Quechua – Der peruanischen Ursprache auf der Spur

 In weiten Teilen des peruanischen Hochlandes wird Quechua gesprochen, die Sprache der Inkas. Diese Sprache stammt ursprünglich aus der Gegend von Cusco und wurde durch die Inkas während ihrer Blütezeit im 14. und 15.Jahrhundert über das ganze heutige Perú sowie Teile der nördlichen und südlichen Nachbarländer verbreitet. In den Städten wird das Quechua zwar immer mehr vom Spanischen verdrängt, aber auf dem Land wird immer noch mehrheitlich Quechua gesprochen. Insgesamt wird die Zahl der Quechua-Sprechenden auf ca. 10 bis 13 Millionen geschätzt. Genaue Zahlen können nicht angegeben werden, da die Übergänge fliessend sind von reinen Quechua-Sprachigen, die kein Spanisch verstehen, über alle Abstufungen von Zweisprachigkeit bis hin zu den Nur-Spanischsprechenden. Die Zweisprachigkeit ist dabei meistens nach Lebensbereichen aufgeteilt: Im Familienkreis, bei der Feldarbeit, im Wirtshaus und auf dem Markt wird in der Regel Quechua gesprochen; in beruflichen und geschäftlichen Angelegenheiten, auf Ämtern und in der Schule spricht man Spanisch. Bei Familien, die vor einer oder zwei Generationen vom Land in die Stadt gezogen sind (eine häufige Erscheinung) verläuft die Sprachgrenze oft mitten durch die Generationen hindurch: Die Grosseltern sprechen Quechua, die Eltern sind zweisprachig und die Kinder sprechen Spanisch.

Während der fast drei Jahrhunderte dauernden spanischen Kolonialherrschaft führte die Quechua-Sprache ein Schattendasein und blieb dadurch in ihrer Entwicklung stehen. Das hat dazu geführt, dass es bis heute auf Quechua keine Ausdrücke gibt für Dinge, die den Inkas unbekannt waren. Dazu gehören so alltägliche Gegenstände wie Tisch, Schuh, Fenster; auch Namen von Tieren, die erst von den Spaniern eingeführt wurden (z.B. Kuh, Schaf, Pferd); sowie viele abstrakte Begriffe. Alle diese werden durch spanische Lehnwörter ersetzt. Auffällig ist u.a. das Fehlen eines Wortes für „Danke“. Man braucht dafür entweder das spanische „Gracias“, oder den Ausdruck „Yusulpayki“ – eine verballhornte Form des spanischen „Dios se lo pague“ („Gott möge es Ihnen vergelten“).
Es gibt auch kein allgemein gebräuchliches Quechua-Wort für „Gott“. Eine weitverbreitete Bibelübersetzung nannte Gott „Apu“; das ist die Bezeichnung der heute noch allgemein verehrten Berggötter bzw. -geister. Als ich einmal einige Bibelschüler dazu befragte, fanden sie, das Wort „Apu“ sei eindeutig mit dem Heidentum verbunden und sollte nicht für Gott verwendet werden. Als Alternative schlugen sie „Yaya“ vor – ein Wort, das von seiner Herkunft her wahrscheinlich so etwas wie „Ur-Vater“ bedeutet, aber kaum je verwendet wird. (In einer späteren Revision sind die Bibelübersetzer dann wieder zum spanischen Lehnwort „Dios“ zurückgekehrt, das allgemein in quechuasprachigen Kirchen verwendet wird.)
Dafür gibt es ungeahnte Feinheiten in den Ausdrücken für alltägliche Tätigkeiten. Für die verschiedenen Feldarbeiten gibt es eine solche Fülle von Wörtern, dass ich ein Jahr auf dem Land verbringen müsste, um sie alle zu beherrschen. „Geschirr waschen“ ist auf Quechua etwas ganz anderes als „Wäsche waschen“. Für „tragen“ gibt es mindestens drei verschiedene Wörter, je nachdem, ob ein Gegenstand auf dem Rücken, auf den Armen oder zwischen mehreren Personen getragen wird.

Obwohl ab und zu Versuche unternommen werden, eine Literatur auf Quechua zu schaffen – z.B. Bibelübersetzungen, oder Sammlungen volkstümlicher Geschichten – , ist in der Praxis das Quechua weiterhin eine Sprache, die nur gesprochen, aber nicht geschrieben oder gelesen wird. In dieser Situation ist es nicht gerade hilfreich, dass in verschiedenen Landesgegenden sehr unterschiedliche Dialekte gesprochen werden, die sich untereinander z.T. kaum verstehen. Kein Wunder, dass sich nicht nur Spanischsprachige, sondern auch viele Quechuasprachige selber insgeheim fragen, ob Quechua überhaupt eine vollwertige Sprache sei. Wenn z.B. vorgeschlagen wird, Schulunterricht auf Quechua einzuführen, dann sprechen sich oft die quechuasprachigen Eltern selber dagegen aus: „Wenn die Kinder im Leben vorwärtskommen sollen, dann müssen sie doch Spanisch sprechen!“ – Es gibt zwar jede Menge Radioprogramme auf Quechua. Aber bis es Zeitungen, Schulbücher, Bibliotheken oder Internetseiten auf Quechua gibt (nicht nur über die Quechua-Sprache), wird es wahrscheinlich noch lange dauern.
Kommt dazu, dass sich die Bevölkerung unter der spanischen Herrschaft angewöhnt hat, sich den ausländischen Einflüssen anzupassen und den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Das ist bis heute ein typisch peruanischer Wesenszug geblieben. Wenn deshalb der Quechuasprechende an die Unzulänglichkeiten und Grenzen seiner Sprache stösst, dann wird er nicht sprachschöpferisch tätig, sondern stellt auf Spanisch um. Deshalb gibt es jetzt ein grosses „zweisprachiges Mittelfeld“ von Menschen, die weder richtig Spanisch noch richtig Quechua sprechen: ihr Quechua ist von spanischen Wörtern durchsetzt, und ihr Spanisch wimmelt von grammatischen und Aussprachefehlern.

Die wenigen Versuche, die Quechua-Sprache zu „aktualisieren“, stammen meistens von Akademikern aus den grossen Städten, und werden von der allgemeinen Bevölkerung nicht ernstgenommen. Z.B. versuchte man in der Inka-Kultur Entsprechungen zu heute gebräuchlichen Gegenständen zu finden und die Wörter dazu wieder einzuführen. So kann man in Lehrbüchern lesen, „Tisch“ heisse „Hanp’ara“ und „Schuh“ heisse „Kawkachu“. Aber wenn ich diese Wörter Leuten zeige, die im Alltag Quechua sprechen, dann lachen sie meistens und erklären dann, „Hanp’ara“ bedeute Steinplatte oder steinerner Altar und habe nichts mit dem Tisch zu tun, den sie zuhause benützen; und „Kawkachu“ sei ein um den Fuss gewickelter Lappen. Ihr Tisch heisse „mesa“ und ihr Schuh heisse „zapato“ (was die entsprechenden spanischen Wörter sind). – Andere versuchen sich mit nicht ernstgemeinten Sprachschöpfungen wie „Lata pichinchu“ (Blechvogel) für „Flugzeug“ (wobei „Lata“ auch schon ein spanisches Wort ist). Dass es sich dabei nur um Scherz oder Selbstironie handelt, wird daran deutlich, dass dieselbe Person, wenn sie im Ernst von einem Flugzeug spricht, weiterhin das spanische Wort „avión“ gebraucht. (Mit etwas mehr Selbstvertrauen könnten die Quechuas den Ausdruck „Lata pichinchu“ durchaus in ihre „offizielle“ Sprache übernehmen. „Avión“ bedeutet schliesslich auch nichts anderes als „grosser Vogel“.)

Quechua zu lernen ist nicht einfach, weil es eine sehr „andersartige“ Sprache ist (im Vergleich mit den germanischen und lateinischen Sprachen). Z.B. ist Quechua eine agglutinierende Sprache, d.h. viele Bedeutungen werden nicht mit eigenständigen Wörtern vermittelt, sondern mit einer Vielzahl von Endungen, die an wenige tragende Wörter angehängt werden. So besteht z.B. in der Bibel im Cusco-Dialekt die Hälfte des Satzes „Gott hatte noch nicht auf die Erde regnen lassen“ aus dem einzigen Wort „parachimurqanraqchu“. Das bedeuten die einzelnen Teile des Wortes:

So wird die Hauptidee, „er hatte noch nicht her(ab)regnen lassen“, in ein einziges Wort verpackt.
Etwas ungewohnt ist auch die Aussprache. Im Cusco-Dialekt gibt es von den meisten Konsonanten drei Varianten: aspiriert (z.B. wie das deutsche oder englische „k“), nicht aspiriert (wie im deutschen „Egge“ oder im französischen „qui“, „que“), und mit einer kurzen Pause vor dem folgenden Vokal (wie beim hebräischen Buchstaben Aleph; in den europäischen Sprachen kenne ich kein entsprechendes Beispiel). Man muss diese Varianten gut unterscheiden, weil manchmal Bedeutungsunterschiede davon abhängen. Z.B. bedeutet „kanka“ „Braten“, aber „k’anka“ bedeutet „Hahn“. – Dafür gibt es die „weichen“ Konsonanten b, d, f und g im Quechua nicht. – Interessant ist, dass aber schon der Nachbardialekt von Ayacucho diese unterschiedlichen Varianten der Konsonanten nicht kennt.
Eine weitere Kuriosität ist, dass die Linguisten bis heute darüber disputieren, wieviele Vokale das Quechua eigentlich hat. Da gibt es die Fünf-Vokale-Theorie und die Drei-Vokale-Theorie. Die Vokale „e“ und „o“ sind im Quechua nämlich höchst selten, und wo sie vorkommen, könnten sie fast immer durch „i“ bzw. „u“ ersetzt werden, ohne dass der Quechua-Sprecher einen Unterschied wahrnimmt. Die Vertreter der Drei-Vokale-Theorie behaupten deshalb, im Quechua seien „e“ und „i“, bzw. „o“ und „u“, in Wirklichkeit derselbe Vokal.

Man kann deshalb verstehen, dass es umgekehrt auch für Quechua-Sprecher nicht einfach ist, Spanisch zu lernen. Oft verwechseln sie „e“ mit „i“ und „o“ mit „u“ (was im Spanischen sehr wohl einen Unterschied macht), und haben Mühe, abstrakte Begriffe zu verstehen. Oft verwechseln sie auch bedeutungsverwandte Wörter wie z.B. „Blitz“ mit „Donner“ oder „Fluss“ mit „See“.

Offiziell gilt Quechua in Perú als anerkannte Landessprache, und jedermann hat das Recht, sich vor Behörden o.ä. auf Quechua auszudrücken. In der Praxis mag das in Gegenden funktionieren, wo die Mehrheit Quechua spricht. In der Hauptstadt Lima aber sind Kongressabgeordnete aus dem Hochland schon ausgelacht und beschimpft worden, als sie in Parlamentssitzungen auf ihrem Recht bestanden, ihr Votum auf Quechua vorzubringen. So „anerkannt“ ist das Quechua also in Wirklichkeit nicht, trotz der offiziellen Verordnungen.

Ob sich da in Zukunft etwas ändern wird, ist offen. Einerseits gibt es Bestrebungen, der Quechua-Sprache z.B. im Schulunterricht einen grösseren Platz einzuräumen, und seit einigen Jahren müssen Lehrer im Hochland Quechua können. (Geprüft wird aber in der Regel die Kenntnis zusammenhangloser Wortlisten; nicht das Beherrschen der Umgangssprache.) Diskriminierungen, wie sie mir früher noch berichtet wurden – dass z.B. Schüler geschlagen wurden, wenn sie im Unterricht Quechua sprachen -, sollten also heute nicht mehr vorkommen.
Andererseits aber sind Lesen und Schreiben einfach nicht Teil der angestammten Quechua-Kultur (die Inkas kannten keine Schrift). Es ist nicht wahrscheinlich, dass sich das in näherer Zukunft ändern wird. Selbst Quechua-Sprachige, die nur bruchstückhaft Spanisch sprechen, können meistens auf Spanisch lesen, aber auf Quechua nicht. Die Zukunft der Quechua-Sprache ist daher ungewiss.

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