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Institution Kirche – Institution Schule – dieselben Probleme. (1.Teil)

25. März 2011

In früheren Artikeln habe ich ab und zu auf einige Probleme der institutionalisierten Kirche hingewiesen, die offensichtlich nicht mehr das ist, was Jesus ursprünglich gemeint hat. In anderen Artikeln bin ich auf einige Probleme der Institution „Schule“ eingegangen. Beim Nachdenken darüber ist mir aufgefallen, dass viele Probleme dieser beiden Institutionen parallel laufen. Beide „institutionalisieren“ Menschen in einer Weise, die sowohl dem Plan Gottes wie auch den nach aussen hin erklärten Zielen dieser Institutionen zuwiderlaufen. Ich möchte jetzt gerne einige dieser Parallelen aufzeigen.

Beide Institutionen sind familienfeindlich

Das ist der Punkt, der uns persönlich am meisten betrifft. Als Eltern möchten wir unseren Kindern ein gesundes Familienleben mitgeben, und das bedeutet in erster Linie Zeit zu haben, um für sie da zu sein. Leider stellten wir fest, dass sowohl die Schule wie auch die institutionelle Kirche dieses Ziel massiv behindern.

In den allermeisten christlichen Kirchen werden bei den meisten Anlässen – insbesondere im „Gottesdienst“ – die Kinder von ihren Eltern getrennt. In vielen Kirchen, die ich kennenlernte, ist der Kindergottesdienst vom Erwachsenengottesdienst nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich getrennt, sodass die Familien nicht einmal gemeinsam „zur Kirche gehen“ können. Eine Familie, die regelmässig die Anlässe einer solchen Kirche besucht, kann sonntags kaum noch gemeinsam Zeit verbringen.

Bei Untersuchungen in den USA wurde festgestellt, dass die Scheidungsrate unter bekennenden Christen ebenso hoch ist wie unter der übrigen Bevölkerung. Offenbar tragen die Kirchen nichts dazu bei, den Familienzusammenhalt zu stärken.

In den meisten Kirchen heisst der Kindergottesdienst „Sonntagschule“. Deutlicher kann man die Nähe zur Institution Schule nicht mehr ausdrücken.

Natürlich läuft diese ganze Institutionalisierung und altersgruppenweise Verwaltung von Kirchenmitgliedern der Bibel zuwider. In der ursprünglichen christlichen Gemeinde war die Familie das Zentrum des „Gemeindelebens“, und alles andere wurde um die Familie herum aufgebaut. Aber die heutigen institutionalisierten Kirchen haben das „Gemeindeleben“ der Familie entfremdet und es in ein unpersönliches Gebäude für schulähnliche Veranstaltungen verlegt.

In den letzten Jahren sind wieder vermehrt Hausgemeinden gegründet worden, die dem neutestamentlichen Urbild näherkommen möchten. Solche Hausgemeinden haben die grosse Chance, die Familie als Kern des Gemeindelebens wiederzuentdecken und die institutionellen und „schulischen“ Formen von „Kirche“ abzulegen. Die Frage ist, ob sie diese Chance wahrnehmen werden. (Da es in Perú m.W. noch keine Hausgemeindebewegung gibt, kann ich diese Frage nicht aus eigener Beobachtung beantworten.)

Wenn wir nun von der Institution Schule sprechen, da ist die Zertrennung der Familien noch offensichtlicher. Immer früher und immer länger werden die Kinder von ihren Familien getrennt. Lag das Schuleintrittsalter vor hundert Jahren noch um acht Jahre und bestand ein Schultag aus wenigen Stunden, so müssen heute in vielen Ländern (z.B. hier in Perú) schon die Dreijährigen zur Schule gehen. Im Primarschulalter sind sie täglich rund sechs Stunden ausser Haus, in der Sekundarschule können es bis acht Stunden sein. Und selbst die schulfreie Zeit ist nicht wirklich frei: In dieser Zeit müssen Hausaufgaben gemacht werden – je länger je mehr als Gruppenarbeiten, sodass die Kinder auch in dieser Zeit nicht zuhause sein können. Was bleibt da noch an Zeit übrig, um auch nur halbwegs ein Familienleben zu pflegen?

Aber nach dem Willen der Schulplaner soll es ja gar kein Familienleben geben. Schon vor über 20 Jahren bemerkte Eberhard Mühlan:

“Der Deutsche Bildungsrat empfiehlt allen Ernstes als Ziel des pädagogischen Handelns im Elementarbereich, ‚die Abhängigkeit des Kindes von Bezugspersonen zu mindern‘. Damit sind in erster Linie wir Mütter und Väter gemeint! (…) Die Kinder gehören der Gesellschaft, die grosszügigerweise gewisse Erziehungsaufgaben an die Eltern oder an staatliche Einrichtungen verteilt.”
(Eberhard Mühlan, “Kinder in der Zerreissprobe”, Schulte+Gerth Verlag 1985)

Offenbar ist dieses Ziel inzwischen weitgehend erreicht worden: Funktionierende Familien sind kaum noch anzutreffen. Ist es zu weit hergeholt, diese Entwicklung hauptsächlich der zunehmenden Verschulung und Institutionalisierung der Gesellschaft zuzuschreiben?

Unantastbare Autoritäten

In beiden Institutionen, Schule und institutionalisierte Kirche, gibt es Autoritätspersonen, die sich einen Absolutheitsanspruch anmassen, der nicht in Frage gestellt werden kann bzw. darf.

Der Lehrer ist ein berufsmässiger Besserwisser, der anderen Menschen vorschreibt, was und wie sie zu lernen haben. Darauf beruht das System, und deshalb kann nicht zugelassen werden, dass ein Schüler etwas besser weiss als sein Lehrer – das könnte das ganze System zum Zusammenbruch bringen. Ebensowenig kann zugelassen werden, dass ein Schüler selbständig Dinge lernt, die sein Lehrer nicht weiss, oder die nicht im Lehrplan stehen; oder dass er auf andere Weise lernt, als die Schule vorschreibt. – Ich will hiermit nicht unterstellen, Lehrer handelten böswillig aus den erwähnten Absichten heraus. Nur zu oft sind sie selber auch Gefangene eines Systems, das sie nicht ändern können. Da ich selber als Lehrer gearbeitet habe, weiss ich aus eigener Erfahrung, wie schwer manchmal die Last sein kann, alles besser wissen zu müssen.

Etwas ganz ähnliches geschieht in vielen Kirchen. Der Pfarrer / Prediger ist in der Regel von einer „sakralen Aura“ umgeben, die weit über die wirkliche Autorität hinausgeht, die ihm natürlicherweise zukäme. Verschiedene Konfessionen bewerkstelligen das auf verschiedene Weise, aber das Endergebnis ist überall etwa dasselbe:
– In der katholischen Kirche herrscht die Idee, der Priester werde durch die Priesterweihe zu einer besonderen Klasse Mensch – ein „Kleriker“, aus der Masse der „Laien“ herausgehoben -, und deshalb darf er nicht in Frage gestellt werden, selbst wenn er unrecht hat. Wie mir einmal ein katholischer Apologet sinngemäss schrieb: „Die Kirche ist heilig, weil sie von Jesus selber eingesetzt worden ist, und deshalb müssen wir sie als heilig ansehen, selbst wenn wir in ihr Dinge sehen, die wir als unheilig bezeichnen würden.“ Also: Wenn ich in der Hierarchie der Kirche etwas Unheiliges beobachte, erkläre ich es einfach dennoch als heilig, und damit habe ich das Problem als gelöst zu betrachten.
– Reformierte Pfarrer gewinnen ihren Status hauptsächlich aus der Tatsache, dass sie studierte Theologen sind. Somit wissen sie „tiefe Geheimnisse“, die von gewöhnlichen Laien nicht gewusst werden können. (Insbesondere, wie man mehr oder weniger überzeugend begründet, warum ein bestimmter Abschnitt in der Bibel nicht das bedeutet, was er effektiv aussagt.) Deshalb können Theologen von Nicht-Theologen nicht in Frage gestellt oder belehrt werden. Ungeachtet der Tatsache, dass sowohl Theologen wie „Laien“ dieselbe Bibel vor sich haben…
– In vielen evangelikalen und pfingstlichen Kirchen ist eine Lehre vorherrschend, wonach Gott zu gehorchen bedeutet, „der von Gott eingesetzten Leiterschaft zu gehorchen“. Wer sich seinem Pastor „unterordnet“, der geniesst gemäss dieser Lehre die „Abdeckung“ Gottes; wer ihm widerspricht, ist den Angriffen des Feindes schutzlos ausgeliefert. Oft wird das so weit getrieben, dass gesagt wird: „Du musst dich deinem Leiter unterordnen, selbst wenn er unrecht hat oder sündigt, denn Gott wird dich danach beurteilen, ob du deinem Leiter gehorcht hast oder nicht.“ – Es würde hier zu weit führen, im Detail zu zeigen, warum diese Lehre abwegig ist. Der Effekt ist klar: Pastoren erhalten eine unantastbare Machtstellung, denn ihnen zu widersprechen würde ja bedeuten, unter das Gericht Gottes zu fallen. Heute wird das als „geistlicher Missbrauch“ bezeichnet.
(Nebenbemerkung: Interessanterweise befinden sich die Evangelikalen mit dieser Auffassung näher beim Katholizismus als bei der Reformation.)

In beiden Institutionen, Schule und institutionelle Kirche, führt die beschriebene Situation zur Bevormundung, Abhängigkeit und dauernden Unreife der Personen, die unter diesen Institutionen stehen. Folgen sind: Verlust der Kreativität, des selbständigen Denkens und des Urteilsvermögens; Abhängigkeit von vorgegebenen Lern- und Verhaltensmustern; Entpersönlichung. Derart „institutionalisierte“ Kirchenmitglieder lernen nicht, Jesus nachzufolgen, sondern ihren Leitern. Derart „institutionalisierte“ Schüler lernen nicht, wirkliche Kenntnisse zu erwerben, sondern sie lernen nur, wie sie antworten müssen, dass der Lehrer zufrieden ist.

Auch bei diesem Punkt muss ich hervorheben, dass die ursprüngliche christliche Gemeinde anders war. Dort gab es nur eine absolute Autorität, Jesus selber. Gegenüber allen anderen Autoritäten galt: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29) und: „Prüft alles, behaltet das Gute“ (1.Thessalonicher 5,21).

Dem Opfer wird die Schuld gegeben

Es ist eine traurige Dynamik in den meisten Situationen des Machtmissbrauchs, dass dem Opfer auch noch die Schuld zugeschoben wird für das, was ihm zugestossen ist. Leider tritt diese Dynamik auch in den hier beschriebenen Institutionen auf.

Die institutionalisierte Kirche lehrt: „Ohne Pastor und institutionelle Kirche kann ein Christ nicht im Glauben wachsen.“ Es ist also Gesetz, dass man die kirchlichen Anlässe besucht und sich vom Pastor „pastorisieren“ lässt. Je nach Ausrichtung der jeweiligen Kirche muss man auch noch andere Auflagen erfüllen, wie z.B: die Sakramente in Anspruch nehmen, den Zehnten geben, ein Bibelstudienprogramm besuchen, Bauprojekte unterstützen, usw. Als Gegenleistung wird Wachstum im christlichen Glaubensleben versprochen.
Was geschieht aber, wenn dieses Wachstum nicht eintritt – wenn z.B. jemand von dem ganzen „Christentum“ zunehmend gelangweilt statt auferbaut wird, oder wenn jemand in grobe Sünde fällt? Meistens wird dann dieser Person die Schuld gegeben: „Du hast eben nicht genug Gott gesucht“, oder „Du hast einen kritischen Geist gegen die Leiterschaft“, oder „Du musst mehr Selbstdisziplin, Hingabe, Glaube (oder was auch immer) haben“, etc.
Ist das nicht ein Widerspruch? Wenn es der Pastor und die Kirche wäre, was Glaubenswachstum hervorbringt, ist es dann nicht deren Schuld, wenn dieses Wachstum nicht eintritt? Wenn andererseits der Gläubige selber für sein Glaubensleben verantwortlich ist, warum soll er sich dann von einer institutionellen Kirche abhängig machen?

(Anmerkung: Geistliche Gemeinschaft unter Christen und gegenseitige Auferbauung ist etwas sehr Wichtiges. Ich möchte überhaupt nichts dagegen sagen. Aber gerade diese Art Gemeinschaft findet in den institutionellen Kirchen nur höchst selten statt – meistens muss man sie ausserhalb dieser Kirchen suchen.)

Dasselbe geschieht auch in den Schulen. Schulbehörden und Lehrerverbände verkünden: „Ohne Schule und ohne Lehrer kann man nicht lernen.“ Es ist also Gesetz, dass Kinder und Jugendliche die Schule „besuchen“ (richtiger gesagt: gezwungenermassen den grössten Teil des Tages in der Schule absitzen), sich vom Lehrer belehren lassen und zuhause Hausaufgaben machen. Als Gegenleistung wird Lernerfolg versprochen.
Was geschieht aber, wenn dieser Lernerfolg nicht eintritt – wenn z.B. ein Schüler sich ständig nur langweilt, schlechte Noten hat und immer weniger versteht? Meistens wird dann dem Schüler die Schuld gegeben (oder dessen Eltern): „Du hast eine Lernstörung“, oder „Du hast eine gestörte häusliche Umgebung“, oder „Du bist einfach faul“, etc.
Ist das nicht derselbe Widerspruch? Wenn es die Schule und die Lehrer wären, die zum Lernerfolg führen, ist es dann nicht deren Schuld, wenn dieser Erfolg nicht eintritt? (Wie einmal jemand sagte: „Schulversagen ist in Wirklichkeit das Versagen der Schule.“) Wenn andererseits der Schüler selber für sein Lernen verantwortlich ist, warum zwingt man ihn dann dazu, zur Schule zu gehen, wenn es doch so viele alternative Lernmöglichkeiten gibt?

Zu beiden Institutionen muss zudem gesagt werden, dass die Versagerquote hoch ist – zu hoch im Vergleich mit dem, was sie versprechen. Schulen und Lehrer setzen sich selber ins Unrecht, wenn sie dem „homeschooling“ mangelnde Qualität vorwerfen, während sie selber so viele Schüler mit mangelhaften Noten und mangelhaften Kenntnissen hervorbringen. Und Kirchen und Pastoren setzen sich selber ins Unrecht, wenn sie den „nicht-institutionellen“ Christen Ungehorsam, mangelnde Verbindlichkeit und weiss ich was noch alles vorwerfen, während sie selber so viele Mitglieder hervorbringen, die dem Wort Gottes ungehorsam sind oder überhaupt vom Glauben abfallen.

Falsche Kriterien für die Eignung zu einer bestimmten Aufgabe

In einer weniger verschulten und institutionalisierten Gesellschaft konnte ein Arbeiter durch die Qualität seiner Arbeit überzeugen. Wer in einem Handwerk ein Meister werden wollte, der übte sich so lange, bis er ein Produkt von Spitzenqualität herstellen konnte – eben sein „Meisterstück“. Auf welche Weise er genau zu dieser Fähigkeit kam, war dabei unwesentlich. – Salomo sagte: „Siehst du einen Mann, geschickt in seinem Beruf? In Königsdienst wird er treten, Niedrigen wird er nicht dienen.“ (Sprüche 22,29).

Aber in der heutigen institutionellen Bürokratie genügt es nicht, die eigene Fähigkeit zu beweisen. Man braucht in erster Linie ein offizielles Diplom. Dieses bescheinigt nicht so sehr die tatsächliche Fähigkeit oder die tatsächlichen Kenntnisse, als vielmehr die Tatsache, dass man den offiziell vorgeschriebenen Ausbildungsgang hinter sich gebracht hat. Das wirkliche Lehrziel der Ausbildung besteht nicht in den entsprechenden Kenntnissen und Fähigkeiten, sondern in der Unterordnung unter die Institution. Dass man dieselben Fähigkeiten oder Kenntnisse auch auf anderen Wegen erlangen könnte, wird dabei nicht berücksichtigt. Man wird nicht darnach bewertet, was man als Mensch ist oder kann, sondern darnach, ob man sich „institutionalisieren“ lässt. Man muss die vorgeschriebene Schule besuchen, die vorgeschriebenen Prüfungen ablegen, und dann bekommt man ein Diplom, mit dem man einen Arbeitgeber suchen kann. Das führt zur „Angestelltenmentalität“ (diesen Ausdruck habe ich mir von Wolfgang Simson ausgeliehen): man bettelt darum, dass einem jemand Arbeit gibt, und ist dann ein Leben lang von seinem Arbeitgeber abhängig. Der Gegensatz dazu wäre die „Unternehmermentalität“: Man schafft sich selber seine Arbeit, aufgrund der eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten.

Die institutionelle Kirche macht dieses Spiel freudig mit. Das Glaubensleben von Mitgliedern wird danach beurteilt, wie oft sie zum Gottesdienst kommen, wieviel Zeit sie der Gemeinde zur Verfügung stellen, wieviele Glaubenskurse sie besucht haben, usw. (Erwähnt Jesus irgendetwas davon als Mass unserer Liebe zu ihm?) – Pastoren und Leiter werden selten nach ihren Fähigkeiten und ihrer geistlichen Berufung gewählt. Vielmehr müssen sie zuerst den vorgeschriebenen Ausbildungsgang absolvieren (Bibelschule bzw. Theologiestudium; Kandidatenzeit bzw. Vikariat, usw.), und dann unter Beweis stellen, dass sie sich widerspruchslos in die Institution einfügen. Kirchen suchen „Angestellte“, und einige wenige Leiter an der Spitze gefallen sich in der Rolle der „Arbeitgeber“ – aber ein gewöhnlicher Christ kann und darf in einer solchen Kirche nichts aus eigener Initiative „unternehmen“.

Wie anders sah die Ausbildung eines neutestamentlichen Mitarbeiters wie z.B. Timotheus aus! Paulus lud ihn einfach ein, ihn auf der Reise zu begleiten. Timotheus half ihm, wo er konnte, und erlebte mit, wie neue Gemeinden gegründet wurden und Gott wirkte. Dadurch lernte er und wuchs in Verantwortung. Seine Beziehung zu Paulus war persönlich, nicht „institutionell“. Timotheus war kein „Missionskandidat der Missionsgesellschaft Paulus & Co.“ (Es ist sehr bezeichnend, dass im Rahmen der neutestamentlichen Gemeinde keine Eigennamen von Institutionen, „Werken“ oder Gruppierungen vorkommen!) Er musste auch keinen vorgeschriebenen Lehrplan absolvieren und erhielt nie ein Abschlusszeugnis. Er war einfach ein Glaubensbruder, der einem anderen Glaubensbruder half und dabei offenbar seine eigene Berufung entdeckte.
Ein solcher „Mitarbeiter in Ausbildung“ musste auch nicht unbedingt von Paulus „abgedeckt“ sein. Wir sehen, dass ein unabhängiger Mitarbeiter wie z.B. Apollos genau dieselben Chancen hatte wie Timotheus. (Apg.18,24-28, 1.Kor.3,1-9). – Der Apostel Johannes wendet sich in seinem dritten Brief scharf gegen die institutionellen Einschränkungen der Gemeindemitarbeit, wie sie heute überall an der Tagesordnung sind: „Ich habe der Gemeinde etwas geschrieben; aber Diotrephes, der unter ihnen gern der Erste wäre, nimmt uns nicht an. (…) Und damit nicht zufrieden, nimmt er weder selber die Brüder auf, noch lässt er es denen zu, die es tun wollen, und stösst sie aus der Gemeinde aus.“ (3.Joh.9-10) Allzuviele heutige Gemeinden werden von einem modernen Diotrephes geleitet.
– Zurück zu Timotheus. Es muss einmal der Moment gekommen sein, wo die Mitbrüder seine geistliche Berufung und Befähigung erkannten und anerkannten. Allmählich wurde sein Dienst von dem des Paulus unabhängig. Die Brüder beteten für ihn mit Handauflegung; aber auch da erhielt Timotheus keinen „Titel“ und keine offizielle „Anstellung“. Er wird nie „Pfarrer Timotheus“, „Lehrer Timotheus“, „Evangelist Timotheus“ oder so ähnlich genannt (obwohl er anscheinend alle die Gaben hatte, die diesen Bezeichnungen zugrunde liegen). Er wurde nie in ein institutionelles Schema gepresst. Er war schlicht und einfach Timotheus, mit genau den persönlichen und unverwechselbaren Gaben und Fähigkeiten, die Gott ihm gegeben hatte und die die Mitbrüder in ihm sehen konnten.

(Fortsetzung folgt)

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Ferienprogramm und „aktive Schule“

15. März 2011

Wieder beginnt (hier in Perú) ein neues Schuljahr. Die grossen Schulferien umfassen hier die Monate Januar und Februar. Für uns sind die Ferien jeweils eine Gelegenheit, unseren „Aufgabenhilfe-Kindern“ ein alternatives Programm anzubieten, frei vom Schulstress und von der schulischen Gleichmacherei.

Leider sind es jedes Jahr weniger Kinder, die dieses Angebot wahrnehmen können, denn die meisten Kinder haben effektiv kaum noch Ferien. Weil sie die völlig unrealistischen Lernziele der Schule nicht erreichen können, müssen sie an schulischen Ferienprogrammen teilnehmen, die nichts anderes sind als eine Fortsetzung des Schulunterrichts während der Ferien – aber von den Eltern zusätzlich bezahlt werden müssen. Man meint also, dieselbe Art Unterricht, die während des Jahres die Schüler nur überfordert und verwirrt, müsste Erfolg haben, wenn sie während den Ferien weitergeführt wird.

In der ersten Januarwoche kamen gegen zwanzig Kinder zu uns. In den folgenden Ferienwochen hörte aber eins ums andere auf zu kommen, bis nur noch zehn übrigblieben: „Meine Eltern sagen (oder „meine Lehrerin sagt“), ich müsse zur Schule gehen.“ – Der Gipfel der Ironie war, als eines Tages der Vater eines dieser Kinder wieder mit seinem Sohn bei uns vor der Tür stand: „Bitte helfen Sie meinem Buben, er kann die Aufgaben nicht lösen, die er in der Ferienschule bekommt…“ (Das war einer der Fälle, wo der Lehrer gesagt hatte, dieser Bub müsse in den Ferien zur Schule gehen, da er nur so seinen Rückstand aufholen könne.) Wir sagten dem Vater, er solle dem Lehrer ausrichten, wenn er schon der Meinung sei, der Bub hätte seinen Unterricht so sehr nötig, dann solle er ihn wenigstens so unterrichten, dass der Bub etwas versteht. – Vielleicht war es nicht ganz nett, das zu sagen. Aber ich denke, irgendjemand muss doch diesem Vater helfen zu verstehen, wie unsinnig es ist, seinen Sohn sogar in den Ferien an eine Schule zu schicken, wo er nichts lernt! (Letztlich hat auch diese Angelegenheit einen geistlichen Hintergrund. „Schule“ und „Bildung“ ist einer der mächtigsten Götzen hier in Perú; und wenn wir wollen, dass die Leute den wahren Gott kennenlernen, dann müssen sie auch aufhören, diesen Götzen anzubeten.)

Inzwischen erfuhr ich von einem interessanten Schulprojekt in Ecuador. Rebeca und Mauricio Wild sind ein deutsch-ecuatorianisches Ehepaar, die eine alternative Schule aufgebaut haben. Sie berichten über ihre Erfahrungen in ihrem Buch „Erziehung zum Sein“, und in mehreren nachfolgenden Büchern. Ihr Ansatz ist ziemlich ähnlich wie die „Moore-Formel“, übertragen auf die Umgebung einer Schule (die sie jedoch nicht „Schule“ nannten, sondern „pädagogisches Experimentierzentrum“). Die Wilds sind zwar keine Christen, aber sie haben mit uns (und mit den Moores) zwei wichtige Überzeugungen gemeinsam: dass der Auftrag und die Verantwortung zur Kindererziehung den Eltern zukommt, nicht dem Staat; und dass Kinder gemäss ihrem eigenen Entwicklungsstand und ihrer Eigenart ausgebildet werden sollen, nicht nach einem starren und gleichmacherischen Lehrplan. Insbesondere der formale Schulunterricht ist überhaupt nicht kindgemäss (zum wissenschaftlichen Hintergrund darüber siehe „Einschulung: Besser spät – oder nie – als früh“).

Dass sie sich trotzdem nicht dem „Homeschooling“ zuwandten, hatte, wie sie in ihrem Buch berichten, vor allem kulturelle Gründe: Sie beobachteten, dass die ecuatorianischen Eltern derart abhängig waren vom staatlichen Schulsystem, dass sie auf keine Art und Weise dazu zu bewegen wären, ihre Kinder selber auszubilden. – Dasselbe beobachten wir hier in Perú, wo die Kultur nicht viel anders ist als in Ecuador. Die Eltern sind weder gewillt, noch halten sie sich für fähig, ihre Kinder selber zu erziehen. Schon im Babyalter werden die Kinder abgeschoben an Onkel und Tanten, Grosseltern, ältere Geschwister, oder in eine Kinderkrippe. Ausserdem haben sowohl Eltern wie Lehrer eine sklavische Ehrfurcht vor den staatlichen Bildungs-Gurus und folgen blindlings deren Rezepte zur Zwangsverschulung. Rebeca Wild beschreibt prägnant die Auswirkungen dieses Systems auf die Schüler:

„Die ’schlauen‘ Kinder lernen alle möglichen Tricks, damit die Erwachsenen den Eindruck schulischen Erfolgs gewinnen. Andere erfahren einen traurigen Zerfall ihrer Persönlichkeit; sie gewöhnen sich daran, mit einer ständigen Angst zu leben und zu lernen, und hassen das Lernen. Einige beginnen zu stottern, andere das Bett zu nässen, oder leiden an Kopf- oder Magenschmerzen. Nicht wenige hängen sich an die Drogen.“
(Rebeca Wild, „Erziehung zum Sein“, rückübersetzt aus der spanischen Ausgabe.)

Wir können diese (und andere ähnliche) Beobachtungen nur bestätigen. Während der letzten Monate des vergangenen Schuljahres stellten wir bei den Kindern eine zunehmende Nervosität, Erschöpfung, Verwirrung und Aggressivität fest, was es uns mit der Zeit fast unmöglich machte, weiter mit ihnen zu arbeiten. Obwohl diese Auswirkungen allen Lehrern und Eltern deutlich vor Augen stehen sollten, haben sie doch nur ein einziges Rezept dagegen: Noch mehr vom selben! (Im Oktober und November letzten Jahres mussten selbst Primarschüler täglich acht Stunden in der Schule verbringen.)

Worin besteht nun die „aktive Schule“?

Die Wilds nennen ihr Modell „aktive Schule“, weil die Kinder dazu angeregt werden, selber aktiv zu werden, Entscheidungen zu treffen, „Entdeckungen“ zu machen und kreativ zu sein – im Gegensatz zur traditionellen Schule, wo sie vor allem dazu angehalten werden, passiv zuzuhören und abzuschreiben, und einem vorgegebenen Lehrplan zu folgen. Die aktive Schule kennt keinen starren Lehrplan und keine Klasseneinteilung. Sie besteht hauptsächlich aus thematischen Arbeitsplätzen mit viel didaktischem und praktischem Material, das die Kinder zum Selber-Entdecken, Selber-Gestalten und Nachforschen einlädt. Erwachsene Betreuer helfen den Kindern beim Gebrauch der Materialien, und geben ihnen bei Bedarf weitere Anregungen; die Kinder können sich aber die Arbeitsplätze und Aktivitäten weitgehend selber aussuchen. So sind sie motivierter zum Lernen, weil sie gemäss ihren eigenen Interessen arbeiten können. Es gibt Arbeitsplätze zu traditionell „schulischen“ Themen wie Rechnen (v.a. mit Hilfe von konkreten Gegenständen), Messen und Wägen, Lesen und Schreiben (Bibliothek), usw; aber auch praktische Arbeitsplätze wie Küche, Schreinerwerkstatt, usw. Dazwischen gibt es z.T. angeleitete Aktivitäten wie Singen, Geschichten hören, Bastelarbeiten, Experimente, usw, die aber nicht obligatorisch sind.
Trotz der grossen Freiheit, die die Kinder geniessen, betonen die Wilds, dass es sich nicht um eine antiautoritäre Schule handelt: „Es gibt viele Mittelwege zwischen autoritär und antiautoritär.“ Ordnung wird aufrechterhalten mit Hilfe der Hausordnung, deren Einhaltung nicht nur von den Betreuern, sondern v.a. von den Kindern untereinander überwacht wird. Sie enthält Richtlinien z.B. zum respektvollen Umgang miteinander und zum achtsamen Umgang mit dem Lernmaterial. – Die strukturierten Materialen enthalten Anweisungen, wozu sie dienen; und Spiele haben natürlich ihre Spielregeln.

Von den Eltern wird erwartet, dass sie mindestens an einem Morgen pro Monat ebenfalls in der Schule anwesend sind, um ihre Kinder zu sehen und um die Arbeitsweise der Schule kennenzulernen.

Lernen denn die Kinder so überhaupt etwas? Natürlich – und auf dauerhaftere Weise als in der traditionellen Schule. Ein Beispiel dafür sind unsere eigenen Kinder, die täglich höchstens eine Stunde formellen „Unterrichts“ haben und dennoch (oder gerade deswegen) den meisten ihrer Altersgenossen im Verständnis weit voraus sind.
Rebeca Wild anwortet auf die Frage, was dann mit Kindern geschieht, die nie lesen oder schreiben lernen wollen: Systematische, vereinheitlichte Schulübungen sind längst nicht die einzige Art, wie lesen und schreiben gelernt werden kann. In unserer Kultur, wo auf Schritt und Tritt Geschriebenes anzutreffen ist, wird es jedermann fertigbringen, geschriebene Wörter zu entziffern, auch ohne formelle Ausbildung. Ein Kind lernt lesen und schreiben auf dieselbe Weise, wie es gehen und sprechen lernt: es probiert aus, sucht Vorbilder, die es nachahmen kann, und bittet um Hilfe, wo es nötig ist.

Wir beschlossen, unser diesjähriges Ferienprogramm weitgehend als „aktive Schule“ zu gestalten. (Wobei sich die Anwesenheit der Eltern nicht verwirklichen liess: sie sind „zu beschäftigt“, um sich um ihre Kinder zu kümmern…) Dazu mussten unsere Wohnräume neu geordnet werden, ein paar zusätzliche Materialien angeschafft oder selbst hergestellt werden, Spiel- und andere Anweisungen geschrieben werden. Als einzelne Familie sind unsere Möglichkeiten natürlich beschränkt; aber peruanische Kinder sind auch nicht so anspruchsvoll, sie fanden immer etwas Interessantes.

Wir waren gespannt, wie dieses Konzept funktionieren würde mit Kindern, die an die traditionelle Schule gewöhnt sind. Während der ersten Wochen hatten sie offenbar ganz einfach ein Bedürfnis nach Ferien. (Ist ja verständlich! Ihre letzten – kurzen – Ferien waren anfangs August gewesen.) Sie wollten vor allem draussen spielen und umherrennen. Wenn sie dann davon genug hatten, spielten sie mit Puppen oder begannen unsere Karten- und Brettspiele zu entdecken. Während dieser Zeit fanden einige Eltern, dieses Programm sei unnütz, ihre Kinder „spielten ja nur“. Genau zu der Zeit stand aber in der Zeitung ein Bericht über eine wissenschaftliche Untersuchung, wonach Brettspiele wie Schach, Dame usw. die Entwicklung bestimmter Gehirnregionen förderten, welche bei anderen Personen nicht entwickelt seien. Damit hatten wir immerhin ein gutes Argument.

Mit der Zeit begannen die kleineren Kinder auch „lehrreichere“ Materialien auszuprobieren wie z.B. Zählrahmen, Perlenketten und Cuisenaire-Stäbchen zum Rechnen; oder sie begannen auf einer alten Schreibmaschine zu tippen. Die grösseren Kinder, die schon mehrere Schuljahre hinter sich hatten, verblieben jedoch länger in der „Spielphase“ und hatten selten neue Ideen.

Etwa nach einem Monat stellte ich fest, dass manche Kinder jetzt länger, konzentrierter und ruhiger arbeiten konnten als am Anfang. Die meisten waren aber weiterhin „Mitläufer“, d.h. sie folgten einfach den Tätigkeiten anderer und hatten kaum eigene Ideen. Nur wenige waren dazu zu bewegen, neue Herausforderungen anzunehmen: „Das kann ich nicht.“ – „Komm, ich zeige dir, wie man es macht.“ – „Nein, ich kann das nicht.“ Ob es darum ging, ein Regenmessgerät herzustellen, unsere Temperaturmessungen graphisch darzustellen, eine unter dem Mikroskop beobachtete Zelle zu zeichnen, oder mit dem Metallbaukasten eine eigene Maschine zu konstruieren, die nicht im Prospekt steht – immer erhielt ich diese Standardantwort. Unsere eigenen Kinder waren die einzigen, die sich an solche neuen Projekte wagten; und einige andere begannen dann mitzumachen.
Um die Kinder auf neue Ideen zu bringen, begannen wir öfters einfach selber etwas zu tun (z.B. mit Buchstaben Wörter zu legen, oder Stoff abzumessen für ein Puppenkleid). Oft wurden dann einige Kinder neugierig: „Was machst du da?“ „Darf ich auch mitmachen?“

Wir stellten auch fest, dass selbst Neun- und Zehnjährige noch nicht in der Lage sind, z.B. die Anzeige eines Thermometers oder einer Waage richtig abzulesen, oder die Mengenangaben eines Kochrezeptes zu verstehen. (Von diesen selben Kindern wird aber in der Schule erwartet, dass sie schriftlich teilen, ungleichnamige Brüche zusammenzählen und Gleichungen lösen!)

Interessant war es, einen Fünftklässler zu beobachten, der zwar seine Schulaufgaben meistens recht gut löste, weil er die Rechenoperationen rein mechanisch beherrscht; der aber im Grunde kaum versteht, was er dabei tut, und deshalb bei Problemen aus dem praktischen Leben völlig verloren ist. Letztes Jahr spielte er manchmal mit dem „Profax“-Übungsgerät, und suchte sich dabei immer die allereinfachsten Aufgaben aus (Zusammenzählen von Zahlen bis 10.) Im Januar hat er mit Eifer gut zwanzig Arbeitsblätter zur Einführung des Einmaleins durchgearbeitet; und im Februar begann er mit weiterführenden Arbeitsblättern zur Multiplikation, mit Themen wie Kommutativ- und Assoziativgesetz, Teilbarkeitsregeln, u.ä. – Interessant finde ich das vor dem Hintergrund der Beobachtung von Rebeca Wild, dass Kinder normalerweise von sich aus Materialien und Tätigkeiten aussuchen, die ihrem eigentlichen Entwicklungsstand entsprechen. Offenbar hatte dieser Bub das Bedürfnis, im Rechnen nochmals ganz von vorne anzufangen, und holt jetzt etwa alle zwei Monate ein Schuljahr nach.

Eine Zeitlang war die Küche gross in Mode: es gefiel den Kindern sehr, Süssigkeiten oder Erfrischungsgetränke herzustellen (und sie lernten dabei auch, Rezepte zu lesen und Zutaten abzuwägen).

Zwei oder drei Kinder fanden Interesse am Lesen der Bibel. Wir hatten als Hilfe dazu kleine Arbeitshefte mit Fragen und Anregungen vorbereitet, die sie mit Interesse durcharbeiteten. Ein anderer Bub begann, die illustrierte Kinderbibel von vorne bis hinten durchzulesen. (Bis Ende Februar kam er etwa bis zur Mitte.)

Während den letzten Ferienwochen entdeckten die Kinder in unserer Bibliothek ein Bastelbuch, aus dem sie immer neue Vorschläge ausprobieren wollten. (Während des Schuljahres hatten sie nie aus eigenem Interesse ein Buch zum Lesen aus der Bibliothek genommen!) Auch hier sind sie sehr auf unsere Hilfe angewiesen, denn sie haben grösste Schwierigkeiten, selber eine Anleitung zu lesen und zu verstehen. Aber immerhin sind sie hier ganz bei der Sache: mehrere Tage lang haben sie jeweils fast den ganzen Morgen mit Basteln verbracht. Leider sind sie noch nicht so weit, etwas Eigenes zu gestalten. Eines Morgens z.B. bastelten sie Masken aus Karton. Alle Kinder zeichneten sklavisch die im Buch abgebildete Maske ab; kein einziges kam auf die Idee, eine eigene Maske zu entwerfen. Die Kreativität ist anscheinend jene Charaktereigenschaft, die in der Schule zuerst und am gründlichsten stirbt … und dann kaum je wieder zum Leben zu erwecken ist, wenn Gott nicht ein Wunder tut.

Dafür staunten wir auf einem Ausflug über die sportlichen Leistungen der Kinder. Wir hatten eine Schnitzeljagd veranstaltet, die zwei Stunden dauerte. Die Kinder waren danach ziemlich erschöpft. Aber auf dem Heimweg kamen wir an der Motocrossbahn vorbei (das ist hier die neuste Attraktion; es werden aber nur selten Rennen abgehalten darauf), und einige Kinder sagten: „Wir wollen ein Rennen machen!“ – „Ja, ich auch, ich auch!“ riefen alle anderen. – Tatsächlich hielten bis auf zwei Kinder alle durch, rennend auf der etwa einen Kilometer langen Rundstrecke mit vielen Hindernissen. Die Kleinsten hatten die meiste Ausdauer! (Und das auf einer Höhe von 3600 Metern über Meer.)

Bei anderen Ausflügen lernten die Kinder u.a. Kartenlesen, Pflanzen und Tiere der Gegend, usw. An einem Tag veranstalteten wir einen Sportwettkampf mit Schnellauf, Weitsprung, Hindernisrennen, Zielwurf usw. Die Kinder mussten dabei selber die Zeiten und Distanzen messen und aufschreiben. Das trug dazu bei, dass sie aus eigener Erfahrung die Masseinheiten kennenlernten, mit denen sie sonst nur theoretisch rechnen lernten.

Die Schule von Rebeca Wild unternimmt auch Ausflüge an Arbeitsplätze des täglichen Lebens wie Werkstätten, Fabriken usw. Leider konnten wir das nicht tun, da wir noch keine Berufsleute oder Unternehmen gefunden haben, die bereit wären, ihre Türen zu öffnen für eine Gruppe von Kindern.

Beim Malen der Theaterkulisse

Ein anderes Projekt, das Anklang fand, war das Theater. Mit einer Gruppe von sechs interessierten Kindern hatten wir zuerst einfach einige Theaterübungen und Improvisationen gemacht. Als ich sie fragte, ob sie gerne ein „richtiges“ Theaterstück einüben wollten, waren alle begeistert. Wir übten dann die biblische Geschichte von Esther, die wir am Schlussabend den Eltern vorführten. (An diesem Abend kamen immerhin einige Eltern, die uns noch nie zuvor besucht hatten.)

 

Theaterprobe

Noch haben wir nicht viele Rückmeldungen darüber, wie es den Kindern jetzt mit dem Neubeginn der Schule geht. Mit Ausnahme der vielsagenden Antwort eines Buben, den meine Frau nach der ersten Schulwoche fragte, was sie diese Woche in der Schule gemacht hätten: „Nichts!“

Ist die „aktive Schule“ christlich?

Da ich mit einem christlichen Hintergrund schreibe und arbeite, musste ich auch der Frage nachgehen, wie weit das Konzept der aktiven Schule „christlich“ ist. Die christliche Homeschool-Szene, soweit ich sie beobachten kann, scheint sich weitgehend von den Ideen Raymond Moores abgewandt und einem schulbuchmässigen Vorgehen nach starrem Lehrplan zugewandt zu haben. Bildungsformen wie die „aktive Schule“ scheinen dagegen vor allem in „alternativen“, „grünen“ und „New-Age“-Kreisen Anklang zu finden. In einem Internetartikel wurde die Auffassung vertreten, einem Kind zu erlauben, seinen Interessen nachzugehen, stünde einer christlichen Disziplin entgegen. Andere Evangelikale haben schon argumentiert, der in Römer 13,1-5 verlangte Gehorsam gegenüber der Regierung schliesse ein, die Kinder in eine staatliche (oder zumindest vom Staat anerkannte) Schule zu schicken. Was sagt die Bibel dazu?

– Die Regierung ist nach Römer 13,1-5 von Gott dazu eingesetzt, Übeltäter zu bestrafen und jene zu loben, die das Gute tun – aber nicht dazu, Kinder zu erziehen. Zur Kindererziehung sind ganz eindeutig die Eltern beauftragt, nicht der Staat (siehe z.B. 2.Mose 20,12, 5.Mose 6,6-7, Sprüche 1,8, 4,1-4 u.v.a, Epheser 6,1-4, Kolosser 3,20-21). Eltern, die ihre Kinder selber erziehen, erfüllen damit auf vollkommene Weise den Auftrag Gottes, tun also damit etwas Gutes und sollten deshalb von der Regierung erst recht gelobt und unterstützt werden. Dasselbe gilt für Schulen, die Kinder aus christlichen Familien im Auftrag deren Eltern nach christlichen Prinzipien ausbilden – auch (oder erst recht) wenn sie zu diesem Zweck ihre eigenen Lehrpläne und Methoden aufstellen, statt einfach die staatlichen zu übernehmen.

– Was die Kindererziehung in der Familie betrifft, so soll diese „in Disziplin und Ermahnung des Herrn“ erfolgen (Epheser 6,4). Derselbe Vers sagt aber auch: „Ihr Eltern, reizt eure Kinder nicht zum Zorn.“ Oder ähnlich in Kolosser 3,21: „Ihr Eltern, reizt eure Kinder nicht (wörtlich: zur Eifersucht), damit sie nicht mutlos werden.“ – Wenn Kinder einer Unterrichtsform ausgesetzt werden, die ihnen wesensmässig nicht entspricht, und sie dann noch dafür bestraft werden, dass sie dieser Unterrichtsform nicht folgen können, geschieht dann nicht genau das: sie werden zum Zorn und zur Eifersucht gereizt, und im Endeffekt entmutigt?

Jesus sagte: „Ich versichere euch, wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt wie dieses Kind, der ist der Grösste im Himmelreich.“ (Matthäus 18,3-4). – Bedeutet das nicht für die Pädagogik, dass Kinder nicht gezwungen werden sollten, wie Erwachsene zu denken; sondern dass im Gegenteil die Erwachsenen sich bemühen („erniedrigen“) sollen, das Denken der Kinder zu verstehen, und ihnen Gelegenheit geben sollen, die Dinge ihrem kindlichen Denken gemäss zu lernen?

Natürlich bedeutet das nicht, Kinder seien an sich gut und man solle sie nur gewähren lassen. Im geistlichen und moralischen Bereich brauchen sie eine klare Führung. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ihre Lernweise und Lerninhalte starr vorgeschrieben oder einem „erwachsenen“ Muster angeglichen werden müssten.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Gott selber an mehreren Stellen sagt, dass er von uns Menschen gesucht werden möchte:
„Sucht den Herrn, solange er sich finden lässt; ruft zu ihm, jetzt, da er nahe ist!“ (Jesaja 55,6)
„Ich habe lieb, die mich lieben; und die nach mir suchen, werden mich finden.“ (Sprüche 8,17)
„Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch geöffnet werden!“ (Matthäus 7,7)

Gerade die Erkenntnis Gottes kann nicht einem Menschen passiv eingetrichtert werden wie ein Schulstoff; sie muss aktiv gesucht und „entdeckt“ werden. Können wir nicht daraus schliessen, dass Gott selber eine Vorliebe hat für die „aktive Methode“?

Wir könnten auch die Lehrmethoden Jesu untersuchen. Sicher, er hat ab und zu seinen Jüngern Lehrvorträge gehalten. Öfter aber hat er ihnen nur Gedankenanstösse gegeben (z.B. in Form von Gleichnissen) und wartete dann darauf, dass sie selber ihn um nähere Erklärungen baten. Und noch öfter hat er einfach mit ihnen zusammen gelebt, ihnen durch sein praktisches Handeln ein Vorbild gegeben, oder sie zu eigenen Erfahrungen herausgefordert.

Interessant ist auch zu sehen, was in der Bibel nicht geschrieben steht, obwohl es von vielen heutigen Christen als selbstverständlich und „christlich“ angesehen wird. Z.B. steht in der Bibel nirgends, Kinder müssten zur Schule gehen. Ebensowenig steht in der Bibel, die Unterweisung von Kindern (sei es in einer Schule oder in der Familie) müsse einem Lehrplan unterworfen sein, oder Kinder müssten in einem bestimmten Alter bestimmte Inhalte lernen. Die damaligen Lehrer (z.B. die Rabbiner) stellten durchaus solche Pläne auf; aber bezeichnenderweise finden wir in der Bibel nichts davon.

Nochmals zum Thema der Disziplin und Autorität. In der traditionellen Schule beruht die Diszplin weitgehend auf der persönlichen und willkürlichen Autorität des Lehrers: Wenn der Lehrer entscheidet, dass jetzt alle auf Seite 57 im Lesebuch lesen müssen, dann müssen alle Kinder das tun – obwohl ein Kind viel mehr an der Geschichte auf Seite 142 interessiert wäre, und ein anderes viel lieber Blumen abzeichnen würde. Es gibt in dieser Situation keine rationale Begründung dafür, warum es für alle Kinder (angeblich) das Beste sei, genau in diesem Moment genau die Seite 57 zu lesen – wäre nicht die Seite 142 oder das Abzeichnen von Blumen genauso gut?
In der aktiven Schule hingegen beruht die Disziplin auf der zum voraus festgelegten Hausordnung (die sowohl für die Schüler wie auch für die Lehrer gilt), und auf den „Spielregeln“ zum Gebrauch der Spiele und Materialien. Das ist ein objektiver Massstab, der objektiv überprüft werden kann – weshalb z.B. auch die Kinder einander gegenseitig überprüfen können und deshalb in vielen Situationen die Anwesenheit eines erwachsenen Betreuers gar nicht notwendig ist.
Ich behaupte, dass das ein grundlegend christlich inspirierter Gedanke ist (auch wenn er von Nichtchristen vertreten wird). Gottes Autorität ist nicht willkürlich, sondern er hat sich selber auf ein schriftliches „Gesetz“ festgelegt. Ebenso darf auch ein christlicher Leiter (Vater, Lehrer, …) nicht willkürlich „regieren“, sondern soll am Wort Gottes geprüft werden: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29). Gerade in einem Land wie Perú, wo bis heute auf allen Ebenen die Willkür herrscht, ist es so wichtig, den Kindern beizubringen, dass Gott nicht möchte, dass wir einer Willkürherrschaft unterworfen sind; sondern dass es absolute, unumstössliche Gebote gibt, denen selbst der Staatspräsident (und auch der Vater und der Lehrer…) gehorchen muss. Und dass innerhalb des Rahmens dieser Gebote Gott uns eine grosse Freiheit gibt. Und ausserdem, dass wir verantwortlich sind, Entscheidungen zu treffen (und auch deren Folgen zu tragen…), statt immer andere Menschen über unser Leben entscheiden zu lassen (und dann über die Folgen zu klagen…)
Natürlich stellt sich dann die Frage, wer ermächtigt ist, die Gesetze aufzustellen. In dieser Hinsicht unterscheiden wir uns von nichtchristlichen Gruppen und Institutionen, indem wir unsere Hausordnung und unsere „Gesetze“ ganz klar auf das Wort Gottes gründen und immer klarstellen, dass die Gebote Gottes über allen von Menschen aufgestellten Regeln und Gesetzen stehen.

Ich glaube also, dass der Grundgedanke der „aktiven Schule“ (sei es als Schule oder – noch besser – als Familie) durchaus mit einem christlichen Leben vereinbar ist (jedenfalls besser als die Idee der Staatsschule). Und ich bin betrübt und beschämt darüber, dass diese Idee bisher fast ausschliesslich von Nichtchristen vertreten und verwirklicht wird (die damit übrigens ein sehr gutes Beispiel geben), während die meisten Christen, die ich kenne, mit dem Strom des staatlichen Systems mitschwimmen und Alternativen bekämpfen. Hier wäre eine Gelegenheit, Pioniergeist zu zeigen…