Institution Kirche – Institution Schule – dieselben Probleme. (2.Teil)

Dies ist die Fortsetzung eines Artikels, der Parallelen zwischen der Institution Schule und der institutionalisierten Kirche aufzeigt.

Vorgeschriebene Prozeduren statt Erfüllung der eigentlichen Aufgabe

Es ist mir schon aufgefallen, dass berufsmässige Lehrer sich nur selten dafür interessieren, wie Kinder wirklich lernen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber in der Regel habe ich gefunden, dass gerade Lehrer die grössten Schwierigkeiten haben, Daten über Lernvorgänge und geeignete Lernumgebungen zur Kenntnis zu nehmen. Sie sind derart voll von staatlich vorgeschriebenen Prozeduren, Lehrplänen und Lehrmethoden, dass sie nicht mehr danach fragen, ob diese Prozeduren und Methoden tatsächlich ihrem angeblichen Ziel dienen, nämlich dass Kinder lernen. – Umgekehrt fand ich, dass gerade jene Personen, in denen ich eine natürliche Lehrbegabung feststellen konnte, am wenigsten daran interessiert waren, den Lehrerberuf zu ergreifen.
Schuldirektoren, Mitglieder von Schulbehörden, usw, sind in der Regel noch weiter entfernt von der pädagogischen Wirklichkeit. Sie sind vollends zu Funktionären des Staates geworden, blind dessen Anordnungen folgend, ohne überhaupt danach zu fragen, ob irgendetwas davon wirklich gut ist für die Kinder.

Meine eigenen Kinder haben am meisten gelernt bei Aktivitäten, die am wenigsten mit „Schule“ zu tun hatten: Gemeinsam herausfinden, wie man ein bestimmtes Computerspiel programmieren kann. Im Internet Bilder und Beschreibungen von Tier- und Pflanzenarten suchen. Eine Reise in eine andere Landesgegend unternehmen. Spontan ein Buch lesen, das einen interessiert, ohne vorgegebene Prüfungsfragen dazu beantworten zu müssen.

Etwas ganz ähnliches beobachte ich in den institutionalisierten Kirchen. Pfarrer und Pastoren fragen höchst selten danach, wie Christen in ihrem Glaubensleben wachsen, wie Gott bei einer echten Bekehrung wirkt, und ob ihre Gemeindeglieder wirklich zum Glauben an Jesus gekommen sind. Stattdessen sind sie voll von übernommenen evangelistischen Strategien und kirchlichen Traditionen, die angepasste Mitglieder hervorbringen, aber Gläubige an Jesus? Man gibt sich damit zufrieden, dass jemand von der Strategie „erreicht“ wurde, die gerade Mode ist (Massenevangelisation, Strassenpredigt, Alphakurs, „besucherfreundlicher Gottesdienst“, oder was auch immer), und die vorgeschriebenen Schritte durchlaufen hat („Übergabegebet“, Taufe, Glaubensgrundkurs, etc.). Die richtige Durchführung der Prozeduren und Rituale wird wichtiger genommen als die Frage, ob überhaupt noch eine geistliche Wirklichkeit dahintersteht.

Die intensivsten gemeinsamen Gebetszeiten und das lebendigste Interesse an Glaubensfragen habe ich meistens in einem Umfeld gefunden, das am wenigsten mit „Kirche“ zu tun hatte: bei „wilden“, von keiner Gemeinde abgesegneten Jugendversammlungen und -einsätzen.

Sowohl für Schule wie für Kirche gilt: Je institutionalisierter, desto mehr an der eigentlichen Aufgabe vorbei.

Institutionalisierung der mitmenschlichen Beziehungen

Sowohl die Schule wie auch die institutionalisierten Kirchen begehen einen Etikettenschwindel hinsichtlich der mitmenschlichen Beziehungen. Die Schule behauptet, zur „Sozialisierung“ der nächsten Generation notwendig zu sein. In Diskussionen um das „Homeschooling“ (Bildung zuhause) wird oft gefragt: „Wie sollen die Kinder denn lernen, sich in eine Gruppe einzufügen, wenn sie nicht zur Schule gehen?“ „Wie sollen sie lernen, mit Andersdenkenden umzugehen?“ etc. – In ganz ähnlicher Weise behaupten Vertreter der institutionalisierten Kirchen, ein Christ brauche diese Institutionen, um christliche Gemeinschaft zu haben und zu lernen.

Die tatsächliche Praxis sieht aber ganz anders aus. In Wirklichkeit werden in beiden Institutionen die mitmenschlichen Beziehungen den institutionellen Zielen untergeordnet und dadurch verfremdet. Statt dass die Menschen zusammengeführt werden, werden sie voneinander getrennt. Es gibt meines Wissens nur zwei Arten von Orten auf der Welt, wo Menschen stundenlang nebeneinander auf einer Bank sitzen, ohne miteinander auch nur ein Wort wechseln zu können bzw. zu dürfen: in der Schule und in der Kirche. – Nein, es gibt noch einen dritten solchen Ort: in einem klassischen Konzert. Aber da behauptet niemand, der Besuch von klassischen Konzerten sei notwendig, um mitmenschliche Gemeinschaft zu haben.

Was für mitmenschliche Beziehungen gibt es denn unter den Schülern einer Schule? Sie begegnen einander in erster Linie nicht als Mitmenschen, sondern als Konkurrenten. Es ergibt sich eine Hackordnung, wo das „Recht des Stärkeren“ durchgesetzt wird. Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Mitleid, usw, werden dagegen nicht gefördert. Wie John Taylor Gatto nach über 30-jähriger Erfahrung als Lehrer sagte:

„Die Kinder, die ich unterrichte, sind grausam untereinander. Sie haben kein Mitleid mit dem Unglücklichen, lachen über Schwachheit, und verachten ihre Nächsten, die Hilfe brauchen. – Die Kinder, die ich unterrichte, fühlen sich unwohl bei menschlicher Nähe und Aufrichtigkeit. Sie gleichen vielen Adoptivkindern, die ich kennenlernte: sie können mit echter Intimität nicht umgehen, weil sie sich daran gewöhnt haben, ihr echtes Ich geheimzuhalten hinter einer künstlichen äusseren Persönlichkeit…“
(Siehe „Warum Schulen nicht bilden“.)

Und wie steht es mit dem Umgang mit Andersdenkenden? Wer anders denkt als der Lehrer, hat keine Chance. Und auf Gebieten, wo der Lehrer nichts dazu sagt, bildet sich schnell aufgrund der Hackordnung eine „Klassen-Massen-Meinung“. Wer sich der nicht anschliesst, wird zum Aussenseiter – selbt über so unwichtigen Fragen wie die nach der besten Fernsehsendung, dem besten Sportler oder der besten Musikgruppe.

Was die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler betrifft, so kann diese kaum offen und mitmenschlich werden, solange der Lehrer aufgrund seiner Gewalt der Notengebung die absolute Kontrolle über den sozialen Status und die berufliche Zukunft seiner Schüler hat. Ein Lehrer mag persönlich noch so mitfühlend sein und seine Schüler echt wertschätzen – das System zwingt ihn dazu, jenen, die weniger „leisten“, einen negativen Stempel aufzudrücken.

Wie anders war das in den Zeiten, als ein angehender Handwerker oder Akademiker sich noch persönlich seinen Lehrmeister aussuchen konnte, nicht unter institutionellem Druck, sondern mit persönlicher Kenntnis des Lehrmeisters und dessen Qualitäten! Ein griechischer Philosoph zu seinen Schülern, ein altjüdischer Prophet oder Rabbi zu seinen Jüngern, ein mittelalterlicher Handwerksmeister zu seinen Gesellen – diese hatten sicherlich engere und offenere Beziehungen zueinander als ein heutiger Lehrer zu seinen Schülern, oder ein heutiger Pastor zu seinen Gemeindemitgliedern. Hauptsächlich, weil die damaligen Lehrer-Schüler-Beziehungen auf Freiwilligkeit beruhten. Aber je mehr die Institutionalisierung fortschritt, desto schneller nahm die Qualität der mitmenschlichen Beziehungen ab.

– Was die institutionalisierten Kirchen betrifft, so findet bei deren Anlässen in Wirklichkeit äusserst wenig „Gemeinschaft“ statt. Nebeneinander in einer Bank zu sitzen, dieselben Lieder zu singen und dieselbe Predigt anzuhören, ist noch lange keine Gemeinschaft. – Viele Kirchen heute haben Hauskreise. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber allzu oft sind diese Hauskreise zentral programmiert und überwacht, sodass ein vorgegebenes Programm absolviert werden muss, das eine wirklich transparente Gemeinschaft verhindert. Oder sie stehen unter einem Leistungsdruck, so und so viele neue Mitglieder zu gewinnen, und bemühen sich deshalb krampfhaft, „anziehend“ zu sein – was genau das Gegenteil bewirkt. – Unabhängige Hausgemeinden haben in dieser Hinsicht mehr Freiheit; aber ob sie diese Freiheit wirklich nutzen bzw. sie ihren Mitgliedern zugestehen, steht auf einem anderen Blatt.
In dem Buch „Der Schrei der Wildgänse“ (Wayne Jacobsen und Dave Coleman) fordert ein Besucher eines Hausgemeindetreffens die Teilnehmer mit den folgenden Bemerkungen und Fragen heraus:

„Statt zu versuchen eine Hausgemeinde zu bauen, lernt einander zu lieben und eure Lebensreise miteinander zu teilen. An wessen Seite bittet dich Gott jetzt gerade den Weg zu gehen, und wie kannst du diese Person ermutigen? (…) Versucht nicht, es gezwungen, exklusiv oder dauerhaft zu machen. Beziehungen funktionieren nicht auf diese Weise. (…) Die Gemeinde ist Gottes Volk, das lernt, sein Leben miteinander zu teilen. Marvin hier und Diana dort drüben. Als ich Ben nach eurem gemeinsamen Leben fragte, hat er mir über eure Zusammenkünfte erzählt, aber nichts über eure Beziehungen. Das war vielsagend. Kennst du Roarys grösste Hoffnung, oder Jakes gegenwärtige Kämpfe? Solche Dinge kommen selten während Zusammenkünften zutage. Sie erscheinen im Rahmen natürlicher Beziehungen während der Woche.“

Zur Beziehung zwischen Pastoren/Pfarrern und Gemeindegliedern muss ähnliches gesagt werden wie zur Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Nur dass die Gewalt des Gemeindeleiters nicht über die berufliche Zukunft besteht (vollzeitliche Kirchenmitarbeiter ausgenommen), sondern – angeblich – über die ewige Zukunft. Gerade bei tiefgläubigen Mitgliedern kann das zu einem unerträglichen Druck führen.

Grundsätzlich könnte man sagen, dass der Grad der Institutionalisierung umgekehrt proportional ist zum Grad echter Gemeinschaft. Wie ich in anderem Zusammenhang schon ausführte, werden in einer solchen Umgebung die mitmenschlichen Beziehungen zu Zweckfreundschaften verfremdet. Man ist einander nicht mehr als Mitmensch wichtig, sondern nur als Förderer der institutionellen Ziele. Man zeigt nach aussen hin Verständnis, Nächstenliebe oder Hilfsbereitschaft mit seinen Mitmenschen – aber nur solange diese sich mit-institutionalisieren lassen. Wenn der institutionelle Zweck wegfällt, platzt die Seifenblase einer solchen „Freundschaft“.

Erst recht fatal wirkt sich die Institutionalisierung aus, wenn es zu Konflikten kommt. Diese werden dann überproportioniert zu institutionellen „Disziplinarfällen“, und können im Extremfall die ganze berufliche und persönliche Zukunft von Betroffenen zerstören. In einer nicht-institutionalisierten Umgebung können dagegen persönliche Konflikte auf persönlicher Ebene behandelt werden, was eine Lösung erheblich erleichtert. Ein Beispiel aus dem Neuen Testament möge dies illustrieren:

Paulus und Barnabas waren auf der ersten Missionsreise enge Mitarbeiter und Freunde gewesen. Einer ihrer Begleiter war Johannes Markus gewesen, der aber auf halbem Weg umkehrte – die Gründe dafür werden uns nicht mitgeteilt. Als sie dann zur zweiten Missionsreise aufbrachen, wollte Barnabas wiederum Johannes Markus mitnehmen, aber Paulus wollte nichts davon wissen. Über dieser Frage zerstritten sich Paulus und Barnabas und trennten sich. In der Folge unternahm Barnabas mit Johannes Markus eine eigene Missionsreise nach Zypern, während Paulus sich einen anderen Begleiter suchte und nach Kleinasien reiste. (Siehe Apostelgeschichte 15,36-40).

So wie die Geschichte uns berichtet wird, handelte es sich hierbei um eine persönliche Angelegenheit zwischen den Beteiligten, die darüber hinaus keine grösseren Wellen schlug. Die Auseinandersetzung berührte keine wesentlichen Glaubensfragen, und man konnte sie deshalb auf sich beruhen lassen. Ich nehme an, dass die Beziehung zwischen Paulus und Barnabas während längerer Zeit getrübt blieb. Aber keiner der Beteiligten wurde dadurch in seinem geistlichen Dienst geschädigt. Viele Jahre später lesen wir sogar, dass auch Paulus die Nützlichkeit von Johannes Markus wieder anerkannte (2.Timotheus 4,11). Immerhin handelt es sich bei diesem Mann um den Verfasser des Markusevangeliums.

Wie wäre diese Geschichte in einer heutigen institutionalisierten Kirche oder Missionsgesellschaft ausgegangen? – Da ich ähnliches schon erlebt habe, kann ich es mir ungefähr vorstellen. Die persönliche Auseinandersetzung wäre institutionalisiert worden: Da Paulus der Leiter des „Missionsunternehmens“ war, hätte seine Erklärung, Markus sei untauglich zur Missionsarbeit, sofort offizielle Geltung erlangt und wäre den wichtigsten Leitern bekanntgemacht worden. Barnabas hätte durch seine Trennung von Paulus seine „geistliche Abdeckung“ verloren (obwohl ursprünglich er der Hauptleiter gewesen war!) und wäre womöglich der „Kirchenspaltung“ und „Rebellion“ beschuldigt worden. Sowohl Barnabas wie Markus wäre die Weiterarbeit im Rahmen der mit Paulus verbundenen Gemeinden verunmöglicht worden. Entweder hätten sie aufgegeben, oder sie hätten eine neue Konfession bzw. Denomination gegründet. – Wie gut, dass Paulus sich nicht als Leiter einer „Institution“ verstand!

In einer institutionalisierten Umgebung können persönliche Konflikte nicht auf persönlicher Ebene gelöst werden, wo sie hingehören. Die Beteiligten können sich nicht einfach als Mitmenschen begegnen: ihr jeweiliger Rang innerhalb der institutionellen Hierarchie überschattet jeden Versuch der Kommunikation. Ein einzelner Leiter oder eine kleine Gruppe von Leitern institutionalisiert und verabsolutiert seine persönliche Meinung. Der persönliche Konflikt wird zu einer kirchenpolitischen Machtdemonstration von seiten des Leiters – oder zu einem Machtkampf, falls es sich um Leiter von ähnlichem Rang handelt.

Fazit

Kirche und Schule sind heutzutage beide in ähnlicher Weise institutionalisiert. Das führt in beiden Institutionen zu ganz ähnlich gelagerten Problemen.

Dementsprechend haben sich auf beiden Gebieten in den letzten Jahrzehnten ähnlich ausgerichtete Gegenbewegungen gebildet: Im Bereich der Bildung die Homeschooling- und Unschooling-Bewegung, und im Bereich der christlichen Gemeinde die verschiedenen Hausgemeindebewegungen, „beziehungsorientierte Gemeinde“ („relational church“), und andere Arten nicht-institutionalisierten Christentums. (Wobei einige Hausgemeindebewegungen ebenso institutionalisiert sind wie die traditionellen Kirchen; diese rechne ich hier nicht mit.)

Ich habe in diesem Artikel versucht, die Parallelen zu beschreiben. Mit der hauptsächlichen Absicht aufzuzeigen, dass die beiden Bewegungen – soweit Christen betroffen sind – wesensmässig zusammengehören und voneinander lernen können. Haus-Gemeinde und Home-Schooling sind eng miteinander verwandt. Beide – wenn richtig verstanden – stellen die Familie wieder in den Mittelpunkt des täglichen Lebens. Beide arbeiten für die Wiederherstellung der mitmenschlichen Beziehungen, die durch die Institutionalisierung verfremdet wurden. Und es ist meine Überzeugung, dass beide dem ursprünglichen Christentum näher stehen als jede andere zur Zeit existierende Bewegung.

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