Interessante Parallelen zwischen der Geschichte Israels und der Kirchengeschichte – Teil 1

Der folgende Artikel ist, wie ich zugebe, weitgehend spekulativ. Ich gehe von dem Grundgedanken aus, dass es gewisse „Muster“ des Handelns Gottes in der Geschichte gibt, die sich in ähnlicher Weise wiederholen. So spricht z.B. Jesus davon, dass die drei Tage und drei Nächte, die Jonas im Bauch des Fisches verbringen musste, eine Art Vorzeichen oder „Vor-Bild“ davon waren, dass er selber, Jesus, drei Tage und drei Nächte begraben sein müsse. (Matthäus 12,40-41.) Oder er verglich sich mit den Propheten Elias und Elisa, die beide mehrheitlich Nicht-Israeliten dienten und von ihrem eigenen Volk abgelehnt wurden, so wie auch Jesus selbst von seinem Volk abgelehnt wurde (Lukas 4,24-27). An anderer Stelle sagte er, Johannes der Täufer sei (in einem gewissen Sinn) der wiedergekommene Prophet Elias gewesen (Matthäus 17,11-13). Theologen würden sagen, Elias sei ein „Typus“ von Johannes bzw. von Jesus gewesen.
Diese „Typologie“ ist dabei nie eine völlig exakte Parallele und ist deshalb mit Vorsicht anzuwenden. Z.B. befand sich Jonas aufgrund seines Ungehorsams gegen Gott im Bauch des Fisches; Jesus dagegen musste gerade infolge seines äussersten Gehorsams sterben und begraben werden.

Da nun Jesus selber solche Parallelen zieht zwischen alttestamentlichen Ereignissen und gewissen Aspekten seines eigenen Lebens und Wirkens, ist die Frage naheliegend, ob es weitergehende Parallelen gibt zwischen der Geschichte des alttestamentlichen und des neutestamentlichen Gottesvolkes. Dass dies auf einer ganz grundsätzlichen, elementaren Ebene der Fall ist, bezeugt Paulus:

„Diese Dinge (er bezieht sich auf Vorkommnisse während der Wanderung Israels durch die Wüste) aber sind als Vorbilder für uns geschehen, damit wir uns nicht nach Bösem gelüsten lassen, wie es jene gelüstet hat. Werdet auch nicht Götzendiener gleich etlichen von ihnen (…) Lasst uns auch nicht Unzucht treiben, wie etliche von ihnen Unzucht trieben und an einem Tage 23’000 fielen. Lasst uns auch nicht Christus versuchen, wie etliche von ihnen ihn versuchten und von den Schlangen umgebracht wurden. Murrt auch nicht, wie etliche von ihnen murrten und vom Verderber umgebracht wurden. Dies aber widerfuhr jenen zum Exempel; geschrieben aber wurde es zur Warnung für uns, auf die das Ende der Welt gekommen ist.“ (1.Kor.10,6-11)

Ob nun aber solche Parallelen auf konkrete Ereignisse der Kirchengeschichte übertragen werden können, ist eine offene Frage, die in der Bibel nicht beantwortet wird. Einige Ausleger haben versucht, in den sieben Gemeinden von Offenbarung 2 und 3 sieben Etappen der Kirchengeschichte zu sehen – nicht mit vollem Erfolg, wie ich meine; dennoch ist es ein interessanter Ansatz.
Ich möchte hier einen anderen, aber in gewisser Weise ähnlichen Ansatz versuchen, indem ich der Frage nachgehe, ob vielleicht die Geschichte Israels in gewisser Weise die Geschichte des neutestamentlichen Gottesvolkes „typologisch“ vorzeichnet. Auch dieser Ansatz wird sicher – wie die erwähnte Auslegung von Offenbarung 2 und 3 – unvollständig und unbefriedigend bleiben. Es gibt aber einige wirklich auffallende Parallelen, die ich im folgenden beschreiben möchte.

Anfänge des Gottesvolkes

Man kann sich darüber streiten, ob der Anfang der Geschichte Israels als Volk bei Abraham oder bei Moses anzusetzen sei. Für die hier vorliegende Betrachtung erscheint es mir sinnvoller, bei Moses anzufangen, weil der Durchzug durch das Rote Meer in 1.Korinther 10,1-2 als „Typus“ der christlichen Taufe beschrieben wird, und mit einer Massentaufe fing auch das neutestamentliche Gottesvolk an (Apg.2,41). Den Zeitraum von Abraham bis Moses könnte man aus diesem Blickwinkel als (keineswegs unwichtige!) „Vorgeschichte“ auffassen, so wie auch das Erdenleben Jesu eine (keineswegs unwichtige) Vorgeschichte zur Kirchengeschichte war.
Vor dem Auszug aus Ägypten stand das Passahmahl. Dabei wurde ein Lamm geopfert, dessen Blut die Israeliten vor dem Todesengel beschützte. In ähnlicher Weise musste Jesus, das „Lamm Gottes“ (Joh.1,29) geopfert werden, damit wir durch sein Blut Vergebung unserer Sünden erhalten können.
Auch diese Parallele ist im Grunde nicht exakt: Das Alte Testament bringt das Passah nicht mit Sündenvergebung in Verbindung; dazu dient das Opfer am Versöhnungstag (3.Mose 16). Dennoch macht der Apostel (und Rabbiner) Paulus diesen Vergleich ausdrücklich: „…denn als unser Passahlamm ist Christus geopfert worden“ (1.Kor.5,7). Tatsächlich wurde Jesus zur Zeit des Passahfestes geopfert.

Exodus

Nach diesem Opfer also konnte der Auszug aus Ägypten stattfinden. Wir können das „Sklavenhaus Ägypten“ als typologisches „Vor-Bild“ der Versklavung unter die Sünde ansehen, aus der die Glaubenden durch das Opfer Jesu befreit werden. Unter dieser Perspektive ist folgende Stelle in der Offenbarung interessant:
„Und ihre Leichname (der zwei Propheten) werden auf der Gasse der grossen Stadt liegen, die bei geistlicher Deutung Sodom und Ägypten heisst, in der auch ihr Herr gekreuzigt worden ist.“ (Offb.11,8)
Wegen des Hinweises auf die Kreuzigung Jesu kann es sich bei der „grossen Stadt“ nur um Jerusalem handeln. Jerusalem, die heilige Stadt, ein „geistliches Ägypten“?? Tatsächlich begann die christliche Kirche in Jerusalem, und aus der Jerusalemer Gesellschaft mussten die ersten Christen ausziehen und herausgerettet werden, ganz ähnlich wie die Israeliten seinerzeit aus Ägypten ausziehen und herausgerettet werden mussten. So heisst es auch in Hebräer 13,12-14:
„Daher hat auch Jesus, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, ausserhalb des Tores gelitten. So lasst uns nun zu ihm vor das Lager hinausgehen und seine Schmach tragen! Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige.“
Es stellt sich hier die Frage, ob dann auch das neue, geistliche Jerusalem, d.h. die christliche Kirche, in der letzten Zeit wieder zu einem „geistlichen Ägypten“ werden wird, aus welchem die wahren Gläubigen anlässlich der Wiederkunft Jesu ausziehen und herausgerettet werden müssen? – Aber ich greife vor…

Gesetz und Geist

Die nächste wichtige Station in der Wanderung der Israeliten war der Berg Sinai, wo Moses die Zehn Gebote erhielt (und verschiedene andere Gebote Gottes). Offenbar war es wichtig, dass das Volk Israel möglichst bald nach seiner Befreiung eine klare Richtlinie dessen erhielt, was Gott von ihm erwartete. Dieses Gesetz Gottes war die Grundlage für alles spätere Handeln Gottes mit und an seinem Volk.
Da nun dieses Gesetz Gottes ein für allemal gegeben wurde, war es für das neutestamentliche Gottesvolk nicht nötig, nochmals ein Gesetz Gottes zu erhalten. (Ausser wir betrachten die Bergpredigt als solches; aber dabei handelt es sich im Grunde um eine Auslegung und Erläuterung des bereits gegebenen Gesetzes.) Nach einiger Betrachtung erscheint es mir angebracht zu sagen, dass im Neuen Testament die Ausgiessung des Heiligen Geistes den Platz einnimmt, der im Alten Testament der Gesetzgebung am Sinai zukommt. Zur Begründung stütze ich mich auf folgende Stellen, die diesen Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Bund hervorheben:
– „Nein, das ist der Bund, den ich nach jenen Tagen mit dem Hause Israel schliessen will, spricht der Herr: Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und es ihnen ins Herz schreiben; ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Da wird keiner mehr den andern, keiner seinen Bruder belehren und sprechen: Erkennet den Herrn!, sondern sie werden mich alle erkennen, klein und gross, spricht der Herr…“ (Jeremias 31,33-34)
(Tatsächlich ist es die Aufgabe des Heiligen Geistes, das Gesetz Gottes „in unser Herz zu schreiben“ und uns die Dinge Gottes zu lehren.)
– „Wenn aber der Dienst des Todes, mit Buchstaben in Steine eingegraben, zu Herrlichkeit gelangt ist, sodass die Söhne Israels nicht in das Angesicht Moses schauen konnten wegen des herrlichen Glanzes seines Angesichts, der verging; wie sollte nicht der Dienst des Geistes noch mehr in Herrlichkeit sein?“ (2.Kor.3,7-8)
(Hier wird genau der erwähnte Unterschied hervorgehoben, dass der Alte Bund „Dienst des Buchstabens war“, der Neue Bund hingegen „Dienst des Geistes“.)

Das Haus Gottes

Eine weitere wichtige Station bestand im Bau der Stiftshütte als „Wohnung Gottes“. Die ganze Anordnung und Ausstattung der Stiftshütte ist sehr symbolträchtig. Für mein Thema hier ist mir als Grundgedanke wichtig: Gott möchte hier auf Erden eine „Wohnung“ haben, wo sich seine Gegenwart in besonderer Weise manifestieren kann. War das im Alten Testament ein materielles Gebäude, so ist es im Neuen Testament ein „geistliches Haus“ aus „lebendigen Steinen“: die Gemeinschaft der Gläubigen selber! (1.Petrus 2,4-10) – „Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid, und dass der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1.Kor.3,16)
Im Gegensatz zum Alten Testament haben wir im Neuen Testament keine ausdrückliche oder ausführliche „Bauanleitung“ zum Bau dieses geistlichen „Hauses Gottes“. Die Apostel müssen aber eine ziemlich klare Vorstellung davon gehabt haben, wie dieses „Gebäude“ – zumindest in den Grundzügen – aussehen sollte. Paulus schreibt nämlich kurz vor der soeben zitierten Stelle, und im selben Zusammenhang: „Nach der mir verliehenen Gnade Gottes habe ich als ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer aber baut darauf weiter. Doch jeder sehe zu, wie er darauf weiterbaut.“ (1.Kor.3,10) – Wenn wir also das Werk und die Anweisungen der Apostel ansehen, wie sie im Neuen Testament überliefert sind, dann denke ich, sollten wir doch den grundsätzlichen „Bauplan“ des neutestamentlichen Hauses Gottes, der Gemeinde, einigermassen erkennen können.

(Fortsetzung folgt)

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