Apostel heute?

Folgendes war ursprünglich als Antwort auf einen Kommentar zum Artikel „Auf der Suche nach dem neutestamentlichen Christentum“ gedacht. Aber da es etwas länger geworden ist, dachte ich, ich mache gleich einen eigenen Artikel daraus.

Gibt es heute noch Apostel? Sollten wir wieder Apostel haben? Das ist eine heisse Frage, die in manchen Kreisen eifrig diskutiert wird.

Tatsache ist, dass die allermeisten Denominationen und Gemeindeverbände schon längst Strukturen und Ämter eingerichtet haben, die einem Apostelamt entsprechen. Nur nennen sie sie anders: sie nennen sie z.B. „Bischöfe“, „Landesvorsitzende“, „Superintendenten“, „Bundesvorstände“, usw. Da die meisten dieser Denominationen in der Theorie bestreiten, dass es heute noch Apostel gäbe oder geben sollte, kümmern sie sich auch nicht darum, ob die Personen, die diese Ämter besetzen, tatsächlich apostolische Qualifikationen besitzen. In der Praxis aber verleihen sie ihnen Autorität und Aufsichtsrechte über eine Vielzahl von Gemeinden; und das ist gerade eines der Kennzeichen des Apostelamtes.

Das ist eine Situation höchster Inkonsequenz: die tatsächlichen Leiterschaftsstrukturen widersprechen der theologischen Lehre; und diese ungeeigneten Strukturen werden mit (aus biblischer Sicht) ungeeigneten Personen besetzt. Nicht davon zu reden, dass kaum eine Denomination diese „apostolischen Leiter“ einer anderen Denomination für sich anerkennt. Nach 1.Korinther 1:10-13 und 3:1-4 ist das ein Zeichen von Zerspaltenheit und „Fleischlichkeit“. Die gegenwärtige Situation ist also mit Sicherheit nicht das, was Gott will.

Wie gehen wir damit um? Soll das Apostelamt „offiziell“ wieder eingeführt werden?

Was die biblische Grundlage betrifft, so muss ich offen sagen, ich konnte mich in dieser Frage bis jetzt noch nicht festlegen. Ich kann schlicht im ganzen Neuen Testament keine eindeutige Antwort finden darauf. Die ursprünglichen Apostel haben kein „Testament“ darüber hinterlassen, ob und wer nach ihrem Ableben ihren Platz einnehmen sollte. Ich sehe zwei mögliche Wege:

1. Wir rechnen damit, dass es auch nach den ursprünglichen Aposteln weiterhin Autoritäten über eine Vielzahl von Gemeinden geben soll. Das wird nahegelegt durch die Position von Leitern wie Timotheus und Titus, die tatsächlich im Auftrag von Paulus eine Vielzahl von Gemeinden beaufsichtigten. Sie werden aber nirgends „Apostel“ genannt. (Timotheus wird dagegen „Evangelist“ genannt). – Auch gibt es über den ursprünglichen Apostelkreis hinaus einige weitere Personen im Neuen Testament, die „Apostel“ genannt werden; z.B. Barnabas (Apg.14,14). – Es gibt also gute Gründe, dies als den biblischen Weg anzusehen, und das wird auch von den meisten heutigen Denominationen zwar nicht in der Theorie, aber durch ihre Praxis bestätigt.

Es gibt aber einige Gefahren auf diesem Weg, denen wir uns sehr bewusst sein sollten:

Die Gefahr, dass neue „Apostel“ unbiblische Sonderlehren einführen.

Es sollte immer klar bleiben, dass kein gegenwärtiger Apostel die Autorität der ursprünglichen Apostel haben kann, nämlich autoritativ die christliche Lehre festzulegen oder in diesem Sinn als direkter „Gesandter Jesu“ aufzutreten. Diese Autorität kam eindeutig nur jenen zu, die selber Zeugen des Lebens, Sterbens und der Auferstehung Jesu waren (Apg.1,21-22).
Ich beobachte leider in vielen Kreisen eine Tendenz, gewisse vollmächtige (oder lediglich redegewandte und manipulative) Leiter mit einer Art „mystischer Aura“ zu umgeben und ihnen eine höhere Glaubwürdigkeit zuzusprechen, als ihnen zukommt. So gibt es tatsächlich schon viele Kirchenmitglieder, die statt bibeltreu „leitertreu“ geworden sind und sich dadurch immer weiter von der biblischen Wahrheit entfernen. Die Aufforderung, „alles zu prüfen“ (1.Kor.14,29, 1.Thess.5,21) gilt auch und gerade gegenüber einem Apostel (siehe Galater 1,8 !!).

Die Gefahr des Machtmissbrauchs

In Amerika ist in gewissen Kreisen der Aposteltitel bereits Mode geworden. Manche, die sich früher „Pastor“ oder „Bischof“ genannt hätten, nennen sich jetzt „Apostel“. Oft handelt es sich dabei aber einfach um eine Verlängerung des unbiblischen Ein-Mann-Pastor-Systems, wo die bereits bestehenden Machtstrukturen noch weiter ausgebaut und zementiert werden. Sehr oft sind das dieselben Kreise, die z.B. lehren: „Du musst dich deinem Pastor unterordnen, selbst wenn er unrecht hat“; oder: „Auf Gott zu hören bedeutet auf deinen Pastor zu hören, denn er ist der Gesalbte Gottes.“ Es ist für Aussenstehende fast unvorstellbar, was in solchen Machtsystemen für Zerstörungen angerichtet werden im Glaubens-, Privat- und Familienleben der Menschen, die solchen Pastoren unterworfen sind. Mit einer Google-Suche nach „geistlicher Missbrauch“ bzw. „spiritual abuse“ können Dutzende von Leidensgeschichten Betroffener gefunden werden.

Hiergegen muss ganz klar festgehalten werden: Im Neuen Testament ist Leiterschaft in der christlichen Gemeinde keine „Machtposition“! Im Gegenteil, Jesus hat gesagt: „Der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Herrschende wie der Dienende!“ (Lukas 22,26). Die Autorität der Apostel bestand nicht in Machtausübung und Manipulation. Sie wurden als Autoritäten anerkannt, weil ihre Nähe zum Herrn, ihre geistliche Reife, ihre von Gott gegebene Befähigung und ihre Hingabe offenkundig waren. In den wenigen Situationen, wo Paulus sich gezwungen sah, sein Apostelamt zu verteidigen, da spricht er gerade nicht als „mächtiger Leiter“, sondern da spricht er von den Leiden und Entbehrungen, die er um Jesu willen auf sich nahm (1.Korinther Kap.4, 2.Korinther Kap.11). Auch die Beschreibung seines Wirkens in Thessalonich (1.Thessalonicher Kap.2) ist in dieser Hinsicht lehrreich und vorbildlich. Gerade Apostel müssen zuallererst dazu bereit sein, den „letzten Platz“ einzunehmen.

Die Gefahr des Klerikalismus und Hierarchismus

Das Pastorenkirchensystem hat zu einer Trennung zwischen „Klerus“ und „Laien“ geführt, wo der eigentliche geistliche Dienst nur noch von eigens dazu eingesetzten „Klerikern“ wahrgenommen werden kann. (Siehe „Bist du pastorisiert worden?„). Wenn vor diesem Hintergrund ein Apostelamt eingeführt wird, dann kann das nur zu einem weiteren Ausbau der klerikalen Hierarchie führen. Z.B. könnte dann ein Gemeindeverband auf die Idee kommen, nur noch solche Pastoren als „gültig“ anzuerkennen, die von einem Apostel in ihr Amt eingesetzt wurden; oder zu verbieten, dass Nicht-Apostel Gemeinden gründen.

In der Urgemeinde waren aber die Apostel nicht dazu da, Aspekte des geistlichen Dienstes zu monopolisieren. Im Gegenteil, sie waren dazu da – wie die anderen „Dienste“ auch -, alle Gläubigen zum geistlichen Dienst auszurüsten und freizusetzen (Epheser 4,12).

Die drei genannten Gefahren werden uns ganz deutlich in den Verirrungen der römisch-katholischen Kirche vor Augen gestellt. Schon das sollte uns eine Warnung sein. Wenn eine Kirche das Apostelamt wieder einführen wollte (und das gilt auch für die bereits bestehenden faktischen „Apostelämter“ mit anderen Benennungen!), dann müsste zuallererst sichergestellt werden, dass nur Christen von ganz aussergewöhnlicher Integrität, Ehrenhaftigkeit und Leidensbereitschaft als „Apostel“ anerkannt werden; Christen, die ihre Leiterschaft voll und ganz im Sinne Jesu und der ersten Apostel ausüben. Sonst werden wir nur zu bald ein evangelikales Papsttum haben.

2. Nun habe ich aber von zwei Wegen gesprochen, die apostolische Autorität zu verstehen. Der zweite Weg besteht darin, diese apostolische Autorität in den Lehren der ursprünglichen Apostel zu suchen, die uns in den Schriften des Neuen Testaments überliefert sind. Das würde bedeuten, dass kein heute lebender Mensch Autorität über eine Vielzahl von christlichen Gemeinden hätte. Jede Einzelgemeinde, und jeder einzelne Christ, hätte sich dann direkt unter die apostolische Autorität des Neuen Testamentes zu stellen, und die einzelnen Gemeinden wären organisatorisch unabhängig voneinander. Es könnte sehr wohl eine Vernetzung der Gemeinden untereinander geben durch reisende Verkündiger mit verschiedensten Diensten; aber keiner dieser „Reisedienste“ hätte Autorität, über innere Angelegenheiten von Gemeinden zu entscheiden.

Auch für diesen Weg gibt es biblische Gründe. Als Paulus sich von den Ältesten von Ephesus verabschiedete, warnte er sie, dass nach seinem Weggang „reissende Wölfe zu euch kommen werden“. In dieser Situation sagt er zu den Ältesten: „Und jetzt befehle ich euch Gott an und dem Wort seiner Gnade, das die Kraft hat, zu erbauen und das Erbe unter allen Geheiligten zu geben“ (Apg.20,32). Er sagt nicht: „Jetzt befehle ich euch meinem Nachfolger XY an.“ Nein, die Ältesten von Ephesus sollten sich in Krisensituationen (und auch sonst) direkt an Gott wenden und sich auf sein Wort abstützen, nicht auf irgendeinen neuen Apostel.
Man könnte hier auch noch anführen, dass Petrus in seinem Abschnitt über die Gemeindeleitung (1.Petrus 5,1-5) nur Älteste erwähnt, aber keine Apostel. „Älteste“ sind aber nur je für ihre örtliche Gemeinde zuständig und nicht darüber hinaus.

Natürlich besteht hier die Gefahr, dass einzelne Gemeinden sich so weit verselbständigen könnten, dass sie zu Sekten werden. Dazu muss aber gesagt werden, dass falsche Lehren und Praktiken sehr oft nicht durch „Sonderlinge“ oder abgesonderte Gemeinden eingeführt werden, sondern oft gerade durch die Leiter an der Spitze, die „apostolische“ Funktionen ausüben. Augenfällige Beispiele sind z.B. die Lehren des Papsttums; die bibelkritische Universitätstheologie; das amerikanische Wohlstandsevangelium; u.a. – Festgefügte, zentralistische Strukturen können genausogut vom Glauben abfallen wie unabhängige Gemeinden; und dann mit viel weitreichenderen Auswirkungen.

Wenn ich nun die gegenwärtige Gemeindesituation ansehe, dann muss ich ernüchtert feststellen, dass gegenwärtig für den grössten Teil der Christenheit keiner der beiden genannten Wege wirklich gangbar ist! Ich sehe, dass die meisten Gemeinden zu orientierungslos sind, um in echter Unabhängigkeit voll und ganz der apostolischen Autorität des Neuen Testamentes zu folgen. Die meisten rufen geradezu nach einer übergeordneten Leiterschaft, die ihnen Richtungsweisung und „Sicherheit“ gibt – und die dadurch weitgehend an die Stelle der Richtungsangaben des Neuen Testamentes tritt. Andererseits gibt es gegenwärtig kaum Leiter von wirklich apostolischer Integrität, die eine solche Leiterschaft wirklich „nach dem Herzen Gottes“ ausüben könnten. In anderen Worten: Es herrscht ein riesiges Vakuum an wirklich gottesfürchtigen und integren Leitern, sowohl innergemeindlich wie übergemeindlich.

Das ist nicht verwunderlich, wenn man in Betracht zieht, dass ein Grossteil derer, die sich „Christen“ nennen, gar nicht wiedergeboren sind. Die beschriebene Situation ist einfach ein Ausdruck des allgemein desolaten Zustands der Christenheit. Ich schlage deshalb vor, dass wir nicht zuerst nach neuen Aposteln Ausschau halten, und auch nicht zuerst darüber debattieren, ob es solche Apostel überhaupt geben soll; sondern dass wir zuerst Gott suchen und uns vor ihm demütigen und ihn inständig bitten, dass er uns selber zu „apostolischen Menschen“ macht. Darunter verstehe ich: Menschen, die in ihrem innersten Wesen so sehr an Gott gebunden sind, wie es die Apostel waren; und die deshalb zunehmend in die Denk- und Lebensweise eines echten Jüngers Jesu hineinwachsen. Oder, wie man früher sagte, „erweckte Christen“. (Heute ist leider auch das Wort „Erweckung“ von anderen Bedeutungen besetzt worden.)

Ich glaube, wo Gemeinden von solchen apostolischen Jüngern Jesu entstehen, da wird sich das oben beschriebene Dilemma auflösen: Eine solche Gemeinde wird in der Lage sein, sich klar am Neuen Testament auszurichten, ohne von Menschenmeinungen hin- und hergeworfen zu werden. Sie wird sich deshalb als unabhängige Gemeinde behaupten können. Sie wird aber auch, wenn Gott es so will und führt, gottesfürchtige und integre Leiter hervorbringen, denen guten Gewissens ein „apostolischer Dienst“ anvertraut werden kann, ohne die oben beschriebenen Gefahren.

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