Das „Tier“ in der Offenbarung, das Milgram-Experiment und die Kirchen (Teil 1)

Die uralte biblische Offenbarung ist auch heute hochaktuell. Ich möchte deshalb in diesem Artikel auf einige Abschnitte aus der Johannesoffenbarung eingehen. Nicht um die theologischen Kontroversen anzufachen, die es um dieses Buch gibt; sondern um einige aktuelle Bezüge herzustellen.

Prophetie ist nicht einfach gleich „Vorhersage“ oder „Zukunftsschau“. Prophetie ist ein „Blick hinter die Kulissen“ auch der gegenwärtigen Weltereignisse. Deshalb hatte die Offenbarung des Johannes sowohl den Christen im Römischen Reich, wie auch den Reformatoren und Wiedertäufern am Anbruch der Neuzeit, wie auch uns heute etwas zu sagen. Die Wahrheiten Gottes sind zeitlos, und es gibt bestimmte „Muster“, die den Weltereignissen aller Jahrhunderte zugrunde liegen.

Einen besonders vielsagenden „Blick hinter die Kulissen“ finden wir im 13.Kapitel der Offenbarung. Im Zentrum dieses Kapitels steht ein mysteriöses „Tier“. Hier ein paar Ausschnitte:

„Und die ganze Erde staunte dem Tier nach, und sie beteten den Drachen an, der dem Tier die Macht gegeben hatte, und sie beteten das Tier an: ‚Wer ist wie das Tier, und wer kann gegen es Krieg führen?'“ (Verse 3-4)

„Und es wurde ihm gegeben, gegen die Heiligen Krieg zu führen und sie zu besiegen; und es wurde ihm Macht gegeben über jeden Stamm und jedes Volk und jede Sprache und jede Nation. Und alle Bewohner der Erde beteten es an; (alle) deren Name nicht aufgeschrieben ist im Buch des Lebens des geschlachteten Lammes seit der Grundlegung der Welt.“ (Verse 7-8)

„Und es macht, dass allen, den Kleinen und den Grossen, den Reichen und den Armen, den Freien und den Sklaven, ein Zeichen auf ihre rechte Hand oder auf ihre Stirn gegeben wird; und dass niemand kaufen oder verkaufen kann, der nicht das Zeichen des Namens des Tieres hat, oder die Zahl seines Namens.“ (Verse 16-17)

Wir haben es hier mit einem Phänomen weltweiten Ausmasses zu tun. „Jeder Stamm und jedes Volk und jede Sprache und jede Nation“ – das bedeutet „global“. Und es geht um Macht, sehr viel Macht. Politische Macht (Regierungsgewalt und Krieg), religiöse Macht (das „Tier“ wird angebetet; und es besiegt die „Heiligen“, d.h. die Nachfolger Jesu), und wirtschaftliche Macht (niemand kann kaufen oder verkaufen ohne Bewilligung des „Tieres“). Eine solche Machtkonzentration war der Traum vieler berühmter Herrscher und Politiker seit den Tagen Nebukadnezars und Alexanders des Grossen, bis zu den heutigen Architekten einer „neuen Weltordnung“. Offenbarung Kapitel 13 deckt das „Muster“ auf, das hinter all diesen Unternehmen steckt.

Darüber könnte vieles gesagt werden. Ich möchte mich hier darauf beschränken, dem Ausdruck „Tier“ nachzugehen. In gewissen christlichen Kreisen ist es Mode, vom „Antichristen“ zu sprechen und nach dessen Kommen Ausschau zu halten; und in diesem Zusammenhang wird dann das erwähnte Kapitel zitiert. Aber das Wort „Antichrist“ kommt im Buch der Offenbarung gar nicht vor. (Dieser Ausdruck erscheint nur in den Johannesbriefen, und bezieht sich dort offensichtlich auf eine Vielzahl von Personen.) – Paulus beschreibt im 2.Thessalonicherbrief, Kapitel 2, einen „Menschen der Sünde“ oder „Mensch der Gesetzlosigkeit“, welcher der landläufigen Vorstellung vom „Antichrist“ nahekommt. Aber ob dieser „Mensch der Sünde“ identisch ist mit dem „Tier“ in der Offenbarung, wäre erst noch zu zeigen. Ein wichtiger Unterschied besteht darin, dass Paulus einen Menschen meint, einen „Er“; aber die Offenbarung spricht von einem Tier, einem unpersönlichen „Es“.

Oft können unklare Stellen der Bibel mit anderen, klareren Stellen erklärt werden. Es gibt ein Buch im Alten Testament, das in vielen Aspekten die Vision der Offenbarung vorausnimmt: das Buch Daniel. Im Kapitel 7 beschreibt Daniel eine Vision von vier Tieren. Das vierte dieser Tiere entspricht fast genau dem „Tier“ in der Offenbarung. Daniel erhält dazu die folgende Erklärung:

„Das vierte Tier wird ein viertes Reich auf der Erde sein, das von allen anderen Reichen verschieden sein wird; und es wird die ganze Erde fressen, zertreten und zermalmen. Und die zehn Hörner bedeuten, dass sich aus jenem Reich zehn Könige erheben werden…“ (Daniel 7,23-24)

Dieses „Tier“ ist also nicht eine Einzelperson, sondern ein „Reich“ oder eine „Regierung“. Es trägt „Hörner“, welche einzelne Könige oder Regierungspersonen verkörpern; aber das „Tier“ als ganzes ist viel mehr als eine Einzelperson. Wer lediglich nach dem Kommen eines einzelnen „Antichristen“ Ausschau hält, läuft deshalb Gefahr, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen. Das „Tier“ existiert bereits jetzt, und es existierte schon zur Zeit des Apostels Johannes; aber wegen der gängigen Auslegungen sind viele Christen nicht imstande, es zu sehen.

Es ist wichtig, den Unterschied zwischen einer Einzelperson und einem „Tier“ zu verstehen. Eine Einzelperson hat z.B. Gefühle, Verstand, Mitleid, Liebe, oder auch Hass und Zorn. Ein Tier hat das alles nicht. Es handelt irrational, instinktgetrieben. Ein Mensch hat ein Verantwortungsbewusstsein und kann für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden; ein Tier nicht.

Wenn sich Menschen in grösseren Gruppen zusammenschliessen und sich eine Struktur geben als Gremium, Institution, etc, dann beginnt von einem nicht genau festzulegenden Punkt an diese Institution ein Eigenleben zu entwickeln. John Taylor Gatto beschrieb dieses Phänomen folgendermassen:

„Institutionelle Moral besteht immer aus Propaganda. Wenn einmal eine institutionelle Maschinerie von genügender Grösse und Kompliziertheit aufgebaut ist, beginnt eine logische Entwicklung, die intern darauf ausgerichtet ist, alle ethischen Gebote zu unterdrücken und schliesslich zu eliminieren…
Die hauptsächliche Aufgabe aller institutionellen Verwalter ist es, dafür zu sorgen, dass ihre Institution zunimmt an Macht, an Anzahl der Angestellten (oder Mitglieder), an Unüberprüfbarkeit von seiten der Öffentlichkeit, und an Belohnungen für die Schlüsselpersonen. Die hauptsächliche Aufgabe ist natürlich nie jene, die öffentlich als Zweck der Institution verkündet wird. Ob wir von Bürokratien zur Kriegführung, zur Postzustellung oder zur Kindererziehung sprechen, macht keinen Unterschied.“
(John Taylor Gatto, „The Underground History of American Education“, bei http://www.johntaylorgatto.com)

In anderen Worten: Das „Menschliche“ geht verloren. Die Wünsche, Bedürfnisse und (hoffentlich) edlen Absichten der Menschen, welche sich anfangs zusammenschlossen, treten immer mehr in den Hintergrund. Dafür wird es immer wichtiger, die wachsenden Bedürfnisse eines unpersönlichen „Es“ – der Institution – zu befriedigen. Die „Tier-Natur“ der Institution wird mit der Zeit immer dominanter. Selbst Menschen, die offiziell an der „Spitze“ einer solchen Institution stehen – Staatspräsidenten, Generäle, Kirchenführer -, müssen eines Tages erkennen, dass sie zu Sklaven ihres eigenen Systems geworden sind. Sie wissen, dass sie sehr schnell gestürzt werden können, wenn sie gegen die „heiligen Interessen der Institution“ angehen.

Je grösser und komplizierter eine solche Institution, desto eher verschwindet der Einzelmensch hinter dem „Tier“. Ja, er kann sich sogar so weit mit dem „Tier“ identifizieren, dass er seine eigenen menschlichen Regungen verliert und selber anfängt, die „Tier-Natur“ anzunehmen. Es ist dabei belanglos, ob es sich um eine klassische Hierarchie handelt (wie im Militär oder im Vatikan), oder um ein postmodernes, New-Age-konformes „Netzwerk“.

Es gibt historische Momente, wo dieser entmenschlichende Vorgang in ein helles Schlaglicht gestellt wird. Leider werden diese Momente nur zu schnell vergessen. Ein solcher Moment war z.B. das „Erwachen“ Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, als nicht nur Deutschland sich fragte: Wie war es möglich, dass eine ganze hochzivilisierte Nation einer derartigen barbarischen Ideologie und Kriegsmaschinerie hinterherlief? Aber auf dem Höhepunkt der Macht und Popularität des „Dritten Reiches“ hatte tatsächlich „die ganze Welt diesem Tier nachgestaunt“, und hatte gesagt: „Wer ist wie das Tier, und wer kann gegen es Krieg führen?“

Im Jahre 1961, als der Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann vor Gericht kam, ersann der amerikanische Psychologe Stanley Milgram ein Experiment, um die Bereitschaft von Menschen zu untersuchen, abwegigen und sogar grausamen Anordnungen einer Autoritätsperson Folge zu leisten. Er wollte damit Fragen wie diese untersuchen: „Könnte es sein, dass Eichmann und seine Million Komplizen im ‚Holocaust‘ einfach Befehlen folgten? Können wir sie wirklich alle Komplizen nennen?“ – In seinem Bericht über das Experiment schrieb Milgram:

„Wie viel Schmerz wird ein Normalbürger einem Mitmenschen zufügen, einfach weil ein Wissenschafter oder Versuchsleiter es ihm befiehlt? … Selbst wenn die Schreie der Opfer den Versuchsteilnehmern in den Ohren klangen, gewann die Autorität meistens. … Gewöhnliche Menschen, die einfach ihre Arbeit tun, ohne persönliche Feindseligkeit, können Agenten eines schrecklichen und zerstörerischen Prozesses werden. Noch mehr: Auch wenn die zerstörerischen Folgen ihrer Arbeit offensichtlich werden, und ihnen gesagt wird, sie sollen Handlungen begehen, die unvereinbar sind mit grundlegenden moralischen Massstäben, sogar dann sind relativ wenige Menschen in der Lage, der Autorität zu widerstehen.“

(Dieses Zitat und die meisten anderen Angaben zum Milgram-Experiment stammen aus dem einschlägigen Artikel in Wikipedia.)

In dem Experiment ging es darum, dass der Versuchsperson gesagt wurde, sie solle das Verhalten einer anderen Versuchsperson mittels immer stärkerer Elektroschocks kontrollieren. (Was die Versuchsperson nicht wusste: In Wirklichkeit wurden keine Elektroschocks verabreicht, sondern die andere „Versuchsperson“ war ein Schauspieler, der den Schmerz nur vortäuschte.) Der Versuchsleiter übte keinen Druck auf die Versuchsperson aus. Jedesmal wenn eine Versuchsperson nicht mehr weitermachen wollte, sagte der Versuchsleiter lediglich, in dieser Reihenfolge:
1. „Bitte fahren Sie weiter.“
2. „Das Experiment verlangt, dass Sie weiterfahren.“
3. „Es ist absolut notwendig, dass Sie weiterfahren.“
4. „Sie haben keine andere Wahl, Sie müssen weiterfahren.“
Wenn nach dieser vierten Aufforderung eine Versuchsperson weiter darauf bestand, das Experiment abzubrechen, dann wurde es abgebrochen.

Das Experiment wurde an verschiedenen Orten der Welt und in verschiedenen Umgebungen wiederholt, überall mit demselben Ergebnis: Zwischen 61% und 66% der Versuchspersonen waren bereit, bis zu potentiell tödlichen Elektroschocks (wenn sie echt gewesen wären) von 450 Volt zu gehen. Im ersten Experiment von Milgram brach nur eine von 40 Versuchspersonen das Experiment unterhalb der Schwelle von 300 Volt ab. Keine einzige Versuchsperson verlangte, dass das Experiment an sich eingestellt würde.

Dieses Experiment gibt einen erschreckenden Einblick in die „Tier-Natur“ von Institutionen und politischen Systemen. Anscheinend der einzige Faktor, der die Bereitschaft der Versuchspersonen beeinflusste, war die persönliche Nähe. Wenn die Versuchsperson z.B. selber den Arm der anderen „Versuchsperson“ auf eine elektrisch geladene Platte halten musste, war die Bereitschaft zum Gehorsam deutlich geringer, als wenn sie von der anderen Person durch eine Glaswand getrennt war und die „Schocks“ aus der Entfernung auslöste.

„Wer kann dem Tier widerstehen?“ Anscheinend nur wenige. Ein jüdischer Versuchsteilnehmer – einer der wenigen, die das Experiment vorzeitig abgebrochen hatten – schrieb später, er hätte sich geweigert weiterzumachen, weil ihm der Verdacht gekommen sei, „das ganze Experiment sei dazu bestimmt, herauszufinden, ob gewöhnliche Amerikaner unmoralische Befehle ausführen würden, so wie es viele Deutsche während der Nazizeit taten.“

Leider fand ich keine Information darüber, ob der glaubensmässige Hintergrund der Versuchsteilnehmer das Ergebnis beeinflusste. Es wäre interessant zu erfahren, ob z.B. gläubige Juden und Christen, die in ihrem Gewissen an Gottes Wort gebunden sind, eher widerstehen konnten.

Die Prozesse gegen Nazi-Kriegsverbrecher warfen Licht auf einen weiteren Aspekt der „Tier-Natur“: Es ist schwierig bis unmöglich, eine ganze Institution oder ein politisches System zur Verantwortung zu ziehen. Jeder Beteiligte, bis hin zu den Leuten an der Spitze, versteckt seine persönliche Verantwortung hinter der Gesamt-Verantwortung des „Systems“ oder der „Institution“ (welche keine Persönlichkeit und kein Verantwortungsbewusstsein hat). Selbst wenn ihnen das ganze Ausmass des Leidens gezeigt wurde, das sie verschuldet hatten, zeigten einige, wie z.B. Eichmann, kein persönliches Schuldbewusstsein.

Im Kleinen beobachtete ich ähnliches in einigen Institutionen, sogar in solchen, die sich christlich nennen. Menschen, die an unrechten und unmoralischen Handlungen mitgewirkt hatten, konnten keine persönliche Schuld darin sehen, obwohl sie das Unrechte der Handlung an sich eingestanden. Schliesslich hatten sie „im besten Interesse der Institution“ gehandelt. Aber warum wird allgemein geglaubt, eine Institution, die gar keine Persönlichkeit hat, könnte berechtigte „Interessen“ haben?

Milgram konnte das erschreckende Ergebnis seines Experimentes nicht erklären. Das 13.Kapitel der Offenbarung liefert vielleicht nicht eine volle Erklärung, aber einen erhellenden Blick darauf. Es gibt in der Welt ein dämonisch inspiriertes Bestreben, immer grössere „tierische“ Institutionen zu errichten und diesen zu folgen, bis schliesslich die ganze Welt „institutionalisiert“ ist. Dies erklärt gewisse weltweite paradoxe Entwicklungen. Z.B. dass auf der einen Seite zunehmend nationale Grenzen, Handelsbarrieren usw. beseitigt werden, um die Welt zu „einigen“ und internationale „Freiheiten“ einzuführen; dass aber andererseits der Bürger zunehmend von seiner eigenen Regierung kontrolliert und überwacht wird, bis er keinen Schritt mehr tun kann, ohne von einer Überwachungskamera beobachtet zu werden, und keine Produkte mehr erwerben kann, ohne sich registrieren zu lassen.

Fortsetzung folgt…

Quellenangaben:

John Taylor Gatto, „The Underground History of American Education“
( http://www.johntaylorgatto.com )
Wikipedia (englisch), Artikel „Milgram experiment“

Weitere empfehlenswerte Lektüre zum Thema:
George Orwell, „1984“ (Ein Klassiker, der nicht in Vergessenheit geraten sollte!)
Wayne Jacobsen und David Coleman, „Der Schrei der Wildgänse“, Gloryworld-Medien (Englische Originalversion online bei http://www.jakecolsen.com )

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