Archive for Dezember 2011

Traurige Geschichte von einem kleinen Jungen

31. Dezember 2011

Es war einmal ein kleiner Junge,
der ging zur Schule.
Er war noch ein sehr kleiner Junge.
Und es war eine sehr grosse Schule.
Aber als der kleine Junge herausfand,
dass er direkt in sein Schulzimmer gelangen konnte,
wenn er durch die äussere Tür hineinging,
da freute er sich.
Und die Schule sah nicht mehr
so riesig aus.

Eines Morgens,
als der kleine Junge schon eine Zeitlang zur Schule gegangen war,
sagte die Lehrerin:
„Heute werden wir zeichnen.“
„Gut!“, dachte der kleine Junge.
Er zeichnete gern.
Er konnte alles mögliche zeichnen:
Löwen und Tiger,
Hühner und Kühe,
Eisenbahnen und Schiffe –
Und er nahm seine Schachtel mit Malkreiden hervor
und begann zu zeichnen.
Aber die Lehrerin sagte: „Warte!
Wir fangen noch nicht an!“
Und sie wartete, bis alle sie anschauten.
„Jetzt“, sagte die Lehrerin,
„werden wir Blumen zeichnen.“
„Gut!“, dachte der kleine Junge.
Er zeichnete gern Blumen.
Und er zeichnete einige schöne Blumen
mit seinen orangen und blauen und lila Malkreiden.
Aber die Lehrerin sagte: „Warte!
Ich zeige euch, wie man es macht.“
Und die Blume war rot, mit einem grünen Stiel.
„So“, sagte die Lehrerin.
„Jetzt könnt ihr beginnen.“
Der kleine Junge sah die Blume der Lehrerin an.
Dann sah er seine eigene Blume an.
Seine eigene Blume gefiel ihm besser.
Aber er sagte nichts.
Er drehte nur sein Papier um
und zeichnete eine Blume wie die Blume der Lehrerin.
Sie war rot, mit einem grünen Stiel.

An einem anderen Tag,
als der kleine Junge gerade
die äussere Tür ganz allein aufgemacht hatte,
sagte die Lehrerin:
„Heute modellieren wir mit Lehm.“
„Gut!“, dachte der kleine Junge.
Er arbeitete gerne mit Lehm.
Er konnte alle möglichen Dinge aus Lehm formen:
Schlangen und Schneemänner,
Elefanten und Mäuse,
Autos und Lastwagen –
Und er begann seinen Lehmklumpen
zu ziehen und zu kneten.
Aber die Lehrerin sagte: „Warte!
Wir fangen noch nicht an!“
Und sie wartete, bis alle sie anschauten.
„Jetzt“, sagte die Lehrerin,
„werden wir einen Teller machen.“
„Gut!“, dachte der kleine Junge.
Er machte gern Teller.
Und er begann einige zu machen,
in allen Grössen und Formen.
Aber die Lehrerin sagte: „Warte!
Ich zeige euch, wie man es macht.“
Und sie zeigte allen,
wie man einen tiefen Suppenteller macht.
„So“, sagte die Lehrerin.
„Jetzt könnt ihr beginnen.“
Der kleine Junge sah den Teller der Lehrerin an.
Dann sah er seine eigenen Teller an.
Seine eigenen Teller gefielen ihm besser.
Aber er sagte nichts.
Er rollte nur seinen Lehm wieder zu einem Klumpen zusammen,
und machte einen Teller wie den Teller der Lehrerin.
Es war ein tiefer Suppenteller.

Und bald
lernte der kleine Junge zu warten,
und zuzusehen,
und die Dinge genauso zu machen wie die Lehrerin.
Und bald hörte er auf,
von sich aus Dinge zu machen.

Dann geschah es,
dass der kleine Junge und seine Familie
in ein anderes Haus zogen
in einer anderen Stadt.
Und der kleine Junge
musste zu einer anderen Schule gehen. Diese Schule war noch grösser
als die andere,
und es gab keine äussere Tür
zu seinem Schulzimmer.
Er musste eine grosse Treppe hinaufsteigen
und durch einen langen Korridor gehen,
bis er zu seinem Schulzimmer kam.

Und am ersten Tag,
als er dort war,
sagte die Lehrerin:
„Heute machen wir eine Zeichnung.“
„Gut!“, dachte der kleine Bub.
Und er wartete, bis die Lehrerin
ihm sagen würde, was er zu tun hätte.
Aber die Lehrerin sagte nichts.
Sie ging nur im Schulzimmer umher.
Als sie zu dem kleinen Jungen kam,
sagte sie: „Willst du nichts zeichnen?“
„Doch“, sagte der kleine Junge.
„Was zeichnen wir?“
„Das weiss ich nicht, solange du es nicht zeichnest“, sagte die Lehrerin.
„Wie soll ich es machen?“ fragte der kleine Junge.
„Warum, mach es so wie du willst“, sagte die Lehrerin.
„Und egal mit welcher Farbe?“ fragte der kleine Junge.
„Egal mit welcher Farbe“, sagte die Lehrerin.
„Wenn alle dasselbe zeichneten,
und mit denselben Farben,
wie wüsste ich dann, wer was gezeichnet hat,
und wem welches Bild gehört?“
„Ich weiss nicht“, sagte der kleine Junge.

Und er begann eine rote Blume zu zeichnen,
mit einem grünen Stiel.

(Helen E.Buckley, „One Little Boy“. Zitiert in: Raymond und Dorothy Moore, „The Successful Homeschool Family Handbook“.)

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Guten Tag, ihr unwürdigen Sünder! (Teil 2)

23. Dezember 2011

Ein wenig Geschichte

Diese ganze Verwirrung hat einen historischen Hintergrund. Martin Luther legte grosses Gewicht auf die Lehre von der Erlösung durch Glauben, nicht durch Werke; und dass kein Mensch – auch ein Christ nicht – aus sich selber heraus gut sein kann; aber dass Gott ihm aus Gnade vergibt. Und er ging mit dieser Lehre bis zu dem Extrem, dass er sagte, ein Christ sei „simul iustus et peccator“, gleichzeitig Gerechter und Sünder. Bei anderer Gelegenheit sagte er sinngemäss: „Ich dachte, den alten Adam ersäuft zu haben; aber der Schuft kann schwimmen.“

Luther war zweifellos ein sehr grosser und bedeutender Reformator. Aber derselbe Luther stellte auch das Prinzip des „sola scriptura“ auf. D.h. dass es in der Kirche keine Lehrautorität ausserhalb der Heiligen Schrift gibt. Weder die „kirchliche Tradition“, noch der Papst, noch irgendein berühmter Pfarrer oder Theologe, kann die letzte Autorität sein in Fragen der christlichen Lehre. Somit müssen wir dieses Prinzip auch auf die Lehren von Luther selber anwenden, und müssen sagen: „In diesem Punkt haben Sie sich geirrt, Doktor Martinus. Die Schrift bestätigt das ’simul‘ nicht; und sie sagt auch nicht, der alte Mensch könne schwimmen.“ (Die Frage des ’simul‘ haben wir schon oben behandelt.)

Vom historischen Hintergrund her können wir verstehen, dass Luther in diesem Punkt über das Ziel hinausgeschossen hat. In jener Zeit hatten die Menschen ein ganz anderes Lebensgefühl als die heutigen modernen und postmodernen Menschen. Das Sündenbewusstsein durchdrang alles. Man fühlte ständig auf seinen Schultern die drückende Last der Sünde – eine Last, die nur erleichtert werden konnte mittels guter Werke zugunsten einer allmächtigen Kirche. Einige gingen so weit, dass sie all ihr Hab und Gut aufwendeten, um (wie sie glaubten) ihre Seele, oder die Seele eines Verwandten, aus dem Fegefeuer zu retten, wo sie für ihre Sünde leiden mussten. Die Bemühungen, sich von der Sünde zu befreien, nahmen einen grossen Teil des Lebens ein. Jene armen Menschen bereuten ihre Sünden bereits; sie waren bereits auf der Suche nach Erlösung. Aber es war sehr nötig ihnen zu sagen, dass ihre eigenen Bemühungen dazu weder nützlich noch notwendig waren, sondern dass die Gnade Jesu alles war. Und einmal zum Glauben gekommen, musste man ihnen sagen, dass ihre Bekehrung und Erlösung nicht ihr eigenes Verdienst war: Nicht sie selber waren es, die „so gut“ waren, dass sie die Erlösung verdient hätten. Und so können wir verstehen, dass Luther diese Wahrheit überbetont hat. Es geschieht manchmal, wenn die Kirche weit vom Weg abgeirrt ist, dass eine starke Persönlichkeit es für notwendig erachtet, sie so kräftig zurückzuziehen, dass sie im Endergebnis auf der anderen Seite vom Weg abkommt.

Das war es, was mit Luthers Lehre geschah. Diese Lehre war nötig für ein Volk, das übermenschliche Anstrengungen unternahm, um sich selber von der Last der Sünde zu befreien; und das nachher auf diese Anstrengungen stolz war. Aber die heutige Situation ist anders. Der moderne Mensch, auch der moderne Christ, spürt sehr wenig echte Überführung von seiner Sünde; und er unternimmt noch weniger Anstrengungen, sich davon zu befreien. Die kostbare Gnade, die Luther verkündet hatte, ist unter der Predigt der modernen Kirche zu einer billigen Gnade verkommen. Heute wird „Gnade für alle“ verkündet, auch für jene, die ihre Sünde gar nicht bereuen. Angesichts dieser modernen Kirche muss laut gesagt werden: „Es ist nicht möglich, Christ und Sünder zugleich zu sein. ‚Christ‘ und ‚Sünder‘ sind Gegensätze wir Feuer und Wasser.“

Damit stellt sich die Frage: Was sind denn jene, die sich „Christen“ und „Sünder“ zugleich nennen? Sind sie Heilige, die noch nicht verstanden haben, dass sie heilig sind? Oder sind sie Sünder, die irrtümlich glauben, sie seien Christen? – Soweit ich sie bis jetzt kennengelernt habe, muss ich annehmen, dass für die Mehrheit Letzteres zutrifft: Sie haben völlig recht, wenn sie sich selber „Sünder“ nennen; aber sie irren sich sehr, wenn sie denken, dass sie so Christen sein könnten. Tatsächlich ist die Mehrheit von ihnen noch nicht bis zu Römer 3,24 gelangt: sie sind nie von ihrer Sünde umgekehrt und sind nie zum echten rettenden Glauben an Christus gekommen. Beweis dafür ist, dass sie weiterhin in Sünde leben; und dass sie die Wirksamkeit des Opfers Jesu zur Befreiung von der Sünde leugnen.

Kann der alte Adam schwimmen?

Anscheinend fühlte sich Luther entmutigt, als er feststellte, dass er auch nach seiner Bekehrung noch sündigte. (Hier sehen wir wieder den grossen Unterschied zwischen jener Zeit und der heutigen Kirche: Die heutigen „Christen“ sündigen zwar auch, aber es bekümmert sie nicht mehr.) So kam er zur (falschen) Schlussfolgerung, „der alte Adam könne schwimmen“. Aber die betreffende Bibelstelle ist sehr klar:

„… unser alter Mensch ist mit (Jesus) gekreuzigt worden, damit der Leib der Sünde zunichte gemacht werde, damit wir nicht mehr der Sünde dienen. (…) Denn was er (Christus) gestorben ist, das ist er der Sünde ein für allemal gestorben; was er aber lebt, das lebt er für Gott. So auch ihr …“ (Römer 6,6.10-11)

In einem echten Christen ist der „alte Mensch“ ganz klar tot, und nichts weist darauf hin, er könne auferstehen.
Warum sündigen dann auch die echten Christen ab und zu? – Die Antwort finden wir in Römer 8:

„Denn das Trachten des Fleisches ist Tod, das Trachten des Geistes aber Leben und Frieden; denn das Trachten des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott; denn es unterwirft sich dem Gesetz Gottes nicht; es vermag das ja auch nicht. (…) Also sind wir nun, ihr Brüder, Schuldner nicht dem Fleisch, nach dem Fleisch zu leben. Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, müsst ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Leibes tötet, werdet ihr leben.“ (Römer 8,6-7.12-13)

Hier spricht Paulus nicht vom „alten Menschen“, sondern vom „Fleisch“. Das ist nicht dasselbe! Der „alte Mensch“ ist die Natur des nicht wiedergeborenen Menschen, die ihn unweigerlich in die Sünde zieht. Das ist der „Sünder“ von Natur aus. Das „Fleisch“ hingegen ist einfach schwach. Mit „Fleisch“ fasst Paulus alle Anstrengungen, Neigungen und Möglichkeiten zusammen, die der Mensch von sich aus hat, ohne die Hilfe Gottes. Dieses „Fleisch“ kann sogar gut und religiös sein (siehe Philipper 3,4-7). Aber es kann nicht wirklich den Willen Gottes erfüllen, wie wir soeben gelesen haben.

Ein Christ sündigt also ab und zu, nicht weil er noch Sünder wäre, sondern weil er einfach Mensch ist und deshalb schwach. Und Römer 8 zeigt uns einen Ausweg aus dieser Schwachheit: „nach dem Geist“ zu leben und zu denken, statt „nach dem Fleisch“. D.h. uns auf die Kraft und die Möglichkeiten Gottes und seines Geistes abzustützen, statt auf unsere eigenen menschlichen Anstrengungen.

Wir können den Unterschied wie folgt illustrieren: Stellen wir uns ein aus Holz geschnitztes Zebra vor, mit weissen und schwarzen Streifen. Ist das ein Zebra aus weissem Holz mit aufgemalten schwarzen Streifen, oder ist es aus schwarzem Holz mit aufgemalten weissen Streifen? Auf den ersten Blick können wir den Unterschied vielleicht gar nicht erkennen. Aber wenn wir ein wenig Schleifpapier nehmen und zu schleifen anfangen, dann wird die Farbe bald abgehen, und die wirkliche Farbe des Holzes wird sichtbar. So ist es auch mit dem Unterschied zwischen dem Sünder und dem Christen. Die wahre Natur des Sünders ist Sünde, wie sehr er sich auch bemühen mag, gute Taten zu tun und sogar in der Kirche mitzuarbeiten und sich einen christlichen Anschein zu geben. Diese Anstrengungen sind wie aufgemalte weisse Streifen. Wenn Gott anfängt, dieses Leben zu „schleifen“ und auf die Probe zu stellen, dann wird mit der Zeit seine wahre Natur zum Vorschein kommen. – Ebenso ist es mit dem Christen. Seine wahre Natur ist Heiligkeit, obwohl er noch ab und zu in Sünde fällt. Diese Sünden sind wie aufgemalte schwarze Streifen. Wenn Gott das Leben des Christen auf die Probe stellt, dann wird er nach und nach von diesen schwarzen Streifen befreit, und seine wahre Natur wird deutlicher sichtbar werden.

Das ist die grosse Wahrheit von Offenbarung 22,11-12:

„Wer Unrecht tut, der tue noch (mehr) Unrecht, und wer unrein ist, der verunreinige sich noch (mehr); und der Gerechte übe noch (mehr) Gerechtigkeit, und der Heilige heilige sich noch (mehr)! Siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, um jedem zu vergelten, wie sein Werk ist.“

Einige, die sehr „reformiert“ sein möchten, lehren, die Erlösung sei nichts anderes als eine Art göttlicher Etikettenschwindel. Als ob Gott sagen würde: „Der Sünder Soundso möchte der Strafe für seine Sünden entgehen und hat meinen Namen angerufen; also klebe ich ihm jetzt die Etikette ‚gerecht und heilig‘ auf, obwohl sein Leben immer noch so ungerecht und sündig ist wie vorher.“ Eine solche Lehre stellt Gott als Lügner dar. Die Rechtfertigung wäre keine Rechtfertigung, wenn der „Gerechtfertigte“ weiterhin ungerecht wäre. (Aus diesem Irrtum heraus übersetzen einige Bibelausgaben „gerechtsprechen“ und „Gerechtsprechung“, statt „rechtfertigen“ und „Rechtfertigung“. Noch besser wäre eigentlich der Ausdruch „Gerechtmachung„.) Man kann nicht „theoretisch gerecht und praktisch ungerecht“ sein. Gott prangert diese Haltung mit starken Worten an:

„Wie? da stiehlt man und mordet, bricht die Ehe und schwört Meineide, opfert dem Baal und läuft andern Göttern nach, die man nicht kennt – und dann kommt ihr und tretet vor mein Angesicht in diesem Hause, das nach meinem Namen genannt ist, und sprecht: ‚Wir sind frei!‘ – um all diese Greuel weiterhin zu treiben! Ist denn dieses Haus, das nach meinem Namen genannt ist, in euren Augen eine Räuberhöhle geworden? Auch ich, fürwahr, ich sehe es, spricht der Herr.“ (Jeremia 7,9-11)

Was sagte Jesus zu der Ehebrecherin, nachdem er ihr vergeben hatte? – „Auch ich verurteile dich nicht; geh, sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Johannes 8,11)
Und was sagte Jesus zum Gelähmten, den er geheilt hatte? – „Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, damit dir nicht etwas Schlimmeres widerfährt!“ (Johannes 5,14)

Das „Sündige nicht mehr“ gehört untrennbar zum Werk der Wiederherstellung, das Jesus in einem Menschen tut. Legt Jesus uns damit eine unerträgliche Last auf? – Keineswegs. Das Gebot „Sündige nicht mehr“ gehört in dieselbe Kategorie wie das vorangehende Gebot, das er zum Gelähmten sagte: „Steh auf, nimm dein Bett und geh umher!“ (Johannes 5,8) Wahrlich eine unerträgliche Last! Dieser Mann konnte doch gar nicht gehen! Aber der Gelähmte sah es nicht so. Im Gegenteil, für ihn war das eine Botschaft übernatürlicher Befreiung: Wenn Jesus es mir sagt, dann kann ich! Und er stand auf und ging umher.
– Dasselbe gilt für das Gebot „Sündige nicht mehr“. Für jene, die das übernatürliche Geschenk Jesu verachten, ist dieses Gebot eine unerträgliche Last, eine „Gesetzlichkeit“, eine „altmodische Forderung“. Aber für jene, die den Herrn wirklich kennengelernt haben und auf ihn vertrauen, ist es eine Botschaft übernatürlicher Befreiung: Von mir selber aus kann ich nicht. Aber wenn der Herr Jesus es mir sagt, dann kann ich!

Die faulen Früchte der „unwürdigen Sünder“

Ginge es nur um einen Streit um Worte, dann hätte ich mir nicht die Mühe gemacht, diesen Artikel zu schreiben. Aber diese Lehre der „unwürdigen Sünder“ hat ganze evangelische Gemeindeverbände verdorben. Mit dieser Lehre ist die ganze christliche Ethik auf den Kopf gestellt worden. Die Pharisäer zur Zeit Jesu verachteten die Ehebrecher, die Prostituierten, die Diebe, die Landesverräter. Aber die heutigen Pharisäer verachten jene ernsthaften Christen, die von ganzem Herzen Jesus gefallen möchten!
Heute gilt es als „gut“ und „mitleidig“, die nicht-reuigen Sünder weiter ihr sündiges Leben leben zu lassen, auch innerhalb der Kirche. Als ob das Mitleid wäre, zuzulassen, dass die Christen weiterhin bestohlen, betrogen, missbraucht und misshandelt werden von ihren „Mitbrüdern“, und sogar von ihren Pastoren! – Und es gilt als „böse“, Sünde zu konfrontieren und Sünder zur Umkehr zu rufen. Heute ist es also „böse“, dieselbe Botschaft zu verbreiten, die Jesus und die Apostel während ihrer ganzen Wirkungszeit verkündigten. (Siehe Matthäus 4,17; 9,13; Lukas 24,47; Apostelgeschichte 2,38; 3,19; 14,15; u.v.a.m.)

Die sogenannte „Gemeindezucht“ ist derart pervertiert worden, dass sie jetzt nicht mehr dazu dient, unbussfertige Sünder zu korrigieren. Im Gegenteil, die „Gemeindezucht“ dient jetzt dazu, jene zum Schweigen zu bringen und aus der Gemeinde auszuschliessen, die die Sünde aufdecken. Diese werden jetzt „lieblos“, „mitleidslos“, „Rebellen“ und „Kirchenspalter“ genannt. (Insbesondere, wenn sie die Sünde eines Leiters aufdecken.) Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft mir evangelikale sogenannte Geschwister „Lieblosigkeit“ vorgeworfen haben, weil ich in einem konkreten Fall erklärte, sexueller Kindsmissbrauch sei eine Sünde, die nach einer disziplinarischen Massnahme rufe. Wäre es dann „liebevoller“ zu schweigen, damit mehr Kinder zu Opfern werden?

Mit dieser falschen Lehre sind einige Kirchen tatsächlich zu Räuberhöhlen geworden. Sie wurden zu Zufluchtsorten für allerart Verbrecher, die sich dort unter dem Mantel einer falsch verstandenen „christlichen Gnade“ verkriechen können. Wie folgendes Beispiel illustriert::

„Charles Colson erzählte die Geschichte von Mickey Cohen, dem Anführer der Mafia von Los Angeles vor etwa dreissig Jahren. Mickey Cohen ging zu einer Evangelisation von Billy Graham und sprach ein Gebet, um Jesus als seinen Erlöser anzunehmen. Trotzdem führte er weiterhin die Mafia an in allen ihren ungesetzlichen und unmoralischen Aktivitäten. Schliesslich ging ein mutiger Christ, der ebenfalls Teil der Mafia gewesen war, zu Mickey und erklärte ihm, dass er nicht so weiterleben könne, wie er in der Vergangenheit gelebt hatte. Mickey widersetzte sich und sagte, an der Evangelisation hätte ihm niemand gesagt, er solle aufhören, die Mafia anzuführen. Der Christ zeigte ihm aus der Schrift, dass er aufhören sollte, solche Dinge zu praktizieren. Als Mickey das hörte, sagte er: ‚Wenn mir jemand das alles von Anfang an erklärt hätte, dann hätte ich nicht Jesus angenommen.‘ Er führte weiterhin die Mafia an, bis er an Krebs starb.“
(Quelle (auf Spanisch): Zeitschrift „PlaticAMOS“ vom Dezember 2001, bei http://www.amos524.org )

Diese Situation hat das Zeugnis von Jesus Christus befleckt, überall da, wo es solche Kirchen von „unwürdigen Sündern“ gibt. Ich kann es in meiner persönlichen Umgebung beobachten: Die Mehrheit der Menschen haben schlechte Erfahrungen gemacht mit Evangelischen/Evangelikalen, und deshalb haben sie kein Interesse am Evangelium. Tatsächlich richten sich die Worte des Apostels Paulus an die gegenwärtigen Kirchen:

„Du, der du dich des Gesetzes (der Bibel) rühmst, entehrst Gott durch die Übertretung des Gesetzes (der Bibel). Denn der Name Gottes wird um euretwillen unter den Völkern gelästert, wie geschrieben steht.“ (Römer 2,23-24)

Es ist die Ehre Gottes, der gute Ruf Gottes, der hier auf dem Spiel steht.

Schluss

Wenn Sie ein „unwürdiger Sünder“ sind, dann bekehren Sie sich! Es wird Ihnen nichts nützen, einfach die Worte zu ändern und sich von jetzt an „Heiliger“ zu nennen. Das wird Ihre Natur nicht ändern. Kehren Sie zu Jesus um, von Herzen und mit Taten! Dann vertrauen Sie auf ihn für Ihre Wiedergeburt und die Wiederherstellung Ihres Lebens.

Wenn Sie ein Christ sind, der wirklich den Herrn liebt und sucht, dann schliessen Sie sich nicht einer Kirche von „unwürdigen Sündern“ an! Die dortigen Leiter verachten, tadeln und entmutigen jeden, der nach Heiligkeit sucht. Sie werden Sie „gesetzlich“, „lieblos“, „Perfektionist“, und Schlimmeres nennen. Sie werden alles tun, was in ihrer Macht steht, um Sie auf die Ebene desselben erbärmlichen, heuchlerischen Lebens hinunterzuziehen, das sie selber leben. Suchen Sie eine Gemeinschaft von Christen, die den Herrn wahrhaftig lieben.

Ich möchte nicht missverstanden werden. Es ist auch in dieser Angelegenheit möglich, sich ins andere Extrem zu verirren. So geschah es in einigen Teilen der Gemeinde des 2. und 3. Jahrhunderts, die lehrten, es gebe keine Vergebung mehr für Sünden, die nach der Taufe begangen werden. So geschah es auch in einigen Teilen des frühen Methodismus und der Heiligungsbewegung des 19.Jahrhunderts, wo eine so vollständige Vollkommenheit gepredigt wurde, dass wer sie erreichte, von keiner Versuchung mehr besiegt werden könnte. Eine solche Lehre führt zur Verzweiflung für jene, die eine solche Vollkommenheit anstreben und sie nicht erreichen. Sie kann auch zu einer übertriebenen Gemeindezucht führen, welche die Umkehr und Wiederherstellung selbst jenen verweigert, die wirklich reuig sind. – Aber gegenwärtig sehe ich keine Gefahr, dass diese Strömung wieder die Oberhand gewinnen könnte. Zumindest nicht, solange man noch in einer evangelikalen Kirche unter Gemeindezucht gestellt werden kann, nur weil man die Sünde Sünde nennt.

Im übrigen möchte ich betonen, dass die Rechtfertigung und Heiligung immer ein Geschenk Gottes ist; kein Verdienst des Menschen. Aber ebenso möchte ich betonen, dass Gott dieses Geschenk tatsächlich jedem geben will, der danach strebt. Die schlimmste Sünde der „unwürdigen Sünder“ besteht darin, dass sie dieses Geschenk verachten und mit Füssen treten, oder dessen Existenz überhaupt leugnen; und dass sie jene, die es suchen, daran hindern, es zu empfangen. Da sie selber das Vorrecht eines Lebens in der Nachfolge Jesu nicht kennen, wollen sie es auch niemand anderem zugestehen. Sie sind hierin wie jene Pharisäer, von denen Jesus sagte: „Ihr schliesst das Himmelreich vor den Menschen zu. Denn ihr kommt nicht hinein, und die, welche hinein wollen, lasst ihr nicht hinein.“ (Matthäus 23,13) Hoffen und beten wir, dass der Herr selber diesen Usurpatoren die Schlüssel des Himmelreichs entreisst und sie jenen zurückgibt, denen sie rechtmässig gehören: nämlich jenen, die wirklich hinein wollen.

Guten Tag, ihr unwürdigen Sünder!

15. Dezember 2011

Vorbemerkung: Dies ist die Wiedergabe eines Artikels, den ich ursprünglich auf Spanisch veröffentlichte, im Bezug auf eine hier sehr konkrete und sehr verbreitete Situation. Da ich nicht mehr allzuviel Kontakt ausserhalb von Perú habe, kann ich nicht beurteilen, wie weit das Folgende auch auf den deutschsprachigen Raum zutrifft. Ich veröffentliche es hier trotzdem, „nur für den Fall, dass…“.

In gewissen evangelischen/evangelikalen Kreisen herrscht die Gewohnheit zu sagen: „Ich bin ja nur ein unwürdiger Sünder.“ „Wir sind doch alle unwürdige Sünder.“ Manche wiederholen diese Worte ohne nachzudenken, weil die anderen es auch sagen. Aber Gott möchte nicht, dass wir Papageien sind, die alles gedankenlos nachplappern. Er möchte, dass wir alles prüfen, was wir hören (1. Thessalonicher 5,21). Prüfen wir also diese Gewohnheit, und sehen wir, was die Bibel dazu sagt.

¿Warum sagen sie: „Ich bin ein unwürdiger Sünder“?

Ich habe mehrere Evangelische/Evangelikale gefragt, warum sie diese Worte benützen. Wie gesagt, manche wussten nichts zu antworten, weil sie noch gar nie darüber nachgedacht hatten. Einige sagten: „Hat uns nicht Jesus beigebracht, wir sollen so beten?“ – Damit bezogen sie sich auf das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner (Lukas 18,9-14), wo Jesus sagt:

„Der Zöllner aber stand von ferne und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern er schlug an seine Brust und sprach: O Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging mehr gerechtfertigt nach Hause als jener. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Lukas 18,13-14)

Warum handelte der Zöllner so? Offenbar, weil er sich seiner Sünde bewusst war, und so vor Gott seine Reue ausdrückte. Er wusste sehr gut, dass er vor Gott nicht gerecht war mit dem Leben, das er lebte; und suchte Vergebung. Jesus erzählte dieses Gleichnis „zu etlichen, die auf sich selber vertrauten als Gerechte, und die übrigen verachteten“ (Vers 9). Diese, die Pharisäer, brauchten auch Vergebung; aber sie waren sich dessen nicht bewusst.

Wenn jetzt mein evangelischer/evangelikaler Freund in seinem Gebet in der Kirche dieselben Worte braucht wie der Zöllner, wird er dieselbe Belohnung erhalten? – Nicht unbedingt. Reue und Umkehr sind Dinge des Herzens und der Taten, nicht der Worte, die wir benützen. Und unter jenen, die ich befragte, war keiner, der geantwortet hätte, er bete so, weil er seine Sünden bereute. Stattdessen antworteten sie, sie beteten so, „weil der Herr gesagt hat, wir sollen so beten“. Sehen wir, was für eine Haltung sich hier offenbart:

Die Pharisäer hatten gelernt, dass sie, um gerecht zu sein, zeigen müssten, dass sie das Gesetz Gottes in jedem Detail befolgten. Oder besser gesagt, das „Zeigen“ vor den Menschen war noch wichtiger als das Befolgen. Deshalb dachte der Pharisäer im Gleichnis, gerechtfertigt zu sein, indem er sich seines Gehorsams rühmte. Vor den Menschen erweckte er den Anschein von etwas, was in seinem Herzen nicht Wirklichkeit war.

Und was lernen heute die Gemeindeglieder, welche die Worte des Zöllners wiederholen? Es wird ihnen gesagt, um gerechtfertigt zu werden, müssten sie „demütig“ sein und sich selber „Sünder“ nennen. Somit tun sie es, denn sie wollen, dass die anderen Gemeindeglieder sehen, dass sie die richtigen Worte gebrauchen. Das heisst, auch sie erwecken nur einen Anschein! Sie gebrauchen Worte, die in ihrem ursprünglichen Zusammenhang Reue und Umkehr ausdrückten; aber da ist keine Umkehr in ihren Herzen und in ihren Leben. Die Mehrheit jener, die sagen „ich bin ein unwürdiger Sünder“, glauben in Wirklichkeit gar nicht, dass sie Sünder sind.

Machen Sie die Probe. Nennen Sie einmal jemanden „unwürdiger Sünder“, der gewohnheitsmässig diese Worte gebraucht, und beobachten Sie die Reaktion. Ich tat das einmal in einer solchen Gemeinde, die mich eingeladen hatte. Nach der Gebetszeit begrüsste ich die Versammlung: „Guten Tag, ihr unwürdigen Sünder.“ Ich blickte in einige sehr, sehr verärgerte Gesichter. Da war es mit der Demut vorbei! – Ich sagte ihnen: „Warum ärgern Sie sich? Ich habe doch nur dasselbe gesagt, was Sie selber vor einigen Minuten in Ihren Gebeten gesagt haben.“ – Aber eben: sie hatten ihre Gebete ja gar nicht ernst gemeint. Sie waren gar nicht überführt von ihrer Sünde. Sie hatten lediglich so gebetet, um vorzuzeigen, dass sie die „richtigen Worte“ wussten.

In Wirklichkeit ist diese Art des „Anschein Erweckens“ noch schlimmer als die der Pharisäer. Ja, die Pharisäer waren stolz; aber sie zeigten ihren Stolz wenigstens offen. Jene hingegen, die sagen „Ich bin ein unwürdiger Sünder“, ohne wirklich daran zu glauben, verstecken ihren Stolz hinter einer falschen Demut.

– Ich bin mir bewusst, dass auch die gegenteilige Strömung existiert, jene des „positiven Bekenntnisses“. Dort wird den Leuten beigebracht, zu „bekennen“, sie seien gesund, während sie noch krank im Bett liegen; zu „bekennen“, sie seien siegreich, während in Wirklichkeit alles schiefgeht; und zu „bekennen“, sie seien heilig, während sie noch in einer Vielzahl von Sünden gefangen sind. In keiner Bibelstelle wird uns angeraten, so etwas zu tun. Ein echter Christ darf sich „heilig“ nennen, weil das die Wirklichkeit seines Lebens ist; aber Gott sagt nicht zu einem falschen Christen, er solle sich „heilig“ nennen, wenn in seinem Leben keine Heiligkeit vorhanden ist. Aber das ist ein anderes Problem, das in einem eigenen Artikel behandelt werden müsste.

Ein Christ ist ein Heiliger

Gibt es eine biblische Grundlage dafür, einen Christen „Sünder“ zu nennen? Das Neue Testament ist hierin konsequent: die Christen heissen „Heilige“, und die Nichtchristen heissen „Sünder“. Paulus schrieb seine Briefe an die „Heiligen“ in Korinth, Ephesus, Philippi, usw. Nicht an die „Sünder in Korinth“. – An die Römer schrieb er klar, dass ein Christ der Sünde gestorben ist:

„Was sollen wir nun sagen? Wollen wir in der Sünde verharren, damit die Gnade noch grösser werde? Das sei ferne! Die wir der Sünde abgestorben sind, wie sollten wir ferner in ihr leben? (…) So sollt auch ihr euch als solche ansehen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus, unserem Herrn.“ (Römer 6,1-2. 11)

Was die Sünder oder „Ungerechten“ betrifft, so ist die Schrift klar darin, dass diese keine echten Christen sein können:

„Oder wisst ihr nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht ererben werden? Irrt euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder, noch Diebe noch Habsüchtige, noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und das sind euer etliche gewesen. Aber ihr habt euch abwaschen lassen, ja, ihr seid geheiligt worden, ja, ihr seid gerechtfertigt worden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.“ (1. Korinther 6,9-10)

Klarer kann man den abgrundtiefen Unterschied zwischen einem „Sünder“ und einem „Gerechten“ oder „Heiligen“ nicht ausdrücken.

Wie sollen wir dann das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner verstehen? – Jesus verurteilt hier sicher nicht das Streben nach Heiligkeit. Im Gegenteil, der Zöllner suchte genau das: Vergebung seiner Sünden und eine Wiederherstellung seines Lebens. Deshalb nennt ihn Jesus „gerechtfertigt“. Nicht weil er ein Sünder war, sondern weil er seine Sünde bereute! Und ebendiese Umkehr bewirkte, dass der Zöllner aufhörte, ein Sünder zu sein, und zu einem Gerechten wurde.
Was Jesus hier verurteilt, ist die Selbstgerechtigkeit, d.h. das „Vertrauen auf sich selbst als Gerechter“. Und ironischerweise ist es genau das, was jene tun, die sich selber „unwürdige Sünder“ nennen: Sie glauben, dadurch gerechtfertigt zu werden, dass sie vor den Menschen zeigen, wie „demütig“ sie sind, statt die Gerechtigkeit zu suchen, die von Jesus Christus kommt.

Einige häufige Fragen und Einwände

Die „unwürdigen Sünder“ pflegen auf die Darlegung dieser Wahrheiten mit 1.Johannes 1,8 zu antworten:

„Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst irre, und die Wahrheit ist nicht in uns.“

Bedeutet das, dass ein Christ sich „Sünder“ nennen soll? – Keineswegs, und zwar aus drei Gründen:

1. Der unmittelbar vorangehende Vers versichert: „Das Blut Jesu, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde.“ (1.Johannes 1,7) Wie soll jemand weiterhin „Sünder“ sein, wenn er soeben von aller Sünde gereinigt worden ist? Wahrscheinlicher ist, dass Vers 8 sich auf jene Sünden bezieht, die vor der Bekehrung zu Jesus begangen wurden. Natürlich hat jeder Christ solche Sünden in seinem Leben, denn niemand wird als Christ geboren.

2. Auch wenn wir annehmen, unser Vers spreche von gegenwärtigen Sünden eines Christen: Macht ihn das schon zum Sünder? – Nein, denn dann kommt sofort Vers 9 zur Anwendung:

„Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, sodass er uns die Sünden vergibt und uns von aller Ungerechtigkeit reinigt.“

Also auch wenn ein Christ einmal eine Sünde begeht, dann wird er diese Sünde sogleich bereuen und sie vor dem Herrn bekennen, und dann reinigt ihn der Herr, und der Christ ist wiederum rein von der Sünde. – Beachten wir, dass der Herr nicht nur „von der Strafe für die Ungerechtigkeit“ reinigt. Er reinigt uns von der Ungerechtigkeit selber!

3. Wenn wir einige Verse weiterlesen, dann wird die Absicht dieses ganzen Abschnitts klar. Leider hat irgendwann einmal in der Geschichte irgendein Schreiber beschlossen, nach 1.Johannes 1,10 ein neues Kapitel zu beginnen. Aber die Kapiteleinteilung ist nicht von Gott inspiriert, und in diesem besonderen Fall ist sie sehr unglücklich, weil sie den Zusammenhang auseinanderreisst. 1. Johannes 2,1-6 erklärt nämlich die Absicht der vorangehenden Verse:

„Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt (d.h. wenn trotz allem ein Christ sündigt, was aber nicht der Normalfall ist), dann haben wir einen Beistand beim Vater, Jesus Christus, den Gerechten. (…) Und daran erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben: wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt: Ich habe ihn erkannt, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht.“ (1. Johannes 2,1.3-4)

Johannes hat also Vers 1,8 offensichtlich nicht als Ausrede geschrieben, damit Christen weiter in Sünde leben könnten, ohne umzukehren. Im Gegenteil, er schrieb diesen Vers im Zusammenhang eines Ratschlags, wie wir von der Sünde frei sein können. Wer noch daran zweifelt, möge auch 1.Johannes 3,6-8 lesen:

„Jeder, der in ihm bleibt, sündigt nicht. Jeder, der sündigt, hat ihn nicht gesehen und ihn nicht erkannt. Kinder, niemand soll euch irreführen! Wer die Gerechtigkeit tut, ist gerecht, wie jener gerecht ist. Wer die Sünde tut, stammt vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an. Dazu ist der Sohn Gottes erschienen, die Werke des Teufels zu zerstören.“

 

– Ein anderer Einwand, den ich hörte, kommt aus Römer 3,9-10:

„Denn wir haben soeben Juden und Griechen als schuldig erwiesen, dass sie alle unter der Herrschaft der Sünde seien, wie geschrieben steht: Es ist keiner gerecht, auch nicht einer …“

„Da siehst du“, sagen die „unwürdigen Sünder“, „dass es keinen Gerechten gibt auf der Welt, wir sind alle Sünder.“

Das ist eine wirklich fürchterliche Auslegung dieser Stelle: eine Auslegung, die den Gesamtzusammenhang des Römerbriefs völlig ausser acht lässt, und die zudem die durch Jesus vollbrachte Erlösung leugnet. Wer die ersten drei Kapitel des Römerbriefs vollständig und zusammenhängend liest, wird den Gedankengang leicht verstehen: Paulus beweist in diesen Kapiteln den Nichtchristen, dass sie Sünder sind und deshalb erlöst werden müssen. Auf Nichtchristen angewendet, ist es zweifellos wahr, dass „alle Sünder sind“. Aber Paulus fährt nicht fort: „… und somit werden wir alle für den Rest unseres Lebens unwürdige Sünder bleiben.“ Im Gegenteil, er sagt (paraphrasiert): „Gerade deswegen, weil du ein Sünder bist, deswegen brauchst du Jesus!“ Und dann erklärt er, dass durch die Erlösung in Jesus Christus der Sünder aufhören kann, ein Sünder zu sein:

„Jetzt aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit Gottes geoffenbart worden, die vom Gesetz und den Propheten bezeugt wird, nämlich die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben an Jesus Christus für alle, die an ihn glauben. Denn es ist kein Unterschied; alle haben gesündigt und ermangeln der Ehre vor Gott, und werden gerechtfertigt ohne Verdienst, durch seine Gnade mittels der Erlösung, die in Christus Jesus ist …“ (Römer 3,21-24)

Wenn also jemand sich unter die „Sünder“ und „Ungerechten“ von Römer 3,9-10 einschliesst, dann sagt er damit, dass er noch nicht bis zu Römer 3,24 gekommen ist. In anderen Worten, dass er noch nicht zum Glauben an Jesus Christus gekommen ist.

(Fortsetzung folgt)