„Christlicher Aussteiger“ – und wann kommt der Einstieg?

Ich sehe mich veranlasst, nochmals etwas über den Titel meines Blogs zu schreiben. Ich wurde nämlich darauf aufmerksam gemacht, dass er missverständlich ist: „Das klingt, als wolltest du vom Christentum nichts mehr wissen.“ Und jemand anders meinte: „Aussteiger – das klingt so negativ. Warum nicht ‚christlicher Einsteiger‘?“

Zur Eröffnung dieses Blogs habe ich zwar unter dem Titel „Warum christlicher Aussteiger?“ schon einige Stichworte dazu geschrieben. Aber ich denke, einige zusätzliche Bemerkungen sind jetzt dran.

Zuerst: Ich bin tatsächlich aus manchem ausgestiegen, was so landläufig mit dem „Christentum“ in Verbindung gebracht wird. Das „Kirchentum“, das „Pfarrertum“, und viele damit verbundene Erscheinungen, sagen mir tatsächlich nichts mehr. Aber nicht weil ich gegen das Christentum wäre, sondern im Gegenteil: Ich habe festgestellt, dass diese Dinge ein echtes Christentum verhindern. Wenn wir zum Anfang des Christentums zurückgehen, d.h. zur Urgemeinde, dann finden wir keine „Kirche“ (in der Art der heutigen kirchlichen Organisationen), keine Kirchengebäude (weder mit Turm noch ohne), keine Pfarrer, keine Sonntags-Predigtgottesdienste, keine theologischen Fakultäten oder Bibelschulen, etc. So manches, was heute untrennbar mit dem „Christentum“ verbunden scheint, ist in Wirklichkeit völlig unwesentlich (und z.T. sogar hinderlich) für ein echtes Christenleben. In anderen Worten: Ich bin aus einem missverstandenen „Christentum“ ausgestiegen, um wieder näher an das ursprüngliche, echte Christentum heranzukommen.

Damit komme ich zur Frage nach dem „Einstieg“: Warum also nicht „Einsteiger“ in das ursprüngliche Christentum?

Das hat vor allem mit meiner persönlichen Situation zu tun. Ich bin schlicht noch nicht so weit! Ich musste feststellen, dass zwischen „Ausstieg“ und neuem „Einstieg“ eine Durststrecke liegt, die länger ist als erwartet. So wie zwischen dem Auszug aus Ägypten und dem Einzug ins Gelobte Land eine lange Wüstenwanderung lag. Oder so wie der Prophet Jeremias zuerst den Ruf ausführen musste, „auszureissen, zu zerstören und niederzureissen“, bevor er dann auch „aufbauen und pflanzen“ durfte (Jer.1,10). Ein unnütz gewordenes und abbruchreifes Gebäude muss zuerst vollends abgerissen werden, bevor am selben Ort ein Neubau errichtet werden kann. Das Unkraut muss zuerst ausgerissen werden, bevor am selben Ort etwas Neues gepflanzt werden kann.

Ich glaube, dass die gegenwärtige Zeit tatsächlich eine Zeit des „Abbruchs“ oder des Niedergangs ist für das traditionelle, missverstandene Christentum. Nicht nur in meinem eigenen Leben, sondern überhaupt in der Welt. „Denn es ist Zeit, dass das Gericht anfange beim Hause Gottes …“, schreibt Petrus (1.Petrus 4,17). Viele der gegenwärtigen Krisen in den traditionellen Kirchen sind von Gott zugelassene „Abbrucharbeiten“, damit wenigstens ein Überrest zum echten Christentum zurückfinden möge. – Dazu muss ich auch die persönlichen Krisen rechnen, durch die Gott mich in den vergangenen Jahren hindurchgeführt hat. Er musste auch in mir selbst viel falsches „Christentum“ abbrechen, das auf menschlichen Traditionen aufgebaut war statt auf einem persönlichen Kennenlernen Gottes.

Wann also werde ich wieder „einsteigen“ können?

Wenn in mir selbst dieses alte Gebäude des Traditionschristentums abgebrochen sein wird, sodass Gott mich wirklich gebrauchen kann. (Manchmal habe ich das Gefühl, es sei bald so weit; aber ich weiss, mein eigenes Gefühl kann mich täuschen.)

Und wenn um mich herum andere Christen von Gott erweckt werden, die ebenfalls durch diesen „Abbruchprozess“ gegangen sind und dann anfangen können, auf dem wahren Fundament wieder aufzubauen. Wenn „Kirche“ wieder zur Familie wird unter Gott dem Vater (statt einer von Mietlingen beherrschten Institution). Wenn Jesus wieder zum Fundament wird – nicht Machtmenschen und Bürokraten, nicht von Menschen aufgestellte Kirchengesetze und Kirchentraditionen.

Hoffnung sehe ich in einigen Hausgemeindebewegungen, die an verschiedensten Orten der Welt aufspriessen. In manchen dieser Bewegungen wird ernsthaft versucht, auf urchristliche Prinzipien zurückzugehen. Aber selbst in diesen Bewegungen sehe ich z.T. noch die Gefahr des „Programmatismus“. Sie werfen zwar alte Traditionen über Bord, kommen aber in die Gefahr, stattdessen einfach neue Traditionen und Programme zu institutionalisieren, die ebenso zum Wort Gottes „hinzugefügt“ werden wie vorher die alten. (Ich hoffe, sie werden sich dieser Gefahr bewusst, bevor sie in dasselbe Fahrwasser kommen, das sie verlassen haben.) – Und hier in Perú gibt es noch nicht einmal eine Hausgemeindebewegung…

„Mehr Familie, weniger Institution“ – das ist mein persönliches Motto in diesem Wandlungsprozess. Wenn das eines Tages in meiner eigenen Familie sichtbar wird, und wenn Gott um uns herum Gleichgesinnte erweckt – dann werde ich mich wieder „Einsteiger“ nennen können. Wann es soweit sein wird, weiss Gott allein.

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