Meine zweite Bekehrung (Teil 2)

Die „zweite Bekehrung“, um die es hier geht, war hauptsächlich eine Bekehrung zu einer neutestamentlichen Sicht von christlicher Gemeinde. Im ersten Teil dieses Artikels habe ich einige Erlebnisse erwähnt, die mich zu dieser zweiten Bekehrung führten.

Es gab in diesem Prozess manche Parallelen zu meiner „ersten Bekehrung“ (https://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/05/21/wie-jesus-mich-fand/ ) (d.h. meiner Hinwendung zu Jesus Christus):

Viele biblische Wahrheiten hatte ich schon Jahre vor meiner Bekehrung verstandesmässig begriffen und akzeptiert, und davon gesprochen. Was den Anstoss gab zu meiner Bekehrung, war dass Gott mir aufzeigte, wie weit mein eigenes Leben von diesen Wahrheiten entfernt war, und wie sehr ich deshalb Ihn selber nötig hatte.
Etwas ganz Ähnliches ist jetzt inbezug auf meine Vorstellung von der Gemeinde geschehen. Vieles von dem, was ich beschrieben habe und noch beschreiben werde, wusste ich schon seit Jahren. (Schon während meines Theologiestudiums hatte ich mich gewundert, wie es möglich war, dass bewanderte Bibelforscher wie selbstverständlich annahmen, die neutestamentliche Gemeinde hätte etwa so funktioniert wie eine heutige Landes- oder Freikirche; und wie diese Bibelgelehrten dann die Strukturen ihrer eigenen Konfession bzw. Denomination in die neutestamentlichen Texte hineinlasen – wo doch die Urgemeinde so offensichtlich anders war als heutige Gemeinden.) Aber während der vergangenen Jahre war es, als ob Gott ganz deutlich die Gewissensfrage an mich richtete: „Wenn du schon verstanden hast, dass die heutigen Gemeinden nicht auf neutestamentliche Weise aufgebaut sind, warum hilfst du dann trotzdem mit, diese Strukturen aufrechtzuerhalten und zu festigen?“ – Und wieder musste ich feststellen, dass mein Leben und meine Praxis bei weitem nicht mit dem übereinstimmten, was ich aus der Bibel weiss.

Ich musste also für mich selber eine klare Grenze ziehen: hier herkömmliche Gemeinde, da neutestamentliche christliche Gemeinde. Genau wie bei meiner ersten Bekehrung: hier traditionelle Namenschristen, da wiedergeborene Nachfolger Jesu. Und als ich anfing, diese Grenzziehung vorzunehmen, gab es jede Menge Leute, die mich miss- oder gar nicht verstanden, über mich erbost waren, und alle möglichen hässlichen Dinge sagten und taten. Bei meiner ersten Bekehrung waren das hauptsächlich Mitglieder der Landeskirche, die nicht nachvollziehen konnten, dass es so etwas wie eine Bekehrung überhaupt gibt (und erst recht nicht, dass dies zum Christsein notwendig sein soll). Bei meiner zweiten Bekehrung ärgerten sich vor allem Leiter und Mitarbeiter von Freikirchen. Sie fühlten sich in ihrem (falschen) Frieden gestört und angegriffen, als ich anfing zu behaupten, neutestamentliche Gemeinde sei etwas anderes als was ihr jeweiliger Gemeindeverband vorschreibt und vorlebt. Aber ich muss auch hier sagen: Seit ich mit dem Echten in Berührung gekommen bin, kann ich mich nicht mehr mit einer billigen Nachahmung zufriedengeben. Genauso wie das traditionelle Namenschristentum eine billige Nachahmung von wirklichem Christsein ist, so ist das traditionelle Gemeindetum (sei es landes- oder freikirchlich) nur eine billige Nachahmung von echter christlicher Gemeinde.

Im folgenden möchte ich einige Prinzipien anführen, die ich neu ernstnehmen musste oder zum ersten Mal überhaupt begriffen habe:

1.- Wirkliche „Gemeinde“ basiert nicht auf institutionellen Strukturen, sondern auf persönlichen Beziehungen.

Als ich von meinem ersten Jahr in Perú zurückkehrte, unter falschen Anschuldigungen ausgeschlossen von der Missionsgesellschaft, mit der ich gearbeitet hatte, da musste ich feststellen, dass ich ausgerechnet in der Gemeinde, die mich ausgesandt hatte, kaum einen echten Freund hatte. (Ob jemand ein echter Freund ist, erkennst du erst, wenn du in Not bist!)
Aber in den heutigen Gemeinden dominieren anscheinend „institutionelle“ Überlegungen: ob Personalbedarf herrscht; ob jemand von der Denomination „anerkannt“ ist; ob ein Pastor „ordnungsgemäss ordiniert“ ist; usw.
In der Urgemeinde gab es keine Diplome oder Ausweise, die jemanden als Prediger oder Mitarbeiter „anerkannten“; aber die Christen kannten einander persönlich. Ein Leiter konnte seine wahre Persönlichkeit nicht hinter einem Kanzelauftritt oder einem Büroschreibtisch verstecken; denn bei der intensiv gepflegten Gastfreundschaft kam er nicht darum herum, sein wahres Privat- und Familienleben vor seinen Glaubensgeschwistern zu offenbaren. Dadurch wurde der Gemeinde ziemlich bald klar, wer wirklich nahe bei Jesus war. In einer solchen Umgebung konnte nicht so schnell geschehen, was in heutigen Gemeinden schon fast die Regel ist: dass Machtmenschen und rückgratlose Politiker in der Leiterschaft dominieren.

Zudem ist es erstaunlich, in welch hohem Grade es möglich ist, „Kirche zu spielen“, ohne dass echtes geistliches Leben da ist. Wie oft habe ich Lobpreiszeiten erlebt, wo die Teilnehmer dazu gedrängt (soll ich sagen manipuliert?) wurden, alle möglichen äusserlichen Dinge zu tun, um einen „glücklichen Eindruck“ zu erwecken: „Wie kannst du ein trauriges Gesicht machen, wenn Gott da ist? Schaut einander an und lächelt!“ – „…Und jetzt singen wir es noch einmal, aber doppelt so laut, damit die Mächte der Finsternis zittern!“ – usw. – Wie oft sehe ich, dass „Treue im Glauben“ einzig daran gemessen wird, wie häufig jemand die Gemeindeveranstaltungen besucht! – Wie oft höre ich Gebete, in denen der Beter trotz ellenlanger frommer Formulierungen nicht klar ausdrücken kann, was er eigentlich von Gott nötig hat, möchte oder erwartet! Hauptsache, er betet, wenn er an der Reihe ist. – Institutionelle Formen und Programme entwickeln leider ein Eigenleben, das noch lange weiterbesteht, wenn das echte geistliche Leben längst daraus verschwunden ist.

„Und lasst uns darauf achten, einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen, und unsere Versammlung nicht verlassen, wie es bei etlichen Sitte ist, sondern vielmehr ermahnen…“ (Hebräer 10,24-25)

Diese Verse werden oft dazu benutzt, Gemeindemitgliedern ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie nicht jeden Gottesdienst besuchen. Aber steht hier wirklich etwas von „Gottesdienstbesuch“? – Das Schwergewicht der Aussage liegt eindeutig auf „einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen“. Ein Gottesdienst, in dem dies nicht geschieht, qualifiziert also nicht als „Versammlung“ im Sinne dieser Bibelstelle. Man beachte, dass hier steht „einander“ – es heisst nicht „eine Predigt über Liebe und gute Werke zu hören“. Erst wenn wir anfangen, eine Gemeinschaft zu pflegen, wo wir einander im Sinne Gottes anspornen und ermutigen (das mit „ermahnen“ übersetzte Wort bedeutet vor allem „ermutigen“, „aufmuntern“, „trösten“), mit aktiver Beteiligung aller, erst dann dürfen wir auch wieder diese Verse anwenden.

Das biblische Bild für die Gemeinde ist nicht die Institution, das Unternehmen oder die Veranstaltung; sondern die Familie, der Leib, die Braut – also etwas Organisches, nicht etwas Organisiertes; etwas, was lebt, nicht etwas, was „funktioniert“.


2.- Wo Leiterschaft das geistliche Leben hindert statt fördert, handelt es sich nicht wirklich um geistliche Leiterschaft.

Geistliches Leben wird gehindert …
… wo Leiter die Zeit der Mitglieder mit geistlich unproduktiven Aktivitäten besetzen,
… wo Mitglieder in erster Linie dazu angehalten werden, sich äusseren Richtlinien und Normen konform zu verhalten, statt persönlich Gott zu suchen,
… wo Leiter die Mitglieder von sich selber abhängig machen, statt von Gott,
… wo Leiter die Mitglieder als ihr persönliches Eigentum betrachten, und sie z.B. davon abhalten, geistliche Nahrung von ausserhalb des Einflussbereichs des Leiters zu bekommen,
… wo Leiter auf ihren Privilegien bestehen, und allzu aktive Personen (vor allem wenn sie Neuerungen vorschlagen) mit Argwohn betrachten,
… wo jede geistliche Aktivität vom Leiter „bewilligt“ werden muss,
… wo Leiter ihre Macht missbrauchen,
… wo Mitglieder den Leitern dienen müssen, statt dass sie darin gefördert werden, Gott zu dienen,
… wo Leiter durch ihr eigenes Leben zeigen, dass Gott bei ihnen nicht an erster Stelle steht,
… wo Mitglieder entmutigt oder abgelehnt werden, wenn sie anfangen mit anderen zu teilen, was sie von und mit Gott erfahren haben.

Wo eine Leiterschaft auf solche oder ähnliche Weise handelt, da schuldet ein Christ KEINE „Unterordnung und Gehorsam“!

(Es wäre hier noch einiges zu sagen über die Irrlehre von der „Unterordnung unter die Leiterschaft“, aber das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Ich war lange Jahre Anhänger dieser Falschlehre und musste auch darüber Busse tun.)


3.- Das Zentrum der Gemeinde ist das „Haus“ bzw. die Familie.

Der ursprüngliche Plan Gottes für uns ist, dass wir in Familien leben. Das wird schon bei der Erschaffung der ersten Menschen ganz klar ausgedrückt (1.Mose 1,27-28; 2,23-24). Das Volk Israel war durchgehend nach Stämmen, Sippen und Familien organisiert. Das Passa, das wichtigste jüdische Fest, wird in den Familien gefeiert. (Auf dem Passa beruht übrigens das Abendmahl. Warum dann haben so viele Kirchen und Gemeinden Vorbehalte dagegen, dass in Privathäusern, unter der Leitung des Hausvaters, Abendmahl gefeiert wird, so wie es die Urchristen taten?)
Das Neue Testament erwähnt immer wieder Gemeinden in den „Häusern“ (d.h. Familien). Es ist dabei bezeichnend, dass diese „Hausgemeinden“ nicht als an eine grössere Gemeinde angehängte „Hauskreise“ angeredet werden, sondern als vollwertige Gemeinden.

Am Rande bemerkt: Es gibt im Neuen Testament keinerlei spezielle Gebäude, die als „Kirche“ bezeichnet werden. „Kirche“ (bzw. „Gemeinde“) sind die Menschen, die zu Jesus gehören – wo auch immer sie sich befinden und versammeln.

In heutigen Gemeinden muss ich leider immer wieder beobachten, dass es praktisch keine Gelegenheiten für Familien gibt, gemeinsam teilzunehmen. (Für aktive Teilnahme erst recht nicht.) Familien werden getrennt und jedes Familienmitglied seiner Spezialgruppe zugeordnet: Erwachsenengottesdienst, Kindergottesdienst, Jugendgruppe, Frauenfrühstück, Seniorentreffen… Wenn ich Gemeindeleiter frage, an welchen Anlässen Familien gemeinsam teilnehmen können, ist die Standardantwort: „Ausflüge und Taufen.“ (Das gibt es zwei- bis dreimal im Jahr.) Den evangelischen Gemeinden in Perú ist sogar von Gegnern schon der Vorwurf gemacht worden, sie zerstörten die Familien. Dieser Vorwurf geht zwar zu weit – aber die Gemeinden unternehmen auch nichts, um Familien zu stärken. In vielen Gemeinden sind z.B. die Sonntagschulen vom Erwachsenengottesdienst nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich getrennt, sodass eine Familie am Sonntag kaum noch gemeinsame Zeit verbringen kann.

Ich wurde in der letzten Zeit von Gott herausgefordert, der geistlichen Gemeinschaft innerhalb unserer Familie viel mehr Prioritat zu geben. Wirkliche Christen „gehen nicht“ zur Kirche, sondern sie „sind“ Kirche, wo immer sie sich befinden – und das muss sich zuallererst in der Familie zeigen.


4.- Echte christliche Gemeinde und Gemeinschaft kann nur da stattfinden, wo Jesus selber den ihm zukommenden Platz als „Haupt“ innehat.

Allzuviele Pfarrer, Pastoren, Gemeindeleiter, usw. verstehen sich selbst als „Haupt“ der Gemeinde, der sie vorstehen. Sie würden es vielleicht nicht direkt so sagen, aber sie verhalten sich so. Sie sind es, die alle Fäden in der Hand halten. Wehe, es geschieht etwas, was sich ihrer Kontrolle entzieht! Sie sind es, die darüber entscheiden, wer in einer Versammlung sprechen darf und wer nicht. Sie sind es, die die verschiedenen Aufträge und Zuständigkeiten vergeben. Und natürlich sind sie es, die (meistens) predigen.

Ich habe bereits am Rande erwähnt, dass es im Neuen Testament keine „Sonntagsgottesdienste“ und keine „Sonntagspredigt“ gibt. Ich muss das hier aber nochmals betonen. Auf den Wochentag kommt es dabei nicht an. Worauf ich hinauswill: Die ganze allgemein verbreitete Vorstellung von „Kirche“ als einem wöchentlichen Anlass, unter Leitung eines „Pfarrers“ oder „Pastors“, ist dem Neuen Testament völlig fremd!

Natürlich war die Urchristenheit auch nicht in „Konfessionen“ und „Denominationen“ aufgespalten. (Ausser in Korinth, wo Paulus dies heftig tadelt.) Kein Leiter machte sich zum „Haupt“ einer eigenen „Abteilung“.

Der Abschnitt 1.Korinther 14,23-31 gibt einen kleinen Einblick in das, was in christlichen Zusammenkünften zur Zeit des Neuen Testaments üblich war. Ich zitiere nur den Kernvers daraus:

„Wie ist es nun, ihr Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, hat jeder von euch einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Zunge (oder: Sprache), hat eine Offenbarung, hat eine Auslegung. Alles geschehe zur Auferbauung.“ (1.Korinther 14,26)

Die frappierenden Unterschiede zur heutigen „Pastorenkirche“ springen sofort ins Auge. In der christlichen Gemeinde „hat jeder“ etwas, was er zur Auferbauung seiner Geschwister beitragen kann. Die weiteren Verse im Zusammenhang sprechen vom offensichtlichen übernatürlichen Wirken Gottes (Prophetie; Überführung von Sünde; etc.) Sie sprechen auch von Ordnung; aber diese Ordnung wird nicht von einer Leiterschaft künstlich aufgezwungen, sondern entspringt aus der gegenseitigen Rücksichtnahme aller Mitglieder, geleitet vom Heiligen Geist. Ebenso soll „geprüft“ werden, was geredet und gelehrt wird (Vers 29); aber nicht durch eine autoritäre Leiterschaft, sondern durch alle Mitglieder. Es gab zwar „Älteste“ (Mehrzahl!), die ab und zu beratend oder korrigierend eingriffen. Die „Gottesdienstleitung“ liegt aber ganz offensichtlich nicht in der Hand eines Menschen, sondern in der Hand Gottes.

Wie weit haben wir uns doch davon entfernt! Nur in Erweckungszeiten bricht ab und zu, bei seltenen Gelegenheiten, etwas von diesem urchristlichen Gemeindeleben wieder durch die institutionellen Strukturen. Hier ein historisches Beispiel:

„Wir hatten keinen Papst und keine Hierarchie. Wir waren alle Brüder. Wir hatten kein menschliches Programm. Gott selber leitete uns. Wir hatten keine Priesterklasse und keine priesterlichen Dienste. Diese Dinge kamen später, mit dem Abfall der Bewegung. Anfangs hatten wir nicht einmal eine Bühne oder Kanzel. Alle befanden sich auf derselben Höhe. Die Diener Gottes waren Diener im wahrsten Sinne des Wortes…
Die Themen der Predigten oder Beiträge wurden nicht zum voraus angekündigt, auch nicht die Namen derer, die predigten. Niemand wusste jeweils, was geschehen würde und was Gott tun würde. Alles war spontan, geordnet vom Geist. Wir wollten hören, was Gott für uns bereit hätte, wen auch immer er auswählen würde, um durch ihn zu sprechen. Es gab kein Ansehen der Person…
Es konnte vorkommen, während jemand sprach, dass plötzlich der Heilige Geist auf die Versammlung fiel. Gott selber machte den ‚Aufruf‘. Die Leute fielen überall zu Boden, wie Verletzte in einer Schlacht, oder rannten gemeinsam nach vorne, um Gott zu suchen… Nie sah ich in jener Zeit, dass ein evangelistischer Aufruf gemacht worden wäre. Gott selber rief die Menschen. Und wer predigte, wusste, wann er zu gehen hatte…“

(Aus Frank Bartleman, „Azusa Street“. – Man beachte, dass Bartleman das Aufkommen eines Pastorentums – einer „Priesterklasse“ – wörtlich als „Abfall“ bezeichnet!!)

Ähnliches wird von anderen erwecklichen Bewegungen der Vergangenheit berichtet, wie z.B. den frühen Waldensern, Quäkern, Herrnhutern, Methodisten, u.a.

In meinem eigenen Leben hatte ich einige seltene Gelegenheiten, diese Art geistlicher Gemeinschaft mitzuerleben. Aber das geschah immer ausserhalb des Rahmens denominationeller Gemeinden!


5.- Wirkliche Jüngerschaft und Nachfolge geschieht nur im wirklichen täglichen Zusammenleben.

Theoretisch wusste ich das schon längst. Warum aber habe ich so lange diese Wahrheit nicht wirklich ernsthaft in die Praxis umgesetzt? Viele Jahre lang dachte ich, trotz besseren Wissens, ich könnte „Jüngerschaft“ auch in „unterrichts-ähnlichen“ Umgebungen, zwei Stunden pro Woche (oder pro Tag, in den Ferien), erleben. Nein, das geht nicht. Ich kann in einer solchen Umgebung zwar Denkanstösse vermitteln, Menschen etwas besser kennenlernen, einige von ihnen auch für das begeistern, was wirkliche Jüngerschaft sein könnte – aber Jüngerschaft wirklich praktizieren, ist etwas anderes. Wenn ich an die jungen Christen in meiner Umgebung denke, konnte ich geistliches Wachstum fast ausschliesslich in denjenigen sehen, die längere Zeit mit uns zusammen gewohnt haben, oder doch mindestens mit uns an intensiven mehrwöchigen Einsätzen teilgenommen haben.
Jesus hatte gute Gründe dafür, die Jünger zu einem vollzeitlichen Zusammenleben von mehreren Monaten oder sogar Jahren zu berufen. Paulus tat mit seinen Reisebegleitern dasselbe; und es tut uns nicht gut, dieses Prinzip zu übergehen.

Wie war es nur möglich, dass eine Bibelschülerin monatelang unter geistlichen Gebundenheiten gelitten hat, eine andere jahrelang ein gravierendes Problem sexueller Perversion mit sich herumtrug, viele andere in ihrem geistlichen Leben Woche für Woche weiter zurückfielen – und niemand nahm davon Kenntnis, weder Mitschüler noch Lehrer noch sonst jemand? Ist das nicht ein Indiz dafür, dass keine wirkliche Gemeinschaft herrschte? – Als wir in einem Intensivpraktikum anfingen, mehr Wert zu legen auf das tägliche Zusammenleben, wurden diese Dinge offenbar und konnten behandelt werden.

Ein auf „Veranstaltungen“ aufgebautes Gemeindeleben kann offensichtlich eine solche Jüngerschaft nicht anbieten.

Ich habe den Verdacht, manche Leiter sind nicht dazu bereit, diese Art von Jüngerschaft zu praktizieren, weil sie selber nicht dazu bereit sind, ihr eigenes Herz (inbegriffen ihre persönlichen Schwachstellen) vor anderen zu öffnen. Im täglichen Zusammenleben kann niemand über längere Zeit sein wahres Wesen vor den anderen verstecken; und manchmal müssen auch die Leiter bekennen, dass sie geistliche Hilfe brauchen. (Andernfalls entwickelt sich eine Dynamik ähnlich einer dysfunktionalen Familie, wo Probleme nicht offen angesprochen werden können; und es kommt nicht zu echter Jüngerschaft, sondern zu einer ungesunden Machtstellung des Leiters und unechten persönlichen Beziehungen. Alles selber erlebt.)

Leider ist der Begriff „Jüngerschaft“ auch sehr oft von Leitern missbraucht worden, die damit ihre Glaubensgeschwister von sich selber abhängig gemacht haben, und/oder ihren Geist verletzt haben. Das könnte ein weiterer Grund sein, warum intensive Jüngerschaft und Gemeinschaft von vielen gemieden wird. Christen, die auf solche Art missbraucht worden sind, haben es sehr viel schwerer, sich vor anderen zu öffnen.

Echte Jüngerschaft heisst zusammen Jesus nachzufolgen, nicht irgendeinem anderen Leiter nachzufolgen.


Nun habe ich erst ein wenig an der Oberfläche gekratzt, und doch ist dieser Artikel ziemlich lang geworden. Eigentlich wollte ich nur sagen, dass ich nach jahrzehntelanger Irrwanderung endlich wieder da angekommen bin, wo ich ursprünglich angefangen hatte, Gott zu suchen: bei dem Urbild christlichen Lebens, das uns im Neuen Testament vorgezeichnet wird.
Ich hoffe, bei anderer Gelegenheit auf das Thema zurückkommen zu können.

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