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95 Thesen über die Lage der evangelischen (evangelikalen) Gemeinden (1.Teil)

31. Januar 2011

EINLEITUNG

Am 31. Oktober 1517 versuchte Martin Luther, eine öffentliche Diskussion in Gang zu setzen über den Zustand der Kirche seiner Zeit, und schlug einige Reformen vor. Das Ergebnis war viel radikaler, als er es sich vorgestellt hätte: statt die Kirche zu reformieren, entstand eine grosse Oppositionsbewegung gegen die Kirche; während die katholische Kirche selbst sich weigerte, sich zu reformieren.

Gegenwärtig haben die evangelischen und evangelikalen Kirchen ihrerseits eine Reformation nötig. Werden sie dieses Mal auf den Ruf des Herrn hören, oder werden sie die Geschichte wiederholen und wieder so handeln wie damals die katholische Kirche?

Viele der Beobachtungen in den folgenden Thesen kommen aus meiner eigenen Erfahrung im peruanischen Hochland. Die Situation ist in anderen Kulturen vielleicht anders. Aber ich erhielt ähnliche Berichte von so unterschiedlichen Orten wie Nordamerika, Europa und Afrika, sodass ich annehmen muss, dass zumindest einige der beschriebenen Missstände weltweit verbreitet sind.

Die meisten dieser Thesen sind einfache Vergleiche zwischen der Gemeinde des Neuen Testamentes und den heutigen evangelischen bzw. evangelikalen Kirchen. Wenn man mit offenen Augen diesen Vergleich vornimmt: wie weit sind wir davon entfernt, die Gemeinde zu sein, die Gott möchte?

Anmerkungen zur spanischen Originalausgabe:

– In diesen Thesen erscheint häufig der Ausdruck: „die evangelischen Kirchen … im allgemeinen“. – Ich bin mir bewusst, dass es unter den evangelischen Kirchen eine grosse Vielfalt gibt. Wahrscheinlich ist kaum eine Einzelgemeinde von allen aufgeführten Punkten betroffen. Aber wir alle sind verantwortlich, uns vor dem Wort Gottes zu prüfen.

– Dieses Dokument wurde nicht als fertige Lehrunterlage verfasst, sondern möchte zur Fürbitte und zu einer weiten Diskussion Anlass geben. Deshalb befindet es sich in einem provisorischen Zustand, und verschiedene Teile bedürfen evtl. einer Revision. „Thesen“ bedeutet ja: Standpunkte, die zur Diskussion vorgeschlagen werden; nicht eine fertig ausgearbeitete Lehrunterlage. Die Veröffentlichung war erst für einen späteren Zeitpunkt vorgesehen; aber ich kam zu der Überzeugung, dass diese Botschaft dringend ist und deshalb so bald wie möglich veröffentlicht werden sollte.

Anmerkungen zur deutschen Übersetzung:

Zum Zeitpunkt dieser Übersetzung sind über vier Jahre vergangen seit der Originalfassung. Die Reaktion darauf übertraf meine Befürchtungen noch: Es fand überhaupt keine Diskussion statt. Stattdessen wurden die vorliegenden Thesen von evangelikalen Leitern als „Unrat“ bezeichnet, zensuriert, verleumdet, oder zu „verbotener Lektüre“ erklärt. Diese negativen Reaktionen richteten sich unerwarteterweise mehrheitlich nicht gegen die eher kontroversen Thesen über Gemeinde und Gemeindeleitung, sondern gegen die These Nr.1, von welcher ich angenommen hatte, diese sei zumindest im evangelikalen Bereich noch unbestritten (göttliche Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel). Mehrere evangelikale Organisationen und Leiter brachen öffentlich und ohne Begründung ihre Beziehungen zu mir ab. Ähnlich reagierten auch einige Leiter im deutschen Sprachgebiet, als sie sich einigen Grundgedanken dieser Thesen gegenübersahen. Zu einer konstruktiven Kritik auf biblischer Basis war bis heute (Januar 2011) niemand fähig. Deshalb konnte ich auch noch keine Revision dieser Thesen vornehmen. Sie erscheinen deshalb auch in dieser Übersetzung noch in der als „provisorisch“ vorgestellten Erstfassung (mit einigen wenigen zusätzlichen Anmerkungen).

Aus den genannten Gründen wird diese Artikelserie in der Kategorie „Zensurierte Artikel“ veröffentlicht.

So traurig auch diese Vorgänge sind, so bestätigen sie doch gerade eine meiner Hauptthesen: Die Kirchengeschichte ist in einem grossen Kreis zur Situation vor der Reformation zurückgekehrt. Nur dass heute die evangelischen und evangelikalen Kirchen die Rolle der damaligen katholischen Kirche spielen. Wenn sie mit klaren Aussagen der Heiligen Schrift konfrontiert werden, die ihren eigenen Traditionen widersprechen, dann reagieren sie nicht anders als die katholische Kirche des Mittelalters auf Luther.

Sprachliche Anmerkungen:

Eine Übersetzung ins Deutsche war nicht ganz einfach, denn die deutsche Sprache gebraucht einige spitzfindige Unterscheidungen, die in anderen Sprachen nicht vorkommen. So z.B. die Unterscheidung zwischen „evangelisch“ und „evangelikal“. Um nicht überall das Doppelwort „evangelisch/evangelikal“ schreiben zu müssen, gebrauche ich das Wort „evangelisch“ für beide. Wo spezifisch die reformierten Landeskirchen gemeint sind, schreibe ich „reformiert“.
Ebenso wird im Deutschen je nach konfessioneller Kultur entweder „Pfarrer“ oder „Pastor“, entweder „Kirche“ oder „Gemeinde“ gesagt. Auch diese Begriffe sind in den folgenden Thesen meistens austauschbar. In der Regel bevorzuge ich „Kirche“, wo eine menschliche Organisation gemeint ist, und „Gemeinde“, wo die neutestamentliche Gemeinschaft der Christen gemeint ist.
Betr. persönliche Fürwörter richte ich mich nach der Gepflogenheit des vor-feministischen Zeitalters, als bei Verallgemeinerungen das männliche Fürwort ausreichte, um alle, auch Frauen, einzuschliessen. Ich tue dies nicht, weil ich Frauen ablehnen würde, sondern lediglich weil mir der ständige Gebrauch von Doppelwörtern wie „er/sie“, „ihm/ihr“, zu umständlich ist.


95 THESEN

I) Über die Auslegung der Bibel

1. Die Bibel ist in ihren Originalhandschriften Gottes inspiriertes Wort, irrtumslos und unfehlbar.
– Obwohl die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen dies in ihrem Glaubensbekenntnis festhalten, geben viele in der Praxis der kritischen Theologie Raum, welche die Bibel als ein menschliches Wort ansieht, das Irrtümer enthalten kann.

(Im deutschen Sprachraum haben viele reformierte Kirchen bereits die kritische Theologie zu ihrer offiziellen Theologie erklärt und sind hierin also wenigstens konsequent. Im Raum der Freikirchen dürfte aber die beschriebene Inkonsequenz – die in Lateinamerika allgemein verbreitet ist – auch vorzufinden sein.) Wenn einmal die Türen geöffnet sind für die kritische Theologie, folgen unvermeidlich weitere Irrtümer in der Lehre.

2. Die heutigen evangelischen Kirchen legen im allgemeinen die Bibel durch den Filter ihrer eigenen Tradition und gemeindlicher Gewohnheiten aus. Diese Tradition hindert sie daran, zu sehen, was die Bibel wirklich sagt.
Wenn sie „Kirche“ oder „Gemeinde“ lesen, stellen sie sich eine heutige Kirche vor, und sind sich nicht bewusst, dass die Gemeinde des Neuen Testamentes sehr anders war. Wenn sie „Bekehrung“ lesen, stellen sie sich eine Person vor, die an einer Evangelisationsveranstaltug ein „Übergabegebet“ nachspricht, und sind sich nicht bewusst, dass eine Bekehrung im Neuen Testament etwas ganz anderes war. Wenn sie „Pastor“ („Hirte“) lesen, stellen sie sich einen Pfarrer einer heutigen Kirche vor, und sind sich nicht bewusst, dass ein „Hirte“ im Neuen Testament etwas ganz anderes war. (Die Beispiele könnten beliebig vermehrt werden.)

3. Die Apostelgeschichte und die apostolischen Briefe sind Beschreibungen des Normalzustandes der Gemeinde, gemäss Gottes Willen für alle Zeiten.
Der Herr ist derselbe in allen Zeiten; Sein Wort besteht für immer (Jes.40,8, Matth.24,35); und wenn er irgendeine Änderung vorgesehen hätte für die Zeit nach dem Abschluss des Neuen Testamentes, dann hätte er dies zum voraus prophetisch angekündigt.
Die heutigen evangelischen Kirchen betrachten im allgemeinen die Apostelgeschichte nur als einen Bericht aus vergangenen Zeiten; oder sie interpretieren deren Inhalt um und passen ihn ihrer jeweiligen konfessionellen Tradition an; und auf beide Arten wird die Botschaft der Apostelgeschichte nicht wirklich auf heute angewandt. Dies ist ein schwerer Fehler, der die Kirchen blind macht dafür, wie weit sie sich von Gott entfernt haben.


II) Über die Wiedergeburt

4. Die Wiedergeburt ist eine Tat Gottes, nicht des Menschen (Joh.3,8, 6,44). Es ist Gott, der die Vorherbestimmten ruft und rechtfertigt (Röm.8,29-30). Die Verantwortung des Menschen besteht darin, auf den Ruf Gottes zu antworten mit Umkehr und Glauben (Markus 1,15, Apg.2,38, Röm.4,5).
Die evangelischen Kirchen heute (d.h. v.a. Freikirchen) glauben und lehren im allgemeinen, dass die Wiedergeburt eine Tat des Menschen ist (selbst wenn ihre offizielle Lehre anders ist) – das zeigt sich in ihren manipulativen Evangelisationsmethoden.
(Anm: Es geht mir bei dieser These nicht darum, eine spezifische Version der Prädestinationslehre zu diskutieren. Das genaue Zueinander von göttlicher Vorherbestimmung und menschlicher Verantwortung zu beschreiben, gehört zu den schwierigsten theologischen Fragestellungen überhaupt, und ich bin da durchaus offen für eine gewisse Bandbreite an Meinungen. Worum es mir vielmehr geht, ist die Grundsatzfrage, ob wir Gottes souveränes und übernatürliches Handeln in der Wiedergeburt anerkennen, oder ob wir eine Wiedergeburt als „menschlich machbar“ ansehen – und um die praktischen Konsequenzen, die die Beantwortung dieser Frage z.B. für die Evangelisation hat.)

5. Die Wiedergeburt geschieht nicht durch das Wiederholen eines Übergabegebetes, oder andere menschliche „Methoden“. Es gibt kein Beispiel im Neuen Testament, wo jemand auf solche Weise wiedergeboren worden wäre.
– Die evangelischen Kirchen heute nehmen im allgemeinen jemanden als „bekehrt“ an, wenn er ein Übergabegebet gesprochen hat (resp. die reformierten Kirchen, wenn jemand als Kind getauft wurde). Aufgrund dieser verfehlten Praxis sind die Kirchen verführt, und merken nicht, dass viele falsche Brüder unter ihren Mitgliedern sind.

6. Die wirkliche Umkehr besteht darin, Sünde zu bekennen und hinter sich zu lassen (Spr.28,13). Damit jemand zu einer solchen Umkehr kommt, muss er durch den Heiligen Geist von seiner Sünde überführt werden (Joh. 16:8-9).
Ein Sündenbekenntnis ohne vorausgehende Überführung durch den Heiligen Geist, und ohne den festen Entschluss, die Sünde hinter sich zu lassen, ist keine wirkliche Umkehr.

7. Die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen verkündigen weder diese wirkliche Umkehr, noch praktizieren sie sie. Als traurige Konsequenz sind viele derer, die sich als Christen verstehen, nie wirklich von neuem geboren worden.

8. Der wahre Glaube, der auf das einmalige Opfer Jesu Christi zur Vergebung der Sünden und zu unserer Erlösung vertraut, führt zu einer Gewissheit, jetzt erlöst zu sein, nicht nur zu einer Hoffnung, „eines Tages“ erlöst zu werden (Joh.5,24).

9. Dieser wahre Glaube kann erst dann wirksam werden, wenn jemand vom Heiligen Geist von seiner Sünde überführt worden ist und wirklich zur Umkehr gekommen ist; vorher nicht.
Wer versucht, auf das Opfer Jesu zu vertrauen, oder das „Geschenk der Erlösung“ anzunehmen, ohne die Überführung von der Sünde erlebt zu haben, der lebt in einem falschen Vertrauen, weil er gar noch nicht weiss, von welcher Gefahr und welchem Urteil er erlöst werden muss.

10. Der wahre Glaube nimmt nichts von Gott „in Anspruch“, und macht auch keine „positiven Bekenntnisse“ über etwas, was er sich nur vorstellt, während die Wirklichkeit anders ist. Derartige „Rezepte“ stammen vom „positiven Denken“ des New Age her, nicht von der Bibel.
Der wahre Glaube vertraut schlicht und fest darauf, dass Gott tun wird, was er versprochen hat, nicht was ich mir vorstelle.

11. Wer von neuem geboren wird, der erhält in seinem Geist das Zeugnis des Heiligen Geistes, dass er Gottes Kind ist (Röm.8,16).
Dieses Zeugnis ist nicht dasselbe wie die menschliche Vorstellung, erlöst zu sein; es ist auch kein menschlicher Akt, es „im Glauben in Anspruch zu nehmen“. Wer dieses Zeugnis erhält, der weiss mit Gewissheit, dass dieses Zeugnis nicht aus seiner eigenen Vorstellung noch aus seinem eigenen Willen entspringt. Wer dieses Zeugnis nicht in sich hat, ist nicht wiedergeboren (Röm.8,9).


III) Über Evangelisation

12. Evangelisation im Neuen Testament ist: Menschen zur Überführung von der Sünde bringen, und zur Umkehr rufen, damit sie gerettet werden. (Matth.3,2, 4,17, Apg. 2,22-23.36-38, Röm.3,19-24)

13. Im Neuen Testament wurden keine Aufrufe gemacht, „Jesus anzunehmen“ oder ähnliches.
Es wurde zur Umkehr gerufen; aber jeder musste diese Umkehr aus eigener Initiative bezeugen, nicht als rituelle Reaktion auf einen Aufruf. (Die Anweisung „Kehrt um und werdet getauft…“ wurde nur jenen gegeben, die schon von sich aus gefragt hatten: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ – Apg.2,37-38, 16,30-33).

14. Die heutigen evangelischen (Frei-)Kirchen im allgemeinen rufen in ihrem Eifer, mehr Mitglieder zu gewinnen, nicht-reuige Sünder dazu auf, „Jesus anzunehmen“. Dies bewirkt viele falsche Bekehrungen und sehr wenige echte Bekehrungen.

15. Im Neuen Testament brachten die Christen keine Unbekehrten zu den Versammlungen der Gemeinde.
Im Gegenteil, die Nichtgläubigen hatten Angst davor, sich mit der Gemeinde zusammenzutun (Apg.5,13). Nur nachdem sie sich bekehrten, begannen sie sich mit der Gemeinde zu versammeln. (Dies sollte nicht mit den öffentlichen Versammlungen auf öffentlichen Plätzen verwechselt werden, wo jedermann die Möglichkeit hatte, der Lehre der Apostel zuzuhören, ohne Teil der Gemeinde zu sein.)

16. Die heutigen evangelischen Kirchen bringen im allgemeinen Unbekehrte zu ihren Versammlungen; diese Unbekehrten beginnen sich dann äusserlich wie Christen zu verhalten, bis sie als „Brüder“ angenommen sind, während sie in Wirklichkeit nie von neuem geboren wurden. So füllen sich die Kirchen mit falschen Brüdern.
Schon die Tatsache, dass Unbekehrte überhaupt keine Furcht mehr davor haben, sich mit der Gemeinde zusammenzutun, ist ein Zeichen, dass wir uns weit entfernt haben vom Zustand der Urgemeinde.

17. Im Neuen Testament bezeugte ein Sünder seine Umkehr, indem er sich taufen liess. (Apg. 2,38-41, 8,12, 8,35-38, 10,47-48, usw.)

18. Die heutigen evangelischen Kirchen, soweit sie die Erwachsenentaufe pflegen,
– zögern oft die Taufe wirklich Bekehrter unnötig hinaus; während dieser Wartezeit kann der Feind alle möglichen Zweifel, Versuchungen und Entmutigung in die Herzen der Bekehrten säen;
– taufen aus mangelndem Unterscheidungsvermögen Unbekehrte, die einfach gelernt haben, sich an die äusseren Formen des Christentums anzupassen, nachdem sie viel Zeit zusammen mit Christen verbracht haben.

Ein wirklicher Bekehrter muss mit der Taufe nicht warten; und ein unechter Bekehrter wird durch eine lange Wartezeit nicht zu einem echten.

19. Die Evangelisation im Neuen Testament versprach nie etwas anderes als die Erlösung und das ewige Leben.
Es wurde weder Heilung, noch die Lösung persönlicher Probleme, noch Wohlstand oder Glück versprochen als „Belohnung“ für eine Bekehrung. Im Gegenteil, der Herr rief seine Nachfolger dazu auf, um seinetwillen alles zu verlieren, sogar ihr eigenes Leben (Matth.10,37-39, 16,24-26, Luk.9,57-62). Nur jene, die dem Herrn auf diese Weise nachfolgen, können dann auch die Verheissung erhalten: „… und alle diese Dinge werden euch hinzugetan werden“ (Matth.6,33) – was sich lediglich auf die Grundbedürfnisse des Lebens bezieht.

20. Die heutigen evangelischen Kirchen versuchen im allgemeinen neue Bekehrte zu gewinnen mit Versprechen von Heilung, Lösung persönlicher Probleme, Wohlstand und Glück, usw. Auf diese Weise gibt es falsche Bekehrungen, weil sich die Menschen aus falschen und egoistischen Motiven „bekehren“.

21. So wie ein neugeborenes Baby nach Milch schreit, sucht ein wirklich wiedergeborener Christ von sich aus die Gemeinschaft mit dem Herrn und mit seinen Brüdern.
Wer nach der Bekehrung keinen solchen Hunger und Durst nach dem Herrn hat, ist nicht wirklich bekehrt.
Viele Mitglieder heutiger evangelischer Gemeinden müssen ständig „angespornt“ oder „ermahnt“ werden, weil sie von sich aus diesen Hunger und Durst nach dem Herrn nicht haben; aber das zeigt nur, dass sie in Wirklichkeit nicht wiedergeboren sind.

22. Die heutigen evangelischen Kirchen unternehmen im allgemeinen irrige Bemühungen, an falschen Bekehrten „Nacharbeit“ zu machen, z.B. indem sie sie zum Gottesdienst schleppen, zu dem sie gar nicht gehen wollen; oder indem sie sie unter Druck setzen, sich „christlich“ zu verhalten, während ihre unbekehrte Natur sie nach der anderen Seite zieht, usw. Das alles ist eine Verschwendung von Zeit, Kräften und anderen Mitteln, während die wirkliche Arbeit Gottes vernachlässigt wird: Menschen zu einer wirklichen Umkehr und einem wirklichen Glauben zu führen, gemäss den Prinzipien, die Gott selber aufgestellt hat.


IV) Über Heiligung und Heiligkeit

23. Das Neue Testament nennt nirgends einen Ungläubigen einen „Heiligen“, „Bruder“ oder „Christ“; und nirgends nennt es einen wiedergeborenen Christen „Sünder“. Ein wiedergeborener Christ ist heilig, weil er der Sünde gestorben ist und für Gott lebendig ist (Röm.6,3-11).
Die heutigen evangelischen Kirchen sind im allgemeinen verwirrt, weil sich in ihnen Sünder befinden, die sich „Brüder“ nennen, und Heilige, die sich „Sünder“ nennen. – Luthers Ausdruck „Heiliger und Sünder zugleich“ ist nicht biblisch.

24. Ein wiedergeborener Christ lebt gemäss dem Heiligen Geist (Röm.8,1.4.9.12-13), und mit der Hilfe des Geistes wendet er sich von der Sünde ab und erfüllt so die Gerechtigkeit, die Gott verlangt (Röm.8,4).
Er reinigt sich, weil er den wiederkommenden Herrn erwartet (1.Joh.3,2-3), und sündigt nicht bewusst (1.Joh.3,6-9). Ein wahrer Christ „folgt der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn sehen wird“ (Heb.12:14).

25. Diese Heiligkeit erlangt niemand durch eigene Anstrengungen, sondern durch das Wirken des Herrn, „der in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt“ (Phil.2,13, 1.Kor.15,10, Joh. 15,4-6, Eph.2,10).
Ein wahrer Heiliger bemüht sich nicht, das Gute oder Richtige zu tun; aber er bemüht sich, in Christus zu bleiben (und als Ergebnis wird er effektiv das Gute tun).

26. Diese Heiligkeit hat nichts damit zu tun, religiöse Rituale oder äussere Vorschriften zu erfüllen; sondern sie hat mit der Integrität des Herzens zu tun, die Gott in allem gefallen möchte (Ps.40,6-8, Ps.51,6.10).
Die heutigen evangelischen Gemeinden verstehen „Heiligkeit“ allgemein in einem rituellen Sinn (die „richtigen“ und äusserlich „akzeptablen“ Dinge zu tun). Sie unterwerfen sich äusseren Vorschriften, „du sollst nicht in die Hand nehmen, nicht kosten, nicht berühren…“, was einen Anschein von Weisheit hat, aber nichts ausrichtet gegen die Gelüste des Fleisches (Kol.2,20-23). Sie führen Rituale durch von „Gottesdienst“, „Lobpreis“, „Gebet“, „Bekehrung“, „Versöhnung“ – alles der äusseren Form nach, aber die geistliche Realität fehlt. (Matth.15,7-9).

27. Die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen verkündigen weder die wahre Heiligkeit, noch praktizieren sie sie.
In ihrer Mehrheit entschuldigen sie entweder die Sünde und übergehen sie leichthin; oder sie versuchen, die Heiligkeit durch menschliche Anstrengungen zu erreichen, die in Wirklichkeit fleischlich sind (Phil.3,4-9). Deshalb sagt die Welt: „Warum soll ich Christ werden, wenn sie auch nicht besser sind als ich?“ Und der Name Gottes wird gelästert unter den Heiden durch unsere Schuld (Röm.2,24).

28. Viele Mitglieder evangelischer Kirchen nennen sich selbst „unwürdige Sünder“. Damit geben sie Zeugnis gegen sich selbst, dass sie nicht gerettet sind.
Viele benutzen diesen Ausdruck sogar als Entschuldigung, um weiter zu sündigen; und so zeigen sie, dass sie sich nie wirklich bekehrt haben. – Die Praktik, „um Vergebung zu bitten, um nachher wieder sündigen zu können“, ist völlig entgegen dem Willen Gottes (Jer.7,9-11).

29. Das Evangelium besteht (wie schon Luther hervorgehoben hat) grundsätzlich aus zwei Botschaften: die Botschaft des Gesetzes und die Botschaft der Gnade. Im Neuen Testament wird das Gesetz den Sündern verkündigt, damit sie von ihrer Sünde überführt und zu Jesus Christus geführt werden (Gal.3,22-24). Die Gnade wird den reuigen Sündern verkündigt, damit sie zum Glauben kommen (Röm.3,21-24), und den Gläubigen, damit sie in ihrem Glauben gefestigt werden (Röm.6,14, 1.Petrus 1,13).

30. Die heutigen evangelischen Kirchen haben im allgemeinen diese Ordnung umgedreht: sie verkündigen die Gnade den nicht-reuigen Sündern, und das Gesetz den Gläubigen.
Dieser Fehler bewirkt zwei entgegengesetzte Übel, die ich im folgenden beschreiben werde. In den heutigen evangelischen Gemeinden, wo eines dieser Übel festgestellt wird, da wird häufig das andere Übel als Gegenmittel vorgeschlagen, während in Wirklichkeit beides sehr grosse Übel sind:

31. Die „billige Gnade“ (Bonhoeffer) ist das Übel, das davon kommt, wenn den nicht-reuigen Sündern die Gnade verkündet wird.
Es ist nicht biblisch zu sagen, dass der Herr alle unsere Sünden vergibt, unabhängig davon, ob wir zur Umkehr kommen oder nicht (Lukas 13,3). Es ist nicht biblisch zu sagen, die Erlösung koste nichts (Matth 16,24-25, Matth.13,44-46). Eine solche Verkündigung produziert nicht-reuige Sünder, die zu Gott kommen und sagen: „Wir sind befreit, um weiterhin alle diese Greuel zu verüben“ (Jer.7,8-11).

32. Das „Joch der Pharisäer“ ist das Übel, das davon kommt, wenn den wiedergeborenen Gläubigen das Gesetz verkündigt wird.
Es ist nicht biblisch, die Heiligkeit eines Christen nach seiner Anpassung an äusserliche Regeln zu messen (wie z.B. die Häufigkeit seines Gottesdienstbesuchs, die Höhe seiner Spenden, usw.) – Siehe Matth.15,7-9.
Diese Verkündigung bewirkt, dass die Christen „von der Gnade fallen“ (Gal.5,4) und wieder an ihrer Erlösung zweifeln; sie werden dazu verleitet, wieder aus eigener Kraft zu leben statt aus der Kraft Gottes; und so werden sie unter ein Joch gezwängt, das sie nicht erfüllen können, und beginnen mit der Zeit tatsächlich den Glauben zu verlieren.
Ausserdem bewirkt diese Verkündigung, dass die nicht-reuigen Sünder, die in der Kirche sind, sich so zu benehmen beginnen, als wären sie Christen, indem sie die äusserlichen Vorschriften erfüllen, während ihr Herz unbekehrt bleibt. Daraus entsteht eine derartige Verwirrung, dass es fast unmöglich wird, zwischen den echten und den falschen Christen in der Kirche zu unterscheiden.

33. Ebenso ist es das „Joch der Pharisäer“, über das Verhalten der Gemeindeglieder Kontrolle auszuüben mit Hilfe von Reglementen und Disziplinarverfahren über äusserliche Angelegenheiten und Menschengebote; oder dieselbe Art Kontrolle auszuüben mit Druckversuchen und persönlichen Drohungen.
Diese Art „Behirtung“ verhindert die Entwicklung des Gewissens der Christen, und hält sie gefangen in einer immerwährenden Unreife.
(siehe No.61 und 62 über die „Gemeindezucht“)

34. Wenn in der Gemeinde des Neuen Testamentes Sünde war, dann kam diese Sünde ans Licht; und das führte zur Umkehr (oder wo nicht, zur Strafe Gottes); und in beiden Fällen war das Ergebnis Gottesfurcht. (Apg. 5,1-11, 8,18-24, Gal.2,11-14)
Es wurde als normal angesehen, dass ein Ungläubiger, wenn er zufällig in eine Versammlung von Christen geriet, dort durch Gottes Wirken von seiner Sünde überführt wurde (1.Kor.14,24-25).

35. In den heutigen evangelischen Kirchen geht im allgemeinen die Sünde weiter, ohne ans Licht zu kommen; und sogar wenn sie ans Licht kommt, gibt es keine wirkliche Umkehr.
In den Gemeinden geschieht Diebstahl, Betrug, sexueller Missbrauch, Ehebruch. Lüge und Verleumdung werden bereits als normal angesehen. Das übernatürliche Wirken Gottes, die Sünde ans Licht zu bringen und davon zu überführen, geschieht nicht mehr. Das ist ein Zeichen, dass die Kirche als ganze sich sehr weit vom Willen und Standard Gottes entfernt hat.

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Apostel heute?

16. Januar 2011

Folgendes war ursprünglich als Antwort auf einen Kommentar zum Artikel „Auf der Suche nach dem neutestamentlichen Christentum“ gedacht. Aber da es etwas länger geworden ist, dachte ich, ich mache gleich einen eigenen Artikel daraus.

Gibt es heute noch Apostel? Sollten wir wieder Apostel haben? Das ist eine heisse Frage, die in manchen Kreisen eifrig diskutiert wird.

Tatsache ist, dass die allermeisten Denominationen und Gemeindeverbände schon längst Strukturen und Ämter eingerichtet haben, die einem Apostelamt entsprechen. Nur nennen sie sie anders: sie nennen sie z.B. „Bischöfe“, „Landesvorsitzende“, „Superintendenten“, „Bundesvorstände“, usw. Da die meisten dieser Denominationen in der Theorie bestreiten, dass es heute noch Apostel gäbe oder geben sollte, kümmern sie sich auch nicht darum, ob die Personen, die diese Ämter besetzen, tatsächlich apostolische Qualifikationen besitzen. In der Praxis aber verleihen sie ihnen Autorität und Aufsichtsrechte über eine Vielzahl von Gemeinden; und das ist gerade eines der Kennzeichen des Apostelamtes.

Das ist eine Situation höchster Inkonsequenz: die tatsächlichen Leiterschaftsstrukturen widersprechen der theologischen Lehre; und diese ungeeigneten Strukturen werden mit (aus biblischer Sicht) ungeeigneten Personen besetzt. Nicht davon zu reden, dass kaum eine Denomination diese „apostolischen Leiter“ einer anderen Denomination für sich anerkennt. Nach 1.Korinther 1:10-13 und 3:1-4 ist das ein Zeichen von Zerspaltenheit und „Fleischlichkeit“. Die gegenwärtige Situation ist also mit Sicherheit nicht das, was Gott will.

Wie gehen wir damit um? Soll das Apostelamt „offiziell“ wieder eingeführt werden?

Was die biblische Grundlage betrifft, so muss ich offen sagen, ich konnte mich in dieser Frage bis jetzt noch nicht festlegen. Ich kann schlicht im ganzen Neuen Testament keine eindeutige Antwort finden darauf. Die ursprünglichen Apostel haben kein „Testament“ darüber hinterlassen, ob und wer nach ihrem Ableben ihren Platz einnehmen sollte. Ich sehe zwei mögliche Wege:

1. Wir rechnen damit, dass es auch nach den ursprünglichen Aposteln weiterhin Autoritäten über eine Vielzahl von Gemeinden geben soll. Das wird nahegelegt durch die Position von Leitern wie Timotheus und Titus, die tatsächlich im Auftrag von Paulus eine Vielzahl von Gemeinden beaufsichtigten. Sie werden aber nirgends „Apostel“ genannt. (Timotheus wird dagegen „Evangelist“ genannt). – Auch gibt es über den ursprünglichen Apostelkreis hinaus einige weitere Personen im Neuen Testament, die „Apostel“ genannt werden; z.B. Barnabas (Apg.14,14). – Es gibt also gute Gründe, dies als den biblischen Weg anzusehen, und das wird auch von den meisten heutigen Denominationen zwar nicht in der Theorie, aber durch ihre Praxis bestätigt.

Es gibt aber einige Gefahren auf diesem Weg, denen wir uns sehr bewusst sein sollten:

Die Gefahr, dass neue „Apostel“ unbiblische Sonderlehren einführen.

Es sollte immer klar bleiben, dass kein gegenwärtiger Apostel die Autorität der ursprünglichen Apostel haben kann, nämlich autoritativ die christliche Lehre festzulegen oder in diesem Sinn als direkter „Gesandter Jesu“ aufzutreten. Diese Autorität kam eindeutig nur jenen zu, die selber Zeugen des Lebens, Sterbens und der Auferstehung Jesu waren (Apg.1,21-22).
Ich beobachte leider in vielen Kreisen eine Tendenz, gewisse vollmächtige (oder lediglich redegewandte und manipulative) Leiter mit einer Art „mystischer Aura“ zu umgeben und ihnen eine höhere Glaubwürdigkeit zuzusprechen, als ihnen zukommt. So gibt es tatsächlich schon viele Kirchenmitglieder, die statt bibeltreu „leitertreu“ geworden sind und sich dadurch immer weiter von der biblischen Wahrheit entfernen. Die Aufforderung, „alles zu prüfen“ (1.Kor.14,29, 1.Thess.5,21) gilt auch und gerade gegenüber einem Apostel (siehe Galater 1,8 !!).

Die Gefahr des Machtmissbrauchs

In Amerika ist in gewissen Kreisen der Aposteltitel bereits Mode geworden. Manche, die sich früher „Pastor“ oder „Bischof“ genannt hätten, nennen sich jetzt „Apostel“. Oft handelt es sich dabei aber einfach um eine Verlängerung des unbiblischen Ein-Mann-Pastor-Systems, wo die bereits bestehenden Machtstrukturen noch weiter ausgebaut und zementiert werden. Sehr oft sind das dieselben Kreise, die z.B. lehren: „Du musst dich deinem Pastor unterordnen, selbst wenn er unrecht hat“; oder: „Auf Gott zu hören bedeutet auf deinen Pastor zu hören, denn er ist der Gesalbte Gottes.“ Es ist für Aussenstehende fast unvorstellbar, was in solchen Machtsystemen für Zerstörungen angerichtet werden im Glaubens-, Privat- und Familienleben der Menschen, die solchen Pastoren unterworfen sind. Mit einer Google-Suche nach „geistlicher Missbrauch“ bzw. „spiritual abuse“ können Dutzende von Leidensgeschichten Betroffener gefunden werden.

Hiergegen muss ganz klar festgehalten werden: Im Neuen Testament ist Leiterschaft in der christlichen Gemeinde keine „Machtposition“! Im Gegenteil, Jesus hat gesagt: „Der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Herrschende wie der Dienende!“ (Lukas 22,26). Die Autorität der Apostel bestand nicht in Machtausübung und Manipulation. Sie wurden als Autoritäten anerkannt, weil ihre Nähe zum Herrn, ihre geistliche Reife, ihre von Gott gegebene Befähigung und ihre Hingabe offenkundig waren. In den wenigen Situationen, wo Paulus sich gezwungen sah, sein Apostelamt zu verteidigen, da spricht er gerade nicht als „mächtiger Leiter“, sondern da spricht er von den Leiden und Entbehrungen, die er um Jesu willen auf sich nahm (1.Korinther Kap.4, 2.Korinther Kap.11). Auch die Beschreibung seines Wirkens in Thessalonich (1.Thessalonicher Kap.2) ist in dieser Hinsicht lehrreich und vorbildlich. Gerade Apostel müssen zuallererst dazu bereit sein, den „letzten Platz“ einzunehmen.

Die Gefahr des Klerikalismus und Hierarchismus

Das Pastorenkirchensystem hat zu einer Trennung zwischen „Klerus“ und „Laien“ geführt, wo der eigentliche geistliche Dienst nur noch von eigens dazu eingesetzten „Klerikern“ wahrgenommen werden kann. (Siehe „Bist du pastorisiert worden?„). Wenn vor diesem Hintergrund ein Apostelamt eingeführt wird, dann kann das nur zu einem weiteren Ausbau der klerikalen Hierarchie führen. Z.B. könnte dann ein Gemeindeverband auf die Idee kommen, nur noch solche Pastoren als „gültig“ anzuerkennen, die von einem Apostel in ihr Amt eingesetzt wurden; oder zu verbieten, dass Nicht-Apostel Gemeinden gründen.

In der Urgemeinde waren aber die Apostel nicht dazu da, Aspekte des geistlichen Dienstes zu monopolisieren. Im Gegenteil, sie waren dazu da – wie die anderen „Dienste“ auch -, alle Gläubigen zum geistlichen Dienst auszurüsten und freizusetzen (Epheser 4,12).

Die drei genannten Gefahren werden uns ganz deutlich in den Verirrungen der römisch-katholischen Kirche vor Augen gestellt. Schon das sollte uns eine Warnung sein. Wenn eine Kirche das Apostelamt wieder einführen wollte (und das gilt auch für die bereits bestehenden faktischen „Apostelämter“ mit anderen Benennungen!), dann müsste zuallererst sichergestellt werden, dass nur Christen von ganz aussergewöhnlicher Integrität, Ehrenhaftigkeit und Leidensbereitschaft als „Apostel“ anerkannt werden; Christen, die ihre Leiterschaft voll und ganz im Sinne Jesu und der ersten Apostel ausüben. Sonst werden wir nur zu bald ein evangelikales Papsttum haben.

2. Nun habe ich aber von zwei Wegen gesprochen, die apostolische Autorität zu verstehen. Der zweite Weg besteht darin, diese apostolische Autorität in den Lehren der ursprünglichen Apostel zu suchen, die uns in den Schriften des Neuen Testaments überliefert sind. Das würde bedeuten, dass kein heute lebender Mensch Autorität über eine Vielzahl von christlichen Gemeinden hätte. Jede Einzelgemeinde, und jeder einzelne Christ, hätte sich dann direkt unter die apostolische Autorität des Neuen Testamentes zu stellen, und die einzelnen Gemeinden wären organisatorisch unabhängig voneinander. Es könnte sehr wohl eine Vernetzung der Gemeinden untereinander geben durch reisende Verkündiger mit verschiedensten Diensten; aber keiner dieser „Reisedienste“ hätte Autorität, über innere Angelegenheiten von Gemeinden zu entscheiden.

Auch für diesen Weg gibt es biblische Gründe. Als Paulus sich von den Ältesten von Ephesus verabschiedete, warnte er sie, dass nach seinem Weggang „reissende Wölfe zu euch kommen werden“. In dieser Situation sagt er zu den Ältesten: „Und jetzt befehle ich euch Gott an und dem Wort seiner Gnade, das die Kraft hat, zu erbauen und das Erbe unter allen Geheiligten zu geben“ (Apg.20,32). Er sagt nicht: „Jetzt befehle ich euch meinem Nachfolger XY an.“ Nein, die Ältesten von Ephesus sollten sich in Krisensituationen (und auch sonst) direkt an Gott wenden und sich auf sein Wort abstützen, nicht auf irgendeinen neuen Apostel.
Man könnte hier auch noch anführen, dass Petrus in seinem Abschnitt über die Gemeindeleitung (1.Petrus 5,1-5) nur Älteste erwähnt, aber keine Apostel. „Älteste“ sind aber nur je für ihre örtliche Gemeinde zuständig und nicht darüber hinaus.

Natürlich besteht hier die Gefahr, dass einzelne Gemeinden sich so weit verselbständigen könnten, dass sie zu Sekten werden. Dazu muss aber gesagt werden, dass falsche Lehren und Praktiken sehr oft nicht durch „Sonderlinge“ oder abgesonderte Gemeinden eingeführt werden, sondern oft gerade durch die Leiter an der Spitze, die „apostolische“ Funktionen ausüben. Augenfällige Beispiele sind z.B. die Lehren des Papsttums; die bibelkritische Universitätstheologie; das amerikanische Wohlstandsevangelium; u.a. – Festgefügte, zentralistische Strukturen können genausogut vom Glauben abfallen wie unabhängige Gemeinden; und dann mit viel weitreichenderen Auswirkungen.

Wenn ich nun die gegenwärtige Gemeindesituation ansehe, dann muss ich ernüchtert feststellen, dass gegenwärtig für den grössten Teil der Christenheit keiner der beiden genannten Wege wirklich gangbar ist! Ich sehe, dass die meisten Gemeinden zu orientierungslos sind, um in echter Unabhängigkeit voll und ganz der apostolischen Autorität des Neuen Testamentes zu folgen. Die meisten rufen geradezu nach einer übergeordneten Leiterschaft, die ihnen Richtungsweisung und „Sicherheit“ gibt – und die dadurch weitgehend an die Stelle der Richtungsangaben des Neuen Testamentes tritt. Andererseits gibt es gegenwärtig kaum Leiter von wirklich apostolischer Integrität, die eine solche Leiterschaft wirklich „nach dem Herzen Gottes“ ausüben könnten. In anderen Worten: Es herrscht ein riesiges Vakuum an wirklich gottesfürchtigen und integren Leitern, sowohl innergemeindlich wie übergemeindlich.

Das ist nicht verwunderlich, wenn man in Betracht zieht, dass ein Grossteil derer, die sich „Christen“ nennen, gar nicht wiedergeboren sind. Die beschriebene Situation ist einfach ein Ausdruck des allgemein desolaten Zustands der Christenheit. Ich schlage deshalb vor, dass wir nicht zuerst nach neuen Aposteln Ausschau halten, und auch nicht zuerst darüber debattieren, ob es solche Apostel überhaupt geben soll; sondern dass wir zuerst Gott suchen und uns vor ihm demütigen und ihn inständig bitten, dass er uns selber zu „apostolischen Menschen“ macht. Darunter verstehe ich: Menschen, die in ihrem innersten Wesen so sehr an Gott gebunden sind, wie es die Apostel waren; und die deshalb zunehmend in die Denk- und Lebensweise eines echten Jüngers Jesu hineinwachsen. Oder, wie man früher sagte, „erweckte Christen“. (Heute ist leider auch das Wort „Erweckung“ von anderen Bedeutungen besetzt worden.)

Ich glaube, wo Gemeinden von solchen apostolischen Jüngern Jesu entstehen, da wird sich das oben beschriebene Dilemma auflösen: Eine solche Gemeinde wird in der Lage sein, sich klar am Neuen Testament auszurichten, ohne von Menschenmeinungen hin- und hergeworfen zu werden. Sie wird sich deshalb als unabhängige Gemeinde behaupten können. Sie wird aber auch, wenn Gott es so will und führt, gottesfürchtige und integre Leiter hervorbringen, denen guten Gewissens ein „apostolischer Dienst“ anvertraut werden kann, ohne die oben beschriebenen Gefahren.

Einschulung: Besser spät (oder nie) als früh!

8. Januar 2011

Dieser Artikel ist die übersetzte Zusammenfassung des ersten Teils des Buches „Besser Late Than Early“, von Dr.Raymond und Dorothy Moore (Reader’s Digest Press und Moore Foundation, 1975). Die Moores arbeiteten als Psychiater, Schulpsychologen, Lehrer und Schuldirektoren. Die hier angeführten Fakten beruhen auf hunderten von wissenschaftlichen Untersuchungen über die Entwicklung des Kindes, aus allen fünf Kontinenten. In den auf diese Veröffentlichung folgenden Jahren wurden die Moores durch weitere Fakten in ihren Überzeugungen weiter gestärkt, bis sie zum Schluss kamen, noch besser als eine späte Einschulung sei es für die Kinder, überhaupt nicht zur Schule zu gehen. So wurden sie – parallel zu John Holt u.a. – zu den Begründern der amerikanischen „Homeschooling“-Bewegung.

Einleitung

Dieses Buch ist das Ergebnis eines Forschungsprojektes, angeregt durch Untersuchungen von Neurologen und Psychologen, welche nahelegten, dass das Gehirn eines normalen Kindes nicht zu systematischen Lernprogrammen bereit ist, bevor es ein Alter von acht bis zehn Jahren erreicht. Einige Spezialisten zweifelten sogar daran, ob ein Kind überhaupt zum Schulbesuch gezwungen werden sollte.
Hunderte von wissenschaftlichen Untersuchungen, die wir konsultierten, bestätigten dieses Ergebnis. Als Schlussfolgerung definierten wir den integrierten Reifegrad als ein Mass für den Moment, wann ein Kind von seiner Entwicklung her bereit ist, zur Schule zu gehen.

Die Ergebnisse können folgendermassen zusammengefasst werden:

– Die Familie ist die erstrangige Bildungsanstalt für kleinere Kinder.
– Wir zweifeln daran, dass eine Vorschule nötig sei für die Mehrheit der Bevölkerung.
– Wir glauben, dass die Familie wirtschaftlicher ist als die Schule.
– Wir fürchten, dass die Schulplaner zu weit und zu schnell vorangehen, ohne den Forschungsergebnissen die gebührende Beachtung zu schenken.
– Wir anerkennen, dass behinderte und stark benachteiligte Kinder u.U. eine spezialisierte Hilfe ausserhalb ihrer Familie benötigen.

1. Hinter den Kulissen der Vorschule

Warum sollte ein Elternpaar wünschen, dass ihr Vorschulkind ausserhalb der Familie erzogen werde?
– Die Eltern wollen ihre Freiheit haben, oder sie sagen, sie seien „zu beschäftigt“. In diesem Fall müssen wir nach den Werten dieser Eltern fragen: Wer oder was hat Priorität, die Freiheit der Eltern oder das Wohlergehen der Kinder?
– Fachleute bestehen darauf, dass ein Kind die Vorschulerfahrung nötig habe. Aber diese Fachleute gehen von einer falschen Voraussetzung aus: sie nehmen an, das Vorschulkind benötige ein Programm in der Art einer Schule. (Die breiten Untersuchungen, die später vorgestellt werden, zeigen, dass diese Annahme völlig falsch ist.)
– Hinter der Vorschule stehen viele verborgene Interessen: Investitionen der Regierung, kommerzielle Interessen, Druck von Gewerkschaften und anderen Gruppen, usw.
– Einige Eltern schicken ihre Kinder zur Vorschule, einfach weil „alle es so machen“.

Gleichzeitig klagen prominente Forscher in Pädagogik, Psychologie und Medizin darüber, dass die Bildungsplaner und Gesetzgeber die Ergebnisse ihrer Forschungen einfach nicht zur Kenntnis nehmen!

2. Wie die Gesetze gemacht werden

Warum haben die staatlichen Gesetzgeber Gesetze erlassen, welche die schulische Bildung von sechs-, fünf-, oder vierjährigen Kindern regeln oder sogar vorschreiben? Bis heute können sich diese Gesetze auf keinerlei systematische Forschungen abstützen.
In verschiedenen Fällen wurden in den USA solche Gesetze aus rein politischen Motiven erlassen. Andere basierten auf falsch interpretierten Forschungsergebnissen. Z.B. wurde eine Gruppe von Kindern aus einem Waisenhaus verglichen mit einer Gruppe von Kindern, die aus dem Waisenhaus herausgenommen wurden, um einen Kindergarten besuchten. Die zweite Gruppe entwickelte sich besser. Daraus wurde geschlossen, dass Kindergärten vorteilhaft seien für die Entwicklung aller Kinder. Das ist als ob man sagen würde, es sei einem obdachlosen Kind geholfen worden, indem es im Winter von der Strasse weggeholt und in einem warmen Zelt untergebracht worden sei; folglich müssten alle Kinder in warmen Zelten untergebracht werden – obwohl die Mehrheit der Kinder bereits in viel besseren Wohnungen wohnt.

3. Einige verbreitete Ängste und Fragen

Wenn Eltern mit den vorliegenden Forschungen konfrontiert werden, fragen sie sich, was geschehen wird, wenn sie ihre Kinder nicht in die Vorschule schicken. Viele vertrauen nicht auf ihre Fähigkeit, ihre eigenen Kinder zuhause zu unterrichten. Aber ein Kind im Vorschulalter braucht keinen formellen Unterricht.
Andere fürchten um die Sozialisierung ihrer Kinder. Aber das wichtigste Bedürfnis des Vorschulkindes ist, dass seine Eltern es mit Liebe und Konsequenz behandeln. In den Kapiteln 5 und 6 werden wir sehen, dass die „Sozialisierung“, die in einem Kindergarten geschieht, gar nicht das Beste ist, um ein Kind an einen guten Umgang mit Gleichaltrigen zu gewöhnen.

Manchmal fürchten die Eltern, ihre Kinder würden sich schämen, wenn sie erst mit acht Jahren zur Schule gingen. Die Vorschulplaner machen diese Idee lächerlich, indem sie sagen, die Kinder würden dann erst mit zwanzig Jahren die Schule abschliessen, und wären gesellschaftlich unangepasst. Das wäre vielleicht so, wenn die spät eingeschulten Kinder in der ersten Klasse beginnen würden. Aber das sollte nicht so sein. Ein Kind, das zuhause geblieben ist, sollte in der zweiten oder dritten Klasse anfangen können. Normalerweise holt es seine Altersgenossen innerhalb weniger Wochen oder Monaten ein, und oft überholt es sie sogar.

Auch ist die Angst verbreitet, mit den staatlichen Gesetzen in Konflikt zu kommen. Aber in vielen Gemeinden sind die Schulbehörden dazu bereit, eine späte Einschulung zu gestatten, sofern das Kind in einer gesunden häuslichen Umgebung aufwächst. In jenen Fällen, wo es zu einer offiziellen Anklage kam, haben normalerweise die Anwälte und Richter die Klagen ohne Prozess abgewiesen, sobald sie die Forschungsdaten über die frühkindliche Erziehung einsahen. Gute Pädagogen und Behördenmitglieder sind mehr am Wohlergehen der Kinder interessiert, als daran, jeden Paragraphen wörtlich zu erfüllen. (Anmerkung: Dieser Abschnitt gilt für die USA; aber leider, leider, anscheinend für manche europäischen Länder nicht; insbesondere nicht für Deutschland!)

Und was wäre denn so schlimm daran, ein Kind in einen Kindergarten zu schicken?

– Im allgemeinen bieten selbst die besten Vorschulen niemals ein der häuslichen Umgebung vergleichbares Umfeld.
– Einige Kinder spüren sehr gut, dass ihre Plazierung in einem Kindergarten Ablehnung seitens ihrer Eltern ausdrückt. Und in vielen Fällen haben sie recht damit.
– In einer Vorschule ist es unmöglich, dass alle Kinder eine nahe Beziehung mit einem Erwachsenen haben; insbesondere was die Beweise persönlicher Zuwendung betrifft, die jedes Kleinkind braucht.
– Kinder dieses Alters von ihren Eltern zu trennen, bewirkt normalerweise eine grosse Unsicherheit.
– Fern von zuhause sind die Kinder Einflüssen ausgesetzt, die die Eltern nicht kontrollieren können. Mit der Zeit hören die Kinder auf, den Eltern zu gehorchen, oder sie lehnen sie ab.
– In einer Altersstufe, wo das Leben des Kindes ruhig, einfach und ordentlich ablaufen sollte, verkompliziert die Vorschule das Leben mit Hetze, dem täglichen Schulweg, und der Aufregung einer grossen Gruppe. Dies zu einer Zeit, wo das Kind noch nicht genügend reif ist, um mit mehr als zwei oder drei anderen Kindern gleichzeitig umzugehen.
– Die Konkurrenz gegen andere Kinder um die Spielsachen und den Bewegungsraum, sowie in den körperlichen und geistigen Fähigkeiten, bewirken Spannungen in den Kleinkindern.

4. Wann sind sie bereit, zur Schule zu gehen?

Die vorschulische Bildung (gemeint ist: zuhause) muss die Entwicklung des kindlichen Gehirns berücksichtigen, seinen Gesichts- und Gehörsinn, seine Wahrnehmungen und Gefühle, seine Geselligkeit und seine familiären Beziehungen, zusammen mit seinem körperlichen Wachstum, und die Schule selber. Anscheinend gibt es für jeden dieser Faktoren einen Reifegrad, bei welchem die Mehrheit der Kinder eine normale Familie verlassen können und schulische Aufgaben beginnen können, ohne ernsthafte Risiken einzugehen. Wenn wir alle diese Faktoren zusammennehmen, erhalten wir einen Anzeiger der Reife, den wir den integralen Reifegrad des Kindes nennen.
Wir glauben, dass nur wenige Kinder, wenn überhaupt welche, den integralen Reifegrad vor dem Alter von acht bis zehn Jahren erreichen. Was den Gesichtssinn, das Gehör, und die Trennung von der Mutter betrifft, stimmen die Forschungsergebnisse der Neurologen und Psychologen damit überein.

5. Bindungen pflegen

Der persönliche Erfolg eines Kindes hängt weitgehend von einer stabilen, voraussehbaren und konsequenten Umgebung während der ersten Lebensjahre ab. Deshalb sollte ein Kind nicht plötzlich in einer Gruppensituation gelassen werden. Es braucht Zeit, um neue Personen und neue Orte schrittweise kennenzulernen, während es seine grundlegenden, gesunden und unveränderlichen Bindungen an sein Zuhause bewahrt. Was es am meisten braucht, ist glücklich in eine liebende Familie integriert zu sein. Die frühkindliche Erziehung muss sich darauf konzentrieren, das Kind zu verstehen, statt zu versuchen, ihm akademische Fähigkeiten beizubringen.

John Bowlby sagt, dass die Qualität der elterlichen Fürsorge in den ersten Lebensjahren die spätere geistige Gesundheit voraussagt. Er merkt an, dass ein Kleinkind eine liebende, nahe und beständige Beziehung zu seiner Mutter erleben muss (bzw. zu einer ebenso beständigen Ersatzmutter), in welcher beide Befriedigung und Freude erleben. Wenn ein Kind diese Beziehung nicht erlebt, entwickelt es akute Ängste, ein übertriebenes Liebesbedürfnis, starke Rachegefühle, und daraus ergeben sich ausgedehnte Schuldgefühle und Depressionen. Bei Kindern von fünf bis acht Jahren, die bereits zu emotionellen Problemen tendieren, verschlimmern sich diese stark, wenn sie von den Eltern getrennt werden.

Mary Ainsworth untersuchte die Bedürfnisse des Kindes inbezug auf die Zulänglichkeit, die Qualität und die Beständigkeit der Interaktion des Kindes mit seiner Mutter. Wenn irgendeiner dieser Faktoren durch Trennung geschwächt wird, muss das Kind als benachteiligt betrachtet werden.
Allan S.Berger, ein Kinderkrippenspezialist, sagt: „Die wichtigsten Quellen von Angst in den ersten Lebensjahren sind: der Verlust der Eltern oder die Trennung von ihnen.“

Glen Nimnicht, einer der führenden Psychologen des Programms „Head Start“, war ein glühender Vertreter der frühen Einschulung. Aber nach den Erfahrungen mit „Head Start“ schloss er: „Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass ein Kleinkind eine Krippe oder einen Kindergarten besuchen sollte. Mein Eindruck ist, dass ein Vorschulkind, das mindestens zwanzig Minuten pro Tag mit seiner Mutter spielt, davon ebensoviel hat wie von drei Schulstunden.

In Uganda untersuchte Marcelle Geber über dreihundert Babys aus armen Familien. In diesen Familien nahmen sich die Mütter Zeit für die Kinder, streichelten sie, umarmten sie, und sprachen viel mit ihnen. Diese Kinder wurden als amerikanischen Kindern überlegen befunden, nicht nur hinsichtlich ihrer emotionellen Sicherheit, sondern auch hinsichtlich ihrer psychologischen Reife, ihrer Körperkoordination, Anpassungsfähigkeit, Geselligkeit und sprachlichen Fähigkeiten.

Das Kind muss wissen, dass es zu jemandem gehört und dass jemand zu ihm gehört. Es erfreut sich kaum daran, eines unter vielen Kindern in einem Schulzimmer zu sein, wo alle dem Lehrer gehören.

6. Eine Gelegenheit für die Eltern

Zuviele Eltern machen sich unnötige Sorgen über die soziale Anpassung ihres Kleinkindes. Sie nehmen als selbstverständlich an, dass die soziale Entwicklung das Kind befähigt, sich ohne Angst innerhalb einer Kindergruppe zu verteidigen. Aber diese Kinder, die gesellig zu sein scheinen, sind nicht unbedingt gesellig. Wirklich gesellig zu sein bedeutet, sich um andere zu kümmern, die Goldene Regel anzuwenden, und dienstbereit zu sein. Das alles ist dem Denken der meisten Vorschulkinder fremd, die angeblich durch die Vorschule sozialisiert worden sind.

Eines der wichtigsten Bedürfnisse des Kindes ist die Einsamkeit. Es muss Zeit allein verbringen, um seine Phantasien zu dramatisieren und zu lösen. Ein Holzstück in einem Sandhaufen kann in der Phantasie des Kindes zu einer Person werden. Eine Blume kann zu sprechen beginnen. Erlauben wir den Kindern, allein zu sein, um ihre Träume zu dramatisieren.
Wir erinnerten uns an dieses Bedürfnis der Einsamkeit, anlässlich eines kürzlichen Interviews mit dem Verantwortlichen eines Seminars für Lehrer in einem israelischen Kibbutz:
„Viele Kinder, die im Kibbutz aufwuchsen, sagen, dass sie in ihrer Kindheit nie allein sein konnten. Immer war alles die Gruppe, die Gruppe. (…) Und wenn man etwas als Gruppe tut, dann gilt immer das Gesetz des Stärkeren, gleich wie unter den Hunden, Katzen, und sogar den Pferden. Und es gibt immer einen Sündenbock, der alles ausbaden muss. Wenn du einmal im Heim zum Sündenbock geworden bist, dann bist du es auch in der Schule. Es gibt keine Möglichkeit zu entfliehen.“
Für Kinder ist es eine gute Regel, sich mit einer Person aufs Mal und einer Sache aufs Mal zu beschäftigen. Sie benötigen Zeit, um eine Beziehung zu einigen wenigen Personen aufzubauen, die für sie wichtig sind – normalerweise ihre Familie und die Personen, mit denen sie zusammenleben.

Die Kinder haben Probleme beim Lernen, wenn sie den Misserfolg fürchten; und diese Furcht ist natürlich, wenn sie von ihrer Entwicklung her noch nicht so weit sind. Wenn sie schulische Lektionen zu früh angehen müssen, dann erleben sie Misserfolg und Frustration, und verlieren das Interesse am Lernen.
Dr.Anneliese Pontius, eine Psychiaterin an der Universität New York, überzeugte sich von der realen Möglichkeit, Ängstlichkeit, Frustration und kriminelles Verhalten zu erzeugen, wenn die Kinder eingeschult werden, bevor sie von ihrer Entwicklung her dazu bereit sind. Sie schlussfolgerte, dass wir zu viel Zeit damit verbringen, Kindern in einem zu frühen Alter grundlegende (akademische) Fähigkeiten beizubringen, wenn wir stattdessen in ihnen die Qualitäten eines gesunden Charakters entwickeln sollten.

Eine der besten Arten, wie die Eltern die soziale Entwicklung ihrer Kinder fördern können, besteht darin, mit ihnen zusammen die täglichen häuslichen Arbeiten und Aktivitäten zu erledigen. So lernen die Kinder zu arbeiten und eine gute Beziehung zur Arbeit zu haben.

7. Die Zeit und die Sinnesorgane

Wenn Kinder mit Lernaufgaben überlastet werden, bevor sie entwicklungsmässig dazu bereit sind, dann können sie alle möglichen Lernprobleme entwickeln, bis hin zu schweren psychologischen Störungen.

Das Gehirn:
(…) Dr.David Metcalf von der medizinischen Fakultät der Universität Colorado glaubt, dass die Arbeitsteilung zwischen den beiden Gehirnhälften etwa zwischen dem siebten und dem neunten Altersjahr festgelegt wird. Bis zu diesem Punkt sind Kinder eher emotionelle als rationale Wesen. (…) Aber die Fähigkeit, logisch zu denken, ist grundlegend, um Lesen und Rechnen zu lernen.
Das Gehirn künstlich anzuregen, damit es schneller reift, bedeutet im Gegenteil ein grösseres Risiko für das Kind, als wenn man ihm Zeit lässt zum Reifen. (…) Die Ergebnisse von Dr.Paul Yakovlev von Harvard über Struktur und Funktion des Gehirns, und die klinischen Studien des Kinderpsychiaters Humberto Nagera von der Universität Michigan, stimmen deutlich mit den Schlussfolgerungen des Schweizer Psychologen Jean Piaget überein, der sagte, das Gehirn des Kleinkindes sollte beim Lernen nicht zu schnellerer Entwicklung angetrieben werden.

Der Gesichtssinn:
Sechsjährige und z.T. noch siebenjährige Kinder können oft noch nicht genügend gut sehen, um ohne Schwierigkeiten zu lesen. Der Prozess der visuellen Wahrnehmung ist äusserst kompliziert. Um zu verstehen, was es liest, muss das Kind neue Gedanken mit bereits Gelerntem verbinden können. Dann muss es das bereits Gelernte aus dem Gedächtnis aufrufen und es mit der neuen Information integrieren. (…) Einige Kinder können im Schulalter noch viele Buchstaben oder Teile von Buchstaben nicht unterscheiden, z.B. „E“ und „F“ oder „p“ und „b“ oder „d“. Um gut lesen zu lernen, muss ein Kind die Formen von Buchstaben und Wörtern visualisieren können. (…) Solange es nicht auf diese Weise logisch überlegen kann, kann es nicht stressfrei lesen lernen. Aber das logische und konsequente Denken entwickelt sich in der Regel erst um die acht Jahre herum.
Der berühmte amerikanische Philosoph John Dewey führte Augenspezialisten an, die bemerkten, dass die Augen von Kindern in erster Linie dazu geschaffen sind, in die Weite zu blicken oder grosse Gegenstände zu betrachten. Wenn das Kind gezwungen wird, sich auf eine Arbeit in kurzer Distanz oder auf kleine Gegenstände zu konzentrieren, dann entsteht mehr nervlicher Stress als nötig. Kinder unter acht Jahren sollten keine solche exakten und kleinen Bewegungen ausführen müssen. Sonst würden sich Störungen des Nervensystems und der Muskulatur häufen. Während der darauffolgenden Jahrzehnte haben viele hervorragende Kinderspezialisten diese Befunde bestätigt.
Bis zum Alter von acht oder neun Jahren ist das Augengewebe noch sehr weich und formbar. Solange sich die Augen in dieser plastischen Phase befinden, sollten Kinder nicht zu viel lesen.
(…) In Texas um 1900, als die Kinder mit acht Jahren eingeschult wurden, war im Durchschnitt eines von acht Kindern kurzsichtig. Um 1930, als das Schuleintrittsalter bei sieben Jahren lag, war bereits ein Drittel aller Kinder kurzsichtig. Im Jahre 1940, als die Kinder mit sechs Jahren zur Schule gingen, war das Verhältnis eins zu eins. Um 1962 – nachdem das Fernsehen aufgekommen war -, waren fünf von sechs Kindern kurzsichtig.

Das Gehör:
Um lesen lernen zu können, muss ein Kind auch mit dem Gehör ähnliche Laute wie „k“ und „g“ oder „p“ und „b“ unterscheiden können. Aber John Weynman von der Universität Chicago sagt, dass einige Kinder selbst im Alter von acht Jahren die Laute noch nicht unterscheiden und im Gedächtnis behalten können. Die Wichtigkeit des Gehörs beim Lesenlernen ist erst in den letzten Jahren erkannt worden.

8. Logisch denken lernen

Sechzig Kinder von 6 bis 9 Jahren aus afro-amerikanischem Hintergrund der Prinz-Edwards-County in Virginia, wo es vier Jahre lang keine staatlichen Schulen gegeben hatte, wurden in ihren akademischen Leistungen mit gleichaltrigen Kindern aus vergleichbarem sozio-ökonomischem Hintergrund verglichen, die formellen Schulunterricht erhalten hatten. Wie zu erwarten, wurde bei den Sechsjährigen kein Unterschied festgestellt. Aber auch bei den Neunjährigen schnitten jene, die nie zur Schule gegangen waren, ebenso gut ab wie jene, die drei Jahre lang zur Schule gegangen waren.

Der Psychiater J.T.Fisher ging erst mit dreizehn Jahren erstmals zur Schule, und schloss die Sekundarschule mit sechzehn Jahren ab. Später fühlte er sich enttäuscht, als er entdeckte, dass dies keineswegs ein Beweis besonderer Genialität war. Er musste akzeptieren, was die Psychologen sagten: Sie hatten gezeigt, dass ein normales Kind, das erst in der Pubertät mit seiner akademischen Bildung beginnt, bald denselben Leistungsstand erreichen kann, den es erreicht hätte, wenn es mit fünf oder sechs Jahren in die Schule eingetreten wäre.

Die Ergebnisse von Piagets Experimenten zeigen, dass einige Kinder erst kurz vor Vollendung des elften Altersjahrs schlüssig logisch zu denken beginnen. Nach Piaget „erscheinen die Entscheidungen, die eine Kombination mehrerer Ideen erfordern, nicht mit Leichtigkeit bis zum Alter von elf oder zwölf Jahren“.
Das Kleinkind beginnt schrittweise Dinge zusammenzubringen. Es entdeckt, dass Wasser und Erde vermischt Schlamm ergeben, und dass man in trockenem Sand keine Tunnels graben kann. Viele Kinder beginnen erst im Alter von etwa acht Jahren, ihre Gedanken logisch zusammenzufügen. Sie entdecken dann z.B, dass in einem engen Gefäss dieselbe Menge Wasser höher steigt als in einem weiten Gefäss. Wie Hans Furth beobachtete: „Diese allgemeinen Konzepte der Intelligenz zeigen sich unabhängig davon, ob ein Kind zur Schule geht oder nicht.“

Lesespezialisten finden oft, dass Kinder, die in einem frühen Alter zum Lesenlernen gezwungen werden, mit der Zeit frustriert werden und die Motivation verlieren. Oft kommt es zu einer Motivationsblockade um das dritte oder vierte Schuljahr. Es überrascht daher nicht, dass (in den USA) mit 7’000’000 Kindern mit Leseproblemen gerechnet wird.
Malcolm Douglass sagt, dass wir unsere Leseprobleme wahrscheinlich um 98% verringern könnten, wenn wir mit dem formellen Leseunterricht bis zum Alter von neun oder zehn Jahren warten würden. Das stimmt mit der Erfahrung der skandinavischen Schulen überein, wo die Kinder nicht vor Vollendung des siebten Altersjahrs in die Schule eintreten, und wo Leseprobleme sehr selten sind.

9. Vergleiche zwischen früh eingeschulten und spät eingeschulten Kindern

Inez King verglich zwei Gruppen von Kindern in Oak Ridge, Tennessee: 54 Kinder, die in einem Alter zwischen fünf Jahren acht Monaten und fünf Jahren elf Monaten eingeschult worden waren, mit 50 Kindern, die sechs Monate später mit der Schule begonnen hatten.
Obwohl der Unterschied nur sechs bis neun Monate betrug, fand King, dass unter den elf Kindern aus diesen beiden Gruppen, die später eine Klasse wiederholen mussten, nur eines mit sechs Jahren oder später eingeschult worden war. Andererseits waren 19 Jungen und 16 Mädchen aus der ersten Gruppe in irgendeiner Form unangepasst, während nur 3 Jungen und 3 Mädchen aus der Gruppe, die später mit der Schule begonnen hatte, als unangepasst bezeichnet werden mussten.
Jene, die später eingeschult worden waren, zeigten bessere Leiterschaftsfähigkeiten als die früher Eingeschulten. Ein Kind, das zuhause bei seiner Mutter bleibt und im Haushalt mitarbeitet, entwickelt offenbar mehr Selbstvertrauen, Verantwortungsbewusstsein und andere Werte, die von den früh eingeschulten Kindern nicht geteilt werden.

Während der 50er und 60er Jahre beschlossen Paul Mawhinney und andere Psychologen, ein Experiment zu machen, bei welchem vier- und fünfjährige Kinder zur Schule geschickt wurden. Während 14 Jahren wählten sie jeden Sommer mit Hilfe eines speziellen Testprogramms die Bewerber dafür aus. Die Eltern rissen sich buchstäblich darum, dass ihre Kinder in das Programm aufgenommen würden. Am Ende der 14 Jahre fanden Mawhinney und seine Mitarbeiter folgendes:
– Fast einem Drittel der Kinder, die früh eingeschult worden waren, fehlte es an Anpassungsfähigkeit.
– Nur eines von zwanzig Kindern zeichnete sich am Ende des Experimentes als Leiter aus.
– Fast drei Viertel dieser Kinder zeigten ein völliges Fehlen von Leiterschaftsfähigkeiten.

In Montclair, New Jersey, untersuchte John Forrester, der 20 Jahre lang Direktor von Staatsschulen gewesen war, den Werdegang von 500 Kindern vom Kindergarten bis zur Sekundarschule. Er fand, dass jene Kinder, die sehr intelligent waren, aber sehr früh zur Schule gingen, nicht ihr ganzes Potential verwirklichen konnten. Sie tendierten zu physischer oder psychischer Unreife und weinten schnell. Im sozialen Aspekt zeigten sie selten Leiterschaftsfähigkeiten. Von der Sekundarschule an erreichten 50% von ihnen nur Noten „C“ (auf einer Skala von A bis F). Jene Kinder andererseits, die sehr intelligent waren, aber erst später zur Schule gingen, zeigten während ihres ganzen Werdegangs hervorragende Leistungen.

10. Vergleiche zwischen den Kosten der Familie und der Schule

Kürzlich haben mehrere Pädagogen hervorgehoben, Vorschulerzieher sollten die Eltern zuhause beraten, statt mit den Kindern in der Schule zu arbeiten. Man fand heraus, dass solche Programme im Verhältnis zur Anzahl Kinder weniger kosten als Kindergärten oder Kinderkrippen. Diese Programme waren wirksam, praktisch, flexibel, und günstiger als Programme ausser Haus. Die Kosten für einen Kindergarten lagen zwischen 1500 und 3000 Dollar pro Kind und Jahr. In einem erfolgreichen Programm von Hausbesuchen lagen die jährlichen Kosten pro Kind unter 325 Dollar.

Man fand, dass in Kindertageskrippen die Probleme der Kinder auf astronomische Weise zunehmen, sobald mehr als acht bis zehn Kinder pro erwachsenen Betreuer da sind. Sogar bei fünf Kindern pro Betreuer kann das Kind entpersönlicht und in seiner Entwicklung geschädigt werden.

Dr.Benjamin Spock stellt das Problem auf andere Weise dar:
„Einige Mütter müssen arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Manchmal geraten ihre Kinder gut, weil sie vernünftige Anordnungen treffen, um die Kinder zu hüten. Aber andere wachsen vernachlässigt und unangepasst auf. Letzten Endes würde die Regierung mehr Geld einsparen, wenn sie allen Müttern mit Kleinkindern ein angenehmes Stipendium bezahlte, damit sie nicht arbeiten gehen müssten. Es ist unlogisch, die Mütter Fabrik- oder Büroarbeiten erledigen zu lassen, während sie andere Personen dafür bezahlen, dass diese ihre Kinder auf schlechtere Weise erziehen, als sie selber es tun könnten.“


Siehe auch:

Die Moore-Formel: Homeschooling nach Raymond Moore

Homepage der Moore-Foundation (auf Englisch)