Der fortlaufende Zyklus der Kirchengeschichte: Erweckung und Abfall (2.Teil)

Nun ist es eine weitere traurige Beobachtung in der Kirchengeschichte, dass so gut wie jede Erweckung zu Konflikten und Spaltungen geführt hat. Aber auch das ist fast unvermeidlich, wenn man die Umstände in Betracht zieht: Erweckung wird dann nötig, wenn die Kirche sich so weit vom Herrn entfernt hat, dass es einigen ernsthaften Christen wirklich wehtut und sie anfangen, inbrünstig zum Herrn zu schreien. Meistens kommt es dazu erst, wenn die Zustände so weit fortgeschritten sind, dass die ganze Leiterschaft der Kirche in den Händen gottloser Menschen liegt, die sich zwar nach aussen hin einen christlichen Anstrich geben, aber in Wirklichkeit nur auf weltliche Macht und diesseitigen Gewinn aus sind.
(Man verwundere sich darüber nicht! Schon Paulus warnte die Ältesten von Ephesus: „Ich weiss, dass nach meinem Weggang reissende Wölfe zu euch kommen werden, die die Herde nicht schonen; auch aus eurer eigenen Mitte werden Männer auftreten, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger in ihre Gefolgschaft zu ziehen.“ (Apg.20,29-30). Das würde also sogleich nach dem Weggang von Paulus geschehen; wahrscheinlich innerhalb weniger Jahre. Ist es da verwunderlich, wenn im Lauf mehrerer Generationen diese Entwicklung so weitergeht, dass die verkehrten Menschen schliesslich die Oberhand bekommen in den Kirchenleitungen?)
Nun ist jede Verkündigung des wahren Evangeliums eine Bedrohung für solche falschen und machthungrigen Leiter. Einmal, weil sie als falsche Lehrer entlarvt werden; und noch viel mehr, weil das wahre Evangelium die Menschen freimacht von jeder priesterlichen Bevormundung. Erst recht, wenn dazu noch betont wird, dass allein Gottes Wort massgebend ist für alle Angelegenheiten der Kirche und des Lebens; und dass selbst die obersten Kirchenführer von Gottes Wort her beurteilt werden sollen und dürfen. (Eine Diskussion, die sich vor allem in der Reformationszeit zugespitzt hat. Aber auch in der gegenwärtigen Zeit muss dieser Punkt wieder deutlich zur Sprache gebracht werden; dieses Mal den reformierten und evangelikalen Kirchen gegenüber.)
Da nun also diese Leiter ihre Machtposition gefährdet sehen, ist es nur natürlich – vom Standpunkt des verkehrten menschlichen Herzens aus gesehen -, dass sie zur Verfolgung der Erweckungsprediger und deren Anhänger schreiten. Oft wird diesen noch vorgeworfen, sie hätten als „Rebellen“ selber diesen Konflikt heraufbeschworen. Dabei lag ihnen diese Absicht völlig fern. Sie wollten lediglich ihre Mitbrüder zum Herrn zurückführen und wussten sich von Gott dazu berufen; also konnten sie ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen.
Bei den meisten Erweckungspredigern ist zudem zu beobachten, dass sie ihre eigene Kirche sehr liebten, um sie besorgt waren, und sie gerade deshalb reformieren oder „erwecken“ wollten. Aber regelmässig machten sie die Erfahrung, dass ihre Kirche eine solche Reformation oder Erweckung gar nicht wünschte. Insbesondere mussten sie feststellen, dass die meisten Kirchenmitglieder in Wirklichkeit gar keine Christen waren. Erweckung besteht im wesentlichen darin, dass die Kirchenmitglieder (also Namenschristen, inbegriffen die Pastoren) sich bekehren und dadurch erst zu echten Christen werden. Das ist aber gerade die Botschaft, auf die die Kirchen am schärfsten reagieren – damals wie heute. Sie sind doch so stolz darauf, „Christen“ zu sein – vielleicht sogar selber Erben einer vergangenen grossen Erweckung! Nur höchst selten toleriert eine Kirche einen Prediger, der ihr sagt, ihre eigenen Mitglieder müssten zuerst wiedergeboren werden.
So mussten viele Erweckungsprediger schliesslich gezwungenermassen das tun, was ihnen anfangs am fernsten gelegen war: sich von ihrer Kirche trennen (durch eigene Entscheidung oder durch Ausschluss) und die Menschen aus ihr herausrufen, weil sie schliesslich zum Schluss kommen, dass eine echte Nachfolge Jesu mit einer Mitgliedschaft in dieser abgefallenen Kirche unvereinbar ist. (Einige Erweckungsprediger, wie z.B. Spener oder Wesley, brachten es immerhin fertig, diesen unumgänglichen Schritt so weit hinauszuzögern, dass sich erst ihre Nachfolger nach ihrem Tod damit befassen mussten.)

So entsteht für eine Zeitlang eine neue und weitgehend reine Gemeinschaft von Christen. Meistens ist die Urgemeinde das direkte Vorbild dieser neuen Gemeinschaft. Viele dieser neuen Gemeinschaften versammelten sich ursprünglich einfach als Christen oder Brüder, ohne Rücksicht auf konfessionelle Herkunft, Namensschilder, oder Rang und Ansehen. So weit wie möglich versuchten sie Jesus selber in den Mittelpunkt zu stellen, nicht irgendeinen Leiter oder irgendeine Lehre. Erst später wurden sie von ihrer neugierigen Umgebung mit einem Übernamen bedacht („Mennoniten“, „Quäker“, „Methodisten“, „Pfingstler“, „Untergrundkirche“, …), da es für diese Umgebung inakzeptabel war, dass sich jemand einfach nur „Christ“ oder „Bruder“ und nichts weiter nennen sollte. (Siehe dazu auch: „Was ist christliche Einheit?“.)

Leider hat aber kaum eine dieser neuen Gemeinschaften ihre geistliche Lebendigkeit über die Gründergeneration hinaus bewahrt. Wie es auch über die Richter heisst: „Wenn nun der Herr ihnen Richter erstehen liess, so war der Herr mit dem Richter und errettete sie aus der Hand ihrer Feinde, solange der Richter lebte; denn der Herr hatte Erbarmen ob ihrer Wehklage über ihre Bedränger und Bedrücker. Sobald aber der Richter starb, trieben sie es wieder ärger als ihre Väter, indem sie anderen Göttern nachgingen … „ (Richter 2,18-19)
So gerieten auch die erweckten Gemeinschaften in der Regel wieder auf den Weg des Abfalls, sobald ihr Gründer nicht mehr da war (oder manchmal sogar schon vorher). Aus der erwecklichen Pionierbewegung wurde eine institutionalisierte Kirche, und aus dieser wiederum ein traditionsgebundener Machtapparat, der seinerseits die neu aufbrechenden Erweckungen zu bekämpfen begann. Und so beginnt der Zyklus von neuem…

Die Dynamik des Abfalls ist mehrfach untersucht worden, insbesondere in apologetischer Literatur. Auch ich habe das schon in mehreren Artikeln getan. Weniger gut untersucht ist die Dynamik der Erweckungen (oder die Literatur darüber ist weniger bekannt). Ich möchte deshalb in dieser Artikelserie den Schwerpunkt auf das Positive legen: auf die Stärken der jeweiligen Erweckungen, und was wir daraus lernen können. Ich möchte dabei die jeweiligen Schwächen, und die dazwischen liegenden Zyklen des Abfalls, nicht einfach übergehen, aber sie weniger stark gewichten. Es hätte nicht viel Sinn, einfach eine weitere trockene, sich neutral gebende Kirchengeschichte zu schreiben: solche gibt es in Hülle und Fülle. In Wirklichkeit gibt es in der Geschichtsschreibung keinen neutralen Standpunkt; und die meisten Kirchengeschichtsbücher (insbesondere die „wissenschaftlichen“) sind von einem eher weltlichen Standpunkt aus geschrieben: sie betonen Ursachen und Wirkungen im politischen, gesellschaftlichen, finanziellen, psychologischen … Bereich, und unterbewerten die geistliche Dimension. Ich möchte dagegen jenen Momenten in der Geschichte nachgehen, wo Gott eingegriffen hat und „Richter erstehen liess“, um sein Volk wieder auf den Weg zurückzubringen. Ich muss mich dabei auf die mir zugänglichen Quellen und die mir zur Verfügung stehende Zeit beschränken; deshalb kann ich nicht alle Aspekte beleuchten und nicht alle Erweckungen beschreiben, die einer Erwähnung wert wären. Ich möchte aber wenigstens einen Anfang machen.

Es geht mir dabei nicht darum, den einen oder anderen Erweckungsprediger auf ein Podest zu stellen. Erweckungsbewegungen stehen manchmal in der Gefahr – besonders wenn die geistliche Substanz abzunehmen beginnt -, in einen Traditionalismus und Personenkult zu verfallen, indem sie ihre Gründerfigur als Ideal und als in allem nachzuahmendes Vorbild präsentieren. Aber wenn das geschieht, dann hört die Erweckung auf, Erweckung zu sein, und beginnt sich in Richtung Sekte zu entwickeln.
Wenn ich also Erweckungsbewegungen und Erweckungsprediger als Vorbilder vorstelle, dann nicht in diesem Sinn, dass wir ihnen alles nachmachen sollten. Jede christliche Bewegung muss vom „Originalbild“ her beurteilt werden, also vom Neuen Testament und von der Urgemeinde her. Insofern sie eine Rückkehr zum ursprünglichen Christentum verkörpern, können uns Erweckungen als Vorbild dienen.

Es kann dabei nicht ausbleiben, Rückschlüsse und Anwendungen auf die gegenwärtige Zeit vorzunehmen. Es gibt Autoren, welche die gegenwärtige Zeit als eine Erweckungszeit einschätzen – hauptsächlich gestützt auf Statistiken über das zahlenmässige Gemeindewachstum in Afrika, Lateinamerika und in einigen asiatischen Ländern. Als jemand, der selber in Lateinamerika wohnt – statistisch gesehen ein „Erweckungskontinent“ – , muss ich sagen, dass lediglich die Zahl der Namenschristen wächst (und auch diese nur, wenn man die katholische Kirche aus dem Blickfeld lässt). Bei Betrachtung der geistlichen Substanz muss ich sagen, dass wir uns ganz klar in einer Zeit des Abfalls befinden, selbst in Ländern, wo zahlenmässig die Gemeinden wachsen. (Vielleicht mit Ausnahme von China, aber ich bin zu wenig über China informiert, um das mit Sicherheit sagen zu können.)
Wie John Stott(?) gesagt haben soll: „Die christliche Gemeinde hat sich in der letzten Zeit ungemein ausgebreitet. Sie ist jetzt viele Meilen breit, hat aber nur noch einen halben Zentimeter Tiefgang.“ Wir leben wiederum in einer Zeit, wo Kirchenleitungen hauptsächlich von finanziellen und machtpolitischen Überlegungen motiviert sind, und wo unter „Evangelisation“ vorwiegend verstanden wird, die Menschen zu einem Lippenbekenntnis zu (ver-)führen, damit sie Mitglied dieser oder jener Kirche werden. Es ist heutzutage genauso nötig und genauso skandalös, die Kirchenmitglieder zur Bekehrung aufzurufen, wie es zur Zeit eines George Fox, eines John Wesley oder eines William Booth war. Möge diese Artikelserie auch dazu beitragen, die Not unserer Zeit in neuem Licht zu sehen.

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