Der Reformator Martin Luther – Teil 5 – Die Bibel oder die Tradition der Kirche?

Sehen wir uns einige Punkte der Auseinandersetzung zwischen Luther und der katholischen Kirche genauer an. Ich glaube, wenn Luther heute wieder aufträte, müsste er viele Dinge, die er seinerzeit sagte, auch heute noch sagen – aber heute müsste er sie auch den evangelischen und evangelikalen Kirchen sagen.

Die Bibel oder die Tradition der Kirche?

Ein päpstlicher Gesandter, der Kardinal Cayetan, bewies Luther, dass eine seiner Thesen einem Dekret des Papstes Clemens VI von 1343 widersprach. Luther antwortete, die Bibel habe Vorrang über alle Dekrete. Darauf antwortete Cayetan, der Papst stehe über den Konzilien und der Schrift. „Ich leugne, dass er über der Schrift stehe“, antwortete Luther. Damit endete das Gespräch.
In einer anderen Debatte sagte Luther, viele der Meinungen von Jan Hus seien völlig richtig. „Dann hat sich das Konzil geirrt, das ihn verurteilte?“, fragte Eck. Luther antwortete: „Auch Konzilien können irren.“ Diese Aussage war einer der Gründe dafür, dass Luther zum Ketzer erklärt wurde.
(Nach „Martin Luther“, bei http://www.proel.org)

Hier haben wir eines der wichtigsten Themen der Reformation. Welches ist die höchste Autorität der Kirche: die Bibel oder die Tradition?

Wenn wir glauben, dass die Bibel von Gott inspiriert und irrtumslos ist, dann sollte die Antwort klar sein. In der Bibel haben wir die unfehlbare Lehre Jesu und seiner Apostel. Niemand sonst kann sich auf dieselbe göttliche Inspiration berufen wie die von Jesus selber beauftragten Apostel. Wenn also ein menschlicher Leiter der Bibel widerspricht, dann müssen wir immer die Bibel an die erste Stelle setzen. Die wichtigste Errungenschaft der Reformation besteht darin, dass sie die Kirche wieder zum Wort Gottes zurückgeführt hat.

Aber in den heutigen evangelischen und evangelikalen Kirchen sind die Dinge nicht mehr so klar. Tatsächlich befinden wir uns wieder in einer Situation wie vor der Reformation. Ist es übertrieben, das zu sagen? – Evangelische/Evangelikale feiern zwar nicht die römische Messe, und sie beten auch keine Heiligenbilder an. Aber die grundlegenden Fragen sind dieselben wie zur Zeit Luthers:

1. Muss ein Christ von seiner Sünde umkehren, oder kann er sich die Vergebung Gottes auf andere Weise „erkaufen“?

In seinen 95 Thesen erklärte Luther, dass Gott eine echte Reue und Herzensumkehr sucht, nicht nur eine äusserliche „Busse“. Die ersten drei seiner Thesen lauten:

„1. Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte „Tut Busse“ (richtiger: „Kehrt um“), wollte er, dass das ganze Leben des Gläubigen Busse (Umkehr) sei.
2. Dieses Wort kann nicht als sakramentale Busse verstanden werden, d.h. Beichte und Genugtuung, die von den Priestern erteilt wird.
3. Aber ebensowenig bedeutet es eine nur innerliche Reue. Es gibt keine innerliche Reue, die nicht auch äusserlich verschiedene Abtötungen des Fleisches bewirkte.“

Heute stehen wir wieder vor demselben Problem, aber in den evangelikalen Kirchen. Diese verkaufen zwar keine Ablässe. Aber sie bieten eine billige Gnade an; eine „Erlösung“ mittels eines „Übergabegebetes“, ohne sich darum zu kümmern, ob eine wirkliche Umkehr geschehen ist. Der neue Gläubige bezahlt später für seinen „Ablass“, wenn er unter das Gesetz der „Zehnten und Opfer“ gestellt wird.

Es ist ein Zeichen jeder echten Erweckung, dass Umkehr und Abkehr von der Sünde gepredigt und praktiziert wird.

2. Welches ist die Autorität über dem Leben eines Christen: die Tradition der Kirche, oder das Wort Gottes?

Die Evangelikalen haben zwar keinen Papst. Aber viele ihrer Pastoren und Leiter benehmen sich wie kleine Päpste: Wenn jemand versucht, sie vom Wort Gottes her zu korrigieren, dann disqualifizieren sie ihn als „Rebellen“ und suchen einen Weg, ihn zum Schweigen oder in Verruf zu bringen. (Habe ich selber mehrmals erlebt.) Es kommt ihnen aber nicht in den Sinn, in der Schrift nachzuforschen, ob die Kritik vielleicht berechtigt sei.
In vielen Kirchen sind die Gottesdienstordnung, die internen Reglemente, der Anbetungsstil, oder das Machtwort des Leiters, „heiliger“ als die Schrift selbst.
Ausserdem haben auch unter den evangelikalen Kirchen viele einer Theologie Raum gegeben, die an der göttlichen Inspiration der Bibel zweifelt. Viele Bibelkommentare, und die Bibelgesellschaften selbst, verbreiten diese kritische Theologie.

Auch das wäre ein Zeichen jeder echten Erweckung: dass die Christen sich wieder auf ihre Ursprünge im Wort Gottes zurückbesinnen, und dass sie diesem Wort Vorrang geben vor jeder Tradition.

3. Darf über diese Dinge offen diskutiert werden, oder werden Machtmittel angewandt, um die Diskussion zum Verstummen zu bringen?

Wir haben gesehen, wie die katholischen Leiter sich ständig einer offenen und öffentlichen Debatte mit Luther entzogen. Sie zogen es vor, ihn privat zu konfrontieren. Und das nicht, um ihm eine Möglichkeit zu geben, sich zu erklären; sondern nur um ihn zum Widerruf zu zwingen. Als das nichts fruchtete, exkommunizierten sie ihn; und schliesslich verfolgten sie ihn politisch.

Philipp Melanchthon schreibt über diese Handlungsweise:

„Wir wissen, dass die politischen Menschen alle Änderungen verabscheuen; und wir geben zu, dass auch wenn eine Revolution von den gerechtesten Anliegen angetrieben wird, es immer irgendein Übel zu beklagen gibt in dieser traurigen Unordnung des menschlichen Lebens. Dennoch ist es in der Kirche nötig, das Gebot Gottes über allem Menschlichen vorzuziehen. … Deshalb war es die Pflicht Luthers… die zerstörerischen Irrtümer abzuweisen; … und es war die Pflicht seiner Hörer, dem zu folgen, was er richtig lehrte. Obwohl es in einer Revolution viele Unbequemlichkeiten gibt, wie wir es mit grosser Traurigkeit sehen, so ist es doch die Schuld jener, die anfangs die Irrtümer verbreiteten, und jener, die jetzt diese Irrtümer mit teuflischem Hass verteidigen.“

Auch in diesem Punkt – heute „geistlicher Missbrauch“ genannt – unterscheiden sich die evangelischen und evangelikalen Kirchen nicht mehr gross von der katholischen. Sie verbieten die Verbreitung von auf der Bibel gegründeten Schriften, gegen die sie kein einziges biblisches Argument anführen können, nur weil sie die „heiligen Traditionen“ ihrer Denomination oder das Ansehen und die „Autorität“ ihrer Institution in Gefahr sehen. (Was ist denn das für eine Autorität, wenn sie sich nicht auf die Bibel gründen kann??)

Leider müssen wir heute auch auf viele evangelische Kirchen anwenden, was Luther seinerzeit über das Papsttum schrieb:

„Es sei klargestellt: weder der Papst, noch die Bischöfe, noch irgendein Mensch haben das Recht, den Christen ohne dessen Einverständnis auch nur unter eine Silbe des Gesetzes zu unterwerfen. Jede andere Handlungsweise ist Tyrannei. … Nun ist die Unterwerfung unter diese tyrannischen Gesetze und Dekrete dasselbe wie sich in die Sklaverei der Menschen zu begeben.
In der Einpflanzung dieser gottlosen und verlorenen Tyrannei wirken die Jünger des Papstes mit, indem sie die Worte Christi verdrehen und verderben: ‚Wer euch hört, hört mich.‘ Mit ihren Riesenmäulern blähen sie diese Worte auf, um sie auf ihre Traditionen anzuwenden; und im Ergebnis passen sie die zitierten Worte nur ihren Fabeln an, ohne Bezug auf das Evangelium; während in Wirklichkeit Christus sie an seine Apostel richtete, als sie auszogen, das Evangelium zu verkünden, und nur auf das Evangelium können sie sich beziehen. … Deshalb ist niemand den Traditionen des Pontifex unterworfen; man muss ihn nicht einmal hören, ausser wenn er das Evangelium und Christus predigt. … Schliesslich ist es unumgänglich, dass da, wo der wahre Glaube ist, auch das Wort des Glaubens ist. Weshalb hört dann der Papst nicht ab und zu auf einen seiner treuen Diener, der das Wort des Glaubens hat? Blindheit, lauter Blindheit herrscht unter den Hohepriestern.
… Ihr Vorhaben ist es, das Gewissen unserer Freiheit so in Eisen zu legen, dass wir glauben, sie täten recht, und wir könnten sie nicht kritisieren noch uns beklagen über diese Ungerechtigkeiten. Sie sind Wölfe und möchten als Hirten erscheinen; sie sind Antichristen und ersehnen sich, angebetet zu werden wie Christus.
… Weder Menschen noch Engel dürfen den Christen rechtmässig Gesetze auferlegen, ausser in dem Mass, wie die Christen selber es wünschen; wir sind vollkommen befreit. … Deshalb richte ich meine Anklage gegen den Papst und gegen alle Papisten, und ich sage ihnen: Wenn sie nicht ihre Kirchengesetze und ihre Traditionen zurückziehen, wenn sie nicht den Kirchen Christi ihre Freiheit zurückgeben, wenn sie nicht machen, dass diese Freiheit ausgerufen wird, dann machen sie sich des Verderbens aller Seelen schuldig, die in dieser elenden Gefangenschaft zugrunde gehen, und das Papsttum wird nichts anderes sein als das Reich Babylons und des leibhaftigen Antichristen.“
(Martin Luther, „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“, 1520)

In einer echten Erweckung werden die Christen dazu befreit, Jesus nachzufolgen frei von jedem kirchlichen Joch.

(Fortsetzung folgt)

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