Archive for September 2012

Mathematische Kunstausstellung, Teil 10: Beschwingt, gewellt und auf hoher See

28. September 2012

Schwingungen

Eine Schwingung ist zunächst einfach eine Hin- und Her- (oder Auf- und Ab-) Bewegung. So wie dieser rote Punkt links, der ohne müde zu werden auf und ab pendelt.
Mathematik- bzw. Physik-Bewanderte wissen, dass eine „gewöhnliche“ Schwingung (fachmännischer gesagt, eine harmonische Schwingung) als Sinuskurve dargestellt wird. Das scheint die normale Art zu sein, wie Violin- oder Gitarrensaiten, Pendel, und andere Gegenstände zu schwingen pflegen. Stellen wir also die zeitliche Auf- und Ab-Bewegung unseres Punktes graphisch dar, indem wir sie mit einer gleichmässigen waagerechten Fortbewegung auf der „Zeitachse“ kombinieren. So erhalten wir eine Sinuskurve:

Wir können diese Schwingung aber auch anders darstellen. Statt sie mit einer linearen Fortbewegung zu kombinieren, können wir die senkrechte Schwingung mit einer ebensolchen waagerechten Schwingung kombinieren. Bei einer Phasenverschiebung von 1/4 der Periode ergibt das folgendes Bild:

Ein Kreis! – Tatsächlich kann die Sinusfunktion auch so definiert werden, dass sie die Höhe einer Kreislinie über der Waagerechten bedeutet, im Verhältnis zum Winkel am Kreismittelpunkt. Wasserwellen haben auch ein ungefähr „sinusförmiges“ Aussehen, aber die Wasserteilchen bewegen sich in Wirklichkeit ungefähr kreisförmig auf und ab.

Wir könnten jetzt aber auch Schwingungen unterschiedlicher Frequenzen miteinander kombinieren. Hier z.B. schwingen die beiden roten Punkte mit Frequenzen im Verhältnis 2:3 :

Solche Figuren, die durch die Kombination verschiedener Schwingungen entstehen, werden Lissajous-Figuren genannt. Hier einige Beispiele, wie diese dekorativen Figuren aussehen können:


Kombination zweier geradliniger Schwingungen im Verhältnis 7:9.

Kombination zweier kreisförmiger Schwingungen in gleicher Richtung, im Verhältnis 1:9.

Kombination zweier kreisförmiger Schwingungen in Gegenrichtung, im Verhältnis 7:10.

Kombination von vier geradlinigen Schwingungen (zwei waagrechte und zwei senkrechte) im Verhältnis 18:5:6:12.

Kombination von drei kreisförmigen Schwingungen im Verhältnis 32:36:45.


Kombination von zwei kreisförmigen Schwingungen mit einer geradlinigen vertikalen Schwingung (Verhältnis 10:13:26.)

Kombination von zwei kreisförmigen Schwingungen mit einer geradlinigen vertikalen Schwingung (Verhältnis 5:7:18.)

Kombination zweier geradliniger Schwingungen im Verhältnis 3:7. Der Animationseffekt kommt hier (wie auch im unteren Bild) dadurch zustande, dass im Laufe der Zeit die Phasenverschiebung zwischen den Schwingungen geändert wird.

Kombination zweier kreisförmiger Schwingungen im Verhältnis 7:20. Im Verlauf der Animation ändert sich die Amplitude der einen Schwingung (ebenso im unteren Bild).

Kombination einer kreisförmigen mit einer vertikalen Schwingung; Änderung der Phasenverschiebung.


Kombination zweier kreisförmiger Schwingungen im Verhältnis 5:18; Änderung der Amplitude.

Die Figuren werden eher „harmonisch“, wenn sich die Verhältnisse zwischen den Frequenzen durch kleine ganze Zahlen ausdrücken lassen (bzw. Zahlen mit einem kleinen gemeinsamen Vielfachen). Bei grösseren oder „ungeraden“ Zahlenverhältnissen machen die entstehenden Figuren einen etwas unregelmässigeren oder „chaotischeren“ Eindruck.
Dasselbe kann man in der Musik beobachten. Töne bestehen ja auch aus Schwingungen. Dabei empfinden wir in der Regel jene Akkorde als wohlklingend, bei welchen die Frequenzen der einzelnen Töne solche ganzen Zahlenverhältnisse bilden. Z.B. besteht ein Dur-Akkord aus Tönen mit dem Frequenzverhältnis 3:4:5, 4:5:6 oder 5:6:8. Bei einem Moll-Akkord ist das Verhältnis 10:12:15, 12:15:20 oder 15:20:24.

Wir machen Wellen

Eine Welle ist sozusagen eine Schwingung, die sich in Raum und Zeit fortbewegt. Der momentane Zustand der Welle ist also sowohl von dem Ort abhängig, an dem man sie beobachtet, wie auch vom Zeitpunkt. Überlagerungen mehrerer Wellen unterliegen ähnlichen Gesetzmässigkeiten wie die oben betrachteten Lissajous-Figuren.
Meistens geht eine Welle von einem bestimmten Punkt aus und breitet sich von da her kreisförmig (bzw. im Raum kugelförmig) nach allen Seiten gleichmässig aus – z.B. wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Im folgenden Bild wurde eine Überlagerung dreier solcher Wellen mathematisch nachkonstruiert. (Der Ursprung einer der drei Wellen liegt so weit ausserhalb des Bildes, dass sie als fast geradlinige senkrechte Streifen erscheint.)

Hier noch eine andere Überlagerung dreier Wellen, in grösserem Massstab:

Zum Schluss sehen wir uns das Ganze noch „echt“, also als dreidimensionale Animation an. Auch die untenstehenden Computergraphiken bestehen aus Überlagerungen von lediglich drei Wellen. Auf diese Weise kann man mathematisch Wasserwellen „nachmodellieren“. (Profis werden die Farben und Texturen sicher noch „echter“ herausarbeiten können als ich.) Auch die echten Wellen sind also mathematisch geordnete Gebilde.

Nur nicht seekrank werden …

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Durchschaut! – Oder: Kindliche Intuition gegen den Zeitgeist

21. September 2012

Mit einigen Jahren „Verspätung“ wird auch hier in Perú die ganze postmoderne Agenda zum Umsturz der von Gott gegebenen Familien- und Gesellschaftsordnung offiziell in den Schulbüchern eingeführt. Schon achtjährige Knirpse kommen in unsere Hausaufgabenhilfe mit Schulbüchern, in denen ihnen fettgedruckt der Hauptlehrsatz der „Gender-Mainstreaming“-Ideologie eingetrichtert wird: „Der einzige Unterschied zwischen Jungen und Mädchen besteht darin, dass Jungen einen Penis haben und Mädchen eine Scheide. Abgesehen davon, sind Jungen und Mädchen völlig gleich.“ Was vom wissenschaftlichen Standpunkt der Biologie, Neurologie, Psychologie, usw. völliger Unsinn ist – aber das kann ein Primarschüler ja nicht wissen. (Es ist noch nicht allzu lange her, da wäre es überhaupt verboten gewesen, Kinder an einem öffentlichen Ort wie der Schule einer solch expliziten Sprache auszusetzen. Aber das ist wieder ein anderes Thema…)

Es gibt aber ab und zu noch Schüler, die auf ganz natürliche Weise von dieser Beeinflussung unberührt bleiben.

Da brachte z.B. ein zehnjähriger Schüler ein Schulbuch mit zwei Seiten über „Frauenarbeiten – Männerarbeiten“. Die gegebenen Informationen und Fragen waren offensichtlich daraufhin angelegt, den Schüler suggestiv zur Schlussfolgerung zu führen, dass jede Arbeit und jeder Beruf gleichermassen von Männern wie von Frauen ausgeführt werden könne und solle; und dass Frauen benachteiligt wären, wenn sie zu bestimmten Arbeiten nicht in derselben Anzahl wie Männer „Zugang“ hätten. Eine Frage in der Serie lautete: „Glaubst du, dass es Arbeiten gibt, die nur Männer bzw. nur Frauen tun sollten?“

– Die Eltern meines Schülers führen zusammen ein Lebensmittelgeschäft mit mehreren Filialen an verschiedenen Orten, und sind deshalb öfters auf Transportfahrten unterwegs. Auch der Bub muss schon ab und zu mithelfen, den Lastwagen auf- und abzuladen. So antwortete er auf die Frage aus seiner eigenen Erfahrung heraus ganz natürlich – aber ganz entgegen den Absichten der Schulbuchpädagogen:

„Klar! Frauen sollten keine schweren Säcke und Kisten tragen müssen.“

Offenbar hatte er intuitiv verstanden, was manchen Erwachsenen in der Diskussion um die „Chancengleichheit“ und „Gender-Mainstreaming“ untergeht: Wenn auch heute noch, trotz Jahrzehnten gleichmacherischer Propaganda, manche Menschen das Empfinden haben, dass es Unterschiede gibt zwischen „Frauenarbeiten“ und „Männerarbeiten“, dann ist das nicht einfach eine „Benachteiligung“ der Frauen. Oft ist es die einfache Beobachtung, dass es tatsächlich Unterschiede gibt zwischen Männern und Frauen, und dass deshalb z.B. die Frauen in gewissen Bereichen ein Anrecht auf besonderen Schutz haben. So wäre es meinem Schüler nie in den Sinn gekommen, seine Mutter und seine Schwester könnten „benachteiligt“ sein, weil sie in ihrem Familienbetrieb nicht die „Chance“ haben, die schweren Säcke und Kisten zu schleppen, sondern mit den leichteren Lasten vorlieb nehmen müssen. Aber wer weiss, vielleicht werden sich eines Tages radikale „FeministInnen“ dafür einsetzen, dieser Benachteiligung ein Ende zu machen.


Nachtrag:

Ich hatte diesen Artikel bereits geschrieben, aber noch nicht veröffentlicht, als mir per e-Mail der folgende interessante Bericht zugesandt wurde:

http://agensev.de/agens-meint/aus-fur-gender-2/

Ein einzelner Mann – der norwegische Soziologe und Komiker Harald Eia – brachte es fertig, in seiner Fernsehsendung (http://www.youtube.com/watch?v=p5LRdW8xw70) diese Gender-Ideologie in der Öffentlichkeit derart blosszustellen, dass das ganze Land darüber diskutierte und die Regierung daraufhin ihre Zuschüsse an ein von dieser Ideologie bestimmtes Forschungsinstitut einstellte. Sehens- und lesenswert!

Gott dienen ohne Namen, ohne „Dienst“, ohne Anerkennung

15. September 2012

Dies ist ein ziemlich persönlicher Artikel. Ich schreibe ihn nach sieben Jahren „Gemeindelosigkeit“, d.h. sieben Jahre ausserhalb der traditionellen Institutionen, die gewöhnlich mit dem „Christentum“ verbunden werden; sieben Jahre in der „Wüste“.

Mein Ausstieg aus den institutionellen Kirchen war nicht vorgeplant. Er begann mit einer Notsituation: Wir mussten entdecken, dass die Sicherheit unserer damals noch kleinen Kinder nicht mehr gewährleistet war an der evangelikalen Institution, wo wir damals als Familie lebten und arbeiteten; und die Leiter der Institution und der Denomination hatten keinerlei Interesse daran, uns in dieser Situation zu helfen oder zu schützen oder auch nur eine Untersuchung in die Wege zu leiten. Deshalb mussten wir jenen Ort fluchtartig verlassen, ohne zu wissen, wohin wir gehen würden, was wir arbeiten würden oder wovon wir leben würden.

Während einer Fastenretraite als Familie zeigte der Herr uns klar, dass nicht nur unsere Zeit an jener Institution zu Ende ging, sondern unsere Zeit im traditionellen evangelikalen Kirchensystem überhaupt. Nicht nur aufgrund der Geschehnisse in jener Institution, die uns schliesslich zum Ausstieg nötigten, sondern auch weil wir schon zuvor verschiedene Unvereinbarkeiten zwischen dem gegenwärtigen Kirchensystem und dem neutestamentlichen Christentum beobachtet hatten. (Verschiedene Artikel in diesem Blog behandeln dieses Thema.)

Es war gar nicht einfach, dieses Wort zu akzeptieren. Wir fühlten uns keineswegs als „Revolutionäre, die alles umstürzen wollen, um ihr eigenes System aufzurichten“ (wie wir von einigen Kirchenleitern dargestellt wurden). Im Gegenteil, wir fühlten uns wie Waisenkinder, die soeben am selben Tag Vater und Mutter verloren hatten. Dieses Gemeindesystem, das während so vielen Jahren unser Arbeitsort, unsere geistliche Familie und unsere gesellschaftliche Umgebung gewesen war, bot uns kein geistliches Leben mehr. Fast von einem Tag auf den anderen erwies sich dieses System als unfruchtbar, leer, feindlich gesinnt – tot. Während manchen Monaten trugen wir einfach nur Trauer um diese toten Kirchen. Damit begann unsere Wüstenwanderung.

Während der ersten Jahre hatten wir noch recht viele Kontakte zu Freunden innerhalb der Kirchen, und besuchten verschiedene Kirchen – einige, weil sich Freunde von uns dort versammelten; andere, weil sie uns noch einluden zu lehren, trotz all der bösen Dinge, die die Leiter über uns verbreiteten. Während dieser Kirchenbesuche hegten wir jedesmal insgeheim die Hoffnung, vielleicht einige Geschwister zu finden, die den Wunsch nach echter persönlicher geistlicher Gemeinschaft hätten, oder nach einer echten Erweckung und geistlichem Leben. Aber unsere Hoffnungen wurden jedesmal enttäuscht. Regelmässig gingen wir deprimiert und mit einem leeren Gefühl von diesen Anlässen nach Hause: routinemässige Programme; lächelnde, aber leere Gesichter; die Erfüllung einer institutionellen Pflicht – damit scheint sich der Durchschnittschrist zufriedenzugeben.

So hörten wir auf, Kirchen zu besuchen. Es blieben einige wenige Kontakte zu Glaubensgeschwistern, die sich auf einer ähnlichen Wüstenwanderung befanden wie wir selbst. Einige von ihnen besuchten weiterhin eine institutionelle Gemeinde, aber sie waren sich bewusst, dass ihr geistliches Leben nicht dort angesiedelt war, sondern in ihrer persönlichen Gemeinschaft mit Gott im stillen Kämmerlein, und vielleicht in einem unscheinbaren Dienst, den sie aus persönlicher Hingabe an den Willen Gottes erfüllten, ohne jede Unterstützung oder „Abdeckung“ durch die Gemeinde.

Wir sind dankbar für diese wenigen Kontakte, die Gott uns gab, und für jene wenigen treuen Geschwister, die uns weiterhin unterstützten und unterstützen, auch nachdem alle Verbindungen zu den organisierten Kirchen zerrissen waren. Aber diese Kontakte waren (und sind) nur sporadisch; unser Weg war und ist weiterhin ein sehr einsamer Weg.

So reduzierte sich unser christliches Leben auf das Allerwesentlichste, und auf den kleinstmöglichen Kreis: unsere persönliche Gemeinschaft mit Gott im Gebet und Bibellesen; die Gemeinschaft zwischen uns als Ehepaar und Familie; und der Dienst für Gott in den kleinen Angelegenheiten des Alltags.

Und wir fanden, dass es tatsächlich diese kleinen Dinge sind, auf die das Neue Testament Gewicht legt: Da lesen wir wenig oder nichts davon, Institutionen und Anlässe zu organisieren, ein „effizientes Management“ zu haben, oder die neusten „evangelistischen Strategien“ einzusetzen. Aber wir lesen viel über unsere Gemeinschaft mit Gott und untereinander, und darüber, Gott treu zu sein im täglichen Leben.

Ich kannte einen Pfarrer, der mir sagte: „Ich ziehe es vor, dass die jungen Leute meiner Kirche nicht zuviel Zeit bei mir zuhause verbringen. Sie könnten da einige Dinge sehen, die sie schockieren, und sie haben noch nicht die nötige Reife, damit umzugehen.“ – Jener Pfarrer nahm sein öffentliches Image sehr wichtig und träumte von mächtigen Institutionen, die grosse evangelistische, soziale und politische Wirksamkeit hätten (obwohl sich sehr wenig davon verwirklichte). Aber er fühlte sich unwohl angesichts der Möglichkeit, dass ihn einige „gewöhnliche Gemeindeglieder“ allzu nahe kennenlernen könnten, in seinem eigenen Heim und im Kreis seiner eigenen Familie.

Ich glaube, da liegt genau der Kern dessen, was schiefgeht im institutionellen und pfarrerzentrierten System der traditionellen Kirchen. Organisation, Leiterschaft, Anlässe und Image werden betont; aber die persönliche Echtheit geht verloren. Damit befindet sich dieses System auf dem Weg in Richtung dessen, was Jesus von den Schriftgelehrten und Pharisäern sagt: „… denn ihr reinigt das Äussere des Bechers und des Tellers, aber inwendig seid ihr voll von Raub und Ungerechtigkeit.“ (Matth.23,25)

Persönlich haben meine Frau und ich immer gespürt, dass unser Leben bereichert wurde durch die Menschen, die über kürzere oder längere Zeit mit uns zusammenlebten – von einigen Tagen bis zu mehreren Jahren. Und es waren auch diese Personen, in denen wir das meiste geistliche Wachstum gesehen haben. Tatsächlich glaube ich, dass dies die einzige wirksame Form des „Betreuens“ bzw. der „Jüngerschaft“ ist: das Leben miteinander zu teilen. Die anderen Dinge, die normalerweise als „pastorale Betreuung“ angesehen werden – eine kirchliche Organisation verwalten, predigen oder Bibelunterricht geben, Befehle erteilen, Seelsorgegespräche führen ohne nähere persönliche Beziehung – sind sehr künstlich und bringen wenig geistliches Wachstum hervor; und ausserdem ermöglichen sie es dem Pfarrer, seine wirkliche Persönlichkeit hinter einer professionellen Maske versteckt zu halten.

Das Leben miteinander zu teilen, ist natürlich eine grosse Herausforderung. Man reibt sich aneinander; wir können den Anschein des „professionellen Christen“ nicht aufrechterhalten; die Menschen sehen uns nicht immer lächelnd, sondern auch manchmal erschöpft, schlechtgelaunt, unkontrolliert… und so können wir die fiktive „Hirte-Schafe-Beziehung“ nicht aufrechterhalten. Wir (als Leiter) erkennen, dass wir selber auch geistliches Wachstum nötig haben. Wir müssen gezwungenermassen anerkennen: „Einer ist euer Meister, der Christus; und ihr alle seid Geschwister“ (Matth.23,8). Im Herrn gibt es nicht „Hirten“ („Pastoren“) und „Schafe“: es gibt einen einzigen Hirten (Jesus), und wir Christen sind alle seine Schafe. Einige Geschwister sind reifer als andere und verdienen es deshalb ernster genommen zu werden; aber wir alle (soweit wir zu Christus gehören) sind Geschwister, die einander gegenseitig helfen zu wachsen. In der neutestamentlichen Gemeinde gibt es nicht „Geistliche“ einerseits und „Laien“ andererseits.

(Eine Anmerkung hier: Ich habe früher auch in christlichen Wohngemeinschaften junger Erwachsener gewohnt, da kann man ähnliche Erfahrungen machen. Aus meiner Erfahrung würde ich aber von solchen Wohngemeinschaften eher abraten: es fehlt dort der tragende „Kern“, der aus einer Familie bzw. einem Ehepaar reifer Christen besteht. Nach Gottes Willen ist die Familie der Kern, aus dem die weiterreichende Gemeinschaft herauswächst. Auch die biblische Ältestenschaft wächst aus der Familiengemeinschaft heraus; siehe 1 Tim.3,4-5.)

Deshalb haben wir als Familie in den letzten sieben Jahren davon abgesehen, uns einen „Namen“ zu geben, einen „Dienst“ zu gründen oder ein „Amt“ einzunehmen. Wir entschieden uns, täglich Gott zu suchen und die kleinen Dinge zu tun, die er uns zeigen würde. Eines Tages stach uns dieser kleine Vers in die Augen:

„Alles was dir vor die Hände kommt, das tu nach deiner Kraft…“
(Prediger 9,10)

Diese Worte sind seither unser Leitvers gewesen. Wir sahen die Kinder einer Nachbarfamilie allein, ohne dass jemand zu ihnen sah: so anerboten wir uns, sie zu hüten. Wir erfuhren, dass ein armer Nachbar krank war: so besuchten wir ihn, beteten für ihn und besorgten Medizin für ihn. Die Grossmutter von Nachbarskindern war gestorben: so gingen wir die Kinder und ihre Eltern trösten, und sprachen zu ihnen von Gott, der ewiges Leben anbietet. Wir haben ein offenes Haus für alle, die uns kennen, und besonders für die Kinder.

Während dieser Zeit erlebten wir eine unerwartete Freiheit, mit ungläubigen Nachbarn und Verwandten über unseren Glauben zu sprechen. Erst da wurde mir bewusst, dass mein christliches Zeugnis vorher immer unter dem Gewicht einer „geheimen Agenda“ gelitten hatte: Ich muss Mitglieder für „meine“ Gemeinde gewinnen. Ich muss „Punkte gewinnen“ vor den Leuten, die mich bewundern und unterstützen, und vor meinen Leitern. Ich muss „Erfolg“ haben. – Jetzt muss ich für niemanden mehr Mitglieder gewinnen. Ich darf einfach ein Mitarbeiter des Herrn sein, bereit dazu, seiner Stimme zu folgen; aber die Ergebnisse sind seine Sache, nicht meine. Er ist es, der seine Gemeinde baut; nicht ich muss „meine“ Gemeinde bauen.

Auf diese Weise dauert es wohl länger, bis jemand sich bekehrt. Es ist nicht einfach, Geduld zu haben, bis der Herr mit seinem Heiligen Geist Überführung von der Sünde wirkt. Es ist viel einfacher, grosse Versammlungen zu organisieren mit viel Werbung und Manipulation, und hundert Menschen ein Übergabegebet nachsprechen zu lassen. Aber unter diesen hundert ist möglicherweise nicht einer, der sich wirklich und von Herzen bekehrt. Ich ziehe es vor, mit einigen wenigen echten Christen Gemeinschaft zu haben, als einer grossen Kirche voller Namenschristen vorzustehen.

Während all dieser Zeit stellten wir uns nie als „Pastoren“, „Lehrer“ o.ä. vor. Wenn jemand nach unserer Religion fragt, dann sagen wir, dass wir keiner Religion oder „Kirche“ (im Sinne einer religiösen Institution) angehören, aber dass wir Christen sind, Nachfolger von Jesus Christus. Wir glauben, dass echte geistliche Autorität darauf beruht, wer wir sind; nicht auf einem Titel oder einer Leiterschaftsstellung. Deshalb sagen wir: Wenn wir echte geistliche Autorität haben, dann werden die Menschen das von selber merken aufgrund dessen, was sie in uns sehen; und wenn sie nichts sehen in uns, dann wissen wir, dass wir keine Autorität haben und noch viel mehr Gott suchen müssen.

Unter den vielen kleinen Dingen, die wir tun, hat sich während der letzten Jahre als Haupttätigkeit die Hausaufgabenhilfe (und z.T. Familienberatung) für Kinder bzw. Familien der Nachbarschaft herauskristallisiert. Schon nach den ersten Nachmittagen, als wir einigen Kindern halfen, begannen sie uns „Lehrer“ bzw. „Lehrerin“ zu nennen und andere Kinder mitzubringen. Dann begannen auch Eltern zu kommen, die um Hilfe für ihre Kinder baten. So bestätigte sich, dass die Menschen uns tatsächlich als das anerkennen, was wir sind und was wir gut tun – in Kürze, für unsere „Früchte“ -, nicht für Titel oder Stellungen, die wir innehaben könnten. (Ein „Lehrer“ z.B. ist nicht der, der ein Lehrerdiplom hat, sondern der, der anderen tatsächlich etwas beibringt und sie in ihrem Verständnis weiterbringt.)

Alle diese Tätigkeiten waren immer integraler Bestandteil unseres Familienlebens. Auch als die Zahl der Kinder zunahm, versuchten wir unserer Arbeit so weit wie möglich keinerlei „schulische“ Strukturen aufzuerlegen (obwohl einige Kinder und Eltern uns „Akademie“ nennen, wie hierzulande solche ausserschulischen Bildungsangebote genannt werden). (Siehe dazu: „Sie sehnen sich nach Familie …“)
Wir haben zwar jeweils eine „Kreiszeit“ zusammen, während der wir z.B. einige Lieder singen, eine biblische Geschichte hören oder lesen, manchmal zusammen spielen, und manchmal Dinge besprechen, die mit allen besprochen werden müssen – aber das ist nicht so verschieden von der Art, wie wir schon immer unsere Familienandacht hielten. Im übrigen teilen wir unser Familienleben, unser Wohnzimmer, und oft auch unseren Mittagstisch mit den Kindern; und wir möchten ganz einfach authentisch sein. Alle schulische oder geistliche Hilfe, die wir ihnen bieten können, fliesst aus diesem Familienleben.

Wenn ich das jetzt mit dem Neuen Testament und mit der jüdischen Kultur vergleiche, dann glaube ich, dass wir tatsächlich ein wesentliches Element des Urchristentums wiederentdeckt haben: Alles geistliche Leben und alle Gemeinschaft konzentrierte sich auf das Heim und entsprang der Familie. Die ersten Christen hatten weder institutionelle Namen noch Organigramme; sie identifizierten sich einfach als „das Haus (=die Familie) von Soundso“, oder wenn ihre Zahl grösser wurde, „die Gemeinde im Haus von Soundso“. Das Volk Israel war immer nach Stämmen, Sippen und Familien organisiert; und das wichtigste jüdische Fest, das Passah (von dem das christliche Abendmahl herstammt), wird in den Familien gefeiert.

Wir hoffen, dass der Herr uns behüten möge, sodass wir auf diesem Weg bleiben, auch wenn diese Arbeit eines Tages grössere Ergebnisse zeitigen sollte. Die Wüste ist ein schwieriger Ort, aber der Erfolg und die Bekanntheit können noch grössere Versuchungen bergen.

Was ist Gnade?

8. September 2012

Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte ich ohne nachzudenken geantwortet: „Gnade ist ein unverdientes Geschenk.“ Ohne nachzudenken, weil ich diese Definition bereits als junger Christ von anderen Menschen übernommen hatte und es mir nie in den Sinn gekommen war, sie zu hinterfragen. Es handelt sich bei dieser Definition offenbar um einen Gemeinplatz, der überall in den Kirchen, Predigten, Bibelschulen und theologischen Seminaren umherschwirrt, und den einer dem anderen nachplappert – eben ohne nachzudenken.

(Siehe in dem Zusammenhang auch: „Von der unbarmherzigen Gnade“.)

Ins Nachdenken kam ich erst, als ich zufällig über eine andere Definition stolperte: „Gnade ist Gottes Berührung eines menschlichen Herzens, und deren Widerspiegelung im Leben.“ („Grace is the divine touch upon a human heart and the reflection in the life there on.“ – Darren Smith, http://www.streetscapeministries.com ).

Nun möchte ich natürlich nicht vorschlagen, einfach diese Definition ohne Nachdenken zu übernehmen. Aber ich möchte gerne etwas weiter darüber nachdenken, was „Gnade“ eigentlich bedeutet.

Zuerst einmal scheint „Gnade“ im Neuen Testament weniger eine Tat Gottes auszudrücken, als vielmehr eine Eigenschaft seines Wesens. Das griechische Wort dafür ist „charis“. Ich habe dazu das „Wörterbuch zum Neuen Testament“ von Bauer/Aland konsultiert. (Die Autoren haben zwar einen amtskirchlichen und bibelkritischen Hintergrund; aber sie haben eine immense Forschungsarbeit geleistet, die – bei entsprechendem Unterscheidungsvermögen – durchaus ihren Wert hat.) Da wird als erste und ursprüngliche Bedeutung angegeben: „Anmut, Lieblichkeit“. Tatsächlich ist das Wort „Charme“ vom griechischen „charis“ abgeleitet!
Als zweite Bedeutung steht dann „Gunst, Huld, Wohlwollen, gnädige Fürsorge“. Das ist schon eher etwas, was „mir zugute“ kommen kann; in erster Linie sind es aber immer noch Wesens- oder Charaktereigenschaften von Gott selbst. – Im weiteren folgen dann (im Wörterbuch) einige Bedeutungen, die direkter mit „Gnade“ und davon abgeleiteten Begriffen zu tun haben; die exakte Übersetzung bzw. Interpretation der betreffenden Stellen ist weitgehend Auslegungssache. Und schliesslich als letzte Bedeutung noch „Dank, Dankbarkeit“.

Es ist also anscheinend vorzuziehen, bei „Gnade“ in erster Linie an etwas zu denken, was Gott ist; und erst in zweiter Linie an etwas, was er für mich tut. Ich denke, es ist nötig, zu einer mehr Gott-zentrierten statt menschenzentrierten Sicht von „Gnade“ zu kommen.

Ein zweiter Aspekt, der mir an Darren Smiths Definition aufgefallen ist: Echte Gnade wirkt lebensverändernd. Offenbar geht es nicht einfach darum, „ein Auge zuzudrücken“ oder „Gnade vor Recht ergehen zu lassen“, wie die Definition von Gnade als „unverdientem Geschenk“ fälschlich nahelegt. Einen Verbrecher einfach laufenzulassen, statt ihn seiner verdienten Strafe zuzuführen, wird kaum sein Leben verändern. Ausser vielleicht, dass er noch unverfrorener seine Übeltaten verüben wird.
Schon Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Buch „Nachfolge“ (1937) diese Verkehrung des Gnadenbegriffs in den modernen Kirchen beklagt:

„Wir nehmen an, Gnade bestünde darin, dass die Schuld zum voraus bezahlt wurde; und da sie bezahlt wurde, könne man jetzt alles umsonst bekommen. (…) Was wäre die Gnade, wenn sie nicht billig wäre?
Billige Gnade bedeutet Gnade als eine Doktrin, ein Prinzip, ein System. (…) Die Kirche, welche die rechte Lehre über die Gnade hat, nimmt ipso facto – so wird angenommen – an dieser Gnade teil. In einer solchen Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden; es wird keine Reue verlangt, und noch weniger der echte Wunsch, von der Sünde befreit zu werden. Damit reduziert sich die billige Gnade auf eine Verneinung des lebendigen Wortes Gottes. (…)
Gut, dann lebe der Christ wie der Rest der Welt, passe sich in jedem Lebensbereich an die Normen der Welt an, und strebe nicht vermessen nach einem Leben unter der Gnade, verschieden von seinem alten Leben unter der Sünde. Das wäre die Irrlehre der Schwärmer, der Wiedertäufer und ähnlichem Gesindel. Der Christ hüte sich davor, sich gegen die freie und unbeschränkte Gnade Gottes aufzulehnen und sie zu schänden. Keinesfalls soll er versuchen, eine neue Religion des Buchstabens aufzurichten, indem er versucht, ein Leben im Gehorsam gegen die Gebote Jesu Christi zu leben! (…) Er lebe also wie der Rest der Welt. (…)
Billige Gnade ist die Predigt der Vergebung ohne die Forderung der Umkehr, Taufe ohne Gemeindezucht, Kommunion ohne Bekenntnis, Absolution ohne Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne das Kreuz, Gnade ohne den lebendigen und fleischgewordenen Jesus Christus.“
(Rückübersetzt aus der spanischen Fassung.)

Tatsächlich ist jede Person im Neuen Testament, die wirklich die Gnade Gottes erfahren hatte, dadurch tiefgreifend und bleibend verändert worden. Herausragendes Beispiel ist der Christenverfolger Saulus, der nach seiner Begegnung mit Jesus „zum Paulus wurde“. Später schrieb er über die Gnade:

„Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin. Und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen, sondern mehr als sie alle habe ich gearbeitet; doch nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir.“ (1.Korinther 15:10)

Und:

„Denn erschienen ist die Gnade Gottes, die allen Menschen zum Heil dient, indem sie uns erzieht, dass wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen, und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in der jetzigen Welt…“ (Titus 2,11-12)

Also: Die Gnade Gottes verändert Leben. Sie macht aus dem Saulus einen Paulus; sie bewirkt Arbeit für den Herrn; sie erzieht uns zu einem gottesfürchtigen Leben; und so dient sie uns zum Heil (nicht indem Gott einfach „ein Auge zudrücken“ würde). Hätte die Gnade nicht diese Auswirkungen, dann wäre sie „vergeblich“. Wenn die Gnade Gottes dein Leben nicht in dieser Weise radikal verändert hat, dann war es nicht wirklich die Gnade Gottes.

Soweit meine Denkanstösse – es lohnt sich, über das Thema weiter nachzudenken.

Noch eine Anekdote

1. September 2012

Diese Geschichte ist vermutlich nicht wahr …

… aber zumindest gut erfunden. (Gefunden irgendwo im Internet.)

Eines Sonntagmorgens betrat ein alter Cowboy eine Kirche, als gerade der Gottesdienst begann. Der alte Mann und seine Kleider waren fleckenlos sauber, aber er trug Jeans, ein Denim-Hemd, und abgetragene, löchrige Stiefel. In der Hand trug er einen zerschlissenen alten Hut und eine ebenso zerschlissene Bibel mit Eselsohren.

Die Kirche befand sich in einem sehr reichen und exklusiven Stadtviertel. Es war die grösste und schönste Kirche, die der Cowboy je gesehen hatte. Alle Kirchgänger trugen teure Kleider und kostbaren Schmuck. Als der Cowboy Platz nahm, rückten die anderen Leute von ihm weg. Niemand begrüsste ihn, sprach ihn an oder hiess ihn willkommen. Alle waren schockiert von seinem Äusseren und versuchten nicht, es zu verbergen.

Als der alte Cowboy nach dem Gottesdienst die Kirche verliess, kam der Prediger auf ihn zu und bat ihn, ihm einen Gefallen zu tun: „Bevor Sie wieder hierherkommen, sprechen Sie doch bitte mit Gott und fragen Sie ihn, was seiner Meinung nach eine angebrachte Kleidung sei für die Anbetung in der Kirche.“ – Der alte Cowboy versicherte dem Prediger, er würde dies tun.

Am nächsten Sonntag erschien er wieder zum Gottesdienst, in derselben Aufmachung wie zuvor. Wiederum wurde er vollständig ignoriert und gemieden. Der Prediger kam auf ihn zu und sagte: „Ich erinnere mich, Sie gebeten zu haben, dass Sie ein Gespräch mit Gott hätten, bevor Sie wieder zu unserer Kirche kämen.“

„Das tat ich“, antwortete der alte Cowboy.

„Und was war seine Antwort?“, fragte der Prediger.

„Nun, Gott sagte mir, er hätte keine Ahnung, was ich anziehen sollte. Er sagte, er sei noch nie in dieser Kirche gewesen.“