurch wurde der Gemeinde ziemlich bald klar, wer wirklich nahe bei Jesus war. In einer solchen Umgebung konnte nicht so schnell geschehen, was in heutigen Gemeinden schon fast die Regel ist: dass Machtmenschen und rückgratlose Politiker in der Leiterschaft dominieren.

Zudem ist es erstaunlich, in welch hohem Grade es möglich ist, „Kirche zu spielen“, ohne dass echtes geistliches Leben da ist. Wie oft habe ich Lobpreiszeiten erlebt, wo die Teilnehmer dazu gedrängt (soll ich sagen manipuliert?) wurden, alle möglichen äusserlichen Dinge zu tun, um einen „glücklichen Eindruck“ zu erwecken: „Wie kannst du ein trauriges Gesicht machen, wenn Gott da ist? Schaut einander an und lächelt!“ – „…Und jetzt singen wir es noch einmal, aber doppelt so laut, damit die Mächte der Finsternis zittern!“ – usw. – Wie oft sehe ich, dass „Treue im Glauben“ einzig daran gemessen wird, wie häufig jemand die Gemeindeveranstaltungen besucht! – Wie oft höre ich Gebete, in denen der Beter trotz ellenlanger frommer Formulierungen nicht klar ausdrücken kann, was er eigentlich von Gott nötig hat, möchte oder erwartet! Hauptsache, er betet, wenn er an der Reihe ist. – Institutionelle Formen und Programme entwickeln leider ein Eigenleben, das noch lange weiterbesteht, wenn das echte geistliche Leben längst daraus verschwunden ist.

„Und lasst uns darauf achten, einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen, und unsere Versammlung nicht verlassen, wie es bei etlichen Sitte ist, sondern vielmehr ermahnen…“ (Hebräer 10,24-25)

Diese Verse werden oft dazu benutzt, Gemeindemitgliedern ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie nicht jeden Gottesdienst besuchen. Aber steht hier wirklich etwas von „Gottesdienstbesuch“? – Das Schwergewicht der Aussage liegt eindeutig auf „einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen“. Ein Gottesdienst, in dem dies nicht geschieht, qualifiziert also nicht als „Versammlung“ im Sinne dieser Bibelstelle. Man beachte, dass hier steht „einander“ – es heisst nicht „eine Predigt über Liebe und gute Werke zu hören“. Erst wenn wir anfangen, eine Gemeinschaft zu pflegen, wo wir einander im Sinne Gottes anspornen und ermutigen (das mit „ermahnen“ übersetzte Wort bedeutet vor allem „ermutigen“, „aufmuntern“, „trösten“), mit aktiver Beteiligung aller, erst dann dürfen wir auch wieder diese Verse anwenden.

Das biblische Bild für die Gemeinde ist nicht die Institution, das Unternehmen oder die Veranstaltung; sondern die Familie, der Leib, die Braut – also etwas Organisches, nicht etwas Organisiertes; etwas, was lebt, nicht etwas, was „funktioniert“.


2.- Wo Leiterschaft das geistliche Leben hindert statt fördert, handelt es sich nicht wirklich um geistliche Leiterschaft.

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