Über die Einheit der Christen – Teil 2 – Was ist christliche Einheit?

Zuerst kurz zusammengefasst einige Punkte, die ich schon im ersten Teil erwähnte:

Das vielzitierte Gebet Jesu um Einheit (Joh.17,20-23) bezieht sich auf diejenigen, “die an mich glauben”. Das bedeutet:
– Eine Einheit von Einzelpersonen. Nicht von Organisationen.
– Eine Einheit von Gläubigen. Nicht von Namenschristen, nicht von “Getauften”, nicht von “Gemeindegliedern”, erst recht nicht eine Einheit der ganzen Menschheit.

Wie könnte diese Einheit Wirklichkeit werden? Auf diese Frage möchte ich in dieser Folge eingehen.

Wie wir gesehen haben, führt die ökumenische Bewegung nicht zu dieser Einheit hin. – Andererseits ist die Zersplitterung der Christenheit in Konfessionen, Denominationen, etc, eine unleugbare Tatsache. Man kann dem Problem nicht ausweichen mit dem Argument, die von Jesus gemeinte Einheit sei eben geistlich und daher “unsichtbar”. Jesus erklärt in Joh.17,23, diese Einheit diene (u.a.) dazu, “damit die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast”. Wenn die Welt irgendetwas erkennen soll, dann muss die Einheit notwendigerweise sichtbar sein.

Ich möchte die gegenwärtige Situation in einem Bild darstellen. In der Mitte ist Jesus, symbolisiert durch ein Kreuz, die Mitte des christlichen Glaubens. Um diese Mitte herum haben sich verschiedene “Gefässe” gebildet, Organisationen, die als ihren Zweck angeben, das Christentum zu verkörpern. Das sind die verschiedenen Konfessionen, Denominationen und Gemeinden. Manche dieser Organisationen begannen als echte geistliche Erweckungen in der Mitte, beim Kreuz. Aber im Lauf der Geschichte erstarrten sie zu menschlichen Organisationen und entfernten sich allmählich von der Mitte. Deshalb sind alle diese Gefässe im Bild in einer gewissen Distanz vom Kreuz dargestellt. Sie sind auch keine reinen christlichen Gemeinden mehr, sondern enthalten einen gewissen Prozentsatz (eine Mehrheit, wie ich befürchte) von Namenschristen, die nicht wiedergeboren sind. (Im Bild dargestellt dadurch, dass die Gefässe sowohl weisse wie schwarze Punkte enthalten.)

Nun gibt es verschiedene Reaktionen auf diese Situation.

Den Ökumenismus habe ich in der vorherigen Folge beschrieben. Man könnte sagen, der Ökumenismus versucht alle diese Gefässe zusammenzufassen und alles, was darin ist; während er die Mitte, das Kreuz und die Person Jesu, weitgehend ausser acht lässt. Die gegenwärtige ökumenische Bewegung hat sich sogar anderen Religionen geöffnet; deshalb ist im Bild der Kreis des „Ökumenismus“ noch weiter gezeichnet als der Kreis derer, die sich „Christen“ nennen.

Es gibt auch die gegenteilige Reaktion, den Denominationalismus oder Konfessionalismus. Der Denominationalismus sucht die Einheit in einer erzwungenen Übereinstimmung mit der eigenen Gemeindetradition. Wenn wir in den Paulusbriefen aufgefordert werden, „gleichgesinnt“ zu sein, dann legen Denominationalisten dies so aus: „Alle müssen mit unserer speziellen Tradition, Gottesdienstform und Bibelauslegung übereinstimmen.“ Sie sehen das „Unreine“ in den anderen Gefässen, übersehen aber die „dunklen Punkte“ in ihrem eigenen Gefäss (und oft auch die hellen Punkte in den anderen Gefässen).
– Eine spezielle Form des Denominationalismus ist das Papsttum, wo die Einheit auf der gemeinsamen Unterordnung unter eine menschliche Hierarchie beruht, und auf der Lehre, die römisch-katholische Kirche sei die einzige wahre Kirche. – Evangelische Denominationalisten behaupten zwar nicht, sie seien die einzige wahre Kirche; aber in der Praxis handeln sie oft so, als ob sie dies glaubten.

Auch diese Form der Einheit lässt die Mitte des christlichen Glaubens, die Person Jesu, weitgehend ausser acht. Stattdessen stellt sie einen menschlichen Leiter, eine menschliche Tradition oder eine spezifische Lehrmeinung in den Mittelpunkt.

„Die Extreme berühren sich“ auch hier: Im Verbot des „Proselytismus“ berühren sich Ökumenismus und Denominationalismus. Beide widersprechen einander bezüglich der Form, wie Einheit hergestellt werden soll; aber beide sind sich in diesem Punkt einig: Die „Gefässe“ sind heilige Kühe, die nicht angetastet werden dürfen.

Und das ist genau der Grund, warum beide an der christlichen Einheit vorbeizielen. Die Einheit, um die Jesus betete, ist eine Einheit in ihm selbst. Nicht in einer menschlichen Organisation; auch nicht in einer Vereinbarung zwischen vielen solchen Organisationen.
„Ich in ihnen, und du in mir, damit sie vollkommen seien in Einheit…“ (Joh.17,23).

Bevor Jesus um Einheit betete, betete er um Heiligung:
„Ich bete nicht, dass du sie aus der Welt herausnimmst; aber dass du sie vor dem Bösen behütest. Sie sind nicht von der Welt, so wie ich auch nicht von der Welt bin. Heilige sie in deiner Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. … Und ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit.“ (Joh.17,15-19)

„Heilig“ sein bedeutet „ausgesondert sein für Gott“, „ganz und gar auf der Seite Gottes stehen“, und deshalb auch „ganz und gar gegen alles, was Gott widerspricht“. Im Gebet Jesu ist Heiligung die Basis für Einheit. Nur diejenigen, die zuerst ganz radikal „parteiisch“ werden für Gott und seine Wahrheit, können dann „unparteiisch“ in die Einheit mit allen anderen eintreten, die zur „Partei Gottes“ gehören.

In anderen Worten: Solange wir uns anstrengen, uns „einander“ anzunähern oder andere „näher zu uns“ hinzuziehen, werden wir keine Einheit schaffen können. Wenn wir uns aber darauf konzentrieren, uns Jesus anzunähern, dann werden wir finden, dass wir unweigerlich auch einander näherkommen.
Beim Versuch, auf menschlicher Ebene „Einheit“ zu schaffen, machen wir oft die Erfahrung: Sobald wir uns einem gewissen Segment der „Christenheit“ annähern, sehen wir uns in einer grösseren Distanz zu einem anderen Segment. Sobald wir neue Freunde im einen Lager gewinnen, machen wir uns Feinde in einem anderen Lager.
Im Bild können wir dies mit einer Hin- und Her-Bewegung auf einer Kreislinie vergleichen, die im ständig gleichen Abstand um das Kreuz herumläuft. So können wir zwar einigen Mitchristen näherkommen, entfernen uns aber gleichzeitig von anderen.
Die Alternative dazu wäre eine Bewegung auf Jesus hin, direkt auf das Zentrum zu. Dabei scheint es zunächst, dass wir uns von allen Gefährten entfernen, die wir neben uns auf der Kreislinie zurücklassen. Aber bald werden wir andere finden, die aus anderen Richtungen auf dasselbe Zentrum zugehen; und je näher wir zu Jesus kommen, desto näher kommen wir auch diesen anderen.

Da ist aber noch ein Problem. Wir sind ja (mehrheitlich) in unseren „Gefässen“ drin! Wie weit werden uns diese Gefässe erlauben, uns Jesus anzunähern? – Ideal wäre es natürlich, wenn das ganze Gefäss zur Mitte, zu Jesus zurückkehrte. Das war das Ideal der Reformation und manch anderer Erneuerungsbewegungen. Aber die Kirchengeschichte zeigt, dass dies so gut wie unmöglich ist. Fast alle geistlichen Erneuerungs- und Erweckungsbewegungen wurden von ihren eigenen „Muttergefässen“ abgelehnt und sogar verfolgt. Oft waren es gerade die kirchlichen Leiter, welche die Gemeindeglieder davor zurückhielten, einer Erweckungsbewegung zu folgen.

Historisch geschah deshalb meistens das Folgende: In Erweckungszeiten wurden Gläubige „aufgeweckt“ und begannen sich Jesus anzunähern. Da ihr „Gefäss“, ihre Gemeinde, diese Bewegung aber nicht mitmachte, wurde mit der Zeit die Spannung so gross, dass diese Erweckten sich gezwungen sahen, ihr „Gefäss“ hinter sich zu lassen (durch eigene Entscheidung oder durch Ausschluss). Sie fanden Gemeinschaft und Einheit mit anderen Erweckten (oft aus unterschiedlichem konfessionellem Hintergrund), in der Nähe zu Jesus. Diese Einheit war jeweils am intensivsten in der Anfangszeit, solange die Gemeinschaft mit Jesus vorrangig war und die Organisation zweitrangig. Aber mit der Zeit flaute die Erweckung ab, und das neue organisatorische „Gefäss“ trat in den Vordergrund (und begann sich gleichzeitig von der Mitte zu entfernen).

Paulus warnte die Korinther davon, sich mit menschlichen „Denominationen“ zu identifizieren:
„…dass jeder von euch sagt: Ich gehöre zu Paulus, und ich zu Apollos, und ich zu Kephas, und ich zu Christus. Ist etwa Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder wurdet ihr auf den Namen von Paulus getauft?“ (1.Kor.1,12.13)
„Wer ist denn Paulus, und wer ist Apollos? Diener, durch die ihr zum Glauben gekommen seid, und dies wie der Herr es jedem gegeben hat. … Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das gelegt ist: Jesus Christus.“ (1.Kor.3,5.11)

In anderen Worten sagt er: „Ich erhebe keinen Besitzanspruch auf euch. Nicht ich bin es, der sein Leben für euch gegeben hat; Jesus hat dies getan. Er allein ist euer Fundament und euer Eigentümer. Werdet also nicht Nachfolger von menschlichen Parteien.“

– Ich könnte verschiedene historische Beispiele anführen für das Gesagte. Hier stellvertretend nur ein paar Zitate aus dem Buch „Azusa Street“ von Frank Bartleman, einem der ersten Pioniere der Pfingstbewegung:

„Ein Geist grosser Demut zeigte sich in dieser Versammlung. Alle waren auf Gott konzentriert. Offenbar hatte der Herr seinen kleinen Überrest gefunden, – draussen, wie immer -, durch den er seinen Willen tun konnte. Er konnte dies in keinem der Missionswerke des Landes tun; alle befanden sich in den Händen von Menschen. …Der Geist wurde von neuem in einem ärmlichen ‚Stall‘ geboren, ausserhalb der kirchlichen Institutionen, wie immer. Ein ‚Leib‘ muss vorbereitet sein, in Umkehr und Demut, für jede Ausgiessung des Geistes.“

„Wir waren alle Brüder. Wir hatten kein menschliches Programm. Gott selber leitete uns. Wir hatten keine Priesterklasse und keine priesterlichen Dienste. Diese Dinge kamen später, mit dem Abfall der Bewegung. Anfangs hatten wir nicht einmal eine Bühne oder Kanzel. Alle befanden sich auf derselben Höhe. Die Diener Gottes waren Diener im wahrsten Sinne des Wortes.“

„Wir dürfen keine Lehre vertreten, und keine Erfahrung suchen, ausser in Christus. …Die Aufmerksamkeit der Leute muss sich zuerst, und immer, auf ihn richten. Ein wahres ‚Pfingsten‘ wird eine sehr starke Überführung von Sünde bewirken, eine Rückkehr zu Gott. …Jedes Werk, das den Heiligen Geist oder die Gaben über Jesus erhebt, wird im Fanatismus enden. Alles, was Jesus erhoben und geliebt macht, ist gut und sicher…“

„Eines Tages zeigte mir Gott, dass sie (die Leiter von Azusa Street) daran dachten, sich zu organisieren, obwohl niemand ein Wort davon gesagt hatte. Der Geist hiess mich aufstehen und sie vor der Gefahr warnen, aus dem pfingstlichen Werk eine ‚Partei‘ zu machen. Die Heiligen sollten ‚ein Leib‘ bleiben, und frei sein, nicht ‚wieder unter einem (kirchlichen) Joch’… Am nächsten Tag fand ich über der Tür von Azusa ein Schild: ‚Missionswerk des apostolischen Glaubens.‘ Der Herr sagte mir: ‚Das ist es, was ich dir sagte.‘ Sie hatten es tatsächlich getan. Ein ‚Parteigeist‘ kann nicht ‚pfingstlich‘ sein. …Danach versuchten sie, das ganze Werk an der Küste in diese Organisation einzuschliessen, aber sie versagten kläglich… Das Volk Gottes muss frei sein von Hierarchien.“

„Je mehr die Bewegung abfiel, desto höher wurden die Bühnen, und desto feiner die Anzüge (der Prediger)… Die Könige kehrten auf ihre Throne zurück. Wir waren nicht mehr alle Brüder. Und die Spaltungen multiplizierten sich. Während Bruder Seymour in Azusa Street seinen Kopf in einer leeren Schachtel hielt, ging alles gut. (Anm: Er verbrachte die meiste Zeit in den Versammlungen so betend, statt zu ‚leiten‘.) Aber schliesslich bauten sie auch für ihn einen Thron. Jetzt haben wir nicht nur eine Hierarchie, sondern viele.“

Ähnliche Beobachtungen könnten wir auch bei anderen Erweckungsbewegungen machen wie z.B.bei den Pietisten, den Herrnhutern, den Methodisten, usw. Am Anfang war die Einheit mit Jesus zentral, was automatisch eine Einheit unter den Erweckten bewirkte. Mit der Zeit aber trat die „Organisation“ und die „Gemeindetradition“ in den Vordergrund, während die Beziehung zu Jesus (und damit die Erweckung und die Einheit) abflaute.

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