Archive for November 2012

Europäer, was kommt auf euch zu?

26. November 2012

Bis hier ins entfernte Perú gelangen die Schlagzeilen über die Wirtschaftskrise und die damit verbundenen Unruhen in Europa. Was wird daraus noch werden?

Was mich am meisten beunruhigt, ist nicht die Krise an sich, sondern ein gewisser Wesenszug vieler Europäer (insbesondere deutschsprachiger?), der mir nach vielen Jahren des Lebens in Perú noch viel deutlicher auffällt: Viele Europäer haben masslos übertriebene (materielle) Ansprüche an das Leben. Vielleicht fällt ihnen das in ihren Heimatländern, wo alle diese Ansprüche erfüllt sind, gar nicht mehr auf. In einer Umgebung wie hier im peruanischen Hochland hingegen kommt eine solche Eigenschaft sofort ans helle Tageslicht.

Z.B. sind die Strom- und Wasserversorgung hier ziemlich unzuverlässig. In vielen Wohngegenden ist es normal, dass es nachmittags kein fliessendes Wasser mehr gibt bis zum nächsten Morgen. Natürlich ist das Wasser aus dem Wasserhahn auch nicht zum Trinken geeignet: man muss es zuerst abkochen oder desinfizieren. Stromunterbrüche sind ebenfalls an der Tagesordnung. Weshalb ich beim Tippen dieses Artikels alle paar Minuten eine Sicherheitskopie mache, damit bei einem plötzlichen Stromausfall nicht die ganze Arbeit verlorengeht. Kerzen oder Taschenlampen sollte man für solche Fälle auch immer bereithalten. – Könnten Sie all das als normal und alltäglich hinnehmen?

Ein älteres deutsches Ehepaar, deren Tochter (Missionarin) hier in Perú heiratete, war entsetzt über das Haus, wo das frischgebackene Ehepaar wohnen würde. Es war eigentlich ein für hiesige Verhältnisse gut gebautes und komfortables Haus: aus Zement, nicht bloss aus Lehmziegeln; und sogar der Fussboden war aus Zement, nicht aus Holzplanken oder sogar aus gestampftem Lehm wie in manchen anderen Häusern. Es hatte sogar einen eigenen Wassertank mit Pumpe auf dem Dach, sodass auch nachmittags Wasser aus dem Hahn kam. Nur hatte es keine modernen vollisolierten doppelverglasten Fenster, sondern einfache Holzrahmen, in die die Scheiben nach altmodischer Weise mit Fensterkitt eingepasst waren; und es gab keine Heizung (das gibt es hier höchstens in den piekfeinen Hotels für die verwöhnten Touristen). So kann die Zimmertemperatur frühmorgens in der kalten Jahreszeit bis auf dreizehn Grad absinken – aber das macht eigentlich nichts, denn tagsüber wärmt die Sonne auch in der kalten Jahreszeit auf gegen zwanzig Grad auf. – Auch sonst war manches an dem Haus einfacher und von geringerer Qualität als in Deutschland üblich. Ein Grund zu grosser Aufregung für die besorgten Eltern.

Einmal assen wir mit einem Schweizer Ehepaar in einem Restaurant und bestellten Fisch. „Ist das üblich hier?“, fragten sie, „wir essen eigentlich nicht oft Fisch.“ – „Wir auch nicht“, antwortete meine Frau, „an manchen Tagen findet man keine guten Fische auf dem Markt, oder dann sind sie teuer.“ – Aber es stellte sich heraus, dass die Schweizer an etwas ganz anderes gedacht hatten: Sie waren sich gewohnt, jeden Tag Fleisch zu essen, und da galt Fisch bereits als ein Essen zweiter Klasse. – Bei solchen Gelegenheiten kann man den (beidseitigen) Kulturschock geradezu mit Händen greifen. (Meine Frau hat während ihrer ganzen Kindheit kaum je Fleisch genossen, weil ihre Eltern es sich einfach nicht leisten konnten – oder wenn, dann nur die billigen Innereien, aber keine guten Stücke.)

Beim Kartoffelnschneiden kommt es öfters vor, dass man dabei auch noch einen Wurm mit zerschneidet. Und wenn man auf dem Markt Früchte kauft, dann sind meistens einige darunter, die ihr Verfalldatum schon längst überschritten hätten, wenn sie eines hätten. Manchmal sind gewisse Lebensmittel einfach nicht zu bekommen. Selbst so alltägliche wie Brot – wenn z.B. der Bäcker gerade an einem dreitägigen Familienfest ist, sich betrunken hat oder einen Unfall hatte. Dann findet das Frühstück einfach etwas später statt, weil man zuerst Kartoffeln kochen oder Omeletten braten muss. – Auch käme hier niemand auf die Idee, wir hätten ein „Recht“ darauf, jegliche Art von Früchten oder Gemüse aus jeglichem Land zu jeglicher Jahreszeit kaufen zu können.

Reisen – besonders wenn es in abgelegene Gebiete geht – sind öfters mit unvorhergesehenen Zwischenfällen verbunden. Wenn der Bus fern von jeglicher Ortschaft eine Panne hat, kann das mehrere Stunden Wartezeit bedeuten. Manche Transportbetriebe haben gar keinen Fahrplan; sie fahren einfach, wenn der Bus voll ist. Und manchmal erfährt man erst in letzter Minute, dass eine Fahrt gar nicht stattfinden kann, weil eine Strecke gesperrt ist wegen Streiks, Hochwasser, Erdrutschen, Bauarbeiten, oder anderen Gründen.

Ich erinnere mich noch, wie schon in meiner Kindheit viele meiner Kameraden jammerten und stöhnten, wenn sie einmal auch nur zehn Minuten zu Fuss irgendwohin gehen mussten, statt im Auto chauffiert zu werden. Heute, wo Nicht-Autobesitzer so gut wie ausgestorben sind, dürfte diese „Krankheit“ noch weiter verbreitet sein. Hier im peruanischen Hochland hingegen habe ich Kinderlager geleitet, wo die Teilnehmer mehrere Kilometer weit zu Fuss gekommen waren – eine Kindergruppe war fünf Stunden lang gewandert, um teilnehmen zu können. Geschlafen wurde im Lager am Boden auf Wolldecken oder Schaffellen, bei Temperaturen zwischen fünf und zehn Grad. Keines der Kinder beklagte sich darüber; manche waren sich auch von zuhause nichts Besseres gewöhnt.

Nicht zuletzt befindet sich Perú im „pazifischen Feuergürtel“, der erdbebengefährdetsten Zone der Welt. Ich weiss nicht, ob das in Europa überhaupt noch in die Nachrichten kommt – aber seit den grossen Erdbeben von Haiti, Chile und Japan in den letzten Jahren kommt dieser „Feuergürtel“ überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Fast jeden Monat wird allein aus Südamerika ein grösseres Erdbeben (um Stärke 6 auf der Richterskala) gemeldet; und kleinere Beben sind an der Tagesordnung. Unter diesen Umständen bleibt man sich eher bewusst, dass unser Leben „nur ein Hauch“ ist, und dass unser Hab und Gut keineswegs sicher ist, sondern von einem Tag auf den anderen verlorengehen könnte.

Interessanterweise gibt es auch Europäer, die gerade wegen der „abenteuerlichen“ Aspekte in Perú Ferien machen. Sie betreiben dann verrückte Sportarten wie Wildwasserfahren oder Bungee-Jumping – offenbar um ihrer allzu wohlgeordneten Welt eine Zeitlang zu entfliehen. Ich muss sagen, nach solchen Dingen habe ich kein Bedürfnis. Ich habe schon genug Abenteuer, wenn ich z.B. selber auf unser Wellblechdach steigen muss, um es zu reparieren, weil es keine Dachdecker gibt. Oder wenn ich nachts in einem fremden Dorf, in dem es nicht einmal Strassennamen gibt und wo die meisten Leute kein Spanisch verstehen, eine Person suchen muss, von der ich nichts als ihren Namen weiss. Oder wenn ich auf dem Weg mein Fahrrad über Bäche tragen muss, weil es keine Brücken gibt. Oder wenn ich mir selber etwas zu essen zubereiten muss in einer Hütte auf über 4000 Metern über Meer, wo es als Brennmaterial für die Feuerstelle nichts als getrockneten Kuhmist gibt. Wenn ich von solchen Reisen zurückkehre, dann kommt mir mein nicht europataugliches Haus jeweils wie ein Palast vor.

Übrigens hätten die meisten Peruaner gar keine Zeit dafür, „Abenteuerreisen“ in fremde Länder zu unternehmen, oder auch nur in ihrer eigenen Stadt Vergnügungen nachzugehen – abgesehen von einfachen Dingen wie Fussballspielen, Familien- und Dorffeste, oder zuhause fernsehen (letzteres ist leider auch hier eine Volksseuche). Eine derartige Freizeitkultur oder Freizeitindustrie wie in Europa existiert hier überhaupt nicht. Nach der Arbeit ist man müde und muss ausruhen; die gesetzlich vorgesehene Höchstarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche wird praktisch überall weit überschritten.

Warum schreibe ich das alles? – Hauptsächlich weil ähnliche Zustände auch für Europa voraussehbar sind, wenn die Wirtschaftskrise weiter voranschreitet. Wie werden das die Europäer aushalten, die glauben, wie selbstverständlich ein Anrecht auf perfekten Komfort, perfekte Dienstleistungen und einen gemütlichen Feierabend zu haben? Wenn schon jetzt, lange bevor es so weit ist, Tausende auf die Strasse gehen wegen einiger Sparmassnahmen, was wird dann sein, wenn dieser Komfort eines Tages wirklich nicht mehr da ist? Gut möglich, dass dann die wahre Natur des gefallenen Menschen wieder in all ihrer Hässlichkeit ans Licht kommen wird, und die psychologischen, zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Nebenwirkungen der Wirtschaftskrise viel zerstörerischer sein werden als die materiellen Folgen der Krise selbst. Im Klartext: Allzu viele Menschen könnten mit Gewalt, Verbrechen, Revolutionen und Krieg reagieren, wenn ihre materiellen Ansprüche plötzlich nicht mehr erfüllt werden.

„Den Reichen in der jetzigen Welt gebiete, dass sie nicht hochmütig seien, noch ihre Hoffnung auf den unsicheren Reichtum setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet zum Genuss; dass sie Gutes tun, reich seien an guten Werken, freigebig seien, gern mitteilend, wodurch sie für sich selbst einen guten Schatz beiseite legen auf die Zukunft hin, damit sie das wahrhaftige Leben erlangen.“ So schrieb Paulus an Timotheus (1.Tim.6,17-19). Und ein wenig vorher: „Denn wir haben nichts in die Welt hereingebracht; so ist offenbar, dass wir auch nichts hinausbringen können. Wenn wir aber Nahrung und Kleidung haben, sollen wir uns daran genügen lassen. Die aber, die reich werden wollen, fallen in Versuchung und in eine Schlinge und in viele törichte und schädliche Begierden, die die Menschen in Untergang und Verderben stürzen.“ (1.Tim.6,7-9) Solche Genügsamkeit wird in der kommenden Zeit lebenswichtig sein.
– Jakobus schreibt noch viel radikaler: „Nun wohlan, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die und die Stadt ziehen und wollen da ein Jahr zubringen und Handel treiben und Gewinn machen – ihr wisst ja nicht, wie es morgen um euer Leben steht! (…) Nun wohlan, ihr Reichen, weint und jammert über die Drangsale, die über euch hereinbrechen! Euer Reichtum ist verfault und eure Kleider sind von Motten zerfressen. Euer Gold und Silber ist verrostet, und ihr Rost wird zum Zeugnis gegen euch sein und euer Fleisch verzehren wie Feuer …“ (Jakobus 4,13-14; 5,1-2)

Wohlstand und ein reibungsloses Funktionieren von Dienstleistungen sind keineswegs ein „Recht“, das wir einfordern könnten. Schon gar nicht vom Staat: es ist nicht Aufgabe des Staates, seine Bürger zu ernähren. (Allerdings ist es auch nicht sein Recht, sich auf Kosten der Bürger zu ernähren.) Nach Römer 13,3-4 und 1.Petrus 2,14 ist die Aufgabe der Regierung darauf beschränkt, die Übeltäter zu bestrafen und die Guten zu belohnen. Die Regierung ist aber nicht dazu eingesetzt, Kranke zu pflegen, Arme zu versorgen, Kinder zu erziehen, und Geschenke zu verteilen, wie heutzutage vielfach geglaubt wird. Für diese Bereiche sind in erster Linie die Familien und in zweiter Linie die christlichen Gemeinschaften zuständig.
Wir sind in dieser Hinsicht wieder bei der Mentalität angelangt, die schon das römische Reich zum Zusammenbruch führte:

„Edward Gibbon erwähnte in seinem Buch Der Untergang des Römischen Weltreiches (1776-1788) die folgenden fünf Kennzeichen, die Rom am Ende aufwies:
erstens eine zunehmende Vorliebe für Zurschaustellung und Luxus (Wohlstand);
zweitens eine grösser werdene Kluft zwischen den sehr Reichen und den sehr Armen (dies kann auf Völker bezogen sein, aber auch innerhalb eines Volkes zutreffen);
drittens eine exzentrische Sexualität;
viertens eine groteske, wunderliche Kunst, die sich als originell ausgab, und eine Begeisterung, die sich für kreativ hielt;
fünftens ein zunehmendes Verlangen, auf Kosten des Staates zu leben.
Dies kommt uns allen sehr bekannt vor. Wir haben seit unserem ersten Kapitel viel gesehen – nun sind wir wieder in Rom.“
(Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Man könnte hier auch noch die Freizeitindustrie und Vergnügungssucht anführen („Brot und Spiele“).
Schaeffer schreibt auch:

„Als es mit der von verschärfter Inflation und einer aufwendigen Regierung belasteten Wirtschaft Roms immer mehr bergab ging, wurde die Herrschaft des Staates immer autoritärer, um der Apathie entgegenzuwirken. Da niemand mehr bereit war, freiwillig zu arbeiten, musste der Staat in dieser Hinsicht oft eingreifen, und Freiheiten gingen verloren …“

Auch das (autoritäre Diktaturen) dürfte durchaus zur näheren Zukunftsperspektive Europas gehören – sofern nicht eine radikale Umkehr zu Gott stattfindet.

Jedenfalls haben die heutigen Europäer – mit wenigen Ausnahmen – ihren gegenwärtigen Reichtum nicht verdient. Es dürfte den wenigsten unter ihnen bewusst sein, dass sie im Begriff stehen, den letzten Überrest des Erbes vergangener Generationen aufzuzehren – Generationen, die materiellen Wohlstand nicht als ein einzuforderndes Recht ansahen und schon gar nicht als eine Selbstverständlichkeit, sondern im Gegenteil als einen unverdienten Segen Gottes. Wahrscheinlich war es auch unter diesen vergangenen Generationen keine Mehrheit, die persönlich wiedergeboren waren; aber immerhin herrschte eine allgemeine Gottesfurcht, und die grosse Mehrheit war von einer christlichen Weltanschauung geprägt. (Das trifft insbesondere für das 18.Jahrhundert und noch bis ins 19.Jahrhundert hinein zu, und insbesondere für die Reformationsländer.) Deshalb konnte Gott ihnen auch solche materiellen Segnungen anvertrauen. Heute aber ist auch dieses christliche Erbe weitgehend über Bord geworfen worden. Damit hat Europa nicht nur die gegenwärtige Krise heraufbeschworen, sondern hat sich zugleich jeglicher geistlicher Stütze beraubt, die nötig wäre, um einer solchen Krisenzeit erfolgreich und mit Gottvertrauen begegnen zu können. Was also soll aus Europa werden?

Leider haben auch die christlichen Kirchen und Gemeinden längst aufgehört, das „Salz der Erde“ zu sein. Wenn sie selber, die doch Hüter der Wahrheit Gottes sein sollten, der Staatsideologie und dem Wohlstandsglauben nachfolgen, wer soll sie dann auf den Weg Gottes zurückführen? Wenn das Salz seine Schärfe verliert, womit soll es dann wieder salzig gemacht werden?

Unsummen von Geld haben die Kirchen – nicht zuletzt die evangelikalen – investiert in ihre Prunkbauten, ihre Multimedia- und Verstärkeranlagen, ihre Unterhaltungsindustrie – lauter Dinge, die am Jüngsten Tag in Flammen aufgehen werden. Die Apostel Jesu haben ohne alle diese Dinge mehr und standfestere Jünger Jesu hervorgebracht als die heutigen Kirchen mit all ihrem Reichtum. Aber heute, wenn das Geld knapp wird, verzichtet man lieber auf das Missionsbudget, als auf ein luxuriöses und unnötiges Gemeindegebäude.

Apropos Missionsbudget: Da steht auch im Zentrum einer peruanischen Stadt ein solches millionenschweres Renommiergebäude, seinerzeit finanziert von einer europäischen Missionsgesellschaft (statt dass man mit dem Geld die Armen und die echten Diener Gottes unterstützt hätte, wie es in der Bibel steht). Dieses Gebäude kam kürzlich im Fernsehen – aber nicht etwa zur Ehre Gottes, sondern weil zwei Fraktionen der in sich gespaltenen Gemeinde das unwürdige Schauspiel boten, einander gegenseitig mit Polizeigewalt aus dem Gebäude hinauszuwerfen. Statt die Ausbreitung des Reiches Gottes zu fördern, hat dieses Gebäude nur die Geld- und Machtgier der seinerzeit von den Missionaren eingesetzten Leiter gefördert.

Wenn also sogar evangelikale (und missionseifrige) Kirchen im In- und Ausland das Beispiel einer solch materialistischen Gesinnung geben, was ist dann erst von „Weltmenschen“ zu erwarten? Was soll aus Europa werden?

„Denn es ist Zeit, dass das Gericht anfängt beim Hause Gottes; und wenn es zuerst mit uns anfängt, was wird das Ende jener sein, die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen?“ (1.Petrus 4,17)

Der Reformator Martin Luther – Teil 7 – Die Extremisten; Die Reformation siegt politisch

19. November 2012

Die Extremisten

Während der Abwesenheit Luthers ging die Reformation in vielen Teilen Deutschlands weiter. Aber an einigen Orten fielen ihre Leiter in Extreme. Eine Gruppe, die sich die „Zwickauer Propheten“ nannten, erklärte, da sie direkte Offenbarungen von Gott bekämen, sei die Bibel nicht mehr nötig. (Entgegen 1.Kor.14,29 und 1.Thess.5,20-21, wonach jede Prophetie oder Offenbarung geprüft werden soll.)
Unter ihrem Einfluss kam es an verschiedenen Orten zu Gewalt gegen Priester und Mönche. Es entstand eine derartige Unordnung, dass Luther sich gezwungen fühlte, unter Lebensgefahr sein Versteck zu verlassen und die Dinge in Ordnung zu bringen.
Eine „Offenbarung“ dieser Propheten besagte, das Volk solle sich in Waffen gegen die Führer der Kirche und des Staates erheben. In verschiedenen Landesteilen waren die Bauern sehr unzufrieden und dachten bereits an eine Revolution. Mit diesen „Offenbarungen“ sahen sie sich in ihrem Vorhaben bestärkt, und es brach ein zweijähriger Bürgerkrieg aus.

Durch diese Vorgänge geriet die Reformation in Verruf, obwohl Luther selbst nie von einer politischen Revolution gesprochen hatte. Doch es ist gesagt worden: „Wenn der Teufel eine Erweckung nicht aufhalten kann, dann versucht er sie in Verruf zu bringen, indem er sie in Extreme führt.“
Diese Gefahr besteht normalerweise nicht am Anfang einer Erweckung, sondern wenn sie bereits fortgeschritten ist. In dem Mass wie die Erneuerungsbewegung an Boden gewinnt, schliessen sich ihr Leute an, die nicht mehr dieselben reinen Absichten haben wie die anfänglichen Erneuerer. Das ist eine grosse Herausforderung an die Pioniere und Leiter: Einerseits müssen sie die biblische Wahrheit standhaft und radikal verkünden und gegen alle Traditionen verteidigen. Aber andererseits müssen sie jene Extreme zurückbinden, die über das Wort Gottes hinausgehen. Das ist ein Krieg zwischen zwei Fronten: die Traditionalisten auf der einen Seite und die Extremisten auf der anderen Seite.
Wenn das geschieht, wird die Erweckung manchmal auch von wohlmeinenden Beobachtern abgelehnt, wegen der Exzesse, die sie beobachten. Aber wir müssen immer unterscheiden zwischen dem eigentlichen Wesen der Erweckung, und ihren Exzessen und Extremen. Die Exzesse sind kein Grund, die ganze Erweckung als solche abzulehnen.

Die Reformation siegt politisch

Luther ging mit diesen Schwierigkeiten nicht auf die bestmögliche Weise um; er liess sich öfter zu sehr einseitigen und verletzenden Stellungnahmen hinreissen. Er erreichte aber, dass die Reformation fortschritt, bis die Mehrheit Deutschlands auf ihrer Seite stand. In der Lehre und Struktur der Kirche wurden viele Änderungen vorgenommen – eine grosse und schwierige Aufgabe. Das alles, während Luther immer noch in Acht und Bann stand, und seine Feinde versuchten, das Wormser Edikt zu erfüllen, wonach er getötet werden sollte. Ausserdem musste Luther feststellen, dass die meisten Leute trotz ihrer Sympathie für die Reformation noch keine echten Christen waren.
Der Reichstag von Speyer (1526) beschloss, das Wormser Edikt nicht anzuwenden und Luther zu schützen. Ausserdem wurde beschlossen, jeder Landesfürst sei frei, über die Konfession seines Landes zu entscheiden. Viele Länder wurden reformiert. (Man beachte aber, dass diese Freiheit nur für die Fürsten galt. Die übrige Bevölkerung musste sich dann der Entscheidung des Fürsten unterwerfen.)
Aber unter dem Einfluss der Katholiken versuchte der zweite Reichstag von Speyer (1529) die Beschlüsse von 1526 zu annullieren. Daraufhin legten die Reformierten einen formellen „Protest“ vor und erklärten, die Beschlüsse eines Reichstags könnten nur mit Einstimmigkeit aller Länder annulliert werden. Seither wurden die Reformierten auch „Protestanten“ genannt.
Während vieler Jahre breitete sich die Reformation inmitten politischer Konflikte aus. Im Schmalkaldischen Krieg (1547-1552) griff der Kaiser die reformierten Länder an; aber die Reformierten siegten, und 1555 wurden sie schliesslich vom Kaiser anerkannt.

Es mag ein schockierender Gedanke sein, eine Erweckung könne zu kirchlichen und sogar politischen Auseinandersetzungen führen. Aber die Welt (auch die Welt innerhalb der Kirche) „liegt in der Gewalt des Bösen“ (1.Joh.5,19) und hasst das Licht Jesu (Joh.3,19-20). Deshalb muss jeder, auch der Friedfertigste, der dieses Licht auf den Leuchter stellt, mit gewalttätigem Widerstand der Welt rechnen. Ausserdem wird der Feind jeder Erweckung alle möglichen Störmanöver – inbegriffen politische – durchführen. Auch diese Tatsache sollten wir im Auge behalten, wenn wir Erweckung wünschen. Eine Erweckung ist ein Einbruch der Wahrheit Gottes in diese finstere Welt und bringt deshalb notwendigerweise diese Welt durcheinander. Im Alten Testament hat Gott zweimal sein Volk Israel aus der Gewalt eines heidnischen Volkes befreit (aus Ägypten und aus Babylon), was beide Male von heftigen politischen und sogar kriegerischen Konflikten begleitet war. Im Neuen Testament lesen wir, wie mehrmals ganze Städte aufgrund der Anwesenheit des Apostels Paulus in Aufruhr gerieten.
Denken wir aber daran, dass solcher scheinbar politischer Widerstand in Wirklichkeit geistliche Hintergründe hat. Versuchen wir also nicht unsererseits mit politischen Mitteln dagegen zu kämpfen. Unsere Waffen sind geistlich.

Inmitten der ersten Auseinandersetzungen um das Überleben der Reformation „kämpfte“ Luther vor allem im Gebet. Während des Augsburger Reichstags (1530) wurde über die Anerkennung der Reformierten verhandelt. Luther selber konnte daran nicht teilnehmen, weil der Kaiser ihm nicht wohlgesinnt war und sein Leben immer noch in Gefahr war. Er blieb in einer Zufluchtsburg, wo er während der ganzen Dauer des Reichstags betete, oft mit Fasten, während die reformierten Delegierten ihm die aktuellen Nachrichten zukommen liessen.
Bei einer anderen Gelegenheit soll Luther gesagt haben: „Heute habe ich so viel Arbeit, dass ich zuerst einmal drei Stunden beten muss.“ – Freunde Luthers sagten, dass er jeden Tag drei Stunden betete. Während er sich an seine Mönchsgelübde gebunden fühlte, waren das vor allem die vorgeschriebenen liturgischen Gebete. Später begann er sich mehr und mehr Zeit zu nehmen für das persönliche Gespräch mit Gott.

Leider ist Luther nicht konsequent bei diesem „geistlichen Kampf“ geblieben, sondern hat in anderen Auseinandersetzungen selber auch zu politischen Machtmitteln gegriffen. Im Bauernkrieg z.B. begann er plötzlich aufs schärfste gegen die Bauern zu schreiben und zu ihrer Vernichtung aufzurufen. Möglich, dass es eine zu grosse Versuchung für ihn war, als die Reformation obsiegte und er plötzlich zu einem der einflussreichsten Männer Deutschlands geworden war. Möglich auch, dass sein impulsives Temperament ihn zu einem unkontrollierten Zorn hinriss, als sein Name und seine Worte für eine Sache in Anspruch genommen wurden, die er weder gewollt noch vorausgesehen hatte.
So wie – nach den Worten Tertullians – „das Blut der Märtyrer der Same der Kirche ist“, so ist allzu oft die weltliche Macht und das öffentliche Ansehen ihr Verderben gewesen. Wie schon zu Konstantins Zeiten der politische Sieg des Christentums seine geistliche Niederlage war, so wiederholte sich leider ein ähnliches Muster auch in der Reformationszeit.

Deutsche Bildungspolitiker sollten von Kolumbien lernen

15. November 2012

Warum gerade von Kolumbien?

Nun, die kolumbianischen Gesetze schreiben eine Schulpflicht vor – vergleichbar mit Deutschland. Dennoch gibt es in Kolumbien eine Homeschool-Bewegung – ebenso wie in Deutschland. Werden nun kolumbianische Homeschooler gerichtlich verfolgt wie in Deutschland, werden sie von Staates wegen ihres Besitzes beraubt wie in Deutschland, werden ihre Kinder mit Polizeigewalt zur Schule geschleppt oder zwangspsychiatriert wie in Deutschland, sehen sie sich zur Auswanderung und zur Suche nach politischem Asyl gezwungen wie deutsche Homeschool-Familien?

Überhaupt nicht. Die nachstehenden Ausführungen einer Vertreterin des kolumbianischen Bildungsministeriums zeigen, dass eine gesetzlich vorgeschriebene Schulpflicht keineswegs als Mandat zur gewalttätigen staatlichen Verfolgung von Homeschoolern aufgefasst werden muss. Die Gesetze können auch auf andere, viel humanere, friedfertigere und konstruktivere Weise ausgelegt werden:

„… es ist völlig klar, dass die Normen das Recht jedes Menschen zu verteidigen und zu schützen suchen, zu einer Bildung von Qualität Zugang zu haben und eine solche zu erhalten. In diesem Fall suchen sie das Recht der Kinder auf eine solche zu schützen, die wegen ihrer Situation eine durch Entscheidungen von Erwachsenen verletzliche Bevölkerungsgruppe darstellen, seien diese Erwachsenen nun Lehrer, der Staat, oder Familien und Eltern.
Die Alternative einer Bildung ohne Schule entspricht nicht der Wahl einer Mehrheit in Kolumbien, noch weltweit, und ist deshalb in der Gesetzgebung nicht ausdrücklich angeführt. Das ist verständlich, da die öffentliche Politik aufgrund ihrer eigenen Natur zu dem Zweck entworfen wird, sich mit den Mehrheiten zu befassen.
Dennoch, da die Gesetze klar in erster Linie die Eltern für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich machen, und die (Eltern) Autonomie besitzen, um über die Rechte ihrer Kinder zu wachen und diese zu schützen, können sie wählen, ob sie ihre Kinder an eine Bildungseinrichtung senden oder nicht. Die Bildung ohne Schule kann eine mögliche Wahl sein, vorausgesetzt, dass die Eltern dem Staat gegenüber sicherstellen, dass die Kinder eine Ausbildung von Qualität erhalten.
Und durch welche Mechanismen können diese Wahlmöglichkeiten verwirklicht werden? – Durch die Anerkennungsprüfungen (exámenes de validación), die die Kinder und Jugendlichen ablegen können. Die Reglemente (genaugenommen das Dekret Nr.2832 von 2005) sehen vor, dass jedes Kind und jeder Jugendliche unter Beweis stellen kann, dass er die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten erreicht hat in jedem der obligatorischen und grundlegenden Fächer für die Grund- und mittleren Schuljahre, indem seine Studien durch Prüfungen oder akademische Aktivitäten kostenlos für gültig erklärt werden, an Bildungseinrichtungen, die die entsprechenden gesetzlichen Voraussetzungen erfüllen.“

(Heublyn Castro Valderrama, Subdirektorin für die Normierung und Überprüfung der Bildungsqualität, Nationales Bildungsministerium Kolumbien.)

Man beachte, dass die erwähnten Anerkennungsprüfungen den Homeschoolern (und anderen Kindern und Jugendlichen) nicht als Pflicht (im Sinne staatlicher Beaufsichtigung) aufgezwungen werden, sondern ihnen vom Staat angeboten werden als eine Möglichkeit, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und offiziell beglaubigen zu lassen – dann, wenn sie selber der Ansicht sind, sie seien zu einer solchen Prüfung bereit. Jeder zuhause ausgebildete Jugendliche kann also selber entscheiden, wann und wo er diese Prüfung ablegen will.
Hier sind die Prioritäten noch ziemlich in Ordnung: Der Staat verpflichtet sich, ein zureichendes Angebot bereitzustellen, um das Recht der Bevölkerung auf Bildung sicherzustellen. Die Familien ihrerseits sind frei zu entscheiden, ob sie von diesem Angebot Gebrauch machen möchten, oder ob sie auf andere Möglichkeiten zurückgreifen möchten, ihre Kinder auszubilden (z.B. mittels Privatschule, Fernschule, oder eben Homeschooling). Wenn schon ein Staatsschulsystem, dann sollte es so verstanden werden: als Hilfe und Angebot an jene Eltern, die ihre Kinder nicht selber ausbilden können oder wollen; aber nicht als ein Mittel zur diktatorischen Kontrolle und Gleichschaltung der ganzen Bevölkerung, wie es leider u.a. in Deutschland geschieht.

Das obige Zitat ist ein Ausschnitt aus einem Vortrag am Kongress „Bildung ohne Schule, Kollaboratives eigenständiges Lernen und Bildung in der Familie“, welcher in den Jahren 2009 und 2010 an der Nationalen Universität von Kolumbien in Bogotá durchgeführt wurde. Da führt also eine staatliche Universität einen Kongress über Homeschooling durch, und eine Vertreterin der obersten staatlichen Schulbehörde hält einen Vortrag, in welchem sie die Rechtmässigkeit des Homeschooling verteidigt!
Das Beispiel Kolumbien zeigt somit, dass auch bei einer mit Deutschland vergleichbaren Rechtslage ein friedliches Nebeneinander und sogar ein fruchtbarer gegenseitiger Austausch zwischen Schulbehörden, staatlichen Universitäten und Homeschoolbewegung möglich ist. Wenn sich deutsche Bildungspolitiker schon nicht für das US-amerikanische Konzept von Freiheit und Menschenrechten erwärmen können, dann sollten sie sich doch wenigstens an Kolumbien ein Beispiel nehmen.

Der Reformator Martin Luther – Teil 6 – Gebunden im Gewissen; Die Bibel in der Sprache des Volkes

12. November 2012

Gebunden im Gewissen

Nachdem Luther exkommuniziert worden war, wurde er 1521 vom Kaiser vor den Reichstag von Worms zitiert. Dort wurde er öffentlich aufgefordert, seine Bücher zu widerrufen. Seine Anwort:

„Man möge mich mit dem Zeugnis der Schrift und mit klaren Gründen der Vernunft überzeugen – denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, da es bewiesen ist, dass sie oft irrten und sich selber widersprachen. Durch die Worte der Heiligen Schrift, die ich zitiert habe, bin ich meinem Gewissen unterworfen und an das Wort Gottes gebunden. Deshalb kann und will ich nichts widerrufen, denn etwas entgegen dem Gewissen zu tun, ist weder sicher noch heilsam. Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir!“

Daraufhin zeigten Luthers Gegner ihren wahren Standpunkt. Sie weigerten sich entschieden, auf der Grundlage der Heiligen Schrift zu diskutieren:

„Dennoch wiederbeleben Sie, was das allgemeine Konzil von Konstanz, versammelt aus der ganzen deutschen Nation, verurteilt hat; und Sie wollen durch die Schrift überzeugt werden, auf die Sie sich so gewalttätig stützen. … Es ist eine Tatsache, dass wenn Sie in diesem Punkt obsiegen, dass jeder, der den Konzilien und den Lehren der Kirche widerspricht, durch die Schrift widerlegt werden müsste, dann hätten wir nicht Sicheres oder Beständiges mehr in der Christenheit.“

In der römischen Kirche gab es keine Gewissensfreiheit. Alle mussten glauben, was die Kirche glaubte – selbst wenn die Bibel das Gegenteil sagte. Alle mussten ihre Gewissen der Kirche unterwerfen.
Luther machte mit seiner Kühnheit einen gewaltigen Eindruck. In der römisch-katholischen Kirche hatte es niemand zuvor gewagt, nur der Bibel und seinem Gewissen zu folgen – und das öffentlich zu erklären. Das war der Beginn der Gewissensfreiheit.

Aber jede von Menschen gemachte Institution beginnt nach einiger Zeit ein Eigenleben zu entwickeln. Die Kirchen sind nicht frei von dieser Tendenz. Nach einer gewissen Zeit wird auf einmal „das Ansehen der Institution“ wichtiger als das Ansehen Gottes. Eine „Sünde gegen die Institution“ wird streng bestraft, während die wirklichen Sünden, die innerhalb der Institution begangen werden, verheimlicht werden – insbesondere die Sünden der Leiter. Deshalb wird eine neue Erweckung auch in den evangelikalen Kirchen die wahre Gewissensfreiheit wiederherstellen müssen. – Siehe „Das Tier in der Offenbarung, das Milgram-Experiment und die Kirchen„.

Die Bibel in der Sprache des Volkes

Nach dem Wormser Reichstag wurde Luther vom Kaiser geächtet. D.h. jeder konnte ihn töten, ohne dafür bestraft zu werden. Das war praktisch sein Todesurteil.
Auf der Heimreise von Worms verschwand Luther unter geheimnisvollen Umständen. Es gingen Gerüchte um, er sei entführt und getötet worden. (So war es schon anderen aus der Kirche ausgeschlossenen „Ketzern“ ergangen.)
Glücklicherweise war es nicht so. Der Kurfürst Friedrich von Sachsen, ein Freund Luthers, hatte beschlossen, ihn zu beschützen. Er hatte einigen Soldaten befohlen, Luther zu entführen und auf sein Schloss, die Wartburg, zu bringen. Dort hielt er ihn ein Jahr lang versteckt.
Das ist ein weiteres Beispiel, wie Gott zu seiner Zeit eingriff, um den Erfolg der Reformation zu sichern. Ohne dieses Eingreifen hätte Luther ebenso geendet wie Hus.

Das Jahr auf der Wartburg war für Luther keine verlorene Zeit. Er arbeitete fleissig an der deutschen Übersetzung des Neuen Testamentes. Er wusste, dass das Volk die Bibel brauchte, um sich in Angelegenheiten des Glaubens eine Meinung bilden zu können. Bisher hatten nur die Priester und Mönche Zugang zur Bibel, und nur auf Latein. Das „gewöhnliche Volk“ konnte nicht wissen, was die Bibel wirklich sagte. Sie mussten blind glauben, was die Priester lehrten.
Deshalb war die Übersetzung der Bibel so wichtig: Jetzt konnten die Leute selber das Wort Gottes lesen und ihre eigenen Schlussfolgerungen ziehen. Die deutsche Bibel trug viel zum Fortschritt der Reformation bei. Beim Lesen der Bibel stellten viele Leute fest, dass Luther tatsächlich recht hatte, und dass seine Verurteilung unrecht war.

Wie ist die Situation heute? Die Bibel ist in alle wichtigen Sprachen der Welt übersetzt worden. In vielen Ländern herrscht Freiheit, die Bibel zu lesen, und Bibeln sind frei verkäuflich. Das ist ein gewaltiges Vorrecht, verglichen mit der Situation vor der Reformation.
Wertschätzen wir dieses Vorrecht wirklich? Ich fürchte nein. Wie viele Evangelische lesen wirklich selber regelmässig in der Bibel? Wie viele wenden das Wort Gottes an, um die Predigten und Lehren zu prüfen, die sie hören, nach Apg.17,11 und 1.Thess.5,21?

Zur Zeit Luthers konnten die Christen die Lehre der Kirche nicht prüfen, weil sie keinen Zugang zur Bibel hatten. Heute haben sie die Bibel, aber sie gebrauchen sie selten. Die Mehrheit hat ihr Urteilsvermögen aufgegeben, wenn es um das Verständnis der Bibel geht. Deshalb besteht heute die reale Gefahr, in die Situation vor Luther zurückzufallen, obwohl wir heute die Bibel in unserer Sprache haben: Viele Kirchenmitglieder folgen blind den Traditionen und Vorgaben ihrer Kirche, ohne sie im Licht der Bibel zu prüfen. In vielen Kirchen wird die „Unterordnung unter die Leiterschaft“ viel stärker betont als das eigene Forschen in der Bibel. Deshalb gibt es auch heute wieder allzu viele Situationen, wo in der Kirche das Gute böse und das Böse gut genannt wird.

Nützen wir die Freiheit zum Bibellesen aus, solange wir sie noch haben!

(Fortsetzung folgt)

Der Reformator Martin Luther – Teil 5 – Die Bibel oder die Tradition der Kirche?

2. November 2012

Sehen wir uns einige Punkte der Auseinandersetzung zwischen Luther und der katholischen Kirche genauer an. Ich glaube, wenn Luther heute wieder aufträte, müsste er viele Dinge, die er seinerzeit sagte, auch heute noch sagen – aber heute müsste er sie auch den evangelischen und evangelikalen Kirchen sagen.

Die Bibel oder die Tradition der Kirche?

Ein päpstlicher Gesandter, der Kardinal Cayetan, bewies Luther, dass eine seiner Thesen einem Dekret des Papstes Clemens VI von 1343 widersprach. Luther antwortete, die Bibel habe Vorrang über alle Dekrete. Darauf antwortete Cayetan, der Papst stehe über den Konzilien und der Schrift. „Ich leugne, dass er über der Schrift stehe“, antwortete Luther. Damit endete das Gespräch.
In einer anderen Debatte sagte Luther, viele der Meinungen von Jan Hus seien völlig richtig. „Dann hat sich das Konzil geirrt, das ihn verurteilte?“, fragte Eck. Luther antwortete: „Auch Konzilien können irren.“ Diese Aussage war einer der Gründe dafür, dass Luther zum Ketzer erklärt wurde.
(Nach „Martin Luther“, bei http://www.proel.org)

Hier haben wir eines der wichtigsten Themen der Reformation. Welches ist die höchste Autorität der Kirche: die Bibel oder die Tradition?

Wenn wir glauben, dass die Bibel von Gott inspiriert und irrtumslos ist, dann sollte die Antwort klar sein. In der Bibel haben wir die unfehlbare Lehre Jesu und seiner Apostel. Niemand sonst kann sich auf dieselbe göttliche Inspiration berufen wie die von Jesus selber beauftragten Apostel. Wenn also ein menschlicher Leiter der Bibel widerspricht, dann müssen wir immer die Bibel an die erste Stelle setzen. Die wichtigste Errungenschaft der Reformation besteht darin, dass sie die Kirche wieder zum Wort Gottes zurückgeführt hat.

Aber in den heutigen evangelischen und evangelikalen Kirchen sind die Dinge nicht mehr so klar. Tatsächlich befinden wir uns wieder in einer Situation wie vor der Reformation. Ist es übertrieben, das zu sagen? – Evangelische/Evangelikale feiern zwar nicht die römische Messe, und sie beten auch keine Heiligenbilder an. Aber die grundlegenden Fragen sind dieselben wie zur Zeit Luthers:

1. Muss ein Christ von seiner Sünde umkehren, oder kann er sich die Vergebung Gottes auf andere Weise „erkaufen“?

In seinen 95 Thesen erklärte Luther, dass Gott eine echte Reue und Herzensumkehr sucht, nicht nur eine äusserliche „Busse“. Die ersten drei seiner Thesen lauten:

„1. Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte „Tut Busse“ (richtiger: „Kehrt um“), wollte er, dass das ganze Leben des Gläubigen Busse (Umkehr) sei.
2. Dieses Wort kann nicht als sakramentale Busse verstanden werden, d.h. Beichte und Genugtuung, die von den Priestern erteilt wird.
3. Aber ebensowenig bedeutet es eine nur innerliche Reue. Es gibt keine innerliche Reue, die nicht auch äusserlich verschiedene Abtötungen des Fleisches bewirkte.“

Heute stehen wir wieder vor demselben Problem, aber in den evangelikalen Kirchen. Diese verkaufen zwar keine Ablässe. Aber sie bieten eine billige Gnade an; eine „Erlösung“ mittels eines „Übergabegebetes“, ohne sich darum zu kümmern, ob eine wirkliche Umkehr geschehen ist. Der neue Gläubige bezahlt später für seinen „Ablass“, wenn er unter das Gesetz der „Zehnten und Opfer“ gestellt wird.

Es ist ein Zeichen jeder echten Erweckung, dass Umkehr und Abkehr von der Sünde gepredigt und praktiziert wird.

2. Welches ist die Autorität über dem Leben eines Christen: die Tradition der Kirche, oder das Wort Gottes?

Die Evangelikalen haben zwar keinen Papst. Aber viele ihrer Pastoren und Leiter benehmen sich wie kleine Päpste: Wenn jemand versucht, sie vom Wort Gottes her zu korrigieren, dann disqualifizieren sie ihn als „Rebellen“ und suchen einen Weg, ihn zum Schweigen oder in Verruf zu bringen. (Habe ich selber mehrmals erlebt.) Es kommt ihnen aber nicht in den Sinn, in der Schrift nachzuforschen, ob die Kritik vielleicht berechtigt sei.
In vielen Kirchen sind die Gottesdienstordnung, die internen Reglemente, der Anbetungsstil, oder das Machtwort des Leiters, „heiliger“ als die Schrift selbst.
Ausserdem haben auch unter den evangelikalen Kirchen viele einer Theologie Raum gegeben, die an der göttlichen Inspiration der Bibel zweifelt. Viele Bibelkommentare, und die Bibelgesellschaften selbst, verbreiten diese kritische Theologie.

Auch das wäre ein Zeichen jeder echten Erweckung: dass die Christen sich wieder auf ihre Ursprünge im Wort Gottes zurückbesinnen, und dass sie diesem Wort Vorrang geben vor jeder Tradition.

3. Darf über diese Dinge offen diskutiert werden, oder werden Machtmittel angewandt, um die Diskussion zum Verstummen zu bringen?

Wir haben gesehen, wie die katholischen Leiter sich ständig einer offenen und öffentlichen Debatte mit Luther entzogen. Sie zogen es vor, ihn privat zu konfrontieren. Und das nicht, um ihm eine Möglichkeit zu geben, sich zu erklären; sondern nur um ihn zum Widerruf zu zwingen. Als das nichts fruchtete, exkommunizierten sie ihn; und schliesslich verfolgten sie ihn politisch.

Philipp Melanchthon schreibt über diese Handlungsweise:

„Wir wissen, dass die politischen Menschen alle Änderungen verabscheuen; und wir geben zu, dass auch wenn eine Revolution von den gerechtesten Anliegen angetrieben wird, es immer irgendein Übel zu beklagen gibt in dieser traurigen Unordnung des menschlichen Lebens. Dennoch ist es in der Kirche nötig, das Gebot Gottes über allem Menschlichen vorzuziehen. … Deshalb war es die Pflicht Luthers… die zerstörerischen Irrtümer abzuweisen; … und es war die Pflicht seiner Hörer, dem zu folgen, was er richtig lehrte. Obwohl es in einer Revolution viele Unbequemlichkeiten gibt, wie wir es mit grosser Traurigkeit sehen, so ist es doch die Schuld jener, die anfangs die Irrtümer verbreiteten, und jener, die jetzt diese Irrtümer mit teuflischem Hass verteidigen.“

Auch in diesem Punkt – heute „geistlicher Missbrauch“ genannt – unterscheiden sich die evangelischen und evangelikalen Kirchen nicht mehr gross von der katholischen. Sie verbieten die Verbreitung von auf der Bibel gegründeten Schriften, gegen die sie kein einziges biblisches Argument anführen können, nur weil sie die „heiligen Traditionen“ ihrer Denomination oder das Ansehen und die „Autorität“ ihrer Institution in Gefahr sehen. (Was ist denn das für eine Autorität, wenn sie sich nicht auf die Bibel gründen kann??)

Leider müssen wir heute auch auf viele evangelische Kirchen anwenden, was Luther seinerzeit über das Papsttum schrieb:

„Es sei klargestellt: weder der Papst, noch die Bischöfe, noch irgendein Mensch haben das Recht, den Christen ohne dessen Einverständnis auch nur unter eine Silbe des Gesetzes zu unterwerfen. Jede andere Handlungsweise ist Tyrannei. … Nun ist die Unterwerfung unter diese tyrannischen Gesetze und Dekrete dasselbe wie sich in die Sklaverei der Menschen zu begeben.
In der Einpflanzung dieser gottlosen und verlorenen Tyrannei wirken die Jünger des Papstes mit, indem sie die Worte Christi verdrehen und verderben: ‚Wer euch hört, hört mich.‘ Mit ihren Riesenmäulern blähen sie diese Worte auf, um sie auf ihre Traditionen anzuwenden; und im Ergebnis passen sie die zitierten Worte nur ihren Fabeln an, ohne Bezug auf das Evangelium; während in Wirklichkeit Christus sie an seine Apostel richtete, als sie auszogen, das Evangelium zu verkünden, und nur auf das Evangelium können sie sich beziehen. … Deshalb ist niemand den Traditionen des Pontifex unterworfen; man muss ihn nicht einmal hören, ausser wenn er das Evangelium und Christus predigt. … Schliesslich ist es unumgänglich, dass da, wo der wahre Glaube ist, auch das Wort des Glaubens ist. Weshalb hört dann der Papst nicht ab und zu auf einen seiner treuen Diener, der das Wort des Glaubens hat? Blindheit, lauter Blindheit herrscht unter den Hohepriestern.
… Ihr Vorhaben ist es, das Gewissen unserer Freiheit so in Eisen zu legen, dass wir glauben, sie täten recht, und wir könnten sie nicht kritisieren noch uns beklagen über diese Ungerechtigkeiten. Sie sind Wölfe und möchten als Hirten erscheinen; sie sind Antichristen und ersehnen sich, angebetet zu werden wie Christus.
… Weder Menschen noch Engel dürfen den Christen rechtmässig Gesetze auferlegen, ausser in dem Mass, wie die Christen selber es wünschen; wir sind vollkommen befreit. … Deshalb richte ich meine Anklage gegen den Papst und gegen alle Papisten, und ich sage ihnen: Wenn sie nicht ihre Kirchengesetze und ihre Traditionen zurückziehen, wenn sie nicht den Kirchen Christi ihre Freiheit zurückgeben, wenn sie nicht machen, dass diese Freiheit ausgerufen wird, dann machen sie sich des Verderbens aller Seelen schuldig, die in dieser elenden Gefangenschaft zugrunde gehen, und das Papsttum wird nichts anderes sein als das Reich Babylons und des leibhaftigen Antichristen.“
(Martin Luther, „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“, 1520)

In einer echten Erweckung werden die Christen dazu befreit, Jesus nachzufolgen frei von jedem kirchlichen Joch.

(Fortsetzung folgt)