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Interessante Parallelen zwischen der Geschichte Israels und der Kirchengeschichte – Teil 3

28. Januar 2012

Die Synagogen

In der Zeit nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft musste der Prophet Haggai das Volk tadeln wegen seiner Langsamkeit im Wiederaufbau des Tempels:
„Dieses Volk da sagt: ‚Jetzt ist die Zeit noch nicht gekommen, das Haus des Herrn wiederaufzubauen.‘ Darum erging das Wort des Herrn durch den Propheten Haggai folgendermassen: Ist etwa für euch die Zeit gekommen, in getäfelten Häusern zu wohnen, während dieses Haus in Trümmern liegt? (…) während ein jeder von euch an seinem (eigenen) Haus seine Freude hat.“ (Haggai 1,2-4.9)

Diese Bibelstelle wird von zeitgenössischen Kirchen oft dazu missbraucht, für ihre eigenen Bauvorhaben Werbung zu machen. Damit setzen sie sich aber gerade dem von Haggai angekündigten Gericht aus, denn wie schon in der ersten Folge angedeutet, haben solche denominationell-institutionellen Gebäude überhaupt keine Berechtigung, sich „Haus Gottes“ zu nennen. Einmal, weil Gott verboten hat, an irgendeinem anderen Ort als dem von ihm bestimmten (in Jerusalem) ein „Haus Gottes“ zu erbauen (5.Mose 12). Und dann auch, weil das neutestamentliche „Haus des Herrn“ gar kein Gebäude aus Holz und Stein ist, sondern die Gemeinschaft der Gläubigen selber.
Aber wie zur Zeit Haggais die Israeliten mehr daran interessiert waren, ihre eigenen Häuser aufzubauen statt des Hauses des Herrn, so sind auch die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen mehr daran interessiert, ihre eigenen Denominationen und Institutionen zu vergrössern, statt das gemeinschaftliche und einzige geistliche „Haus Gottes“ zu fördern.

In jener Zeit nach dem Exil entstand allmählich eine Einrichtung, die zur Zeit Jesu und bis heute als so wesentlich gilt für die jüdische Identität, dass man sehr erstaunt ist, wenn man feststellt, dass sie im Alten Testament überhaupt nicht erwähnt wird: die Synagoge. Die von Gott verordnete „gottesdienstliche“ Einrichtung für Israel ist der Tempel mit seinem Priestertum. Aber nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft begann allmählich die Synagoge den Tempel zu verdrängen als Zentrum des religiösen Lebens; und die Autorität der Lehrer (Rabbiner) begann mit der Autorität der Priester zu wetteifern.
Etwas ganz ähnliches geschah nach der Reformation: In den reformierten Kirchen wurde das katholische Priestertum abgeschafft. (Es muss dazu bemerkt werden, dass es keinerlei neutestamentliche Grundlage gibt für ein solches Priestertum. Im Neuen Testament sind alle Gläubigen Priester – 1.Petrus 2,5.9 – unter dem einzigen Hohenpriester Jesus – Hebräer 4,14-16.) An dessen Stelle wurde das Lehramt gesetzt. In dieser Hinsicht ähnelt also die katholische Kirche dem Tempel mit seinem Priestertum, während die reformierten Kirchen den Synagogen mit ihren Lehrern ähneln.
Dazu passt, dass der Tempel ebenso wie die römisch-katholische Kirche ein zentralisiertes System darstellt; die reformierten Kirchen dagegen wie die Synagogen ein weitgehend dezentralisiertes.

In den Synagogen bzw. unter den Rabbinern begannen sich bald unterschiedliche Strömungen herauszubilden. So kennen wir aus der Zeit Jesu insbesondere die Pharisäer, welche eine strenge Absonderung und Gesetzeserfüllung betonten; und andererseits die Sadduzäer, welche nicht an übernatürliche Dinge wie Geistwesen oder die Auferstehung von den Toten glaubten (Apg.23,8). Ich denke, wir können gut im christlichen Raum die Pharisäer mit den evangelikal-fundamentalistischen Theologen vergleichen und die Sadduzäer mit den liberal-modernistischen.

Wir stellen ausserdem fest, dass Israel nach der Gefangenschaft nicht mehr in die grosse Sünde zurückfiel, derentwillen sie unter das Gericht Gottes gekommen waren: den Götzendienst. Beim Kommen Jesu und seinen Konfrontationen mit dem Volk wurde aber deutlich, dass es andere Arten gab, wie das Volk ebenso von Gott abfallen konnte. – In ähnlicher Weise sind die Kirchen der Reformation nie mehr in den katholischen Bilder- und Heiligendienst zurückgefallen. Sie haben aber ihre eigenen Wege, sich ebenso von Gott zu entfernen.

Trotz aller Unterschiede gab es eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen dem Tempel und den Synagogen: Der „Gottesdienst“ war immer noch an gewisse „heilige Orte“ und an den Vorsitz gewisser „heiliger Personen“ gebunden. Erst Jesus machte dieser Vorstellung ein Ende (siehe Johannes 4,19-24). – Auch die katholischen und evangelischen/evangelikalen Kirchen haben aber wieder ihre „heiligen Gebäude“ errichtet und ihre „heiligen Männer“ (und Frauen) auf die Kanzeln gestellt, und machen diese zum Zentrum ihrer „Gottesdienste“.

Ich bin schon öfters Kirchenmitgliedern begegnet, die den wöchentlichen „Gottesdienstbesuch“ – auch in einer noch so weit vom Evangelium abgefallenen Kirche – damit begründeten, dass Jesus und die Apostel ja auch regelmässig die Synagogenversammlungen besuchten. Sie übersehen dabei, dass Jesus und die Apostel nicht zum passiven Zuhören in die Synagoge gingen, sondern weil sie dort die Gelegenheit hatten, die Synagogenbesucher zu evangelisieren. (Solche Gelegenheiten werden einem Nachfolger Jesu in den heutigen Kirchen kaum noch gegeben.)
Wesentlich an diesem Argument scheint mir aber der zugrundeliegende Vergleich von Synagoge und heutiger Kirche zu sein. Wenn auch das daraus abgeleitete Argument falsch ist, so scheint mir doch der Vergleich an sich richtig zu sein. Tatsächlich kann wohl alles, was im Neuen Testament von den Synagogen gesagt wird, auch von den heutigen Kirchen gesagt werden. So wie die Juden zur Zeit Jesu gewohnheitsmässig zur Synagoge gingen und wohl (fälschlich) dachten, sie nähmen an einer von Gott verordneten Einrichtung teil, so gehen auch viele Christen heute gewohnheitsmässig zu einem denominationellen, pfarrerzentrierten „Gottesdienst“ und fragen sich gar nicht mehr, ob diese Einrichtung wirklich biblisch verordnet sei.
So wie zur Zeit Jesu die Synagoge und das Rabbinertum (entgegen ihren ursprünglichen Gründungsabsichten) zu einer Brutstätte von aller Art Heuchelei, Manipulation und Machtmissbrauch geworden war (man lese Matthäus 23), so muss man von vielen Kirchen heute dasselbe sagen. Obwohl in manchen Kirchen (insbesondere den evangelikalen) immer noch viel theoretisch richtige Lehre verkündet wird, stimmt das Leben nicht mehr damit überein; so wie auch Jesus von den Schriftgelehrten und Pharisäern sagte: „Alles nun, was sie euch sagen, tut und befolgt; aber nach ihren Werken tut nicht, denn sie sagen es und tun es nicht.“ (Matthäus 23,3)
So wie Jesus in der Synagoge öfters die Vorsitzenden verärgerte und sogar als Unruhestifter vertrieben wurde (Matthäus 12,9-14, Lukas 4,16-30, 13,10-17), so ist auch für viele heutige Kirchen die Verkündigung des biblischen Evangeliums und ein Leben konsequenter Nachfolge ein Ärgernis. Jesus sagte seinen Jüngern voraus:
„Sie werden euch aus der Synagoge ausschliessen; ja, die Stunde kommt, wo jeder, der euch tötet, meinen wird, Gott eine Opfergabe darzubringen. Und dies werden sie tun, weil sie den Vater und mich nicht erkannt haben.“ (Johannes 16,2)
Es wäre kurzsichtig, diese Voraussage nur auf die jüdischen Synagogen jener Zeit anzuwenden. Sich christlich nennende Herrscher und Kirchenführer haben im Lauf der Geschichte Hunderttausende, vielleicht Millionen von echten Nachfolgern Jesu umbringen lassen. Die Annahme ist also nicht allzu weit hergeholt, dass auch in den endzeitlichen Christenverfolgungen die offiziellen Kirchen eine entscheidende Rolle spielen werden.

Als Jesus kam und anfing, den Synagogenführern Ärger zu machen, da verbündeten sich die sonst verfeindeten Richtungen (Pharisäer und Sadduzäer) zusammen mit den Priestern, um ihn aus der Welt zu schaffen. Ist der Gedanke zu weit hergeholt, dass sich auch in der letzten Zeit die evangelikal-fundamentalistischen Führer mit den liberal-modernistischen zusammenschliessen werden gegen die echten Christen? Anfänge davon sind bereits zu beobachten. Siehe „Die Evangelische Allianz paktiert mit der Ökumene und dem Vatikan“.

Das Kommen Jesu

Die Geschichte des Alten Bundes endet mit dem Wirken Jesu auf Erden bei seinem ersten Erscheinen. Die Geschichte der christlichen Kirche gemäss ihrer gegenwärtigen Verordnung wird mit dem zweiten Kommen Jesu enden. Was können wir da für Parallelen ziehen?

Die Juden erwarteten sehnsüchtig den Messias, von dessen Kommen sie in den Schriften der Propheten gelesen hatten. Aber als er wirklich kam, erkannten die meisten von ihnen ihn nicht. Insbesondere die offiziellen Leiter ihres Staates und ihrer Religion erkannten ihn nicht – trotz all ihrer Bibelkenntnis! Und jene wenigen Leiter, die zumindest ahnten, wer er sein könnte, unternahmen alles in ihrer Macht Stehende, um sein Auftreten zu verhindern – so wie Herodes der Kindermörder.

Das ist eine wirklich erstaunliche und bestürzende Tatsache.

Heutige Christen – soweit sie nicht unter der Gefangenschaft der rationalistischen Bibelkritik stehen – erwarten ebenso sehnsüchtig das zweite Kommen Jesu, studieren die biblischen Prophezeiungen, versuchen sogar exakte „Endzeitfahrpläne“ aufzustellen. Wäre es möglich, dass viele unter diesen Bibelkundigen – und noch mehr unter den offiziellen Leitern ihrer Kirchen – den Herrn nicht erkennen oder nicht anerkennen werden, wenn er wirklich kommt?

Ich bin sicher, dass die meisten der Angesprochenen bei einem solchen Gedanken entrüstet aufschreien werden. Und doch: die biblische Parallele legt nahe, dass es genau so sein wird.

Warum erkannten so viele Juden beim ersten Kommen Jesu ihren Messias nicht?

Ich glaube, ein wichtiger Grund liegt darin, dass viele von ihnen einen Messias zu ihren Gunsten erwarteten, und nur wenige einen Messias zu Gottes Verherrlichung. Es ist für uns Menschen ein schwerverdaulicher Gedanke, dass Gott zuerst seine eigene Ehre im Auge hat und nicht die Erfüllung unserer Bedürfnisse oder Wünsche. Ich muss zugeben, dass auch ich mit diesem Punkt ab und zu Mühe habe. (Für einen Menschen wäre solche „Ehrsucht“ ja eine grobe Sünde. Für Gott ist sie aber nur angemessen, weil ihm ja solche Ehre tatsächlich gebührt.)
Die meisten erwarteten deshalb, dass der Messias sie von den Römern befreien würde; nicht aber, dass er zu ihnen sagen würde: „Kehrt um!“, oder gar: „Ihr Schlangenbrut!“ – Eine heutige Parallele dazu ist vielleicht, dass viele Christen (irrtümlich, wie ich meine) erwarten, noch vor Beginn der „Trübsal“ entrückt zu werden. Es wird heute viel darüber gepredigt, dass Jesus zu unserer Erlösung kam und wiederkommt; aber wenig darüber, dass er zum Gericht kommen wird.

Für die religiösen und politischen Leiter muss das ein noch grösseres Ärgernis sein als für uns gewöhnliche Sterbliche. Das muss es gewesen sein, was Herodes in solche Panik versetzte: „Wenn dieses Kind tatsächlich der verheissene König ist, dann verliere ich meinen Thron!“ Ja, wenn Jesus wiederkommt, dann werden alle Könige, Präsidenten, Minister und Diktatoren abdanken müssen. Auch alle Kirchenführer, Pfarrer und Pastoren werden von ihren Kanzeln herabsteigen müssen. Sie werden „ihre“ Schäfchen dem rechtmässigen Hirten Jesus zurückgeben müssen. Ich fürchte, allzuviele von ihnen werden dann ebenso eifersüchtig an ihrem „Thron“ festhalten wollen wie Herodes an dem seinen.

Jene unter den Juden, die Jesus wirklich als Messias anerkannten und ihm nachfolgten, waren mehrheitlich Menschen, die nicht allzu vieles zu verlieren hatten. Arme Fischer waren eher dazu bereit, ihre Arbeit und ihren Verdienst aufzugeben, als reiche Jünglinge. Der Zöllner Matthäus muss zwar gut verdient haben, wurde aber als Kollaborateur der Römer verachtet – auch keine sehr beneidenswerte Stellung. Aussätzige und Blinde konnten sowieso nur gewinnen, wenn sie Jesus nachfolgten. Der Ratsherr Nikodemus hingegen konnte es sich seiner Stellung wegen nicht leisten, ihm öffentlich nachzufolgen. Jesus heimlich bei Nacht aufzusuchen (Joh.3), und in einer Ratsversammlung ein ganz vorsichtiges Votum zu seinen Gunsten abzugeben (Joh.7,50-51), war das Äusserste, was er riskieren konnte. Er scheint überhaupt der einzige Angehörige des Rates gewesen zu sein, der Jesus nicht ablehnte. – So ist anzunehmen, dass es auch beim zweiten Kommen Jesu vielen, die heute in der Christenheit Rang und Namen haben, eher mulmig zumute sein wird.

Auf die Wiederkunft Jesu vorbereitet zu sein, ist deshalb nur in zweiter Linie eine Frage der Bibelkenntnis. In erster Linie geht es darum, ob wir wirklich meinen, was wir sagen, wenn wir ihn „Herr“ nennen. Ob wir bereit sind, ihm wirklich den Ehrenplatz zu geben, der ihm gebührt, und unseren eigenen Rang und Namen, unseren Einfluss und unsere Ehre, unser Hab und Gut, und sogar unser eigenes Leben aufzugeben um seinetwillen. Eine tägliche Herausforderung, der ich mich nur im Vertrauen auf Gottes übernatürliche Hilfe stellen kann.

Interessante Parallelen zwischen der Geschichte Israels und der Kirchengeschichte – Teil 2

21. Januar 2012

Von Gott eingesetzte Richter

Mehrere Jahrhunderte lang hatte der Staat Israel eine – aus menschlicher Sicht – äusserst „unordentliche“ Regierungsform: Urplötzlich pflegten vom Heiligen Geist erfüllte Menschen aufzustehen, deren Autorität so allgemein anerkannt wurde, dass sie ganze Stämme im Krieg anführten und auch in zivilen Angelegenheiten ihr Urteil als bindend anerkannt wurde (weshalb sie „Richter“ genannt wurden). Wenn ein Richter starb, brach manchmal die wildeste Anarchie aus; und niemand wusste zum voraus, wann und wo der nächste Richter erscheinen würde.
Ausserdem war das Territorium Israels noch längst nicht allgemein anerkannt oder respektiert: Immer wieder fielen andere Völker ein, raubten und plünderten, oder unterwarfen sich Teile des Landes bzw. der Bevölkerung. Sowohl im Inneren wie im Äusseren herrschte also eine grosse Unsicherheit, und man brauchte einen gefestigten Glauben, um in einer solchen Situation darauf vertrauen zu können, dass Gott tatsächlich alles unter Kontrolle hatte.

Ich denke, diese Zeit kann man gut mit den ersten Jahrhunderten des Christentums vergleichen. Mancherorts waren die Strukturen und Gebräuche noch nicht eindeutig festgelegt. Von aussen her herrschte eine ständige Unsicherheit: man wusste nie, wann die nächste Verfolgung losbrechen würde. Ohne glaubensstarke, von Gottes Geist geleitete Leiter hätte die Gemeinde in jener Zeit kaum überleben können. Aber auch die einzelnen Christen brauchten einen starken, persönlichen Glauben.

„Wir wollen einen König haben!“

Dann kam der Moment, wo die Israeliten diese direkte Abhängigkeit von Gottes Leitung satt hatten und zu Samuel, dem letzten Richter, sagten: „Gib uns einen König, wie ihn alle anderen Nationen haben!“ – Die Regierungszeit von Saul, dem ersten König, war katastrophal. Aber zur Zeit Davids gelang es dem Volk Israel, die ihm feindlich gesinnten Völker definitiv zu besiegen, womit eine (relativ kurze) Periode inneren und äusseren Friedens begann.

So kam auch in der Geschichte der christlichen Kirche ein Moment, wo die Kirche einen König erhielt. Das begann mit dem römischen Kaiser Konstantin, der Christ wurde – zumindest äusserlich. Wie es in seinem Herzen aussah, kann aus der Geschichte nicht restlos geklärt werden. Fest steht, dass Konstantin den Christenverfolgungen ein Ende machte, und dass er von der überwiegenden Mehrheit der Christen nicht nur als politischer, sondern auch als religiöser Führer anerkannt wurde. Beweis dafür ist, dass es Konstantin war, der das berühmte Konzil von Nicäa (325) einberief und dabei auch den Vorsitz innehatte. Dieses Konzil brachte zwar die erste theologisch ausgefeilte Erklärung der göttlichen Dreieinigkeit hervor – ein Glaubensbekenntnis, das bis heute hoch geschätzt wird -, aber kirchenpolitisch gesehen war es eine Katastrophe. Das Bekenntnis von Nicäa war den Konzilsteilnehmern von Konstantin praktisch aufgezwungen worden, sodass sich die scheinbare Einheit sogleich nach dem Konzil wieder auflöste in jahrzehntelange wüste theologische Streitereien und Intrigen.
Konstantins Nach-Nachfolger Theodosius machte dann die Kirche vollends zur „römisch-katholischen“ Kirche: Er erklärte die römische Version des Christentums zur obligatorischen Staatsreligion. Innerhalb eines halben Jahrhunderts waren damit die Heiden von Verfolgern zu Verfolgten geworden. Wie Israel zur Zeit Davids, musste die Kirche jetzt ihre Widersacher nicht mehr fürchten, sondern wurde von diesen gefürchtet.

Vor diesem Hintergrund war es nur natürlich, dass in der Folge nicht nur der römische Staat, sondern auch die Kirche zentral von Rom aus geleitet wurde. Zur Machtstellung des Papstes war es von da her nicht mehr weit. Die Kirche war tatsächlich zu einer Monarchie geworden. Und auf allen Ebenen hatten sich hierarchische Leitungsstrukturen verfestigt, die die Leitung des Heiligen Geistes immer mehr aus der Kirche verdrängten.

Es ist von daher interessant, dass während der Richterzeit das „Haus Gottes“ – die Stiftshütte – ein einfaches Zelt war. Eine bewegliche „Wohnung Gottes“, die auf den Wanderungen Israels überallhin mitgenommen werden konnte. Von den ersten Königen jedoch wurde stattdessen ein Tempel aus Holz und Stein errichtet. (Die Vorarbeiten dazu begannen unter David, und der eigentliche Bau wurde von seinem Sohn Salomo ausgeführt). Beachten wir, dass die Stiftshütte von einem Propheten errichtet wurde, der Tempel hingegen von einem König.
So wie König Salomo die Wohnung Gottes „festzementierte“, so wurde unter dem Einfluss der römischen Kaiser (und gewisser Kirchenführer) die kirchliche Hierarchie und Liturgie „festzementiert“. Und so wie Salomo einen heidnischen Baumeister anstellte – Hiram von Tyrus -, so sind zur Zeit Konstantins und Theodosius‘ viele heidnische Einflüsse in die Kirche eingedrungen.

Natürlich kann man auch hier die Parallele nicht in alle Einzelheiten weiterführen. Ich könnte keinen der römischen Kaiser oder Päpste direkt mit Saul, mit David oder mit Salomo gleichsetzen. Aber die grundsätzlichen Ähnlichkeiten scheinen mir der Erwähnung wert.

Das geteilte Reich

Salomo war der dritte König Israels und zugleich der letzte, der das Reich im Frieden regieren konnte. Kurz nach seinem Tod brach das Reich auseinander. Ebenso teilte sich auch das Römische Reich bald nach Konstantin in eine West- und eine Osthälfte, die fortan getrennte Wege gingen. Da die Kirche mit der Staatsregierung verbunden worden war, hatte das natürlich Auswirkungen auf die Kirche. Ost- und Westkirche (d.h. die orthodoxe und die römisch-katholische Kirche) lebten sich immer weiter auseinander, bis sie schliesslich einander gegenseitig verurteilten und verfluchten.
Gleichzeitig entfernten sich beide Kirchen immer weiter von den Grundlagen des Wortes Gottes – genauso wie auch das Volk Israel in der Zeit des geteilten Reiches immer weiter von Gott abfiel. Mit gelegentlichen Reformen und halbherziger Umkehr; aber aufs Ganze gesehen müssen wir von einer Zeit des Abfalls von Gott sprechen.

Die babylonische Gefangenschaft und die Rückkehr nach Jerusalem

Diese Zeit des Abfalls mündete schliesslich in die babylonische Gefangenschaft Israels aus (und für das Nordreich vorher schon in die assyrische Gefangenschaft). Die Propheten hatten dieses Gericht Gottes bereits vorhergesagt. Ein grosser Teil des Volkes wurde nach Babylonien deportiert, wo sie nur geringe Freiheiten hatten und die Babylonier vieles unternahmen, um sie zu ihrer Religion zu bekehren. (Im Buch Daniel nachzulesen.)
Die kirchengeschichtliche Parallele dazu liegt auf der Hand. Martin Luther schrieb ein ganzes Buch mit dem Titel: „Die babylonische Gefangenschaft der Kirche“. Jahrhundertelang war die Kirche gefangen in Unmündigkeit, Aberglauben, und aus der Bibel nicht zu begründenden Gebräuchen.
Tatsächlich gibt es in der babylonischen Religion gewisse Parallelen zum römischen Katholizismus. Z.B. versuchten die Babylonier in den ihnen unterworfenen Gebieten ihre Religion durchzusetzen, indem sie die einheimische Führungsschicht dieser Länder „umerzogen“ – nicht viel anders als die katholische Kirche im Mittelalter. Ohne Vermittlung der Priester und Teilnahme an den vorgeschriebenen Zeremonien konnte man in der babylonischen Religion nicht mit den Göttern in Verbindung treten. Auch gewisse Symbole wie z.B. die Verehrung einer „Gottesmutter“ mit ihrem Sohn sind babylonischen Ursprungs.

Erst als das babylonische Reich von den Persern und Medern eingenommen wurde, erhielten die Israeliten die Freiheit, wieder in ihr Land zurückzukehren. Dieses Ereignis ist in der Kirchengeschichte offensichtlich mit der Reformation zu vergleichen. So wie die Israeliten aufgefordert wurden, zurück nach Jerusalem zu ziehen, so erging in der Reformationszeit der Ruf, zum ursprünglichen Wort Gottes zurückzukehren. Aber so wie viele Israeliten sich an das Leben in Babylon gewöhnt hatten und dort blieben, so leisteten auch längst nicht alle Kirchenchristen dem reformatorischen Ruf Folge.

Der Verlust der Unabhängigkeit

Auch nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft war Israel kein unabhängiger Staat mehr. Die Juden befanden sich nacheinander unter persischer, griechischer und römischer Herrschaft. Erst in jüngerer Vergangenheit (1948) wurde Israel zum ersten Mal seit der babylonischen Gefangenschaft wieder ein unabhängiger Staat.
Wenn wir nun die babylonische Gefangenschaft als Typus einer „Gefangenschaft“ der Kirche unter eine bestimmte Denkströmung und Kultur verstehen – in diesem Fall die römisch-katholische -, können wir dann auch in den anderen, späteren Besatzungsmächten eine solche Bedeutung sehen?

Die Weltsicht und Religion der Perser war stark vergeistigt und dualistisch; d.h. alles wurde als Ausdruck einer ständigen Auseinandersetzung zwischen einer guten und einer bösen Macht verstanden. Die Perser waren in Angelegenheiten der Religion toleranter als die Babylonier. Es waren die Perser, welche den Juden erlaubten, nach Jerusalem zurückzukehren und ihren Tempel wieder aufzubauen.
So sehen wir auch in den Reformationskirchen eine ähnliche Schwerpunktverschiebung: Während die Glaubenstreue eines Katholiken vornehmlich an seiner Unterordnung unter der Hierarchie, und an seiner Teilnahme an den Riten und Sakramenten gemessen wird, so war das Kriterium der Reformatoren, ob etwas (lehrmässig) „richtig oder falsch“ war. – Auch lockerte sich die staatliche Bevormundung in religiösen Angelegenheiten. Besonders in den calvinistischen Ländern (in den lutherischen weniger) fand eine allmähliche Bewegung in Richtung Glaubens- und Gewissensfreiheit statt.
Dennoch haben wir auch hier eine geistige „Fremdherrschaft“, eine Überschattung des Evangeliums durch eine ihm fremde Denkrichtung. Den „rechten Glauben“ an der Übereinstimmung mit der „rechten Lehre“ festzumachen, ist eine unzulässige Reduktion des Evangeliums. Deshalb kam es im 17.Jahrhundert zu einer Periode, die von manchen Historikern als „Zeit der toten Orthodoxie“ bezeichnet wird: Die Grundwahrheiten des Evangeliums wurden zwar noch richtig und biblisch („orthodox“) gelehrt, aber nicht mehr auf das wirkliche Leben angewandt.

Das griechische Denken war hauptsächlich humanistisch (d.h. auf den Menschen als solchen zentriert) und philosophisch-intellektuell. Die griechischen Götter waren im Grunde nichts als überzeichnete Abbilder von Menschen, mit höchst menschlichen Bedürfnissen, Schwächen und Fehlern. Die Griechen strebten danach, ihr menschliches Potenzial so weit wie möglich zu entwickeln: sei es im intellektuellen Bereich (Philosophie, Rhetorik, Geometrie…) oder im körperlichen (militärisches Training, Sport, Olympiaden…). Als „am höchsten entwickelte“ Menschen galten die Philosophen.
So begann auch in der Kirche während des 19.Jahrhunderts der Rationalismus zu dominieren: eine Denkrichtung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und meint, alles könne und müsse mit dem menschlichen Verstand erklärt werden. Diese „moderne“ liberale Theologie fragt hauptsächlich danach, ob etwas „logisch“ oder „vernünftig“ sei. Was übernatürlich oder dem menschlichen Verstand nicht einsichtig ist, wird von dieser Theologie abgelehnt. Wir können deshalb durchaus sagen, dass die Mehrheit der Kirche während des 19. und 20. Jahrhunderts vom griechischen Geist beherrscht wurde.

Die Römer übernahmen zwar das griechische Denken, waren aber von sich aus eher pragmatisch orientiert. Sie kümmerten sich mehr um die praktische Verwaltung und Verteidigung ihres Reiches, als um Philosophie. Während die Griechen bedeutende Schritte auf demokratische Regierungsformen hin unternommen hatten, regierten die Römer von Cäsar an wieder weitgehend diktatorisch. – In religiöser Hinsicht finden wir im römischen Reich eine merkwürdige Mischung von Toleranz und Totalitarismus: Einerseits war die Ausübung aller möglichen auch noch so abwegigen Religionen erlaubt. Deshalb erreichte die Ausbreitung der ursprünglich orientalischen Mysterienreligionen in der Römerzeit ihren Höhepunkt. Andererseits war die Verehrung des Kaisers streng obligatorisch. Die Christen wurden nicht deshalb verfolgt, weil sie Christus anbeteten; sie wurden verfolgt, weil sie sich weigerten, zusätzlich zu Christus auch noch den Kaiser anzubeten. Die ersten Leser der Johannesoffenbarung dachten bei dem „Tier“ in Kapitel 13 sicher zuerst an den Machtapparat des römischen Kaisers.
Man kann sich fragen, ob wir uns gegenwärtig im Übergang von der Herrschaft des griechischen Geistes zu der des römischen Geistes befinden. Welteinheitsbestrebungen wie damals die „Pax Romana“ sind wieder hochaktuell. Unter den Evangelikalen geben die Kirchen der USA mit ihrer Strategieversessenheit, ihrem Marketingdenken und ihren auf das Diesseitige ausgerichteten Zielsetzungen den Ton an. Orientalische Religionen und Praktiken verbreiten sich wieder über den ganzen Erdball, und finden inzwischen auch in den meisten Kirchen offene Türen. „Vernunft“ wird nicht mehr so grossgeschrieben wie auch schon; dafür suchen manche Christen nach immer wilderen Manifestationen übernatürlicher Kräfte aus eher zweifelhaften Quellen. Und nicht zuletzt: Unter dem Vorwand von „Toleranz“ und „politischer Korrektheit“ werden die Freiheiten für echte, bekennende Christen immer mehr eingeschränkt.

Ich muss da jedoch eine kleine Mahnung zur Vorsicht anbringen: Je näher wir an die Gegenwart kommen, desto schwieriger wird es, Zeit- und Denkströmungen angemessen zu beurteilen und einzuordnen. Aus dem fehlenden historischen Abstand heraus können Nebensächlichkeiten gross erscheinen, während die wirklich einflussreichen Strömungen oft erst im Nachhinein erkannt werden.

Einen Grundgedanken möchte ich jedoch hervorheben: Seit der Reformation ist zwar in der Kirche manches erneuert worden und ist manche biblische Wahrheit neu entdeckt worden. Aber so wie Israel auch nach der Rückkehr aus Babylon noch nicht wirklich frei und unabhängig war, so ist auch die Kirche mit alldem noch nicht wirklich frei geworden von geistiger „Fremdherrschaft“.

(Fortsetzung folgt)

Interessante Parallelen zwischen der Geschichte Israels und der Kirchengeschichte – Teil 1

14. Januar 2012

Der folgende Artikel ist, wie ich zugebe, weitgehend spekulativ. Ich gehe von dem Grundgedanken aus, dass es gewisse „Muster“ des Handelns Gottes in der Geschichte gibt, die sich in ähnlicher Weise wiederholen. So spricht z.B. Jesus davon, dass die drei Tage und drei Nächte, die Jonas im Bauch des Fisches verbringen musste, eine Art Vorzeichen oder „Vor-Bild“ davon waren, dass er selber, Jesus, drei Tage und drei Nächte begraben sein müsse. (Matthäus 12,40-41.) Oder er verglich sich mit den Propheten Elias und Elisa, die beide mehrheitlich Nicht-Israeliten dienten und von ihrem eigenen Volk abgelehnt wurden, so wie auch Jesus selbst von seinem Volk abgelehnt wurde (Lukas 4,24-27). An anderer Stelle sagte er, Johannes der Täufer sei (in einem gewissen Sinn) der wiedergekommene Prophet Elias gewesen (Matthäus 17,11-13). Theologen würden sagen, Elias sei ein „Typus“ von Johannes bzw. von Jesus gewesen.
Diese „Typologie“ ist dabei nie eine völlig exakte Parallele und ist deshalb mit Vorsicht anzuwenden. Z.B. befand sich Jonas aufgrund seines Ungehorsams gegen Gott im Bauch des Fisches; Jesus dagegen musste gerade infolge seines äussersten Gehorsams sterben und begraben werden.

Da nun Jesus selber solche Parallelen zieht zwischen alttestamentlichen Ereignissen und gewissen Aspekten seines eigenen Lebens und Wirkens, ist die Frage naheliegend, ob es weitergehende Parallelen gibt zwischen der Geschichte des alttestamentlichen und des neutestamentlichen Gottesvolkes. Dass dies auf einer ganz grundsätzlichen, elementaren Ebene der Fall ist, bezeugt Paulus:

„Diese Dinge (er bezieht sich auf Vorkommnisse während der Wanderung Israels durch die Wüste) aber sind als Vorbilder für uns geschehen, damit wir uns nicht nach Bösem gelüsten lassen, wie es jene gelüstet hat. Werdet auch nicht Götzendiener gleich etlichen von ihnen (…) Lasst uns auch nicht Unzucht treiben, wie etliche von ihnen Unzucht trieben und an einem Tage 23’000 fielen. Lasst uns auch nicht Christus versuchen, wie etliche von ihnen ihn versuchten und von den Schlangen umgebracht wurden. Murrt auch nicht, wie etliche von ihnen murrten und vom Verderber umgebracht wurden. Dies aber widerfuhr jenen zum Exempel; geschrieben aber wurde es zur Warnung für uns, auf die das Ende der Welt gekommen ist.“ (1.Kor.10,6-11)

Ob nun aber solche Parallelen auf konkrete Ereignisse der Kirchengeschichte übertragen werden können, ist eine offene Frage, die in der Bibel nicht beantwortet wird. Einige Ausleger haben versucht, in den sieben Gemeinden von Offenbarung 2 und 3 sieben Etappen der Kirchengeschichte zu sehen – nicht mit vollem Erfolg, wie ich meine; dennoch ist es ein interessanter Ansatz.
Ich möchte hier einen anderen, aber in gewisser Weise ähnlichen Ansatz versuchen, indem ich der Frage nachgehe, ob vielleicht die Geschichte Israels in gewisser Weise die Geschichte des neutestamentlichen Gottesvolkes „typologisch“ vorzeichnet. Auch dieser Ansatz wird sicher – wie die erwähnte Auslegung von Offenbarung 2 und 3 – unvollständig und unbefriedigend bleiben. Es gibt aber einige wirklich auffallende Parallelen, die ich im folgenden beschreiben möchte.

Anfänge des Gottesvolkes

Man kann sich darüber streiten, ob der Anfang der Geschichte Israels als Volk bei Abraham oder bei Moses anzusetzen sei. Für die hier vorliegende Betrachtung erscheint es mir sinnvoller, bei Moses anzufangen, weil der Durchzug durch das Rote Meer in 1.Korinther 10,1-2 als „Typus“ der christlichen Taufe beschrieben wird, und mit einer Massentaufe fing auch das neutestamentliche Gottesvolk an (Apg.2,41). Den Zeitraum von Abraham bis Moses könnte man aus diesem Blickwinkel als (keineswegs unwichtige!) „Vorgeschichte“ auffassen, so wie auch das Erdenleben Jesu eine (keineswegs unwichtige) Vorgeschichte zur Kirchengeschichte war.
Vor dem Auszug aus Ägypten stand das Passahmahl. Dabei wurde ein Lamm geopfert, dessen Blut die Israeliten vor dem Todesengel beschützte. In ähnlicher Weise musste Jesus, das „Lamm Gottes“ (Joh.1,29) geopfert werden, damit wir durch sein Blut Vergebung unserer Sünden erhalten können.
Auch diese Parallele ist im Grunde nicht exakt: Das Alte Testament bringt das Passah nicht mit Sündenvergebung in Verbindung; dazu dient das Opfer am Versöhnungstag (3.Mose 16). Dennoch macht der Apostel (und Rabbiner) Paulus diesen Vergleich ausdrücklich: „…denn als unser Passahlamm ist Christus geopfert worden“ (1.Kor.5,7). Tatsächlich wurde Jesus zur Zeit des Passahfestes geopfert.

Exodus

Nach diesem Opfer also konnte der Auszug aus Ägypten stattfinden. Wir können das „Sklavenhaus Ägypten“ als typologisches „Vor-Bild“ der Versklavung unter die Sünde ansehen, aus der die Glaubenden durch das Opfer Jesu befreit werden. Unter dieser Perspektive ist folgende Stelle in der Offenbarung interessant:
„Und ihre Leichname (der zwei Propheten) werden auf der Gasse der grossen Stadt liegen, die bei geistlicher Deutung Sodom und Ägypten heisst, in der auch ihr Herr gekreuzigt worden ist.“ (Offb.11,8)
Wegen des Hinweises auf die Kreuzigung Jesu kann es sich bei der „grossen Stadt“ nur um Jerusalem handeln. Jerusalem, die heilige Stadt, ein „geistliches Ägypten“?? Tatsächlich begann die christliche Kirche in Jerusalem, und aus der Jerusalemer Gesellschaft mussten die ersten Christen ausziehen und herausgerettet werden, ganz ähnlich wie die Israeliten seinerzeit aus Ägypten ausziehen und herausgerettet werden mussten. So heisst es auch in Hebräer 13,12-14:
„Daher hat auch Jesus, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, ausserhalb des Tores gelitten. So lasst uns nun zu ihm vor das Lager hinausgehen und seine Schmach tragen! Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige.“
Es stellt sich hier die Frage, ob dann auch das neue, geistliche Jerusalem, d.h. die christliche Kirche, in der letzten Zeit wieder zu einem „geistlichen Ägypten“ werden wird, aus welchem die wahren Gläubigen anlässlich der Wiederkunft Jesu ausziehen und herausgerettet werden müssen? – Aber ich greife vor…

Gesetz und Geist

Die nächste wichtige Station in der Wanderung der Israeliten war der Berg Sinai, wo Moses die Zehn Gebote erhielt (und verschiedene andere Gebote Gottes). Offenbar war es wichtig, dass das Volk Israel möglichst bald nach seiner Befreiung eine klare Richtlinie dessen erhielt, was Gott von ihm erwartete. Dieses Gesetz Gottes war die Grundlage für alles spätere Handeln Gottes mit und an seinem Volk.
Da nun dieses Gesetz Gottes ein für allemal gegeben wurde, war es für das neutestamentliche Gottesvolk nicht nötig, nochmals ein Gesetz Gottes zu erhalten. (Ausser wir betrachten die Bergpredigt als solches; aber dabei handelt es sich im Grunde um eine Auslegung und Erläuterung des bereits gegebenen Gesetzes.) Nach einiger Betrachtung erscheint es mir angebracht zu sagen, dass im Neuen Testament die Ausgiessung des Heiligen Geistes den Platz einnimmt, der im Alten Testament der Gesetzgebung am Sinai zukommt. Zur Begründung stütze ich mich auf folgende Stellen, die diesen Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Bund hervorheben:
– „Nein, das ist der Bund, den ich nach jenen Tagen mit dem Hause Israel schliessen will, spricht der Herr: Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und es ihnen ins Herz schreiben; ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Da wird keiner mehr den andern, keiner seinen Bruder belehren und sprechen: Erkennet den Herrn!, sondern sie werden mich alle erkennen, klein und gross, spricht der Herr…“ (Jeremias 31,33-34)
(Tatsächlich ist es die Aufgabe des Heiligen Geistes, das Gesetz Gottes „in unser Herz zu schreiben“ und uns die Dinge Gottes zu lehren.)
– „Wenn aber der Dienst des Todes, mit Buchstaben in Steine eingegraben, zu Herrlichkeit gelangt ist, sodass die Söhne Israels nicht in das Angesicht Moses schauen konnten wegen des herrlichen Glanzes seines Angesichts, der verging; wie sollte nicht der Dienst des Geistes noch mehr in Herrlichkeit sein?“ (2.Kor.3,7-8)
(Hier wird genau der erwähnte Unterschied hervorgehoben, dass der Alte Bund „Dienst des Buchstabens war“, der Neue Bund hingegen „Dienst des Geistes“.)

Das Haus Gottes

Eine weitere wichtige Station bestand im Bau der Stiftshütte als „Wohnung Gottes“. Die ganze Anordnung und Ausstattung der Stiftshütte ist sehr symbolträchtig. Für mein Thema hier ist mir als Grundgedanke wichtig: Gott möchte hier auf Erden eine „Wohnung“ haben, wo sich seine Gegenwart in besonderer Weise manifestieren kann. War das im Alten Testament ein materielles Gebäude, so ist es im Neuen Testament ein „geistliches Haus“ aus „lebendigen Steinen“: die Gemeinschaft der Gläubigen selber! (1.Petrus 2,4-10) – „Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid, und dass der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1.Kor.3,16)
Im Gegensatz zum Alten Testament haben wir im Neuen Testament keine ausdrückliche oder ausführliche „Bauanleitung“ zum Bau dieses geistlichen „Hauses Gottes“. Die Apostel müssen aber eine ziemlich klare Vorstellung davon gehabt haben, wie dieses „Gebäude“ – zumindest in den Grundzügen – aussehen sollte. Paulus schreibt nämlich kurz vor der soeben zitierten Stelle, und im selben Zusammenhang: „Nach der mir verliehenen Gnade Gottes habe ich als ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer aber baut darauf weiter. Doch jeder sehe zu, wie er darauf weiterbaut.“ (1.Kor.3,10) – Wenn wir also das Werk und die Anweisungen der Apostel ansehen, wie sie im Neuen Testament überliefert sind, dann denke ich, sollten wir doch den grundsätzlichen „Bauplan“ des neutestamentlichen Hauses Gottes, der Gemeinde, einigermassen erkennen können.

(Fortsetzung folgt)