Archive for April 2011

Mathematikunterricht: eine Frage der Bürokratie oder der Prinzipien?

29. April 2011

Vorbemerkung: Dies ist die nur unwesentlich geänderte Wiedergabe eines ursprünglich auf Spanisch veröffentlichten Artikels, vor dem Hintergrund des peruanischen Schulsystems. Einige Abschnitte sind deshalb auf europäische Verhältnisse nur begrenzt anwendbar. Soweit ich die weltweite Entwicklung beobachten kann, sehe ich es jedoch nicht als wahrscheinlich an, dass sich Perú den europäischen Verhältnissen angleichen wird; viel wahrscheinlicher ist, dass sich auch die europäischen Schulsysteme zunehmend in die Richtung der hier beschriebenen bürokratischen Erziehung bewegen werden.


Es scheint, dass die Mathematik einen schlechten Ruf hat: „Mathematik ist schwierig.“ – „Ich kann die Mathematik nicht verstehen.“ – Wenn ein Schüler mit seinen Hausaufgaben nicht klarkommt und Hilfe sucht, geht es meistens um Mathematik. Persönlich sehe ich diese Schwierigkeit nicht, und beim Unterrichten meiner eigenen Kinder auch nicht. Mathematik ist im Grunde nicht schwierig. Zumindest nicht auf Volksschulniveau. Aber nachdem ich eine grössere Anzahl dem Schulsystem unterworfener Kinder beobachten konnte, auf den verschiedensten Stufen, kam ich zu den folgenden herausfordernden Schlussfolgerungen:

– Mathematik zu unterrichten und zu lernen ist eine Frage der Prinzipien und des Glaubens.

– Mathematik ist im Grunde nicht schwierig; aber die bürokratische Funktionsweise des Schulsystems hat sie schwerverständlich gemacht.

Wie kam ich zu diesen Schlussfolgerungen?

Mathematik hat mit Prinzipien zu tun

Wenn ich diesen Punkt erklären möchte, habe ich bereits ein Problem. Manche Menschen wissen nicht, was „Prinzipien“ sind. Ich nehme an, das kommt daher, dass sie keine haben. Ein „Prinzip“ ist eine so tiefe Überzeugung, dass sie sich nicht von den Umständen ändern lässt. Ein Mensch, der Prinzipien hat, lässt sich nicht von jeder Strömung mitreissen. Er lässt sich nicht auf faule Kompromisse ein und lässt sich nicht bestechen. Ein „Prinzip“ ist ein Fundament, das das ganze Leben stützt, so wie ein Gebäude von seinem Fundament getragen wird.

Ein Beispiel: Eine „ehrliche“ Person, „gewöhnlich ehrlich“ sozusagen, ist jemand, der normalerweise die Wahrheit sagt, normalerweise bei seinen Geschäften nicht betrügt, usw. – aber es kann Ausnahmen geben. Vielleicht wird diese Person lügen oder betrügen, wenn sie sich unter starkem Druck befindet. Oder wenn sie denkt, es diene einer „guten und gerechten Sache“. – Es gibt viele solche „gewöhnlich ehrliche“ Menschen. Aber es gibt sehr wenige Menschen, die prinzipiell ehrlich sind. Wer nach dem Prinzip der Ehrlichkeit lebt, wird immer ehrlich sein. Diese Person wird grundsätzlich nicht lügen oder betrügen. Nicht einmal unter Druck. Nicht einmal zugunsten einer „guten und gerechten Sache“. Das Prinzip der Ehrlichkeit ist ein Fundament ihrer Persönlichkeit. Würde diese Person lügen oder betrügen, dann verlöre sie einen Teil ihrer Persönlichkeit.

Die Mathematik ist auf Prinzipien begründet. Die Mathematik ändert sich nicht je nach den Umständen, und auch nicht je nach der politischen Partei, die gerade an der Macht ist. Die Mathematik lässt sich nicht bestechen. Die Mathematik kennt nicht einmal kulturelle Unterschiede: ein asiatischer und ein südamerikanischer Mathematiker, die beide dasselbe Problem behandeln, werden – wenn auch vielleicht auf unterschiedlichen Wegen – notwendigerweise beide zum selben Ergebnis kommen (ausser einer von ihnen macht einen Fehler). Die Prinzipien der Mathematik sind universal und ewig.

Deshalb wird es für einen prinzipienlosen Menschen schwierig sein, die Mathematik zu verstehen. Eine „gewöhnlich ehrliche“ Person kann nicht verstehen, warum sie nicht für einmal ihre Ehrlichkeit beiseite lassen sollte, wenn es darum geht, die Sache ihres besten Freundes zu verteidigen. Und ebensowenig wird diese Person verstehen, warum sie nicht für einmal die Potenzgesetze ausser acht lassen sollte, nur für ein einziges Mal.

Aber die Prinzipien sind das Fundament der Mathematik. Sie sind nicht einfach „Verzierungen“ oder „Wissensfragmente“. Sie sind die Grundlage, welche das Gebäude der Mathematik aufrechterhält. Würde ein einziges mathematisches Prinzip gebrochen, dann wäre die Mathematik keine Mathematik mehr. Deshalb ist es notwendig, Prinzipien zu haben, um die Mathematik verstehen zu können.

Mathematik ist eine Frage des Glaubens

Ich gehe noch einen Schritt weiter. Ich sagte, die Prinzipien der Mathematik seien universal und ewig. D.h. sie gelten für jeden Menschen, an jedem Ort des Universums, und für alle Zeiten. Im Unterschied zu den anderen Wissenschaften kann es in der Mathematik keine einander widersprechenden „Strömungen“ geben. In der Physik kann man darüber diskutieren, ob das Licht aus Wellen, aus Teilchen oder aus beidem besteht. In der Psychologie kann diskutiert werden, ob der Mensch stärker von seiner Veranlagung oder von seiner Umwelt bestimmt wird. Jede Wissenschaft kennt solche Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Richtungen, und oft ist es nicht möglich zu beweisen, wer recht hat. Aber in der Mathematik kann mit Sicherheit bewiesen werden, was richtig und was falsch ist. Und wenn eine mathematische Wahrheit einmal bewiesen ist, dann wird sie von allen Mathematikern der Welt akzeptiert, und die Diskussion ist beendet.

(Anm: Im Zuge der „modernen Mathematik“, Gödels Theorem, usw, hat es zwar im Laufe des 20.Jh. prinzipielle Auseinandersetzungen über den „richtigen“ Zugang zur Mathematik gegeben. Ich würde aber auch da nicht von gegensätzlichen Strömungen innerhalb der Mathematik sprechen, sondern von gegensätzlichen Strömungen innerhalb der Philosophie der Mathematik.)

Hier berühren wir eine philosophische Frage, die ich nicht in ihrer ganzen Tiefe behandeln kann: Ist die Mathematik eine Erfindung des menschlichen Geistes, oder existiert sie unabhängig von uns Menschen? Einerseits ist es offensichtlich das eigene Denken des individuellen Mathematikers, welches die Mathematik weiterentwickelt und „erfindet“. Wäre aber die Mathematik eine reine Erfindung unseres Geistes, dann könnten wir sie nach Belieben manipulieren und abändern. Jeder könnte seine eigene Mathematik erfinden; oder eine Regierung könnte ihren Untertanen eine „offizielle“ und „politisch korrekte“ Mathematik verordnen. Aber wenn es so wäre, wie erklärt sich dann die Tatsache, dass alle Mathematiker der Welt dieselben mathematischen Wahrheiten akzeptieren und dieselben Fehler als falsch bezeichnen? Und wie erklärt sich dann die Tatsache, dass die Mathematik genau dem uns umgebenden Universum entspricht, sodass z.B. die Umlaufbahnen der Planeten mathematisch berechnet werden können? (Mit mathematischen Gesetzen, die schon bekannt waren, lange bevor jemand diese Umlaufbahnen zu berechnen versuchte.) – Nein, die Mathematik muss etwas sein, was über uns Menschen hinausgeht. Die Mathematik deutet uns an, dass es ewige und absolute Wahrheiten gibt, die sich weder mit der Zeit noch mit den Umständen ändern. Die Mathematik deutet uns an, dass es einen grossen Verstand jenseits von uns Menschen gibt, der vernünftig denkt und der das Universum ordnet, und der dieses Universum auf ewige Prinzipien gründete.

Als Christ glaube ich, dass dieser grosse Verstand dem Gott gehört, von dem die Bibel spricht. So steht es im Buch der Psalmen (in einer mehr dichterischen als mathematischen Sprache):

„Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und das Firmament verkündigt das Werk seiner Hände.
Ein Tag sagt es dem andern, und eine Nacht tut der andern Weisheit kund.“
(Psalm 19,2-3)

„Durch deine Ordnungen besteht alles bis heute, denn alles muss dir dienen.“
(Psalm 119,91)

Deshalb ist Mathematik eine Glaubensfrage. Um Mathematik treiben zu können, ist es nötig zu glauben, dass es eine Wirklichkeit jenseits von uns selber gibt, und dass es in dieser Wirklichkeit absolute und ewige Prinzipien gibt.

Auch ein Mathematiker, der nicht an Gott glaubt, muss immer noch gewisse Wahrheiten „im Glauben annehmen“, um Mathematik treiben zu können. Diese Wahrheiten werden Axiome genannt. Wenn wir die Mathematik auf ein logisches Fundament stellen wollen und alle ihre Gesetze exakt beweisen wollen, dann stossen wir letztlich auf einige grundlegende Prinzipien, die wir nicht beweisen können. Z.B. dass die Zahlen existieren und geordnet werden können. Oder dass, wenn zwei Dinge einem dritten gleich sind, diese beiden auch unter sich gleich sein müssen. (D.h. wenn A=C und B=C, dann ist auch A=B.) Solche Axiome können nicht bewiesen werden; aber sie sind notwendig, um ein logisch schlüssiges Gebäude der Mathematik aufbauen zu können. Mit anderen Worten: Sie müssen im Glauben angenommen werden.

Deshalb sage ich, Mathematik sei eine Frage des Glaubens. Unter „Glauben“ verstehe ich in diesem Zusammenhang: eine feste Überzeugung, die sich auf Wahrheiten jenseits unseres eigenen Geistes und unserer sichtbaren Welt abstützt.

Ich sage damit nicht etwa, nur ein Jude oder Christ könne Mathematik treiben. Es gab grosse Mathematiker, die nicht an den Gott der Bibel glaubten. Aber zumindest ein „mathematischer Glaube“ im soeben beschriebenen Sinne ist sicherlich nötig. Ein Mathematiklehrer muss in seinen Schülern zumindest diesen Glauben wecken können: dass die Welt von festen Prinzipien regiert wird, die grösser sind als wir selber; und dass er, der Schüler, selber diese Prinzipien anwenden kann und sogar einige von ihnen selber entdecken kann. Und zugleich braucht ein Mathematiklehrer die Demut anzuerkennen, dass er selber sich diesen Prinzipien unterwerfen muss; dass er weder „Eigentümer“ noch „Herr“ des Stoffes ist, den er unterrichtet.

Bürokratischer Mathematikunterricht

Es ist nicht einfach zu erklären, was ich unter einer „auf Prinzipien aufgebauten Mathematik“ verstehe. Vielleicht wird es besser verständlich, wenn wir sie mit ihrem Gegenteil vergleichen, der „bürokratischen Mathematik“. Ich beobachte, dass die meisten Kinder und Jugendlichen heutzutage einem bürokratischen Mathematikunterricht unterworfen werden. Ich werde einige Anzeichen davon beschreiben, und einige der Probleme, die dadurch verursacht werden.

Der bürokratische Unterricht betont „das richtige Vorgehen“, ohne sich um das Verständnis zu kümmern.

„Diese Zahl gehört in dieses Häuschen, diese wird mit jener zusammengezählt, und das Ergebnis wird rot unterstrichen.“ Und wenn der Schüler die Rechnung mit Hilfe eines anderen Vorgehens löst, oder das Ergebnis blau statt rot unterstreicht, dann wird seine Arbeit zurückgewiesen, selbst wenn sie mathematisch korrekt ist. Genau wie im Papierkram der staatlichen Bürokratie, wo der Bürger täglich mit sinnlosen Forderungen schikaniert wird: „Nein, Sie können Ihre Unterlagen nicht in einer solchen Mappe einreichen, sie müssen eine in unserem Büro kaufen.“ Usw. usw. Und niemand darf fragen warum.

Was kommt bei einem solchen Unterricht heraus?

– Der Schüler wird abgelenkt und verwirrt von einer Menge Einzelheiten, die überhaupt nichts mit Mathematik zu tun haben. Wenn er zufällig nur einen schwarzen Kugelschreiber hat statt eines roten, dann kann er seine Rechnung nicht mehr lösen. In seinem Geist gewinnt er den Eindruck, die Form des Unterstreichens (oder irgendein anderes unwichtiges Detail) sei wichtiger als die Rechnung an sich.
– Der Schüler lernt, mechanisch einen Prozess zu wiederholen, ohne dessen Sinn zu verstehen. Er lernt das „Wie“, aber nicht das „Warum“. Und so lernt er in Wirklichkeit überhaupt keine Mathematik. Mechanisch Rechnungen ausführen, das kann auch ein Taschenrechner; das ist noch keine Mathematik. Der bürokratische Unterricht reduziert die Schüler zu Taschenrechnern. Mathematik zu lernen würde bedeuten, die Prinzipien zu lernen, auf denen sie beruht. Aber hierfür ist kein Platz in einem bürokratischen Unterricht.
– Ohne ein Verständnis der Prinzipien haben die Vorgehensweisen keinen Sinn. Aber ein sinnloses Vorgehen ist schwieriger zu erlernen als eines, dessen Sinn man versteht. Deshalb gewinnt der Schüler den Eindruck, Mathematik sei schwierig und unverständlich. So wird er entmutigt.

Hier einige authentische Beispiele:

– Eine Schülerin löst eine Multiplikation mit mehreren Ziffern. Während sie eine Ziffer schreibt, frage ich sie: „Warum schreibst du diese Ziffer hier?“ – Die Schülerin sieht mich gross an, offensichtlich verwirrt. Anscheinend hat ihr niemand je eine solche Frage gestellt. Sie weiss nicht, was sie antworten soll, sieht ihr Heft an, und beginnt schliesslich die soeben geschriebene Ziffer auszuradieren. – „Du musst sie nicht ausradieren, ich habe nicht gesagt, es sei falsch. Ich möchte nur, dass du mir erklärst, warum du es auf diese Weise machst.“ – Aber die Schülerin kann nicht antworten. Sie hat nur gelernt, mechanisch den Befehlen zu gehorchen; aber sie hat nicht gelernt zu denken. Sie kennt nur das „Wie“, aber nicht das „Warum“.

– Einem anderen, etwas jüngeren Schüler schrieb ich eine Addition in sein Heft und bat ihn, sie zu lösen. Seine Antwort: „Ich kann nur senkrecht zusammenzählen, aber nicht waagrecht.“ – Für ihn war das „richtige Vorgehen“ alles. Er verstand nicht, dass das Prinzip einer Addition genau dasselbe ist, unabhängig davon, wie man sie aufschreibt. Hätte er Prinzipien gelernt, dann hätte er dieses Problem nicht.

– Ein Schüler sollte den Bruch 300/500 kürzen: „Zuerst nehme ich die Hälfte, das gibt 150/250. Ich kann nochmals mit zwei kürzen, dann habe ich … (hier brauchte er etwas länger) … 75/125. Und jetzt mit drei…“ – und nachdem er es einige Zeit lang probiert hatte, gab er auf. Ich zeigte auf den ursprünglichen Bruch und sagte: „Beachte, dass beide Zahlen mit zwei Nullen enden. Sagt dir das nicht, dass du es einfacher machen kannst?“ – Nachdem ich ihn an einige zusätzliche Überlegungen herangeführt hatte, war er schliesslich imstande zu erkennen, dass beide Zahlen Vielfache von 100 waren. Aber das löste sein Problem noch nicht. Die grosse Frage, die ihn beunruhigte, war: „Darf man denn direkt mit 100 kürzen? Mein Lehrer hat mir beigebracht, dass man immer zuerst mit zwei kürzen muss, dann mit drei …“ – Kein Kommentar dazu.

Wenn Mathematik ohne Prinzipien unterrichtet wird, dann lernen die Schüler lauter unzusammenhängende Wissensfragmente. Ein Schüler hatte Mühe, das Distributivgesetz zu verstehen. Andererseits konnte er sehr gut Zahlen mit mehreren Ziffern multiplizieren. Aber er machte es rein mechanisch, ohne das Warum zu verstehen (wie die meisten Schüler). Es kam ihm nie in den Sinn, es könnte irgendein Zusammenhang bestehen zwischen den beiden Dingen. Wir machten einige Übungen, um ihm beim Verständnis zu helfen, wie sich die Multiplikation einer Zahl mit mehreren Ziffern zusammensetzt:

3 x 3713 =

3 x (3000
+ 700
+ 10
+ 3)

= 3 x 3000
+ 3 x 700
+ 3 x 10
+ 3 x 3

= 9000
+2100
+30
+9

     

= 11139

So kam schliesslich der Moment, wo dieser Schüler eine grosse Erleuchtung hatte: Er verstand, dass er die ganze Zeit schon unwissentlich das Distributivgesetz angewandt hatte, jedesmal, wenn er eine Zahl mit mehreren Ziffern multiplizierte!
Aber die meisten Schüler verstehen diesen Zusammenhang nie. Irgendwann lernen sie die Multiplikation als mechanisches Vorgehen („diese Ziffer in dieses Häuschen und jene Ziffer in jenes Häuschen…“), und niemand sagt ihnen, warum man es so macht. Und in irgendeiner anderen Schulstunde, zu einer ganz anderen Zeit des Schuljahres, lernen sie das Distributivgesetz, mit einigen dummen Übungsaufgaben ohne jeden praktischen Sinn. Nur weil im Lehrplan steht, jetzt sei das Distributivgesetz dran. Und bald vergessen sie es wieder, denn sie sehen keinen Sinn darin, es zu lernen. Schliesslich wurde dieses Gesetz ja nur dazu erfunden, die Schüler zu langweilen, und niemand braucht es je, nicht wahr?

Der bürokratische Unterricht betont die blinde Unterwerfung unter die Autorität, und die äusserliche Anpassung.

Ich erwähnte eine Schülerin, die nicht erklären konnte, warum sie eine Multiplikation so ausführte, wie sie es tat. Eine ehrliche Antwort wäre wahrscheinlich gewesen: „Ich mache es so, weil der Lehrer mir eine schlechte Note gibt oder mich bestraft, wenn ich es anders mache.“

In einem bürokratischen System ist Anpassung alles. Niemand wagt es, anders zu sein; niemand wagt es zuzugeben, wenn er etwas nicht versteht; niemand wagt es, originell oder kreativ zu sein. Einer meiner Söhne löste eine Zeitlang seine Kopfrechnungen auf ziemlich „kreative“ Art. So konnte er z.B. 6×14 auf folgende Weise multiplizieren: „6×10 gibt 60, die Hälfte von 60 ist 30, 60+30=90, ich ziehe 6 ab und es gibt 84.“ Das Interessante daran war, dass seine „kreativen Lösungen“ immer richtig waren. Aber ein bürokratischer Unterricht würgt solche Kreativität ab. Jene Schüler, die sich nicht dem grossen Haufen anpassen, werden mit schlechten Noten oder mit dem Spott ihrer Mitschüler bestraft.

Dieser Zwang zur Anpassung bringt ausserdem verschiedene Arten von krankhaftem und abwegigem Verhalten hervor. Ich erwähne hier nur ein Beispiel: das „Erraten der richtigen Antwort“. Die Schüler finden bald heraus, dass nur der äussere Anschein zählt. Sie entdecken, dass sie mit einer guten Antwort Punkte sammeln können – unabhängig davon, ob sie selber die Antwort verstehen oder nicht. Und sie entdecken, dass sie die richtige Antwort oft erraten können. Der Lehrer fragt bei einer Textaufgabe: „Wie wird diese Aufgabe gelöst?“ – Normalerweise gibt es nur vier mögliche Antworten: „Man muss zusammenzählen“, „Man muss wegzählen“, „Man muss multiplizieren“, „Man muss teilen.“ (In den höheren Klassen reduzieren sich die Möglichkeiten auf eine einzige: „Man muss eine Gleichung machen.“) Wenn ich also aufs Geratewohl eine dieser Antworten sage, dann gibt es eine ziemlich grosse Wahrscheinlichkeit, dass sie richtig ist. Und falls sie nicht richtig ist, so falle ich wenigstens durch rege Beteiligung auf.
Einmal traf ich einen Erstklässler an, der in seiner Hand ein Leseblatt hielt mit einer Zeichnung von einem Finger mit seinem Fingernagel. Darunter stand in grossen Buchstaben das Wort „Fingernagel“. (Auf Spanisch heisst dieses Wort kurz „uña“ und dient zur Einführung des seltenen Buchstabens „ñ“.) Ich fragte ihn: „Kannst du schon lesen?“ – „Ja, natürlich.“ – „Was steht denn hier?“ – Sofort antwortete der Kleine: „Dedo“ („Finger“). – Aber er sagte es nicht einfach so; er bot eine perfekte Show: Er fuhr mit seinem Finger den Buchstaben entlang und sagte mit Abständen, als ob er buchstabieren würde: „De- do.“ In seinem jungen Alter hatte er bereits die wichtigste Lektion eines Schülers der Bürokratie gelernt: wie man seinen Lehrer mit dem äusseren Anschein beeindruckt.

Leider hilft eine solche Haltung überhaupt nicht zum Erlernen der Mathematik. Im Gegenteil, sie kann das Lernen lebenslang behindern. Vor allem, weil die Schüler damit eine völlig falsche Vorstellung davon bekommen, worum es bei der Mathematik geht. Sie verstehen das Grundlegendste nicht: dass Mathematik bedeutet, Prinzipien anzuwenden. Stattdessen denken sie, Mathematik sei so etwas wie ein Glücksspiel, und das „Erraten“ sei die richtige Methode. So wie einige Schüler hier sich angewöhnt haben, bei ihren Rechnungsprüfungen zu beten: „Heilige Maria, gib mir Glück“ … um dann aufs Geratewohl irgendwelche Antworten anzukreuzen.

Und diese „Ratekünstler“ erzielen bei den Prüfungen erstaunlich gute Ergebnisse. Nicht nur, weil einige von ihnen vom Nachbarn abschreiben; sondern auch, weil heutzutage fast alle Übungen und Prüfungen aus Mehrfachantworten zum Ankreuzen bestehen. Natürlich erleichtert das die Korrekturarbeit für den Lehrer (er kann diese Arbeit sogar einem Computer überlassen); aber es lädt zum „Ratespielen“ geradezu ein. Wie wäre es mit dieser Aufgabe?

356 x 22 = ? A) 1 B) 2 C) 3 D) 7832

Ich weiss, ich bin ein wenig sarkastisch. Aber im Ernst, man kann den Verdummungseffekt dieser Mehrfachantworten gar nicht überschätzen. Die Schüler haben sich bereits daran gewöhnt, einfach die „richtige Alternative“ zu suchen, statt logisch zu überlegen. Das ist eine sehr schlechte Vorbereitung für das Leben, denn die Probleme des wirklichen Lebens bestehen nicht aus Mehrfachantworten. Insbesondere in der Mathematik: die Menge der möglichen Lösungen eines mathematischen Problems ist normalerweise unendlich! Sogar für ein so einfaches Problem wie dieses: „Peter wohnt über Paul, Friedrich wohnt über Peter, wer wohnt im Keller?“ – Antwort: die Mäuse. – (Ich versuche nur, dieses gewichtige Thema ein wenig aufzuheitern.)

Tatsache ist: Die möglichen Antworten auf vier oder fünf Alternativen zu begrenzen, bedeutet das Denken des Schülers einzuschränken. Die grossen Wissenschafter der Vergangenheit zeichneten sich gerade dadurch aus, dass sie die Grenzen der Möglichkeiten überschritten, die ihnen von ihren Zeitgenossen angeboten wurden. Hier ein historisches Beispiel:

Als die Astronomen von Kopernikus an das heliozentrische System zu übernehmen begannen, versuchten sie die Umlaufbahnen der Planeten um die Sonne zu berechnen. Zuerst nahmen sie allgemein an, diese Bahnen müssten Kreise sein. (Diese Idee kam noch von den alten Griechen her, die sich den Himmel aus mehreren vollkommenen „Sphären“ oder Kugeln zusammengesetzt dachten.) Aber die immer genaueren Beobachtungsdaten der Planeten stimmten nie genau mit den kreisförmigen Umlaufbahnen überein, die von den Astronomen errechnet wurden. Also dachten sie, die Planeten beschrieben vielleicht zusätzlich kleinere Kreise, die sich dem grossen Kreis der Umlaufbahn überlagerten. Während vielen Jahren versuchten sie, eine Kombination von Kreisen zu finden, die den Beobachtungen entsprach; aber es blieb immer ein Fehler. Ihr Problem bestand darin, dass sie die möglichen Antworten auf wenige Möglichkeiten eingeschränkt hatten:

Die Umlaufbahn des Planeten ist:
A) ein Kreis
B) ein Kreis, dem sich ein kleinerer Kreis überlagert
C) ein Kreis, dem sich zwei kleinere Kreise überlagern
D) eine andere Kombination von Kreisen.

Erst viele Jahrzehnte später fand Johannes Kepler die Lösung, die ihn berühmt machte: Die Umlaufbahnen der Planeten sind überhaupt keine Kombinationen von Kreisen, sondern Ellipsen. Um diese Lösung zu finden, musste Kepler die Begrenzungen niederreissen, denen frühere Astronomen die möglichen Antworten unterworfen hatten.

– Alle diese Probleme mit dem „Erraten der richtigen Antwort“ und der äusserlichen Anpassung sind eigentlich charakterliche, ethische und moralische Probleme. Wer bewusst den Anschein erweckt, er verstünde etwas, was er in Wirklichkeit nicht versteht, ist nicht ehrlich. Und das trägt überhaupt nicht dazu bei, Mathematik zu lernen.

In einem bürokratischen System gibt es immer irgendeine Möglichkeit, das System zu überlisten und zu erreichen, was man möchte. Man kann den Polizisten oder Funktionär bestechen; man kann das Gesetz übertreten, wenn es niemand sieht; man kann sogar selber zu einer Autoritätsperson werden und dann die Gesetze nach Belieben ändern. Aber in der Mathematik funktioniert nichts von alledem. Die Mathematik lässt sich nicht bestechen; die mathematischen Gesetze erfüllen sich auch dann exakt, wenn niemand zuschaut; und niemand hat Autorität, die Gesetze der Mathematik zu ändern. Die Techniken, die die Menschen entwickeln, um in einer Bürokratie zu überleben, taugen nichts in der Mathematik. Das ist ein Grund mehr, warum die wenigsten in einem bürokratischen System ausgebildeten Schüler etwas von Mathematik verstehen. Sie können den „Geist der Mathematik“ gar nicht verstehen in einem solchen System.

Jemand könnte nun sagen: „Die Bürokratie ist nun einmal die Wirklichkeit dieser Welt, also müssen wir damit leben.“ Aber das Universum ist nicht bürokratisch. Die Planeten bewegen sich nach mathematischen, nicht nach bürokratischen Gesetzmässigkeiten. Und deshalb ist es die Mathematik, nicht die Bürokratie, welche der „wirklichen Wirklichkeit“ des Universums entspricht.

(Fortsetzung folgt)

Advertisements

Wahlen in Perú

18. April 2011

Vor einer Woche wurde der neue peruanische Kongress gewählt; und aus zehn Präsidentschaftskandidaten (von denen sich aber nur fünf in den Medien Gehör verschaffen konnten) wurden jene zwei ausgewählt, die sich beim zweiten Wahlgang anfangs Juni gegenüberstehen werden. Ich ergreife die Gelegenheit, um ein wenig das Umfeld zu beschreiben, in welchem wir hier leben, bzw. in naher Zukunft voraussichtlich leben werden.

Zunächst ein Umstand, der aus europäischer Sicht nicht so leicht verstanden wird: Wahlen sind hierzulande ganz ausgeprägte Persönlichkeitswahlen; d.h. Parteiprogramme und Prinzipien spielen bei der Entscheidung kaum eine Rolle. So gut wie jeder Kandidat, der Präsident werden will, gründet zu diesem Zweck seine eigene Partei; deren Programm ist dabei eher nebensächlich. Tatsächlich glichen sich dieses Jahr viele Vorschläge der Kandidaten so sehr, dass man beinahe denken musste, einer hätte vom anderen abgeschrieben. Politische Parteien sind hierzulande also nicht in erster Linie Organisationen zur Verwirklichung eines politischen Programms, sondern persönliche Unterstützungsorganisationen eines bestimmten Kandidaten und Parteigründers. Die einzige heute noch existierende Partei, die eine längere Tradition und ein einigermassen fest umrissenes Programm hat, ist die ursprünglich radikal-revolutionäre, heute aber gemässigt-sozialdemokratische APRA. Gerade diese Partei (welcher der abtretende Staatspräsident Alan García angehört) hat sich aber dieses Jahr innerlich zerstritten, sodass sie sich auf keinen Präsidentschaftskandidaten einigen konnten. In der Folge verloren sie auch von ihren 36 Sitzen im Kongress alle bis auf vier. So kann eine – wenn auch noch so traditionsreiche – Partei fast von einem Tag auf den anderen verschwinden, wenn sie keinen „starken Mann an der Spitze“ mehr vorzuweisen hat.

Die Gründe für diese Abwesenheit von Prinzipien und Programmen sehe ich in der Kultur und Geschichte dieses Landes. Mindestens seit der Inkazeit sind sich die Peruaner gewohnt, einem „starken Mann“ blindlings zu folgen. Die spanische Eroberung und Kolonialherrschaft, samt ihrer Zwangskatholisierung, verstärkte diese Tendenz noch. Da Perú nie eine Reformation erlebt hat, sind hierzulande die Prinzipien des Rechtsstaates sehr schwerverständlich. Diese sind nämlich ein Erbe der Reformation, wie Francis Schaeffer ausführt (in „Wie können wir denn leben?“):

„Die Grundlage für Freiheit ohne Chaos wird in Paul Roberts Wandgemälde dargestellt, das er Die Gerechtigkeit erhebt die Völker nannte. (…) Es befindet sich im Treppenhaus des alten Gebäudes des Obersten Gerichtshofes der Schweiz in Lausanne. (…) Robert stellte verschiedene Arten von Gerichtsfällen im Vordergrund dar, und hinter der Richterbank stehen die Richter in ihren langen, schwarzen Gewändern. Somit stellt das Bild die Frage: Wie sollen die Richter richten? Auf welcher Grundlage können sie einen Urteilsspruch fällen, von dem sich nicht sagen lässt, dass er willkürlich sei? Über den Richtern malte Robert die Gerechtigkeit mit unverbundenen Augen, und ihr Schwert ist nicht vertikal nach oben gerichtet, sondern nach unten auf ein Buch, und auf dem Buch steht geschrieben: ‚Das Gesetz Gottes.‘ Dieses Gemälde brachte die Basis für Soziologie und Rechtsprechung zum Ausdruck, die Nordeuropa nach der Reformation besass.

(…) Die ausdrückliche Lehre der Bibel, dass alle Menschen – auch Monarchen – dem Gesetz Gottes gegenüber verantwortlich sind, wurde in den Ländern in die Praxis umgesetzt, in denen die Lehre der Reformation, dass die Bibel die einzige, endgültige Autorität sei, Wurzel geschlagen hatte. Anderswo war es für die zentralisierenden Monarchen vom politischen Standpunkt aus gesehen nur natürlich, die Hilfe der hierarchischen römisch-katholischen Kirche zur Kontrolle politischer (und nicht nur religiöser) Andersgläubigkeit in Anspruch zu nehmen.

(…) Das deutlichste Beispiel für das Reformationsprinzip der politischen Kontrolle des Volkes über ihren Regenten finden wir in einem Buch, das von einem Schotten verfasst worden ist – Samuel Rutherford (1600-1661). Dieses Buch trägt den Titel Lex Rex: Das Gesetz ist König. (…) Was Paul Robert für die Richter im Gebäude des Obersten Gerichts malte, hatte Rutherford bereits in seinem Buch ausgeführt. Hier gab es ein Konzept der Freiheit ohne Chaos, denn es war eine Freiheit mit Form. Oder, anders ausgedrückt, hier gab es eine Regierung des Gesetzes an Stelle der willkürlichen Entscheidungen von Menschen – denn die Bibel als endgültige Autorität war die Grundlage. (…) Samuel Rutherfords Werk und die Tradition, auf der es beruhte, hatte einen grossen Einfluss auf die Verfassung der Vereinigten Staaten, wenngleich auch moderne Angelsachsen ihn weitgehend vergessen haben…“

Es überrascht daher nicht, dass Länder, die keine Reformation erlebt haben, den auf Gesetzen und Prinzipien beruhenden Rechtsstaat nur der Form nach übernommen haben, aber nicht den Prinzipien nach. Oder, wie der argentinische Evangelist Alberto Mottesi schreibt:

„Der lateinamerikanische Herrscher unterwirft sich im allgemeinen dem Gesetz nicht; insbesondere, wenn es ein von ihm selbst gemachtes Gesetz ist. Unsere Regierungsphilosophie ist macchiavellisch: der Herrscher macht das Gesetz. (…) Obwohl unsere Länder die nordamerikanische verfassungsmässige Form gebrauchen, haben sie den Geist nicht verstanden, der darin lebt. Deshalb haben unsere Nachahmungen nicht funktioniert. (…) Bei uns übertreten sowohl die Herrscher wie die Beherrschten gewohnheitsmässig das Gesetz, sobald keine Überwachung und keine Strafandrohung da ist. Das kommt daher, dass wir glauben, das Gesetz sei von Menschen gemacht, und es sei die Regierung, die uns Rechte gibt. So verwundert es nicht, dass wir den Herrscher als einen Potentaten sehen, der die Gelegenheit ausnützen soll, solange er sie hat.“
(Alberto Mottesi, „Amerika 500 Jahre später“)

Zurück zu den peruanischen Wahlen. Jemand hat einmal bemerkt, bei den Wahlen gehe es darum, von mehreren Übeln das kleinste zu wählen. Kaum je war dieser Spruch so treffend wie dieses Jahr. Die zwei meistgewählten Präsidentschaftskandidaten, die den Sprung in den zweiten Wahlgang geschafft haben, sind gleichzeitig die (vom jeweils anderen Segment der Bevölkerung) meistgehassten: Am meisten Stimmen erhielt Ollanta Humala, ein ehemaliger Militärkommandant, der im Jahr 2000, als das Fujimori-Regime zusammenbrach, mit einer Kompanie Soldaten den bewaffneten Aufstand probte. (Dieser Umstand scheint jedoch aus dem Bewusstsein der Bevölkerung weitgehend verschwunden zu sein). Insbesondere die armen Bergbewohner im südlichen Perú (also die Gegend, wo wir wohnen) haben mehrheitlich für Humala gestimmt. – An zweiter Stelle liegt Keiko Fujimori, die Tochter des ehemaligen Präsidenten Alberto Fujimori (1990-2000), die die Politik ihres Vaters fortsetzen möchte (oder wenigstens die positiven Aspekte davon; die negativen verschweigt sie einfach).

Was bedeutet das für die Zukunft? – Hinter Humala steht Hugo Chavez und ein marxistisches Programm. Obwohl er beide Umstände während des Wahlkampfes zu leugnen versuchte: Sein schriftlich niedergelegtes Programm sieht u.a. vor, die grossen Betriebe zu verstaatlichen, die Staatsverfassung völlig neu zu schreiben, die Meinungsäusserungsfreiheit einzuschränken, und die Wechselkurse staatlich festzulegen (letzteres eine auch im seinerzeitigen europäischen Ostblock bekannte staatliche Bereicherungstaktik). Perú würde sich damit in den kommunistischen Block eingliedern, der sich in Lateinamerika unter der Führung von Chavez allmählich formiert, und zu dem bereits die Nachbarländer Ecuador und Bolivien gehören. – Die meisten Humala-Wähler haben aber keineswegs diese Absicht (wie schon erwähnt, interessieren sie sich nicht gross für Parteiprogramme). Sie erhoffen sich einfach eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation. Sie haben genug davon, dass die Regierung in Lima ständig optimistische Zahlen über das Wirtschaftswachstum veröffentlicht, während die Lebensmittelpreise steigen und die Berggebiete so arm sind wie zuvor. „Die in Lima haben uns vergessen.“ Humala verspricht, diese Situation zu ändern.

Was Keiko Fujimori betrifft, so sind viele der Ansicht, es fehle ihr an Format, um die Geschicke des Landes zu führen. Sie ist zwar Kongressabgeordnete, hat sich aber als solche nicht besonders hervorgetan. Sodass Kommentatoren bemerkten, ihre einzige politische Errungenschaft bisher bestehe darin, Fujimori zu heissen. Kurz, es wird befürchtet, eine allfällige Präsidentschaft von Keiko Fujimori könnte zu einer „Marionettenregierung“ verkommen, die von fremden Interessen aus dem Umfeld ihres Vaters und/oder dessen berühmt-berüchtigten Beraters und Geheimdienstchefs Vladimiro Montesinos ferngesteuert würde. Ausserdem hat Keiko nie eine befriedigende Stellungnahme abgegeben zu den Verletzungen der Gewaltentrennung und der Menschenrechte unter der Regierung ihres Vaters, sodass eine Wiederholung dieser Situation nicht ausgeschlossen ist.

Die beiden Kandidaten stellen aus der Sicht der Bevölkerung die zwei extremen Gegenpole dar (obwohl in Wirklichkeit beide dieselben totalitären und diktatorischen Tendenzen teilen). Es ist deshalb wahrscheinlich, dass die Partei, die in den Wahlen unterliegt, Versuche unternehmen wird, die gewählte Regierung zu stürzen. Schon unter der gegenwärtigen Regierung Alan Garcías (die als „politische Mitte“ gilt) haben gewaltsame Proteste und revolutionäre Agitation zugenommen. Bei der gegenwärtigen Konstellation ist damit zu rechnen, dass diese Tendenz weiterhin zunehmen wird.

Nicht zuletzt: Im Hochsicherheitsgefängnis von Lima sitzen die drei umstrittensten Persönlichkeiten der letzten dreissig Jahre in der peruanischen Geschichte: die bereits erwähnten Alberto Fujimori und Vladimiro Montesinos, sowie Abimael Guzman, der Gründer und Anführer der maoistischen Terrororganisation „Leuchtender Pfad“. (Diese übt weiterhin den Krieg von ihrem Urwald-Reduit aus, und rekrutiert weiterhin Anhänger.) Alle drei haben mehrmals gezeigt, dass sie auch vom Gefängnis aus durchaus noch in der Lage sind, auf das Tagesgeschehen Einfluss zu nehmen. Und alle drei warten darauf, dass einmal ein ihnen wohlgesinnter Präsident an die Macht kommt, der sie begnadigt. Egal wer die Wahlen gewinnt, werden jetzt einer oder zwei von ihnen darauf hoffen, dass dieser Moment bald kommt.

Andererseits könnte man den stattgefundenen ersten Wahlgang auch als „Anti-USA-Votum“ interpretieren. Mit Humala und Fujimori hat die Wählerschaft zwei Kandidaten den Vorzug gegeben, welche – im Vergleich mit den übrigen – nur eine geringe Affinität zu den USA aufweisen. Das könnte darauf hindeuten, dass sich Perú doch nicht so leicht in die von den USA vorangetriebene „Neue Weltordnung“ einbinden lassen wird, wie es bis jetzt den Anschein hatte.

Noch ein Wort zur evangelischen/evangelikalen Präsenz in diesen Wahlen: Vor sechs Jahren kündigte der ehemalige Pastor Humberto Lay an, die Evangelischen hätten sich lange genug vor den Karren anderer politischer Interessen spannen lassen, er werde jetzt eine eigene evangelische Partei gründen. Er trat dann auch (getreu der peruanischen Tradition) selber als Präsidentschaftskandidat dieser Partei an, erreichte aber nur ein bescheidenes Resultat. Schon damals war mir die „Evangelizität“ dieser Partei eher fragwürdig: Die oben zitierte Ankündigung Lays war an die evangelischen Kirchen gerichtet; in einem an die Öffentlichkeit gerichteten Fernsehinterview sagte er jedoch, seine Partei sei konfessionell neutral. Das Parteiprogramm vertrat keine spezifisch christlichen Werte, und trat wie alle anderen für die Verstaatlichung des Bildungs- und Gesundheitswesens ein, sowie für einschneidende staatliche Eingriffe in weiteren Bereichen. Ausserdem verursachte diese Partei schon in ihren Anfängen mehrere Skandale: interne Spaltungen; und Missbrauch von evangelischen Kirchen für Wahlpropaganda. – In den diesjährigen Wahlen ist jetzt die evangelische Identität offenbar völlig aufgegeben worden: Die Partei stellte als ihren Präsidentschaftskandidaten den früheren Wirtschaftsminister Pedro Pablo Kuczynski auf, und ging zu diesem Zweck eine Koalition ein mit der katholischen Partei der Opus-Dei-Frau Lourdes Flores, und mit der „Humanistischen Partei“. Dadurch haben sie offenbar Stimmen gewonnen (Kuczynski blieb auf dem dritten Platz nur knapp hinter Keiko Fujimori zurück), verloren aber zugleich Parteimitglieder, die mit dieser Koalition nicht einverstanden waren. – Die politische Ausrichtung von Kuczynski ist mir nicht ganz klar; ich würde ihn am ehesten als einen Befürworter der „Neuen Weltordnung“ einschätzen, könnte mich hierin aber auch irren.

Ein Aspekt des Wahlkampfes hat mich besonders betrübt, vom Hintergrund meiner Arbeit mit den Kindern her: Keiner der Kandidaten hatte irgendeinen Vorschlag zum Schutz und zur Stärkung der Familien. Keiner sagte etwas davon, z.B. die vielen aus Not berufstätigen Mütter zu unterstützen, damit sie weniger arbeiten müssten und mehr Zeit für ihre Kinder hätten. Kein Wort zur Bekämpfung des Alkoholismus – eine hier äusserst verbreitete Sucht, und Hauptursache der Zerrüttung der Familien. (Soweit ich sah und hörte, kam es auch keinem Journalisten in den Sinn, entsprechende Fragen zu stellen.) Dafür vertraten fast alle die Einführung von Ganztagesschulen und von „Vorschulen für Null- bis Dreijährige“ nach dem Motto: Der Staat ist dein Ernährer, dein Vater und deine Mutter. Das scheint auch der Wunsch einer erdrückenden Bevölkerungsmehrheit zu sein: Kinder zu zeugen, nur um sie gleich nach der Geburt der staatlichen Obhut zu übergeben. Hiess es noch vor zwanzig Jahren, in Perú werde der Familienzusammenhalt grossgeschrieben, so ist Perú jetzt offenbar in dieser Hinsicht ganz auf den Lebensstil der übrigen westlichen Welt eingeschwenkt.

Zum Schluss nochmals einige Abschnitte von Schaeffer (a.a.O.). Diese Worte, vor über dreissig Jahren geschrieben, sind wahrhaft prophetisch und gelten für die gesamte westliche Welt:

„Ich bin davon überzeugt, dass die ’schweigende Mehrheit‘, Junge und Alte, den Verlust von Freiheiten hinnehmen werden, ohne ihre Stimme zu erheben, solange ihr persönlicher Lebensstil nicht bedroht ist. Und da persönlicher Friede und Wohlstand die einzigen Werte sind, die für die Mehrheit zählen, wissen die Politiker, dass sie nur diese Dinge versprechen müssen, um gewählt zu werden.
(…) Edward Gibbon erwähnte in seinem Buch Der Untergang des Römischen Weltreichs die folgenden fünf Kennzeichen, die Rom am Ende aufwies: erstens eine zunehmende Vorliebe für Zurschaustellung und Luxus (Wohlstand); zweitens eine grösser werdende Kluft zwischen den sehr Reichen und den sehr Armen (…); drittens eine exzentrische Sexualität; viertens eine groteske, wunderliche Kunst, die sich als originell ausgab (…); fünftens ein zunehmendes Verlangen, auf Kosten des Staates zu leben. Dies kommt uns alles sehr bekannt vor (…) – nun sind wir wieder in Rom.

(…) In dem Masse, wie der christliche Konsensus vergessen wird, der uns innerhalb der biblischen Form Freiheit gab, wird ein manipulierender Autoritarismus das Vakuum füllen. (…) ‚Wenn die Freiheit die Ordnung zerstört, wird das Verlangen nach Ordnung die Freiheit zerstören.‘
Dann spielen die Begriffe ‚rechts‘ oder ‚links‘ keine Rolle mehr. Sie bezeichnen nur zwei Wege zu ein und demselben Ziel. Zwischen einer linken autoritären Regierung und einer rechten autoritären besteht kein Unterschied, das Ergebnis ist dasselbe. Eine Elite, ein autoritäres Regierungssystem als solches, wird allmählich der Gesellschaft die Form aufzwingen, die sie vor dem Chaos bewahren soll. Und die meisten Leute werden diese auch akzeptieren, weil sie den Wunsch nach persönlichem Frieden und Wohlstand hegen, weil sie apathisch sind und das Verlangen nach Ordnung haben. Sie nehmen deshalb irgendein politisches System in Kauf, damit die Wirtschaft und das tägliche Leben weitergehen können. Genauso handelte Rom zur Zeit des Kaisers Augustus.“

Institution Kirche – Institution Schule – dieselben Probleme. (2.Teil)

4. April 2011

Dies ist die Fortsetzung eines Artikels, der Parallelen zwischen der Institution Schule und der institutionalisierten Kirche aufzeigt.

Vorgeschriebene Prozeduren statt Erfüllung der eigentlichen Aufgabe

Es ist mir schon aufgefallen, dass berufsmässige Lehrer sich nur selten dafür interessieren, wie Kinder wirklich lernen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber in der Regel habe ich gefunden, dass gerade Lehrer die grössten Schwierigkeiten haben, Daten über Lernvorgänge und geeignete Lernumgebungen zur Kenntnis zu nehmen. Sie sind derart voll von staatlich vorgeschriebenen Prozeduren, Lehrplänen und Lehrmethoden, dass sie nicht mehr danach fragen, ob diese Prozeduren und Methoden tatsächlich ihrem angeblichen Ziel dienen, nämlich dass Kinder lernen. – Umgekehrt fand ich, dass gerade jene Personen, in denen ich eine natürliche Lehrbegabung feststellen konnte, am wenigsten daran interessiert waren, den Lehrerberuf zu ergreifen.
Schuldirektoren, Mitglieder von Schulbehörden, usw, sind in der Regel noch weiter entfernt von der pädagogischen Wirklichkeit. Sie sind vollends zu Funktionären des Staates geworden, blind dessen Anordnungen folgend, ohne überhaupt danach zu fragen, ob irgendetwas davon wirklich gut ist für die Kinder.

Meine eigenen Kinder haben am meisten gelernt bei Aktivitäten, die am wenigsten mit „Schule“ zu tun hatten: Gemeinsam herausfinden, wie man ein bestimmtes Computerspiel programmieren kann. Im Internet Bilder und Beschreibungen von Tier- und Pflanzenarten suchen. Eine Reise in eine andere Landesgegend unternehmen. Spontan ein Buch lesen, das einen interessiert, ohne vorgegebene Prüfungsfragen dazu beantworten zu müssen.

Etwas ganz ähnliches beobachte ich in den institutionalisierten Kirchen. Pfarrer und Pastoren fragen höchst selten danach, wie Christen in ihrem Glaubensleben wachsen, wie Gott bei einer echten Bekehrung wirkt, und ob ihre Gemeindeglieder wirklich zum Glauben an Jesus gekommen sind. Stattdessen sind sie voll von übernommenen evangelistischen Strategien und kirchlichen Traditionen, die angepasste Mitglieder hervorbringen, aber Gläubige an Jesus? Man gibt sich damit zufrieden, dass jemand von der Strategie „erreicht“ wurde, die gerade Mode ist (Massenevangelisation, Strassenpredigt, Alphakurs, „besucherfreundlicher Gottesdienst“, oder was auch immer), und die vorgeschriebenen Schritte durchlaufen hat („Übergabegebet“, Taufe, Glaubensgrundkurs, etc.). Die richtige Durchführung der Prozeduren und Rituale wird wichtiger genommen als die Frage, ob überhaupt noch eine geistliche Wirklichkeit dahintersteht.

Die intensivsten gemeinsamen Gebetszeiten und das lebendigste Interesse an Glaubensfragen habe ich meistens in einem Umfeld gefunden, das am wenigsten mit „Kirche“ zu tun hatte: bei „wilden“, von keiner Gemeinde abgesegneten Jugendversammlungen und -einsätzen.

Sowohl für Schule wie für Kirche gilt: Je institutionalisierter, desto mehr an der eigentlichen Aufgabe vorbei.

Institutionalisierung der mitmenschlichen Beziehungen

Sowohl die Schule wie auch die institutionalisierten Kirchen begehen einen Etikettenschwindel hinsichtlich der mitmenschlichen Beziehungen. Die Schule behauptet, zur „Sozialisierung“ der nächsten Generation notwendig zu sein. In Diskussionen um das „Homeschooling“ (Bildung zuhause) wird oft gefragt: „Wie sollen die Kinder denn lernen, sich in eine Gruppe einzufügen, wenn sie nicht zur Schule gehen?“ „Wie sollen sie lernen, mit Andersdenkenden umzugehen?“ etc. – In ganz ähnlicher Weise behaupten Vertreter der institutionalisierten Kirchen, ein Christ brauche diese Institutionen, um christliche Gemeinschaft zu haben und zu lernen.

Die tatsächliche Praxis sieht aber ganz anders aus. In Wirklichkeit werden in beiden Institutionen die mitmenschlichen Beziehungen den institutionellen Zielen untergeordnet und dadurch verfremdet. Statt dass die Menschen zusammengeführt werden, werden sie voneinander getrennt. Es gibt meines Wissens nur zwei Arten von Orten auf der Welt, wo Menschen stundenlang nebeneinander auf einer Bank sitzen, ohne miteinander auch nur ein Wort wechseln zu können bzw. zu dürfen: in der Schule und in der Kirche. – Nein, es gibt noch einen dritten solchen Ort: in einem klassischen Konzert. Aber da behauptet niemand, der Besuch von klassischen Konzerten sei notwendig, um mitmenschliche Gemeinschaft zu haben.

Was für mitmenschliche Beziehungen gibt es denn unter den Schülern einer Schule? Sie begegnen einander in erster Linie nicht als Mitmenschen, sondern als Konkurrenten. Es ergibt sich eine Hackordnung, wo das „Recht des Stärkeren“ durchgesetzt wird. Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Mitleid, usw, werden dagegen nicht gefördert. Wie John Taylor Gatto nach über 30-jähriger Erfahrung als Lehrer sagte:

„Die Kinder, die ich unterrichte, sind grausam untereinander. Sie haben kein Mitleid mit dem Unglücklichen, lachen über Schwachheit, und verachten ihre Nächsten, die Hilfe brauchen. – Die Kinder, die ich unterrichte, fühlen sich unwohl bei menschlicher Nähe und Aufrichtigkeit. Sie gleichen vielen Adoptivkindern, die ich kennenlernte: sie können mit echter Intimität nicht umgehen, weil sie sich daran gewöhnt haben, ihr echtes Ich geheimzuhalten hinter einer künstlichen äusseren Persönlichkeit…“
(Siehe „Warum Schulen nicht bilden“.)

Und wie steht es mit dem Umgang mit Andersdenkenden? Wer anders denkt als der Lehrer, hat keine Chance. Und auf Gebieten, wo der Lehrer nichts dazu sagt, bildet sich schnell aufgrund der Hackordnung eine „Klassen-Massen-Meinung“. Wer sich der nicht anschliesst, wird zum Aussenseiter – selbt über so unwichtigen Fragen wie die nach der besten Fernsehsendung, dem besten Sportler oder der besten Musikgruppe.

Was die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler betrifft, so kann diese kaum offen und mitmenschlich werden, solange der Lehrer aufgrund seiner Gewalt der Notengebung die absolute Kontrolle über den sozialen Status und die berufliche Zukunft seiner Schüler hat. Ein Lehrer mag persönlich noch so mitfühlend sein und seine Schüler echt wertschätzen – das System zwingt ihn dazu, jenen, die weniger „leisten“, einen negativen Stempel aufzudrücken.

Wie anders war das in den Zeiten, als ein angehender Handwerker oder Akademiker sich noch persönlich seinen Lehrmeister aussuchen konnte, nicht unter institutionellem Druck, sondern mit persönlicher Kenntnis des Lehrmeisters und dessen Qualitäten! Ein griechischer Philosoph zu seinen Schülern, ein altjüdischer Prophet oder Rabbi zu seinen Jüngern, ein mittelalterlicher Handwerksmeister zu seinen Gesellen – diese hatten sicherlich engere und offenere Beziehungen zueinander als ein heutiger Lehrer zu seinen Schülern, oder ein heutiger Pastor zu seinen Gemeindemitgliedern. Hauptsächlich, weil die damaligen Lehrer-Schüler-Beziehungen auf Freiwilligkeit beruhten. Aber je mehr die Institutionalisierung fortschritt, desto schneller nahm die Qualität der mitmenschlichen Beziehungen ab.

– Was die institutionalisierten Kirchen betrifft, so findet bei deren Anlässen in Wirklichkeit äusserst wenig „Gemeinschaft“ statt. Nebeneinander in einer Bank zu sitzen, dieselben Lieder zu singen und dieselbe Predigt anzuhören, ist noch lange keine Gemeinschaft. – Viele Kirchen heute haben Hauskreise. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber allzu oft sind diese Hauskreise zentral programmiert und überwacht, sodass ein vorgegebenes Programm absolviert werden muss, das eine wirklich transparente Gemeinschaft verhindert. Oder sie stehen unter einem Leistungsdruck, so und so viele neue Mitglieder zu gewinnen, und bemühen sich deshalb krampfhaft, „anziehend“ zu sein – was genau das Gegenteil bewirkt. – Unabhängige Hausgemeinden haben in dieser Hinsicht mehr Freiheit; aber ob sie diese Freiheit wirklich nutzen bzw. sie ihren Mitgliedern zugestehen, steht auf einem anderen Blatt.
In dem Buch „Der Schrei der Wildgänse“ (Wayne Jacobsen und Dave Coleman) fordert ein Besucher eines Hausgemeindetreffens die Teilnehmer mit den folgenden Bemerkungen und Fragen heraus:

„Statt zu versuchen eine Hausgemeinde zu bauen, lernt einander zu lieben und eure Lebensreise miteinander zu teilen. An wessen Seite bittet dich Gott jetzt gerade den Weg zu gehen, und wie kannst du diese Person ermutigen? (…) Versucht nicht, es gezwungen, exklusiv oder dauerhaft zu machen. Beziehungen funktionieren nicht auf diese Weise. (…) Die Gemeinde ist Gottes Volk, das lernt, sein Leben miteinander zu teilen. Marvin hier und Diana dort drüben. Als ich Ben nach eurem gemeinsamen Leben fragte, hat er mir über eure Zusammenkünfte erzählt, aber nichts über eure Beziehungen. Das war vielsagend. Kennst du Roarys grösste Hoffnung, oder Jakes gegenwärtige Kämpfe? Solche Dinge kommen selten während Zusammenkünften zutage. Sie erscheinen im Rahmen natürlicher Beziehungen während der Woche.“

Zur Beziehung zwischen Pastoren/Pfarrern und Gemeindegliedern muss ähnliches gesagt werden wie zur Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Nur dass die Gewalt des Gemeindeleiters nicht über die berufliche Zukunft besteht (vollzeitliche Kirchenmitarbeiter ausgenommen), sondern – angeblich – über die ewige Zukunft. Gerade bei tiefgläubigen Mitgliedern kann das zu einem unerträglichen Druck führen.

Grundsätzlich könnte man sagen, dass der Grad der Institutionalisierung umgekehrt proportional ist zum Grad echter Gemeinschaft. Wie ich in anderem Zusammenhang schon ausführte, werden in einer solchen Umgebung die mitmenschlichen Beziehungen zu Zweckfreundschaften verfremdet. Man ist einander nicht mehr als Mitmensch wichtig, sondern nur als Förderer der institutionellen Ziele. Man zeigt nach aussen hin Verständnis, Nächstenliebe oder Hilfsbereitschaft mit seinen Mitmenschen – aber nur solange diese sich mit-institutionalisieren lassen. Wenn der institutionelle Zweck wegfällt, platzt die Seifenblase einer solchen „Freundschaft“.

Erst recht fatal wirkt sich die Institutionalisierung aus, wenn es zu Konflikten kommt. Diese werden dann überproportioniert zu institutionellen „Disziplinarfällen“, und können im Extremfall die ganze berufliche und persönliche Zukunft von Betroffenen zerstören. In einer nicht-institutionalisierten Umgebung können dagegen persönliche Konflikte auf persönlicher Ebene behandelt werden, was eine Lösung erheblich erleichtert. Ein Beispiel aus dem Neuen Testament möge dies illustrieren:

Paulus und Barnabas waren auf der ersten Missionsreise enge Mitarbeiter und Freunde gewesen. Einer ihrer Begleiter war Johannes Markus gewesen, der aber auf halbem Weg umkehrte – die Gründe dafür werden uns nicht mitgeteilt. Als sie dann zur zweiten Missionsreise aufbrachen, wollte Barnabas wiederum Johannes Markus mitnehmen, aber Paulus wollte nichts davon wissen. Über dieser Frage zerstritten sich Paulus und Barnabas und trennten sich. In der Folge unternahm Barnabas mit Johannes Markus eine eigene Missionsreise nach Zypern, während Paulus sich einen anderen Begleiter suchte und nach Kleinasien reiste. (Siehe Apostelgeschichte 15,36-40).

So wie die Geschichte uns berichtet wird, handelte es sich hierbei um eine persönliche Angelegenheit zwischen den Beteiligten, die darüber hinaus keine grösseren Wellen schlug. Die Auseinandersetzung berührte keine wesentlichen Glaubensfragen, und man konnte sie deshalb auf sich beruhen lassen. Ich nehme an, dass die Beziehung zwischen Paulus und Barnabas während längerer Zeit getrübt blieb. Aber keiner der Beteiligten wurde dadurch in seinem geistlichen Dienst geschädigt. Viele Jahre später lesen wir sogar, dass auch Paulus die Nützlichkeit von Johannes Markus wieder anerkannte (2.Timotheus 4,11). Immerhin handelt es sich bei diesem Mann um den Verfasser des Markusevangeliums.

Wie wäre diese Geschichte in einer heutigen institutionalisierten Kirche oder Missionsgesellschaft ausgegangen? – Da ich ähnliches schon erlebt habe, kann ich es mir ungefähr vorstellen. Die persönliche Auseinandersetzung wäre institutionalisiert worden: Da Paulus der Leiter des „Missionsunternehmens“ war, hätte seine Erklärung, Markus sei untauglich zur Missionsarbeit, sofort offizielle Geltung erlangt und wäre den wichtigsten Leitern bekanntgemacht worden. Barnabas hätte durch seine Trennung von Paulus seine „geistliche Abdeckung“ verloren (obwohl ursprünglich er der Hauptleiter gewesen war!) und wäre womöglich der „Kirchenspaltung“ und „Rebellion“ beschuldigt worden. Sowohl Barnabas wie Markus wäre die Weiterarbeit im Rahmen der mit Paulus verbundenen Gemeinden verunmöglicht worden. Entweder hätten sie aufgegeben, oder sie hätten eine neue Konfession bzw. Denomination gegründet. – Wie gut, dass Paulus sich nicht als Leiter einer „Institution“ verstand!

In einer institutionalisierten Umgebung können persönliche Konflikte nicht auf persönlicher Ebene gelöst werden, wo sie hingehören. Die Beteiligten können sich nicht einfach als Mitmenschen begegnen: ihr jeweiliger Rang innerhalb der institutionellen Hierarchie überschattet jeden Versuch der Kommunikation. Ein einzelner Leiter oder eine kleine Gruppe von Leitern institutionalisiert und verabsolutiert seine persönliche Meinung. Der persönliche Konflikt wird zu einer kirchenpolitischen Machtdemonstration von seiten des Leiters – oder zu einem Machtkampf, falls es sich um Leiter von ähnlichem Rang handelt.

Fazit

Kirche und Schule sind heutzutage beide in ähnlicher Weise institutionalisiert. Das führt in beiden Institutionen zu ganz ähnlich gelagerten Problemen.

Dementsprechend haben sich auf beiden Gebieten in den letzten Jahrzehnten ähnlich ausgerichtete Gegenbewegungen gebildet: Im Bereich der Bildung die Homeschooling- und Unschooling-Bewegung, und im Bereich der christlichen Gemeinde die verschiedenen Hausgemeindebewegungen, „beziehungsorientierte Gemeinde“ („relational church“), und andere Arten nicht-institutionalisierten Christentums. (Wobei einige Hausgemeindebewegungen ebenso institutionalisiert sind wie die traditionellen Kirchen; diese rechne ich hier nicht mit.)

Ich habe in diesem Artikel versucht, die Parallelen zu beschreiben. Mit der hauptsächlichen Absicht aufzuzeigen, dass die beiden Bewegungen – soweit Christen betroffen sind – wesensmässig zusammengehören und voneinander lernen können. Haus-Gemeinde und Home-Schooling sind eng miteinander verwandt. Beide – wenn richtig verstanden – stellen die Familie wieder in den Mittelpunkt des täglichen Lebens. Beide arbeiten für die Wiederherstellung der mitmenschlichen Beziehungen, die durch die Institutionalisierung verfremdet wurden. Und es ist meine Überzeugung, dass beide dem ursprünglichen Christentum näher stehen als jede andere zur Zeit existierende Bewegung.