Der Reformator Martin Luther – Teil 1

Dies ist mein dritter Versuch, etwas über Luther zu schreiben. Diesmal wage ich es, das Ergebnis zu veröffentlichen, obwohl ich auch jetzt mit der Artikelserie noch nicht wirklich zufrieden bin. Aber ich kann mir nicht vorstellen, diese neue Artikel-Kategorie über „Erweckung und Erweckungsgeschichte“ mit irgendjemand anderem als Martin Luther zu beginnen. Man mag Luther schätzen und ihn leidenschaftlich verehren, oder man mag ihn schmähen und ihn seiner Fehler wegen ablehnen – aber man kommt einfach nicht an ihm vorbei. Dieser Mann steht wie ein Koloss mitten in der Kirchengeschichte und lenkt deren Strom in eine veränderte Bahn. Nachfolgende Erweckungsbewegungen haben zwar Luther in wichtigen Punkten widersprochen und korrigiert. Dennoch stehen sie alle – Calvinisten, Täufer, Puritaner, Pietisten, Herrnhuter, Methodisten, Heiligkeitsbewegung, Pfingstbewegung, usw. – direkt oder indirekt auf seinen Schultern. Wie verschieden diese nachfolgenden Bewegungen auch von der Reformation Luthers sein mögen, sie sind alle nicht denkbar, ohne dass Luther den Stein ins Rollen gebracht hätte. „Zurück zur Schrift!“ – „Zurück zum Ursprung!“ – das war der entscheidende Weckruf, der durch Luther erstmals wieder weithin hörbar gemacht wurde, und der viele andere nach ihm ermutigte, in dieser Richtung noch viel weiter zu gehen als Luther selber.

Anm: Zitate von deutschsprachigen Autoren sind in der Regel aus dem Spanischen rückübersetzt und stimmen deshalb nicht wörtlich mit dem Original überein.

Reformatoren vor Luther

Luther war nicht der erste Reformator. Es gab andere vor ihm, die ähnlich wie er lehrten, und die die Kirche zur Wahrheit des Wortes Gottes zurückbringen wollten. Die bekanntesten unter ihnen waren John Wyclif in England (1320-1384) und Jan Hus in Böhmen (1374-1415), der den Märtyrertod starb. Beide konnten eine beträchtliche Anzahl Nachfolger hinter sich scharen, aber sie erreichten nicht wirklich die Reformen, die sie wünschten.

Warum konnte Luther den Erfolg sehen, den sie nicht erreicht hatten? – Ich glaube nicht, dass die „Vorreformatoren“ Luther unterlegen waren. Ich glaube, dass einfach die Zeit Gottes noch nicht gekommen war. Eine so weitreichende Reformation geschieht nicht von heute auf morgen. Es war nötig, den Weg dazu vorzubereiten. In der Zeit Luthers gab es in ganz Europa einen grossen „Hunger“ nach Gott und seinem Wort. Ohne die Arbeit der „Vorreformatoren“ wäre wahrscheinlich dieser Hunger nicht vorhanden gewesen; und damit hätte Luther nicht so viele Zuhörer gefunden.

Jeder von uns hat von Gott seine eigene Aufgabe und seinen eigenen Platz in der Geschichte zugewiesen erhalten. Einige sind gerufen zu säen, andere zu begiessen und andere zu ernten. Einige sind gerufen, Pioniere zu sein; und andere sind gerufen, auf dem Werk der Pioniere weiter aufzubauen. (Siehe 1.Korinther 3,5-13). Einige sind gerufen, in einer Zeit allgemeiner geistlicher Finsternis zu leben und in dieser Umgebung ihren Glauben zu bewähren; andere sind gerufen, Gott in Erweckungszeiten zu dienen.
Die Pioniere oder Vorläufer werden oft dazu gerufen, sogar ihr Leben hinzugeben, damit andere leichter nachfolgen können auf dem Weg, den sie vorbereiteten. Wie Abraham müssen sie im Glauben sterben, „ohne das Verheissene zu empfangen; sondern sie schauten es von ferne und glaubten es und begrüssten es, und bekannten, dass sie Fremde und Pilger auf der Erde waren.“ (Hebräer 11:13). Johannes der Täufer bereitete den Weg vor für den Messias, aber er musste sterben, bevor das Werk des Messias vollendet war. Der rumänische Pfarrer Josef Tson, der unter dem Kommunismus verfolgt wurde, schreibt: „Für jedes Land, das sich dem Evangelium öffnete, war der Preis dafür sehr hoch. Ein Botschafter Gottes musste sein Blut vergiessen für jenes Land …“ Gilt vielleicht dasselbe für jede grosse Reformation in der Kirche?

Ein interessantes Detail: Im Jahr 1415 wurde Jan Hus vom Konzil zu Konstanz zum Tod verurteilt. Während er zum Scheiterhaufen geführt wurde, sagte er prophetisch: „Jetzt verbrennt ihr diese alte Gans („Hus“ bedeutet „Gans“), aber in hundert Jahren wird ein Schwan aufstehen, den ihr nicht werdet verbrennen können.“ – Fast genau hundert Jahre später (1517) begann die Reformation mit den 95 Thesen Luthers.

Der katholische Luther

Luther war kein Feind der Kirche. Im Gegenteil, er war ein treuer Katholik und wollte Gott dienen gemäss den Traditionen dieser Kirche.

„Nach dem Wunsch seines Vaters begann er ein Jurastudium. Aber alles änderte sich, als er 1505 in ein Gewitter geriet. Ein Blitz schlug ganz in seiner Nähe ein, während er sich auf dem Rückweg von einem Besuch nach Hause befand. Erschreckt rief er aus: ‚Hilf, heilige Anna! Ich will Mönch werden.‘ Er überstand das Gewitter unversehrt und gab das Studium auf, verkaufte alle seine Bücher ausser jene von Vergil, und trat am 17.Juli 1505 ins Augustinerkloster Erfurt ein.“ (Nach Wikipedia.)
Obwohl Luther später dieses übereilte Gelübde bereute, fühlte er sich verpflichtet, es zu erfüllen, da Gott als Antwort darauf im Gewitter sein Leben gerettet hatte. Später sah er darin die Hand Gottes in seinem Leben, denn so hatte ihn Gott zum Studium der Heiligen Schrift geführt. Im Kloster war es, wo Luther zum ersten Mal in seinem Leben eine Bibel in der Hand hatte.

Wir sehen in dieser ersten Berufung Luthers einige Aspekte, die nicht der Bibel gemäss sind:
– Er rief nicht zu Gott um Hilfe, sondern zur „Heiligen Anna“.
– Um Gott zu dienen, kannte er keinen anderen Weg, als Mönch zu werden.
Werden wir ihm deswegen Vorwürfe machen? – Erinnern wir uns, dass Luther als treuer Sohn der römisch-katholischen Kirche aufwuchs und kaum irgendwelche davon abweichende Information finden konnte. Erst nachdem er selber die Bibel gründlich studiert hatte, konnten ihm diese Fehler bewusst werden. Schon vorher hatte er den glühenden Wunsch, Gott zu dienen, „aber nicht mit Erkenntnis“ (Römer 10,2). Es war dieser Wunsch, den Gott sah und ernstnahm; und so konnte er Luther allmählich zum Licht der Wahrheit führen. „Selig sind, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.“ (Matthäus 5,6).

Da, wo Luther auch nach seinem Bibelstudium weiter den toten Traditionen der Kirche diente, da müssen wir ihn tadeln. Aber nachdem er das Wort Gottes kennengelernt hatte, hatte er den Mut, in vielen Dingen auf die Wahrheit hin zu handeln, die Gott ihm gezeigt hatte, auch entgegen allen kirchlichen Traditionen.

Das ist der Punkt, wo Gott uns auch heute herausfordert. Wenn Du ein „guter Evangelischer“ bist, dann willst Du wahrscheinlich Gott nach Kräften dienen, nach den Traditionen Deiner Kirche: zum Gottesdienst gehen, Verantwortung für eine Gruppe oder einen Hauskreis übernehmen, neue Mitglieder für die Gemeinde gewinnen… Wenn das Deine Vorstellung ist, dann bist Du wie Luther in seiner Jugend: Du möchtest Gott dienen, aber Du tust es in einer von Menschen übernommenen Weise. Es ist nötig, selber den Willen Gottes zu suchen.
Wenn Du das tust, dann wirst Du feststellen, dass der Wille Gottes über die Traditionen Deiner Kirche (egal welcher Denomination) hinausgeht. Wie Luther wirst auch Du in einigen Punkten die Tradition Deiner Kirche brechen müssen, wenn Du Gottes Willen ganz folgen willst.
Hierin wird sich entscheiden, ob Du wirklich „reformiert“ bist. Bist Du bereit, Gott zu dienen und seinen Willen zu tun, auch wenn sein Wille der Tradition Deiner eigenen Kirche entgegensteht?

Luther und ich

Dies ist einer der Punkte (ich werde später noch andere nennen), wo ich mich persönlich mit dem Leben Luthers identifiziere und deshalb aus eigener Betroffenheit schreibe.
Ähnlich wie Luther sah ich als junger Christ nur einen Weg, auf Gottes Ruf zu antworten: mein Leben als vollzeitlicher Mitarbeiter in den Dienst der Institution „christliche Gemeinde“ zu stellen. (Nur dass ich, im Unterschied zu Luther, diesen Schritt tat, als ich bereits die Rechtfertigung aus Glauben erfahren hatte. Anscheinend war da noch ein grosser Rest von „klösterlichem“ bzw. „kirchlich-institutionellem“ Denken in mir.) Es kam mir damals – und bis vor einigen Jahren – nicht in den Sinn, dass es einen Widerspruch geben könnte zwischen „Dienst in den Gemeinden“ und „Dienst im Reich Gottes“.

Luther kam in seinem späteren Leben zur Einsicht, dass das Entscheidende am „Gottes-Dienst“ weder in der äusseren Absonderung noch im „institutionellen Umfeld“ liegt, sondern in der persönlichen Hingabe an Gott, die in jeder Umgebung gelebt werden kann. Schliesslich widerrief er sogar seine Mönchsgelübde, da er darin nichts als Menschengebote sah, die ihn in Wirklichkeit sogar daran gehindert hatten, Gottes Willen zu tun. So musste auch ich erkennen, dass der Dienst in den heutigen christlichen Gemeinden ebensosehr Dienst an Menschengeboten ist, wie es Luthers Mönchsdienst im Kloster war. Und dass es gerade die existierenden Strukturen und Verhältnisse in den Gemeinden sind, die allzuoft einen echten „Gottes-Dienst“ verunmöglichen.

Luther hat zwar bis zu seinem Lebensende als Amtsträger der Kirche gearbeitet, die sich durch seinen Einfluss immerhin halbwegs reformierte. Das war wahrscheinlich das Äusserste, was er in seiner persönlichen Situation und zu seiner Zeit erreichen konnte. Könnte er aber heute auf 500 Jahre Reformationsgeschichte zurückblicken, dann käme er wahrscheinlich auch zu dem Schluss, dass die existierenden Kirchen sich nicht wirklich von Grund auf reformieren lassen.

(Fortsetzung folgt)

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , ,


%d Bloggern gefällt das: