Einschulung: Besser spät (oder nie) als früh!

Dieser Artikel ist die übersetzte Zusammenfassung des ersten Teils des Buches „Besser Late Than Early“, von Dr.Raymond und Dorothy Moore (Reader’s Digest Press und Moore Foundation, 1975). Die Moores arbeiteten als Psychiater, Schulpsychologen, Lehrer und Schuldirektoren. Die hier angeführten Fakten beruhen auf hunderten von wissenschaftlichen Untersuchungen über die Entwicklung des Kindes, aus allen fünf Kontinenten. In den auf diese Veröffentlichung folgenden Jahren wurden die Moores durch weitere Fakten in ihren Überzeugungen weiter gestärkt, bis sie zum Schluss kamen, noch besser als eine späte Einschulung sei es für die Kinder, überhaupt nicht zur Schule zu gehen. So wurden sie – parallel zu John Holt u.a. – zu den Begründern der amerikanischen „Homeschooling“-Bewegung.

Einleitung

Dieses Buch ist das Ergebnis eines Forschungsprojektes, angeregt durch Untersuchungen von Neurologen und Psychologen, welche nahelegten, dass das Gehirn eines normalen Kindes nicht zu systematischen Lernprogrammen bereit ist, bevor es ein Alter von acht bis zehn Jahren erreicht. Einige Spezialisten zweifelten sogar daran, ob ein Kind überhaupt zum Schulbesuch gezwungen werden sollte.
Hunderte von wissenschaftlichen Untersuchungen, die wir konsultierten, bestätigten dieses Ergebnis. Als Schlussfolgerung definierten wir den integrierten Reifegrad als ein Mass für den Moment, wann ein Kind von seiner Entwicklung her bereit ist, zur Schule zu gehen.

Die Ergebnisse können folgendermassen zusammengefasst werden:

– Die Familie ist die erstrangige Bildungsanstalt für kleinere Kinder.
– Wir zweifeln daran, dass eine Vorschule nötig sei für die Mehrheit der Bevölkerung.
– Wir glauben, dass die Familie wirtschaftlicher ist als die Schule.
– Wir fürchten, dass die Schulplaner zu weit und zu schnell vorangehen, ohne den Forschungsergebnissen die gebührende Beachtung zu schenken.
– Wir anerkennen, dass behinderte und stark benachteiligte Kinder u.U. eine spezialisierte Hilfe ausserhalb ihrer Familie benötigen.

1. Hinter den Kulissen der Vorschule

Warum sollte ein Elternpaar wünschen, dass ihr Vorschulkind ausserhalb der Familie erzogen werde?
– Die Eltern wollen ihre Freiheit haben, oder sie sagen, sie seien „zu beschäftigt“. In diesem Fall müssen wir nach den Werten dieser Eltern fragen: Wer oder was hat Priorität, die Freiheit der Eltern oder das Wohlergehen der Kinder?
– Fachleute bestehen darauf, dass ein Kind die Vorschulerfahrung nötig habe. Aber diese Fachleute gehen von einer falschen Voraussetzung aus: sie nehmen an, das Vorschulkind benötige ein Programm in der Art einer Schule. (Die breiten Untersuchungen, die später vorgestellt werden, zeigen, dass diese Annahme völlig falsch ist.)
– Hinter der Vorschule stehen viele verborgene Interessen: Investitionen der Regierung, kommerzielle Interessen, Druck von Gewerkschaften und anderen Gruppen, usw.
– Einige Eltern schicken ihre Kinder zur Vorschule, einfach weil „alle es so machen“.

Gleichzeitig klagen prominente Forscher in Pädagogik, Psychologie und Medizin darüber, dass die Bildungsplaner und Gesetzgeber die Ergebnisse ihrer Forschungen einfach nicht zur Kenntnis nehmen!

2. Wie die Gesetze gemacht werden

Warum haben die staatlichen Gesetzgeber Gesetze erlassen, welche die schulische Bildung von sechs-, fünf-, oder vierjährigen Kindern regeln oder sogar vorschreiben? Bis heute können sich diese Gesetze auf keinerlei systematische Forschungen abstützen.
In verschiedenen Fällen wurden in den USA solche Gesetze aus rein politischen Motiven erlassen. Andere basierten auf falsch interpretierten Forschungsergebnissen. Z.B. wurde eine Gruppe von Kindern aus einem Waisenhaus verglichen mit einer Gruppe von Kindern, die aus dem Waisenhaus herausgenommen wurden, um einen Kindergarten besuchten. Die zweite Gruppe entwickelte sich besser. Daraus wurde geschlossen, dass Kindergärten vorteilhaft seien für die Entwicklung aller Kinder. Das ist als ob man sagen würde, es sei einem obdachlosen Kind geholfen worden, indem es im Winter von der Strasse weggeholt und in einem warmen Zelt untergebracht worden sei; folglich müssten alle Kinder in warmen Zelten untergebracht werden – obwohl die Mehrheit der Kinder bereits in viel besseren Wohnungen wohnt.

3. Einige verbreitete Ängste und Fragen

Wenn Eltern mit den vorliegenden Forschungen konfrontiert werden, fragen sie sich, was geschehen wird, wenn sie ihre Kinder nicht in die Vorschule schicken. Viele vertrauen nicht auf ihre Fähigkeit, ihre eigenen Kinder zuhause zu unterrichten. Aber ein Kind im Vorschulalter braucht keinen formellen Unterricht.
Andere fürchten um die Sozialisierung ihrer Kinder. Aber das wichtigste Bedürfnis des Vorschulkindes ist, dass seine Eltern es mit Liebe und Konsequenz behandeln. In den Kapiteln 5 und 6 werden wir sehen, dass die „Sozialisierung“, die in einem Kindergarten geschieht, gar nicht das Beste ist, um ein Kind an einen guten Umgang mit Gleichaltrigen zu gewöhnen.

Manchmal fürchten die Eltern, ihre Kinder würden sich schämen, wenn sie erst mit acht Jahren zur Schule gingen. Die Vorschulplaner machen diese Idee lächerlich, indem sie sagen, die Kinder würden dann erst mit zwanzig Jahren die Schule abschliessen, und wären gesellschaftlich unangepasst. Das wäre vielleicht so, wenn die spät eingeschulten Kinder in der ersten Klasse beginnen würden. Aber das sollte nicht so sein. Ein Kind, das zuhause geblieben ist, sollte in der zweiten oder dritten Klasse anfangen können. Normalerweise holt es seine Altersgenossen innerhalb weniger Wochen oder Monaten ein, und oft überholt es sie sogar.

Auch ist die Angst verbreitet, mit den staatlichen Gesetzen in Konflikt zu kommen. Aber in vielen Gemeinden sind die Schulbehörden dazu bereit, eine späte Einschulung zu gestatten, sofern das Kind in einer gesunden häuslichen Umgebung aufwächst. In jenen Fällen, wo es zu einer offiziellen Anklage kam, haben normalerweise die Anwälte und Richter die Klagen ohne Prozess abgewiesen, sobald sie die Forschungsdaten über die frühkindliche Erziehung einsahen. Gute Pädagogen und Behördenmitglieder sind mehr am Wohlergehen der Kinder interessiert, als daran, jeden Paragraphen wörtlich zu erfüllen. (Anmerkung: Dieser Abschnitt gilt für die USA; aber leider, leider, anscheinend für manche europäischen Länder nicht; insbesondere nicht für Deutschland!)

Und was wäre denn so schlimm daran, ein Kind in einen Kindergarten zu schicken?

– Im allgemeinen bieten selbst die besten Vorschulen niemals ein der häuslichen Umgebung vergleichbares Umfeld.
– Einige Kinder spüren sehr gut, dass ihre Plazierung in einem Kindergarten Ablehnung seitens ihrer Eltern ausdrückt. Und in vielen Fällen haben sie recht damit.
– In einer Vorschule ist es unmöglich, dass alle Kinder eine nahe Beziehung mit einem Erwachsenen haben; insbesondere was die Beweise persönlicher Zuwendung betrifft, die jedes Kleinkind braucht.
– Kinder dieses Alters von ihren Eltern zu trennen, bewirkt normalerweise eine grosse Unsicherheit.
– Fern von zuhause sind die Kinder Einflüssen ausgesetzt, die die Eltern nicht kontrollieren können. Mit der Zeit hören die Kinder auf, den Eltern zu gehorchen, oder sie lehnen sie ab.
– In einer Altersstufe, wo das Leben des Kindes ruhig, einfach und ordentlich ablaufen sollte, verkompliziert die Vorschule das Leben mit Hetze, dem täglichen Schulweg, und der Aufregung einer grossen Gruppe. Dies zu einer Zeit, wo das Kind noch nicht genügend reif ist, um mit mehr als zwei oder drei anderen Kindern gleichzeitig umzugehen.
– Die Konkurrenz gegen andere Kinder um die Spielsachen und den Bewegungsraum, sowie in den körperlichen und geistigen Fähigkeiten, bewirken Spannungen in den Kleinkindern.

4. Wann sind sie bereit, zur Schule zu gehen?

Die vorschulische Bildung (gemeint ist: zuhause) muss die Entwicklung des kindlichen Gehirns berücksichtigen, seinen Gesichts- und Gehörsinn, seine Wahrnehmungen und Gefühle, seine Geselligkeit und seine familiären Beziehungen, zusammen mit seinem körperlichen Wachstum, und die Schule selber. Anscheinend gibt es für jeden dieser Faktoren einen Reifegrad, bei welchem die Mehrheit der Kinder eine normale Familie verlassen können und schulische Aufgaben beginnen können, ohne ernsthafte Risiken einzugehen. Wenn wir alle diese Faktoren zusammennehmen, erhalten wir einen Anzeiger der Reife, den wir den integralen Reifegrad des Kindes nennen.
Wir glauben, dass nur wenige Kinder, wenn überhaupt welche, den integralen Reifegrad vor dem Alter von acht bis zehn Jahren erreichen. Was den Gesichtssinn, das Gehör, und die Trennung von der Mutter betrifft, stimmen die Forschungsergebnisse der Neurologen und Psychologen damit überein.

5. Bindungen pflegen

Der persönliche Erfolg eines Kindes hängt weitgehend von einer stabilen, voraussehbaren und konsequenten Umgebung während der ersten Lebensjahre ab. Deshalb sollte ein Kind nicht plötzlich in einer Gruppensituation gelassen werden. Es braucht Zeit, um neue Personen und neue Orte schrittweise kennenzulernen, während es seine grundlegenden, gesunden und unveränderlichen Bindungen an sein Zuhause bewahrt. Was es am meisten braucht, ist glücklich in eine liebende Familie integriert zu sein. Die frühkindliche Erziehung muss sich darauf konzentrieren, das Kind zu verstehen, statt zu versuchen, ihm akademische Fähigkeiten beizubringen.

John Bowlby sagt, dass die Qualität der elterlichen Fürsorge in den ersten Lebensjahren die spätere geistige Gesundheit voraussagt. Er merkt an, dass ein Kleinkind eine liebende, nahe und beständige Beziehung zu seiner Mutter erleben muss (bzw. zu einer ebenso beständigen Ersatzmutter), in welcher beide Befriedigung und Freude erleben. Wenn ein Kind diese Beziehung nicht erlebt, entwickelt es akute Ängste, ein übertriebenes Liebesbedürfnis, starke Rachegefühle, und daraus ergeben sich ausgedehnte Schuldgefühle und Depressionen. Bei Kindern von fünf bis acht Jahren, die bereits zu emotionellen Problemen tendieren, verschlimmern sich diese stark, wenn sie von den Eltern getrennt werden.

Mary Ainsworth untersuchte die Bedürfnisse des Kindes inbezug auf die Zulänglichkeit, die Qualität und die Beständigkeit der Interaktion des Kindes mit seiner Mutter. Wenn irgendeiner dieser Faktoren durch Trennung geschwächt wird, muss das Kind als benachteiligt betrachtet werden.
Allan S.Berger, ein Kinderkrippenspezialist, sagt: „Die wichtigsten Quellen von Angst in den ersten Lebensjahren sind: der Verlust der Eltern oder die Trennung von ihnen.“

Glen Nimnicht, einer der führenden Psychologen des Programms „Head Start“, war ein glühender Vertreter der frühen Einschulung. Aber nach den Erfahrungen mit „Head Start“ schloss er: „Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass ein Kleinkind eine Krippe oder einen Kindergarten besuchen sollte. Mein Eindruck ist, dass ein Vorschulkind, das mindestens zwanzig Minuten pro Tag mit seiner Mutter spielt, davon ebensoviel hat wie von drei Schulstunden.

In Uganda untersuchte Marcelle Geber über dreihundert Babys aus armen Familien. In diesen Familien nahmen sich die Mütter Zeit für die Kinder, streichelten sie, umarmten sie, und sprachen viel mit ihnen. Diese Kinder wurden als amerikanischen Kindern überlegen befunden, nicht nur hinsichtlich ihrer emotionellen Sicherheit, sondern auch hinsichtlich ihrer psychologischen Reife, ihrer Körperkoordination, Anpassungsfähigkeit, Geselligkeit und sprachlichen Fähigkeiten.

Das Kind muss wissen, dass es zu jemandem gehört und dass jemand zu ihm gehört. Es erfreut sich kaum daran, eines unter vielen Kindern in einem Schulzimmer zu sein, wo alle dem Lehrer gehören.

6. Eine Gelegenheit für die Eltern

Zuviele Eltern machen sich unnötige Sorgen über die soziale Anpassung ihres Kleinkindes. Sie nehmen als selbstverständlich an, dass die soziale Entwicklung das Kind befähigt, sich ohne Angst innerhalb einer Kindergruppe zu verteidigen. Aber diese Kinder, die gesellig zu sein scheinen, sind nicht unbedingt gesellig. Wirklich gesellig zu sein bedeutet, sich um andere zu kümmern, die Goldene Regel anzuwenden, und dienstbereit zu sein. Das alles ist dem Denken der meisten Vorschulkinder fremd, die angeblich durch die Vorschule sozialisiert worden sind.

Eines der wichtigsten Bedürfnisse des Kindes ist die Einsamkeit. Es muss Zeit allein verbringen, um seine Phantasien zu dramatisieren und zu lösen. Ein Holzstück in einem Sandhaufen kann in der Phantasie des Kindes zu einer Person werden. Eine Blume kann zu sprechen beginnen. Erlauben wir den Kindern, allein zu sein, um ihre Träume zu dramatisieren.
Wir erinnerten uns an dieses Bedürfnis der Einsamkeit, anlässlich eines kürzlichen Interviews mit dem Verantwortlichen eines Seminars für Lehrer in einem israelischen Kibbutz:
„Viele Kinder, die im Kibbutz aufwuchsen, sagen, dass sie in ihrer Kindheit nie allein sein konnten. Immer war alles die Gruppe, die Gruppe. (…) Und wenn man etwas als Gruppe tut, dann gilt immer das Gesetz des Stärkeren, gleich wie unter den Hunden, Katzen, und sogar den Pferden. Und es gibt immer einen Sündenbock, der alles ausbaden muss. Wenn du einmal im Heim zum Sündenbock geworden bist, dann bist du es auch in der Schule. Es gibt keine Möglichkeit zu entfliehen.“
Für Kinder ist es eine gute Regel, sich mit einer Person aufs Mal und einer Sache aufs Mal zu beschäftigen. Sie benötigen Zeit, um eine Beziehung zu einigen wenigen Personen aufzubauen, die für sie wichtig sind – normalerweise ihre Familie und die Personen, mit denen sie zusammenleben.

Die Kinder haben Probleme beim Lernen, wenn sie den Misserfolg fürchten; und diese Furcht ist natürlich, wenn sie von ihrer Entwicklung her noch nicht so weit sind. Wenn sie schulische Lektionen zu früh angehen müssen, dann erleben sie Misserfolg und Frustration, und verlieren das Interesse am Lernen.
Dr.Anneliese Pontius, eine Psychiaterin an der Universität New York, überzeugte sich von der realen Möglichkeit, Ängstlichkeit, Frustration und kriminelles Verhalten zu erzeugen, wenn die Kinder eingeschult werden, bevor sie von ihrer Entwicklung her dazu bereit sind. Sie schlussfolgerte, dass wir zu viel Zeit damit verbringen, Kindern in einem zu frühen Alter grundlegende (akademische) Fähigkeiten beizubringen, wenn wir stattdessen in ihnen die Qualitäten eines gesunden Charakters entwickeln sollten.

Eine der besten Arten, wie die Eltern die soziale Entwicklung ihrer Kinder fördern können, besteht darin, mit ihnen zusammen die täglichen häuslichen Arbeiten und Aktivitäten zu erledigen. So lernen die Kinder zu arbeiten und eine gute Beziehung zur Arbeit zu haben.

7. Die Zeit und die Sinnesorgane

Wenn Kinder mit Lernaufgaben überlastet werden, bevor sie entwicklungsmässig dazu bereit sind, dann können sie alle möglichen Lernprobleme entwickeln, bis hin zu schweren psychologischen Störungen.

Das Gehirn:
(…) Dr.David Metcalf von der medizinischen Fakultät der Universität Colorado glaubt, dass die Arbeitsteilung zwischen den beiden Gehirnhälften etwa zwischen dem siebten und dem neunten Altersjahr festgelegt wird. Bis zu diesem Punkt sind Kinder eher emotionelle als rationale Wesen. (…) Aber die Fähigkeit, logisch zu denken, ist grundlegend, um Lesen und Rechnen zu lernen.
Das Gehirn künstlich anzuregen, damit es schneller reift, bedeutet im Gegenteil ein grösseres Risiko für das Kind, als wenn man ihm Zeit lässt zum Reifen. (…) Die Ergebnisse von Dr.Paul Yakovlev von Harvard über Struktur und Funktion des Gehirns, und die klinischen Studien des Kinderpsychiaters Humberto Nagera von der Universität Michigan, stimmen deutlich mit den Schlussfolgerungen des Schweizer Psychologen Jean Piaget überein, der sagte, das Gehirn des Kleinkindes sollte beim Lernen nicht zu schnellerer Entwicklung angetrieben werden.

Der Gesichtssinn:
Sechsjährige und z.T. noch siebenjährige Kinder können oft noch nicht genügend gut sehen, um ohne Schwierigkeiten zu lesen. Der Prozess der visuellen Wahrnehmung ist äusserst kompliziert. Um zu verstehen, was es liest, muss das Kind neue Gedanken mit bereits Gelerntem verbinden können. Dann muss es das bereits Gelernte aus dem Gedächtnis aufrufen und es mit der neuen Information integrieren. (…) Einige Kinder können im Schulalter noch viele Buchstaben oder Teile von Buchstaben nicht unterscheiden, z.B. „E“ und „F“ oder „p“ und „b“ oder „d“. Um gut lesen zu lernen, muss ein Kind die Formen von Buchstaben und Wörtern visualisieren können. (…) Solange es nicht auf diese Weise logisch überlegen kann, kann es nicht stressfrei lesen lernen. Aber das logische und konsequente Denken entwickelt sich in der Regel erst um die acht Jahre herum.
Der berühmte amerikanische Philosoph John Dewey führte Augenspezialisten an, die bemerkten, dass die Augen von Kindern in erster Linie dazu geschaffen sind, in die Weite zu blicken oder grosse Gegenstände zu betrachten. Wenn das Kind gezwungen wird, sich auf eine Arbeit in kurzer Distanz oder auf kleine Gegenstände zu konzentrieren, dann entsteht mehr nervlicher Stress als nötig. Kinder unter acht Jahren sollten keine solche exakten und kleinen Bewegungen ausführen müssen. Sonst würden sich Störungen des Nervensystems und der Muskulatur häufen. Während der darauffolgenden Jahrzehnte haben viele hervorragende Kinderspezialisten diese Befunde bestätigt.
Bis zum Alter von acht oder neun Jahren ist das Augengewebe noch sehr weich und formbar. Solange sich die Augen in dieser plastischen Phase befinden, sollten Kinder nicht zu viel lesen.
(…) In Texas um 1900, als die Kinder mit acht Jahren eingeschult wurden, war im Durchschnitt eines von acht Kindern kurzsichtig. Um 1930, als das Schuleintrittsalter bei sieben Jahren lag, war bereits ein Drittel aller Kinder kurzsichtig. Im Jahre 1940, als die Kinder mit sechs Jahren zur Schule gingen, war das Verhältnis eins zu eins. Um 1962 – nachdem das Fernsehen aufgekommen war -, waren fünf von sechs Kindern kurzsichtig.

Das Gehör:
Um lesen lernen zu können, muss ein Kind auch mit dem Gehör ähnliche Laute wie „k“ und „g“ oder „p“ und „b“ unterscheiden können. Aber John Weynman von der Universität Chicago sagt, dass einige Kinder selbst im Alter von acht Jahren die Laute noch nicht unterscheiden und im Gedächtnis behalten können. Die Wichtigkeit des Gehörs beim Lesenlernen ist erst in den letzten Jahren erkannt worden.

8. Logisch denken lernen

Sechzig Kinder von 6 bis 9 Jahren aus afro-amerikanischem Hintergrund der Prinz-Edwards-County in Virginia, wo es vier Jahre lang keine staatlichen Schulen gegeben hatte, wurden in ihren akademischen Leistungen mit gleichaltrigen Kindern aus vergleichbarem sozio-ökonomischem Hintergrund verglichen, die formellen Schulunterricht erhalten hatten. Wie zu erwarten, wurde bei den Sechsjährigen kein Unterschied festgestellt. Aber auch bei den Neunjährigen schnitten jene, die nie zur Schule gegangen waren, ebenso gut ab wie jene, die drei Jahre lang zur Schule gegangen waren.

Der Psychiater J.T.Fisher ging erst mit dreizehn Jahren erstmals zur Schule, und schloss die Sekundarschule mit sechzehn Jahren ab. Später fühlte er sich enttäuscht, als er entdeckte, dass dies keineswegs ein Beweis besonderer Genialität war. Er musste akzeptieren, was die Psychologen sagten: Sie hatten gezeigt, dass ein normales Kind, das erst in der Pubertät mit seiner akademischen Bildung beginnt, bald denselben Leistungsstand erreichen kann, den es erreicht hätte, wenn es mit fünf oder sechs Jahren in die Schule eingetreten wäre.

Die Ergebnisse von Piagets Experimenten zeigen, dass einige Kinder erst kurz vor Vollendung des elften Altersjahrs schlüssig logisch zu denken beginnen. Nach Piaget „erscheinen die Entscheidungen, die eine Kombination mehrerer Ideen erfordern, nicht mit Leichtigkeit bis zum Alter von elf oder zwölf Jahren“.
Das Kleinkind beginnt schrittweise Dinge zusammenzubringen. Es entdeckt, dass Wasser und Erde vermischt Schlamm ergeben, und dass man in trockenem Sand keine Tunnels graben kann. Viele Kinder beginnen erst im Alter von etwa acht Jahren, ihre Gedanken logisch zusammenzufügen. Sie entdecken dann z.B, dass in einem engen Gefäss dieselbe Menge Wasser höher steigt als in einem weiten Gefäss. Wie Hans Furth beobachtete: „Diese allgemeinen Konzepte der Intelligenz zeigen sich unabhängig davon, ob ein Kind zur Schule geht oder nicht.“

Lesespezialisten finden oft, dass Kinder, die in einem frühen Alter zum Lesenlernen gezwungen werden, mit der Zeit frustriert werden und die Motivation verlieren. Oft kommt es zu einer Motivationsblockade um das dritte oder vierte Schuljahr. Es überrascht daher nicht, dass (in den USA) mit 7’000’000 Kindern mit Leseproblemen gerechnet wird.
Malcolm Douglass sagt, dass wir unsere Leseprobleme wahrscheinlich um 98% verringern könnten, wenn wir mit dem formellen Leseunterricht bis zum Alter von neun oder zehn Jahren warten würden. Das stimmt mit der Erfahrung der skandinavischen Schulen überein, wo die Kinder nicht vor Vollendung des siebten Altersjahrs in die Schule eintreten, und wo Leseprobleme sehr selten sind.

9. Vergleiche zwischen früh eingeschulten und spät eingeschulten Kindern

Inez King verglich zwei Gruppen von Kindern in Oak Ridge, Tennessee: 54 Kinder, die in einem Alter zwischen fünf Jahren acht Monaten und fünf Jahren elf Monaten eingeschult worden waren, mit 50 Kindern, die sechs Monate später mit der Schule begonnen hatten.
Obwohl der Unterschied nur sechs bis neun Monate betrug, fand King, dass unter den elf Kindern aus diesen beiden Gruppen, die später eine Klasse wiederholen mussten, nur eines mit sechs Jahren oder später eingeschult worden war. Andererseits waren 19 Jungen und 16 Mädchen aus der ersten Gruppe in irgendeiner Form unangepasst, während nur 3 Jungen und 3 Mädchen aus der Gruppe, die später mit der Schule begonnen hatte, als unangepasst bezeichnet werden mussten.
Jene, die später eingeschult worden waren, zeigten bessere Leiterschaftsfähigkeiten als die früher Eingeschulten. Ein Kind, das zuhause bei seiner Mutter bleibt und im Haushalt mitarbeitet, entwickelt offenbar mehr Selbstvertrauen, Verantwortungsbewusstsein und andere Werte, die von den früh eingeschulten Kindern nicht geteilt werden.

Während der 50er und 60er Jahre beschlossen Paul Mawhinney und andere Psychologen, ein Experiment zu machen, bei welchem vier- und fünfjährige Kinder zur Schule geschickt wurden. Während 14 Jahren wählten sie jeden Sommer mit Hilfe eines speziellen Testprogramms die Bewerber dafür aus. Die Eltern rissen sich buchstäblich darum, dass ihre Kinder in das Programm aufgenommen würden. Am Ende der 14 Jahre fanden Mawhinney und seine Mitarbeiter folgendes:
– Fast einem Drittel der Kinder, die früh eingeschult worden waren, fehlte es an Anpassungsfähigkeit.
– Nur eines von zwanzig Kindern zeichnete sich am Ende des Experimentes als Leiter aus.
– Fast drei Viertel dieser Kinder zeigten ein völliges Fehlen von Leiterschaftsfähigkeiten.

In Montclair, New Jersey, untersuchte John Forrester, der 20 Jahre lang Direktor von Staatsschulen gewesen war, den Werdegang von 500 Kindern vom Kindergarten bis zur Sekundarschule. Er fand, dass jene Kinder, die sehr intelligent waren, aber sehr früh zur Schule gingen, nicht ihr ganzes Potential verwirklichen konnten. Sie tendierten zu physischer oder psychischer Unreife und weinten schnell. Im sozialen Aspekt zeigten sie selten Leiterschaftsfähigkeiten. Von der Sekundarschule an erreichten 50% von ihnen nur Noten „C“ (auf einer Skala von A bis F). Jene Kinder andererseits, die sehr intelligent waren, aber erst später zur Schule gingen, zeigten während ihres ganzen Werdegangs hervorragende Leistungen.

10. Vergleiche zwischen den Kosten der Familie und der Schule

Kürzlich haben mehrere Pädagogen hervorgehoben, Vorschulerzieher sollten die Eltern zuhause beraten, statt mit den Kindern in der Schule zu arbeiten. Man fand heraus, dass solche Programme im Verhältnis zur Anzahl Kinder weniger kosten als Kindergärten oder Kinderkrippen. Diese Programme waren wirksam, praktisch, flexibel, und günstiger als Programme ausser Haus. Die Kosten für einen Kindergarten lagen zwischen 1500 und 3000 Dollar pro Kind und Jahr. In einem erfolgreichen Programm von Hausbesuchen lagen die jährlichen Kosten pro Kind unter 325 Dollar.

Man fand, dass in Kindertageskrippen die Probleme der Kinder auf astronomische Weise zunehmen, sobald mehr als acht bis zehn Kinder pro erwachsenen Betreuer da sind. Sogar bei fünf Kindern pro Betreuer kann das Kind entpersönlicht und in seiner Entwicklung geschädigt werden.

Dr.Benjamin Spock stellt das Problem auf andere Weise dar:
„Einige Mütter müssen arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Manchmal geraten ihre Kinder gut, weil sie vernünftige Anordnungen treffen, um die Kinder zu hüten. Aber andere wachsen vernachlässigt und unangepasst auf. Letzten Endes würde die Regierung mehr Geld einsparen, wenn sie allen Müttern mit Kleinkindern ein angenehmes Stipendium bezahlte, damit sie nicht arbeiten gehen müssten. Es ist unlogisch, die Mütter Fabrik- oder Büroarbeiten erledigen zu lassen, während sie andere Personen dafür bezahlen, dass diese ihre Kinder auf schlechtere Weise erziehen, als sie selber es tun könnten.“


Siehe auch:

Die Moore-Formel: Homeschooling nach Raymond Moore

Homepage der Moore-Foundation (auf Englisch)

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