Rückblick auf ein Ferienprogramm

Eigentlich ist es viel zu spät, diesen Rückblick zu schreiben. Unser Ferienprogramm mit den Kindern fand im Januar/Februar statt (= grosse Schulferien in Perú). Aber bis jetzt kam ich nicht dazu…

Die Schulferien gaben uns eine Gelegenheit, die Kinder nach einem eigenen Plan zu unterrichten, ohne den Druck der staatlichen Lehrpläne, der sich in der „gewöhnlichen“ Hausaufgabenhilfe immer niederschlägt. Ganz frei vom Leistungsdruck sind die peruanischen Schulkinder aber selbst in den Schulferien nicht: Wer im Vorjahr in einem Fach eine ungenügende Note hatte, ist verpflichtet, auch in den Ferien die Schule zu besuchen oder den Besuch eines entsprechenden Nachhilfeunterrichts nachzuweisen. (Das hängt zusammen mit einer unsinnigen und undurchführbaren neuen Verordnung des Erziehungsministeriums, wonach sämtliche Kinder im selben Alter dieselben Lernziele zu erreichen haben, d.h. es sollten möglichst keine Kinder spät eingeschult werden und keine Klassen wiederholt werden – für Kinder, die die Ziele nicht erreichen, wird das Unterrichtspensum erhöht bis zum Umfallen. Wie es den Kindern dabei geht, fragt niemand…)

Interessant war jetzt aber zu sehen, dass manche dieser „nachhilfebedürftigen“ Kinder nach den Ferien ihre Schulleistungen verbessert hatten, obwohl wir gar nicht den Stoff durchgenommen hatten, den sie „offiziell“ hätten nachholen sollen. Statt nach theoretischen Erklärungen für dieses Phänomen zu suchen, erzähle ich einfach ein wenig davon, was wir machten.

Wir hatten drei Hauptziele: Den Kindern eine „Verschnaufpause“ vom Schulunterricht zu geben; ihnen etwas vom christlichen Glauben mitzugeben; sowie einige Lücken in ihren schulischen Fähigkeiten zu stopfen, nicht als „Wissensanhäufung“, sondern auf sinnvolle Weise. – Das Gleichgewicht zwischen diesen drei Zielen zu finden, war nicht immer einfach, aber ich denke, wir haben einen einigermassen gangbaren Mittelweg gefunden.

Sprache, Lesen, Schreiben:

Ja, wir praktizieren ganz altmodisch immer noch „Lesen“ und „Schreiben“, nicht „integrale Kommunikation“, wie das jetzt auf neumodisch heisst. Obwohl ich Gründe hätte zu behaupten, die Kommunikation in unserer Familie sei in Wirklichkeit viel „integraler“ als jene, die die Kinder in der Schule erleben…

Von morgens 8 Uhr bis ca. 8.45 Uhr gaben wir den Kindern eine Zeit zum „Eintrudeln“. (D.h. als Programmbeginn galt immer 8 Uhr; aber in einem freiwilligen Ferienprogramm geht es ja nicht an, Kinder fürs Zuspätkommen zu bestrafen.) Für diese Zeit hatten wir eine kleine Bibliothek mit Heften und Büchern für Kinder eingerichtet, aus denen sie auswählen konnten, was sie wollten. Dann fragten wir sie nach dem Gelesenen (entweder im Einzelgespräch oder in der gemeinsamen Runde), oder – seltener – liessen sie ein paar Sätze über das Gelesene schreiben. Manchmal ergaben sich dadurch interessante Gespräche.

Leider änderte sich damit nicht allzuviel an der allgemeinen Lese-Unlust der Kinder. Ich bin inzwischen zur Überzeugung gekommen, dass der schulische Leseunterricht hauptsächlich eines erreicht: den Kindern die Lust zum Lesen zu nehmen. – Unsere Mini-Bibliothek hatte ja schon vorher existiert; aber nie interessierte sich je ein Kind dafür. Sehr zum Erstaunen unserer eigenen Kinder, die ausgesprochene Leseratten sind. (Aber zum Thema „Lesenlernen“ sollte ich einmal einen separaten Artikel schreiben.) – So nahmen die Kinder jetzt wenigstens ab und zu ein kleines Buch zur Hand. Meistens wählten sie jene Bücher, die die meisten Bilder und den wenigsten Text enthielten. Manche Kinder kamen aber aus nicht ganz einsichtigen Gründen jeden Tag ein wenig später. Ich kann nur vermuten, dass die blosse Ankündigung „Jetzt haben wir Zeit zum Lesen“ für sie schon zuviel Druck war, und sie einen Weg suchten, diese Lesezeit zu verkürzen. Fazit: Ich werde phantasievollere Wege finden müssen, um „schulverdorbene“ Kinder für das Lesen zu begeistern.

Bibel

Der nächste Programmteil begann normalerweise mit dem Singen einiger Lieder. Hier waren die meisten Kinder voll bei der Sache. Ab und zu hatten wir dabei auch Austausch und Gebet für persönliche Anliegen; oder es kam spontan ein Gesprächsthema über persönliche oder familiäre Probleme auf. Dann lasen wir jeweils einen kurzen Abschnitt aus dem Markusevangelium (d.h. die grösseren Kinder lasen selber, während meine Frau den kleineren Kindern vorlas), wonach die Kinder nach einer vorbereiteten Bibellesehilfe Fragen zum Text beantworteten, Rätsel lösten, usw. Öfters gab es unbekannte Wörter zu erklären. Auch bei dieser Tätigkeit ergaben sich immer wieder nebenbei persönliche Gespräche über alle möglichen Themen: Aberglauben in der Familie, Horrorfilme, Verliebtsein, die Wiederkunft Jesu, und vieles mehr.

Mathematik

Nach einer kurzen Pause kam dann der „schulmässigste“ Teil des Programms. Hier benütze auch ich das Wort „Mathematik“ statt einfach „Rechnen“; denn es ging uns nicht in erster Linie darum, Rechenfertigkeiten zu üben, sondern vielmehr das Verständnis für mathematische Gesetze und Zusammenhänge zu wecken. Ich wollte vor allem die Idee vermitteln, dass alle die vielfältigen Rechenprobleme auf denselben (verhältnismässig wenigen) grundlegenden Gesetzen beruhen, und dass deshalb Mathematik eigentlich gar nicht schwierig ist (zumindest auf Primarschulniveau), sobald man einmal diese Gesetze verstanden hat. Dazu noch der Gedanke, dass die mathematischen Gesetze nicht von Menschen willkürlich erfunden wurden, sondern die Grundordnung darstellen, die Gott von Anfang an in das Universum hineingelegt hat.
– Dieses Konzept wäre auch wieder einen eigenen Artikel wert, und es werden da z.T. hochphilosophische Fragen berührt. Wir wählten natürlich Beispiele, die dem Verständnis der Kinder angemessen sind. Z.B. die Abfolge der Tage, Monate und Jahre, die dem Lauf der Gestirne entspricht und rechnerisch bestimmt werden kann (1. Mose 1,14). Oder die Gesetze der Multiplikation, die mit der Erschaffung der Tiere eingeführt werden: „Seid fruchtbar und vermehrt euch“ (wörtlich: „multipliziert euch“, so auch in der spanischen Übersetzung, 1.Mose 1,22). – Es war auch wichtig zu betonen, dass die mathematischen Gesetze, genauso wie die Gesetze Gottes, konsequent gelten (also nicht wie z.B. die Gesetze des Staates, wo bereits Kinder die Erfahrung machen, dass diese in der Praxis oft umgebogen werden).

Dieser Mathematikunterricht war weitgehend „traditionell“: Vorstellen der Konzepte für die ganze Klasse mit Hilfe von Anschauungsmaterial, dann Vertiefung des Gelernten mit mündlichen und schriftlichen Übungen; dazwischen als Auflockerung ab und zu Wettbewerbsspiele, oder Zeiten, wo die Kinder selber zwischen verschiedenen Übungsmaterialen auswählen konnten. Nur dass es keine Noten gab, keine formellen Prüfungen und keine Klasseneinteilung – lediglich eine grobe (fliessende) Aufteilung in zwei Altersgruppen. Innerhalb der Altersgruppe arbeitete jeder Schüler jeweils gemäss dem ihm entsprechenden Schwierigkeitsgrad. Meine Frau übte mit der jüngeren Gruppe (ca. Erst- bis Drittklässler) v.a. Zu- und Wegzählaufgaben mit Hilfe der farbigen Cuisenaire-Stäbchen; gegen Ende des Programms auch Multiplikationen. Die ältere Gruppe lernte bei mir systematisch die Gesetze der Grundoperationen. Dabei brauchte ich länger als erwartet, denn ich stellte fest, dass es selbst für Fünft- und Sechstklässler nicht ohne weiteres einsichtig war, dass z.B. die Subtraktion die Umkehrung der Addition ist. Natürlich konnten sie rein mechanisch grosse Zahlen zu- und wegzählen (die meisten auch multiplizieren); aber eine Aufgabe wie die folgende wurde von kaum jemandem beim ersten Versuch richtig gelöst:

„Peter hat zwölf Marmeln aus der Schachtel genommen, jetzt sind noch neun drin. Wieviele Marmeln waren anfangs in der Schachtel?“

Wir verblieben deshalb doppelt so lange wie vorgesehen bei den Gesetzen der Addition und Subtraktion, bis die meisten sie verstanden hatten. Dies bei Schülern, die gemäss dem gegenwärtigen ehrgeizigen Lehrplan in der Schule bereits Bruchrechnen, Wurzelziehen und Gleichungen auflösen müssen! Kein Wunder, dass die meisten in Mathematik „abschalten“: der Schulunterricht geht völlig über ihre Köpfe hinweg.

Wir fanden auch heraus, dass der schulische Konkurrenzkampf bei den Schülern alle möglichen unnatürlichen Verhaltensweisen hervorruft, die einem echten Lernen im Wege stehen. Z.B. gedankenlos alles nachzumachen, was der Lehrer macht, ohne nach dem Sinn und dem Warum zu fragen. Oder auf eine Lehrerfrage aufs Geratewohl irgendeine Antwort zu rufen, um Punkte zu sammeln für „Beteiligung“. (Und vielleicht ist die Antwort ja zufällig richtig…) Oder im Unterricht keine Fragen zu stellen, weil man sonst ausgelacht oder für dumm angesehen werden könnte. Usw. usw…

Als Herausforderung dagegen gab ich den Schülern ab und zu Forschungsaufgaben in Kleingruppen, bei denen es darum ging, selber mathematische Gesetzmässigkeiten zu beobachten, herauszufinden und zu beschreiben. (Z.B: „Wie verhalten sich die Zahlen auf den Diagonalen der Multiplikationstabelle?“)

Eine Fünftklässlerin machte einen recht intelligenten Eindruck; wir fanden aber heraus, dass sie sich in Mathematik nur über Wasser hielt, indem sie von ihren Kameradinnen abschrieb – verstanden hatte sie nur wenig. Ich forderte sie zum eigenen Denken heraus, indem ich ihr andere Aufgaben gab als den anderen Schülern, und indem ich sie bei jeder Antwort und bei jeder Übung bat, mir zu erklären, wie sie auf ihre Lösung gekommen war. Zuerst rebellierte sie dagegen und wollte eine Zeitlang überhaupt keine Aufgaben mehr lösen. Dann kam der Tag, an dem sie bei einer der erwähnten Forschungsaufgaben ihre erste mathematische Gesetzmässigkeit selber entdeckte. Es ging darum zu beobachten, was passiert, wenn man zu einer vierstelligen Zahl 9999 dazuzählt. Sie brauchte eine halbe Stunde, um zu begreifen, worum es bei der Aufgabe überhaupt ging, und warum sie mehrere Beispiele machen sollte. Aber dann, nachdem sie längere Zeit verständnislos auf ihr Blatt gestarrt hatte, meinte sie: „Das ist ja wieder dieselbe Zahl wie oben.“ Ich half ihr noch genauer hinzusehen, bis sie schliesslich erfasste, dass 9999 dazuzählen dasselbe ist wie 10’000 dazuzählen und 1 wegzählen. Als ihr das klar wurde, tanzte sie vor Freude in der Stube umher und rief eins übers andere Mal aus: „Jetzt habe ich es verstanden, jetzt habe ich es verstanden!“ – Dann sagte sie noch: „Ich habe immer gemeint, wenn viele Neunen in einer Summe sind, sei es am schwierigsten; aber es ist ja ganz einfach!“ – Dieses Erlebnis gab ihr offenbar einen gewaltigen Motivationsschub im Rechnen, denn sie sagte auch nach den Ferien immer wieder, es gehe ihr jetzt in der Schule viel besser als vorher.

Längst nicht alle Schüler machen solche „Aha-Erlebnisse“. Aber ich glaube, auch um der wenigen willen, die zu einem solchen Durchbruch kommen, lohnt es sich, eine „etwas andere“ Schule anzubieten.

Mittagessen-Projekt

Jetzt wird es aber erst richtig interessant. Wir fanden, dass es uns trotz reichhaltigem graphischem Anschauungsmaterial, mathematischen Spielen usw. nicht so richtig gelang, die Mathematik wirklich praktisch und sinnvoll zu vermitteln. Darum führten wir ein zusätzliches Arbeits- und Lernprojekt ein. Dreimal pro Woche luden wir je zwei oder drei Kinder zum Mittagessen ein. Sie durften ihr Wunsch-Essen selber auswählen. Dafür mussten sie am Vortag die erforderlichen Zutaten aufschreiben, ein Budget dafür erstellen (wobei sie einen bestimmten Betrag nicht überschreiten durften), und dann die Zutaten selber einkaufen (wobei sie natürlich erfuhren, wie realistisch oder unrealistisch ihr Budget gewesen war). Diese Vorbereitungen erledigten sie (mit der Mithilfe unserer eigenen Kinder), während die anderen Schüler ihre Mathematikaufgaben machten.
Mit diesem Lernprojekt machten wir sehr gute Erfahrungen. Nebst logischem Denken, Vorausplanen und richtigem Rechnen übten die Kinder dabei u.a. auch Teamarbeit, gute Haushalterschaft, Ernährungslehre, und manches mehr. Manche Kinder halfen sogar an „ihrem“ Mittagessenstag freiwillig beim Kochen. Zudem hatten wir zusätzliche Gelegenheiten, die Kinder ausserhalb der grossen Gruppe näher kennenzulernen.

Pause

Auch die Pause ist ein wichtiges „Schulfach“! Oft (d.h. wenn schönes Wetter war) gingen wir gemeinsam nach draussen zum Spielen; wenn es regnete, durften sich die Kinder im Haus Spielsachen aussuchen, oder wir machten ein gemeinsames Gesellschaftsspiel. Oft war das dann die Zeit, wo unterschwellige Konflikte zwischen den Kindern oder unrechte Verhaltensweisen aufbrachen, oder wo ein Kind eine Gelegenheit fand, unter vier Augen von seinen Problemen zu erzählen. Das wiederum waren Möglichkeiten, auf Jesus hinzuweisen, der tröstet und heilt, korrigiert und führt, Sünde aufdeckt, zur Umkehr führt, vergibt, versöhnt und erlöst. So wie viel mathematisches Denken nicht in den eigentlichen Mathematikstunden geschah, sondern bei den praktischen Arbeiten und Wahlkursen (s.u.), so geschah auch viel praktische Anwendung biblischer Wahrheiten nicht in den eigentlichen Bibelstunden, sondern eben in der Pause und bei anderen Gelegenheiten.

Wahlkurse

Die letzten ca. anderthalb Stunden des Programms waren jeweils den Wahlkursen gewidmet. Wir hatten vor Ferienbeginn den Teilnehmern eine Liste mit einem Dutzend Vorschlägen vorgelegt, aus denen sie die bevorzugten auswählen konnten. Die vier meistgewählten Kurse wurden durchgeführt (jeweils zwei gleichzeitig): Musik, Bibelpanorama, Modellbogen konstruieren, Computerkurs.

Hier hatten wir ein kleines Problem mit einigen Eltern, die fragten, warum wir den Kindern die Wahl überlassen hätten: sie als Eltern hätten eine andere Wahl getroffen. Eine Mutter sagte z.B: „Für meine Tochter wäre es viel besser, wenn sie etwas Englisch lernte, denn nach den Ferien beginnt in ihrer Schule der Englischunterricht, und da sollte sie doch einen kleinen Vorsprung haben.“ Wir versuchten ihnen begreiflich zu machen, dass Kinder viel besser lernen, wenn sie von sich aus dazu motiviert sind.

Und so war es auch. Z.B. lernte ein achtjähriger Bub, der vorher grössere Schulschwierigkeiten gehabt hatte, im Modellbogenkurs überraschend schnell, Rechtecke zu konstruieren und einen Zirkel zu handhaben. Danach erfand er mehrere eigene Automodelle. (Dass er dabei auch noch „Mathematik“ lernte, war ihm gar nicht bewusst.) – „Bibelpanorama“ war einer der meistgewählten Kurse; offenbar bringen viele Kinder ein eigenes Interesse an geistlichen Dingen mit. Wir hoffen und beten, dass dieses Interesse Frucht bringt für ein Leben mit Jesus.

(Kinder mit ihren Bastelarbeiten)


– Das war also unser erster Versuchsballon in Richtung alternative Schule. Als Ideal schwebt mir eigentlich eine Form vor, die noch viel „alternativer“ (bzw. viel familiärer) und viel weniger „Schule“ wäre. (Das „Mittagessenprojekt“ geht am ehesten in diese Richtung.) Aber so weit sind wir noch nicht. Einmal, weil es mir selber gar nicht so leicht fällt, Alternativen zu den gewohnten Unterrichtsformen zu finden – und je mehr Kinder es sind, desto schwieriger ist es, noch einen „familiären“ Rahmen zu finden. Dann auch, weil viele Eltern ihre Kinder gar nicht in ein allzu „alternatives“ Programm schicken würden – es muss doch irgendwie noch nach Schule aussehen. (Froh sind wir hingegen, dass die Eltern hierzulande – im Gegensatz zu entsprechenden Erfahrungen in Europa – in der Regel keine Vorbehalte gegen die christliche Ausrichtung des Programms haben.) Aber wir sind auf dem Weg…

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