Interessante Parallelen zwischen der Geschichte Israels und der Kirchengeschichte – Teil 3

Die Synagogen

In der Zeit nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft musste der Prophet Haggai das Volk tadeln wegen seiner Langsamkeit im Wiederaufbau des Tempels:
„Dieses Volk da sagt: ‚Jetzt ist die Zeit noch nicht gekommen, das Haus des Herrn wiederaufzubauen.‘ Darum erging das Wort des Herrn durch den Propheten Haggai folgendermassen: Ist etwa für euch die Zeit gekommen, in getäfelten Häusern zu wohnen, während dieses Haus in Trümmern liegt? (…) während ein jeder von euch an seinem (eigenen) Haus seine Freude hat.“ (Haggai 1,2-4.9)

Diese Bibelstelle wird von zeitgenössischen Kirchen oft dazu missbraucht, für ihre eigenen Bauvorhaben Werbung zu machen. Damit setzen sie sich aber gerade dem von Haggai angekündigten Gericht aus, denn wie schon in der ersten Folge angedeutet, haben solche denominationell-institutionellen Gebäude überhaupt keine Berechtigung, sich „Haus Gottes“ zu nennen. Einmal, weil Gott verboten hat, an irgendeinem anderen Ort als dem von ihm bestimmten (in Jerusalem) ein „Haus Gottes“ zu erbauen (5.Mose 12). Und dann auch, weil das neutestamentliche „Haus des Herrn“ gar kein Gebäude aus Holz und Stein ist, sondern die Gemeinschaft der Gläubigen selber.
Aber wie zur Zeit Haggais die Israeliten mehr daran interessiert waren, ihre eigenen Häuser aufzubauen statt des Hauses des Herrn, so sind auch die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen mehr daran interessiert, ihre eigenen Denominationen und Institutionen zu vergrössern, statt das gemeinschaftliche und einzige geistliche „Haus Gottes“ zu fördern.

In jener Zeit nach dem Exil entstand allmählich eine Einrichtung, die zur Zeit Jesu und bis heute als so wesentlich gilt für die jüdische Identität, dass man sehr erstaunt ist, wenn man feststellt, dass sie im Alten Testament überhaupt nicht erwähnt wird: die Synagoge. Die von Gott verordnete „gottesdienstliche“ Einrichtung für Israel ist der Tempel mit seinem Priestertum. Aber nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft begann allmählich die Synagoge den Tempel zu verdrängen als Zentrum des religiösen Lebens; und die Autorität der Lehrer (Rabbiner) begann mit der Autorität der Priester zu wetteifern.
Etwas ganz ähnliches geschah nach der Reformation: In den reformierten Kirchen wurde das katholische Priestertum abgeschafft. (Es muss dazu bemerkt werden, dass es keinerlei neutestamentliche Grundlage gibt für ein solches Priestertum. Im Neuen Testament sind alle Gläubigen Priester – 1.Petrus 2,5.9 – unter dem einzigen Hohenpriester Jesus – Hebräer 4,14-16.) An dessen Stelle wurde das Lehramt gesetzt. In dieser Hinsicht ähnelt also die katholische Kirche dem Tempel mit seinem Priestertum, während die reformierten Kirchen den Synagogen mit ihren Lehrern ähneln.
Dazu passt, dass der Tempel ebenso wie die römisch-katholische Kirche ein zentralisiertes System darstellt; die reformierten Kirchen dagegen wie die Synagogen ein weitgehend dezentralisiertes.

In den Synagogen bzw. unter den Rabbinern begannen sich bald unterschiedliche Strömungen herauszubilden. So kennen wir aus der Zeit Jesu insbesondere die Pharisäer, welche eine strenge Absonderung und Gesetzeserfüllung betonten; und andererseits die Sadduzäer, welche nicht an übernatürliche Dinge wie Geistwesen oder die Auferstehung von den Toten glaubten (Apg.23,8). Ich denke, wir können gut im christlichen Raum die Pharisäer mit den evangelikal-fundamentalistischen Theologen vergleichen und die Sadduzäer mit den liberal-modernistischen.

Wir stellen ausserdem fest, dass Israel nach der Gefangenschaft nicht mehr in die grosse Sünde zurückfiel, derentwillen sie unter das Gericht Gottes gekommen waren: den Götzendienst. Beim Kommen Jesu und seinen Konfrontationen mit dem Volk wurde aber deutlich, dass es andere Arten gab, wie das Volk ebenso von Gott abfallen konnte. – In ähnlicher Weise sind die Kirchen der Reformation nie mehr in den katholischen Bilder- und Heiligendienst zurückgefallen. Sie haben aber ihre eigenen Wege, sich ebenso von Gott zu entfernen.

Trotz aller Unterschiede gab es eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen dem Tempel und den Synagogen: Der „Gottesdienst“ war immer noch an gewisse „heilige Orte“ und an den Vorsitz gewisser „heiliger Personen“ gebunden. Erst Jesus machte dieser Vorstellung ein Ende (siehe Johannes 4,19-24). – Auch die katholischen und evangelischen/evangelikalen Kirchen haben aber wieder ihre „heiligen Gebäude“ errichtet und ihre „heiligen Männer“ (und Frauen) auf die Kanzeln gestellt, und machen diese zum Zentrum ihrer „Gottesdienste“.

Ich bin schon öfters Kirchenmitgliedern begegnet, die den wöchentlichen „Gottesdienstbesuch“ – auch in einer noch so weit vom Evangelium abgefallenen Kirche – damit begründeten, dass Jesus und die Apostel ja auch regelmässig die Synagogenversammlungen besuchten. Sie übersehen dabei, dass Jesus und die Apostel nicht zum passiven Zuhören in die Synagoge gingen, sondern weil sie dort die Gelegenheit hatten, die Synagogenbesucher zu evangelisieren. (Solche Gelegenheiten werden einem Nachfolger Jesu in den heutigen Kirchen kaum noch gegeben.)
Wesentlich an diesem Argument scheint mir aber der zugrundeliegende Vergleich von Synagoge und heutiger Kirche zu sein. Wenn auch das daraus abgeleitete Argument falsch ist, so scheint mir doch der Vergleich an sich richtig zu sein. Tatsächlich kann wohl alles, was im Neuen Testament von den Synagogen gesagt wird, auch von den heutigen Kirchen gesagt werden. So wie die Juden zur Zeit Jesu gewohnheitsmässig zur Synagoge gingen und wohl (fälschlich) dachten, sie nähmen an einer von Gott verordneten Einrichtung teil, so gehen auch viele Christen heute gewohnheitsmässig zu einem denominationellen, pfarrerzentrierten „Gottesdienst“ und fragen sich gar nicht mehr, ob diese Einrichtung wirklich biblisch verordnet sei.
So wie zur Zeit Jesu die Synagoge und das Rabbinertum (entgegen ihren ursprünglichen Gründungsabsichten) zu einer Brutstätte von aller Art Heuchelei, Manipulation und Machtmissbrauch geworden war (man lese Matthäus 23), so muss man von vielen Kirchen heute dasselbe sagen. Obwohl in manchen Kirchen (insbesondere den evangelikalen) immer noch viel theoretisch richtige Lehre verkündet wird, stimmt das Leben nicht mehr damit überein; so wie auch Jesus von den Schriftgelehrten und Pharisäern sagte: „Alles nun, was sie euch sagen, tut und befolgt; aber nach ihren Werken tut nicht, denn sie sagen es und tun es nicht.“ (Matthäus 23,3)
So wie Jesus in der Synagoge öfters die Vorsitzenden verärgerte und sogar als Unruhestifter vertrieben wurde (Matthäus 12,9-14, Lukas 4,16-30, 13,10-17), so ist auch für viele heutige Kirchen die Verkündigung des biblischen Evangeliums und ein Leben konsequenter Nachfolge ein Ärgernis. Jesus sagte seinen Jüngern voraus:
„Sie werden euch aus der Synagoge ausschliessen; ja, die Stunde kommt, wo jeder, der euch tötet, meinen wird, Gott eine Opfergabe darzubringen. Und dies werden sie tun, weil sie den Vater und mich nicht erkannt haben.“ (Johannes 16,2)
Es wäre kurzsichtig, diese Voraussage nur auf die jüdischen Synagogen jener Zeit anzuwenden. Sich christlich nennende Herrscher und Kirchenführer haben im Lauf der Geschichte Hunderttausende, vielleicht Millionen von echten Nachfolgern Jesu umbringen lassen. Die Annahme ist also nicht allzu weit hergeholt, dass auch in den endzeitlichen Christenverfolgungen die offiziellen Kirchen eine entscheidende Rolle spielen werden.

Als Jesus kam und anfing, den Synagogenführern Ärger zu machen, da verbündeten sich die sonst verfeindeten Richtungen (Pharisäer und Sadduzäer) zusammen mit den Priestern, um ihn aus der Welt zu schaffen. Ist der Gedanke zu weit hergeholt, dass sich auch in der letzten Zeit die evangelikal-fundamentalistischen Führer mit den liberal-modernistischen zusammenschliessen werden gegen die echten Christen? Anfänge davon sind bereits zu beobachten. Siehe „Die Evangelische Allianz paktiert mit der Ökumene und dem Vatikan“.

Das Kommen Jesu

Die Geschichte des Alten Bundes endet mit dem Wirken Jesu auf Erden bei seinem ersten Erscheinen. Die Geschichte der christlichen Kirche gemäss ihrer gegenwärtigen Verordnung wird mit dem zweiten Kommen Jesu enden. Was können wir da für Parallelen ziehen?

Die Juden erwarteten sehnsüchtig den Messias, von dessen Kommen sie in den Schriften der Propheten gelesen hatten. Aber als er wirklich kam, erkannten die meisten von ihnen ihn nicht. Insbesondere die offiziellen Leiter ihres Staates und ihrer Religion erkannten ihn nicht – trotz all ihrer Bibelkenntnis! Und jene wenigen Leiter, die zumindest ahnten, wer er sein könnte, unternahmen alles in ihrer Macht Stehende, um sein Auftreten zu verhindern – so wie Herodes der Kindermörder.

Das ist eine wirklich erstaunliche und bestürzende Tatsache.

Heutige Christen – soweit sie nicht unter der Gefangenschaft der rationalistischen Bibelkritik stehen – erwarten ebenso sehnsüchtig das zweite Kommen Jesu, studieren die biblischen Prophezeiungen, versuchen sogar exakte „Endzeitfahrpläne“ aufzustellen. Wäre es möglich, dass viele unter diesen Bibelkundigen – und noch mehr unter den offiziellen Leitern ihrer Kirchen – den Herrn nicht erkennen oder nicht anerkennen werden, wenn er wirklich kommt?

Ich bin sicher, dass die meisten der Angesprochenen bei einem solchen Gedanken entrüstet aufschreien werden. Und doch: die biblische Parallele legt nahe, dass es genau so sein wird.

Warum erkannten so viele Juden beim ersten Kommen Jesu ihren Messias nicht?

Ich glaube, ein wichtiger Grund liegt darin, dass viele von ihnen einen Messias zu ihren Gunsten erwarteten, und nur wenige einen Messias zu Gottes Verherrlichung. Es ist für uns Menschen ein schwerverdaulicher Gedanke, dass Gott zuerst seine eigene Ehre im Auge hat und nicht die Erfüllung unserer Bedürfnisse oder Wünsche. Ich muss zugeben, dass auch ich mit diesem Punkt ab und zu Mühe habe. (Für einen Menschen wäre solche „Ehrsucht“ ja eine grobe Sünde. Für Gott ist sie aber nur angemessen, weil ihm ja solche Ehre tatsächlich gebührt.)
Die meisten erwarteten deshalb, dass der Messias sie von den Römern befreien würde; nicht aber, dass er zu ihnen sagen würde: „Kehrt um!“, oder gar: „Ihr Schlangenbrut!“ – Eine heutige Parallele dazu ist vielleicht, dass viele Christen (irrtümlich, wie ich meine) erwarten, noch vor Beginn der „Trübsal“ entrückt zu werden. Es wird heute viel darüber gepredigt, dass Jesus zu unserer Erlösung kam und wiederkommt; aber wenig darüber, dass er zum Gericht kommen wird.

Für die religiösen und politischen Leiter muss das ein noch grösseres Ärgernis sein als für uns gewöhnliche Sterbliche. Das muss es gewesen sein, was Herodes in solche Panik versetzte: „Wenn dieses Kind tatsächlich der verheissene König ist, dann verliere ich meinen Thron!“ Ja, wenn Jesus wiederkommt, dann werden alle Könige, Präsidenten, Minister und Diktatoren abdanken müssen. Auch alle Kirchenführer, Pfarrer und Pastoren werden von ihren Kanzeln herabsteigen müssen. Sie werden „ihre“ Schäfchen dem rechtmässigen Hirten Jesus zurückgeben müssen. Ich fürchte, allzuviele von ihnen werden dann ebenso eifersüchtig an ihrem „Thron“ festhalten wollen wie Herodes an dem seinen.

Jene unter den Juden, die Jesus wirklich als Messias anerkannten und ihm nachfolgten, waren mehrheitlich Menschen, die nicht allzu vieles zu verlieren hatten. Arme Fischer waren eher dazu bereit, ihre Arbeit und ihren Verdienst aufzugeben, als reiche Jünglinge. Der Zöllner Matthäus muss zwar gut verdient haben, wurde aber als Kollaborateur der Römer verachtet – auch keine sehr beneidenswerte Stellung. Aussätzige und Blinde konnten sowieso nur gewinnen, wenn sie Jesus nachfolgten. Der Ratsherr Nikodemus hingegen konnte es sich seiner Stellung wegen nicht leisten, ihm öffentlich nachzufolgen. Jesus heimlich bei Nacht aufzusuchen (Joh.3), und in einer Ratsversammlung ein ganz vorsichtiges Votum zu seinen Gunsten abzugeben (Joh.7,50-51), war das Äusserste, was er riskieren konnte. Er scheint überhaupt der einzige Angehörige des Rates gewesen zu sein, der Jesus nicht ablehnte. – So ist anzunehmen, dass es auch beim zweiten Kommen Jesu vielen, die heute in der Christenheit Rang und Namen haben, eher mulmig zumute sein wird.

Auf die Wiederkunft Jesu vorbereitet zu sein, ist deshalb nur in zweiter Linie eine Frage der Bibelkenntnis. In erster Linie geht es darum, ob wir wirklich meinen, was wir sagen, wenn wir ihn „Herr“ nennen. Ob wir bereit sind, ihm wirklich den Ehrenplatz zu geben, der ihm gebührt, und unseren eigenen Rang und Namen, unseren Einfluss und unsere Ehre, unser Hab und Gut, und sogar unser eigenes Leben aufzugeben um seinetwillen. Eine tägliche Herausforderung, der ich mich nur im Vertrauen auf Gottes übernatürliche Hilfe stellen kann.

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