Eine argentinische Zumutung

Vor einiger Zeit fand ich im Internet einen Artikel eines (anscheinend) bekannten argentinischen Leiters, unter dem Titel: „Wie du mittels deiner Pastoren Gott ehren kannst!“ Zuerst dachte ich, es handelte sich um eine Satire – aber nein, es war alles todernst gemeint. Der Artikel begann so:

„Die Art, Gott zu ehren:

Den anderen vorzuziehen bedeutet: Wenn wir gleich sind, dass wir den anderen zuerst nach vorne lassen; und wenn zwei sich setzen sollen, aber es gibt nur einen Stuhl, dass wir den anderen sich setzen lassen.

Der Pastor, der Apostel, muss das beste Auto fahren, muss sich auf den besten Platz setzen. Das System hat uns gelehrt, diese Dinge als schlecht zu betrachten und uns selber vorzuziehen.

Aber jetzt kommt Gott mit der Ehre.

Gott möchte uns beibringen, Ehre zu erweisen, und es ist nötig, das zu lehren. Wenn Sie Leute haben, die Gott ehren, dann werden Sie Leute haben, die von Gott geehrt sind.

Es muss ein Unterschied gemacht werden mit jenen, die Träger der Salbung Gottes sind. (…) Dann wird die Salbung Gottes (auch) über Sie fallen.“

Etwas weiter unten heisst es:

„Du bist eine wichtige Person, du bist das Wichtigste, was es auf der Erde und in deiner Stadt gibt; und dein Pastor ist das wichtigste, was es in deinem Leben gibt. Denn wenn du lernst, ihn zu ehren, dann ehrst du Gott.“

(…)

„Möchtest du mehr Ehre erhalten? Dann werde nicht müde, deinem Pastor (Geld) zu geben, mache eine Gewohnheit daraus, gewöhne dich an den Wohlstand, und werde zu einem von Gott geehrten Menschen. – Wiederholen Sie: ‚Ich werde von Gott geehrt sein.'“

Der Leser möge mir verzeihen, dass ich die Quelle nicht angebe: ich tue das normalerweise nur bei positiven Beispielen. (Anmerkung zur Übersetzung: Die stilistischen Unebenheiten, wie z.B. die sprunghaften Wechsel von „Wir“ zu „Du“ zu „Sie“, habe ich möglichst originalgetreu übernommen. Nur da, wo die Übersetzung ganz unverständlich geworden wäre, habe ich Satzstrukturen etwas geglättet.)

Bei dem Autor dieser Zeilen handelt es sich offenbar nicht um den Anführer einer in irgendeinem Winkel versteckten Sekte, sondern um einen international bekannten evangelikalen Leiter. Das ist die Lehre, die heutzutage in der Mehrheit der evangelikalen Kirchen verbreitet wird: Der Pastor ist der spezielle „Gesalbte Gottes“, und der Weg zu Gott führt über ihn und nur über ihn. Man hat ausserdem noch einen persönlichen Vorteil davon, denn wer dem Pastor Geld gibt, bekommt von Gott noch mehr Geld zurück.

Im deutschen Sprachraum habe ich noch keine derart „starken“ Worte gehört. Der Sache nach habe ich aber diese falsche Lehre schon in vielen Gemeinden und Organisationen angetroffen: „Dich Gott unterzuordnen, bedeutet in erster Linie, dich deinem Leiter unterzuordnen.“ – „Gott spricht zu dir in erster Linie durch deine Leiter.“ – Oder auch: „Wer sich der Leiterschaft nicht unterordnet, verliert seine geistliche Abdeckung (bzw. den Schutz Gottes).“
Wenn deutschsprachige Pastoren sich noch nicht so extrem ausdrücken wie der zitierte Argentinier, dann liegt das m.E. nur daran, dass im deutschsprachigen Kulturkreis die Schmerzgrenze niedriger liegt für alles, was nach Diktatur riecht. Ein Pastor wird sich deshalb hüten, diese Schmerzgrenze zu überschreiten. Hier in Lateinamerika ist man sich eher an Diktaturen gewöhnt, und deshalb haben die hiesigen Pastoren auch weniger Hemmungen, in dieser Hinsicht offen zu sprechen.

Der Sinn dieser Veröffentlichung ist deshalb folgender: Die karikaturistische Überzeichnung einer Sache bringt oft Merkmale ans Licht, die in der Sache selbst bereits vorhanden sind, aber ohne die Überzeichnung nicht ohne weiteres erkannt würden. Der oben zitierte Artikel wirkt für deutschsprachige Leser sicherlich wie eine solche Überzeichnung. Er stellt aber dar, was viele deutschsprachige Gemeindeleiter im Kern auch lehren. Ich wünsche mir, dass viele Gemeindeglieder (und wer weiss, vielleicht sogar einige Leiter?) an diesem Beispiel erkennen mögen, auf was für Zustände ihre Gemeinde zusteuert, wenn sie solchen autoritären Lehren des geistlichen Missbrauchs weiterhin Raum gibt.

Pfarrherrliche Statussymbole habe ich sowohl in Europa wie in Lateinamerika zur Genüge gesehen. In einer Gemeinde waren die Büros der untergeordneten Pastoren klein und hatten einen gewöhnlichen Betonfussboden; das Vorzimmer des Hauptpastors hatte einen Spannteppich; und sein eigenes Büro war das grösste von allen und hatte einen dicken, flauschigen Teppich. In einer anderen Gemeinde wurde die Hierarchie durch die unterschiedliche Qualität der Bürostühle ausgedrückt: für den Stuhl des Hauptpastors war mehr Geld ausgegeben worden, als ich im Monat verdiene. Nur für einen Stuhl! – Wieder in einer anderen Gemeinde achtete der Hauptpastor streng darauf, dass er immer „standesgemäss“ angezogen war; d.h. dass ihn nie ein Gemeindeglied anders als in Anzug und Krawatte überraschen konnte; und dass er nie anders als mit „Herr Pfarrer“ angesprochen wurde.

Falls es jetzt tatsächlich jemanden geben sollte, der dies (oder andere Aspekte des zitierten Artikels) gut finden sollte, dann möchte ich nur kurz zitieren, was Jesus dazu sagt:

„Sie (die Pharisäer) lieben den obersten Platz bei den Mahlzeiten und den Vorsitz in den Synagogen und die Begrüssungen auf den Märkten und dass sie von den Leuten ‚Meister‘ genannt werden. Ihr dagegen sollt euch nicht ‚Meister‘ nennen lassen; denn einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Nennt auch niemanden auf Erden euren Vater; denn einer ist euer Vater, der himmlische. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen;denn einer ist euer Lehrer, Christus. Wer aber unter euch grösser ist, soll euer Diener sein.“
(Matthäus 23:6-11)

„Sie, die die Häuser der Witwen aufzehren und dabei zum Schein lange Gebete sprechen, sie werden ein umso strengeres Gericht empfangen.“
(Markus 12,40)

Wenn das so empfangene Geld wenigstens zur Unterstützung bedürftiger Menschen oder zur Verkündigung des Evangeliums eingesetzt würde! Gegen eine legitime finanzielle Unterstützung echter Diener Gottes will ich gar nichts sagen. Aber nein, dieses Geld muss dazu dienen – wie im eingangs zitierten Artikel ganz offen und schamlos gesagt wird -, dass die „Pastoren/Apostel“ die besten Sitzplätze einnehmen und das beste Auto fahren können.

– Als die Apostel Petrus und Johannes vor den religiösen Leitern standen, sagten sie:

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“
(Apostelgeschichte 5,29)

Und der Apostel Paulus schreibt:

„Denn ich halte dafür, Gott habe uns, die Apostel, als die Geringsten hingestellt, wie zum Tode Verurteilte; denn ein Schauspiel sind wir der Welt geworden, sowohl Engeln als Menschen. Wir sind töricht um Christi willen, ihr aber seid klug in Christus; wir sind schwach, ihr aber stark; ihr seid geehrt, wir aber verachtet. Bis zur jetzigen Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blösse und werden geschlagen und haben keinen festen Wohnsitz und mühen uns ab in der Arbeit mit unseren eigenen Händen. Werden wir geschmäht, so segnen wir; werden wir verfolgt, so dulden wir es; werden wir gelästert, so begütigen wir; wie Kehricht der Welt sind wir geworden, ein Abschaum aller bis jetzt.“
(1.Korinther 4,9-13)

Paulus tadelt sogar die Korinther dafür, dass sie missbraucherische Leiter (solche wie den Autor des eingangs zitierten Artikels) überhaupt aufgenommen hatten:

„Ihr ertragt ja gern die Toren, ihr, die ihr klug seid. Ihr ertragt es ja, wenn jemand euch knechtet, wenn jemand euch aufzehrt, wenn jemand euch einfängt, wenn jemand sich überhebt, wenn jemand euch ins Gesicht schlägt. Zur Schande sage ich es: dafür sind wir zu schwach gewesen.“
(2. Korinther 11,19-21)

Noch bedenklicher ist, dass diese falschen Leiter sich als Mittler zwischen Gott und den Menschen aufspielen. In der Reformationszeit wurde einst die grosse Wahrheit auf den Leuchter gestellt, dass jeder Christ seinen eigenen freien Zugang zum Thron Gottes hat, ohne auf das Dazwischentreten eines Priestertums angewiesen zu sein:

„Da wir nun einen grossen Hohenpriester haben, der durch die Himmel hindurchgeschritten ist, Jesus, den Sohn Gottes, (…) so lasst uns nun mit Zuversicht zum Thron der Gnade hinzutreten, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe!“
(Hebräer 4,14.16)
„Denn einer ist Gott, und einer ist Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus …“
(1.Timotheus 2,5)

Aber die heutigen Evangelikalen, die sich als Erben der Reformation ausgeben, kehren in dieser Hinsicht zu einem mittelalterlichen Katholizismus zurück, indem sie wieder ihre Priesterkaste auf den Thron erheben. Ja, noch schlimmer: diese neuen Priester nennen sich sogar „der Gesalbte Gottes“. „Gesalbter“ ist nichts anderes als die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes „Christus“. Da stehen also heute sterbliche Menschen auf der Kanzel und verkünden: „Ich bin der Christus Gottes; wenn du Gott ehren willst, musst du zuerst mich ehren!“ Tatsächlich erfüllt sich hier die Vorhersage Jesu:

„Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten auftreten und werden grosse Zeichen und Wunder vollbringen, sodass sie, wenn möglich, auch die Auserwählten irreführen. Siehe, ich habe es euch vorhergesagt.“
(Matthäus 24,24-25)

Wer Ohren hat zu hören, der höre!

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