Die Haltung Davids gegenüber Saul: ein Beispiel bedingungsloser Unterordnung?

Die biblische Geschichte von Saul und David wird oft von institutionellen religiösen Leitern dazu benutzt, den Christen zu sagen, sie müssten sich ihrem Leiter unterordnen, selbst wenn dieser im Irrtum ist. Die meistzitierten Stellen in diesem Zusammenhang sind die zwei Begebenheiten, wo David die Möglichkeit gehabt hätte, Saul zu töten, aber sich dazu entschied, ihn zu verschonen (1. Samuel Kapitel 24 und 26). David sagte: „Da sei Gott vor! Nie werde ich meinem Gebieter, dem Gesalbten des Herrn, das antun, dass ich Hand an ihn legte; denn er ist der Gesalbte des Herrn.“ (1.Sam.24,7) Und: „Wer könnte Hand an den Gesalbten des Herrn legen und bliebe ungestraft?“ (1.Sam.26,9).

Von daher sagen diese Leiter: „David ordnete sich Saul unter, obwohl Saul schlecht handelte. So müssen sich auch die Christen ihren Leitern unterordnen, selbst wenn diese im Irrtum sind oder sündigen.“ Und ebenso: „Man darf einen Leiter nie kritisieren, denn das bedeutete, an den Gesalbten des Herrn Hand anzulegen.“

Entspricht diese Auslegung dem Inhalt und der Lehre der erwähnten biblischen Geschichten?

Erinnern wir uns, dass David ein Diener Sauls war. Aber als er verstand, dass Saul ihn töten wollte, floh er zu Samuel (1.Sam.19,11-19). Da er im Dienst Sauls stand, hatte er kein Recht, davonzulaufen! – Nach diesem blieb David vorsätzlich dreimal dem königlichen Bankett fern, an dem er hätte teilnehmen sollen. (1.Sam.20,5-7, 24-30). Das würde bereits als eine höchst „rebellische“ Haltung eingestuft von manchen heutigen „Pastoren“, die von ihren Dienern (Mitarbeitern) verlangen, dass sie an allen Gemeindeveranstaltungen teilnehmen.

Erinnern wir uns auch, dass David in den Augen Sauls eindeutig ein Rebell war. Andernfalls hätte er ihn nicht verfolgt. (Andere Personen sahen den Fall ebenso. Nabal z.B. nannte David „einen Knecht, der seinem Herrn davonlief“, 1.Sam.25,10.) Auch nachdem David sein Leben verschont hatte, betrachtete Saul dies offenbar noch nicht als ein genügendes Zeichen seiner Unterordnung, und verfolgte ihn wiederum. Beim zweiten Mal sagte Saul zu David, er solle mit ihm zurückkehren, und versprach ihm, ihm kein Leid mehr anzutun (1.Sam.26,21). Aber David ging nicht mit Saul zurück. Auch in diesem Fall gehorchte er also Saul nicht.
Dennoch geht aus der ganzen Geschichte klar hervor, dass Gott auf der Seite des rebellischen David stand, entgegen „seinem Gesalbten“ Saul.

Sehen wir jetzt, was die Worte bedeuten, „Hand an den Gesalbten des Herrn zu legen“. Es ging darum, dass die Männer Davids ihm anrieten, Saul zu töten. Aber gewisse heutige „Pastoren“ ertragen es nicht einmal, dass jemand sie mit Worten kritisiert: sofort beklagen sie sich, man versuche, „Hand an den Gesalbten des Herrn zu legen“. Zwischen Kritisieren und Töten besteht ein himmelweiter Unterschied!
David kritisierte Saul sehr wohl, und das in aller Öffentlichkeit: „Warum hörst du auf das Gerede der Leute, die da sagen: ‚Siehe, David sinnt auf dein Verderben‘? … Wen verfolgt doch der König von Israel? wem jagst du nach? Einem toten Hund! einem Floh! So sei der Herr Richter und entscheide zwischen mir und dir; er sehe zu und führe meine Sache und schaffe mir Recht gegen dich!“ (1.Sam.24,9.14-15)
Dem Beispiel Davids folgend, haben wir also alles Recht dazu, einen Leiter zu kritisieren, der schlecht handelt. Und wir haben auch das Recht, einem solchen Leiter ungehorsam zu sein, wenn ihm zu gehorchen bedeuten würde, eine Sünde zu begehen oder Schaden zu erleiden.

Ein letzter Aspekt: Wenn ein Leiter seinen Nachfolgern die „Unterordnung“ Davids als Beispiel vorhält, mit wem vergleicht sich dann dieser Leiter selber? Offensichtlich mit Saul, dem Verfolger, dem König, der selber in Ungehorsam gegen Gott lebte. Dieser selbe Saul verleumdete David und seinen eigenen Sohn, und verdrehte die Tatsachen, als er zu seinen Dienern sagte: „… dass ihr euch alle gegen mich verschworen habt und niemand es mir offenbarte, als mein Sohn sich mit dem Sohne Isais verbündete, und dass niemand unter euch Mitleid mit mir hatte und es mir offenbarte, dass mein Sohn meinen Knecht angestiftet hat, mir nachzustellen, wie es jetzt am Tage ist?“ (1.Sam.22,8)
So stellte Saul sich selber als Opfer dar und David als den Angreifer, während es in Wirklichkeit genau umgekehrt war. So machen es auch viele dieser missbraucherischen Leiter: Wenn jemand sich beklagt, weil er von ihnen schlecht behandelt wurde, oder wenn jemand sie zurechtweist wegen einer Sünde, die sie begangen haben, dann sagen sie, sie seien Opfer einer „Verschwörung“ des „Murrens“, und verlangen, dass der „Rebell“ zensuriert werde, oder sie rufen die Strafe Gottes auf ihn herab und schliessen ihn aus.

Weit davon entfernt, ein Beispiel bedingungsloser Unterordnung darzustellen, lehrt uns die Geschichte von Saul und David vielmehr manches über das Verhalten von Leitern, die geistlichen (und anderen) Missbrauch begehen, und über das Leiden der Opfer solcher Leiter. Das Beispiel Davids zeigt uns dabei, was solchen Leitern gegenüber getan werden soll oder kann:
– Sich von ihnen fernhalten.
– Wenn nötig ihre schlechten Handlungen konfrontieren, aber aus einer sicheren Distanz heraus.
– Die Sache Gott anheimstellen und vertrauen, dass er gerecht richten wird.
– Keine Rache gegen solche Leiter planen noch versuchen ihnen zu schaden; sich ihnen aber auch nicht unterordnen.
– Ihnen keinerlei Vertrauen schenken, auch dann nicht, wenn sie versprechen sich zu ändern und eine „Versöhnung“ anbieten. Ein „Saul“ ist durchaus imstande, Reue zu heucheln, nur um danach wieder seinen alten Wegen gemäss zu handeln. (Siehe auch 1.Sam.15,17-35).

Die Opfer von Leitern im Stil Sauls müssen viel leiden. Aber sie dürfen wissen, dass Gott auf ihrer Seite steht und sie wiederherstellen wird, wenn sie fortfahren, ihm zu vertrauen.

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