Der Reformator Martin Luther – Teil 4 – Die Kirche verachtet das Wort Gottes

Die Auseinandersetzung beginnt

Zu jener Zeit bereiste der Mönch Johannes Tetzel die Gegenden, wo Luther lebte, um Ablässe zu verkaufen. Die Kirche lehrte, dass auch Christen nach ihrem Tod die Strafen des Fegefeuers erleiden müssten, und dass die Ablässe Autorität hätten, diese Strafen zu verkürzen oder zu erleichtern. Der Papst brauchte damals Geld, um den Petersdom zu erbauen. Die Ablässe dienten dazu, ihm die nötigen Mittel zu verschaffen.

Tetzel und seine Nachfolger manipulierten die Leute, indem sie ihnen anschaulich die Folterstrafen vor Augen malten, die ihre verstorbenen Eltern oder Grosseltern angeblich im Fegefeuer erleiden müssten; und sie sagten ihnen, es sei grausam, sie so leiden zu lassen, wenn sie ihnen doch mit einem Ablass die Befreiung erkaufen könnten. So gaben selbst sehr arme Leute ihr Geld für Ablässe aus, statt für ihre Familien zu sorgen.

In den Jahren 1516 und 1517 begann Luther gegen den Ablasshandel zu predigen. Er hatte bereits verstanden, dass man die Vergebung Gottes nicht mit Geld erkaufen kann. Auch ärgerte er sich über die Missbräuche, die von Tetzel und seinesgleichen begangen wurden (und die bereits zu einigem Unwillen unter dem Volk geführt hatten).
Dann beschloss Luther, vor eine breitere Öffentlichkeit zu treten, indem er zu einer öffentlichen Debatte über den Ablasshandel einlud. Diese Einladung geschah in der Form von „95 Thesen“, die er an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg anschlug. (Diese Tür diente zugleich als Anschlagbrett der Universität.)
Luther war selber davon überrascht, wie schnell diese Thesen verbreitet wurden: nach zwei Wochen waren sie bereits in ganz Deutschland bekannt. Es war vor allem das „gewöhnliche Volk“, das sich dafür interessierte: die Menschen, die unter der kirchlichen Ausbeutung litten.
Die Theologen und Kirchenführer nahmen sich mehr Zeit mit ihrer Antwort. Und diese fiel nicht so aus, wie Luther erwartet hatte: Sie gingen auf das Thema des Ablasshandels gar nicht ein. Stattdessen klagten sie Luther an, gegen die Autorität des Papstes zu rebellieren. (In Wirklichkeit stellten die „95 Thesen“ die Autorität des Papstes noch gar nicht in Frage. Sie erklärten nur, die Gnade Gottes im Evangelium sei den päpstlichen Ablässen weit überlegen.) Sein prominentester Gegner, ein gewisser Dr.Eck (von Luther verächtlich „Dreck“ genannt), sagte, Luther lehre dasselbe wie Jan Hus, und da Hus als Ketzer verurteilt worden war, sei Luther ebenfalls ein Ketzer.

Die Kirche verachtet das Wort Gottes

Hier kommen wir wieder zu einem ganz aktuellen Bezug.

Als Luther seine „95 Thesen“ veröffentlichte, hatte er (noch) nicht die Absicht, die Kirche zu reformieren oder gar zu spalten. Er rief lediglich zu einer öffentlichen theologischen Debatte auf. Diese Debatte fand jedoch nie statt, weil die kirchlichen Leiter Luther sofort – und unter Ausschluss der Öffentlichkeit – zum Widerruf seiner Thesen zwingen wollten. Als Luther verlangte, sie sollten ihn auf Grund der Heiligen Schriften widerlegen, gingen sie nicht darauf ein. Einerseits, weil sie keine Argumente hatten. Und andererseits, weil ihnen die Vorstellung unerhört erschien, ein einzelner Mensch könnte es wagen, gegen die Autorität der Kirche anzugehen, auf nichts anderes gestützt als auf die Bibel.
– Seit Luther gilt es als Fundament der reformierten und evangelikalen Gemeinden, dass die Autorität des Wortes Gottes über der Autorität der menschlichen Leiterschaft steht. So wenigstens in der Theorie. Wie sieht es in der Praxis aus?

Vor einigen Jahren versuchte ich ebenfalls, eine Diskussion in Gang zu bringen über einige Punkte wie: Inspiration und Unfehlbarkeit der Bibel; Bekehrung und Wiedergeburt; neutestamentliche Gemeindeleitung; u.a; und drückte meine Überzeugung aus, die meisten evangelischen Gemeinden seien in diesen Punkten von der biblischen Wahrheit abgewichen. (Siehe „95 Thesen über die Lage der evangelischen/evangelikalen Kirchen“.) Die Antwort der Gemeinden glich in erschreckender Weise der Antwort der katholischen Kirche an Luther: Niemand hat bis heute auch nur ein einziges biblisch begründetes Argument gegen eine meiner Thesen vorgebracht. Dafür hat ein Mitarbeiter der (theologisch liberalen) Bibelgesellschaft allen Gemeinden in der Region gesagt, sie sollten nicht auf mich hören; meine Veröffentlichungen gelten als „verbotene Bücher“; und die Bibelschule, wo ich früher arbeitete, hat mir den Kontakt mit meinen eigenen ehemaligen Schülern verboten.
(Bücher- und Kontaktverbote sind typisch sektiererische Praktiken. Ich bin aber verschiedenen Leitern im evangelikalen Raum begegnet, sowohl in Europa wie in Perú, die so handeln; und bisher hörte ich von keinem von ihnen, dass er sich klar von dieser Praktik distanziert hätte. Siehe „Von der evangelikalen Zensur“.)

Aufgrund dieser Erfahrungen muss ich feststellen, dass die evangelikalen Gemeinden heute nicht besser sind als die katholische Kirche zur Zeit Luthers: Sie setzen ihre eigene Autorität (in Form ihrer Traditionen und ihrer leitenden Persönlichkeiten) über die Autorität des Wortes Gottes; und sie sind nicht gewillt, eine faire Diskussion auf biblischer Basis zu führen. Stattdessen unterdrücken sie „Dissidenten“ mit sehr unchristlichen Machtmitteln. Dies gilt nicht etwa nur für liberal-modernistische Gemeinden, sondern leider auch für viele, die „Bibeltreue“ auf ihre Fahne geschrieben haben. In der Theorie predigen sie die Bibel als autoritatives Wort Gottes; aber in der Praxis betrachten sie ihre eigene Interpretation als autoritativ, und handeln sehr unbiblisch, wenn die „heiligen Kühe“ ihrer Gemeindetradition angetastet werden.

Wer hat die Kirche gespalten?

Bis heute klagt die katholische Kirche Luther und die Protestanten an, „die einzige Kirche Jesu gespalten zu haben“. Wir haben bereits gesehen, dass das keineswegs Luthers Absicht war. Aber die Auseinandersetzung über den Ablasshandel wurde auch in Rom bekannt, und während der darauffolgenden Jahre musste Luther mehrmals päpstlichen Theologen gegenübertreten. Diese waren jedoch nie an einer offenen Diskussion interessiert. Wie schon erwähnt, hatten sie nur ein Ziel: Luther zum Widerruf seiner Thesen zu zwingen.

Luther war überzeugt, die Anklagen gegen seine Person seien irrtümlich erfolgt. Er hegte noch keine Zweifel an der Integrität des Papstes. Er nahm immer noch an, der Papst sei gewiss nicht einverstanden mit den Missbräuchen Tetzels und mit dem Benehmen seiner Höflinge. Noch 1520 richtete er sich an den Papst mit diesen respektvollen Worten:

„Deshalb, hochverehrter Leo, rufe ich Sie an, meine Verteidigung anzunehmen, die ich in diesem Brief vornehme, und sich überzeugen zu lassen, dass ich nie etwas Schlechtes über Ihre Person gedacht habe; und dass ich Ihnen den ewigen Segen wünsche …
Aber darüber habe ich mich empört, dass das Volk Christi unter Ihrem Namen und unter dem Vorwand der römischen Kirche betrogen wird … Während Sie, Leo, wie ein Schaf, wie Daniel, inmitten von Löwen sitzen … Wie können Sie allein diesen bösen Ungeheuern entgegentreten? … Ich war immer betrübt darüber, dass Sie, hochverehrter Leo, die Sie eine bessere Zeit verdient hätten, in diesen Zeiten zum Papst ernannt wurden. Denn der römische Hof ist Ihrer nicht würdig… Sehen Sie, Leo, mein Vater, mit was für einem Vorsatz ich gegen diesen Sitz der Pest (den römischen Hof)angerannt bin. Ich bin so weit davon entfernt, irgendeinen Zorn gegen Ihre Person zu empfinden, dass ich sogar hoffte, Ihre Gunst zu erwerben und zu Ihrem Wohlergehen zu helfen, indem ich so heftig auf Ihr Gefängnis einschlug … Vielleicht bin ich unverschämt kühn zu versuchen, ein so grosses Haupt wie Sie zu belehren, durch den alle Menschen belehrt werden sollten, und von dem die Richterthrone ihr Urteil erhalten; aber ich ahme St.Bernhard nach in seinem an (Papst) Eugen gerichteten Buch ‚Considerationes‘, ein Buch, das jeder Papst auswendig kennen sollte. …“

Als Antwort wurde Luther exkommuniziert. Er hat sich also nicht von der katholischen Kirche getrennt, sondern der Papst schloss ihn aus. Die historische Wahrheit ist deshalb, dass es nicht Luther war, sondern der Papst, der die Kirche spaltete.

Aber fast alle Erweckungsprediger und Reformatoren der Geschichte mussten diese selbe Anschuldigung hören, von Luther über Wesley und Booth bis zu den heutigen Erweckungspredigern: „Du bewirkst Spaltungen!“ – „Du bist ein Fanatiker!“ – „Du bist zu radikal!“ – „Du bist konfliktiv!“
Die laue Kirche ist nie bereit, die volle biblische Wahrheit zu hören. Die laue Kirche hat schon immer versucht, die Prediger der Wahrheit in Verruf zu bringen und auszuschliessen. Und leider sind auch die erweckten Kirchen nach zwei oder drei Generationen ihrerseits wieder lau geworden. Das ist es, was auch heute geschieht.

Auch in dieser Hinsicht sollten die evangelischen und evangelikalen Kirchen von heute nicht denken, sie seien besser als die römische Kirche, nur weil sie Erben der Reformation sind.

In der nächsten Folge werden wir uns einige Punkte der Auseinandersetzung genauer ansehen. Ich glaube, wenn Luther heute wieder aufträte, müsste er viele Dinge, die er seinerzeit sagte, auch heute noch sagen – aber heute müsste er sie auch den evangelischen und evangelikalen Kirchen sagen.

(Fortsetzung folgt)

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