Gottes Befreiungsaktion

„So hat Gott der Herr gesagt: Ich wende mich gegen die Hirten, und werde meine Schafe aus ihrer Hand zurückfordern, und werde sie nicht mehr die Schafe weiden lassen; und die Hirten werden auch nicht mehr sich selbst weiden, denn ich werde meine Schafe aus ihrem Maul befreien, und sie werden ihnen nicht mehr zum Frass sein.“
(Ezechiel 34,10)

„Ich bin der gute Hirte.“ Das ist einer der bekanntesten Aussprüche von Jesus. Wer hat nicht schon einmal ein solches Bild gesehen – als Gemälde, als Kirchenfenster, oder in einem christlichen Buch -: Jesus als Hirte, der ein Schäflein beschützend in seinen Armen trägt.

Weniger bekannt ist, dass Jesus mit diesem Ausspruch auf eine ausführliche ältere Prophetie zurückverwies, die ein ganzes Kapitel im Alten Testament einnimmt: Ezechiel 34. In den ersten Abschnitten dieses Kapitels beschreibt Gott die Missbräuche, die von den „Hirten Israels“ begangen werden:

„Aber ihr esst das Fett und bekleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete; aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Der Schwachen nehmt ihr euch nicht an, und die Kranken heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; sondern streng und hart herrscht ihr über sie.“
(Verse 3 und 4).

Mit „Hirten“ sind hier die Leiter des Volkes gemeint: die politischen Anführer, aber wahrscheinlich noch mehr die religiösen Leiter. Schliesslich brauchen wir bis heute das lateinische Wort für „Hirte“ – „Pastor“ -, um einen religiösen Leiter zu bezeichnen. Diese „Hirten“ haben nicht das getan, was man von einem echten Hirten erwartet. Stattdessen haben sie ihre Macht missbraucht, um auf Kosten der Schafe ihre eigenen Bedürfnisse zu stillen. Das wird heute „geistlicher Missbrauch“ genannt. Darunter leiden die Schafe:

„Und meine Schafe irren umher, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zur Beute geworden und zerstreut worden. Sie gingen verloren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln, und über die ganze Erde sind sie zerstreut worden; und da war niemand, der sie suchte oder nach ihnen fragte.“
(Verse 5 und 6).

Ganz ähnlich drückt sich auch Jesus in der Rede vom guten Hirten aus:

„Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Einbrecher; aber die Schafe hörten nicht auf sie. … Aber der bezahlte Knecht, der nicht der Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, der sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht, und der Wolf reisst die Schafe und zerstreut sie. So flieht der bezahlte Knecht, weil er ein bezahlter Knecht ist, und die Schafe kümmern ihn nicht.“
(Johannes 10, 8.12-13)

Das sind harte Worte. Aber haben wir nicht heute eine ganz ähnliche Situation? Ich bin in meinem Leben vielen religiösen Leitern begegnet, die eine Art Besitzrecht auf „ihre Schafe“ geltend machten – und sehr wenigen, die das nicht taten.

In den grossen Landeskirchen wird das oft mit einer Art Gewohnheitsrecht begründet: „Unsere Stadt war von jeher reformiert (bzw. katholisch), wir sind die christliche Autorität hier.“ Oder mit dem Rückhalt des Staates: „Wir sind die anerkannte Kirche, alle anderen sind Sekten.“
In den Freikirchen hört man manchmal eine ähnliche Argumentation: „Du bist doch bei uns zum Glauben gekommen (bzw. getauft worden), du bist einer von uns, da kannst du nicht einfach woandershin gehen…“ Oder die Bibel wird dahingehend umgebogen, dass überall, wo von der Gemeinde die Rede ist, darunter die eigene Organisation oder Gruppe verstanden wird. Oder man versucht einen übertriebenen Machtanspruch des Gemeindeleiters zu begründen: „Wer sich aus der geistlichen Abdeckung des Pastors entfernt, verliert den Schutz Gottes“, usw. Eine solche Lehre ist in der Bibel nicht zu finden, und keiner der Apostel hat je solche Ansprüche erhoben. Im Gegenteil, Paulus weist jene zurecht, die sich als „seine“ Nachfolger ausgaben:
„Ist etwa Paulus für euch gekreuzigt worden? Oder wurdet ihr etwa auf den Namen des Paulus getauft?“ (1.Korinther 1,13)

Echte Hirten, die sich der Schwachen annehmen, die Kranken heilen, die Verlorenen suchen … solche habe ich im Umfeld der gegenwärtigen Gemeinden höchst wenige gefunden. Meine eigene Erfahrung war es, dass die gegenwärtigen „Hirten“ einfach verschwinden, oder sich sogar gegen einen stellen, wenn man sie einmal wirklich bräuchte. Mehrfach bin ich von religiösen Leitern fälschlich angeklagt, verleumdet und ausgeschlossen worden. Andere Leiter, die es sehr wohl in der Hand gehabt hätten, für die Wahrheit aufzustehen, taten es nicht, weil sie um ihr Ansehen und um ihre Stellung in der religiösen Organisation fürchteten. Als wir als Familie durch die dunkelsten Täler gingen, fragte keiner dieser „Hirten“ nach unserem Ergehen.

Inzwischen habe ich manche andere Christen kennengelernt, die ähnliches erlebt haben. Auch heute sind viele von Gottes Schafen „über die ganze Erde zerstreut“ und „den wilden Tieren zur Beute geworden“, weil sie keinen echten Hirten hatten, nur bezahlte Knechte.

Andere von Gottes Schafen leiden zwar nicht in dieser Weise; aber sie kommen nie in die Fülle, die Gott für sie bereit hat. Stattdessen haben sie gelernt, sich nur innerhalb des engen Zaunes zu bewegen, den ihre Leiter für sie abgesteckt haben. Sie geben sich mit dem Zweitbesten zufrieden, weil ihnen gar nicht die Möglichkeit gegeben wird, das Beste kennenzulernen.

Was sagt Gott zu dieser Situation? Sagt er etwa: „Du musst dich deinem Leiter unterordnen, selbst wenn er unrecht haben sollte“ (wie es in manchen gegenwärtigen Gemeinden und Bewegungen gelehrt wird)? – Im Gegenteil! Gott kümmert sich um die Schafe, und deshalb muss er sich gegen die Hirten stellen:

„Ich wende mich gegen die Hirten, und werde meine Schafe aus ihrer Hand zurückfordern, und werde sie nicht mehr die Schafe weiden lassen; und die Hirten werden auch nicht mehr sich selbst weiden, denn ich werde meine Schafe aus ihrem Maul befreien, und sie werden ihnen nicht mehr zum Frass sein.“
(Ezechiel 34,10)

Irgendwann kommt der Moment, wo Gott diese Situation nicht länger toleriert und eine „Befreiungsaktion“ startet.
– So wie in Ägypten, als Gott eines Tages dem Pharao sagen liess: „Jetzt ist es genug. Lass mein Volk ziehen!“
– So wie Jesus in Jerusalem, der seine Jünger von der Macht der Pharisäer und Schriftgelehrten freisprach und diesen Leitern sagte: „Der Herr wird diese (bösen) Arbeiter vernichten und seinen Weinberg anderen geben.“ (Lukas 20,16).
– So wie in der Reformation und nachfolgenden Bewegungen, als die Befreiung der Kirche von der „babylonischen Gefangenschaft“ unter dem Papsttum gefordert wurde.

„Ich, ich selber werde meine Schafe suchen gehen und mich ihrer annehmen. … Ich werde sie befreien aus all den Orten, wohin sie zerstreut wurden am Tage des Wolkendunkels. … Auf fetten Weiden werden sie geweidet werden auf den Bergen Israels. Ich werde meine Schafe weiden und ihnen Unterkunft geben, sagt Gott der Herr.“
(Verse 11.12.14-15)

Genauso kündigt sich auch heute eine göttliche Befreiungsaktion an, um Gottes Schafe wieder zum wahren Hirten zurückzubringen, zu Jesus. Es geschehen manche Dinge in der „Gemeindelandschaft“, die wie Zeichen einer grossen Krise aussehen; aber ich glaube, es sind Zeichen von Gottes Befreiungsaktion:

Die grossen Landeskirchen verlieren immer mehr Mitglieder und werden zu einer Minderheit.

International bekannte christliche Leiter müssen von ihren Posten zurücktreten, weil aufgedeckt wurde, dass sie in Sünde lebten.

Evangelikale „Mega-Gemeinden“ gehen bankrott und müssen schliessen. Andere Gemeinden gehen an Machtkämpfen unter der Leiterschaft zugrunde.

Viele Christen verlassen die Kirchen und Gemeinden, nicht etwa weil sie den Glauben verloren hätten, sondern gerade weil sie ihren Glauben bewahren möchten.

Zum letzten Punkt folgende Zitate (Andrew Strom 2004):

„Der Autor der World Christian Encyclopedia, David Barrett, schätzt, dass es weltweit etwa 112 Millionen ‚gemeindelose Christen‘ gibt – etwa 5% aller, die sich als Christen bezeichnen. Er nimmt an, dass sich diese Zahl bis 2025 verdoppeln wird.
Gemäss den Daten des Meinungsforschers George Barna gibt es jetzt allein in den USA zehn Millionen von ihnen.
Der neuseeländische Pastor Alan Jamieson, Autor von ‚A Churchless Faith‘, hat dieses Phänomen mehrere Jahre lang untersucht. Zu seine Überraschung fand er, dass die ‚gemeindelosen Christen‘, die er interviewte, weit davon entfernt waren, nur gelegentliche Kirchgänger zu sein. 94% von ihnen waren zuvor Leiter irgendeiner Art – Diakone, Älteste, Sonntagschullehrer -, und 40% waren vollzeitliche christliche Arbeiter gewesen.“

Warum geschehen solche Dinge? Warum verlassen gerade engagierteste Mitarbeiter ihre Gemeinden, während andere Gemeinden von innen her in sich zusammenfallen?

Ich glaube, viele dieser ‚gemeindelosen Christen‘ sind Schafe Gottes, die die Stimme des guten Hirten gehört haben und deshalb die anderen sogenannten Hirten verlassen. Und ich glaube, viele andere Gemeinden werden gerade von Gott durchgeschüttelt, damit ihre Mitglieder ebenfalls anfangen, nach dem echten Guten Hirten zu fragen.

In meinem eigenen Leben bin ich zweimal unfreiwillig zu einem ‚gemeindelosen Christen‘ geworden, weil ich von einer christlichen Organisation fälschlich verurteilt wurde. Das erste Mal dachte ich nur daran, so bald wie möglich eine andere Gemeinde zu finden, ein neues „geistliches Zuhause“. Deshalb dauerte dieser Zustand damals nur etwa ein halbes Jahr. – Das zweite Mal, ein Jahrzehnt später, hatte ich mehr Erfahrung mit der evangelischen „Gemeindelandschaft“ und deren Leiterschaften, sodass ich „eine andere Gemeinde“ als kein erstrebenswertes Ziel mehr ansah. Und allmählich verstand ich, dass mein gewaltsamer Hinauswurf von Gott geplant war, um mir eine ganz neue Perspektive zu eröffnen.

Eine Kirche oder Gemeinde ist kein „geistliches Zuhause“. Sie ist nur eine irdische, menschliche Organisation, die – falls sie nach Gottes Plan funktioniert – eine Gelegenheit zur Gemeinschaft mit christlichen Geschwistern bietet (und im gegenteiligen Fall eine Fälschung des Christentums verbreitet). So oder so sind wir auf dieser Erde nur „umherziehende Fremdlinge“ (Hebräer 11,13). Unser „geistliches Zuhause“ ist im Himmel, bei Jesus (Philipper 3,20, Kolosser 3,1-4). Wo wir in diesem wahren geistlichen Zuhause fest gegründet sind, können wir auch hier auf der Erde geistliches Leben miteinander teilen. Aber wenn wir daraus eine „Organisation“ machen, wo menschliche „Hirten“ eine Art „Herrschaft“ erhalten, dann mündet das genau in die Art Missbrauch, die in Ezechiel 34 angeprangert wird.

Nun glaube ich nicht, dass es Gottes Plan für uns ist, das ganze Leben lang „gemeindelos umherzuirren“. Das ist nur der erste Schritt in der „Befreiungsaktion Gottes“. Es gibt eine Befreiung von etwas und eine Befreiung zu etwas. Zuerst müssen Gottes Schafe von einer falschen Hirtenschaft befreit werden. Dazu müssen sie eine Zeitlang allein an Gottes Hand gehen, vielleicht lange Zeit ohne andere Schafe oder Hirten zu sehen. Aber Gott führt sie zielgerichtet zu den „fetten Weiden“ auf den „Bergen Israels“, wo der gute Hirte ist und auch die anderen befreiten Schafe.

„Und ich werde über ihnen einen einzigen Hirten aufstehen lassen, und er wird sie weiden; meinen Diener David, er wird sie weiden und ihr Hirte sein.“
(Vers 23)

Das ist das Ziel der „Befreiungsaktion“: ein Leben unter der wahren Hirtenschaft Jesu und in der Fülle des Segens Gottes. Das ist auch der Berührungspunkt der Prophetie Ezechiels mit dem Neuen Testament. Jesus, der „Sohn Davids“, hat diese Verheissung erfüllt. Er ist der von Gott eingesetzte Hirte, der einzige, der rechtmässig Gottes Schafe weiden darf. Er ist das einzige „Haupt der Gemeinde“, und der einzige rechtmässige Zugang zu Gottes Schafen:

„Wer nicht durch die Tür in den Schafstall hineingeht, sondern woanders einsteigt, der ist ein Dieb und Einbrecher. Aber wer durch die Tür hineingeht, der ist der Hirt der Schafe.
… Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Einbrecher; aber die Schafe hörten nicht auf sie. Ich bin die Tür. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden, und wird ein und aus gehen und Weide finden.“
(Johannes 10,1-2.7-9)

Da ist ganz klar auch Gemeinde: alle Schafe sind zusammen und werden vom guten Hirten, Jesus, auf die Weide geführt. Aber es gibt keine „bezahlten Knechte“, die nur ihren Lohn haben wollen und zudem in einem gegenseitigen Konkurrenzkampf stehen um die ihnen zugeteilten Schafe. Nein, wer zu den Schafen gelangen will, der muss zur „Tür“ hineingehen, d.h. durch Jesus selbst. Dann weist Jesus ihm den entsprechenden Platz auf der „Weide“ an.

Es gibt heute Gemeindeleiter, die sich anmassen, selber die „Tür“ zu sein: „Du darfst nicht einfach unsere Mitglieder besuchen oder einladen ohne Erlaubnis der Gemeindeleitung. Du musst zur Tür hineingehen, wenn du zu ihnen willst.“ – Da werden die Worte Jesu auf den Kopf gestellt. Solche Leiter setzen sich selber an die Stelle, die allein Jesus zukommt. Sie schimpfen andere Christen „Diebe und Einbrecher“; aber in Wirklichkeit sind sie selber Diebe, die Jesu Schafe gestohlen haben und nun ein Besitzrecht über sie beanspruchen, das ihnen gar nicht zukommt. Gott sagt, er werde seine Schafe aus ihrer Hand reissen.

„Ich, ich werde Recht sprechen zwischen den fetten und den mageren Schafen, weil ihr die Schwachen mit der Seite und mit der Schulter gedrängt und mit den Hörnern gestossen habt, bis ihr sie fortgetrieben und zerstreut habt. Ich werde meine Schafe retten, und sie werden nicht mehr zur Beute sein; und ich werde Recht sprechen zwischen einem Schaf und dem anderen.“
(Ezechiel 34,20-22)

Hier gibt es nur einen, der regiert: Gott selbst. Die „Leiter“ und „Pastoren“ und „Anführer“ müssen anerkennen, dass sie selber auch nur Schafe sind. Schafe mit einer etwas grösseren Verantwortung vielleicht; etwas „fettere“ Schafe vielleicht, aber auch nur Schafe. Und sie werden sich der Rechtsprechung Gottes stellen müssen.

„Ich werde das Verlorene suchen und das Verirrte zurückbringen; ich werde das Verletzte verbinden und das Schwache stärken…“
(Vers 16)

Hier verspricht Gott, dass er selber tun wird, was die „Hirten“ hätten tun sollen und nicht taten. Viele Menschen kommen in Gemeinden, weil sie genau das suchen: dass jemand sie in ihrer Verlorenheit und Einsamkeit sucht und sie wieder auf die „Weide“ bringt; dass jemand ihre Verletzungen verbindet; dass jemand sie stärkt in ihrer Schwachheit… Dann begegnen sie falschen Hirten, die genau das Gegenteil davon tun, und die ihnen beibringen, Gott sei ein Diktator, der nichts als „Unterordnung“ verlangt (unter die Gemeindeleitung natürlich); oder er sei ein passiver „Laissez-faire“-Grossvater, der sich nicht um die Leiden der Menschheit kümmert.
Aber wenn Gott eingreift, um seine Schafe zu befreien, dann wird er diesen Menschen geben, was sie suchen und brauchen. Dann werden sie erkennen, dass es doch Erfüllung gibt für ihre Sehnsucht. Nicht in den von Menschen gemachten Organisationen, aber beim echten Guten Hirten.

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