Genies ohne Schule. Weltbekannte Persönlichkeiten, die nicht zur Schule gingen oder mit der Schule Probleme hatten. – Teil 3

Teil 3: Verschiedene

(Zur vorhergehenden Folge)

Dies ist der letzte Teil einer Zusammenstellung biographischer Angaben zu berühmten Persönlichkeiten, die ihre Ausbildung nicht – oder nur zu einem geringen Teil – der Schule verdanken. Entweder weil sie durch homeschooling ausgebildet wurden und gar nicht zur Schule gingen, oder aber weil sie die Schule nur als hinderlich empfanden für ihre persönliche und geistige Entwicklung, und sich deshalb ihre wichtigsten Kenntnisse und Fertigkeiten ausserhalb der Schule aneigneten. Die Liste ist bei weitem nicht vollständig.


John Wesley, Erweckungsprediger

Wesleys Mutter Susanna bildete alle ihre neunzehn (!) Kinder zuhause aus. Sie tat das – im Gegensatz zu manchen anderen hier vorgestellten Familien – im Stil einer äusserst disziplinierten Schule. Sie stellte an ihre Kinder äusserst hohe Anforderungen, sowohl bezüglich Gehorsam als auch in den Schulleistungen. Und anscheinend waren ihre Kinder in der Lage, diese Anforderungen zu erfüllen. Zum Beispiel lernten sie alle im Alter von fünf Jahren innerhalb weniger Tage das Lesen. Der ganze Unterricht beruhte auf christlichen Prinzipien; als Lesebuch diente die Bibel.
John Wesley scheint unter der strengen Erziehung nicht gelitten zu haben; im Gegenteil. Als Erwachsener bat er einmal seine Mutter, ihre Erziehungsprinzipien und -methoden schriftlich niederzulegen, weil er sie so hoch schätzte. Auch er selber war dafür bekannt, dass er bis ins hohe Alter ein äusserst diszipliniertes Leben führte.
In einer späteren Predigt („Über die Religion in der Familie“) spricht er ausführlich über die Pflicht der Eltern, ihre Kinder zu erziehen und zu lehren; und warnt seine Zuhörer ausdrücklich davor, ihre Kinder an eine öffentliche Schule zu schicken:
„Wozu schickst du deine Kinder zur Schule? – ‚Natürlich, damit sie auf das Leben in der Welt vorbereitet werden.‘ – Von was für einer Welt sprichst du denn, von dieser oder von der zukünftigen? Vielleicht denkst du nur an diese Welt, und vergisst, dass es eine zukünftige Welt gibt, und eine, die ewig dauern wird! Bitte denke ernsthaft daran, und schicke deine Kinder zu solchen Lehrern, die diese zukünftige Welt immer vor ihren Augen haben. Sonst – erlaubt mir, es klar zu sagen – ist es kaum besser, sie zur Schule zu schicken, als sie zum Teufel zu schicken. Und auf jeden Fall, wenn dir die Seele deiner Kinder irgendetwas bedeutet, schicke sie nicht an eine dieser grossen öffentlichen Schulen (denn diese sind Brutstätten von aller Art Bosheit), sondern an eine private Schule, wo ein frommer Mann unterrichtet, der sich bemüht, eine kleine Anzahl Kinder sowohl in der Lehre wie auch in der Religion zu unterrichten.“
Das Wirken John Wesleys löste eine Erweckung aus, die ganz England tiefgreifend und nachhaltig prägte. Grosse Mengen von Menschen kamen zum Glauben an Jesus und erneuerten ihr Leben grundlegend. Es ist schon gesagt worden, nur dank dieser Erweckung sei England eine Revolution wie die französische erspart geblieben.

Jonathan Edwards, Erweckungsprediger

Jonathan Edwards war, zusammen mit George Whitefield, Auslöser der „Ersten Grossen Erweckung“ in Nordamerika während der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts. Er gilt ausserdem als der „Erweckungstheologe“ schlechthin.
Edwards wurde in seiner Kindheit von seinem Vater ausgebildet, während seine älteren Schwestern selbständig ihre jeweiligen Studienrichtungen erforschten. Ihr Vater war ein Gelehrter und hatte deshalb keine Schwierigkeiten, seinen Kindern eine höhere Ausbildung zu vermitteln. Jonathan begann sich in dieser Umgebung für viele Dinge zu interessieren, insbesondere für die Erforschung der Natur, und erwarb so ein für sein Alter überdurchschnittliches Wissen. Ein Biograph sagt: „Unter diesen Umständen war seine Ausbildung sicherlich weniger systematisch und weniger Regeln unterworfen als normalerweise in einer Schule. Aber gleichzeitig war sie besser dazu geeignet, ihn zu angenehmeren Umgangsformen, zarteren Gefühlen und reineren Regungen zu formen.“ – Mit dreizehn Jahren trat er in das Yale College in New Haven ein.

Wolfgang Amadeus Mozart, Musiker und Komponist

Mozarts Vater war Berufsmusiker und Musiklehrer. Er unterrichtete seinen Sohn zuhause – nicht nur in Musik, sondern auch in Sprachen und in anderen akademischen Fächern. Mozart ging nie zur Schule. Im Alter von 14 Jahren wurde er zum Konzertmeister am Hof des Erzbischofs von Salzburg ernannt. Während seines kurzen Lebens schuf er über 600 musikalische Werke.

Mark Twain, Schriftsteller

Im Alter von zwölf Jahren begann Mark Twain eine Druckerlehre. Abends ging er jeweils in die öffentlichen Bibliotheken, um sich weiterzubilden. Er hatte keine formelle Schulbildung und sagte: „Ich habe es der Schule nie erlaubt, sich in meine Bildung einzumischen.“

Hans Christian Andersen, Schriftsteller

Andersen war kein guter Schüler. Später sagte er, seine Schulzeit seien die dunkelsten und bittersten Jahre seines Lebens gewesen. Er hatte Schwierigkeiten im Lesen, und seine Lehrer rieten ihm von seinen Schreibversuchen ab. Dennoch wurde er später zu einem berühmten Schriftsteller.

Agatha Christie, Krimi-Autorin

Agatha Christie ging nie zur Schule. Ihr Vater brachte ihr Mathematik bei, und verschiedene Privatlehrer lehrten sie andere Themen zuhause. Als Kind erfand sie ihre eigenen Spiele, um sich zu beschäftigen.
Agatha war ein sehr schüchternes Mädchen und konnte sich nicht gut mündlich mitteilen. Deshalb begann sie ihre Gefühle mit Hilfe der Musik auszudrücken, und später durch das Schreiben von Romanen. Während ihres Lebens schrieb sie achtzig Bücher und zwölf Theaterstücke.
Über die Schule sagte sie:
„Ich nehme an, es liegt daran, dass heute fast alle Kinder zur Schule gehen, wo alles für sie vorgeplant ist, dass sie anscheinend so völlig unfähig sind, eigene Ideen hervorzubringen.“

Christopher Paolini, Bestsellerautor

Christophers Eltern beschlossen, ihn zusammen mit seinem jüngeren Bruder zuhause auszubilden. Sie zogen an einen abgelegenen Ort auf dem Land, um ihren Kindern die Freiheit zu bieten, „Zeit zu haben, um die Wolken zu beobachten, und Raum zu haben zum Nachdenken“. Sie passten die Lerninhalte den Interessen der Kinder an, und gingen mit ihnen oft in die Bibliothek der nächstgelegenen Ortschaft. Christopher sagt, er hätte dreitausend Bücher gelesen.
Im Sekundarschulalter schloss sich Christopher einem Korrespondenz-Lernprogramm an, das er mit 15 Jahren abschloss. Er beschloss, seine weitere Ausbildung noch aufzuschieben. Stattdessen begann er zu seiner eigenen Unterhaltung einen Phantasieroman zu schreiben mit dem Titel „Eragon“. Im Lauf dieses Projektes lernte er u.a, Eisen zu schmieden, um selber zu erleben, wie Messer, Schwerter und Rüstungen hergestellt werden. Er studierte auch die Prinzipien des Romanschreibens. Als der Roman fertig war, arbeitete die ganze Familie bei der Korrektur und Veröffentlichung mit. Christopher zeichnete selber die Illustrationen und Landkarten. Im Jahr 2002, als Christopher 18 Jahre alt wurde, war das Manuskript bereit zum Druck. Als Familie verkauften sie zehntausend Exemplare. Dann wurde der Roman von einem professionellen Verlag nachgedruckt, und „Eragon“ wurde zu einem Bestseller in den Vereinigten Staaten.

Soichiro Honda, Motorradfabrikant

Der Begründer des Honda-Unternehmens lernte in der Werkstatt seines Vaters, Fahrräder zu reparieren. Im Alter von fünfzehn Jahren begab er sich ohne formelle Schulbildung nach Tokyo, um Arbeit zu suchen. Dort arbeitete er sechs Jahre als Automechaniker. Dann gründete er sein eigenes Unternehmen, das sich weiterentwickelte, bis die Honda-Motorräder zur meistverkauften Marke der Welt wurden.

Erik Demaine, Computerspezialist

Erik Demaine ist ein Forscher und Universitätsdozent in Computerwissenschaften. Er sagt über seine Ausbildung:
„Ich lernte schon in einem frühen Alter lesen, aber es interessierte mich nicht besonders. Ich las keine Schulbücher, bevor ich zur Universität ging. Mein Vater bildete mich zuhause aus, bis ich in die Universität eintrat. Er war gegen die Schule und wollte selber an meiner Ausbildung beteiligt sein. Er reiste viel, und so bereisten wir zusammen die Vereinigten Staaten und Kanada. Ich sah viele verschiedene Kulturen und lernte viele verschiedene Menschen verschiedensten Alters und aus verschiedensten Hintergründen kennen.“

Sein Vater ist ein Bildhauer und Glaser ohne höhere Schulbildung.

Erik interessierte sich sehr für Computerspiele, und später fürs Programmieren. Im Alter von sieben Jahren schrieb er sein erstes Computerprogramm, ein Text-Abenteuerspiel. Als seine Ambitionen seine Kenntnisse überstiegen, meldete ihn sein Vater zu einigen Mathematik- und Informatikkursen an der örtlichen Universität an, und der Vater nahm zusammen mit dem Sohn an den Vorlesungen teil. Obwohl Erik erst zwölf Jahre alt war, erzielte er Bestnoten. Er erinnert sich: „Meine Klassenkameraden behandelten mich wie einen der ihren.“
Mit 14 Jahren erhielt er den Titel eines Bachelor und studierte weiter zum Master- und Doktortitel. Dann begann er als Informatikdozent zu arbeiten am MIT (Massachusetts Institute of Technology). Mit erst zwanzig Jahren war er der jüngste Dozent, der je dort gearbeitet hatte.

Dr.Demaine ist vor allem bekannt für seine Arbeiten über geometrische Algorithmen, welche Kunst, Wissenschaft und Spiel miteinander verbinden. Er begründete den Zweig des computerisierten Origami, mit vielseitigen Anwendungen von der industriellen Fertigung (Herstellung von Metallfolien) bis hin zur Biologie (Erforschung der Faltformen von Proteinen).


Nachgedanken

Allein schon die Tatsache, dass eine so grosse Anzahl berühmter Persönlichkeiten entweder mit der Schule nichts anfangen konnten, oder überhaupt zuhause ausgebildet wurden, sollte unsere Aufmerksamkeit erregen. Die Liste könnte übrigens noch mit vielen weiteren Namen erweitert werden. Da „Homeschooler“ im allgemeinen eine kleine Minderheit sind (möglicherweise mit Ausnahme von Nordamerika im 18. und beginnenden 19.Jh.), ist es wirklich auffällig, dass so viele anerkannte Genies aus dieser kleinen Minderheit hervorgegangen sind.

Beim Zusammenstellen dieser Biographien fiel mir auf – besonders bei den Amerikanern des 18. und 19. Jahrhunderts -, dass sie den Umgang mit Büchern suchten und pflegten. Auffallend viele von ihnen ergriffen zuerst Berufe, die mit Drucksachen zu tun haben: Drucker, Zeitungsverkäufer, Buchbinder, Bibliothekar. Bereits in einem frühen Alter wussten sie sich selber die Informationen zu beschaffen, die sie benötigten oder die sie interessierten. In anderen Worten: Sie hatten (aktives) Lernen gelernt, und waren deshalb in der Lage, sich selber weiterzubilden. Ganz im Gegensatz zum durchschnittlichen Schulkind, das nicht gelernt hat zu lernen, sondern nur passiv Wissensbrocken aufzunehmen und an Prüfungen wieder auszuspeien. (Durchschnittliche Schulkinder lesen zudem sehr ungern, wie ich tagtäglich beobachte.)
Deshalb zieht auch das Argument nicht, das manchmal in Diskussionen gegen homeschooling vorgebracht wird: Ein Elternpaar allein hätte doch nicht das nötige Wissen, um ihre Kinder auf einen höheren Wissensstand zu bringen, wie er (z.B.) beim Abitur verlangt wird. Es ist gar nicht nötig, als Eltern selber alles zu wissen! Es ist lediglich nötig, den Kindern beizubringen, wie sie selber relevante Informationen finden und sich Wissen aneignen können. Sobald diese Fähigkeit zur Reife kommt (d.h. etwa in der Pubertät), können die Kinder und Jugendlichen durch eigenes Studium viel schneller viel weiter kommen als Schulkinder, die stur und passiv einen vorgegebenen Lehrplan wiederkäuen müssen. Zu diesem eigenen Lernen gehört selbstverständlich die Möglichkeit, den eigenen Interessen und Bedürfnissen gemäss lernen zu dürfen. Und es schliesst auch nicht aus, dass für bestimmte Spezialgebiete entsprechend bewanderte Lehrer gesucht und/oder entsprechende Kurse besucht werden. Das manchmal in den Medien verbreitete Zerrbild von Homeschool-Kindern, die die ganze Zeit isoliert zuhause sitzen, trifft keineswegs zu. Homeschool-Kinder und -Eltern suchen sehr wohl nach Informationsquellen und Aktivitäten ausserhalb des eigenen Heims (wo ihnen das nicht – wie z.B. in manchen Fällen in Deutschland – durch politische Verfolgung verunmöglicht wird); aber sie behalten die Eigeninitiative und Eigenverantwortung über ihr Lernen. Diese Fähigkeit des Selber-Lernens und Selber-Entscheidens ist es, was die oben beschriebenen Personen gross gemacht hat – und genau diese Fähigkeit wird leider an den Schulen kleingeschrieben und verachtet.

Weiter fiel mir auf, dass manche der erwähnten Persönlichkeiten auf ihre zukünftige Aufgabe vorbereitet wurden, nicht durch das, was sie in der Schule lernten, sondern durch das, was sie zuhause spielten! Maria Montessori sagte: „Das Spiel (nicht der Schulbesuch!) ist die Arbeit des Kindes.“ Sehen wir vor unserem geistigen Auge den kleinen Edison, der Maschinen nachbaut und chemische Experimente macht. Betrachten wir Wilbur und Orville Wright, die mechanische Spielzeuge erfinden. Denken wir an George Washington, der als Hobby Felder ausmisst und Landkarten zeichnet, und bald darauf ebendiese Arbeit als ernsthaften Beruf angeboten bekommt. Stellen wir uns Churchill vor, wie er mit seinen Spielsoldaten Kriegstaktiken übt, statt zur Schule zu gehen – und viele Jahre später mit richtigen Soldaten den Zweiten Weltkrieg gewinnt. Sehen wir uns den kleinen Erik Demaine an, der Computerspiele programmiert, vielleicht ohne zu ahnen, dass er später ein berühmter Computerspezialist wird. Hier – und in einigen anderen Fällen – sehen wir sogar einen nahtlosen Übergang vom Kinderspiel zum Erwachsenenberuf.
Natürlich handelt es sich bei den angeführten Beispielen nicht um geisttötende, immer-gleiche Routinespiele, sondern um ein Spielen, bei dem eigenes Denken und Schaffen gefragt ist. Wir können also sagen: Das kreative Spielen ist eine vollgültige, vielleicht sogar die ideale, Vorbereitung auf produktive Arbeit.


Quellenangabe:
Die obigen biographischen Angaben sind zusammengestellt aus Artikeln bei Wikipedia und Kurzbiographien bei http://www.knowledgehouse.info.
Zudem:
(John Wesley) John Telford, „The Life of John Wesley“; John Wesley, Predigten.
(Jonathan Edwards) Timothy Dwight, „Memoirs of Jonathan Edwards“.

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