Das zurückeroberte Schiff

Von Bryan Hupperts, 2004

Kürzlich stiess ich auf den folgenden Artikel. Einige Leser werden sich wahrscheinlich darüber ärgern. Aber meiner Meinung nach hat der Autor einen guten Durchblick über die gegenwärtige Situation der „Christenheit“.


Ich träumte, ich reiste auf einem Luxusdampfer, dem guten Schiff Christentum, das seltsamerweise ein umgebautes Schlachtschiff war und zufrieden durch einen trägen blauen Ozean kreuzte. Die Reiseprospekte hatten klaren Himmel versprochen, eine grossartige Zeit, fröhliche Unterhaltung mit einigen der grössten Sprecher und Sänger unserer Zeit, und ein Bankett nach dem anderen mit einer grossen Vielfalt kulinarischer Delikatessen aus der ganzen Welt.

Aus irgendeinem merkwürdigen Grund schien mir, dies sollte eigentlich eine Familienkreuzfahrt sein; aber die Reichsten waren zuoberst in den Luxussuiten untergebracht, abgesondert und beschützt vor uns anderen, die wir in verschiedenen Etagen des Schiffs untergebracht waren, jeder nach seinem Rang gemäss Einfluss und Reichtum. Irgendwie schien das nicht richtig zu sein.

Abgesehen von dieser wachsenden Unruhe, dass etwas auf diesem grossen Dampfer nicht ganz in Ordnung sei, genoss ich es, die ganze Zeit grosse Lehrer und wunderbare Sänger zu hören, umringt von einigen guten Freunden.

Eines Abends, als ich in meine Kajüte kroch, fühlte ich, dass das Schiff zu schwanken anfing. Es war ein sanftes Schaukeln; aber bald schüttelte das Schiff umher wie ein Fisch, der nach Luft schnappt. Die Leute wurden aus ihren Betten geworfen und begannen auf Deck zu klettern. Sank etwa das Schiff?

Ich schwankte wie ein Betrunkener die Treppe hoch und sah einen unvorstellbaren Anblick. Das Deck schwankte gewaltig; und alles, was nicht festgemacht war, wurde durchgeschüttelt. Gepäck und Luxusartikel wurden von den Wellenkämmen über Bord geschwemmt, und es schien, als würde das Schiff in Stücke zersplittern. Und durch die wirbelnde Gischt sah ich etwas, was wie ein anderes Schiff aussah. Ein Piratenschiff?

Leute kamen an Bord und überwältigten uns. Es geschah so schnell, dass es kaum Widerstand gab. Einige von den oberen Decks schrieen: „Ihr könnt das nicht machen! Wir sind die Herren dieser Reise.“ Und eine vermummte Person, in der ich den Kapitän des angreifenden Schiffs vermutete, trat aus dem Schatten und antwortete einfach: „Unter euch soll es nicht so sein, denn es gibt nur einen Herrn.“

Innerhalb weniger Minuten wurden viele Passagiere und Besatzungsmitglieder mit Ketten gefesselt, weil sie nicht „gesetzmässig an Bord gekommen waren“, während die übrigen von uns auf verschiedene Decks gewiesen wurden. Das ganze Schiff befand sich in geordnetem Aufruhr, während jedem an Bord ein neuer Platz zugewiesen wurde. Ein Mann namens Herr Prophet, der während fast der ganzen Reise in Ketten gelegen hatte, weil er „Meuterei geredet“ hatte gegen den früheren, jetzt abgesetzten Kapitän, wurde summarisch freigesprochen und in den Wachtturm gesetzt, um als „Auge“ des Schiffs zu dienen; während ironischerweise seine Ketten dem früheren Kapitän angelegt wurden.

Eine Frau namens Frau Fürbitterin, die als Küchendienerin gearbeitet hatte, wurde in das tiefste Loch des Schiffs gesandt. Ich verwunderte mich über diese Bestrafung, und fragte einen der leuchtenden Soldaten, warum das geschah. Er lächelte und sagte: „Sie ist nahe am Herzen des Kapitäns und braucht die Stille, um mit ihm allein zu sein und sein Herz klar zu hören. Sie hat viele Jahre darum gebeten, zu dieser ‚Strafe‘ befreit zu werden. Es ist ein grosser Ehrenplatz.“

Andere versuchten sich auf ihre frühere Stellung zu berufen, um eine Audienz mit dem Kapitän zu verlangen; aber er ignorierte ihre Prahlereien und schien stattdessen mehr zu den Niedrigen und Demütigen hingezogen zu sein. Er kümmerte sich um niemandes Rang oder Status.

Die starken Motoren des Schiffs wurden abgeschraubt und wie nutzlose, tote Gewichte in die Vergessenheit des Ozeans versenkt! Ein Mast wurde errichtet, und innerhalb weniger Momente war das Schiff kein Dampfer mehr, der aus eigener Kraft fuhr, sondern ein Segelschiff. Die alte Rüstungskammer, die fest verschlossen war, wurde wieder geöffnet, und die darin befindlichen Waffen wieder an ihrem Ort montiert. Das Schiff war wieder ein Schlachtschiff. Viele der Sänger gaben ihren Unterhaltungsjob auf und begannen Anbetung darzubringen auf dem Kriegsschiff. (Im Original ein unübersetzbares Wortspiel: „worship on the warship“. – Anm.d.Ü.) Den Sprechern wurde ein Befehl erteilt: „Hört auf, nur zu reden, und lehrt mit eurem Beispiel. An eure Arbeitsplätze!“

Einige, die während der Fahrt ihre Mitpassagiere geschlagen hatten, wurden öffentlich gedemütigt, als eine schnelle Gerichtsverhandlung stattfand. Jenen, die ihre Mitpassagiere missbraucht hatten, wurde erlaubt, auf dem Schiff zu bleiben, und überraschenderweise wurden sie als Gäste des Kapitäns behandelt; aber alles, was sie hatten, wurde ihnen weggenommen. Es gab eine schnelle Umverteilung von Besitz und Pflichten, während jeder an einen Platz gesetzt wurde, der jetzt plötzlich richtig schien. Wir waren nicht mehr geteilt in Mannschaft und Passagiere, sondern alle waren einfache Mannschaftsmitglieder und Kameraden, vereint unter einem einzigen Kapitän.

Der Kapitän versammelte die ganze Schiffsgesellschaft. Mit einer Flasche neuen Weines in der Hand sagte er kurz: „Ich komme zu befreien, nicht zu versklaven! Ich bin gekommen, um zurückzufordern, was mir als Geburtsrecht gehört. Ich habe dieses Schiff zurückerobert, das mir die Piraten gestohlen haben. Es heisst jetzt nicht mehr Christentum, sondern ich gebe ihm seinen wahren Namen zurück: Das gute Schiff Erlösung!“

Er brach den Hals der Weinflasche ab. „Alle, die wollen, dürfen gratis an Bord gehen, denn der Fahrtpreis ist bereits vollständig bezahlt. Wir setzen Segel in Richtung auf das Reich meines Vaters. Rebellen und Meuterer, nehmt euch in acht! Der Tag der Abrechnung nähert sich schnell. Siehe, ich komme bald!“

Beifall stieg auf von der Mannschaft, als die Segel aufgezogen wurden. Ein plötzlicher Wind aus dem tiefsten Himmel begann zu wehen und trieb das Schiff vorwärts gegen ein noch nicht sichtbares Land. Das letzte, was ich sah, war der echte Kapitän am Steuer, mit einem fröhlichen, aber entschlossenen Gesicht für die kommende Reise. Ich fühlte, dass aufgewühlte Wasser der Drangsal vor uns lagen, und ich wusste, dass wir nur mit dem wahren Kapitän am Steuer unser Ziel sicher erreichen konnten.

(Original veröffentlicht auf Englisch bei http://sheeptrax.com )

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