Sie sehnen sich nach Familie…

Ich denke, es ist an der Zeit, unserer gegenwärtigen Tätigkeit einen Artikel zu widmen. Seit mehreren Monaten besteht unsere Hauptbeschäftigung darin, Kindern aus der Nachbarschaft bei den Hausaufgaben zu helfen und/oder sie in Abwesenheit ihrer Eltern zu hüten.

Wir haben diese Arbeit nicht eigentlich „geplant“. Sie ist eher die vorläufige Antwort auf unsere Frage an Gott: „Was möchtest Du, was wir tun?“, und auf unsere Bereitschaft, „nach unseren Kräften zu tun, was uns vor die Hände kommt“, wie in Prediger 9,10 steht.

Vor gut einem halben Jahr fielen uns zwei kleine Mädchen auf, die öfters in der Nähe unseres Hauses spielten. Sie sahen ziemlich verwahrlost und schmutzig aus. Zudem hatten sie die Angewohnheit, sich mit ihren Puppen und Zubehör an den Rand einer Strasse zu setzen – oder manchmal auch mitten auf die Strasse -, wo immer wieder Motorräder und Autos vorbeifahren. Als „Spielplatz“ ein ziemlich ungeeigneter und gefährlicher Ort. So luden wir die beiden eines Tages zu uns nach Hause ein. Von da an kamen sie öfters, und da die ältere der beiden zur Schule geht, halfen wir ihr auch ab und zu bei den Hausaufgaben. Manchmal assen sie auch bei uns zu Mittag oder zu Abend.

Zugleich erfuhren wir mehr über ihre Familiensituation. Sie wohnen zusammen mit ihrer Mutter und zwei weiteren (älteren) Geschwistern in einem einzigen Zimmer mit zwei Betten. Eine bessere Wohnung können sie sich nicht leisten. Ihre Mutter arbeitet den grösseren Teil des Tages auswärts. Manchmal kümmert sich ihre vierzehnjährige Schwester um sie, aber manchmal sind sie auch ganz sich selber überlassen. Ihr Vater war schon monatelang nicht nach Hause gekommen. Er arbeitete in einer weit entfernten Stadt, und es wurde gemunkelt, dass er dort eine andere Frau hätte. Einmal hatte er ihnen ein wenig Geld geschickt; aber meistens schickte er keines, weil er es vertrank. Ihre Mutter ist ein wenig unberechenbar. Manchmal sagt sie, es sei gut, dass ihre Kinder zu uns kommen könnten; dann wieder verbietet sie es ihnen aus unerfindlichen Gründen. Ab und zu kommt auch sie betrunken nach Hause.

Der zehnjährige Bruder kam manchmal auch zu uns, aber nur selten. Es war auch nicht so einfach, etwas anzufangen mit ihm: er hatte sich schon zu sehr daran gewöhnt, seine Tage ohne Aufsicht auf der Strasse spielend zu verbringen. (In den letzten Wochen kam er aber wieder öfter und brachte ein paarmal sogar seine Hausaufgaben mit.)

Eines Tages fragte uns die ältere der beiden Mädchen: „Darf ich morgen eine Freundin mitbringen?“ – Ihre Freundin ist zehn Jahre alt. Sie wohnt bei ihrer Grossmutter, die nur Quechua spricht und ihr deshalb bei den Aufgaben nicht helfen kann. Ihre Mutter sieht sie nur an den Wochenenden und ihren Vater noch seltener. Einmal erzählte sie uns, dass sie als Kleinkind überfallen und entführt worden war.

Nach einiger Zeit kamen zwei weitere Kinder dazu. Auch sie sehen ihre Eltern höchstens an den Wochenenden; unter der Woche sind sie allein mit ihrer fünfzehnjährigen Schwester, die für sie kocht und den Haushalt besorgt.

Dann kamen zwei Buben mit ihrer Mutter: „Wir haben gehört, dass es hier eine Akademie gibt; können wir auch teilnehmen?“ („Akademie“ nennen sich hierzulande die bezahlten ausserschulischen Förderungsangebote, von denen es viele gibt. Manche Lehrer machen anscheinend ein gutes Geschäft damit: Die Kinder lernen in der Schule in der Regel nicht allzuviel, und die Eltern lassen sich leicht davon überzeugen, dass sie mit „mehr vom Gleichen“ mehr lernen würden. Aus meiner Sicht ein Trugschluss: meistens bewirkt es nur Übermüdung und Überforderung.)
Wir erklärten ihnen, nein, wir seien eigentlich keine „Akademie“; aber wenn sie mit unserer informellen Arbeitsweise zufrieden seien, könnten wir ihnen schon helfen. Seither kommen sie fast jeden Tag.

Offenbar begann es sich unter den Kindern im Quartier herumzusprechen: „Hier ist das Haus, wo sie dir helfen.“ Inzwischen sind es rund zwanzig Kinder, die mehr oder weniger häufig zu uns kommen. Das Hauptmotiv ist jetzt Aufgabenhilfe und Nachhilfeunterricht. Aber wenn wir mit unserem „Programm“ fertig sind, wollen die meisten gar nicht nach Hause gehen. Wenn wir sie fragen, um welche Zeit sie zuhause sein müssen, bekommen wir oft Antworten wie: „Ich darf so lange fortbleiben, wie ich will.“ – „Meine Eltern sagen nichts, sie sind gar nicht zuhause.“ – Das einzige, was anscheinend viele Eltern interessiert, sind die Schulnoten. Es gab schon Eltern, die ihre Kinder nicht mehr zu uns kommen lassen wollten, weil sich ihre Schulnoten nicht verbessert hatten.

Die Kinder interessiert aber offenbar etwas anderes. Nachhilfeunterricht könnten sie ja auch woanders bekommen. Aber es scheint, dass sie nirgendwo sonst eine Familienatmosphäre gefunden haben. Sie kommen mit der Idee, in eine „Schule“ zu gehen, und überrascht finden sie etwas vor, von dem sie gar nicht wussten, dass es existiert: eine Familie. Eine Schülerin brachte dies auf rührende Weise in einem Brief zum Ausdruck, als sie einige Tage nicht kommen konnte: „Ich bitte Gott meinen Vater, dass ich Euch bald wiedersehen kann. Ich liebe Euch wie meine Eltern, denn Ihr habt mir elterliche Liebe gegeben, und ich danke Euch vielmals für alles, was Ihr mich gelehrt habt.“ – Auch jene, die nicht so vernachlässigt sind wie die eingangs beschriebenen Kinder, erleben anscheinend zuhause viel Konflikte, Willkür und Gleichgültigkeit. Nur schon dass man sich zum Essen zusammen an einen Tisch setzt, kommt in den meisten Familien kaum noch vor. Dass Eltern sich Zeit nehmen, ihren Kindern zuzuhören oder mit ihnen etwas zu unternehmen, ist noch seltener. Aber das ist das Ideal dieser Zeit: die Eltern „emanzipieren“ sich, und die Kindererziehung wird vom Staat übernommen. Dass die Kinder darunter leiden, scheint nicht viele zu interessieren…

Unsere Arbeit ist da natürlich nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber es ist das, was Gott uns zur Zeit „vor die Hände gelegt hat“. Und so wollen wir den Kindern auch nahebringen, wer Gott als Vater ist. Er ist das „Urmodell“ aller Elternschaft: „Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Familie (wörtlich: Vaterschaft) im Himmel und auf der Erde ihren Namen hat…“ (Epheser 3,14-15) Er ist ein Vater, der immer Zeit hat für seine Kinder. Ein Vater, der immer guten Rat weiss. Ein Vater, der alle seine Kinder gerecht behandelt. „Ein Vater der Vaterlosen und Beschützer der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung. Gott lässt die Verlassenen in einer Familie wohnen…“ (Psalm 68,5-6) Und deshalb hat Gott uns Menschen von Anfang an nicht in eine Schule, eine Institution oder einen Wirtschaftsbetrieb gestellt, sondern in eine Familie.

Manchmal bleiben einige der Kinder auch zum Abendessen bei uns, weil ihre Eltern spät nach Hause kommen.

Wir können ja nicht wirklich „Ersatzeltern“ sein für alle diese Kinder; und wir wollen auch nicht den Platz ihrer leiblichen Eltern einnehmen. Aber wir können sie auf Gott, den himmlischen Vater, hinweisen, und sie ermutigen, vor ihm ihr Herz auszuschütten und bei ihm Hilfe zu suchen. Wenn die Kinder bei uns etwas finden, was (vorübergehend) ihre Sehnsucht stillt, dann kommt das ja nicht aus uns selber. Was wir ihnen an „Elternschaft“ geben können, ist höchstens ein Abglanz der Vaterschaft Gottes. Deshalb wünschen wir uns, dass sie zum Ursprung dieser Elternschaft finden können: zum Vaterherz Gottes. Nur dort wird ihre tiefste Sehnsucht wirklich gestillt werden.

Zusätzlich haben wir angefangen, ab und zu Elternabende anzubieten. So hoffen wir, mit der Zeit auch die Eltern auf ihre Aufgabe und Verantwortung anzusprechen. Das ist nicht einfach: viele von ihnen haben ja ihrerseits auch kein elterliches Vorbild gehabt. Und jahrzehntealte Vorstellungen und Gewohnheiten ändern sich nicht leicht. Wir werden sehen, was daraus wird…

Anscheinend ist wirkliche „Familie“ tatsächlich nur da möglich, wo die Kultur von der Offenbarung Gottes erleuchtet wird. Alfred Edersheim, ein grosser Kenner der Antike und des antiken Judentums, schreibt (in „Sketches of Jewish Social Life“):

„Aber wenn wir die Beziehungen zwischen Mann und Frau, zwischen Kindern und Eltern, zwischen Jungen und Alten betrachten, dann erscheint der riesige Unterschied zwischen Judentum und Heidentum am auffälligsten. Sogar die Beziehung, in der Gott selber sich seinem Volk vorstellte, als ihr Vater, verlieh den Banden zwischen irdischen Eltern und ihrem Nachwuchs eine besondere Stärke und Heiligkeit.“
(Kap.6)

Und etwas weiter unten:

„So ungewöhnlich es auch klingt: Ausserhalb der Grenzen Israels konnte man kaum von einem wirklichen Familienleben sprechen; nicht einmal von Familie wie wir sie verstehen. Es ist bedeutungsvoll, dass der römische Geschichtsschreiber Tacitus es als etwas Aussergewöhnliches unter den Juden hervorhebt – ein Merkmal, das sie einzig mit den alten barbarischen Germanen gemeinsam hatten -, dass sie es als ein Verbrechen betrachteten, ihren Nachwuchs zu töten!
Es ist hier nicht Raum, das Aussetzen von Kindern zu beschreiben, oder die verschiedenen Verbrechen, mit denen die alten Griechen und Römer auf dem Höhepunkt ihrer Kultur versuchten, die aus ihrer Sicht überflüssige Bevölkerung loszuwerden. Wenige, die gelernt haben, die klassische Antike zu bewundern, haben wirklich eine Ahnung von ihrem sozialen Leben – weder über die Stellung der Frau, noch über die Beziehungen zwischen den Geschlechtern, noch über die Sklaverei, die Kindererziehung, die Beziehung der Kinder zu den Eltern, oder den Zustand der öffentlichen Moral. (…) Und all das nicht nur als die Zustände unter den niederen Bevölkerungsschichten, sondern völlig zu eigen gemacht und gutgeheissen von jenen, deren Namen zu allen Zeiten bewundert wurden als Denker, Weise, Dichter, Historiker und Staatsmänner. Paulus‘ Beschreibung der alten Welt im ersten und zweiten Kapitel des Römerbriefs muss jenen, die wirklich dort lebten, noch als zart und mitleidsvoll erschienen sein; das vollständige Bild ans helle Licht zu bringen, wäre unerträglich gewesen. Für eine solche Welt gab es nur die Alternative: entweder das Gericht von Sodom, oder das Erbarmen des Evangeliums und die Heilung durch das Kreuz.“
(Kap.8)

Das wurde übrigens vor mehr als hundert Jahren geschrieben. Was würde Edersheim heute sagen, angesichts der Tatsache, dass die westliche Kultur inzwischen den Zuständen des alten Rom bedenklich nahe gekommen ist?

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