Interessante Parallelen zwischen der Geschichte Israels und der Kirchengeschichte – Teil 2

Von Gott eingesetzte Richter

Mehrere Jahrhunderte lang hatte der Staat Israel eine – aus menschlicher Sicht – äusserst „unordentliche“ Regierungsform: Urplötzlich pflegten vom Heiligen Geist erfüllte Menschen aufzustehen, deren Autorität so allgemein anerkannt wurde, dass sie ganze Stämme im Krieg anführten und auch in zivilen Angelegenheiten ihr Urteil als bindend anerkannt wurde (weshalb sie „Richter“ genannt wurden). Wenn ein Richter starb, brach manchmal die wildeste Anarchie aus; und niemand wusste zum voraus, wann und wo der nächste Richter erscheinen würde.
Ausserdem war das Territorium Israels noch längst nicht allgemein anerkannt oder respektiert: Immer wieder fielen andere Völker ein, raubten und plünderten, oder unterwarfen sich Teile des Landes bzw. der Bevölkerung. Sowohl im Inneren wie im Äusseren herrschte also eine grosse Unsicherheit, und man brauchte einen gefestigten Glauben, um in einer solchen Situation darauf vertrauen zu können, dass Gott tatsächlich alles unter Kontrolle hatte.

Ich denke, diese Zeit kann man gut mit den ersten Jahrhunderten des Christentums vergleichen. Mancherorts waren die Strukturen und Gebräuche noch nicht eindeutig festgelegt. Von aussen her herrschte eine ständige Unsicherheit: man wusste nie, wann die nächste Verfolgung losbrechen würde. Ohne glaubensstarke, von Gottes Geist geleitete Leiter hätte die Gemeinde in jener Zeit kaum überleben können. Aber auch die einzelnen Christen brauchten einen starken, persönlichen Glauben.

„Wir wollen einen König haben!“

Dann kam der Moment, wo die Israeliten diese direkte Abhängigkeit von Gottes Leitung satt hatten und zu Samuel, dem letzten Richter, sagten: „Gib uns einen König, wie ihn alle anderen Nationen haben!“ – Die Regierungszeit von Saul, dem ersten König, war katastrophal. Aber zur Zeit Davids gelang es dem Volk Israel, die ihm feindlich gesinnten Völker definitiv zu besiegen, womit eine (relativ kurze) Periode inneren und äusseren Friedens begann.

So kam auch in der Geschichte der christlichen Kirche ein Moment, wo die Kirche einen König erhielt. Das begann mit dem römischen Kaiser Konstantin, der Christ wurde – zumindest äusserlich. Wie es in seinem Herzen aussah, kann aus der Geschichte nicht restlos geklärt werden. Fest steht, dass Konstantin den Christenverfolgungen ein Ende machte, und dass er von der überwiegenden Mehrheit der Christen nicht nur als politischer, sondern auch als religiöser Führer anerkannt wurde. Beweis dafür ist, dass es Konstantin war, der das berühmte Konzil von Nicäa (325) einberief und dabei auch den Vorsitz innehatte. Dieses Konzil brachte zwar die erste theologisch ausgefeilte Erklärung der göttlichen Dreieinigkeit hervor – ein Glaubensbekenntnis, das bis heute hoch geschätzt wird -, aber kirchenpolitisch gesehen war es eine Katastrophe. Das Bekenntnis von Nicäa war den Konzilsteilnehmern von Konstantin praktisch aufgezwungen worden, sodass sich die scheinbare Einheit sogleich nach dem Konzil wieder auflöste in jahrzehntelange wüste theologische Streitereien und Intrigen.
Konstantins Nach-Nachfolger Theodosius machte dann die Kirche vollends zur „römisch-katholischen“ Kirche: Er erklärte die römische Version des Christentums zur obligatorischen Staatsreligion. Innerhalb eines halben Jahrhunderts waren damit die Heiden von Verfolgern zu Verfolgten geworden. Wie Israel zur Zeit Davids, musste die Kirche jetzt ihre Widersacher nicht mehr fürchten, sondern wurde von diesen gefürchtet.

Vor diesem Hintergrund war es nur natürlich, dass in der Folge nicht nur der römische Staat, sondern auch die Kirche zentral von Rom aus geleitet wurde. Zur Machtstellung des Papstes war es von da her nicht mehr weit. Die Kirche war tatsächlich zu einer Monarchie geworden. Und auf allen Ebenen hatten sich hierarchische Leitungsstrukturen verfestigt, die die Leitung des Heiligen Geistes immer mehr aus der Kirche verdrängten.

Es ist von daher interessant, dass während der Richterzeit das „Haus Gottes“ – die Stiftshütte – ein einfaches Zelt war. Eine bewegliche „Wohnung Gottes“, die auf den Wanderungen Israels überallhin mitgenommen werden konnte. Von den ersten Königen jedoch wurde stattdessen ein Tempel aus Holz und Stein errichtet. (Die Vorarbeiten dazu begannen unter David, und der eigentliche Bau wurde von seinem Sohn Salomo ausgeführt). Beachten wir, dass die Stiftshütte von einem Propheten errichtet wurde, der Tempel hingegen von einem König.
So wie König Salomo die Wohnung Gottes „festzementierte“, so wurde unter dem Einfluss der römischen Kaiser (und gewisser Kirchenführer) die kirchliche Hierarchie und Liturgie „festzementiert“. Und so wie Salomo einen heidnischen Baumeister anstellte – Hiram von Tyrus -, so sind zur Zeit Konstantins und Theodosius‘ viele heidnische Einflüsse in die Kirche eingedrungen.

Natürlich kann man auch hier die Parallele nicht in alle Einzelheiten weiterführen. Ich könnte keinen der römischen Kaiser oder Päpste direkt mit Saul, mit David oder mit Salomo gleichsetzen. Aber die grundsätzlichen Ähnlichkeiten scheinen mir der Erwähnung wert.

Das geteilte Reich

Salomo war der dritte König Israels und zugleich der letzte, der das Reich im Frieden regieren konnte. Kurz nach seinem Tod brach das Reich auseinander. Ebenso teilte sich auch das Römische Reich bald nach Konstantin in eine West- und eine Osthälfte, die fortan getrennte Wege gingen. Da die Kirche mit der Staatsregierung verbunden worden war, hatte das natürlich Auswirkungen auf die Kirche. Ost- und Westkirche (d.h. die orthodoxe und die römisch-katholische Kirche) lebten sich immer weiter auseinander, bis sie schliesslich einander gegenseitig verurteilten und verfluchten.
Gleichzeitig entfernten sich beide Kirchen immer weiter von den Grundlagen des Wortes Gottes – genauso wie auch das Volk Israel in der Zeit des geteilten Reiches immer weiter von Gott abfiel. Mit gelegentlichen Reformen und halbherziger Umkehr; aber aufs Ganze gesehen müssen wir von einer Zeit des Abfalls von Gott sprechen.

Die babylonische Gefangenschaft und die Rückkehr nach Jerusalem

Diese Zeit des Abfalls mündete schliesslich in die babylonische Gefangenschaft Israels aus (und für das Nordreich vorher schon in die assyrische Gefangenschaft). Die Propheten hatten dieses Gericht Gottes bereits vorhergesagt. Ein grosser Teil des Volkes wurde nach Babylonien deportiert, wo sie nur geringe Freiheiten hatten und die Babylonier vieles unternahmen, um sie zu ihrer Religion zu bekehren. (Im Buch Daniel nachzulesen.)
Die kirchengeschichtliche Parallele dazu liegt auf der Hand. Martin Luther schrieb ein ganzes Buch mit dem Titel: „Die babylonische Gefangenschaft der Kirche“. Jahrhundertelang war die Kirche gefangen in Unmündigkeit, Aberglauben, und aus der Bibel nicht zu begründenden Gebräuchen.
Tatsächlich gibt es in der babylonischen Religion gewisse Parallelen zum römischen Katholizismus. Z.B. versuchten die Babylonier in den ihnen unterworfenen Gebieten ihre Religion durchzusetzen, indem sie die einheimische Führungsschicht dieser Länder „umerzogen“ – nicht viel anders als die katholische Kirche im Mittelalter. Ohne Vermittlung der Priester und Teilnahme an den vorgeschriebenen Zeremonien konnte man in der babylonischen Religion nicht mit den Göttern in Verbindung treten. Auch gewisse Symbole wie z.B. die Verehrung einer „Gottesmutter“ mit ihrem Sohn sind babylonischen Ursprungs.

Erst als das babylonische Reich von den Persern und Medern eingenommen wurde, erhielten die Israeliten die Freiheit, wieder in ihr Land zurückzukehren. Dieses Ereignis ist in der Kirchengeschichte offensichtlich mit der Reformation zu vergleichen. So wie die Israeliten aufgefordert wurden, zurück nach Jerusalem zu ziehen, so erging in der Reformationszeit der Ruf, zum ursprünglichen Wort Gottes zurückzukehren. Aber so wie viele Israeliten sich an das Leben in Babylon gewöhnt hatten und dort blieben, so leisteten auch längst nicht alle Kirchenchristen dem reformatorischen Ruf Folge.

Der Verlust der Unabhängigkeit

Auch nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft war Israel kein unabhängiger Staat mehr. Die Juden befanden sich nacheinander unter persischer, griechischer und römischer Herrschaft. Erst in jüngerer Vergangenheit (1948) wurde Israel zum ersten Mal seit der babylonischen Gefangenschaft wieder ein unabhängiger Staat.
Wenn wir nun die babylonische Gefangenschaft als Typus einer „Gefangenschaft“ der Kirche unter eine bestimmte Denkströmung und Kultur verstehen – in diesem Fall die römisch-katholische -, können wir dann auch in den anderen, späteren Besatzungsmächten eine solche Bedeutung sehen?

Die Weltsicht und Religion der Perser war stark vergeistigt und dualistisch; d.h. alles wurde als Ausdruck einer ständigen Auseinandersetzung zwischen einer guten und einer bösen Macht verstanden. Die Perser waren in Angelegenheiten der Religion toleranter als die Babylonier. Es waren die Perser, welche den Juden erlaubten, nach Jerusalem zurückzukehren und ihren Tempel wieder aufzubauen.
So sehen wir auch in den Reformationskirchen eine ähnliche Schwerpunktverschiebung: Während die Glaubenstreue eines Katholiken vornehmlich an seiner Unterordnung unter der Hierarchie, und an seiner Teilnahme an den Riten und Sakramenten gemessen wird, so war das Kriterium der Reformatoren, ob etwas (lehrmässig) „richtig oder falsch“ war. – Auch lockerte sich die staatliche Bevormundung in religiösen Angelegenheiten. Besonders in den calvinistischen Ländern (in den lutherischen weniger) fand eine allmähliche Bewegung in Richtung Glaubens- und Gewissensfreiheit statt.
Dennoch haben wir auch hier eine geistige „Fremdherrschaft“, eine Überschattung des Evangeliums durch eine ihm fremde Denkrichtung. Den „rechten Glauben“ an der Übereinstimmung mit der „rechten Lehre“ festzumachen, ist eine unzulässige Reduktion des Evangeliums. Deshalb kam es im 17.Jahrhundert zu einer Periode, die von manchen Historikern als „Zeit der toten Orthodoxie“ bezeichnet wird: Die Grundwahrheiten des Evangeliums wurden zwar noch richtig und biblisch („orthodox“) gelehrt, aber nicht mehr auf das wirkliche Leben angewandt.

Das griechische Denken war hauptsächlich humanistisch (d.h. auf den Menschen als solchen zentriert) und philosophisch-intellektuell. Die griechischen Götter waren im Grunde nichts als überzeichnete Abbilder von Menschen, mit höchst menschlichen Bedürfnissen, Schwächen und Fehlern. Die Griechen strebten danach, ihr menschliches Potenzial so weit wie möglich zu entwickeln: sei es im intellektuellen Bereich (Philosophie, Rhetorik, Geometrie…) oder im körperlichen (militärisches Training, Sport, Olympiaden…). Als „am höchsten entwickelte“ Menschen galten die Philosophen.
So begann auch in der Kirche während des 19.Jahrhunderts der Rationalismus zu dominieren: eine Denkrichtung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und meint, alles könne und müsse mit dem menschlichen Verstand erklärt werden. Diese „moderne“ liberale Theologie fragt hauptsächlich danach, ob etwas „logisch“ oder „vernünftig“ sei. Was übernatürlich oder dem menschlichen Verstand nicht einsichtig ist, wird von dieser Theologie abgelehnt. Wir können deshalb durchaus sagen, dass die Mehrheit der Kirche während des 19. und 20. Jahrhunderts vom griechischen Geist beherrscht wurde.

Die Römer übernahmen zwar das griechische Denken, waren aber von sich aus eher pragmatisch orientiert. Sie kümmerten sich mehr um die praktische Verwaltung und Verteidigung ihres Reiches, als um Philosophie. Während die Griechen bedeutende Schritte auf demokratische Regierungsformen hin unternommen hatten, regierten die Römer von Cäsar an wieder weitgehend diktatorisch. – In religiöser Hinsicht finden wir im römischen Reich eine merkwürdige Mischung von Toleranz und Totalitarismus: Einerseits war die Ausübung aller möglichen auch noch so abwegigen Religionen erlaubt. Deshalb erreichte die Ausbreitung der ursprünglich orientalischen Mysterienreligionen in der Römerzeit ihren Höhepunkt. Andererseits war die Verehrung des Kaisers streng obligatorisch. Die Christen wurden nicht deshalb verfolgt, weil sie Christus anbeteten; sie wurden verfolgt, weil sie sich weigerten, zusätzlich zu Christus auch noch den Kaiser anzubeten. Die ersten Leser der Johannesoffenbarung dachten bei dem „Tier“ in Kapitel 13 sicher zuerst an den Machtapparat des römischen Kaisers.
Man kann sich fragen, ob wir uns gegenwärtig im Übergang von der Herrschaft des griechischen Geistes zu der des römischen Geistes befinden. Welteinheitsbestrebungen wie damals die „Pax Romana“ sind wieder hochaktuell. Unter den Evangelikalen geben die Kirchen der USA mit ihrer Strategieversessenheit, ihrem Marketingdenken und ihren auf das Diesseitige ausgerichteten Zielsetzungen den Ton an. Orientalische Religionen und Praktiken verbreiten sich wieder über den ganzen Erdball, und finden inzwischen auch in den meisten Kirchen offene Türen. „Vernunft“ wird nicht mehr so grossgeschrieben wie auch schon; dafür suchen manche Christen nach immer wilderen Manifestationen übernatürlicher Kräfte aus eher zweifelhaften Quellen. Und nicht zuletzt: Unter dem Vorwand von „Toleranz“ und „politischer Korrektheit“ werden die Freiheiten für echte, bekennende Christen immer mehr eingeschränkt.

Ich muss da jedoch eine kleine Mahnung zur Vorsicht anbringen: Je näher wir an die Gegenwart kommen, desto schwieriger wird es, Zeit- und Denkströmungen angemessen zu beurteilen und einzuordnen. Aus dem fehlenden historischen Abstand heraus können Nebensächlichkeiten gross erscheinen, während die wirklich einflussreichen Strömungen oft erst im Nachhinein erkannt werden.

Einen Grundgedanken möchte ich jedoch hervorheben: Seit der Reformation ist zwar in der Kirche manches erneuert worden und ist manche biblische Wahrheit neu entdeckt worden. Aber so wie Israel auch nach der Rückkehr aus Babylon noch nicht wirklich frei und unabhängig war, so ist auch die Kirche mit alldem noch nicht wirklich frei geworden von geistiger „Fremdherrschaft“.

(Fortsetzung folgt)

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