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Noch ein Ausstieg

17. Oktober 2011

Hatte ich doch gedacht, ich sei jetzt so ziemlich aus allen äusseren Umständen ausgestiegen, die mich noch an Menschenwerk statt Gottes Werk festhalten. Irrtum! Da kam dieses Jahr ein Brief, der mich daran erinnerte, dass ich noch zu einer Institution gehörte, die ich nicht zu hinterfragen wagte. Ich spreche von der Schweizerischen AHV (Alters- und Hinterbliebenenversicherung). Für Nicht-Schweizer: Die AHV gilt in der Schweiz als grösste soziale Errungenschaft des 20.Jahrhunderts und ist inzwischen zu einer heiligen Kuh geworden. Ich muss also damit rechnen, dass dieser Artikel von einigen Lesern als Sakrileg aufgefasst wird.

Nun wurde ich also in besagtem Brief aufgefordert, „die genaue Rechtsform Ihres Unternehmens (AG, GmbH, etc.)“ bekanntzugeben, und die „Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung“ dieses (gar nicht existierenden) Unternehmens einzureichen, sowie „Einzelheiten über Ihre Arbeitsstunden“, eine „detaillierte Aufstellung der Einnahmen und Aufwendungen pro Monat“, „Belege des Bruttoeinkommens Ihrer/Ihres Ehepartners/-in“ (ganz im herrschenden Zeitgeist: Obwohl sie mich als „Herrn Soundso“ ansprechen, sind die sich anscheinend über das Geschlecht meiner Ehefrau im Unklaren), – und anderes mehr.

Dabei weiss der Funktionär der AHV genau, dass ich weder Unternehmer noch Angestellter bin, dass ich in bescheidenen Verhältnissen lebe und auf Unterstützung Dritter angewiesen bin, und dass ich unter diesen Umständen von Gesetzes wegen sowieso den Mindestbeitrag bezahle, egal wie viele Bücher voll Belege ich einreiche.

Nun ist das nicht das erste Mal, dass ich von der AHV ein unsinniges Schreiben erhalte. Dieses Mal aber empfand ich den Vorfall als enen „Stubs“ von Gott, grundsätzlich darüber nachzudenken, wie er die AHV beurteilt, und ob es richtig sei, weiterhin in dieser Institution zu verbleiben.

Fürsorge für Alte und Bedürftige ist natürlich etwas Gutes und Lobenswertes. Effektiv ist die AHV eine der Institutionen, die dazu beigetragen haben, dass es in der Schweiz während der letzten Jahrzehnte und bis heute so gut wie keine (finanzielle) Armut gibt. Und sie zeugt von Solidarität unter dem schweizerischen Volk.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Wenn wir dem Urgedanken solcher sozialer Einrichtungen nachforschen, stossen wir auf die biblischen Anweisungen, sich um die Armen, Witwen und Waisen zu kümmern. Diese Anweisungen richten sich aber nicht an staatliche Institutionen, sondern in erster Linie an die Familienangehörigen der Bedürftigen (1.Timotheus 5,8.16), und in zweiter Linie an deren Mitchristen, also die geistliche Familie (Galater 2,10, Römer 15,26-27, Jakobus 2,15-16). Das ist die Art und Weise, wie die Armen- und Altersfürsorge jahrhundertelang funktioniert hat und in Ländern wie Perú auch heute noch weitgehend funktioniert. So kommen wir als Familie z.B. zusammen mit zwei weiteren Geschwisterfamilien für den Lebensunterhalt meiner betagten Schwiegereltern auf. Die Existenz und Notwendigkeit einer AHV ist also nicht nur ein Zeugnis für die Solidarität des Schweizervolkes. Sie ist ebenso ein Zeugnis dafür, dass die Einrichtungen, die traditionellerweise und biblischerweise für die Altersvorsorge zuständig waren, nämlich die natürliche und die geistliche Familie, nicht mehr funktionieren und in Auflösung begriffen sind oder sich bereits aufgelöst haben.

In dieser Situation ist es zwar besser, eine staatliche Altersvorsorge zu haben als gar keine. Aber ein wichtiges Element geht dabei verloren, nämlich die mitmenschliche Fürsorge. Es ist nicht dasselbe, ob ich meine Schwiegereltern unterstütze, denen ich persönlich nahestehe und mit deren Verhältnissen ich vertraut bin, oder ob ich Geld an eine anonyme Institution einzahle, deren Funktionäre mich nicht einmal kennen und mir nur ab und zu einen mehr oder weniger absurden Brief schreiben. In einem früheren Artikel habe ich ausführlicher über die Gefahren dieser Ver-Institutionalisierung der mitmenschlichen Hilfe geschrieben. In ähnlichem Sinn schreibt auch Randy Alcorn in „Geld, Besitz und Ewigkeit“:

„Früher mussten die Menschen auf Gott vertrauen, dass er die Mittel für die Arztrechnungen zur Verfügung stellte, wenn sie krank wurden. Wenn sie krank blieben, waren sie und ihre Familien von Gott, der Familie und der christlichen Gemeinschaft abhängig, was die materielle und persönliche Unterstützung anging. Eine Person, die verletzt war und nicht mehr arbeiten konnte, wurde von ihrer Familie, der Kirche, den Nachbarn und der Gemeinschaft versorgt. Ihre „Versicherung“ bestand in ihrer eigenen Beteiligung an dieser Gemeinschaft. Die Menschen sorgten füreinander, halfen einander und beteten füreinander. Gott wirkte durch diese persönlichen Beziehungen, um nicht nur materielle, sondern auch emotionale und geistliche Bedürfnisse zu decken. Wenn jemand starb, traten andere an seine Stelle, um bei der Versorgung der Familie zu helfen. Mit den Versicherungen wurde all das anders. Aber hat es sich zum Besseren gewandelt?
Vor hundert Jahren versammelten sich die Nachbarn und Gemeindemitglieder, wenn ein Haus abbrannte, gaben aus ihrem Vermögen an Zeit und Geld und halfen beim Wiederaufbau. (Das haben Sie doch sicher schon im Film gesehen, bei den Amish oder in „Unsere kleine Farm“!) Aber heute hat das die Versicherungsgesellschaft übernommen. Freunde, Nachbarn und Gemeindeglieder sind dann vielleicht kurz traurig und bieten kurzfristig emotionale Unterstützung an, aber dann kehren sie wieder in ihr eigenes Leben zurück, über ihren leidenden Nachbarn kaum betroffen und minimal an ihrem Unglück Anteil nehmend.
(…)
Um diese beiden Quellen der Fürsorge zu unterscheiden, nennen wir die vertraglich geregelte Versicherung durch eine Versicherungsgesellschaft „formelle Versicherung“ und die spontane Versorgung durch eine geographische oder geistliche Gemeinschaft „informelle Versicherung“. Die Geschichte hat gezeigt, dass mit der breiten Einführung der formellen Versicherungen die Rolle der informellen Versicherung durch die Gemeinschaft minimiert und letztendlich fast abgeschafft worden ist. Wenn eine Person ausreichend formell versichert ist, dann gibt es wenig oder gar keinen sichtbaren Bedarf an informeller Versicherung.
Der Tod der informellen Versicherung durch die Gemeinschaft ist nicht nur für die formelle Versicherung, sondern auch für die endlose Zahl an staatlichen Programmen ein Problem, die Geld austeilen, ohne die ganzheitliche Versorgung zu bieten, die ganz natürlich in einem Netzwerk gewachsener Beziehungen geschieht. Der Fehler liegt nicht nur beim Staat oder bei den Anbietern formeller Versicherungen, sondern auch bei den Mitgliedern der Gemeinschaft, die nicht erkennen, dass diese informellen Versicherungen nach wie vor nötig sind. Versicherungen treiben Menschen nicht nur aus unterstützenden Beziehungen heraus, sondern sie treten auch in die Lücke, die Menschen reißen, die sich aus Beziehungen verabschieden.
Ungeachtet dessen, wer daran schuld ist, hat aber eine tragische Erosion der Gemeinschaft, der kirchlichen Beziehungen und des Engagements stattgefunden. Die natürlichen Ereignisse im Leben, die einst die Leute zusammengebracht haben, tun das nicht mehr. Weil für alles vorgesorgt ist, beteiligen sich die Menschen nur noch selten sinnvoll am Leben ihrer Mitmenschen.“

– Ein anderes Detail ist mir erst jetzt aufgefallen: Warum nennt sich die AHV überhaupt „Versicherung“? Ist nicht bei jeder anderen Versicherung der Kunde frei, jenen Beitrags- und Leistungsplan auszuwählen, der ihm am besten entspricht? Oder hat man je von einer Versicherung gehört, die alljährliche Bescheinigungen über Vermögen und Einkommen ihrer Kunden anfordert und demgemäss deren Beiträge bemisst? Das sollte korrekterweise nicht „Versicherungsbeitrag“ heissen, sondern „Steuer“, bzw. „Staatliche Umverteilung von Reichtum und Armut nach kommunistischem Muster“.

Nun gehöre ich ja zu jenen, die von dieser Umverteilung profitieren (d.h. falls ich das Rentenalter erreiche), da ich die meiste Zeit meines Lebens nahe am Existenzminimum gelebt habe und deshalb weder ein guter Steuerzahler noch ein guter Konsument war. Ich bin aber zum Schluss gekommen, dass es mit meinem Vertrauen auf Gott als meinen Versorger unvereinbar ist, mich weiterhin in so hohem Mass von solcher staatlicher Umverteilung abhängig zu machen. In letzter Konsequenz ist die staatliche Fürsorge eine antichristliche Fälschung der christlichen Nächstenliebe. Auf diese Art Fürsorge zu vertrauen statt auf die Versorgung Gottes, ist in letzter Konsequenz Götzendienst.

Nun könnte jemand fragen, ob ich damit nicht „Ungehorsam gegen die Obrigkeit“ predige, entgegen Römer 13. Aber für Auslandschweizer ist die AHV freiwillig. Ich bin also durchaus berechtigt, auszutreten.
Ausserdem sollte genau gelesen werden, was nach Römer 13 die Aufgabe der Obrigkeit ist: „Tue das Gute, und du wirst Lob von ihr haben; denn Gottes Dienerin ist sie für dich zum Guten. (…) eine Rächerin zum Zorngericht für den, der das Böse verübt.“ – Ebenso auch 1.Petrus 2,14: „…um die Übeltäter zu bestrafen und die zu beloben, die das Rechte tun.“ Das „Untertan-Sein“ bezieht sich also einzig darauf, sich der staatlichen Rechtsprechung zu fügen, insofern diese die guten Taten lobt und die bösen bestraft. Es steht hier aber nichts davon, dass der Staat Kranke pflegen, Alte und Arme versorgen, Kinder erziehen oder Reichtum und Armut umverteilen solle – geschweige denn, dass der Bürger unter einen Zwang gestellt werden solle, von solchen staatlichen Tätigkeiten Gebrauch zu machen. Das alles gehört, wie bereits erwähnt, in den Zuständigkeitsbereich der Familie – in erster Linie der natürlichen und in zweiter Linie der geistlichen. Beim Nachdenken über dieses Thema ist mir wieder neu bewusst geworden, wie wichtig es ist, gerade im Dienst am Nächsten – d.h. an den Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung – einen Schwerpunkt zu setzen und damit die „informelle Versicherung“ zu stärken.

Jemand anders wird vielleicht sagen: „Wie kannst du nur so leichtsinnig deine Altersvorsorge aufs Spiel setzen? Wir leben nun einmal in dieser Welt und können nicht einfach so zu den Zuständen der familiären, gemeindlichen oder nachbarschaftlichen Altersvorsorge zurückkehren.“ – Ich weiss. Ich fordere ja nicht, die AHV abzuschaffen und gesamtgesellschaftlich zur familiären und christlichen Sozialhilfe zurückzukehren. Obwohl das aus biblischer Sicht und für eine christlich geprägte Gesellschaft das Richtige wäre – für die gegenwärtige gottferne Gesellschaft wäre es vollkommen unrealistisch und unmöglich. Aber ich bin überzeugt, dass ich als Christ dazu berufen bin, mit meinem Leben in dieser Welt Zeichen zu setzen, nicht für das, was realistischerweise ist, sondern für das, was nach Gottes Willen sein soll. Auch wenn es riskiert ist und etwas kostet. Auch wenn ich damit zum Vertreter einer Lebensform werde, die es in weitem Umkreis nicht mehr gibt und nicht verstanden wird. Der christlichen Berufung gerecht zu werden, ist mir wichtiger als die Frage, ob ich mein Alter in Reichtum oder in Armut verbringen werde. Deshalb bin ich – einmal mehr – ein „christlicher Aussteiger“.