Über die Einheit der Christen – Teil 3 – Die Einsamkeit des Christen

Nachdem ich in der vorangehenden Folge über christliche Einheit und Gemeinschaft schrieb, ist es mir wichtig, auch die Kehrseite zu erwähnen: ein echter Christ ist oft einsam. Nicht nur in der „Welt“, sondern oft auch in den gegenwärtigen Gemeinden.

Manche grossen Männer Gottes in der Bibel wurden für längere Zeit von Gott buchstäblich in die Wüste geschickt. Abraham musste Hunderte von Kilometern durch die heutige arabische und syrische Wüste wandern, auf der Suche nach einem Land, das Gott ihm erst zu einem unbekannten Zeitpunkt unterwegs zeigen würde. Moses verbrachte vierzig Jahre damit, in der Wüste Schafe zu hüten; und dann nochmals vierzig Jahre als Führer eines halsstarrigen Volkes in derselben Wüste. Johannes der Täufer verbrachte fast sein ganzes Leben in der Wüste. Jesus selber wurde vom Heiligen Geist in die Wüste getrieben, um vierzig Tage lang zu fasten und vom Teufel versucht zu werden.

Gott benutzte verschiedene Umstände, um diese Menschen in die Wüste zu bringen. Oft war es die Flucht vor Feinden (z.B. Moses, David, Elias). Manchmal war es auch ein direkter Ruf Gottes (Abraham, Johannes der Täufer, Jesus). Andere haben sich anscheinend freiwillig zeitweise in die Wüste zurückgezogen, um Gott zu suchen (Ezechiel, Daniel, Paulus – Gal.1,15-17 – wobei bei Paulus evtl. auch der Umstand der Flucht mitspielte, Apg. 9,23-25).

Ebenso unterschiedlich war auch das Handeln Gottes an diesen Menschen in der Wüste. Für manche war es eine Zeit der Läuterung und Vorbereitung für eine zukünftige Aufgabe (Moses, David, Jesus – wobei Jesus natürlich keine Läuterung nötig hatte -, Paulus). Manche erlebten Versuchungen und harte Anfechtungen (David, Elias, Jesus). Manche hatten in der Wüste eindrückliche Begegnungen mit Gott (Moses, Elias, Ezechiel, Daniel, Johannes der Apostel auf Patmos).

Aber alle sind in ihrer Wüstenzeit von Gott bleibend verändert worden. Und noch etwas war ihnen gemeinsam: die Erfahrung grosser Einsamkeit. Sie waren von der Gesellschaft abgeschnitten – auch vom „religiösen Leben“ der Gesellschaft. Sie konnten ihre tiefsten Erfahrungen mit niemandem teilen. Selbst als sie aus der Wüste zurückkamen, blieben sie „besondere“, „abgesonderte“ Menschen, weitgehend unverstanden von ihren Mitmenschen, die keine solche Wüstenerfahrung hinter sich hatten.

Ein besonderes Beispiel gibt uns Johannes der Täufer, der „Rufer in der Wüste“: Er ging nicht zu den Menschen, um ihnen zu prophezeien. Stattdessen mussten die Menschen zu ihm in die Wüste hinausgehen, wenn sie ihm zuhören wollten oder von ihm getauft werden wollten. Damit gab er ihnen zu verstehen: Wer die Botschaft Gottes erhalten will, muss bereit sein, die Wüstenerfahrung zu teilen. Das ist etwas, was keine gelehrte theologische Schule und keine wohlorganisierte Gemeinde mit klimatisierten Räumlichkeiten vermitteln kann.

Damit kommen wir zu dem Punkt, wo das „Wüstenprinzip“ allen Nachfolgern Jesu gilt:

„Denn die Körper jener Tiere, deren Blut für die Sünde vom Hohepriester ins Heiligtum gebracht wird, werden draussen vor dem Lager verbrannt. Deshalb litt auch Jesus ausserhalb des Tors, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen. Lasst uns deshalb zu ihm hinausgehen, ausserhalb des Lagers, und seine Schmach tragen.“ (Hebräer 13,11-13)

Das „Lager“ bezieht sich hier auf das Zeltlager Israels, also auf die Gemeinschaft des Volkes Gottes; das „Tor“ auf das Stadttor Jerusalems. Es wird angenommen, der Hebräerbrief sei an die Jerusalemer Christen geschrieben, die vor der römischen Belagerung in die Wüste geflohen waren. Wahrscheinlich vermissten viele von ihnen die Annehmlichkeiten der Stadt und die grossen Versammlungen im Tempel. Aber die zitierten Verse zeigen uns, dass es zum Weg eines Nachfolgers Jesu gehört, solch angenehme Gemeinschaft hinter sich zu lassen – oft sogar die Gemeinschaft derer, die sich „Volk Gottes“ nennen und in der Vergangenheit selber einmal in die Wüste hinausgezogen waren.

– In der Folge gebe ich einige Zitate wieder, die zeigen, dass Nachfolge Jesu oft gerade nicht „fröhliche Gemeinschaft“ bedeutet; und die weiteres Licht darauf werfen, warum Nachfolger Jesu oft sogar gerade inmitten anderer Christen einsam sind.

Die Bergspitzen des Gebets
Die amerikanischen Pioniere, die nach dem Westen zogen, suchten jeweils einen hochgelegenen Aussichtspunkt, von wo aus sie das vor ihnen liegende Wegstück überblicken konnten. Die Pioniere einer Erweckung sind nicht anders. Von der Höhe ihrer gebeugten Kniee aus suchen sie den geistlichen Horizont ab, ob sie ein kleines Zeichen einer kommenden Bewegung Gottes sehen können. Sie besteigen ständig die Bergspitzen des Gebets, in der Hoffnung, wenigstens ein kleines Zeichen von Erweckung zu entdecken.
…Jeder echte Erweckungspionier ist wohlbekannt mit dem Geschmack heisser Tränen und Herzeleid. Das Gebet ist für ihn nicht nur ein Mittel, neue Richtungsweisung zu erhalten; es ist auch ein übernatürlicher Weg, der Last eines gebrochenen Herzens Ausdruck zu verleihen. Der Pionier wird wiederholt gepeinigt von der zunehmenden Krise einer kraftlosen Gemeinde inmitten einer sündenkranken und verlorenen Welt. Seine Hoffnung wird verspottet und herausgefordert von einer religiösen Einöde und Tälern voll von vertrockneten Knochen. Aber seltsamerweise sind es genau diese öden und bedrohlichen geistlichen Bedingungen, die den Pionier weiter ins Gebet treiben, um neue Wege des Heiligen Geistes zu finden. Sich in einer solchen Umgebung behaglich niederzulassen, würde den Tod ihres Dienstes und ihrer Vision bedeuten. (…)

Du bist NICHT verrückt!
Hast Du Dich je über diesem göttlichen Herzeleid gefragt, ob Du dabei bist, verrückt zu werden? Viele der frühen Pioniere, die nach Westen zogen, hatten ähnliche Gefühle, als sie die Sicherheit und Bequemlichkeit ihrer Häuser verliessen. Obwohl sie ihren Besitz und ihre Nachbarn schätzten, fühlten sie dennoch, dass sie irgendwie nicht ganz hineinpassten oder dazugehörten. Sie konnten den wachsenden Hunger nach etwas anderem nicht loswerden. In ganz ähnlicher Weise gibt es heute Tausende junger Erweckungspioniere, die dieselben intensiven und oft befremdlichen Gefühle teilen. Ich spreche über etwas, was vom Heiligen Geist gewirkt ist; ein Unbehagen, das von Gott kommt, und das Dir nicht erlaubt, Dich mit weniger zufriedenzugeben als mit der wirklichen Gegenwart Jesu Christi.
Nicht an den Erweckungsprozess Gottes gewöhnt, versuchen einige Pioniere, dem Eindruck Gottes auf ihren Herzen zu entfliehen. Eins ums andere Mal bemühen sie sich, sich in die neusten Pläne und Strömungen der Gemeinde einzufügen. Aber sie finden nie Erleichterung darin. Sogar inmitten von erneuerten Gemeinschaften fühlen sie sich oft als unangepasste Aussenseiter. Während andere in der Gemeinde völlig zufrieden scheinen, kann der Erweckungspionier in genau derselben Umgebung kaum die Tränen zurückhalten, und den Hunger nach mehr. Sind Dir diese befremdlichen und unbequemen Gefühle bekannt? Ist Dein hungriges Herz verwirrt darüber, wo Du hineinpasst im Haus Gottes? – Vielleicht hat Gott dir nicht erlaubt, „hineinzupassen“!
Oft findet die prophetische Botschaft des Pioniers kein Gehör, solange Gott nicht ein frisches Werk tut. Deshalb sollten junge Pioniere nicht überrascht sein, wenn sie angeklagt werden, zu idealistisch und unpraktisch zu sein. Solche Kritik und Unverständnis sind oft ein Teil von Gottes Trainingsprozess. … Obwohl er oft gemieden und sogar heftig abgelehnt wird, lernt der echte Pionier durch Versuch und Irrtum, es in Sanftmut und Geduld zu ertragen. Trotzdem sollte sich jeder Pastor und geistliche Leiter davor hüten, allzuschnell den aufrichtigen Eifer eines jungen Pioniers als den kritischen Geist eines unreifen Rebellen abzutun.“
(David Smithers, „The New Pioneers of Revival“, http://www.watchword.org. – Diese Seite ist eine wahre Fundgrube an Artikeln von und über Erweckung, leider alle auf Englisch.)

Der Heilige muss den Weg allein gehen
Die meisten grossen Seelen der Welt waren einsam. Einsamkeit scheint ein Preis zu sein, den der Heilige für seine Heiligkeit bezahlen muss.
… Die vorchristlichen Propheten waren unter sich sehr verschieden, aber sie hatten eines gemeinsam: ihre Einsamkeit. Sie liebten ihr Volk und ehrten die Religion ihrer Väter, aber ihre Loyalität zu Gott und ihr Eifer um das Wohlergehen ihrer Nation Israel entfremdeten sie den Massen. „Ich wurde meinen Geschwistern ein Fremder, und den Kindern meiner Mutter ein Unbekannter“, rief einer von ihnen aus und sprach für alle anderen mit.
…Jesus starb allein in der Dunkelheit, verborgen vor den Blicken der Menschen; und niemand sah ihn, als er siegreich auferstand und aus dem Grab kam.
…Manchmal reagieren wir aus einem religiösen Reflex heraus und wiederholen pflichtbewusst die „richtigen“ Worte, obwohl sie weder unsere wirklichen Gefühle wiedergeben noch durch unsere persönliche Erfahrung abgedeckt sind. Jemand mag z.B. heiter sagen: „Oh, ich bin nie einsam. Jesus hat gesagt, dass er immer bei mir ist.“
Dieses Zeugnis, das die meisten Christen auf Lager haben, ist zu nett, um wahr zu sein. Es drückt aus, was der Sprecher denkt, es sollte wahr sein; nicht was er durch Erfahrung als wahr erkannt hat. Dieses heitere Verneinen der Einsamkeit beweist nur, dass der Sprecher nie den Weg mit Gott gegangen ist, ohne die mutmachende Unterstützung der Gesellschaft. Das Gefühl der Gemeinschaft, das er irrtümlich der Gegenwart Christi zuschreibt, kommt wahrscheinlich von der Gegenwart freundlicher Menschen. Erinnere dich daran: du kannst kein Kreuz in Gemeinschaft tragen. Auch wenn jemand von einer grossen Menschenmenge umgeben ist: sein Kreuz ist allein seines, und die Tatsache, dass er es trägt, sondert ihn ab. Die Gesellschaft hat sich gegen ihn gewandt; sonst hätte er kein Kreuz. Niemand ist ein Freund des Mannes mit dem Kreuz. „Sie verliessen ihn alle und flohen.“
Der Schmerz der Einsamkeit kommt aus unserer Natur. Gott hat uns füreinander gemacht. Der Wunsch nach menschlicher Gemeinschaft ist natürlich und recht. Die Einsamkeit des Christen kommt von seinem Weg mit Gott in einer ungöttlichen Welt. Dieser Weg sondert ihn oft ab, nicht nur von der unbekehrten Welt, sondern oft auch von der Gemeinschaft guter Christen. Sein Inneres schreit nach Gemeinschaft mit anderen seiner Art, mit anderen, die seine Sehnsucht verstehen, seine Wünsche, sein Aufgehen in der Liebe Christi. Da es in seinem Freundeskreis so wenige gibt, die innere Erfahrungen teilen, sieht er sich gezwungen, seinen Weg allein zu gehen.
…Der Mensch, der die Gegenwart Gottes tatsächlich erfahren hat, wird nicht viele finden, die ihn verstehen. Er wird natürlich gewisse soziale Gemeinschaft finden im Umgang mit religiösen Menschen in den Aktivitäten der Gemeinde; aber echte geistliche Gemeinschaft wird schwer zu finden sein. Er sollte nichts anderes erwarten. Schliesslich ist er ein Fremdling und Pilger… Er hat einen anderen Geist als die Volksmengen, die die Vorhöfe des Hauses des Herrn zertreten. Er hat gesehen, was sie nur vom Hörensagen kennen; und er geht unter ihnen umher ähnlich wie Zacharias, als er vom Altar zurückkehrte und die Leute tuschelten: „Er hat eine Vision gesehen.“
…Es ist gerade diese Einsamkeit, die ihn auf Gott zurückwirft. „Wenn auch Vater und Mutter mich verlassen, der Herr nimmt mich auf.“ Da er keine menschliche Gemeinschaft finden kann, sucht er in Gott, was er nirgendwo sonst finden kann. Er lernt in innerer Einsamkeit, was er in der Menge nicht hätte lernen können: dass Christus alles in allem ist; dass er uns zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung gemacht wurde, dass wir in ihm das höchste Gut des Lebens haben.“
(Aus A.W.Tozer, „The Dwelling Place of God“)

„Wenn es zwischen denen, die sich als Christen bezeichnen, an brüderlicher Liebe und christlichem Vertrauen mangelt, dann ist eine Erweckung nötig. Wenn Christen in einen niedrigen und abgefallenen Zustand gesunken sind, dann haben sie nicht dieselbe Liebe und nicht dasselbe Vertrauen zueinander, und können sie gar nicht haben, als wenn sie alle lebendig wären und heilige Leben lebten.
Gott liebt alle Menschen mit einer Liebe des Wohlwollens; aber die Liebe des Wohlgefallens fühlt er nur gegenüber denjenigen, die heilig leben. Christen können einander mit der Liebe des Wohlgefallens nur soweit lieben, wie sie heilig sind. Wenn christliche Liebe die Liebe zum Abbild Christi in seinem Volk ist, dann kann diese Liebe nur da ausgeübt werden, wo dieses Abbild tatsächlich existiert. Eine Person muss das Abbild Christi widerspiegeln, und den Geist Christi zeigen, bevor andere Christen diese Person mit der Liebe des Wohlgefallens lieben können. Es ist vergeblich, Christen dazu aufzurufen, einander mit der Liebe des Wohlgefallens als Christen zu lieben, wenn sie in Stumpfheit abgesunken sind. Sie sehen aneinander nichts, was diese Liebe hervorbringen könnte. Es ist (in diesem Zustand) nahezu unmöglich, füreinander etwas anderes zu fühlen als für die Sünder. Lediglich zu wissen, dass sie zur Gemeinde gehören, oder einander gelegentlich am Abendmahlstisch zu sehen, wird keine christliche Liebe hervorbringen; ausser sie können ineinander das Abbild Christi sehen.“
(Aus Charles Finney, „Revival Lectures“, 2.Kapitel)

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,


%d Bloggern gefällt das: