Der Reformator Martin Luther – Teil 2 – Der Weg zur Bekehrung

Der Weg zur Bekehrung

Aus Luthers Zeit als junger Mönch wird berichtet, dass er unter einem ungeheuren Bewusstsein seiner eigenen Sündhaftigkeit litt, und sich selbst die härtesten Bussübungen auferlegte, um sein Gewissen zu erleichtern – vergeblich. Obwohl er keine offensichtliche Sünde begangen hatte, war er sich seiner kleinen Fehler in Worten, Gedanken und Verhalten sehr bewusst, die im täglichen Leben geschehen. Er versuchte oft, diese schlechten Neigungen zu besiegen, aber sein Gewissen verurteilte ihn weiterhin. Manchmal dachte er sogar, er sei wohl zur Verdammnis vorherbestimmt; denn wenn es anders wäre, würde ihm doch Gott sicher ermöglichen, die Versuchungen zu besiegen?

Sein Freund Philipp Melanchthon schreibt über Luther in jener Zeit:
„Oft erschreckten ihn plötzliche und heftige Ängste, während er intensiver über den Zorn Gottes und seine Strafen nachdachte; so dass er beinahe verrückt wurde. Und ich selbst sah ihn, als er in einer Lehrdebatte von der Spannung übermannt wurde, wie er sich in der benachbarten Zelle niederwarf und mehrmals über dem diskutierten Gedanken betete, und alles unter der Sünde zusammenfasste, um für alles Vergebung zu erhalten. Er fühlte diese Ängste von Anfang an, oder noch heftiger in jenem Jahr, weil er seinen Kameraden verlor, der bei einem Unfall starb.“

Er bemühte sich, gute Werke zu tun, um Gott zu gefallen. Er widmete sich intensiv dem Fasten, langen Stunden im Gebet, Geisselungen, Wallfahrten, und ständiger Beichte. Er verbrachte viel Zeit damit, sein eigenes Herz zu erforschen, und bekannte jede Sünde des Zornes, des Hasses und der Eifersucht gegen andere Menschen. Aber je mehr er versuchte, Gott zu gefallen, desto mehr wurde er sich seiner Sünde bewusst. Entmutigt sagte er: „Je mehr man versucht, sich die Hände zu waschen, desto schmutziger werden sie.“ Und obwohl er ständig Absolutionen erhielt und Bussübungen machte, blieb die beunruhigende Frage: Wer kann mir versichern, dass ich wirklich alle Bedingungen erfüllt habe, um Vergebung zu erhalten? So suchte er weiterhin Antwort auf die wichtige Frage: Wie kann ein Sünder die ewige Errettung erlangen? Wie kann ich die Gnade Gottes erfahren?

Die Schlüsselstelle in Luthers Leben war Römer 1,17:
„Denn im Evangelium offenbart sich die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben und zum Glauben, wie geschrieben steht: Denn der Gerechte wird aus Glauben leben.“
In seinem Verständnis konnte „Gerechtigkeit Gottes“ nur bedeuten: Gott muss mich in seiner Gerechtigkeit für meine Sünde bestrafen, denn ich, Martin Luther, bin nicht gerecht. Wie aber kann ich gerecht werden?

Im Jahre 1511 wurde Luther von seinem Orden mit einem wichtigen Auftrag nach Rom gesandt. Auf dieser Reise hatte er Gelegenheit, das Zentrum der katholischen Kirche mit eigenen Augen zu sehen. Er erfüllte alle Pflichten eines Pilgers und besuchte alle „heiligen“ Stätten, und hoffte, davon Erleichterung für seine Seele zu erhalten. Er rutschte die „Pilatustreppe“ auf den Knieen hinauf, weil der Papst allen, die dies taten, eine besondere Absolution versprochen hatte. Aber während er sich mitten in dieser Bussübung befand, war es ihm, als ob eine Stimme vom Himmel ihm diese Worte zuriefe, die er noch nicht verstand: „Denn der Gerechte wird aus Glauben leben.“

Doch die Vergebung Gottes hatte er noch nicht gefunden.

1512 erhielt er den Doktortitel und wurde als Theologieprofessor nach Wittenberg berufen. In jener Zeit (und heute?) wussten die Theologen viel über die Werke anderer Theologen, aber wenig über die Bibel. Luther dagegen widmete sich völlig dem Studium und der Auslegung der Bibel.

Während er den Römerbrief las und lehrte, kam er schliesslich zum Verständnis der Worte: „Denn der Gerechte wird aus Glauben leben.“: Es ging nicht darum, selber gerecht zu sein, um zum Glauben zu kommen. Im Gegenteil: der Glaube war das einzig Nötige, um gerecht zu werden. „Glaube, so wirst du gerettet werden.“ – Für den, der wirklich glaubt (vertraut), ist die „Gerechtigkeit Gottes“ keine Strafe. Vielmehr ist es die Gerechtigkeit, die Gott jedem, der glaubt, schenkt. Das ist die eigentliche Botschaft des Evangeliums, die jahrhundertelang vergessen gewesen war, bis Luther sie von neuem ans Licht brachte.
(Wie wir sahen, gab es andere vor ihm. Es war aber vor Luther nicht möglich, die biblische Botschaft öffentlich und allgemein bekanntzumachen.)

Luther sagte über diese Entdeckung:
„Bevor ich diese Worte verstand, hasste ich Gott, weil er uns Sünder mit dem Gesetz und mit der Erbärmlichkeit unseres Lebens erschreckte; und nicht genug damit, verschlimmerte er unsere Trübsal noch mit dem Evangelium. Aber dann verstand ich durch den Geist Gottes die Worte: ‚Denn der Gerechte wird aus Glauben leben.‘ Da fühlte ich mich wie von neuem geboren, wie ein neuer Mensch. Ich trat durch geöffnete Tore geradewegs ins Paradies Gottes ein!“

Auch hier gibt es wieder eine Parallele in meinem eigenen Leben: Ähnlich wie bei Luther im Kloster, gab es vor meiner Bekehrung eine Zeit, in der mein volkskirchliches Denken („wir kommen alle, alle in den Himmel…“) heftig erschüttert wurde, und ich zu der Einsicht kam, dass ich in meiner Sündhaftigkeit nach Gottes Massstäben niemals in den Himmel kommen würde. Darauf folgte ein monatelanges geistliches Ringen, bis ich schliesslich die Erlösung aus Gnade vertrauend von Jesus annehmen konnte.

Tatsächlich ist dies die Art und Weise, wie Gottesmänner und Erweckungsprediger früherer Zeiten das Wirken Gottes zur Bekehrung erlebten, an sich selber und an ihren Zuhörern. Die Zeugnisse von Männern wie Jonathan Edwards, John Bunyan, John Wesley, Charles Finney, und vielen anderen, stimmen hierin überein. Keiner von ihnen bot seinen Zuhörern eine einfache „Gratis-Bekehrung“ im Stil heutiger Evangelisationsveranstaltungen an. – Leider wusste ich dies nicht, als ich zum Glauben kam. Deshalb dachte ich lange Zeit, die „Übergabegebets-Bekehrungen“ seien die Norm, und meine eigene Geschichte sei eine einsame Ausnahme. Erst in den letzten Jahren fand ich allmählich wieder den Weg zurück zu diesen „Wurzeln“.

Heute wird oft Luthers Lehre von der Erlösung aus Gnade, aus Glauben, verkündet, ohne den Weg in Betracht zu ziehen, auf dem Luther zu seiner Einsicht kam. Heute wird gelehrt, dass „Gott nicht straft“; dass Gott nur Liebe ist und über die Sünden hinwegsieht; und dass „die Erlösung nichts kostet“. Das ist die Lehre, die vom Lutheraner (!) Dietrich Bonhoeffer „billige Gnade“ genannt wurde:

„In einer solchen Kirche findet die Welt eine billige Bedeckung für ihre Sünden – Sünden, die sie nicht bereut, und noch weniger davon befreit werden möchte. (…) Billige Gnade bedeutet die Rechtfertigung der Sünde ohne die Rechtfertigung des Sünders.“

Was für unterschiedliche Ergebnisse brachte ein und dieselbe Lehre – die Rechtfertigung durch Gnade aus Glauben – zu verschiedenen Zeiten hervor! In der Zeit Luthers brachte diese Lehre eine grosse Befreiung, eine Reformation und eine Reinigung der Kirche. In unserer Zeit hat dieselbe Lehre eine Kirche hervorgebracht, die alle Arten von unmoralischen Handlungen verübt und sagt: „Gott in seiner Gnade wird mir vergeben.“ – Warum dieser riesige Unterschied?

Wir sahen, dass Luther verzweifelt versuchte, die Erlösung zu finden. Er war sich seiner Sünde sehr bewusst, und er wusste, dass er verloren war, wenn sich nichts änderte. Er war wie die Menschen, die am Pfingsttag Petrus zuhörten: Da „ging ihnen ein Stich durchs Herz, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, ihr Brüder?“ (Apg.2,37) Er suchte die Gnade Gottes wie einen verborgenen Schatz. Er wusste, dass er von sich aus keinerlei Recht hatte auf irgendeine Gnade von Gott.

Aber heute glauben viele Menschen, ein „Recht“ auf die Gnade Gottes zu haben. Sie haben schon ihr ganzes Leben lang gehört, dass Gott aus Gnade errettet; und deshalb nehmen sie diese Wahrheit auf die leichte Schulter. Sie sehen sie nicht mehr als einen Schatz, der eifrig gesucht werden will. Sie wollen die Gnade Gottes „sofort“; ohne zuerst den Weg zu gehen, den Luther ging. Sie sind sich ihrer Sünde nie bewusst geworden; sie haben nie zutiefst verstanden, dass sie verloren sind; und deshalb wertschätzen sie die Erlösung nicht wirklich.

Zur Zeit Luthers war sich fast jedermann seiner Sündhaftigkeit bewusst. Jedermann wusste, dass er die Erlösung verzweifelt nötig hatte. (Deshalb war der Ablasshandel so ein grosses Geschäft!) Aber während zur Zeit Luthers das Sündenbewusstsein in den Menschen derart überwog, dass sie den Weg zur Gnade nicht fanden, so ist es heute gerade dieses Sündenbewusstsein, was den Menschen fehlt! Das hindert sie daran, die Erlösung aus Gnade richtig verstehen und annehmen zu können. Viele Gewissen sind heute so verhärtet, dass gar nicht verstanden wird, was „Bekehrung“ (Umkehr) bedeutet. Heute haben wir eine grosse Wahrheit vergessen, die den Menschen zur Zeit Luthers selbstverständlich war: Die Gnade Gottes ist nur für jene, die umkehren.

Daraus können wir noch eine andere wichtige Lektion lernen. Es braucht Weisheit, die richtige biblische Wahrheit in den richtigen Umständen und für die richtigen Personen anzuwenden. Jede biblische Wahrheit ist wie eine Medizin für eine bestimmte Krankheit. Aber dieselbe Medizin kann Schaden anrichten, wenn wir sie einem Patienten mit einer andersartigen Krankheit geben. Die Botschaft von der Gnade Gottes ist die beste Medizin für einen reuigen Büsser, der die Pilatustreppe auf den Knieen hinaufrutscht und vor dem Gericht Gottes zittert. Deshalb wurde Luther von dieser Botschaft verändert und befreit: er bereute seine Sünden bereits. Aber die meisten Menschen der heutigen Zeit leiden an einer anderen Krankheit: sie sind sich ihrer Sündhaftigkeit nicht bewusst. Sie nehmen die Gnade Gottes als Vorwand, um weiter zu sündigen und nicht umzukehren. Deshalb brauchen sie eine andere Medizin: sie brauchen eine Botschaft, die sie von ihrer Sünde überführt, vom Gericht Gottes, und von der Umkehr.

(Fortsetzung folgt)

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