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Mathematische Kunstausstellung (Teil 1)

26. April 2012

Kann Mathematik schön sein?

– Der englische Mathematiker G.H.Hardy behauptete in seinem Buch „A Mathematician’s Apology“ (Apologie eines Mathematikers, 1940) sogar, Mathematik an sich sei Kunst. Wie es Steve Whittle in einem Internetartikel zusammenfasst: „Hardy fand, dass das allgemeine Publikum, und sogar einige Gelehrte, die Mathematik nur als ein Werkzeug zum Fortschritt anderer Wissenschaften ansahen, ohne eigenen Wert in sich selbst. Aber echte mathematische Gelehrte finden in ihr einen ästhetischen Wert, und Hardy sagt, das sei der wirkliche Beweggrund dazu, reine Mathematik zu studieren. Um das Studium der reinen Mathematik zu rechtfertigen, behauptete Hardy dann, Mathematik sei Kunst. Um diese Behauptung zu erläutern, führte er Beweise für zwei Sätze aus Euklids „Elementen“ an und hob deren ästhetische Qualitäten hervor.“

Hardy erntete heftige Kritik von anderen Gelehrten, besonders für seine Behauptung, echte Mathematik zeichne sich gerade dadurch aus, dass sie keinen praktischen Nutzen habe – bzw. die angewandte Mathematik (z.B. in den Ingenieurwissenschaften) sei keine „echte“ Mathematik mehr. Für ihn existierte die Mathematik „in einer anderen Wirklichkeit, abgesondert von der physischen Welt und sogar abgesondert vom menschlichen Geist.“ Es ist interessant, dass Hardy – ohne Christ zu sein – anerkannte, dass die Mathematik etwas Transzendentes ist, also die menschliche Wahrnehmung und den menschlichen Verstand übersteigt.

Mit den untenstehen Graphiken möchte ich veranschaulichen, dass Mathematik tatsächlich einen ästhetischen und künstlerischen Wert haben kann. Dies wiederum kann künstlerisch veranlagte Schüler zum Erlernen der Mathematik motivieren, wenn sie entdecken, dass mathematische Gesetzmässigkeiten tatsächlich „schön“ sein können. Man muss dazu nicht einmal bis zu Euklid vorstossen; ich werde in diesem ersten Artikel mit ganz einfachen Beispielen anfangen.

Ich verwende in dieser Artikelserie den Begriff „Kunst“ nicht im Sinne der landläufigen Definition „Kunst kommt von Können“. (Eine Definition, die seinerzeit von Karl Valentin relativiert wurde durch den Zusatz: „…aber wenn man es kann, dann ist es ja keine Kunst mehr.“) Es gibt echte Künstler, die tatsächlich ihrer Kunst die Mathematik zugrundelegten; wohl der bekannteste unter ihnen ist M.C.Escher. Ich bin zwar der Auffassung begegnet, die Werke Eschers seien reine geometrische Konstruktionen und hätten deshalb keinen echten künstlerischen Wert. Damit bin ich nicht einverstanden. Man kann Escher natürlich nicht mit einem Rembrandt vergleichen, sein Stil ist völlig anders. Aber er beweist jedenfalls grosse Originalität, was ebenso ein Kennzeichen von Kunst ist.
– Im Gegensatz dazu wurden die hier vorgestellten „Kunstwerke“ nicht aufgrund eines besonderen menschlichen „Könnens“ oder einer originellen Idee geschaffen. Sie stellen lediglich Versuche dar, die bereits in der Mathematik enthaltene „Kunst“ oder Ästhetik auf eine mehr oder weniger interessante Weise sichtbar zu machen. In den meisten Beispielen werde ich mit einer einfachen (oder auch komplizierteren) mathematischen Gesetzmässigkeit beginnen und versuchen, diese mittels bestimmter Farbmuster, Formen, Computersimulationen etc. graphisch auszudrücken. Ein echter Künstler könnte das natürlich auf eine viel ansprechendere Weise tun, als es in den folgenden Beispielen geschieht. Ich möchte aber eben zeigen, dass die Mathematik das „Dazutun“ eines menschlichen Künstlers gar nicht nötig hat, sondern dass die Mathematik an sich schon „Kunst“ sein kann.

Andererseits bin ich nicht einig mit Hardy darin, dass Mathematik nur „unnütze“ Kunst sei. Als Christ glaube ich, dass die Mathematik die Ordnung widerspiegelt, die Gott in seine Schöpfung hineingelegt hat, und dass Mathematik deshalb sehr wohl etwas mit der physischen Welt zu tun hat und somit auch praktisch nützlich sein darf und soll. Aber gerade deshalb ist zu erwarten, dass Mathematik auch schön ist; denn Ordnung und Ästhetik sind miteinander verwandt. Ich kann das zwar nicht exakt biblisch belegen; aber es passt für mich zum Charakter Gottes, wie ich ihn bisher kennengelernt habe und in der Bibel beschrieben sehe.

Die „mathematische Kunst“, die ich im folgenden vorstelle, kann wiederum den praktischen Nutzen haben, Schüler (und Erwachsene!) neugierig zu machen und zum Erforschen der dahinterstehenden Gesetzmässigkeiten anzuregen.

Fangen wir mit etwas ganz einfachem an:

Das bunte Einmaleins

Intelligente Schüler finden bald heraus (wenn nicht schon der Lehrer sie darauf aufmerksam macht), dass die Zehnerreihe am einfachsten zu lernen ist, weil alle Ergebnisse mit einer Null enden. Die nächst-einfache Reihe wäre dann die Fünferreihe, wo sich Nullen und Fünfen abwechseln. Wir können diese Gesetzmässigkeit veranschaulichen, indem wir eine Multiplikationstabelle aufstellen und darin alle Zahlen, die mit einer Null bzw. einer Fünf enden, farbig anmalen:

0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20
0 3 6 9 12 15 18 21 24 27 30
0 4 8 12 16 20 24 28 32 36 40
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50
0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60
0 7 14 21 28 35 42 49 56 63 70
0 8 16 24 32 40 48 56 64 72 80
0 9 18 27 36 45 54 63 72 81 90
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

(Um der Ästhetik willen habe ich die Tabelle mit 0 x 0 begonnen.)

Ähnliche Bilder kann man auch mit anderen Endziffern „malen“. Wählen wir z.B. eine Farbe für die Endziffer 2 und eine andere Farbe für die Endziffer 8, so erhalten wir folgendes Muster:

0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20
0 3 6 9 12 15 18 21 24 27 30
0 4 8 12 16 20 24 28 32 36 40
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50
0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60
0 7 14 21 28 35 42 49 56 63 70
0 8 16 24 32 40 48 56 64 72 80
0 9 18 27 36 45 54 63 72 81 90
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

Natürlich habe ich die 2 und die 8 nicht ganz zufällig ausgewählt. Das Muster wird symmetrisch, weil sich 2 und 8 auf 10 ergänzen. – Sehen wir uns weitere solche Ziffernpaare an:

0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20
0 3 6 9 12 15 18 21 24 27 30
0 4 8 12 16 20 24 28 32 36 40
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50
0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60
0 7 14 21 28 35 42 49 56 63 70
0 8 16 24 32 40 48 56 64 72 80
0 9 18 27 36 45 54 63 72 81 90
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

 

0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20
0 3 6 9 12 15 18 21 24 27 30
0 4 8 12 16 20 24 28 32 36 40
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50
0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60
0 7 14 21 28 35 42 49 56 63 70
0 8 16 24 32 40 48 56 64 72 80
0 9 18 27 36 45 54 63 72 81 90
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

 

0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20
0 3 6 9 12 15 18 21 24 27 30
0 4 8 12 16 20 24 28 32 36 40
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50
0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60
0 7 14 21 28 35 42 49 56 63 70
0 8 16 24 32 40 48 56 64 72 80
0 9 18 27 36 45 54 63 72 81 90
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

Wir können uns hier fragen, warum es bei den beiden letzten Ziffernpaaren (1 und 9 bzw. 3 und 7) so wenige farbige Felder gibt im Vergleich zu den anderen. Lassen wir diese Frage aber noch ein wenig warten.

Kurven zweiten Grades im Einmaleins

Malen wir jetzt die Einmaleins-Tabelle auf eine andere Art an: Alle Zahlen, die kleiner als 10 sind, erhalten eine bestimmte Farbe. Alle Zahlen von 10 bis 19 eine andere Farbe, alle Zahlen von 20 bis 29 wieder eine andere Farbe, usw. Wenn wir Regenbogenfarben wählen, ergibt sich folgendes Bild:

0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20
0 3 6 9 12 15 18 21 24 27 30
0 4 8 12 16 20 24 28 32 36 40
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50
0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60
0 7 14 21 28 35 42 49 56 63 70
0 8 16 24 32 40 48 56 64 72 80
0 9 18 27 36 45 54 63 72 81 90
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

Machen wir die Tabelle etwas grösser, sagen wir bis 20 x 20, um das Muster besser sehen zu können. Hier wechseln wir die Farbe in 20er-Schritten:

0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26 28 30 32 34 36 38 40
0 3 6 9 12 15 18 21 24 27 30 33 36 39 42 45 48 51 54 57 60
0 4 8 12 16 20 24 28 32 36 40 44 48 52 56 60 64 68 72 76 80
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 80 85 90 95 100
0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 78 84 90 96 102 108 114 120
0 7 14 21 28 35 42 49 56 63 70 77 84 91 98 105 112 119 126 133 140
0 8 16 24 32 40 48 56 64 72 80 88 96 104 112 120 128 136 144 152 160
0 9 18 27 36 45 54 63 72 81 90 99 108 117 126 135 144 153 162 171 180
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150 160 170 180 190 200
0 11 22 33 44 55 66 77 88 99 110 121 132 143 154 165 176 187 198 209 220
0 12 24 36 48 60 72 84 96 108 120 132 144 156 168 180 192 204 216 228 240
0 13 26 39 52 65 78 91 104 117 130 143 156 169 182 195 208 221 234 247 260
0 14 28 42 56 70 84 98 112 126 140 154 168 182 196 210 224 238 252 266 280
0 15 30 45 60 75 90 105 120 135 150 165 180 195 210 225 240 255 270 285 300
0 16 32 48 64 80 96 112 128 144 160 176 192 208 224 240 256 272 288 304 320
0 17 34 51 68 85 102 119 136 153 170 187 204 221 238 255 272 289 306 323 340
0 18 36 54 72 90 108 126 144 162 180 198 216 234 252 270 288 306 324 342 360
0 19 38 57 76 95 114 133 152 171 190 209 228 247 266 285 304 323 342 361 380
0 20 40 60 80 100 120 140 160 180 200 220 240 260 280 300 320 340 360 380 400

Um jetzt ein wirkliches „Kunstwerk“ daraus zu machen, schreiben wir keine Zahlen mehr, sondern ersetzen jedes Feld der Tabelle durch einen farbigen Punkt in einem rechtwinkligen Koordinatensystem. Ausserdem nehmen wir noch die negativen Zahlen dazu, sodass sich der Nullpunkt in der Mitte des Bildes befindet. Jedem Ergebnis wird eine Farbe auf einer „Regenbogenskala“ zugeordnet. Das ergibt folgendes Muster:

Oder, wenn wir die Farben nur in diskreten Schritten ändern:

Kenner wissen natürlich, dass die hier erscheinenden Kurven Hyperbeln sind. Das ist aber kein elementares Thema mehr. Ausgehend vom einfachen Einmaleins stossen wir hier plötzlich in Regionen höherer Mathematik vor…

In der Multiplikationstabelle verbergen sich noch weitere Kurven zweiten Grades: Wenn man die Zahlenwerte, die sich in irgendeiner Diagonale befinden, als Funktion graphisch aufzeichnet, erhält man eine Parabel. (Mathematik-Bewanderte mögen selber herausfinden, warum das so ist.)
Eine Art, das graphisch darzustellen, ist die folgende: Wir nehmen eine geometrische Transformation vor, d.h. wir „verziehen“ die Multiplikationstabelle so, dass jede Zahl genau auf die Höhe zu liegen kommt, die ihrem Zahlwert entspricht. Also: Die Zahl 1 liegt genau eine Masseinheit unter der (waagrechten) Grundlinie, die Zahl 2 zwei Masseinheiten, die Zahl 10 zehn Masseinheiten, usw. Zeichnen wir in dieser Tabelle die Querdiagonalen ein (die roten Linien), erscheinen sie tatsächlich als Parabeln:

Unten noch eine andere Art der graphischen Darstellung: Wir stellen uns die Multiplikationstabelle als eine Spielzeugstadt aus Klötzchen vor. Auf jedes Feld stellen wir ein Klötzchen, dessen Höhe dem Zahlwert des Feldes entspricht. Wenn wir dann diese Klötzchenstadt den Diagonalen entlang einfärben, wird wieder die Parabelform sichtbar:

Genug für heute! Ein anderes Mal mehr.

– Ach, und das Bild ganz am Anfang, unter dem Titel? Das ist auch eine Multiplikationstabelle, aber was für eine, werde ich in der nächsten Folge erklären. Also noch ein wenig Geduld bitte …

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Alltägliche Tiere im peruanischen Hochland

18. April 2012

Ich denke, ich sollte wieder einmal etwas über unsere alltägliche Umgebung schreiben. Zum Beispiel über die Tiere, denen wir ab und zu begegnen.
Als die charakteristischsten Tiere des Hochlandes gelten der Kondor und der Puma. Die Inkas betrachteten sie als Götter. Ich konnte aber noch keinen von ihnen in freier Wildbahn beobachten. Der Kondor ist vom Aussterben bedroht, und Pumas sollen eher scheu sein. Nur wenn sie sich in ihrer Lebensweise gestört fühlen, können sie angriffig werden. Z.B. haben vor einigen Jahren Bergbauern während der Trockenzeit einen Grasbrand verursacht (das tun sie öfters absichtlich, es soll eine rituelle Bedeutung im Zusammenhang mit dem Kult der „Mutter Erde“ haben) und haben dadurch einige Pumas aus ihrem angestammten Jagdgebiet vertrieben. Auf der Suche nach einem neuen Lebensraum haben diese dann einige Hirtenjungen angefallen.

Im folgenden werde ich einige weniger aufsehenerregende Tiere vorstellen, die wir öfters zu Gesicht bekommen und deshalb auch fotografieren konnten.

Libellen gibt es in allen Farben. Die Hochlandbewohner nennen sie auch „carta-carta“ („Brief-Brief“), weil nach dem Volksglauben ihr Erscheinen ankündigen soll, dass man demnächst einen Brief bekommt.

Die Stabheuschrecke sieht tatsächlich wie ein dünner Holzstab aus. Selbst grössere Exemplare (sie können bis 20 cm lang werden) sind deshalb im Gesträuch nicht leicht zu sehen:

Offenbar sind die Stabheuschrecken auf diese Tarnung angewiesen, weil sie eher schwerfällige Tiere sind. Sie können weder fliegen noch springen. Hier sieht man sie etwas besser:

Hier nochmals ein Beispiel guter Tarnung. An einem Baumstamm wäre dieser Nachtfalter trotz seiner Grösse so gut wie unsichtbar, da er genau wie ein Stück Rinde aussieht. Zudem reflektieren seine Flügel z.T. die Farbe seiner unmittelbaren Umgebung; deshalb hat die linke Hälfte des linken Flügels einen etwas anderen Farbton als der Rest. Dieser Falter hier konnte offenbar nicht mehr vor Tagesanbruch zu seiner „Wohnung“ zurückfinden und hat sich deshalb auf dem Fensterbrett niedergelassen:

Spinnen gibt es massenhaft, in allen Grössen und Formen! Hier eine junge Tarantel. Ausgewachsen können sie (mit Beinen) bis handgross werden. Als wir noch am Stadtrand wohnten, spazierte ab und zu eine von ihnen ins Haus hinein. Menschen werden jedoch selten von ihnen gestochen.

Dieses unscheinbare Tierchen hingegen fordert jedes Jahr mehrere Todesopfer. Es handelt sich um die berüchtigte Schwarze Witwe, eine der giftigsten Spinnenarten der Welt. Obwohl sie nur klein ist (Körper rund 1 cm, mit Beinen ca. 5 cm), kann ihr Biss tödlich sein. Zum Glück wagt sie sich normalerweise nicht in die Stadt hinein. An den steinigen Berghängen der Umgebung kommt sie jedoch häufiger vor, als uns lieb ist. Man muss deshalb bei Wanderungen entsprechende Vorsichtsmassnahmen treffen: möglichst keine Kleider und offene Taschen oder Rucksäcke am Boden liegenlassen (die Spinnen könnten hineinkriechen), und sich nicht an Orte hinsetzen, wo Spinnweben in der Nähe sind. Die Schwarze Witwe spinnt ihre Fäden mit Vorliebe zwischen Steinen oder an niedrigen Büschen in Bodennähe. Meistens läuft sie nicht so gut sichtbar umher wie auf dem obigen Bild, sondern hält sich unter Steinen oder zwischen Pflanzen versteckt, so wie unten.
Nicht einmal ihre eigenen Artgenossen sind sicher vor ihr: Ihren Namen hat die Schwarze Witwe von der Angewohnheit, dass das Weibchen das Männchen nach der Paarung aufzufressen pflegt.

– Frösche und Kröten müssen in Perú noch nicht unter Naturschutz gestellt werden. Manchmal verirren sie sich bis in unseren Hinterhof – zur Freude unserer Kinder und zum Leidwesen meiner Frau.

Zikaden sind eigentlich in subtropischen und tropischen Gegenden heimisch. Während der wärmeren Jahreszeit kommen auch welche ins Hochland und machen mit ihrem lauten Zirpen auf sich aufmerksam. Sie sitzen hier aber die meiste Zeit still und schwirren nur ab und zu müde von einem Baum (oder Sonnenblumenstengel) zum nächsten; während sie in ihrer Urwald-Heimat in blitzschnellem Zickzackflug hin- und herschiessen und dabei öfters kopfvoran mit einer Wand – oder auch mit einer Person – kollidieren.
Kinder betrachten die Zikaden offenbar als Spielzeug. Sie halten sie z.B. in der Hand fest und lassen sie dann gerade so weit los, dass sie zirpen, aber nicht davonfliegen können.

Auch verschiedene Kolibri-Arten sind im Hochland manchmal zu sehen. Die Blumen in unserem Garten sind offenbar ein Anziehungspunkt für sie: wenn sie blühen, kommt täglich ein Kolibri (oder mehrere) vorbei, um Nektar zu saugen. Sie sind aber eher scheue Vögel. Hier ist es meinem Sohn trotzdem gelungen, einen zu fotografieren:

Das Neue Testament – Amtliche Version (Anhang)

11. April 2012

Anhang zur Artikelserie: Vergleichstabelle zur Übersetzung verschiedener Amtsbegriffe in der Lutherübersetzung von 1912 und in der Zürcher Bibel von 1931.

Wortfamilie „diákonos“, „diakonía“, „diakoneo“,

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
diákonos „Diener“ Diener, der bei Tisch bedient; und im ganz allgemeinen Sinn. Matthäus 20,26, 23,11, Markus 10,43, Johannes 2,5.9 Matthäus 20,26, 23,11, Markus 9,35, 10,43, Johannes 2,5.9
„Knecht“ Markus 9,35
diákonos „Diener(in)“ Diener(in) Gottes, des Evangeliums, der Gemeinschaft der Heiligen. Johannes 12,26, 1.Kor.3,5, 2.Kor.6,4, 11,23, Eph.3,7, Phil.1,1, Kol.1,7.23.25, 1.Thess.3,2, 1.Tim.3,8.12, 4,6 Johannes 12,26, Röm.16,1, 1.Kor.3,5, 2.Kor.3,6, 6,4, 11,23, Eph.3,7, Phil.1,1, Kol.1,7.23.25, 1.Tim.4,6
„im Dienste“ Röm.16,1
„das Amt zu führen“ 2.Kor.3,6
„Diakon“ 1.Tim.3,8.12
(Wort ausgelassen) 1.Thess.3,2
diákonos „Diener“ Bezüglich des Dienstes Jesu Christi Röm.15,8
Diener des Teufels 2 Kor.11,15
Helfer der Apostel Eph.6,21, Kol.4,7
Helfer im weitesten Sinn Gál.2,17
diákonos „Dienerin“ die Regierung als Dienerin Gottes Röm.13,4
diakonía „dienen“ Hausarbeit Lukas 10,40
„Bedienung“ Lukas 10,40
diakonía „Dienst“ Dienst (im weitesten Sinn) 1.Kor.16,15, 2.Tim.4,11, Hebr.1,14, Offb.2,19
„Dienstleistung“ Röm.12,7
„Amt“ Röm.12,7
diakonía „Dienst“ Geistlicher Dienst; Ankündigung der Botschaft Gottes Apg.1,25 Apg. 1,17.25, 6,4, 20,24, 21,19, Röm.11,13, 2.Kor.4,1, 5,18, 6,3, 11,8, 1.Tim.1,12
„Amt“ Apg.1,17, 6,4, 20,24, 21,19, Röm.11,13, 2.Kor.4,1, 5,18, 6,3, 1.Tim.1,12
„predigen“ 2.Kor.11,8
diakonía „Handreichung“ Hilfeleistung (finanziell, Nahrungsmittel, usw.) Apg. 6,1, 11,29, 12,25, 2.Kor.8,4, 9,12
„Dienst“ Röm.15,31 Röm.15,31, 2.Kor.8,4, 9,1.13
„Dienstleistung“ 2.Kor.9,12
„Versorgung“ Apg. 6,1
„Unterstützung“ Apg.11,29
„Hilfeleistung“ Apg.12,25
„Steuer“ 2 Kor.9,1.13
diakonía „Dienst“ Dienst als Ergebnis einer Gabe des Heiligen Geistes Eph.4,12 1.Kor.12,5, Eph.4,12, Kol.4,17, 2.Tim.4,5
„Amt“ 1.Kor.12,5, Kol.4,17, 2 Tim.4,5
„Dienst“ Dienst für Gott (des Neuen Bundes) 2 Kor.3,7-9
„Amt“ 2 Kor.3,7-9
diakonéo „(be-)dienen“, „die Bedienung besorgen“, „Dienst tun“ Am Tisch bedienen Matthäus 8,15, Markus 1,31, Lukas 10,40, 12,37, 17,8, 22,26-27, Johannes 12,2, Apg. 6,2 Matthäus 8,15, Markus 1,31, Lukas 12,37, 17,8, 22,26-27, Johannes 12,2, Apg. 6,2
„helfen“ Lukas 10,40
diakonéo „dienen“, „Dienste leisten“(*) allgemein: helfen Matthäus 20,28, 25,44, Markus 10,45, Apg. 19,22, 2.Tim.1,18, Phlm.13, Hebr.6,10 Matthäus 20,28, 25,44, Markus 10,45, 2.Tim.1,18(*), Phlm.13, Hebr.6,10
„Gehilfe“ Apg.19,22
diakonéo „Handreichung tun“ Finanzielle Hilfe leisten Lukas 8,3
„(für jemanden) sorgen“ Lukas 8,3
„zu/im Dienst“ Röm.15,25
„besorgen“ 2 Kor.8,19-20
„ausrichten“ 2.Kor.8,19.20
diakonéo „zubereiten“ Einen Brief schreiben oder senden 2 Kor.3,3
„ausfertigen“ 2 Kor.3,3
diakonéo „dienen“ Dem Herrn (Jesus) dienen Matthäus 4,11, 27,55, Markus 1,13, 15,41, Johannes 12,26
„dienen“ Der Gemeinschaft der Heiligen dienen 1.Tim.3,10
„den Dienst übernehmen“ 1.Tim.3,10
„dartun“ Eine Gabe des Heiligen Geistes ausüben 1 Petrus 1,12
„dienen“ 1 Petrus 4,10 1 Petrus 1,12, 4,10
„Dienste leisten“ 1 Petrus 4,11
„ein Amt haben“ 1 Petrus 4,11

Wortfamilie „hyperetes“, „hypereteo“

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
hyperétes „Diener“ Diener der Priester; Tempelpolizei; Gefängniswärter Matthäus 5,25, Johannes 18,3.12.18.22, Matthäus 26,58, Markus 14,54.65, Johannes 7,32.45, 18,3.12.18.22, Apg.5,22.26
„Knecht“ Matthäus 26,58, Markus 14,54.65, Johannes 7,32.45, Apg.5,22.26
„Gerichtsdiener“ Matthäus 5,25
hyperétes „Diener“ Diener Jesu (als König) Johannes 18,36
(Paulus als) Zeuge und Diener des Herrn Apg. 26,16, 1.Kor.4,1
Diener/Helfer der Apostel Apg. 13,5
Synagogendiener Lukas 4,20
Zeugen des Lebens und der Auferstehung Jesu Lukas 1,2
hyperetéo „dienen“ David (als König) Apg. 13,36
„dienen“ Mit den eigenen Händen arbeiten Apg. 20,34
„(für jemanden) sorgen Apg. 20,34
„dienen“ Hilfe leisten (dem gefangenen Paulus) Apg. 24,23
„Dienste leisten“ Apg. 24,23

Wortfamilie „leitourgós“, „leitourgía“, „leitourgeo“,

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
leitourgós „Diener“ die Regierung als Diener Gottes Röm.13,6
„Diener“ Engel Hebr.1,7
„Pfleger“ Jesus als Hoherpriester Hebr.8,2
„Diener“ Hebr.8,2
„Diener“ Diener, der das Evangelium ankündigt Röm.15,16
„Diener (meiner Notdurft)“ Diener/Helfer, der finanzielle Hilfe überbringt Phil.2,25
„Überbringer (meines Bedarfs)“ Phil.2,25
leitourgía „Dienst“ Priesterdienst (nach der alttestamentlichen Ordnung) Lukas 1,23,
Hebr.8,6
„Amt“ Lukas 1,23, Hebr.8,6
„Gottesdienst“ Hebr.9,21
„Gottesdienst“ Opfer (im übertragenen Sinn) Phil.2,17
„priesterliche Darbringung“ Phil.2,17
„Steuer“ Finanzielle Hilfe 2 Kor.9,12
„dienen“ Phil.2,30
„Dienstleistung“ 2 Kor.9,12, Phil.2,30
leitourgéo „Dienst beweisen/leisten“ Finanzielle Hilfe leisten Röm.15,27
„Gottesdienst pflegen/verrichten“ Als Priester dienen (nach der alttestamentlichen Ordnung) Hebr.10,11
„dienen“ dem Herrn dienen (mit Fasten) Apg. 13,2
„Gottesdienst halten“ Apg. 13,2

Wortfamilie „poimén“, „poimaino“,

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
poimén „Hirte“ Viehhirte Matthäus 9,36, 25,32, Markus 6,34, Luc.2,8.15.18.20
Jesus (der sich mit einem Hirten vergleicht) Matthäus 26,31, Markus 14,27, Johannes 10,2.11.12.16, Hebr.13,20,
1 Petrus 2,25, (5,4)
„Hirten“ (MEHRZAHL) eine Gabe zur Auferbauung der Heiligen Epheser 4,11
poimaino „weiden“ Vieh weiden Lukas 17,7, 1 Kor.9,7
„weiden“ Jesus, der das Volk „weidet“ Offb.2,27, 7,17, 12,5 Matthäus 2,6, Offb.2,27, 7,17, 12,5, 19,15
„ein HERR sein“ Matthäus 2,6
„regieren“ Offb.19,15
„weiden“ „die Schafe Jesu weiden“ Johannes 21,15-17, Apg. 20,28, 1 Petrus 5,2
„weiden“ essen Judas 12

Wortfamilie „epískopos“, „episkopeo“, „episkopé“,

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
epískopos
(wörtlich „Aufseher“)
„Hüter“ Jesus ist „Hirte und Aufseher unserer Seelen“ 1 Petrus 2,25
„Bischof“ 1 Petrus 2,25
„Vorsteher“ Aufseher in der Gemeinschaft der Heiligen (in der MEHRZAHL nach Apg. 20,28 und Phil.1,1) Apg. 20,28, Phil.1,1
„Bischof“ Apg. 20,28, Phil.1,1, 1.Tim.3,2, Titus 1,7 1.Tim.3,2, Titus 1,7
episkopeo
(wörtlich „Aufsicht üben“)
„darauf sehen“, „zusehen“ aufeinander achtgeben Hebr.12,15
„wohl zusehen“ auf die „Herde Gottes“ achtgeben 1 Petrus 5,2
(Wort ausgelassen) 1 Petrus 5,2
episkopé
(wörtlich „Aufsicht“)
„heimsuchen“, „Heimsuchung“ Eingreifen Gottes Lukas 19,44 Lukas 19,44, 1 Petrus 2,12
„an den Tag kommen“ 1.Petrus 2,12
„Bistum“ Aufsichtsfunktion Apg.1,20
„Vorsteheramt“ Apg.1,20
„Bischofsamt“ 1.Tim.3,1

„Hägoúmenos“

ACHTUNG: Lukas 22,25-26 zeigt uns den Standpunkt Jesu hinsichtlich aller „Leiterschaft“ in seinem Volk:
„Die Könige der Völker üben die Herrschaft über sie aus, und ihre Gewalthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr dagegen nicht so! Sondern der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Hochstehende (=Leiter) wie der Dienende.“
Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
hägoúmenos
(wörtlich „Führer“, „Leiter“)
„Fürst“ Hoher Beamter (Joseph in Ägypten) Apg. 7,10
„Regent“ Apg. 7,10
„Herzog“ Jesus als Messias Matthäus 2,6
„Herrscher“ Matthäus 2,6
„der Vornehmste“ Leiter in der Gemeinschaft der Heiligen Lukas 22,26
„der Hochstehende“ Lukas 22,26
„Lehrer“ Apg. 15,22
„führende Männer“ Apg. 15,22
„Lehrer“ (MEHRZAHL) Hebr. 13,7.17.24
„Vorsteher“ (MEHRZAHL) Hebr. 13,7.17.24

Weitere Begriffe, die in der Lutherübersetzung mit „Amt“ wiedergegeben werden:

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
oikonomía
(Verwaltung, Ordnung, „Ökonomie“)
„Amt“ Stellung eines (Guts-)Verwalters Lukas 16,3-4
„Verwaltung“ Lukas 16,3-4
„Amt“ „Verwaltung“ der Offenbarung Gottes, die Paulus anvertraut wurde 1.Kor.9,17, Eph.3,2
„Predigtamt“ Kol.1,25
„Haushalteramt“ 1.Kor.9,17
„Veranstaltung“ Eph.3,2, Kol.1,25
„Gemeinschaft“ der Heilsplan Gottes, bzw. dessen Verwirklichung Eph.3,9
„[göttliche] Veranstaltung“ Eph.3,9
„Besserung“ 1.Tim.1,4
„Dienstleistung im Haushalt“ 1.Tim.1,4
hieratéuo
(von „hiereus“=Priester, also wörtlich „priestern“)
„des Priesteramtes pflegen“ Dienst des Zacharias im Tempel Lukas 1,8
„Priesterdienst tun“ Lukas 1,8
apostolé
(Aposteldienst; wörtlich „Sendung“)
„Apostelamt“ Tätigkeit der Apostel Apg.1,25, Röm.1,5, 1.Kor.9,2, Gal.2,8 Apg.1,25, Röm.1,5, 1.Kor.9,2, Gal.2,8
allotri(o)epískopos
(wörtlich etwa „Fremdaufseher“)
„der in ein fremdes Amt eingreift“ In einer Liste zusammen mit „Mörder“, „Dieb“ und „Übeltäter“ aufgeführt.
Gemäss Anmerkung der Zürcher Bibel: Es ist wohl eine gewerbsmässige, gewinnsüchtige Angeberei vor den Gerichten gemeint, die so gut wie Mord, Diebstahl usw. unter das Strafgesetz fiel.
Bauer/Aland, „Wörterbuch zum Neuen Testament“ (6.Auflage): ein Wort mit noch nicht genügend geklärter Bedeutung, vielleicht Hehler, auch wohl Spitzel, Denunziant (…) oder allg. jemand, der sich in fremde Dinge einmischt.
1.Petrus 4,15
„einer, der in fremde Sachen eingreift“ 1.Petrus 4,15

Das Neue Testament – „Amtliche Version“ – Teil 3

5. April 2012

Weitere „amtliche“ Erscheinungen

In der Lutherbibel werden noch einige weitere Ausdrücke mit „Amt“ übersetzt. Zwei davon sind vielleicht von Interesse:

„Oikonomía“ bedeutet etwa „Verwaltung“ oder „(An-)Ordnung, Plan“. Davon kommt unser Wort „Ökonomie“. Paulus bezeichnet mit diesem Wort Gottes Heilsplan, bzw. den Auftrag, den er selber im Zusammenhang mit diesem Heilsplan von Gott erhalten hat, nämlich die Offenbarung Gottes zu „verwalten“. Die Lutherbibel übersetzt dieses Wort in 1.Kor.9,17 und Eph.3,2 mit „Amt“, in der Parallelstelle Kol.1,25 mit „Predigtamt“. Die Zürcher Bibel sagt stattdessen in Eph.3,2 und Kol.1,25 „Veranstaltung“, in 1.Kor.9,17 „Haushalteramt“, wobei sie in einer Anmerkung hinzufügt: „Das nämlich ohne Aussicht auf Lohn zu solchem Tun verpflichtet.“
Dasselbe Wort wird in der Lutherbibel in Eph.3,9 mit „Gemeinschaft“ übersetzt und in 1.Tim.1,4 mit „Besserung“.

„Allotri(o)epískopos“ erscheint nur ein einziges Mal in der Bibel, und ist auch in der übrigen griechischen Literatur äusserst selten, sodass die genaue Bedeutung unsicher ist. Wörtlich bedeutet es etwa „Fremdaufseher“, und es erscheint in einer Liste zusammen mit verschiedenen Arten von Kriminellen:
„Denn niemand unter euch leide als Mörder oder Dieb oder Übeltäter oder als allotri(o)epískopos; leidet aber jemand als Christ, so schäme er sich nicht …“ (1.Petrus 4,15-16)
Die Zürcher Bibel übersetzt hier „einer, der in fremde Sachen eingreift“, und fügt in einer Anmerkung hinzu: „Es ist wohl eine gewerbsmässige, gewinnsüchtige Angeberei vor den Gerichten gemeint, die so gut wie Mord, Diebstahl usw. unter das Strafgesetz fiel.“
Das „Wörterbuch zum Neuen Testament“ von Bauer/Aland sagt: „ein Wort mit noch nicht genügend geklärter Bedeutung, vielleicht Hehler, auch wohl Spitzel, Denunziant (…) oder allg. jemand, der sich in fremde Dinge einmischt.
Die Lutherbibel dagegen übersetzt: „einer, der in ein fremdes Amt eingreift„. Angesichts des sonstigen Gebrauchs von „Amt“ bei Luther (als kirchliche Leitungsfunktion) hat sich diese Übersetzung als ziemlich verhängnisvoll erwiesen. Es ist nämlich dadurch die Anschauung aufgekommen, als ob die Verrichtung gewisser kirchlicher „amtlicher Privilegien“ (z.B. predigen, Abendmahl austeilen, usw.) durch „Laien“ ein Vergehen wäre, so schlimm wie Mord oder Diebstahl. Sieht man den Textzusammenhang an, so kommt eine solche Auslegung natürlich nicht in Frage. Es geht ja hier um das Leiden, das Christen von ihrer ungläubigen Umwelt zugefügt wird. Diese ungläubige Umwelt hatte sicher kein Interesse daran, einen Christen wegen einer innerkirchlichen „Übertretung“ anzuklagen. Abgesehen davon, dass es im Neuen Testament solche „amtlichen Privilegien“ gar nicht gibt. Luthers Übersetzung hat aber anscheinend dazu beigetragen, das hierarchische und „amtliche“ Denken in evangelischen Kirchen ebenso weiterzuführen wie in der römisch-katholischen.

Die „Sonntagspredigt“?

Ein weiteres von den amtlichen Übersetzungen misshandeltes Wort ist „predigen“. Was stellen wir uns unter einer „Predigt“ vor? Wiederum wird in den Gedanken das unvermeidliche Bild eines „Pfarrers“ oder „Pastors“ aufsteigen (wie falsch diese Vorstellung ist, haben wir in den früheren Folgen schon besprochen), der auf der Kanzel steht. Und wiederum gehen wir damit einem Wort in die Falle, das speziell für solche „amtlichen“ Zwecke neu erfunden wurde. Im Neuen Testament gibt es das Wort „predigen“ nicht. Wo es in den Übersetzungen vorkommt, da sagt das Original einfach „ankündigen“.

Hier müssen wir uns glücklicherweise in der Hauptsache mit einem einzigen griechischen Wort beschäftigen: „kerysso“. (Mit Ausnahme der oben erwähnten Stelle Kol.1,25, wo die Lutherbibel unbegründeterweise „oikonomía“ mit „Predigtamt“ übersetzt.) Dieses Wort kommt vom Hauptwort „kéryx“, welches „Herold“ bedeutet. „Kerysso“ bedeutet also „herolden“, „als Herold öffentlich ankündigen“. In einigen wenigen Stellen des Neuen Testaments hat sogar die Lutherbibel diese ursprüngliche Bedeutung beibehalten:

„Und ich sah einen starken Engel, der rief aus mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?“ (Offenbarung 5,2)

„Er aber, da er hinauskam, hob er an und sagte viel davon und machte die Geschichte ruchbar …“ (Markus 1,45)

„Und er ging hin und fing an, auszurufen in den zehn Städten, wie große Wohltat ihm Jesus getan hatte …“ (Markus 5,20)

„Und er verbot ihnen, sie sollten’s niemand sagen. Je mehr er aber verbot, je mehr sie es ausbreiteten.“ (Markus 7,36)

„Und er ging hin und verkündigte durch die ganze Stadt, wie grosse Dinge ihm Jesus getan hatte.“ (Lukas 8,39)

Im Original steht hier überall „kerysso“. Warum wird dann dieses Wort nicht auch an den anderen Stellen mit „ausrufen“, „verkündigen“, „bekanntmachen“ o.ä. übersetzt? Wozu dieses neue Kunstwort „predigen“, das nirgendwo sonst auf der Welt existiert, ausser im Bereich der traditionellen Kirchen? Was ist an dem „Verkündigen“ der von Jesus Geheilten anders als am „Predigen“ in: „… und was ihr hört in das Ohr, das ‚predigt‘ auf den Dächern“ (Matth.10,27)? Oder in: „… zu ‚predigen‘ den Gefangenen, daß sie los sein sollten“ (Lukas 4,18)? (In der letztgenannten Stelle sagt die Zürcher Bibel „verkündigen“. Im übrigen wird aber auch in der Zürcher Bibel noch viel zu viel „gepredigt“.)

Es gibt da einige Unterschiede zwischen einer „Ankündigung“ und einer traditionellen kirchlichen „Predigt“. Erstens wird eine Ankündigung nur dann gemacht, wenn es wirklich etwas Wichtiges anzukündigen gibt. Der Herold geht dann zum Ankündigen in die Stadt, wenn der König ihn mit einer wichtigen Neuigkeit losschickt. Kein Herold bemüht sich, jede Woche eine neue Ankündigung zu erfinden, nur weil irgendeine Tradition von ihm verlangt, wöchentlich eine einstündige Ankündigung zu machen.
So gingen auch die Apostel, Propheten und Evangelisten des Neuen Testaments nicht nach einem festgelegten Stundenplan ihre Botschaft ankündigen, noch erfanden sie ihre eigenen Ankündigungen. In erster Linie verkündigten sie die Nachricht vom Tod und der Auferstehung Jesu (wovon sie selber Zeugen gewesen waren), und von seiner Herrschaft. Das war damals tatsächlich eine „Neuheit“, eine noch unbekannte Nachricht an den Orten, wo sie hingingen. Deshalb war diese Nachricht es wert, „geheroldet“ zu werden. Von den heutigen Predigten lässt sich schwerlich dasselbe sagen: es handelt sich meistens um ausgefeilte Abhandlungen über Dinge, die den Zuhörern längst bekannt sind.
Deshalb „heroldeten“ auch die Apostel nicht die ganze Zeit, sondern nur am Anfang, wenn sie ein neues Gebiet betraten. Später „lehrten“ sie vor allem die gläubig Geworden.

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass ein Herold seine Botschaft auf einem öffentlichen Platz verkündigt, wo ihn jedermann hört. Kein Herold verschliesst sich hinter den vier Wänden eines institutionellen Saales, um seine Ankündigung zu machen.

Lehre im Neuen Testament

Diese ganze Idee der „Sonntagspredigt“ findet sich also nicht im Neuen Testament. Was die heutigen Kirchen „predigen“ nennen, liegt näher bei dem, was die Bibel „lehren“ nennt; und das ist Aufgabe des Lehrers, nicht des Hirten/Pastors. Die Lutherübersetzung hat leider diesen Unterschied verwischt, indem sie an manchen Stellen auch das Wort „lehren“ (didasko) mit „predigen“ übersetzt. So z.B. in Markus 4,2 und in Markus 6,34 – an dieser Stelle wird man nachgerade zu Mitleid mit den armen Schäfchen bewegt, wenn man sie in der Lutherübersetzung liest:
„Und Jesus ging heraus und sah das grosse Volk; und es jammerte ihn derselben; denn sie waren wie die Schafe, die keinen Hirten haben; und er fing an eine lange Predigt.“ (Die Zürcher Bibel übersetzt hier richtig: „Und er fing an, sie vieles zu lehren.“)

Das „Lehren“ findet normalerweise in einer mehr oder weniger konstanten Gruppe von Menschen statt, die wirklich daran interessiert sind zu lernen. Die Apostel taten das auch (z.B. Apg. 4,2; 5,25.42; 19,9), aber es sollte nicht mit dem „Predigen“ („herolden“) verwechselt werden.
Und wir sollten nicht denken, die Versammlungen der ersten Christen hätten hauptsächlich dazu gedient, „belehrt zu werden“. Ein echter Christ braucht das am wenigsten, gemäss 1.Johannes 2,27:

„Und was euch betrifft, so bleibt in euch die Salbung, die ihr von ihm her empfangen habt, und ihr habt nicht nötig, dass euch jemand belehrt; sondern wie euch seine Salbung über alles belehrt, so ist es auch wahr und ist keine Lüge, und wie sie euch belehrt hat, so bleibt ihr in ihm.“

Die Versammlungen der ersten Christen dienten in erster Linie zur gegenseitigen Auferbauung mit den Gaben, die jeder von Gott empfangen hatte (1.Kor.14,26; Eph. 5,18-20), zum gemeinsamen Gebet, je nachdem wichtige Anliegen vorlagen (Apg. 1,14; 4,23-31; 12,12; Matth.18,19-20), und um gemeinsam zu essen, Gemeinschaft zu pflegen, und sich dabei an den Tod und die Auferstehung Jesu zu erinnern (Apg.2,44-46, 1.Kor.11,21.33).

Zudem gab es ausserordentliche Versammlungen, wenn irgendein herausragender Apostel oder Lehrer zu Besuch kam, der tatsächlich Wichtiges zu sagen hatte. Solcher Art waren die Versammlungen, die in Apg.20,1-12 und 20,17-38 beschrieben sind. Solche Besuche wichtiger Apostel oder Lehrer geschahen nicht jeden Tag (und auch nicht jede Woche). Das waren nicht die „normalen Sonntagsgottesdienste“!
Auch geschah die Lehre jener urchristlichen Lehrer nicht in der Form, die wir von heutigen Schulen oder Kirchen kennen. Wir sehen das am Beispiel von Jesus selber. Der grösste Teil seiner Lehre geschah durch sein eigenes Beispiel. Ein anderer wichtiger Teil bestand darin, dass er Fragen seiner Jünger (oder seiner Feinde) beantwortete. Wieder ein anderer Teil bestand in Anweisungen für praktische Handlungen (so z.B. Matthäus 10). Und nur ein sehr kleiner Teil geschah in der Form von Vorträgen oder „Unterricht“, wie wir es heute verstehen.
So benutzt auch die Apostelgeschichte, wenn sie von der Lehre des Paulus spricht, sehr selten das Wort „lehren“. Viel häufiger kommt das Wort „dialégomai“ („einen Dialog führen“) vor. (Apg. 17,2.17; 18,4.19; 19,8-9; 20,7.9; 24,12.25) Sowohl die Zürcher wie auch die Lutherbibel gebrauchen dafür das Wort „(be-)reden“ – ausser in Apg.20,7, wo Luther einmal mehr „predigen“ sagt. Offenbar ist damit nicht ein Monolog gemeint, sondern ein Lehrgespräch, in welchem auch Fragen beantwortet und Kommentare der Zuhörer mit aufgenommen werden.

Sehen wir auch, wie Paulus die „Jüngerschaft“ beschreibt, die er Timotheus zukommen liess:

„Du aber bist mir nachgefolgt in der Lehre, in der Lebensführung, im Streben, im Glauben, in der Langmut, in der Liebe, in der Geduld, im den Verfolgungen, in den Leiden …“ (2.Tim.3,10-11)

Von den neun verwendeten Begriffen hat ein einziger mit „Lehre“ im intellektuellen Sinn zu tun. Die übrigen acht beziehen sich auf Paulus‘ praktisches Beispiel, und auf Charaktereigenschaften.

Ich hoffe, wir haben jetzt ein etwas klareres Bild davon, was „Lehre“ im Neuen Testament ist. Nicht einfach „Vorträge halten“; nicht nur intellektuelles Wissen weitergeben; erst recht nicht „Prüfungen ablegen und dafür ein Diplom erhalten“. Alle diese Vorstellungen, die wir heute von „Lehre“ oder „Unterricht“ haben, kommen aus dem weltlichen Schulsystem; und dieses System entsprang seinerseits der heidnischen griechischen Philosophie. Die alten Griechen brachten diese Idee hervor, der Mensch könne sein Leben und seinen Charakter mit Hilfe des Unterrichts der Philosophen vervollkommnen.
Jesus Christus zeigte uns dagegen, dass wir uns selber mit keiner menschlichen Anstrengung verbessern können. Das einzige, was einen Menschen verbessern kann, ist die Wiedergeburt in Christus. Der „alte Mensch“ muss sich nicht vervollkommnen; er muss sterben. (Siehe Römer 6.) Paulus sagt, dass wir mit unserer Weisheit (Lehre, Wissen) Gott nicht erkennen können (1.Kor.1,20-21; 2,1-5). In diesem Abschnitt – wie auch in Römer 1,18-32 – spielt Paulus deutlich auf die griechische Philosophie an.
Deshalb ist „Lehre“ im Neuen Testament nicht gleich „Wissensvermittlung“. Im christlichen Leben beruht „Lehre“ darauf, dieses christliche Leben miteinander zu teilen und selber ein Beispiel zu geben. Wer durch das eigene Beispiel abgedeckt ist, in enger Gemeinschaft mit seinen Glaubensgeschwistern, der kann dann auch „lehren“, d.h. dieses christliche Leben und seine Quelle, Jesus selber, besser erklären.

Aber nicht genug damit, haben die Übersetzer von englischen und spanischen Bibelausgaben an vielen Stellen den Begriff „Lehre“ durch das hochgestochene Wort „Doktrin“ ersetzt. Ich bin froh, dass deutsche Bibelübersetzer – soweit mir bekannt ist – noch nicht auf diese Idee gekommen sind!

Auch so schon hat die lutherische Überbetonung des „Lehramts“ zu manchen Missverständnissen und kirchlichen Missbildungen geführt.

Z.B. ist die Idee aufgekommen, „an Christus zu glauben“ bedeute einfach mit den „lehrmässigen Wahrheiten“ über ihn einverstanden zu sein, und sich einer Kirche anzuschliessen, die diese Wahrheiten lehrt. Deshalb kam es im 17.Jahrhundert zu einer Erscheinung, die von Kirchengeschichtlern „die tote Orthodoxie“ genannt wird: Die Kirchen lehrten zwar noch die biblischen Wahrheiten über Jesus, aber das Leben der Kirchenmitglieder war weit von Gott entfernt. Als Gegen- und Protestbewegung entstand dann der Pietismus. Aber auch heute gibt es wahrscheinlich Millionen von „Evangelischen/Evangelikalen“, die sich ihrer „rechten Lehre“ rühmen, aber zugleich mit ihrer Lebensführung zeigen, dass sie nie von ihren Sünden umgekehrt sind und nie wiedergeboren wurden.

Auch gibt es Kirchenleitungen, die ihr „Lehramt“ in ähnlich „doktrinärer“ Weise handhaben wie die römisch-katholische Kirche: Sie gebrauchen die „rechte Lehre“ als Vorwand, um jene Christen zu bestrafen und auszuschliessen, die es wagten, ihre Leiter anhand der Bibel zu prüfen. Und aus demselben Grund hat es unzählige Kirchenspaltungen gegeben wegen zweitrangigen Lehrfragen wie z.B. die rechte Art, Gottes Vorherbestimmung zu verstehen; das „Zungenreden“; die Entrückung; das Tausendjährige Reich, und ähnliche Streitigkeiten, die Paulus „nichtiges Geschwätz“ nennen würde (1.Tim.1,6) und „Wortgezänk, woraus Neid entsteht, Hader, Lästerungen, böse Verdächtigungen, fortwährende Zänkereien von Menschen, die in ihrem Verstand zerrüttet sind …“ (1.Tim.6,4-5).

In Markus 1,27 heisst es: „Und sie erstaunten alle, sodass sie sich besprachen und sagten: Was ist das? Was ist das für eine neue Lehre, dass er mit Autorität sogar den unreinen Geistern befiehlt, und sie gehorchen ihm?“ – Die unreinen Geister gehorchten Jesus, aber nicht aufgrund einiger „Lehrpunkte“, die sie von ihm hörten. Sie gehorchten ihm aufgrund dessen, wer er war. Christliche „Lehre“ ist nicht einfach systematische Theologie: sie kommt aus einem Leben im Gehorsam Jesus gegenüber.

Was ist die Kirche/Gemeinde?

Der letzte Begriff, den ich untersuchen möchte, ist „Kirche“ bzw. „Gemeinde“. Das Wort „Kirche“ ist ebenfalls ein Kunstwort, vom griechischen „kyriakä oikía“, „Haus des Herrn“ (ein Begriff, der aber im Neuen Testament so nicht vorkommt). „Gemeinde“ ist eine neutralere Übersetzung; aber vor dem Hintergrund der gegenwärtigen „Kirchen/Gemeinden“ hat dieses Wort im christlichen Umfeld schon fast dieselbe Färbung erhalten wie „Kirche“.
Das entsprechende griechische Wort ist „ekklesía“. Es ist heute nicht mehr eindeutig zu klären, warum die Schreiber des Neuen Testamentes gerade dieses Wort verwendeten, um die Gemeinschaften der Christen zu bezeichnen. Es werden mindestens drei verschiedene Erklärungen vorgeschlagen:

– Ursprünglich bedeutete „ekklesía“: „(Volks-)Versammlung“; insbesondere die offizielle Versammlung der stimmberechtigten Bürger in den griechischen Städten, die eine demokratische Regierungsform angenommen hatten. (In diesem Sinn kommt das Wort z.B. in Apg.19,39 und 41 vor.)
– Vor dem Hintergrund des Alten Testamentes bedeutete „ekklesía“ die „heilige Versammlung“ Israels, des von Gott erwählten Volkes. Die entsprechenden alttestamentlichen Stellen werden verschieden übersetzt: „Volk“, „Gemeinde“, „Versammlung“.
– Einige Ausleger leiten das Wort ab von „eklégomai“ („auswählen“ oder „herausrufen“). „Ekklesía“ würde dann bedeuten „die Gesamtheit der Erwählten“ bzw. „die Gesamtheit der Herausgerufenen“.

Es ist gut möglich, dass die ersten Christen mit der Verwendung des Wortes „ekklesía“ sagen wollten: „Wir sind ein besonderes Volk, ein von und für Gott abgesondertes Volk.“ Die Gemeinde Jesu ist tatsächlich etwas Neues, was vorher in dieser Form nicht existierte. So kann es vielleicht gerechtfertigt sein, dass bei der Übersetzung des Neuen Testamentes in andere Sprachen jeweils ein neues Wort dafür erfunden wurde.

En Problem besteht nun aber darin, dass im Lauf der Geschichte dieses Wort „Kirche“ bzw. „christliche Gemeinde“ seine Bedeutung geändert hat. Woran denken wir heute, wenn wir das Wort „Kirche“ hören?

– Viele werden zuerst an ein Gebäude denken, wahrscheinlich ein recht grosses und luxuriöses; ein Gebäude, wo man gewohnheitsmässig an bestimmten Anlässen und Versammlungen teilnimmt; ein Gebäude, das man sich angewöhnt hat „Haus Gottes“ zu nennen.
Kein Christ zur Zeit des Neuen Testamentes wäre auf eine solche Idee gekommen! Im Gegenteil, während der ganzen neutestamentlichen Zeit (d.h. mindestens während den ersten sechzig oder siebzig Jahren der Kirchengeschichte) wurde kein einziges Gebäude zu „kirchlichen“ Zwecken errichtet; und wir finden auch die Idee nicht, das könnte zu irgendeinem zukünftigen Zeitpunkt nötig werden. Noch anfangs des 3.Jahrhunderts schrieb der römische Apologet Minucius Felix:

„Aber denkst du, dass wir verbergen, was wir anbeten, weil wir weder Tempel noch Altäre haben? Aber was für ein Bild soll ich denn von Gott machen, wenn doch, wenn wir richtig darüber nachdenken, der Mensch selber das Bild Gottes ist? Was für einen Tempel soll ich ihm erbauen, wenn doch diese ganze durch sein Werk geschaffene Welt ihn nicht aufnehmen kann? Und wenn ich, ein Mensch, mich weit und breit bewegen kann, soll ich die Macht einer so grossen Majestät in ein einziges kleines Gebäude einschliessen? Ist es nicht besser, in unserem Sinn seiner zu gedenken und ihn im Innersten unseres Herzens heilig zu halten?“
(Minucius Felix, „Octavius“, Kapitel 32 – ca. 210 n.Chr.)

Das einzige „Haus Gottes“, das die ersten Christen kannten, war der Tempel in Jerusalem; und dieser war ein jüdisches, kein christliches Gebäude. Da sie selber Juden waren, fühlten sich die ersten Christen berechtigt, diesen Tempel für ihre Zwecke zu gebrauchen (besser gesagt, den Vorhof des Tempels, ein ausgedehnter öffentlicher Platz, der u.a. auch als Markt diente). Aber sie wussten auch sehr gut, dass Gott verboten hatte, irgendein anderes „Haus Gottes“ zu erbauen an irgendeinem anderen Ort ausser Jerusalem. (Siehe 5.Mose 12.) Für ihre täglichen Versammlungen brauchten sie ihre eigenen Häuser; und für ausserordentliche Grossversammlungen benutzten sie öffentlichen Grund. Keinem Christen des Neuen Testamentes wäre es je in den Sinn gekommen, bei „Kirche“ an ein Gebäude zu denken.

– Andere denken beim Wort „Kirche“ an eine denominationelle Institution oder Organisation, die sich mit einem besonderen Namen identifiziert: „die lutherische Kirche“, „die Baptistenkirche“, „die Pfingstgemeinde“. So ist es üblich geworden, wenn sich Christen aus verschiedenen Hintergründen bei einer Veranstaltung kennenlernen, einander zu fragen: „Welche Kirche/Gemeinde besuchst du?“
Auch das ist eine Idee, die keinem Christen des Neuen Testamentes in den Sinn gekommen wäre. Für sie war „Kirche“ oder „Gemeinde“ nicht ein Ort, den man „besucht“. Sie selber waren die Gemeinde, alle Christen der jeweiligen Ortschaft. Und es war Christus selber, der sie „organisierte“, nicht irgendeine denominationelle Leiterschaft.
Der einzige Ort, von dem wir lesen, dass sich dort so etwas wie „Denominationen“ bildeten, war Korinth; und in jenem Fall verurteilte Paulus diese Entwicklung aufs Entschiedenste (1.Kor.1,11-15; 3,1-11). Es fiel ihm gar nicht ein, diese unter sich konkurrenzierenden Gruppen „Kirchen“ oder „Gemeinden“ zu nennen. Vom Standpunkt des Apostels aus gesehen gab es eine einzige Kirche/Gemeinde Gottes in Korinth (1.Kor.1,2), und deren Mitglieder hatten weder ein Recht, einander konkurrenzierende Parteien zu bilden, noch „Organisationen“ in Anlehnung an irgendeinen bedeutenden Leiter zu gründen. (Siehe auch 3.Joh.9-10.)

Aber heute gibt es (zu) viele denominationelle Leiter, die sich ein „Eigentumsrecht“ auf die Mitglieder „ihrer“ Kirchen anmassen. Einige dieser Leiter verbieten den Mitgliedern sogar, Anlässe anderer Denominationen zu besuchen. So denkt der durchschnittliche Evangelische/Evangelikale, die „Kirche/Gemeinde“ sei eine menschliche Institution, von Menschen geleitet und beherrscht, und in „Denominationen“ aufgeteilt. Nichts liegt dem Neuen Testament ferner!

Eine der wenigen Stellen, wo Jesus selber das Wort „Kirche/Gemeinde“ braucht, ist in Matthäus 18,15-22. Seine Definition von „Kirche/Gemeinde“ ist äusserst einfach:

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Matthäus 18,20)

Das ist alles, was dazu nötig ist, „Kirche/Gemeinde“ zu sein. Sich zu versammeln, sei es auch nur zu zweit oder zu dritt – aber im Namen und unter der Herrschaft des Herrn Jesus Christus. Letzteres scheint gegenwärtig die am schwierigsten zu erfüllende Bedingung zu sein, angesichts der vielen, die sich im Namen ihrer eigenen Denomination versammeln. Um diese denominationellen und institutionellen Missverständnisse zu vermeiden, wäre es vielleicht sinnvoll, „Kirche/Gemeinde“ durch ein neutraleres und alltäglicheres Wort wie „Versammlung“ oder „Volk“ zu ersetzen.

Jedenfalls glaube ich, wir brauchen eine „nicht-amtliche“ Übersetzung des Neuen Testaments, um die hier aufgezeigten Missverständnisse zu vermeiden, und um mit grösserer Klarheit davon sprechen zu können, was die Gemeinde Jesu ist.