Der Dispensationalismus – Theologie aus zweifelhafter Quelle (Teil 3)

Endzeitspekulationen

Der dispensationalistische „Endzeitfahrplan“ beruht weitgehend auf einer eigenwilligen Auslegung der Prophetie über die „siebzig Wochen“ in Daniel 9: Es handle sich hier ausschliesslich um eine Prophetie für Israel, weshalb das ganze Zeitalter der christlichen Gemeinde davon ausgenommen sei. Somit müsse zwischen der 69.Woche (Hinrichtung des Messias) und der 70.Woche („das Ende“) ein für den Propheten unsichtbarer Zeitraum von unbestimmter Dauer liegen. Dieser Zeitraum sei die Dispensation der Gemeinde, nach deren Ende Gott seine Pläne mit Israel wieder aufnehme.
Für einen ernsthaften Bibelausleger sollte auf den ersten Blick klar sein, dass es sich hier um Spekulation handelt: Nichts im Text selbst oder im weiteren Zusammenhang legt eine solche Auslegung nahe. Nur wenn das dispensationalistische Auslegungsschema bereits als korrekt vorausgesetzt wird, macht diese Auslegung Sinn. Nimmt man dieses Schema weg, dann kann man diese Auslegung mit viel Grosszügigkeit vielleicht noch als möglich bezeichnen, aber sicher nicht als zwingend.

Timothy Weber gibt eine kurze Beschreibung der Schwierigkeiten und Schlussfolgerungen, die sich aus dieser Auslegung ergeben:

„Dies (die dispensationalistische Auslegung von Daniel 9) bedeutete im Kern, dass die christliche Gemeinde keine Prophezeiungen ihr eigen nennen durfte. Sie befand sich in einem mysteriösen, prophetischen zeitlosen Raum, in einer „grossen Klammer“, die keinen Platz hatte in Gottes ursprünglichen Plänen. (…) Diese Perspektive brachte die Dispensationalisten – um nicht zu sagen die ganze Gemeinde – in eine schwierige Lage. Gemäss ihrer Argumentation ist die Gemeinde in der Welt, aber sie kann keine der Prophetien über zukünftige irdische Ereignisse für sich beanspruchen. Wie wir schon gesehen haben, erröteten die Dispensationalisten beim Gedanken daran, Gottes himmlischem Volk irdische Prophetien zuzuschreiben. Ausserdem wusste jeder Dispensationalist, dass die Bibel voll ist von Vorhersagen zukünftiger Ereignisse. Daniels siebzigste Woche, die auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben wurde, muss irgendwann stattfinden. Diese problematische Zeit, von allen Prämillenialisten* „die grosse Trübsal“ genannt, wird in der Johannesoffenbarung und an anderen Stellen (z.B. Matth.24 und 2.Thess.2) sehr detailliert beschrieben.
Die Dinge werden dadurch noch komplizierter, dass die Dispensationalisten glaubten, Gott sei nicht willens oder nicht fähig, mit seinen zwei Völkern zugleich zu handeln oder seine beiden Pläne zur selben Zeit auszuführen. Als Folge davon erschien es notwendig, die Gemeinde hinwegzunehmen, bevor Gott zu seinen endzeitlichen Plänen für Israel schreiten könne. Dieses ziemlich schwierige Problem wurde mit Leichtigkeit gelöst durch die umstrittenste und speziellste Lehre des Dispensationalismus: die geheime Entrückung der Gemeinde vor der grossen Trübsal. (…)
Es scheint, dass bis zu den frühen 1830er-Jahren alle futuristischen Prämillenialisten die Entrückung im Zusammenhang mit dem zweiten Kommen Christi am Ende der Trübsal gesehen hatten. Aber die Dispensationalisten, mit Hilfe der erfinderischen Lehre John Darbys, rissen die beiden Ereignisse auseinander. Bei der Entrückung, sagten sie, würde Christus „für“ seine Heiligen kommen, und beim zweiten Kommen würde er „mit“ seinen Heiligen kommen. Zwischen diesen beiden Ereignissen würde die Trübsal stattfinden, die von den Dispensationalisten mit Daniels siebzigster Woche und mit der Herrschaft des Antichristen gleichgesetzt wurde. Auf diese Weise würde die Gemeinde von der Bühne verschwinden, sodass Gott mit seinem prophetischen Countdown und seinem Handeln mit Israel fortfahren könnte.“
(Timothy Weber, „Living in the Shadow of the Second Coming–American Premillennialism 1825-1982“, zitiert in Mark Dankof, „A Historical Critique of Dispensationalism, Zionism, and Daniel’s Prophecy of 70 Weeks“)

* (Prämillenialismus = die Lehre, dass Jesus vor dem Tausendjährigen Reich zurückkommt, um dieses aufzurichten.)

Ich denke, es ist hier der Ort, auf ein paar Bibelstellen hinzuweisen, die von Dispensationalisten meistens übergangen (oder dann umgedeutet) werden:

„Denn dann wird eine grosse Drangsal („Trübsal“) sein, wie von Anfang der Welt an bis jetzt keine gewesen ist und auch keine sein wird. (…) Wenn dann jemand zu euch sagt: Siehe, hier ist der Christus, oder dort, so glaubt es nicht! (…) Wenn man nun zu euch sagt: Siehe, er ist in der Wüste, so geht nicht hinaus; siehe, er ist in den Gemächern, so glaubt es nicht! Denn wie der Blitz vom Osten ausfährt und bis zum Westen leuchtet, so wird die Wiederkunft des Sohnes des Menschen sein.“ (Matth.24,21.23.26-27)

Deutlicher kann kaum gesagt werden, dass die Wiederkunft Jesu ein öffentliches, auf der ganzen Welt sichtbares Ereignis sein wird. Und dass jeder, der eine „geheime“ Wiederkunft Jesu ankündigt, ein Verführer ist! – Da Jesus diese Verführungen für die Zeit der „grossen Drangsal“ vorhersagt, wird er bis dahin offensichtlich noch nicht wiedergekommen sein.

„Sogleich aber nach der Drangsal („Trübsal“) jener Tage (…) wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen, und dann werden alle Geschlechter der Erde wehklagen und werden den Sohn des Menschen auf den Wolken des Himmels kommen sehen mit grosser Macht und Herrlichkeit. Und er wird seine Engel aussenden mit starkem Posaunenschall, und sie werden seine Auserwählten versammeln von den vier Winden her, von einem Ende des Himmels bis zum andern.“ (Matth.24,29-31)

Dies ist die unmittelbare Fortsetzung der oben zitierten Stelle. Vers 31 spricht offensichtlich von der „Entrückung“ (man beachte die Parallelen zu 1.Thess.4,16-17) – die gemäss Vers 29 nach der „grossen Trübsal“ und beim öffentlich sichtbaren Wiederkommen Jesu geschehen wird.

„Siehe, der Herr ist gekommen mit seinen heiligen Zehntausenden, um wider alle Gericht zu halten und alle Gottlosen zu bestrafen …“ (Judas 14)

Diese Verse werden von Dispensationalisten als die Wiederkunft Jesu „mit seiner entrückten Gemeinde“ ausgelegt. Mehrere alte Handschriften haben hier aber zusätzlich die Worte: „…mit seinen heiligen Zehntausenden von Engeln„. Dieses Verständnis wird von den folgenden Parallelstellen bestätigt:

„Und die Heere im Himmel folgten ihm nach auf weissen Pferden, bekleidet mit weissem reinem Linnen.“ (Offb.19,14)

Nur Engel, nicht aber Menschen, werden in der Bibel als „Heere im Himmel“ bezeichnet.

„Wenn aber der Sohn des Menschen in seiner Herrlichkeit kommen wird und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen …“ (Matth.25,31)

Engel sind nicht entrückte Christen. Übrigens werden auch die verstorbenen Christen im Jenseits nicht zu „Engeln“, wie ein alter Volksglaube meint.

Noch eine weitere typische dispensationalistische Falschauslegung möchte ich hier erwähnen:

„Denn Gott hat uns nicht für das Zorngericht bestimmt, sondern zur Erwerbung des Heils durch unsern Herrn Jesus Christus, der um unsertwilllen gestorben ist (…)“ (1.Thess.5,9-10)

Hier sagen Dispensationalisten: „Siehst du, wir sind nicht für das Zorngericht bestimmt, also werden wir vor der Trübsal entrückt werden.“ Damit setzen sie „Zorngericht“ und „Trübsal“ gleich – eine äusserst problematische Gleichsetzung, die vom Text her nicht gegeben ist. Es wird hier einfach versucht, mittels dieser künstlichen Konstruktion eine weitere Bestätigung zu finden für das zum voraus festgelegte dispensationalistische Schema. In der Fortsetzung des Verses wird „Zorngericht“ nicht zu „Entrückung“ im Gegensatz gestellt, sondern zu „Erwerbung des Heils“. Dass damit das ewige Heil gemeint ist und nicht etwa die Entrückung, wird vollends klar durch die Fortsetzung: „…Jesus Christus, der um unsertwillen gestorben ist“. Jesus ist gestorben, um unser ewiges Heil zu erwirken, nicht bloss eine Bewahrung vor irdischer Trübsal mittels der Entrückung! Somit kann mit „Zorngericht“ nicht die „Trübsal“ gemeint sein, sondern nur das endgültige Gericht über Gottes Feinde.
Eine Parallelstelle ist Römer 5,9: „Um so viel mehr nun werden wir, da wir jetzt durch sein Blut gerechtfertigt worden sind, durch ihn vor dem Zorn gerettet werden.“ Auch hier geht es vom Zusammenhang her eindeutig um das ewige Heil, nicht um die Entrückung.
Ausserdem besteht ja auch nach dispensationalistischer Ansicht die „Trübsal“ in der Bedrängnis und Verfolgung von Gottes Volk durch seine Feinde – also gerade im Leiden jener, die nicht unter Gottes Zorn fallen. Das „Zorngericht“ hingegen ist Gottes Gericht über das „Tier“ und sein Reich, wie insbesondere aus Offb.16 deutlich hervorgeht; sowie das endgültige Gericht, wie wir oben gesehen haben. Es handelt sich also sachlich um zwei ganz verschiedene Dinge: Die „Trübsal“ wird durch den Zorn des Teufels gegen die Nachfolger Jesu bewirkt (Offb.12,12.17, vgl. Matth.24,9); das „Zorngericht“ hingegen ist Gottes Zorn gegen seine Feinde. Ersteres muss von den Heiligen mit Standhaftigkeit und Glaube ertragen werden (Offb.13,10; Matth.24,13); von letzterem werden sie verschont. Es steht aber nirgends, dass diese Verschonung mittels der Entrückung geschehe. Aus Stellen wie Offb.9,4; 16,2.10; 18,19-20 kann geschlossen werden, dass vielmehr Gott in einigen seiner irdischen Gerichte einen Unterschied macht zwischen den Seinen und den Nachfolgern des „Tiers“ – so wie die Israeliten von den ägyptischen Plagen verschont wurden (2.Mose 8,22; 9,6.26; 10,23; 11,6-7).

Kurzer Anhang zur Auslegung der Offenbarung des Johannes

Grundsätzlich gibt es drei Arten, die Johannesoffenbarung (und verwandte Prophetien) auszulegen: die präteristische, die historizistische und die futuristische.
Die präteristische („vergangenheitliche“) Auslegung wird v.a. von der römisch-katholischen Kirche angewandt. Sie behauptet, die Visionen der Offenbarung hätten sich bereits in der Vergangenheit erfüllt, nämlich zur Zeit des Römischen Reiches. Mit dem Untergang Roms sei das Tausendjährige Reich angebrochen.
Die historizistische („geschichtliche“) Auslegung wurde früher von den meisten reformierten und evangelikalen Auslegern angewandt, ist aber in letzter Zeit – nicht zuletzt durch den Einfluss des Dispensationalismus – etwas aus der Mode gekommen. Diese Auslegung sieht in den Voraussagen der Offenbarung Ereignisse, die sich während eines langen Zeitraums erfüllen – d.h. insbesondere in der Geschichte der christlichen Kirche, von ihren Anfängen bis zur Wiederkunft Jesu.
Die futuristische („zukünftige“) Auslegung schliesslich wendet die Prophetien der Offenbarung ausschliesslich auf einen sehr kurzen Zeitraum kurz vor der Wiederkunft Jesu an – die sogenannte „Endzeit“. Die gegenwärtig einflussreichste Spielart der futuristischen Auslegung ist eben der Dispensationalismus.

Es kann auch hier rein argumentativ nicht schlüssig bewiesen werden, dass eine bestimmte dieser Auslegungsarten richtig sei und die anderen falsch. Bedenkenswert scheint mir aber zu sein, dass sowohl die präteristische wie auch die futuristische Auslegung die Offenbarung in gewisser Weise „entschärfen“: Sie gilt dann entweder für eine ferne Vergangenheit oder für eine ferne Zukunft, aber nicht für das Jetzt und Heute. Präteristen wiegen sich in der (m.E. falschen) Sicherheit, bereits im Tausendjährigen Reich zu leben. Futuristen ergehen sich in Spekulationen über zukünftige Ereignisse und halten nach Anzeichen eines zukünftigen Antichristen Ausschau, übersehen aber weitgehend den ständig schon stattfindenden Konflikt zwischen christlichen und antichristlichen Kräften seit den Anfängen der Kirche (1.Joh.2,18 !) bis zur Gegenwart. Deshalb können sie nicht allzu viele für die Gegenwart relevante Aussagen machen. Nur aufgrund einer historizistischen Auslegung konnten z.B. die Reformatoren den Papst „Antichrist“ und die römische Kirche „Babylon“ nennen.

Speziell die dispensationalistische Auslegung führt zudem zu einer „Fluchtmentalität“: Der Missionsbefehl und die damit verbundenen Verheissungen kommen in dieser Auslegung nur am Rande vor. (Insbesondere da ja nach dispensationalistischer Ansicht alttestamentliche Verheissungen und Anweisungen nicht auf das Zeitalter der Gemeinde bezogen werden dürfen.) Stattdessen stehen das Kommen „des“ Antichristen, die „grosse Trübsal“ und die Entrückung im Mittelpunkt. Diese Sicht kann dazu führen, dass Christen nur noch auf die Entrückung warten, und ihren gegenwärtigen Auftrag – wenn überhaupt – nur mit äusserstem Pessimismus wahrnehmen. So zeigt z.B. Gary North, wie im Buch und Film „Left Behind“ von Tim La Haye die Christen letztlich als eine für die Gegenwart völlig belanglose Gruppierung dargestellt werden. (Gary North, „Left Behind Culturally“.) Von Darbys negativer Sicht der Gemeinde haben wir im 1.Teil schon gesprochen.

Kirchengeschichtlich ist interessant, dass sowohl bei den grossen Erweckungspredigern der Vergangenheit (z.B. Jonathan Edwards), wie auch beim Entstehen der modernen Weltmissionsbewegung (William Carey) im 18.Jahrhundert, gerade alttestamentliche Verheissungen im Mittelpunkt standen. Diese wurden vor dem Aufkommen des Dispensationalismus mit aller Selbstverständlichkeit auf das Zeitalter der Gemeinde angewandt.

Heilsentscheidend sind diese Fragen nicht. Dass sie dennoch einschneidende Folgen im Glaubensleben haben können, zeigt folgender Ausschnitt aus einem offenen Brief von Corrie Ten Boom (1974):

„Machmal bekomme ich Angst, wenn ich die Bibel lese und dann diese Welt anschaue und sehe, wie sich alle diese Voraussagen über die Trübsal und die Verfolgung erfüllen. Aber ich kann dir sagen, wenn das dir auch Angst macht: Ich habe auch die letzten Seiten gelesen. Ich kann jetzt rufen: „Halleluja!“, denn es steht dort geschrieben, dass Jesus sagt: „Wer überwindet, der wird alle diese Dinge ererben; und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.“ Das ist die Zukunft und Hoffnung dieser Welt. Nicht dass die Welt überleben wird – aber dass wir Überwinder sein werden inmitten einer sterbenden Welt.
Als Betsy und ich im Konzentrationslager waren, beteten wir, dass Gott Betsy heilen würde, die schwerkrank war. „Ja, der Herr wird mich heilen“, sagte Betsy zuversichtlich. Am nächsten Tag starb sie, und ich konnte es nicht verstehen. Sie legten ihren dünnen Körper auf den Zementboden zusammen mit all den anderen Leichen der Frauen, die an jenem Tag gestorben waren.
Es war schwer für mich zu verstehen, und zu glauben, dass Gott einen Plan hatte mit alldem. Aber aufgrund von Betsys Tod reise ich heute durch die ganze Welt und spreche zu den Menschen über Jesus.
Einige unter uns lehren, dass es keine Trübsal gibt, dass die Christen dem allem entfliehen werden. Das sind die falschen Lehrer, von denen Jesus sagte, dass sie in den letzten Tagen auftreten werden. Die meisten von ihnen wissen wenig darüber, was bereits jetzt in der Welt geschieht. Ich bin in Ländern gewesen, wo die Heiligen jetzt schon schreckliche Verfolgung leiden.
In China wurden die Christen gelehrt: „Sorgt euch nicht, bevor die Trübsal kommt, werdet ihr entrückt werden.“ Dann kam eine schreckliche Verfolgung. Millionen von Christen wurden zu Tode gefoltert. Später hörte ich einen chinesischen Bischof traurig sagen:
„Wir haben versagt. Wir hätten die Leute für die Verfolgung stärken sollen, statt ihnen zu sagen, Jesus würde vorher wiederkommen. Sagt den Leuten, wie sie in Verfolgungszeiten stark sein können, wie sie standhaft bleiben können, wenn die Trübsal kommt – standhaft zu bleiben und nicht den Mut zu verlieren.“
Ich glaube, dass ich einen göttlichen Auftrag habe, den Menschen zu sagen, dass es möglich ist, im Herrn Jesus Christus stark zu sein. Wir (im Westen) befinden uns in der Ausbildung für die Trübsal; aber mehr als sechzig Prozent des Leibes Christi weltweit befinden sich bereits in der Trübsal. Es gibt keinen Weg daran vorbei. Wir werden die nächsten sein.“

Schluss

Ich möchte nicht so weit gehen, den Dispensationalismus kategorisch als „Irrlehre“ oder „von unten“ zu verurteilen, wie das mit anderen theologischen und denominationellen Strömungen gemacht worden ist (oft zu Unrecht). Ich habe aber dargelegt, warum ich den Dispensationalismus zumindest als „fragwürdig“ und „zweifelhaft“ bezeichnen muss. Ich fasse meine zwei diesbezüglichen Hauptpunkte zusammen:

1. Die Hauptgedanken des Dispensationalismus entstammen nicht direkt der Bibel, sondern einer ausserbiblischen „Offenbarung“ oder „Erleuchtung“, welche der gesamten Bibelauslegung von 1800 Jahren vorausgegangener Kirchengeschichte widerspricht. Wenn auch darüber gestritten wird, ob es Darby, Irving oder noch jemand anders war, der diese „Offenbarung“ zuerst erhielt und verbreitete – unbestreitbar ist die kirchengeschichtliche Neuheit der dispensationalistischen Lehre, und die Tatsache, dass Darby selber sie als „von Gott (ihm) offenbart“ bezeichnete.

2. Die dispensationalistische Bibelauslegung setzt ein zum vornherein festgelegtes Schema voraus, welchem die biblischen Aussagen untergeordnet werden. Das Schema selbst wird verabsolutiert und „darf“ nicht von der Bibel her hinterfragt werden. Daher widersprechen sich Dispensationalisten selbst, wenn sie sich zur irrtumslosen Autorität der Heiligen Schrift bekennen: In Wirklichkeit sprechen sie ihrem Auslegungsschema höhere Autorität zu als der Bibel.

Die beiden Punkte hängen natürlich eng zusammen. Sie führen dazu, dass Dispensationalisten im Endeffekt (wenn auch unausgesprochen und vielleicht sogar unbewusst) neben dem Wort Gottes eine zweite und „höhere“ Offenbarungsquelle annehmen, nämlich ihr eigenes Dispensationen-Schema.

Die Gefahr der „Schematisierung“ in der Bibelauslegung besteht natürlich bei jeder theologischen Richtung. Jeder Ausleger kommt von einem bestimmten Vorverständnis her, das er dann (meistens unbewusst) in die Bibel hineinprojiziert. Wir sollten uns daher immer bewusst bleiben, dass die Bibel kein „schematisches“ Buch ist, sondern ein organisches, lebendiges, und erst noch ein übernatürliches. Von daher ist nicht zu erwarten, dass sie sich in irgendein abgeschlossenes, dem menschlichen Verstand völlig zugängliches Schema einfügen wird – sei dies nun ein dispensationalistisches, reformatorisches, pfingstliches, oder noch ein anderes. Jeder Ausleger, der ein solches Schema vertritt, wird – wenn er ehrlich ist – zugeben müssen, dass es einige Bibelstellen gibt, die sich nicht in das Schema einfügen lassen, bzw. ihm widersprechen. Er steht dann vor der Gewissensentscheidung, ob er sich und anderen die Unzulänglichkeit seines Schemas eingesteht, oder ob er den Bibeltext umbiegt, um sein Schema aufrechtzuerhalten.

Letztere Gefahr scheint mir nun beim Dispensationalismus besonders gross – ich habe mehrere Beispiele dafür angeführt. Eben weil Dispensationalisten (unausgesprochen) ihrem besonderen Schema anscheinend Offenbarungscharakter zusprechen und es deshalb als unumstösslich und als die einzig wahre, bibeltreue Auslegung ansehen. Eine solche Haltung führt zu dogmatischer Willkür und Unbelehrbarkeit. Ich bin ganz damit einverstanden, wenn die Irrtumslosigkeit der Bibel verteidigt wird – aber dieser Anspruch der Irrtumslosigkeit darf nicht auf eine spezielle Auslegung der Bibel ausgedehnt werden.


Internet-Quellen zum Artikel und weitere Lektüre, nach Standpunkt geordnet:

Neutral:

Wikipedia (englisch), http://en.wikipedia.org, Artikel „John Nelson Darby“, „Edward Irving“, „Rapture“.

Pro-Dispensationalistisch:

Thomas Ice, „When did J.N.Darby discover the Rapture?“
(Historische Verteidigung Darbys als erster „Entdecker“ des Dispensationalismus, gegen die Thesen von Dave MacPherson.)

John Mathew Thekkel, „The Origins of the Pre-Tribulation Rapture“
(Ähnlich wie Thomas Ice. Versucht zusätzlich zu begründen, warum der Dispensationalismus erst im 19.Jh. ohne historische Vorgänger in Erscheinung trat.)

Tricia Tillin, „Margaret McDonald’s Vision in 1830“, bei www.apostasynow.com
(Speziell über die umstrittene „Prophetie“ der Irvingiten. – In einem Nachwort wird klargestellt, dass die Autorin keine Anhängerin des traditionellen Dispensationalismus im Sinne C.I.Scofields ist.)

Kontra-Dispensationalistisch:

Hans-Werner Deppe u.a: Verschiedene Artikel bei http://betanien.de/verlag/material/index.php?kategorie=Eschatologie
(Das ist die bisher einzige Internet-Site, wo ich eine deutschsprachige Auseinandersetzung mit dem Dispensationalismus aus bibeltreuer Sicht fand. Einige Bücher zum Thema werden auf derselben Site vorgestellt.)

Ed Tarkowski, „In Search Of The Origins Of The Pretrib Doctrine“
(Ausführliche geschichtliche Darstellung, z.T. in Anlehnung an Dave MacPherson.)

Mark Dankof, „A Historical Critique of Dispensationalism, Zionism, and Daniel’s Prophecy of 70 Weeks“
(Ausführliche Darstellung dispensationalistischer Endzeitlehren und ihrer Entstehung.)

Stephen Sizer, „John Nelson Darby (1800-1882) The Father of Premillennial Dispensationalism“
(Kritische Betrachtung der Person Darbys und seines Dispensationen-Schemas.)
Sizer vertritt leider in anderen Artikeln einige fragwürdige politische Ansichten bezüglich Israel, die ich nicht teilen kann. Das mindert aber nicht den Wert der von ihm angeführten Studien und Quellen über die Geschichte Darbys und des Dispensationalismus.

Gary North, „Left Behind Culturally“
(Kritische Besprechung des Buchs und Films „Left Behind“ von Tim La Haye, aus reformiert-konservativer Sicht.)

Dave MacPherson, „Pretrib Rapture Dishonesty“

(Weitere verwendete Quellen sind im Text erwähnt.)

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