Was ist Gnade?

Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte ich ohne nachzudenken geantwortet: „Gnade ist ein unverdientes Geschenk.“ Ohne nachzudenken, weil ich diese Definition bereits als junger Christ von anderen Menschen übernommen hatte und es mir nie in den Sinn gekommen war, sie zu hinterfragen. Es handelt sich bei dieser Definition offenbar um einen Gemeinplatz, der überall in den Kirchen, Predigten, Bibelschulen und theologischen Seminaren umherschwirrt, und den einer dem anderen nachplappert – eben ohne nachzudenken.

(Siehe in dem Zusammenhang auch: „Von der unbarmherzigen Gnade“.)

Ins Nachdenken kam ich erst, als ich zufällig über eine andere Definition stolperte: „Gnade ist Gottes Berührung eines menschlichen Herzens, und deren Widerspiegelung im Leben.“ („Grace is the divine touch upon a human heart and the reflection in the life there on.“ – Darren Smith, http://www.streetscapeministries.com ).

Nun möchte ich natürlich nicht vorschlagen, einfach diese Definition ohne Nachdenken zu übernehmen. Aber ich möchte gerne etwas weiter darüber nachdenken, was „Gnade“ eigentlich bedeutet.

Zuerst einmal scheint „Gnade“ im Neuen Testament weniger eine Tat Gottes auszudrücken, als vielmehr eine Eigenschaft seines Wesens. Das griechische Wort dafür ist „charis“. Ich habe dazu das „Wörterbuch zum Neuen Testament“ von Bauer/Aland konsultiert. (Die Autoren haben zwar einen amtskirchlichen und bibelkritischen Hintergrund; aber sie haben eine immense Forschungsarbeit geleistet, die – bei entsprechendem Unterscheidungsvermögen – durchaus ihren Wert hat.) Da wird als erste und ursprüngliche Bedeutung angegeben: „Anmut, Lieblichkeit“. Tatsächlich ist das Wort „Charme“ vom griechischen „charis“ abgeleitet!
Als zweite Bedeutung steht dann „Gunst, Huld, Wohlwollen, gnädige Fürsorge“. Das ist schon eher etwas, was „mir zugute“ kommen kann; in erster Linie sind es aber immer noch Wesens- oder Charaktereigenschaften von Gott selbst. – Im weiteren folgen dann (im Wörterbuch) einige Bedeutungen, die direkter mit „Gnade“ und davon abgeleiteten Begriffen zu tun haben; die exakte Übersetzung bzw. Interpretation der betreffenden Stellen ist weitgehend Auslegungssache. Und schliesslich als letzte Bedeutung noch „Dank, Dankbarkeit“.

Es ist also anscheinend vorzuziehen, bei „Gnade“ in erster Linie an etwas zu denken, was Gott ist; und erst in zweiter Linie an etwas, was er für mich tut. Ich denke, es ist nötig, zu einer mehr Gott-zentrierten statt menschenzentrierten Sicht von „Gnade“ zu kommen.

Ein zweiter Aspekt, der mir an Darren Smiths Definition aufgefallen ist: Echte Gnade wirkt lebensverändernd. Offenbar geht es nicht einfach darum, „ein Auge zuzudrücken“ oder „Gnade vor Recht ergehen zu lassen“, wie die Definition von Gnade als „unverdientem Geschenk“ fälschlich nahelegt. Einen Verbrecher einfach laufenzulassen, statt ihn seiner verdienten Strafe zuzuführen, wird kaum sein Leben verändern. Ausser vielleicht, dass er noch unverfrorener seine Übeltaten verüben wird.
Schon Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Buch „Nachfolge“ (1937) diese Verkehrung des Gnadenbegriffs in den modernen Kirchen beklagt:

„Wir nehmen an, Gnade bestünde darin, dass die Schuld zum voraus bezahlt wurde; und da sie bezahlt wurde, könne man jetzt alles umsonst bekommen. (…) Was wäre die Gnade, wenn sie nicht billig wäre?
Billige Gnade bedeutet Gnade als eine Doktrin, ein Prinzip, ein System. (…) Die Kirche, welche die rechte Lehre über die Gnade hat, nimmt ipso facto – so wird angenommen – an dieser Gnade teil. In einer solchen Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden; es wird keine Reue verlangt, und noch weniger der echte Wunsch, von der Sünde befreit zu werden. Damit reduziert sich die billige Gnade auf eine Verneinung des lebendigen Wortes Gottes. (…)
Gut, dann lebe der Christ wie der Rest der Welt, passe sich in jedem Lebensbereich an die Normen der Welt an, und strebe nicht vermessen nach einem Leben unter der Gnade, verschieden von seinem alten Leben unter der Sünde. Das wäre die Irrlehre der Schwärmer, der Wiedertäufer und ähnlichem Gesindel. Der Christ hüte sich davor, sich gegen die freie und unbeschränkte Gnade Gottes aufzulehnen und sie zu schänden. Keinesfalls soll er versuchen, eine neue Religion des Buchstabens aufzurichten, indem er versucht, ein Leben im Gehorsam gegen die Gebote Jesu Christi zu leben! (…) Er lebe also wie der Rest der Welt. (…)
Billige Gnade ist die Predigt der Vergebung ohne die Forderung der Umkehr, Taufe ohne Gemeindezucht, Kommunion ohne Bekenntnis, Absolution ohne Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne das Kreuz, Gnade ohne den lebendigen und fleischgewordenen Jesus Christus.“
(Rückübersetzt aus der spanischen Fassung.)

Tatsächlich ist jede Person im Neuen Testament, die wirklich die Gnade Gottes erfahren hatte, dadurch tiefgreifend und bleibend verändert worden. Herausragendes Beispiel ist der Christenverfolger Saulus, der nach seiner Begegnung mit Jesus „zum Paulus wurde“. Später schrieb er über die Gnade:

„Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin. Und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen, sondern mehr als sie alle habe ich gearbeitet; doch nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir.“ (1.Korinther 15:10)

Und:

„Denn erschienen ist die Gnade Gottes, die allen Menschen zum Heil dient, indem sie uns erzieht, dass wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen, und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in der jetzigen Welt…“ (Titus 2,11-12)

Also: Die Gnade Gottes verändert Leben. Sie macht aus dem Saulus einen Paulus; sie bewirkt Arbeit für den Herrn; sie erzieht uns zu einem gottesfürchtigen Leben; und so dient sie uns zum Heil (nicht indem Gott einfach „ein Auge zudrücken“ würde). Hätte die Gnade nicht diese Auswirkungen, dann wäre sie „vergeblich“. Wenn die Gnade Gottes dein Leben nicht in dieser Weise radikal verändert hat, dann war es nicht wirklich die Gnade Gottes.

Soweit meine Denkanstösse – es lohnt sich, über das Thema weiter nachzudenken.

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