Archive for Mai 2012

Der Dispensationalismus – Theologie aus zweifelhafter Quelle (Teil 3)

31. Mai 2012

Endzeitspekulationen

Der dispensationalistische „Endzeitfahrplan“ beruht weitgehend auf einer eigenwilligen Auslegung der Prophetie über die „siebzig Wochen“ in Daniel 9: Es handle sich hier ausschliesslich um eine Prophetie für Israel, weshalb das ganze Zeitalter der christlichen Gemeinde davon ausgenommen sei. Somit müsse zwischen der 69.Woche (Hinrichtung des Messias) und der 70.Woche („das Ende“) ein für den Propheten unsichtbarer Zeitraum von unbestimmter Dauer liegen. Dieser Zeitraum sei die Dispensation der Gemeinde, nach deren Ende Gott seine Pläne mit Israel wieder aufnehme.
Für einen ernsthaften Bibelausleger sollte auf den ersten Blick klar sein, dass es sich hier um Spekulation handelt: Nichts im Text selbst oder im weiteren Zusammenhang legt eine solche Auslegung nahe. Nur wenn das dispensationalistische Auslegungsschema bereits als korrekt vorausgesetzt wird, macht diese Auslegung Sinn. Nimmt man dieses Schema weg, dann kann man diese Auslegung mit viel Grosszügigkeit vielleicht noch als möglich bezeichnen, aber sicher nicht als zwingend.

Timothy Weber gibt eine kurze Beschreibung der Schwierigkeiten und Schlussfolgerungen, die sich aus dieser Auslegung ergeben:

„Dies (die dispensationalistische Auslegung von Daniel 9) bedeutete im Kern, dass die christliche Gemeinde keine Prophezeiungen ihr eigen nennen durfte. Sie befand sich in einem mysteriösen, prophetischen zeitlosen Raum, in einer „grossen Klammer“, die keinen Platz hatte in Gottes ursprünglichen Plänen. (…) Diese Perspektive brachte die Dispensationalisten – um nicht zu sagen die ganze Gemeinde – in eine schwierige Lage. Gemäss ihrer Argumentation ist die Gemeinde in der Welt, aber sie kann keine der Prophetien über zukünftige irdische Ereignisse für sich beanspruchen. Wie wir schon gesehen haben, erröteten die Dispensationalisten beim Gedanken daran, Gottes himmlischem Volk irdische Prophetien zuzuschreiben. Ausserdem wusste jeder Dispensationalist, dass die Bibel voll ist von Vorhersagen zukünftiger Ereignisse. Daniels siebzigste Woche, die auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben wurde, muss irgendwann stattfinden. Diese problematische Zeit, von allen Prämillenialisten* „die grosse Trübsal“ genannt, wird in der Johannesoffenbarung und an anderen Stellen (z.B. Matth.24 und 2.Thess.2) sehr detailliert beschrieben.
Die Dinge werden dadurch noch komplizierter, dass die Dispensationalisten glaubten, Gott sei nicht willens oder nicht fähig, mit seinen zwei Völkern zugleich zu handeln oder seine beiden Pläne zur selben Zeit auszuführen. Als Folge davon erschien es notwendig, die Gemeinde hinwegzunehmen, bevor Gott zu seinen endzeitlichen Plänen für Israel schreiten könne. Dieses ziemlich schwierige Problem wurde mit Leichtigkeit gelöst durch die umstrittenste und speziellste Lehre des Dispensationalismus: die geheime Entrückung der Gemeinde vor der grossen Trübsal. (…)
Es scheint, dass bis zu den frühen 1830er-Jahren alle futuristischen Prämillenialisten die Entrückung im Zusammenhang mit dem zweiten Kommen Christi am Ende der Trübsal gesehen hatten. Aber die Dispensationalisten, mit Hilfe der erfinderischen Lehre John Darbys, rissen die beiden Ereignisse auseinander. Bei der Entrückung, sagten sie, würde Christus „für“ seine Heiligen kommen, und beim zweiten Kommen würde er „mit“ seinen Heiligen kommen. Zwischen diesen beiden Ereignissen würde die Trübsal stattfinden, die von den Dispensationalisten mit Daniels siebzigster Woche und mit der Herrschaft des Antichristen gleichgesetzt wurde. Auf diese Weise würde die Gemeinde von der Bühne verschwinden, sodass Gott mit seinem prophetischen Countdown und seinem Handeln mit Israel fortfahren könnte.“
(Timothy Weber, „Living in the Shadow of the Second Coming–American Premillennialism 1825-1982“, zitiert in Mark Dankof, „A Historical Critique of Dispensationalism, Zionism, and Daniel’s Prophecy of 70 Weeks“)

* (Prämillenialismus = die Lehre, dass Jesus vor dem Tausendjährigen Reich zurückkommt, um dieses aufzurichten.)

Ich denke, es ist hier der Ort, auf ein paar Bibelstellen hinzuweisen, die von Dispensationalisten meistens übergangen (oder dann umgedeutet) werden:

„Denn dann wird eine grosse Drangsal („Trübsal“) sein, wie von Anfang der Welt an bis jetzt keine gewesen ist und auch keine sein wird. (…) Wenn dann jemand zu euch sagt: Siehe, hier ist der Christus, oder dort, so glaubt es nicht! (…) Wenn man nun zu euch sagt: Siehe, er ist in der Wüste, so geht nicht hinaus; siehe, er ist in den Gemächern, so glaubt es nicht! Denn wie der Blitz vom Osten ausfährt und bis zum Westen leuchtet, so wird die Wiederkunft des Sohnes des Menschen sein.“ (Matth.24,21.23.26-27)

Deutlicher kann kaum gesagt werden, dass die Wiederkunft Jesu ein öffentliches, auf der ganzen Welt sichtbares Ereignis sein wird. Und dass jeder, der eine „geheime“ Wiederkunft Jesu ankündigt, ein Verführer ist! – Da Jesus diese Verführungen für die Zeit der „grossen Drangsal“ vorhersagt, wird er bis dahin offensichtlich noch nicht wiedergekommen sein.

„Sogleich aber nach der Drangsal („Trübsal“) jener Tage (…) wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen, und dann werden alle Geschlechter der Erde wehklagen und werden den Sohn des Menschen auf den Wolken des Himmels kommen sehen mit grosser Macht und Herrlichkeit. Und er wird seine Engel aussenden mit starkem Posaunenschall, und sie werden seine Auserwählten versammeln von den vier Winden her, von einem Ende des Himmels bis zum andern.“ (Matth.24,29-31)

Dies ist die unmittelbare Fortsetzung der oben zitierten Stelle. Vers 31 spricht offensichtlich von der „Entrückung“ (man beachte die Parallelen zu 1.Thess.4,16-17) – die gemäss Vers 29 nach der „grossen Trübsal“ und beim öffentlich sichtbaren Wiederkommen Jesu geschehen wird.

„Siehe, der Herr ist gekommen mit seinen heiligen Zehntausenden, um wider alle Gericht zu halten und alle Gottlosen zu bestrafen …“ (Judas 14)

Diese Verse werden von Dispensationalisten als die Wiederkunft Jesu „mit seiner entrückten Gemeinde“ ausgelegt. Mehrere alte Handschriften haben hier aber zusätzlich die Worte: „…mit seinen heiligen Zehntausenden von Engeln„. Dieses Verständnis wird von den folgenden Parallelstellen bestätigt:

„Und die Heere im Himmel folgten ihm nach auf weissen Pferden, bekleidet mit weissem reinem Linnen.“ (Offb.19,14)

Nur Engel, nicht aber Menschen, werden in der Bibel als „Heere im Himmel“ bezeichnet.

„Wenn aber der Sohn des Menschen in seiner Herrlichkeit kommen wird und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen …“ (Matth.25,31)

Engel sind nicht entrückte Christen. Übrigens werden auch die verstorbenen Christen im Jenseits nicht zu „Engeln“, wie ein alter Volksglaube meint.

Noch eine weitere typische dispensationalistische Falschauslegung möchte ich hier erwähnen:

„Denn Gott hat uns nicht für das Zorngericht bestimmt, sondern zur Erwerbung des Heils durch unsern Herrn Jesus Christus, der um unsertwilllen gestorben ist (…)“ (1.Thess.5,9-10)

Hier sagen Dispensationalisten: „Siehst du, wir sind nicht für das Zorngericht bestimmt, also werden wir vor der Trübsal entrückt werden.“ Damit setzen sie „Zorngericht“ und „Trübsal“ gleich – eine äusserst problematische Gleichsetzung, die vom Text her nicht gegeben ist. Es wird hier einfach versucht, mittels dieser künstlichen Konstruktion eine weitere Bestätigung zu finden für das zum voraus festgelegte dispensationalistische Schema. In der Fortsetzung des Verses wird „Zorngericht“ nicht zu „Entrückung“ im Gegensatz gestellt, sondern zu „Erwerbung des Heils“. Dass damit das ewige Heil gemeint ist und nicht etwa die Entrückung, wird vollends klar durch die Fortsetzung: „…Jesus Christus, der um unsertwillen gestorben ist“. Jesus ist gestorben, um unser ewiges Heil zu erwirken, nicht bloss eine Bewahrung vor irdischer Trübsal mittels der Entrückung! Somit kann mit „Zorngericht“ nicht die „Trübsal“ gemeint sein, sondern nur das endgültige Gericht über Gottes Feinde.
Eine Parallelstelle ist Römer 5,9: „Um so viel mehr nun werden wir, da wir jetzt durch sein Blut gerechtfertigt worden sind, durch ihn vor dem Zorn gerettet werden.“ Auch hier geht es vom Zusammenhang her eindeutig um das ewige Heil, nicht um die Entrückung.
Ausserdem besteht ja auch nach dispensationalistischer Ansicht die „Trübsal“ in der Bedrängnis und Verfolgung von Gottes Volk durch seine Feinde – also gerade im Leiden jener, die nicht unter Gottes Zorn fallen. Das „Zorngericht“ hingegen ist Gottes Gericht über das „Tier“ und sein Reich, wie insbesondere aus Offb.16 deutlich hervorgeht; sowie das endgültige Gericht, wie wir oben gesehen haben. Es handelt sich also sachlich um zwei ganz verschiedene Dinge: Die „Trübsal“ wird durch den Zorn des Teufels gegen die Nachfolger Jesu bewirkt (Offb.12,12.17, vgl. Matth.24,9); das „Zorngericht“ hingegen ist Gottes Zorn gegen seine Feinde. Ersteres muss von den Heiligen mit Standhaftigkeit und Glaube ertragen werden (Offb.13,10; Matth.24,13); von letzterem werden sie verschont. Es steht aber nirgends, dass diese Verschonung mittels der Entrückung geschehe. Aus Stellen wie Offb.9,4; 16,2.10; 18,19-20 kann geschlossen werden, dass vielmehr Gott in einigen seiner irdischen Gerichte einen Unterschied macht zwischen den Seinen und den Nachfolgern des „Tiers“ – so wie die Israeliten von den ägyptischen Plagen verschont wurden (2.Mose 8,22; 9,6.26; 10,23; 11,6-7).

Kurzer Anhang zur Auslegung der Offenbarung des Johannes

Grundsätzlich gibt es drei Arten, die Johannesoffenbarung (und verwandte Prophetien) auszulegen: die präteristische, die historizistische und die futuristische.
Die präteristische („vergangenheitliche“) Auslegung wird v.a. von der römisch-katholischen Kirche angewandt. Sie behauptet, die Visionen der Offenbarung hätten sich bereits in der Vergangenheit erfüllt, nämlich zur Zeit des Römischen Reiches. Mit dem Untergang Roms sei das Tausendjährige Reich angebrochen.
Die historizistische („geschichtliche“) Auslegung wurde früher von den meisten reformierten und evangelikalen Auslegern angewandt, ist aber in letzter Zeit – nicht zuletzt durch den Einfluss des Dispensationalismus – etwas aus der Mode gekommen. Diese Auslegung sieht in den Voraussagen der Offenbarung Ereignisse, die sich während eines langen Zeitraums erfüllen – d.h. insbesondere in der Geschichte der christlichen Kirche, von ihren Anfängen bis zur Wiederkunft Jesu.
Die futuristische („zukünftige“) Auslegung schliesslich wendet die Prophetien der Offenbarung ausschliesslich auf einen sehr kurzen Zeitraum kurz vor der Wiederkunft Jesu an – die sogenannte „Endzeit“. Die gegenwärtig einflussreichste Spielart der futuristischen Auslegung ist eben der Dispensationalismus.

Es kann auch hier rein argumentativ nicht schlüssig bewiesen werden, dass eine bestimmte dieser Auslegungsarten richtig sei und die anderen falsch. Bedenkenswert scheint mir aber zu sein, dass sowohl die präteristische wie auch die futuristische Auslegung die Offenbarung in gewisser Weise „entschärfen“: Sie gilt dann entweder für eine ferne Vergangenheit oder für eine ferne Zukunft, aber nicht für das Jetzt und Heute. Präteristen wiegen sich in der (m.E. falschen) Sicherheit, bereits im Tausendjährigen Reich zu leben. Futuristen ergehen sich in Spekulationen über zukünftige Ereignisse und halten nach Anzeichen eines zukünftigen Antichristen Ausschau, übersehen aber weitgehend den ständig schon stattfindenden Konflikt zwischen christlichen und antichristlichen Kräften seit den Anfängen der Kirche (1.Joh.2,18 !) bis zur Gegenwart. Deshalb können sie nicht allzu viele für die Gegenwart relevante Aussagen machen. Nur aufgrund einer historizistischen Auslegung konnten z.B. die Reformatoren den Papst „Antichrist“ und die römische Kirche „Babylon“ nennen.

Speziell die dispensationalistische Auslegung führt zudem zu einer „Fluchtmentalität“: Der Missionsbefehl und die damit verbundenen Verheissungen kommen in dieser Auslegung nur am Rande vor. (Insbesondere da ja nach dispensationalistischer Ansicht alttestamentliche Verheissungen und Anweisungen nicht auf das Zeitalter der Gemeinde bezogen werden dürfen.) Stattdessen stehen das Kommen „des“ Antichristen, die „grosse Trübsal“ und die Entrückung im Mittelpunkt. Diese Sicht kann dazu führen, dass Christen nur noch auf die Entrückung warten, und ihren gegenwärtigen Auftrag – wenn überhaupt – nur mit äusserstem Pessimismus wahrnehmen. So zeigt z.B. Gary North, wie im Buch und Film „Left Behind“ von Tim La Haye die Christen letztlich als eine für die Gegenwart völlig belanglose Gruppierung dargestellt werden. (Gary North, „Left Behind Culturally“.) Von Darbys negativer Sicht der Gemeinde haben wir im 1.Teil schon gesprochen.

Kirchengeschichtlich ist interessant, dass sowohl bei den grossen Erweckungspredigern der Vergangenheit (z.B. Jonathan Edwards), wie auch beim Entstehen der modernen Weltmissionsbewegung (William Carey) im 18.Jahrhundert, gerade alttestamentliche Verheissungen im Mittelpunkt standen. Diese wurden vor dem Aufkommen des Dispensationalismus mit aller Selbstverständlichkeit auf das Zeitalter der Gemeinde angewandt.

Heilsentscheidend sind diese Fragen nicht. Dass sie dennoch einschneidende Folgen im Glaubensleben haben können, zeigt folgender Ausschnitt aus einem offenen Brief von Corrie Ten Boom (1974):

„Machmal bekomme ich Angst, wenn ich die Bibel lese und dann diese Welt anschaue und sehe, wie sich alle diese Voraussagen über die Trübsal und die Verfolgung erfüllen. Aber ich kann dir sagen, wenn das dir auch Angst macht: Ich habe auch die letzten Seiten gelesen. Ich kann jetzt rufen: „Halleluja!“, denn es steht dort geschrieben, dass Jesus sagt: „Wer überwindet, der wird alle diese Dinge ererben; und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.“ Das ist die Zukunft und Hoffnung dieser Welt. Nicht dass die Welt überleben wird – aber dass wir Überwinder sein werden inmitten einer sterbenden Welt.
Als Betsy und ich im Konzentrationslager waren, beteten wir, dass Gott Betsy heilen würde, die schwerkrank war. „Ja, der Herr wird mich heilen“, sagte Betsy zuversichtlich. Am nächsten Tag starb sie, und ich konnte es nicht verstehen. Sie legten ihren dünnen Körper auf den Zementboden zusammen mit all den anderen Leichen der Frauen, die an jenem Tag gestorben waren.
Es war schwer für mich zu verstehen, und zu glauben, dass Gott einen Plan hatte mit alldem. Aber aufgrund von Betsys Tod reise ich heute durch die ganze Welt und spreche zu den Menschen über Jesus.
Einige unter uns lehren, dass es keine Trübsal gibt, dass die Christen dem allem entfliehen werden. Das sind die falschen Lehrer, von denen Jesus sagte, dass sie in den letzten Tagen auftreten werden. Die meisten von ihnen wissen wenig darüber, was bereits jetzt in der Welt geschieht. Ich bin in Ländern gewesen, wo die Heiligen jetzt schon schreckliche Verfolgung leiden.
In China wurden die Christen gelehrt: „Sorgt euch nicht, bevor die Trübsal kommt, werdet ihr entrückt werden.“ Dann kam eine schreckliche Verfolgung. Millionen von Christen wurden zu Tode gefoltert. Später hörte ich einen chinesischen Bischof traurig sagen:
„Wir haben versagt. Wir hätten die Leute für die Verfolgung stärken sollen, statt ihnen zu sagen, Jesus würde vorher wiederkommen. Sagt den Leuten, wie sie in Verfolgungszeiten stark sein können, wie sie standhaft bleiben können, wenn die Trübsal kommt – standhaft zu bleiben und nicht den Mut zu verlieren.“
Ich glaube, dass ich einen göttlichen Auftrag habe, den Menschen zu sagen, dass es möglich ist, im Herrn Jesus Christus stark zu sein. Wir (im Westen) befinden uns in der Ausbildung für die Trübsal; aber mehr als sechzig Prozent des Leibes Christi weltweit befinden sich bereits in der Trübsal. Es gibt keinen Weg daran vorbei. Wir werden die nächsten sein.“

Schluss

Ich möchte nicht so weit gehen, den Dispensationalismus kategorisch als „Irrlehre“ oder „von unten“ zu verurteilen, wie das mit anderen theologischen und denominationellen Strömungen gemacht worden ist (oft zu Unrecht). Ich habe aber dargelegt, warum ich den Dispensationalismus zumindest als „fragwürdig“ und „zweifelhaft“ bezeichnen muss. Ich fasse meine zwei diesbezüglichen Hauptpunkte zusammen:

1. Die Hauptgedanken des Dispensationalismus entstammen nicht direkt der Bibel, sondern einer ausserbiblischen „Offenbarung“ oder „Erleuchtung“, welche der gesamten Bibelauslegung von 1800 Jahren vorausgegangener Kirchengeschichte widerspricht. Wenn auch darüber gestritten wird, ob es Darby, Irving oder noch jemand anders war, der diese „Offenbarung“ zuerst erhielt und verbreitete – unbestreitbar ist die kirchengeschichtliche Neuheit der dispensationalistischen Lehre, und die Tatsache, dass Darby selber sie als „von Gott (ihm) offenbart“ bezeichnete.

2. Die dispensationalistische Bibelauslegung setzt ein zum vornherein festgelegtes Schema voraus, welchem die biblischen Aussagen untergeordnet werden. Das Schema selbst wird verabsolutiert und „darf“ nicht von der Bibel her hinterfragt werden. Daher widersprechen sich Dispensationalisten selbst, wenn sie sich zur irrtumslosen Autorität der Heiligen Schrift bekennen: In Wirklichkeit sprechen sie ihrem Auslegungsschema höhere Autorität zu als der Bibel.

Die beiden Punkte hängen natürlich eng zusammen. Sie führen dazu, dass Dispensationalisten im Endeffekt (wenn auch unausgesprochen und vielleicht sogar unbewusst) neben dem Wort Gottes eine zweite und „höhere“ Offenbarungsquelle annehmen, nämlich ihr eigenes Dispensationen-Schema.

Die Gefahr der „Schematisierung“ in der Bibelauslegung besteht natürlich bei jeder theologischen Richtung. Jeder Ausleger kommt von einem bestimmten Vorverständnis her, das er dann (meistens unbewusst) in die Bibel hineinprojiziert. Wir sollten uns daher immer bewusst bleiben, dass die Bibel kein „schematisches“ Buch ist, sondern ein organisches, lebendiges, und erst noch ein übernatürliches. Von daher ist nicht zu erwarten, dass sie sich in irgendein abgeschlossenes, dem menschlichen Verstand völlig zugängliches Schema einfügen wird – sei dies nun ein dispensationalistisches, reformatorisches, pfingstliches, oder noch ein anderes. Jeder Ausleger, der ein solches Schema vertritt, wird – wenn er ehrlich ist – zugeben müssen, dass es einige Bibelstellen gibt, die sich nicht in das Schema einfügen lassen, bzw. ihm widersprechen. Er steht dann vor der Gewissensentscheidung, ob er sich und anderen die Unzulänglichkeit seines Schemas eingesteht, oder ob er den Bibeltext umbiegt, um sein Schema aufrechtzuerhalten.

Letztere Gefahr scheint mir nun beim Dispensationalismus besonders gross – ich habe mehrere Beispiele dafür angeführt. Eben weil Dispensationalisten (unausgesprochen) ihrem besonderen Schema anscheinend Offenbarungscharakter zusprechen und es deshalb als unumstösslich und als die einzig wahre, bibeltreue Auslegung ansehen. Eine solche Haltung führt zu dogmatischer Willkür und Unbelehrbarkeit. Ich bin ganz damit einverstanden, wenn die Irrtumslosigkeit der Bibel verteidigt wird – aber dieser Anspruch der Irrtumslosigkeit darf nicht auf eine spezielle Auslegung der Bibel ausgedehnt werden.


Internet-Quellen zum Artikel und weitere Lektüre, nach Standpunkt geordnet:

Neutral:

Wikipedia (englisch), http://en.wikipedia.org, Artikel „John Nelson Darby“, „Edward Irving“, „Rapture“.

Pro-Dispensationalistisch:

Thomas Ice, „When did J.N.Darby discover the Rapture?“
(Historische Verteidigung Darbys als erster „Entdecker“ des Dispensationalismus, gegen die Thesen von Dave MacPherson.)

John Mathew Thekkel, „The Origins of the Pre-Tribulation Rapture“
(Ähnlich wie Thomas Ice. Versucht zusätzlich zu begründen, warum der Dispensationalismus erst im 19.Jh. ohne historische Vorgänger in Erscheinung trat.)

Tricia Tillin, „Margaret McDonald’s Vision in 1830“, bei www.apostasynow.com
(Speziell über die umstrittene „Prophetie“ der Irvingiten. – In einem Nachwort wird klargestellt, dass die Autorin keine Anhängerin des traditionellen Dispensationalismus im Sinne C.I.Scofields ist.)

Kontra-Dispensationalistisch:

Hans-Werner Deppe u.a: Verschiedene Artikel bei http://betanien.de/verlag/material/index.php?kategorie=Eschatologie
(Das ist die bisher einzige Internet-Site, wo ich eine deutschsprachige Auseinandersetzung mit dem Dispensationalismus aus bibeltreuer Sicht fand. Einige Bücher zum Thema werden auf derselben Site vorgestellt.)

Ed Tarkowski, „In Search Of The Origins Of The Pretrib Doctrine“
(Ausführliche geschichtliche Darstellung, z.T. in Anlehnung an Dave MacPherson.)

Mark Dankof, „A Historical Critique of Dispensationalism, Zionism, and Daniel’s Prophecy of 70 Weeks“
(Ausführliche Darstellung dispensationalistischer Endzeitlehren und ihrer Entstehung.)

Stephen Sizer, „John Nelson Darby (1800-1882) The Father of Premillennial Dispensationalism“
(Kritische Betrachtung der Person Darbys und seines Dispensationen-Schemas.)
Sizer vertritt leider in anderen Artikeln einige fragwürdige politische Ansichten bezüglich Israel, die ich nicht teilen kann. Das mindert aber nicht den Wert der von ihm angeführten Studien und Quellen über die Geschichte Darbys und des Dispensationalismus.

Gary North, „Left Behind Culturally“
(Kritische Besprechung des Buchs und Films „Left Behind“ von Tim La Haye, aus reformiert-konservativer Sicht.)

Dave MacPherson, „Pretrib Rapture Dishonesty“

(Weitere verwendete Quellen sind im Text erwähnt.)

Der Dispensationalismus – Theologie aus zweifelhafter Quelle (Teil 2)

24. Mai 2012

Im ersten Teil habe ich v.a. die Grundzüge und den Ursprung des Dispensationalismus beschrieben. Betrachten wir nun noch einige andere Aspekte dieser theologischen Strömung:

Dogmatische Willkür

Ein weiterer Punkt, der mir den Dispensationalismus fragwürdig macht, ist die Willkür, mit der Dispensationalisten manche Bibeltexte auslegen, und der Dogmatismus, mit dem sie an ihrer willkürlichen Auslegung als „die einzig richtige“ festhalten. Selbst Bibellehrer, die im allgemeinen viel Gutes und Richtiges zu sagen haben, ziehen bei gewissen Bibelstellen und Themen unbegründbare, sprunghafte Schlussfolgerungen.

So rechnet z.B. Erich Sauer mit drei verschiedenen „Jüngsten Gerichten“, die nicht nur sachlich, sondern auch zeitlich auseinanderzuhalten seien – ohne einsichtige Begründung -; und behauptet im Zusammenhang damit, der „Richterstuhl Christi“ bei Paulus sei etwas ganz anderes als der „Thron Christi“ bei Johannes. Obwohl Dispensationalisten im allgemeinen laut betonen, sie legten die Bibel so wörtlich wie möglich aus, und an ihrer vollen Inspiration und Widerspruchsfreiheit festhalten, so zeigen solche Auslegungen doch eine eigenartige Geistesverwandtschaft mit der „historisch-kritischen“ Methode, die Widersprüche innerhalb der Bibel sucht und z.B. eine „paulinische“ und eine „johanneische“ Theologie gegeneinander ausspielt.

Eine andere Gemeinsamkeit mit der „historisch-kritischen“ Methode besteht darin, dass vielen Bibelstellen die Gültigkeit für die Gegenwart abgesprochen wird. Wenn (laut Dispensationalismus) das ganze Alte Testament nicht auf die Gemeinde angewandt werden kann, ein grosser Teil der Verkündigung Jesu sich ausschliesslich auf die Zeit nach seiner Wiederkunft bezieht, und viele Anweisungen in den apostolischen Briefen nur für die apostolische Zeit gültig waren, dann bleibt für uns heute nicht mehr viel übrig. Die Begründungen hören sich zwar anders an als die Gründe bibelkritischer Theologen. (Ich sage ja nicht, Dispensationalismus und „historisch-kritische“ Methode seien dasselbe. Ich sage nur, es bestehe eine gewisse Geistesverwandtschaft zwischen den beiden.) Aber ob ein „historisch-kritischer“ Bibelausleger einem bestimmten Text die aktuelle Gültigkeit abspricht, weil er „zeit- und kulturgebunden“ sei, oder ob ein dispensationalistischer Ausleger vom selben Text sagt, er gelte nicht für heute, weil er einer anderen Heilszeit zugehöre – das kommt im Endeffekt auf dasselbe heraus. Die zeitlose Gültigkeit des Wortes Gottes (Jesaja 40,8; Matthäus 5,18; 24,35) wird damit bestritten.

Dispensationalisten werden natürlich abstreiten, dass irgendeine Ähnlichkeit zwischen ihrer Methode und der rationalistischen Bibelkritik bestehe. Schliesslich rechnen sich die meisten Dispensationalisten dem „fundamentalistischen“ Flügel der Christenheit zu. Aber es macht einen sehr widersprüchlichen Eindruck, wenn gewisse Dispensationalisten z.B. vehement die Echtheit der biblischen Wunderberichte verteidigen – nur um dann mit derselben Vehemenz abzustreiten, dass solche Wunder auch heute noch geschehen könnten.

Zwei weitere Beispiele willkürlicher Auslegung:

1. „Die Bereiche des biblischen Bekenntnisses werden von lehrmässigen Irrtümern infiltriert werden, die sich überall ausbreiten werden (Matth.13,33). Dennoch wird ein kostbarer Überrest Israels übrigbleiben, um erlöst werden zu können (Matth.13,44), und die kostbare Perle, die Gemeinde, wird ebenfalls erlöst werden (Matth.13,45-46).“
(Herman Hoyt, „Dispensational Premillennialism“, in „The Meaning of the Millennium–4 Views“, Hrsg. Robert G. Clouse, 1977. – In diesem Buch legen vier Autoren aus vier verschiedenen theologischen Richtungen ihre Ansichten über das Tausendjährige Reich dar, und geben ausserdem ihre Entgegnungen zu den Artikeln der jeweils anderen Autoren ab.)

Die angegebenen Bibelstellen beziehen sich auf das Gleichnis vom Sauerteig, vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle. Die von Hoyt gegebenen Auslegungen können vom Text her überhaupt nicht begründet werden. Alle zitierten Gleichnisse beginnen mit denselben Worten: „Das Himmelreich ist gleich…“, und sind somit parallel zu verstehen. Die Deutung auf lehrmässige Irrtümer im ersten Gleichnis, auf Israel im zweiten und auf die Gemeinde im dritten, ist völlig willkürlich. Für seine Auslegung des zweiten und dritten Gleichnisses gibt es auch keine Parallelstellen, die als Begründung herangezogen werden könnten. (Für das Gleichnis vom Sauerteig könnte der Autor geltend machen, dass es tatsächlich – in ganz anderem Zusammenhang – Bibelstellen gibt, wo „Sauerteig“ im Sinn von „Unreinheit“ verstanden wird. Diese Deutung würde aber dem Sinn widersprechen, den Jesus selber dem Gleichnis gibt mit den einführenden Worten „Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig“ – nicht „die lehrmässigen Irrtümer sind gleich…“. Sauerteig wird unter den Teig gemischt, um gutes Brot herzustellen, nicht um es zu verderben.) Jedenfalls widersprechen diese Auslegungen dem Prinzip, das die Dispensationalisten sonst selber verkünden: dass jede Schriftstelle, soweit wie möglich, nach ihrem natürlichsten und wörtlichsten Sinn verstanden werden sollte.
Die anderen Autoren des Buches haben denn auch an Hoyts Beitrag bemängelt, dass das blosse Anführen von Bibelstellen in Klammern nicht genüge, um eine eigenwillige Auslegung zu begründen.

2. „Die biblische Lehre vom Königreich Gottes

(…) Dieses Königreich wird dadurch gekennzeichnet sein, daß Gott selbst durch Seinen gesalbten König, den Messias (Christus) auf der Erde unmittelbar herrschen wird; der Satan wird gebunden und entmachtet sein, und die gottlosen Herrscher auf Erden werden gestürzt sein.
(…) »Nachdem aber Johannes gefangengenommen worden war, kam Jesus nach Galiläa und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!« (Mk 1,15-16)
Wohlgemerkt: Er sagte nicht, daß dieses Königreich, das die Propheten angekündigt hatten und das Israel erhoffte, bereits gekommen sei. Es war nahe herbeigekommen (Lk 10,9), für das Volk in greifbare Nähe gerückt, aber eben noch nicht angebrochen. Es war in einem gewissen Sinn in dem Messias selbst und Seinen Wunderzeichen zu ihnen gekommen (vgl. Mt 12,28; Lk 17,21), aber sie sahen den wirklichen Anbruch dieses Königreiches eben nicht; denn das hätte das Eingreifen des Messias vom Himmel her, das Gericht über alles Böse und den Beginn der realen Friedensherrschaft auf Erden bedeutet.
(…) Das »Evangelium vom Reich Gottes«, das der Herr und Seine Apostel in Israel verkündigten, war die Heilsbotschaft von dem nahen, bevorstehenden messianischen Königreich, das dem Volk Israel durch den Messias selbst angeboten wurde. Dieses Evangelium kündigte also dem Volk Israel und nur diesem Volk an, daß es bald in die verheißenen Segnungen der unmittelbaren, in Jerusalem verwirklichten Königsherrschaft des Messias eintreten könne, wenn es Buße tue und glaube.
Man beachte, daß der Herr ausdrücklich Seinen Gesandten gebot, diese Botschaft nur dem Haus Israel zu verkündigen, nicht den Heidenvölkern (Mt 10,5-8). Wir finden diesen Begriff »Evangelium vom Reich Gottes« nur im Zusammenhang mit Israel (bis auf die Ausnahme von Mt 24,14, auf die wir unten noch eingehen). Wenn das Volk Buße getan und den Messias angenommen hätte, dann hätten sie in dieses Königreich eingehen können (vgl. Apg 3,19-21). Nun aber verwarf das Volk als ganzes seinen Messias. Deshalb wurde das Reich Gottes von ihnen genommen und einem anderen Volk, dem Volk Gottes des Neuen Bundes, gegeben (Mt 21,43; 1Pt 2,10; Tit 2,14).
(…) Das den Juden einst verkündigte »Evangelium vom Reich« ist heute weder für Juden noch für Heiden gültig; es ist in der heutigen Zeit nicht zur Verkündigung bestimmt, sondern wird erst nach der Entrückung der Gemeinde, kurz vor dem Anbrechen des messianischen Reiches, noch einmal unter allen Völkern verkündet werden (Mt 24,14).“
(Rudolf Ebertshäuser, „Aufbruch in ein neues Christsein? – Emerging Church – Der Irrweg der postmodernen Evangelikalen“, 2008 – eine im übrigen gut durchdachte und fundierte Aufklärungsschrift, die nur leider nebenbei die dispensationalistischen Sonderlehren hineinschmuggelt.)

Wie so oft in dispensationalistischen Auslegungen, sind hier gute und richtige Gedanken mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten vermengt. Natürlich wird das „Reich Gottes“ im Sinne einer irdischen Herrschaft des Messias erst bei seiner Wiederkunft aufgerichtet werden. Aber wird dadurch gleich das „Evangelium vom Reich Gottes“ für die christliche Gemeinde völlig bedeutungslos? Diese Aussage ist ein weiteres Beispiel für die dispensationalistische Zerstückelung der Bibel, wodurch grosse Teile (in diesem Fall wesentliche Teile der Verkündigung Jesu) herausgeschnitten und als für die Gemeinde nicht gültig erklärt werden. Unter diesen Voraussetzungen kann der Autor natürlich nicht anders, als Matthäus 24,14 zu einer Ausnahme zu erklären und die Erfüllung dieses Verses auf die Zeit nach der Entrückung zu verschieben. (Merkt der Autor nicht, in was für Widersprüche er sich damit verwickelt? Wer soll denn „nach der Entrückung“, also gemäss Dispensationalismus mitten in der „grossen Trübsal“ und Verfolgung, allen Völkern – also weltweit – das Evangelium verkündigen, nachdem die Gemeinde gar nicht mehr da ist?)
– Zwischen der spekulativen Aussage, das messianische Reich wäre sogleich zu Israel gekommen, wenn das Volk Israel Jesus nicht verworfen hätte, und dem als Begründung angegebenen Text Apg.3,19-21, kann ich keinen logischen Zusammenhang herstellen. Es handelt sich hier ja um einen Ruf zur Umkehr, nachdem Israel Jesus bereits verworfen hatte. (Hätte das Volk Israel Jesus nicht verworfen, dann hätte Jesu stellvertretender Opfertod gar nicht stattgefunden!!)
Auch Ebertshäuser legt im übrigen die Himmelreichsgleichnisse vom Sauerteig und vom Senfkorn (Matth.13,31-33) ohne nähere Begründung im Sinne von antichristlichen Einflüssen aus. Es scheint, dass Dispensationalisten diese Auslegungen jeweils voneinander abschreiben, ohne überhaupt noch über deren Sinn oder Unsinn nachzudenken. (Dave MacPherson belegt in seinem Internet-Artikel „Pretrib Rapture Dishonesty“ über ein Dutzend Fälle von inter-dispensationalistischen Plagiaten allein zwischen 1970 und 2000, z.T. in weltweit bekannten Publikationen.)

Meine persönliche Erfahrung war überdies, dass ein Dispensationalist, auf andere (und sinnvollere) Auslegungsmöglichkeiten angesprochen, in der Regel ganz erstaunt reagiert, dass jemand diese Stellen überhaupt anders verstehen könnte als er; es sei doch „sonnenklar“, dass seine Auslegung die richtige sei. (So setzt Ebertshäuser über den oben zitierten Abschnitt wie selbstverständlich den Titel „Die biblische Lehre …“. Richtiger wäre „Die dispensationalistische Lehre …“.) Es kann auch vorkommen, dass der Dispensationalist anstelle einer Begründung einfach die anderen Auslegungen „abschiesst“ mit der Bemerkung, diese seien eben von Irrlehrern (z.B. Calvinisten, Pfingstlern, u.a.) inspiriert und deshalb falsch. (Also: Bevor Darby kam, war niemand in der Lage, die Bibel richtig zu verstehen. – Man kann natürlich über den Calvinismus, die Pfingstbewegung, etc, verschiedener Meinung sein. Meines Wissens blieb aber den Dispensationalisten unserer Tage die Dreistigkeit vorbehalten, den Calvinismus kategorisch als „Irrlehre“ zu brandmarken.)
Dieses irrationale Verhalten von ansonsten klug und vernünftig denkenden Menschen bestärkt bei mir den Verdacht, beim Dispensationalismus könnte noch etwas anderes mit im Spiel sein als rein sachliche Bibelauslegung: nämlich eine Bindung an eine „neue Offenbarung“, die in ihrem Denken mindestens denselben Stellenwert einnimmt wie das Wort der Bibel selbst. (Siehe Teil 1.)
C.H. Spurgeon sagte schon vor über hundert Jahren über Darbys Plymouth-Brüder: „Sie haben Entzücken daran, irgendeine noch unentdeckte Kaulquappe der Auslegung aufzufischen, um sie in der ganzen Stadt als eine seltene Delikatesse anzupreisen.“ (C. H. Spurgeon, „Commenting and Commentaries“, 1876, zitiert in Stephen Sizer, „John Nelson Darby (1800-1882) The Father of Premillennial Dispensationalism“.)

Um nochmals klarzustellen, worum es mir bei meiner Kritik im Kern geht: Ich habe nichts dagegen, dass Dispensationalisten die Bibel auf ihre Weise auslegen. Man kann über die Auslegung vieler Bibelstellen geteilter Meinung sein, ohne dass man einander dabei gleich der Bibelkritik oder der Irrlehre bezichtigen müsste. Aber man sollte dann auch dazu bereit sein, die eigene Auslegung aus der Bibel selbst zu begründen – und gegebenenfalls zuzugestehen, dass die Gegenseite ebenso (oder noch mehr) auf biblischer Grundlage steht. Das ist es, was viele Dispensationalisten – nach meiner Beobachtung – nicht tun: Sie nehmen ihre Begründungen – wenn überhaupt – aus einem zum vornherein festgelegten Dispensationen-Schema statt aus der Bibel selbst; und sie behaupten, ihre Auslegung sei die einzig richtige, und wer eine andere Auslegung vertrete, sei nicht bibeltreu. Damit leisten sie der „fundamentalistischen“ Bewegung einen Bärendienst. In den letzten Jahren ist vermehrt auch von evangelikaler Seite Kritik an dieser Bewegung laut geworden: „Christliche Fundamentalisten“ (d.h. bibeltreue Christen) seien konfliktiv, gesprächsunfähig, und nähmen die Bibel zu wörtlich. Nun sind natürlich viele heutige Evangelikale in Wirklichkeit gemässigt-kritisch in ihrer Haltung zur Bibel, und kritisieren deshalb jeden, der sich dem Wort der Bibel als irrtumslose Autorität unterstellt. Aber ich habe den Verdacht, dass manches an dieser Kritik ebenso auf die oben beschriebene Sturheit insbesondere des dispensationalistischen Flügels zurückzuführen ist, welcher nicht nur Gottes Wort, sondern auch die eigene spezielle Auslegung davon als „irrtumslos“ betrachtet.

Massstab für die Auslegung: das Alte oder das Neue Testament?

„Denn das Ende (oder richtiger: „Ziel“) des (alttestamentlichen) Gesetzes ist Christus, zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt.“ (Römer 10,4)

(alttestamentliche Verordnungen), „Dinge, die ein Schatten des Zukünftigen sind, sein eigentliches Wesen aber gehört Christus an.“ (Kolosser 2,17)

Daraus ergibt sich ein wichtiges Auslegungsprinzip: Das ganze Alte Testament zielt auf Christus hin. Seine eigentliche Erfüllung ist das Neue Testament. Deshalb muss das Alte Testament im Licht des Neuen Testaments ausgelegt werden, nicht umgekehrt. Die meisten christlichen Bibelausleger gehen nach diesem Prinzip vor.

Der Dispensationalismus dagegen nimmt die (wörtlich und physisch verstandenen) alttestamentlichen Verheissungen an Israel zur Grundlage, um von daher das Neue Testament zu interpretieren. Deshalb will der Dispensationalismus in allen möglichen neutestamentlichen Stellen und Begriffen ein irdisches messianisches Reich für Israel sehen (z.B. die „Errettung Israels“ in Röm.11,26, oder das Tausendjährige Reich in Offb.20,4-6), obwohl da gar nicht davon die Rede ist. Mit anderen Worten: der Dispensationalismus interpretiert neutestamentliche Aussagen im Licht des Alten Testaments.

Besonders deutlich wird das in der Auslegung der Kapitel Ezechiel 40 bis 48. Dies ist zugegebenermassen einer der schwierigsten Abschnitte der ganzen Bibel, weil da vom jüdischen Tempel- und Opferdienst (inklusive Sündopfer) die Rede ist, aber sich die genauen Voraussagen in der Geschichte Israels so nicht erfüllt haben. Es gibt deshalb mindestens fünf Auslegungsmöglichkeiten:
1. Die Prophetie bezieht sich auf den Wiederaufbau des Tempels nach dem babylonischen Exil und hat sich nicht detailgetreu erfüllt, entweder weil die Juden die darin enthaltenen Weisungen nicht ausführten, oder weil die Prophetie nicht wörtlich, sondern symbolisch gemeint ist.
2. Die Prophetie ist geistlich zu verstehen und beschreibt symbolhaft die christliche Gemeinde, die ja im Neuen Testament mehrfach als „Tempel Gottes“ bezeichnet wird (z.B. 1.Kor.3,16-17, Eph.2,19-22, 1.Petrus 2,5).
3. Die Prophetie wird sich in der Zukunft wörtlich erfüllen (Wiederherstellung des Tempel- und Opferdienstes für Israel).
4. Die Prophetie wird sich in der Zukunft geistlich erfüllen (im Neuen Jerusalem, Offb.21 und 22).
5. Die Prophetie ist überhaupt nicht zur Erfüllung bestimmt, sondern dazu, den Zuhörern ein Idealbild sozusagen als Spiegel vorzuhalten, damit sie beschämt werden und von ihrer Sünde überführt werden (Ezechiel 43,10-11, 45,9-10), d.h. wie weit sie von diesem Idealbild entfernt sind.

Vom Neuen Testament her ist es klar, dass Tempel- und Opferdienst mit dem einmaligen Sündopfer Jesu abgeschafft sind, und dass damit ein „Wechsel des Gesetzes“ und des Priestertums stattgefunden hat (Hebräer 7,12). Seither besteht auch für Israel der einzige Weg zum Heil im Glauben an Jesus Christus. Im Licht des Neuen Testaments scheidet also die Auslegung Nr.3 aus (wörtliche Wiedereinführung des Tempel- und Opferdienstes in der Zukunft). Genau dies ist aber die Auslegung, die vom Dispensationalismus vorgebracht wird: Da Israel und die christliche Gemeinde zwei völlig verschiedene Körperschaften seien, „müsse“ Ezechiels Prophetie noch wörtlich und speziell für Israel in Erfüllung gehen. Dispensationalisten postulieren deshalb, dies werde im Tausendjährigen Reich der Fall sein. Nur in einem Punkt weichen sie inkonsequenterweise von einem wörtlichen Verständnis ab: Die von Ezechiel erwähnten Sündopfer seien selbstverständlich keine Sündopfer, sondern „Erinnerungsopfer“ an das Opfer Jesu. Dies obwohl im ganzen Neuen Testament nirgends von einem zukünftigen Tempel- oder Opferdienst für Israel die Rede ist. So werden dem Neuen Testament alttestamentliche Vorstellungen aufgezwungen, statt das Alte Testament vom Neuen her auszulegen.

Gegenwärtig kein Evangelium für Israel?

Wir haben schon gesehen, dass Dispensationalisten mit zwei separaten „Evangelien“ rechnen, eines für die Juden und eines für die Heiden. Manche unter ihnen gehen deshalb so weit, dass sie sagen, in der gegenwärtigen Zeit müssten bzw. sollten die Juden überhaupt nicht evangelisiert werden. Gleichzeitig sind Dispensationalisten aber sehr aktiv in Organisationen zur Unterstützung des irdischen Staates Israel. So ergibt sich die paradoxe Situation, dass gegenwärtig eine ganze Reihe christlicher Israel-Hilfsorganisationen existieren, die bewusst darauf verzichten, Juden zu evangelisieren. D.h. sie enthalten dem jüdischen Volk genau das Wichtigste vor, was Christen Israel geben könnten, nämlich das Evangelium!
Eine offene Frage wäre hier zudem, warum überhaupt die irdische Wiederherstellung des Staates Israel schon vor über 60 Jahren stattfinden konnte, wo doch nach dispensationalistischer Ansicht Gott sein Handeln an Israel erst wieder aufnehmen würde, nachdem die „Zeit der Gemeinde“ abgeschlossen wäre – siehe in der nächsten Folge. (Tatsächlich sagte Darby, Jesus müsse zuerst wiederkommen, bevor Israel in sein Land zurückkehren könnte.)

Der Dispensationalismus – Theologie aus zweifelhafter Quelle

17. Mai 2012

Warum ein Artikel über den Dispensationalismus? – Dispensationalisten haben sich ziemlich hervorgetan im Analysieren und Zurückweisen aller Arten von „endzeitlichen Verführungen“. Das ist eine gute und nötige Arbeit. Aber wenn sie von dispensationalistischer Seite kommt, dann werden dafür einfach andere, eben dispensationalistische Fehler in die Gemeinde Jesu eingeführt. Deshalb muss auch der Dispensationalismus analysiert werden. Das ist – insbesondere im deutschen Sprachraum – noch viel zu wenig gemacht worden. In manchen Kreisen gilt anscheinend die Gleichung „bibeltreu = dispensationalistisch“. Ich möchte hier aufzeigen, warum diese Gleichung nicht so ohne weiteres aufgeht.
Ich habe dabei nicht vor endgültig zu beweisen, ob der Dispensationalismus an sich „falsch“ oder „richtig“ sei – ich denke, das ist rein argumentativ nicht zu entscheiden. Ich möchte einfach einige wenig bekannte Hintergründe aufzeigen, die Sinn machen, wenn ich sie mit der Argumentationsweise und dem Verhalten von mir bekannten Dispensationalisten vergleiche. Und die begründen, warum ich den Dispensationalismus als zumindest „zweifelhaft“ bezeichne.

Die theologische Strömung des Dispensationalismus wurde im wesentlichen von John Nelson Darby anfangs des 19.Jahrhunderts ins Leben gerufen. Es handelt sich um ein Auslegungsschema, welches jede Bibelstelle einer bestimmten heilsgeschichtlichen „Dispensation“ zuweisen will und je nachdem die Anwendbarkeit der betreffenden Bibelstelle einschränkt. In Anwendung dieses Schemas kommen dispensationalistische Ausleger teils zu durchaus zutreffenden Schlussfolgerungen (z.B. dass bestimmte Bibelstellen nur auf das Volk Israel wörtlich anwendbar sind, andere wiederum nur auf die an Jesus Gläubigen); teils aber zu haarsträubenden Gedankensprüngen. Z.B. dass die Zehn Gebote für Christen nicht gelten würden, ausser sie würden durch ausdrückliche Wiederholung im Neuen Testament erneut gültig gemacht. Oder dass die Bergpredigt erst nach der Wiederkunft Jesu Gültigkeit erlangen werde. Oder dass es zwei verschiedene Evangelien gebe, ein „Evangelium vom Reich“ nur für die Juden, und ein „Evangelium der Gnade“ nur für die Heiden.

Damit ist bereits ein wesentliches Problem des Dispensationalismus angesprochen: Manche Bibelstellen lassen sich von ihrer Aussage und ihrem Zusammenhang her nicht eindeutig einer einzigen, bestimmten „Dispensation“ zuordnen. (Ganz abgesehen davon, dass der Begriff der „Dispensation“ an sich in der Bibel nirgends im Sinne des Dispensationalismus definiert oder verwendet wird). In diesen Fällen nimmt der Dispensationalist die Zuordnung nach willkürlichen und oft fragwürdigen Kriterien vor, und hält dann dogmatisch an der einmal getroffenen Zuordnung fest. Es handelt sich nicht um ein vorurteilsloses Herangehen an die Bibel, sondern um ein zum voraus festgelegtes Auslegungsschema, das dann der Bibel übergestülpt wird.

Verbreitet wurde der Dispensationalismus seit Anfang des 20.Jahrhunderts vor allem durch die Kommentare der „Scofield-Bibel“, die sich auch heute noch in gewissen Kreisen grosser Beliebtheit erfreut. Durch die kritiklose Aufnahme dieser Kommentare haben sich manche Gläubige ein sehr einseitiges Bibelverständnis angeeignet, sodass sie den Bibeltext nur noch durch die dispensationalistische Brille lesen und verstehen können. (Dieselbe Gefahr besteht natürlich bei Bibelkommentaren jedweder theologischen Ausrichtung. Doch habe ich bei Dispensationalisten beobachtet, dass sie sich ganz besonders an ihr spezifisches Auslegungsschema klammern und jede Kritik daran als eine Kritik an der Bibel selbst werten. – Persönlich ziehe ich es vor, ganz ohne Bibelkommentare auszukommen. Wenn es aber doch einmal notwendig sein sollte, dann versuche ich, zur selben Stelle zwei oder drei Kommentare aus gegensätzlichen theologischen Richtungen zu finden und vergleiche sie miteinander.)
Weiter waren führende Dispensationalisten anfangs des 20.Jh. sehr aktiv in der Begründung des amerikanischen „Fundamentalismus“. (Das war damals noch kein Schimpfwort, sondern bezeichnete einfach die Haltung, auf der biblischen Wahrheit als „Fundament“ aufzubauen, und an den „fundamentalen“ Glaubenswahrheiten festzuhalten.) Dadurch ist ein grosser Prozentsatz ernsthafter Christen dispensationalistisch infiziert worden, sodass es eben zu der Auffassung kam, nur die dispensationalistische Auslegung sei bibeltreu.
Die Bestseller-Autoren Hal Lindsey und Tim La Haye haben in den letzten Jahrzehnten weiter beigetragen zur Popularisierung des Dispensationalismus – insbesondere dessen spekulativer Auslegung der biblischen Endzeitprophetien.

Der Ursprung des Dispensationalismus – eine neue Lehre

Wenden wir uns nun dem Ursprung des Dispensationalismus zu. Die Anfänge dieser Strömung sind eng verflochten mit den Auseinandersetzungen um die Person J.N.Darbys bei den damaligen Plymouth-Brüdern, aus denen später die Denominationen der „Offenen Brüder“ (open brethren) und der „Geschlossenen Brüder“ (exclusive brethren) hervorgingen. Darby war eine führende Persönlichkeit – während längerer Zeit die dominante Persönlichkeit – in der Brüderbewegung, und er versuchte seinen Dispensationalismus als die verbindliche Theologie dieser Bewegung durchzusetzen. Dem widersetzten sich jedoch andere leitende Brüder, u.a. Georg Müller (der bekannte „Waisenvater“ von Bristol) und der Theologe Samuel Prideaux Tregelles (bekannt als biblischer Textforscher). Georg Müller sagte einmal, er sähe sich gezwungen, zwischen Darby und der Bibel zu entscheiden, und er wähle die Bibel. (Mark Dankof, „A Historical Critique of Dispensationalism, Zionism, and Daniel’s Prophecy of 70 Weeks“)
Auseinandersetzungen und Spaltungen in der Brüderbewegung entstanden nicht nur aufgrund des Dispensationalismus, sondern auch aufgrund der autoritären und anmassenden Persönlichkeit Darbys. Doch das nur am Rande.

Darbys Selbstzeugnis

Gemäss Darbys eigenem Zeugnis erhielt er die „dispensationalistische Wahrheit“, während er sich von einer schweren Verletzung nach einem Reitunfall erholte und die Bibel las:

„Das 32.Kapitel von Jesaja lehrte mich klar, von Gott her, dass noch eine von Ihm angeordnete Ökonomie (Dispensation) bevorstand; ein Zustand der Dinge, der noch in keiner Weise hergestellt ist. Das Bewusstsein meiner Vereinigung mit Christus hatte mir den gegenwärtigen himmlischen Anteil der Herrlichkeit gegeben, während dieses Kapitel klar den dazugehörigen irdischen Anteil darlegt. Ich konnte damals diese Dinge noch nicht an ihren jeweiligen Platz stellen oder sie der Reihe nach anordnen, wie ich es jetzt kann; aber die Wahrheiten selbst wurden (mir) damals von Gott offenbart, durch das Wirken Seines Geistes beim Lesen Seines Wortes.
Was musste getan werden? Ich sah in jenem Wort das Kommen Christi, um die Gemeinde zu sich zu nehmen in der Herrlichkeit. (…)“
(Nach Thomas Ice, „When did J.N.Darby discover the Rapture?“)

Dieses Zeugnis fasst kurz, und nicht allzu klar, die zwei Hauptlehren zusammen, die Darby – erst mehrere Jahre später – zu verkündigen begann:
1. Israel und die Gemeinde sind zwei so völlig unterschiedliche Körperschaften, dass Bibelstellen, die für Israel gelten, nicht zugleich für die Gemeinde gelten können, und umgekehrt. Insbesondere beziehen sich die alttestamentlichen Prophezeiungen über die zukünftige Herrlichkeit Israels ausschliesslich auf die Rolle Israels im tausendjährigen Reich, und dürfen nicht auf die christliche Gemeinde übertragen werden. Das Zeitalter der Gemeinde war „unsichtbar“ für die Autoren des Alten Testaments.
2. Die Wiederkunft Jesu findet in zwei unterschiedlichen „Etappen“ statt: zuerst ein „geheimes“ Kommen, das nur von der Gemeinde wahrgenommen wird und bei dem diese entrückt wird (noch vor der „grossen Trübsal“); später ein öffentliches Kommen zum Weltgericht.

Mit der Zeit wurden diese Ideen weiter ausgearbeitet (hauptsächlich von Scofield) zu einem kompletten System von „Dispensationen“.

Darby hatte übrigens eine äusserst negative Sicht von allen Dispensationen, einschliesslich der gegenwärtigen:

„In jedem Beispiel gab es ein völliges und unmittelbares Versagen seitens des Menschen; dennoch konnte die Langmut Gottes aus Gnade die Dispensation tolerieren und zu Ende bringen, in welcher der Mensch von Anfang an versagt hatte; und ausserdem wurde uns nicht ein einziges Beispiel der Wiederherstellung irgendeiner Dispensation gegeben, obwohl es teilweise Wiederbelebungen [bestimmter Dispensationen] durch den Glauben geben konnte.“
(Gesammelte Werke J.N.Darbys, zitiert in Edmund Hamer Broadbent, „The Pilgrim Church“)

Broadbent fasst die Lehre Darbys zu diesem Punkt weiter zusammen:

„Die Beispiele, die er von diesem Versagen am Anfang jeder Periode gibt, sind: die Trunkenheit Noahs, der Fall Abrahams, der nach Ägypten ging und dort Sara verleugnete, und das goldene Kalb, das die Israeliten anbeteten.
Dasselbe behauptete er von der Gemeinde: ‚Innerhalb der Christenheit fand eine moralische Abweichung von Gott statt.‘ Sogar im Leben der Apostel waren der ‚Abfall‘, die ‚gefährlichen Zeiten‘, ‚die letzte Stunde‘ und das Werk des ‚Geheimnisses der Gesetzlosigkeit‘ bereits gegenwärtig. Die Apostel versagten in der Ausführung des Auftrags des Herrn, in die ganze Welt zu gehen und das Evangelium allen zu predigen. Ausserdem blieben sie in Jerusalem, als sie von dort hätten fliehen sollen. Ein neuer Heidenapostel musste erstehen, um ihr Ungenügen zu kompensieren. ‚So‘, schreibt Darby, ‚versagte diese Periode, genau wie die anderen, und wurde gleich zu Anfang unterbrochen (…) kaum war sie voll eingesetzt, als sie bereits scheiterte.‘
Er fragt dann, ob die Gläubigen ‚in unseren Tagen kompetent seien, Gemeinden zu organisieren nach dem Modell der ursprünglichen Gemeinden, wie sie annehmen‘, und ‚ob die Formierung solcher Körperschaften dem Willen Gottes gemäss sei‘. Seine Antwort ist ’nein‘, weil ‚die Kirche sich im Zustand einer Ruine befindet (…) die erste Abweichung ist fatal und ist eine Grundlage für das Gericht (…) die Schrift registriert nirgends eine Wiederherstellung eines solchen Zustandes (…) Wenn wir anerkennen, dass wir in einem Abfall leben, der sich verschnellert bis zu seiner schliesslichen Vollendung, statt in einer Gemeinde oder einer Periode, die Gott durch seine Gnadentreue unterhält, dann verändert das die ganze Stellung der Seele‘, sagt Darby.“
(Broadbent, a.a.O.)

Es ist mir nicht bekannt, inwieweit heutige Dispensationalisten diese pessimistische Sicht von der Gemeinde teilen. In gewisser Hinsicht kann ich Darby ja verstehen: Wenn man den gegenwärtigen Zustand der Gemeinde sowie die Kirchengeschichte ansieht, dann findet man tatsächlich viel mehr Anzeichen von Abfall als von Erweckung. Und sogar manches, was als Erweckung ausgegeben wird und wurde, ist in Wirklichkeit ein noch weiteres Abweichen von Gott. Ich kann von daher auch nachvollziehen, dass Dispensationalisten sehr misstrauisch sind gegenüber allem, was nach Erweckung riecht.
Wenn man aber daraus schliesst, dass der Abfall die unvermeidliche Norm sei, und das seit den ersten Anfängen der Kirchengeschichte, dann ist das nicht Schriftauslegung, sondern Erfahrungstheologie. Die Schrift spricht nicht nur von Abfall, sondern sie sagt auch: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“ (Matthäus 28,20) – „…und niemand wird sie aus meiner Hand reissen.“ (Johannes 10,28) – „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“ (Römer 8,31) – „Er wird aber stehenbleiben, denn der Herr vermag ihn aufrechtzuhalten.“ (Römer 14,4) – „Gott aber ist treu, der euch nicht über euer Vermögen wird versucht werden lassen, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird, sodass ihr sie ertragen könnt.“ (1.Korinther 10,13) – „Und sie haben ihn überwunden um des Blutes des Lammes und um des Wortes ihres Zeugnisses willen, und haben ihr Leben nicht liebgehabt bis zum Tode.“ (Offenbarung 12,11)
– Alle diese Verheissungen (und es gibt noch weitere) zeigen, dass Gott willens und mächtig ist, die Seinen (d.h. die wahre Gemeinde) im Glauben zu bewahren. Die Behauptung, der Abfall sei notwendig und unvermeidlich, zeugt von Kleinglauben diesen Verheissungen gegenüber.

Nun ging Darby ja noch viel weiter als das, wie die obigen Zitate zeigen. Er leugnete nicht nur die Legitimität von Erweckungen oder des Wunsches nach Erweckung. Er leugnete überhaupt die Legitimität eines jeden Unterfangens, neutestamentliche Gemeinde zu bauen, von der nachapostolischen Zeit bis heute! Nach Darby hat „Gemeinde“ im Sinne des Neuen Testaments aufgehört zu existieren, sobald die Apostel nicht mehr da waren. Von daher leugnete er auch die Gültigkeit neutestamentlicher Verheissungen oder Anweisungen an die Gemeinde für die nachapostolische Zeit. Die echten Christen heute sollten sich zwar als „zwei oder drei“ versammeln, aber sie dürften sich in keiner Weise anmassen, eine „Gemeinde“ zu bilden. (Es ist mir ein Rätsel, wie Darby diese seine Lehre vereinbaren konnte mit seiner späteren Forderung nach strenger Gemeindezucht – sogar in Fällen, wo eine solche gar nicht angebracht war.)

Zweifel an der Aufrichtigkeit Darbys

Der weiter oben erwähnte S.P.Tregelles – ein Insider der damaligen Brüderbewegung – veröffentlichte jedoch eine von Darby abweichende Version über den Ursprung des Dispensationalismus: Die Lehre einer „geheimen Entrückung“, und eines „geheimen“ Kommens Jesu, war bereits 1811 veröffentlicht worden in einem spanischen Buch mit dem Titel „La venida del Mesías en gloria y majestad“ (Das Kommen des Messias in Herrlichkeit und Majestät), von einem gewissen Juan Josafat Ben Ezra. Das war das Pseudonym des jesuitischen Priesters Emanuel Lacunza. Es ist spekuliert worden, dass Lacunza unter diesem Pseudonym schrieb, um sein Buch für Protestanten akzeptabel zu machen. Ob das seine Absicht war oder nicht, es funktionierte: Das Buch wurde vom Vatikan auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt, was es für Protestanten erst recht interessant machte.
Dieses spanische Buch wurde 1827 von dem schottischen Prediger Edward Irving auf Englisch übersetzt und verbreitet. (Interessanterweise ist 1827 das Jahr, das Darby angibt als den Beginn seiner öffentlichen Lehre des Dispensationalismus. Nachgewiesen werden kann seine Lehre über diese Themen aber erst ab 1833.) Nun hatte Darby in jener Zeit recht engen Kontakt mit Irving und seinen Anhängern, und nahm an mehreren ihrer Zusammenkünfte und Konferenzen (u.a. über biblische Prophetie) teil. Tregelles versichert, Darby hätte seine Ansichten über die Entrückung von Irvings Gruppe übernommen. (Angaben grösstenteils nach Wikipedia, Artikel „Rapture“ und „Edward Irving“ (englisch)

„Ich weiss nichts über irgendeine definitive Lehre, dass es eine geheime Entrückung der Gemeinde anlässlich einer geheimen Wiederkunft gäbe, bevor dies in Herrn Irvings Gemeinde ausgesprochen wurde als eine ‚Eingebung‘ von – wie es damals angenommen wurde – der Stimme des Geistes. Aber [unabhängig davon] ob jemand irgendwann [zuvor] so etwas behauptet hatte oder nicht, von dieser angeblichen Offenbarung war es, wo die moderne Lehre und die diesbezügliche moderne Ausdrucksweise herstammte. Sie kam nicht aus der Heiligen Schrift, sondern von etwas, was fälschlicherweise behauptete, Gottes Geist zu sein.“
(S.P.Tregelles, „The Hope of Christ’s Second Coming“, zitiert bei Ed Tarkowski, „In Search Of The Origins Of The Pretrib Doctrine“)

Ein anderer der frühen Plymouth-Brüder war Robert Baxter. Er schrieb:

„In einigen der Schriften von Herrn Irving wurde die Meinung ausgesprochen, dass vor dem zweiten Kommen Christi, und vor dem Anbruch des Tages der Rache über die Welt, wie er in der Schrift nachdrücklich genannt wird, die Heiligen zum Himmel entrückt würden wie Henoch und Elias, und so vor der Zerstörung dieser Welt gerettet würden, wie Noah in der Arche gerettet wurde, und wie Lot aus Sodom gerettet wurde. Das war eine Meinung, der ich mich nie anschliessen konnte; da ich annahm, unsere Zuflucht in und durch die Tage der Rache würde irgendein irdisches Heiligtum sein, bis der Herr käme, die Toten auferweckt würden, und die am Leben gebliebenen entrückt würden (1.Thess.4,17).“
(Robert Baxter, „Narrative of Facts“, 1833, zitiert a.a.O.)

Die „Irvingiten“ waren eine Art charismatische Splittergruppe, die das Zungenreden und prophetische Eingebungen pflegten. Bekannt geworden ist eine dieser Eingebungen, die im Jahre 1830 der fünfzehnjährigen Margaret MacDonald gegeben wurde. Diese lehrt ein „geheimes“ Kommen Jesu und eine geheime Entrückung als ein separates Ereignis, verschieden vom öffentlichen zweiten Kommen Jesu. Einige Forscher vermuten, dass Darby auch anwesend war, als dieses Wort weitergegeben wurde – jedenfalls war er mit Margaret MacDonald bekannt. (Dave MacPherson, „The Incredible Cover-Up: The True Story of the Pre-Trib Rapture“, 1975) Es ist nicht klar, ob Tregelles sich auf diese selbe Eingebung bezieht oder auf eine andere. Jedenfalls sagt er, seines Wissens hätte zuvor niemand (also auch Darby nicht) eine geheime Entrückung gelehrt.
Die Irvingiten entwickelten zunehmend abwegigere Lehren und Praktiken, sodass Darby sich gegen sie wandte und sie schliesslich entschieden ablehnte. Auch die schottische Kirche schloss Irving im Jahre 1833 wegen Irrlehre aus ihrer Mitte aus. (Wikipedia, Artikel „Edward Irving“ (englisch)

Die Diskussion darüber, ob das Selbstzeugnis Darbys oder das Zeugnis Tregelles‘ glaubwürdiger sei, dauert bis heute an. Verteidiger des Dispensationalismus, welche das Zeugnis Tregelles‘ ablehnen, haben wortreich argumentiert, die Irvingiten hätten nicht wirklich eine Entrückung vor der Trübsal gelehrt, und ihre dementsprechenden Äusserungen könnten auch als Entrückung während oder nach der Trübsal ausgelegt werden. (Lacunza z.B. nahm einen Zeitraum von 45 Tagen zwischen der Entrückung und der Wiederkunft Jesu an.) Aber damit wird die Auseinandersetzung auf einen Nebenschauplatz abgelenkt. Der Kern der neuen Lehre besteht nicht darin, ob die Entrückung „vor“ oder „nach“ der Trübsal stattfinde, sondern ob es überhaupt eine „geheime“ Entrückung gibt, d.h. ein „geheimes“ Kommen Jesu, verschieden von seiner öffentlichen Wiederkunft. Diese Idee von „zwei Etappen“ der Wiederkunft Jesu wurde von Lacunza, sowie von Irving und seinen Anhängern unmissverständlich gelehrt.

Einerseits ist die Anfrage berechtigt, ob Darby tatsächlich einen seiner Schlüsselgedanken von einer Gruppierung übernommen haben sollte, die er letztendlich heftig ablehnte. Andererseits wäre das aber gerade eine Erklärung dafür, warum er die Herkunft dieser Idee verschwieg, obwohl er als Teilnehmer an Irvings Konferenzen mit dessen Lehre vertraut gewesen sein muss. Da er sich öffentlich gegen die Irvingiten ausgesprochen hatte, konnte er ja nicht gut sagen, dass er eine ihrer Lehren zu einem Grundstein seines theologischen Systems gemacht hatte! – Man bedenke, dass der Brief, in dem Darby erstmals seine „Erleuchtung“ nach seinem Reitunfall schildert, dreissig Jahre nach dem Ereignis geschrieben wurde. Er hat also dreissig Jahre lang überhaupt keine Erklärung für den Ursprung seiner Lehre geliefert.

So oder so: Der Dispensationalismus ist eine „neue Offenbarung“

Auch wenn Darby die Wahrheit gesagt haben sollte: Er selber führt seine Lehre auch auf eine „neue Offenbarung“ zurück. („Die Wahrheiten selbst wurden damals von Gott offenbart…“) Zwar eine „Offenbarung“, die ihm beim Lesen der Heiligen Schrift kam – aber eben doch eine „neue Offenbarung“, die ihn dazu führte, die Bibel auf eine Art und Weise auszulegen, wie sie vor ihm in der ganzen Kirchengeschichte noch nie ausgelegt worden war. Die Wendung „Gott offenbarte mir…“ erscheint noch an weiteren Stellen in Darbys Schriften, wo er auf seine Entdeckung der „dispensationalistischen Wahrheit“ Bezug nimmt. (Quellen bei Stephen Sizer , „John Nelson Darby (1800-1882) The Father of Premillennial Dispensationalism“.)

Das ist ein wichtiger Kritikpunkt gegen den Dispensationalismus: Es handelt sich um eine neue Lehre, die allen vorangegangenen Theologien widerspricht. Sollten sich tatsächlich alle Gottesmänner der ganzen Kirchengeschichte vor Darby geirrt haben? Jede andere ernstzunehmende theologische oder denominationelle Strömung hat historische Vorgänger, mit denen sie im Einklang steht. Die Reformatoren konnten auf Augustin, auf Wyclif und auf Hus zurückverweisen. Die Täufer waren geistliche Nachfahren der Waldenser, sowie der Gemeinde der ersten Jahrhunderte und natürlich der Apostel selber. Die Pfingstbewegung hat Vorgänger im Montanismus, in John Wesley, und ebenfalls in der Praxis der Urgemeinde. Auch die Hausgemeindebewegung kann auf die Urgemeinde zurückverweisen, sowie auf Minucius Felix, auf Schwenckfeld, die Quäker, den frühen Methodismus, und andere. Der Dispensationalismus hat keine solchen historischen Vorgänger.
Diese Tatsache ist eine grosse Verlegenheit für die Verteidiger des Dispensationalismus. Wenn sie das Selbstzeugnis von Darby annehmen wollen, dass seine Lehre tatsächlich seine eigene originale Erfindung (bzw. „Offenbarung“) war, dann müssen sie erklären, warum niemand vor ihm auf diese Idee kam, und warum alle Theologen vor ihm die Bibel „falsch“ ausgelegt haben. Wenn sie dagegen nach historischen Vorgängern suchen wollen, dann landen sie bei einem jesuitischen Priester und einem charismatischen Sektengründer.

Pikant daran ist, dass die Dispensationalisten – zumindest in Deutschland – führend sind in der Opposition gegen die Pfingst- und die charismatische Bewegung. Da „darf“ es natürlich nicht wahr sein, dass ihr eigener Ursprung in einer charismatischen Bewegung und in einer „neuen Offenbarung“ liege!
Das Verhältnis zwischen Dispensationalisten und Pfingstlern ist doppelt paradox. Einmal eben wegen dieses Ursprungs des Dispensationalismus in einer „neuen Offenbarung“. Ob es Lacunza, Irving oder Darby war, der diese „Offenbarung“ als erster erhielt, ist hierbei ziemlich unwesentlich. Manche Vorwürfe der Dispensationalisten gegen die Pfingstbewegung (z.B. das Akzeptieren „neuer Offenbarungen“, oder unsachgemässer Umgang mit der Schrift) fallen damit auf sie selbst zurück.
Aber auch die Haltung der Pfingstler in dieser Frage ist widersprüchlich: Während sie einerseits an der fortdauernden Gültigkeit aller Gaben des Heiligen Geistes festhalten, haben sie andererseits die meisten Postulate des Dispensationalismus unkritisch übernommen. Es gibt kaum eine pfingstliche Kirche oder Denomination, wo nicht dispensationalistische Auslegungsprinzipien und das dispensationalistische Endzeitschema gelehrt werden. (Mit Ausnahme der dominionistischen Kreise in den USA, die inzwischen auch unter Charismatikern an Einfluss gewinnen.) Als ich einmal in einer kleineren pfingstlichen Buchhandlung nach Büchern über biblische Prophetie fragte, wurde mir als einziger Titel ein Buch von Tim La Haye angeboten. J.M.Thekkel, ein glühender Verfechter des Dispensationalismus, behauptet (wahrscheinlich ein wenig übertrieben), dass „100% der Pfingstler, 98% der Plymouth-Brüder und 95% der Südlichen Baptisten an die Entrückung vor der Trübsal glauben“. (John Mathew Thekkel, „The Origins of the Pre-Tribulation Rapture“).

Wie legt das Neue Testament das Alte aus?

Was die kirchengeschichtliche Neuheit des Dispensationalismus betrifft, so ist auch der Umstand von Gewicht, dass das Neue Testament nirgends eine „dispensationalistische“ Auslegung alttestamentlicher Texte nahelegt. Ganz im Gegenteil: der Umgang neutestamentlicher Autoren (inbegriffen Jesus selbst) mit alttestamentlichen Texten widerspricht dispensationalistischen Auslegungsprinzipien diametral. Da werden Prophetien aus dem Alten Testament mit aller Selbstverständlichkeit wörtlich auf die christliche Gemeinde angewandt. Einige Beispiele mögen dies zeigen:

„Da sagt Jesus zu ihnen: Ihr werdet in dieser Nacht alle an mir Anstoss nehmen; denn es steht geschrieben: Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen.“ (Matth.26,31)

Jesus wendet das alttestamentliche Wort, das über das (ganze) Volk Israel gesprochen worden war, auf die exklusive Gruppe seiner elf Jünger an.

„Da öffnete er ihnen den Sinn, damit sie die Schriften verständen, und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben, dass der Christus auf diese Weise leiden und am dritten Tage auferstehen werde, und dass auf seinen Namen hin Umkehr zur Vergebung der Sünden verkündet werden solle unter allen (Heiden-)Völkern, beginnend mit Jerusalem.“ (Lukas 24,45-47)

Jesus lehrte seine Jünger offensichtlich nicht die dispensationalistischen Auslegungsmethoden! Er öffnete ihr Verständnis für die (alttestamentlichen) Schriften in dem Sinne, dass dort die Erfüllung des Missionsauftrags vorausgesagt wird, also die Ausbreitung der christlichen Gemeinde unter alle Völker.

„Denn es steht geschrieben im Buch der Psalmen: Seine Behausung soll veröden, und niemand soll dasein, der darin wohnt, und: Sein Vorsteheramt soll ein anderer empfangen.“ (Apg.1,20)

Diese alttestamentlichen Stellen werden von den Aposteln als wörtliche und direkte Anweisung in ihrer Situation verstanden, einen Nachfolger anstelle von Judas zu wählen.

„Und Paulus und Barnabas sagten freimütig: Euch (Israeliten) zuerst musste das Wort Gottes verkündigt werden; da ihr es von euch stosst und euch des ewigen Lebens selbst nicht für würdig achtet, siehe, so wenden wir uns zu den Heiden. Denn so hat uns der Herr geboten: Ich habe dich zum Licht der Heiden gesetzt, damit du zum Heil gereichest bis an das Ende der Erde.“ (Apg.13,46-47)

Hier sehen Paulus und Barnabas im Alten Testament die christliche Heidenmission vorausgesagt. – Ebenso Jakobus in Apg.15,14-17.

„Das Jerusalem droben aber ist eine Freie, und das ist unsere Mutter. Denn es steht geschrieben: Sei fröhlich, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst; brich in Jubel aus und jauchze, die du nicht in Wehen liegst! Denn viele Kinder wird die Vereinsamte haben, mehr als die, welche den Mann hat.“ (Galater 4,26-27)

Paulus wendet dieses Wort aus Jesaja auf die Heidenchristen in Galatien an.

Nun mag ein Dispensationalist einwenden, es handle sich bei solchen apostolischen Bibelauslegungen um göttlich inspirierte Ausnahmen, die während der apostolischen Dispensation unter der direkten Leitung des Heiligen Geistes zulässig gewesen seien, heute aber nicht mehr. So kommt ihm sein eigenes Dispensationen-Schema zu Hilfe, um dasselbe zu retten – wie Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zog.

Paulus will aber offensichtlich seine Art der Auslegung nicht als Ausnahme verstanden wissen. In 1.Korinther 10 fasst er kurz die Wüstenwanderung Israels nach dem Auszug aus Ägypten zusammen und sagt dann in Vers 6:

„Diese Dinge aber sind als Vorbilder für uns geschehen, damit wir uns nicht nach Bösem gelüsten lassen … (usw.)“

Damit wird nicht eine einmalige apostolische inspirierte „Ausnahme-Auslegung“ angesprochen, sondern ein allgemeines Auslegungsprinzip: Die im Alten Testament berichteten Ereignisse sind „Vorbilder“ für die christliche Gemeinde.

In einem zweiten Teil werde ich näher auf einige Aspekte der dispensationalistischen Bibelauslegung eingehen.

Mathematische Kunstausstellung (Teil 3): Modulare Potenzen-Perserteppiche

10. Mai 2012

Modulare Potenzen-Perserteppiche

In der vorhergehenden Folge haben wir die Zahlen der Multiplikationstabelle verschieden eingefärbt, je nach dem Rest (Modulo), den sie beim Teilen durch eine bestimmte Zahl ergeben. Dann machten wir etwas Ähnliches mit den Quadrat- und Kubikzahlen, und bewunderten die dadurch entstehenden Kunstwerke.

Wir können aber modulare Potenzfunktionen auch so darstellen, dass wir nicht den Exponenten, sondern den Teiler als Konstante wählen. Wir zeichnen also die Funktion z = yx mod n für verschiedene Zahlen n. Wir haben fast dasselbe schon mit der Multiplikationstabelle gemacht: dort zeichneten wir die Funktion z = xy mod n. Wir sahen dabei, dass sich jeweils ein Muster von n x n Feldern wiederholte. Wie sehen diese Wiederholungen bei der Potenzfunktion aus?

In „y-Richtung“ (wenn y die Basis der Potenz ist) gibt es logischerweise eine Wiederholung, sobald y = n ist, denn dann potenziert sich der Rest von y, der hier wieder Null ist (und dann wieder 1, 2, 3, usw). Ich habe deshalb die Bilder jeweils auf der Höhe von n abgeschnitten. In „x-Richtung“ gibt es offensichtlich auch eine Wiederholung; aber es ist nicht so einfach vorauszusagen, wo genau diese eintritt!

Dies sind die Bilder für alle n von 8 bis 18:

Wir sehen, dass hier jede Zahl ihre besondere Eigenart hat.
– Wenn n eine Potenz von 2 ist (z.B. 8 oder 16), wird das Bild vorwiegend rot (= Rest Null). Logisch: Jede gerade Zahl, wenn man sie genügend oft potenziert, ergibt ein Vielfaches von 8 bzw. 16, und von da an ist der Rest immer Null.
– Wenn n eine Primzahl ist, dann erscheint jeweils an einer bestimmten Stelle ein charakteristischer senkrechter roter Strich, nach welchem sich das Muster wiederholt. (In den Bildern mit einem Pfeil bezeichnet.) Dies widerspiegelt den „Kleinen Satz von Fermat“, wonach an-1 – 1 für alle a von 1 bis n-1 durch n teilbar ist, wenn (und nur wenn) n eine Primzahl ist. Der rote Strich befindet sich also genau an der Stelle n-1, und es handelt sich hier um den Rot-Ton, der einem Rest von 1 entspricht.
– Für andere n ergeben sich immer wieder andere charakteristische, teppichähnliche Muster, die sich nach einer bestimmten (meist kürzeren) Periode wiederholen.

Hier einige weitere Beispiele mit zusammengesetzten Zahlen:

Auf dem nächsten Bild sehen wir links zwei Zahlen (62 und 66), die beim Teilen durch 4 den Rest 2 ergeben. Die Bilder aller dieser Zahlen enthalten in der Mitte einen breiten waagerechten grünen Streifen. (Siehe auch oben die Zahlen 10, 14 und 18.) Der Leser möge selber errechnen, woher das kommt.
– Die Zahl 81 ist die vierte Potenz von 3, weshalb jedes durch 3 teilbare y spätestens von der vierten Potenz an einen waagerechten roten Strich ergibt.
– 97 ist nochmals ein Beispiel für eine Primzahl.

Und hier noch einige Beispiele von etwas grösseren Zahlen:

(216: Eine Zahl mit vielen Teilern.)

(247 ist keine Primzahl! 13 x 19 = 247. Deshalb liegen die senkrechten roten Striche nicht bei 247-1=246, und bei genauer Betrachtung stellt man auch fest, dass sie nicht durchgehend sind.)

(256 = 28)

(257 ist hingegen wieder eine Primzahl.)

In der nächsten Folge, so Gott will, werden wir einen anderen Bereich der Mathematik auf die darin verborgenen Kunstwerke untersuchen.

Mathematische Kunstausstellung (Teil 2): Modulare Arithmetik

3. Mai 2012

In der ersten Folge dieser Serie haben wir uns vorwiegend mit der Multiplikationstabelle beschäftigt – ein Thema, das schon Kindern in den ersten Schuljahren zugänglich ist und ihnen zeigt, dass man mit Mathematik „Kunstwerke“ produzieren kann. Ich habe auch kurz meine Beweggründe dafür ausgeführt, eine solche „mathematische Kunstausstellung“ zu veranstalten.

Modulare Arithmetik im Einmaleins

In der ersten Folge haben wir die Zahlen der Multiplikationstabelle auf verschiedene Arten eingefärbt: nach ihren Endziffern, und nach ihrer Grösse (Zahlwert). Wir können sie auch nach anderen Kriterien einfärben, z.B. gerade/ungerade. Dann erhalten wir folgendes Muster:

0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20
0 3 6 9 12 15 18 21 24 27 30
0 4 8 12 16 20 24 28 32 36 40
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50
0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60
0 7 14 21 28 35 42 49 56 63 70
0 8 16 24 32 40 48 56 64 72 80
0 9 18 27 36 45 54 63 72 81 90
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

Auf den ersten Blick sehen wir, dass es in dieser Tabelle viel mehr gerade als ungerade Zahlen gibt. Das liegt natürlich daran, dass eine gerade Zahl, multipliziert mit irgendeiner Zahl, immer eine gerade Zahl ergibt. (Hier liegt auch die Antwort auf die Frage in der ersten Folge, warum es so wenige Einmaleinszahlen gibt, die auf 1, 3, 7 oder 9 enden.)

Abgesehen vom Spiel mit den Farben, können solche Tabellen auch helfen, Fehler zu vermeiden. Wenn der Schüler die Tabelle selber schreibt und das Farbmuster irgendwo „gestört“ ist, dann ist die Zahl dort wahrscheinlich falsch. Wenn das Gesetz von Gerade und Ungerade einmal erkannt ist, dann wird der Schüler auch nicht mehr behaupten, 7 x 8 sei 65. Er erkennt dann nämlich sofort, dass das Ergebnis nicht ungerade sein kann, wenn die Multiplikation eine gerade Zahl (8) enthält.

– Das Kriterium „gerade/ungerade“ kann auch so umschrieben werden: Welcher Rest ergibt sich, wenn wir die Zahl durch 2 teilen? – Dann können wir natürlich statt 2 irgendeine andere Zahl wählen. In der untenstehenden Tabelle erhält jede Zahl ihre Farbe je nachdem, ob sie beim Teilen durch 3 den Rest 0, 1 oder 2 ergibt:

0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20
0 3 6 9 12 15 18 21 24 27 30
0 4 8 12 16 20 24 28 32 36 40
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50
0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60
0 7 14 21 28 35 42 49 56 63 70
0 8 16 24 32 40 48 56 64 72 80
0 9 18 27 36 45 54 63 72 81 90
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

Und hier teilen wir jetzt durch 4:

0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20
0 3 6 9 12 15 18 21 24 27 30
0 4 8 12 16 20 24 28 32 36 40
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50
0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60
0 7 14 21 28 35 42 49 56 63 70
0 8 16 24 32 40 48 56 64 72 80
0 9 18 27 36 45 54 63 72 81 90
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

Offensichtlich wiederholt sich hier immer dasselbe Muster von 4 x 4 Feldern. Ausserdem hat dieses Muster jeweils in der Mitte ein Feld mit derselben Farbe wie der „Rand“, nämlich Rest 0 (warum wohl?).

In der nächsten Tabelle malen wir die Zahlen gemäss ihrem Fünferrest an. Ist es eine Überraschung, dass sich hier ein Muster von 5 x 5 Feldern wiederholt?

0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20
0 3 6 9 12 15 18 21 24 27 30
0 4 8 12 16 20 24 28 32 36 40
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50
0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60
0 7 14 21 28 35 42 49 56 63 70
0 8 16 24 32 40 48 56 64 72 80
0 9 18 27 36 45 54 63 72 81 90
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

Noch ein (fast) letztes Beispiel dieser Art: der Rest beim Teilen durch 6. Man kann hier auch darüber nachdenken, in welcher Weise sich die Muster unterscheiden, wenn die Teilungszahl einerseits eine Primzahl, bzw. andererseits eine zusammengesetzte Zahl ist.

0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20
0 3 6 9 12 15 18 21 24 27 30
0 4 8 12 16 20 24 28 32 36 40
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50
0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60
0 7 14 21 28 35 42 49 56 63 70
0 8 16 24 32 40 48 56 64 72 80
0 9 18 27 36 45 54 63 72 81 90
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

Würden wir statt des Sechserrests den Zehnerrest wählen, dann erhielten wir eine Kombination aller „Endziffern-Bilder“ aus der ersten Folge.

Hier bewegen wir uns im Gebiet der modularen Arithmetik, ein interessanter Bereich der Zahlentheorie. Kurz gesagt geht es darum, dass man statt mit den kompletten Zahlen zu rechnen, lediglich mit dem Rest (=Modulo) rechnet, den die Zahlen beim Teilen durch eine bestimmte konstante Zahl ergeben. Dieser Rest macht nämlich die Rechenoperationen genau gleich mit wie die kompletten Zahlen. Eine bekannte Anwendung davon ist die „Neunerprobe“: Man kann eine Rechnung auf ihre Richtigkeit überprüfen, indem vergleicht, ob die Operation auch stimmt, wenn man die Neunerreste der einzelnen Glieder und des Ergebnisses nimmt.

Diese Modulo-Funktion bringt aber auch interessante Kunstwerke hervor. Hier z.B. die Multiplikationstabelle modulo 256, mit dem Nullpunkt in der Bildmitte. Es erscheinen bemerkenswerte sich überlagernde Muster:

Etwas mehr modulare Arithmetik

Das folgende Bild stellt die einfache Funktion z = x mod y dar, wobei z der Farbton ist. (D.h. die Farbe stellt den Rest dar, den x geteilt durch y ergibt.) Die „Regenbogenskala“ wird jeweils gleichmässig über den ganzen Bereich der möglichen Reste verteilt:

Was passiert, wenn wir statt einfach den Rest der Zahl x zu nehmen, die Zahl zuerst quadrieren? – Hier die Funktion z = x2 mod y:

Wir treiben das Spiel noch ein wenig weiter und stellen z = x3 mod y graphisch dar:

Man könnte annehmen, dass bei höheren Potenzen weitere interessante Muster erscheinen. Das aber nicht unbedingt so. Hier ein aufs Geratewohl ausgewähltes Beispiel, das auf den ersten Blick sehr ungeordnet aussieht, obwohl es zweifellos seine Gesetzmässigkeiten hat: z = x105 mod y:

In einer kommenden Folge werden wir dieses Thema noch ein wenig ausweiten.