Die Welt danach, oder: Die vollkommene Gerechtigkeit Gottes

Ein Gleichnis

Vergangene Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum. Ich träumte, das Jüngste Gericht sei bereits vorbei, und ich befand mich in der neuen Welt Gottes. Obwohl ich Christ war, hatte ich vor dem höchsten Richter vor Furcht gezittert. Ich hatte mich an jede kleinste Sünde erinnert, die ich einmal begangen hatte, an jedes unredliche Wort, an jeden habsüchtigen Gedanken … und er – er wusste es alles, alles! Aber wie erleichtert war ich, als ich schliesslich den Urteilsspruch hörte: „Mein Sohn ist mit seinem eigenen vergossenen Blut vor meinem Thron für dich eingetreten. Da du dein Vertrauen auf ihn gesetzt hast und dieses sündige Leben mit ihm gekreuzigt hast, bist du begnadigt von deiner Schuld. Gehe ein in die Freude deines Herrn!“

Jetzt befand ich mich in der wunderbaren Welt Gottes. Die Beschreibung dieses neuen Himmels und der neuen Erde aus den letzten Kapiteln der Johannesoffenbarung war mir wohlvertraut. Aber die Wirklichkeit war noch viel wunderbarer, viel erhabener und überwältigender als jede Beschreibung.

Das Haus, das mir zur Wohnung gegeben wurde, ähnelte dem Haus, in dem ich während manchen Jahren meines Erdenlebens gewohnt hatte. Nur dass sich die Verteilung der Zimmer geändert hatte. Während einiger Zeit hatten meine Frau und ich in jenem Haus einige bedürftige Kinder aufgenommen. In dem himmlischen Haus wurden uns jetzt jene Zimmer gegeben, in denen damals jene Kinder geschlafen hatten. Die Kinder dagegen – d.h. jene von ihnen, die sich später zu Christus bekehrt hatten und auch in die himmlische Stadt gekommen waren – wohnten in dem Zimmer, das damals unser Schlafzimmer gewesen war.

Die Wände des Hauses – wie in jedem Haus der himmlischen Stadt – waren durchscheinend, sodass alle Menschen, die im Haus wohnten, die ganze Zeit anwesend zu sein schienen und wir uns in jedem Moment freimütig unterhalten konnten – sogar mit einigen Bewohnern von Nachbarhäusern. Und diese Verständigung war viel intensiver und tiefgehender als jede Kommunikation, die wir auf der Erde gekannt hatten. Es schien, als ob wir sogar gegenseitig unsere Gedanken lesen konnten – obwohl es nicht wirklich so war; aber unsere Kommunikation ging wirklich bis zur allerpersönlichsten Ebene unserer Gefühle und Gedanken.
Als ich noch auf der Erde lebte, fühlte ich mich manchmal ziemlich unbehaglich bei dem Gedanken, jemand könnte alle meine Gedanken kennen. Aber jetzt, in der neuen Welt Gottes, war nichts Unbehagliches mehr dabei. Schliesslich waren wir alle im Blut Jesu reingewaschen, unsere Gedanken waren seinem Willen gemäss, und es gab keine bösen Absichten gegen irgendjemanden. Es war sogar geradezu eine Erleichterung, nicht mehr so viele unzulängliche Worte gebrauchen zu müssen, um auszudrücken, was wir fühlten und dachten.

Das Wunderbarste daran war, dass unser himmlischer Vater in diesem selben Haus zu wohnen schien, und dass wir mit ihm jederzeit auf dieselbe tiefgehende und unmittelbare Weise in Verbindung treten konnten wie unter uns. Sein unendlicher Reichtum an Liebe, Weisheit, Führung und Trost stand uns ständig zur Verfügung. Die Beziehung zum Vater war umso wunderbarer, als uns die Erinnerung an das Gericht noch ganz gegenwärtig war. Er, der allmächtige und gerechte Richter, hätte uns nach dem Buchstaben des Gesetzes gar nicht an diesem Ort aufnehmen dürfen. Aber er, in der Person seines Sohnes, hatte sich selbst für uns dahingegeben, um dem Urteil Genüge zu tun und uns freizukaufen. Das war der deutlichste Beweis dafür, wie echt und tief seine Liebe zu uns war. Diese Liebe erfüllte uns mit tiefster Ehrfurcht. Oft wollten wir einfach nur ihn anbeten, anbeten, anbeten …

Natürlich wussten wir, dass der Vater auf dieselbe Weise auch in allen anderen Häusern der Stadt gegenwärtig war. Dennoch schien es uns, die wir in diesem Haus wohnten, dass er auf ganz besondere Weise unser Vater war.
Tatsächlich fühlten wir, dass wir endlich ganz und wirklich nach Hause gekommen waren. Obwohl wir alle erwachsen aussahen – wie Erwachsene unbestimmbaren Alters -, fühlten wir uns wie Kinder. Wir waren frei von dem Stress und den Sorgen, die unser irdisches Leben bestimmt hatten: um das Geld, um die Arbeit, um das Essen … Der Vater gab uns alles; wozu sollten wir uns sorgen? Manchmal gab uns der Vater zu verstehen, dass wir schon unser Erdenleben in dieser selben Freiheit hätten leben können, wenn wir nur völlig auf ihn vertraut hätten. Dann fühlten wir eine leise Trauer um die verlorenen Gelegenheiten, die in unseren Erinnerungen auftauchten. Aber dann trösteten wir uns damit, dass wir schliesslich in diese unsere Heimat vollkommenen Vertrauens gekommen waren. Tatsächlich war dies der Ort, den wir unbewusst ständig gesucht hatten, während wir noch auf der Erde lebten.

Eines Tages fragte ich einen Nachbarn: „Wie oft geht ihr hier eigentlich zur Kirche?“ – „Wie bitte?“, antwortete er lachend, „du bist ja bereits hier! Wir sind doch die Kirche! Wohin sonst möchtest du denn noch gehen?“ – „Aber habt ihr keine Versammlungen?“ – „Jetzt gerade sind wir doch zusammen versammelt, und der Vater ist auch bei uns. ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind …‘ “ – Ich schwieg, denn meine Frage erschien mir selber jetzt ebenso lächerlich wie ihm. Ich hatte ganz vergessen, wo ich mich befand.

Eines Tages sah ich auf der Strasse einen Mann, der die Leute um etwas zu essen bat. Ich war sehr überrascht, dass es sogar in dieser himmlischen Stadt Bettler gab. Ich gab ihm etwas zu essen, und versuchte zugleich etwas über seine Lebensumstände herauszufinden. Er sagte, nein, er sei weder arm noch besorgt, denn die Leute gäben ihm immer genug zu essen. „Ich weiss, dass der Vater für mich sorgt, und das ist die besondere Art und Weise, wie er es in meinem Fall tut. Er hat mir diesen Platz zugewiesen, weil es keinen nützlichen Dienst gibt, den ich in dieser Stadt verrichten könnte.“ – „Keinen nützlichen Dienst? Aber wir sind doch alle geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zum voraus vorbereitet hat, damit wir in ihnen wandeln!“ – „Mein Fehler bestand darin, dass ich das nicht gelernt habe, solange ich auf der Erde lebte. Der Vater hatte mir einen Dienst zugewiesen, aber ich gebrauchte ihn, um mir selbst zu dienen. Ich tat die Werke, die mir selber gut schienen, und die meine Organisation wachsen liessen, und die mich vor den Menschen gut dastehen liessen. So verpasste ich die Werke, die der Vater für mich vorbereitet hatte.“ – „Und das bereust du jetzt … “ – „Ja, aber ich bin dankbar, dass der Vater in seiner Gnade mich an diesem Ort aufgenommen hat. Viele meiner Kollegen konnten nicht einmal in diese Welt Gottes hineinkommen. Andere arbeiten hier als Schuhputzer oder Strassenwischer oder in einem anderen nützlichen und ehrenwerten Dienst an den Heiligen. Mir hat es dazu nicht gereicht; aber ich weiss, dass ich mich genau am richtigen Ort befinde, den mir der Vater in seiner vollkommenen Gerechtigkeit zugewiesen hat, und ich nehme es mit Dankbarkeit an.“
Es kostete mich einige Mühe zu verstehen, dass es sogar im Himmel solche „sozialen Unterschiede“ geben sollte. (Der Leser möge sich erinnern, dass ich nicht in Wirklichkeit dort war, sondern es nur träumte, und dabei immer noch meinen irdischen Verstand hatte.) Aber dann erinnerte ich mich, dass geschrieben steht: „Wenn jemandes Werk, das er darauf aufgebaut hat, bleibt, dann wird er Lohn empfangen. Wenn jemandes Werk verbrennt, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so, wie durch Feuer hindurch.“ Und auch: „Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder empfange, je nachdem er im Leibe gehandelt hat, sei es gut oder böse.“ – Und ich erinnerte mich auch, dass dieser himmlische Bettler weder besorgt noch verbittert war. Im Gegenteil, er war dankbar, dass der Vater ihn aufgenommen hatte und für ihn sorgte.
Mit der Zeit lernte ich ihn besser kennen. In seinem Erdenleben war er Pfarrer einer Mega-Gemeinde gewesen. Seine Bekehrung und sein Ruf zum geistlichen Dienst waren echt gewesen; aber dann wurde er ein Opfer der Versuchung der Macht, wie so viele andere seiner Kollegen. Er hatte sich das Ziel gesetzt, die grösste Kirche der Stadt zu haben. Nach vielen Jahren harter Arbeit erreichte er dieses Ziel tatsächlich. „Aber“, sagte er, „ich verstehe jetzt, dass ich mich in Wirklichkeit nicht gross um die Beziehung meiner Mitglieder zum Vater gekümmert habe. Wenn jemand sein Übergabegebet gesprochen hatte, getauft war, und die Anforderungen an die Gemeindemitgliedschaft erfüllte, dann war ich damit zufrieden. Und natürlich lebte ich ein komfortables Leben mit ihren Zehnten. Aber bis jetzt habe ich erst sehr wenige Mitglieder jener Kirche hier gefunden – ich fürchte, die Mehrheit konnte nicht hierher kommen.“ Er bekannte auch, dass obwohl er sich „Diener Gottes“ nannte, seine wahre Herzenshaltung darin bestanden hatte, dass die Gemeindeglieder ihm dienen sollten. „Solange ich auf der Erde lebte, war es allzu einfach, mich selbst darüber hinwegzutäuschen. Schliesslich hatte ich Tausende von Menschen zusammengebracht, die Jesus Christus als ihren Herrn und Erlöser bekannten – bewies das nicht, dass ich ein echter Diener des Herrn war? – Aber jetzt, wo ich hier bin, kann ich mich nicht mehr selbst betrügen; ich kenne jetzt mein Herz. In Wirklichkeit war ich schon auf der Erde ein Bettler: ich bettelte um Geld und um die Anerkennung der Leute.“ Und mit Tränen in den Augen fügte er hinzu: „Ich verdiene es gar nicht, hier zu sein. Das ist nur die Gnade Gottes, ganz allein die Gnade Gottes …“

Nach dieser Begegnung begann mich die Neugier zu stechen: Wenn die bekanntesten Pastoren auf Erden hier Bettler und Schuhputzer waren, wer waren dann die wirklich wichtigen Leute in dieser himmlischen Stadt? Ich begann sie zu suchen; aber es war nicht einfach. In dieser Stadt gab es keine besonderen Luxuspaläste, die so als die Wohnung einer wichtigen Persönlichkeit erkenntlich gewesen wären. (Obwohl natürlich alle Häuser „luxuriös“ waren in dem Sinne, dass sie auf vollkommene Weise erbaut waren.) Ich begann, nach den Aposteln Jesu zu fragen, da sie ohne Zweifel wichtige Persönlichkeiten sein mussten. Aber niemand konnte mir sagen, wo ich sie finden könnte. Die einzige Information, die ich auftreiben konnte, war: „Sie haben über die zwölf Stämme Israels gerichtet. Jetzt, nachdem diese Aufgabe beendet ist, ruhen sie aus von ihren Werken.“

Meine erste Begegnung mit einer „wichtigen Persönlichkeit“ war purer Zufall. Ich sah eine Menge Leute durch eines der Stadttore hinausgehen und fragte sie: „Wohin geht ihr?“ – „Wir gehen Federico besuchen. Wir haben immer die besten Zeiten mit ihm zusammen.“ – Ich ging mit ihnen zur Stadt hinaus, bis sie zu einem Wald am Ufer des Flusses lebendigen Wassers kamen. Dort wohnte Federico – er hatte nicht einmal ein Haus. Aber um die Wahrheit zu sagen: seine Wohnstatt zwischen den Bäumen war schöner als das vornehmste Haus. Sein Dach aus grünen Blättern sah herrlicher aus als die kunstvollste Stuckdecke. Das grüne Gras unter seinen Füssen war weicher als der teuerste Perserteppich. Die Aussicht auf die herrliche Schöpfung Gottes war besser als die Bilder der berühmtesten Maler. Und wozu Türen und Schlösser, wo es doch an diesem Ort weder Diebe noch Räuber noch wilde Tiere gab? Man sah auf den ersten Blick, dass Federico an diesem Ort glücklicher war als irgendwo sonst.
Und warum suchten ihn die Leute auf? – Es schien, dass sie sich ganz einfach an seiner Gesellschaft erfreuten. Er war ihr Freund, zeigte Verständnis, sprach von den Angelegenheiten des Vaters. „Federico spiegelt auf besondere Weise das Angesicht des Vaters wider“, sagte jemand. Und ein anderer: „Wir erleben die Gegenwart des Vaters stärker, wenn wir bei Federico sind.“ Tatsächlich schien mein Umgang mit dem Vater und mein Verständnis seiner Worte tiefer und intensiver zu werden, während ich mich an diesem Ort befand.
Während seines irdischen Lebens war Federico ein Waldenserprediger im vierzehnten Jahrhundert gewesen – einer der vielen, deren Namen in keinem Geschichtsbuch erwähnt sind. Als reisender Händler war er durch weite Gegenden Frankreichs, Italiens und Österreichs gekommen, während er seine Waren verkaufte und gleichzeitig jenen, die ein aufrichtiges Interesse zeigten, das Evangelium anbot. Jedesmal, wenn er dies tat, riskierte er sein Leben; denn er konnte nie mit Sicherheit wissen, ob sein Gesprächspartner wirklich an seiner Errettung interessiert war, oder ob es sich um einen Denunzianten handelte, der ihn an die kirchliche Obrigkeit verraten würde. Und so geschah es, dass ihn schliesslich die Inquisition aufgriff. Er wurde gefangengesetzt, auf schreckliche Weise gefoltert, und als „Ketzer“ zum Tod verurteilt. So ging die Kirche jener Zeit mit den Verkündigern des wahren Evangeliums um.

Mit der Zeit lernte ich weitere „wichtige Persönlichkeiten“ kennen. Sie wohnten an allen möglichen Orten, und führten sehr unterschiedliche Leben; aber etwas war ihnen allen gemeinsam: Sie sahen „erfüllter“ und glücklicher aus.

Ich begann zu verstehen, dass die „Wichtigkeit“ einer Person im Himmel nach anderen Massstäben gemessen wurde als auf der Erde. Niemand zeichnete sich durch besondere Reichtümer aus, denn der Vater gab allen genug; alle vertrauten auf seine vollkommene Versorgung; und es gab keine Habsucht. Ebensowenig gab es Auszeichnungen aufgrund von „Macht“ oder „Autorität“: Da es weder Verbrechen noch Streitfälle gab, genügte die vollkommene Regierung des Vaters; Menschen als Regierungsbeamte waren nicht notwendig.
So weit ich sehen konnte, zeichneten sich die „wichtigen“ Menschen in erster Linie durch ihren guten Ruf aus. Sie waren die „echtesten“ Geschwister, und die ihrer Gesellschaft wegen meistgesuchten. – Aber später erkannte ich, dass nicht einmal das ihre wichtigste Auszeichnung war. Sie selber nahmen überhaupt nicht wichtig, was die Leute über sie sagten, oder ob sie von vielen oder von wenigen Menschen aufgesucht wurden. Wirklich wichtig war nur ihre Nähe zum Vater. Sie waren es, die sich der nächsten und vertrauensvollsten Beziehung zum Vater erfreuten. Und das war spürbar, wenn man sich in ihrer Gegenwart befand.

Als ich die Geschichte einiger von ihnen erfuhr, verstand ich, dass sie alle durch viel Leiden gegangen waren, während sie auf der Erde lebten. Ihre Liebe zum Herrn hatte sie dazu gedrängt, Reichtümer und einflussreiche Stellungen abzulehnen; und nicht wenige von ihnen waren aus den wichtigen Institutionen der Gesellschaft und der Kirche ausgeschlossen worden. Eine beträchtliche Anzahl von ihnen war den Märtyrertod gestorben.
Nicht alle waren Prediger gewesen; im Gegenteil: Viele waren einfache Menschen gewesen, die einfach ihren Nächsten halfen und ihren Glauben bezeugten. Wenn ich sie nach dem Werk fragte, das sie auf Erden vollbracht hatten, dann sagten sie: „Ich habe nichts Besonderes getan; in Wirklichkeit tat ich sehr wenig. Ich habe nur getan, was der Herr mir auftrug. Jetzt besteht mein Glück darin, hier dasselbe weiter zu tun.“

Eines Tages traf ich zu meiner grossen Überraschung einen Mann an, der vor vielen Jahren aus meinem eigenen Gemeindeverband ausgeschlossen worden war wegen Irrlehre und Rebellion. Hier galt er offenbar als eine wichtige Persönlichkeit. Wie man mir damals gesagt hatte, hatte er die Mitglieder seiner Gemeinde von Tür zu Tür aufgesucht, um ihnen zu sagen, dass das Gericht Gottes über unseren Gemeindeverband fallen würde. Ich fühlte mich ein wenig beschämt, als ich ihn traf; aber in den Umständen des Himmels konnte ich meine Gedanken über ihn nicht verbergen. „Und“, antwortete er, „warum bist du nie direkt zu mir gekommen, um mich zu fragen, was ich in Wirklichkeit lehrte?“ – „Weil ich gelehrt worden bin, mich von Irrlehrern fernzuhalten.“ – „Genau das ist es, was ich selber tat. In meiner Kirche wurde gelehrt, die Umkehr von der Sünde sei zur Erlösung nicht notwendig, und Umkehr zu predigen sei lieblos. So füllte sich die Kirche mit aller Art Lügnern, Kriminellen, Ehebrechern… Ich fühlte einen grossen Schmerz um ihre Seelen. Jemand musste sie warnen; aber niemand tat es, also musste ich es selber tun. Da man mir nicht erlaubte, in der Kirche zu sprechen, musste ich persönlich zu ihnen gehen. Ich las mit ihnen Matthäus 3,7-12, Matthäus 4,17, Lukas 24,46-47 und Apostelgeschichte 2,36-38, und betonte jedesmal das Wort ‚Umkehr‘. Das war meine ganze Irrlehre. Du kannst nicht alles glauben, was dir ein Gemeindeleiter sagt.“
Ich schwieg, noch beschämter. Ich erinnerte mich, was nachher geschehen war: Sein Arbeitgeber, ein Mitglied desselben Gemeindeverbandes, hatte ihn entlassen. Seine Familie litt sehr, aber niemand in der Gemeinde war daran interessiert, ihnen zu helfen. Seine Frau hielt die Spannungen und die Ablehnung, die ihnen die „Geschwister“ zu spüren gaben, nicht aus. Sie wurde chronisch krank und starb zwei Jahre später. Danach wusste ich nichts mehr von ihm.
Er verstand, was ich dachte, und antwortete: „Sorge dich nicht, das ist alles vergangen. Ich bin jetzt mehr als entschädigt, denn ich kann allezeit das Angesicht meines geliebten Vaters sehen. Um des Herrn willen bin ich geschmäht und verfolgt und verleumdet worden. Deshalb bin ich jetzt selig, wie der Herr gesagt hat, und ich kann dir versichern, das ist wahr.“ – Dann fügte er hinzu: „Durch alle Zeiten hindurch, angefangen bei Jesus selbst und seinen Aposteln, bis hin zu den letzten treuen Zeugen, die in der grossen Trübsal ihre Leben hingegeben haben, sind die Verkündiger des wahren Evangeliums immer verfolgt worden von der offiziellen Kirche. Warum denkst du, gerade deine Zeit sei eine Ausnahme?“

Aber bevor ich antworten konnte, erwachte ich. Da verstand ich, dass die meisten Dinge nicht so sind, wie sie aus dem Blickwinkel dieser Erde aussehen.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , ,


%d Bloggern gefällt das: