Der Reformator Martin Luther – Teil 6 – Gebunden im Gewissen; Die Bibel in der Sprache des Volkes

Gebunden im Gewissen

Nachdem Luther exkommuniziert worden war, wurde er 1521 vom Kaiser vor den Reichstag von Worms zitiert. Dort wurde er öffentlich aufgefordert, seine Bücher zu widerrufen. Seine Anwort:

„Man möge mich mit dem Zeugnis der Schrift und mit klaren Gründen der Vernunft überzeugen – denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, da es bewiesen ist, dass sie oft irrten und sich selber widersprachen. Durch die Worte der Heiligen Schrift, die ich zitiert habe, bin ich meinem Gewissen unterworfen und an das Wort Gottes gebunden. Deshalb kann und will ich nichts widerrufen, denn etwas entgegen dem Gewissen zu tun, ist weder sicher noch heilsam. Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir!“

Daraufhin zeigten Luthers Gegner ihren wahren Standpunkt. Sie weigerten sich entschieden, auf der Grundlage der Heiligen Schrift zu diskutieren:

„Dennoch wiederbeleben Sie, was das allgemeine Konzil von Konstanz, versammelt aus der ganzen deutschen Nation, verurteilt hat; und Sie wollen durch die Schrift überzeugt werden, auf die Sie sich so gewalttätig stützen. … Es ist eine Tatsache, dass wenn Sie in diesem Punkt obsiegen, dass jeder, der den Konzilien und den Lehren der Kirche widerspricht, durch die Schrift widerlegt werden müsste, dann hätten wir nicht Sicheres oder Beständiges mehr in der Christenheit.“

In der römischen Kirche gab es keine Gewissensfreiheit. Alle mussten glauben, was die Kirche glaubte – selbst wenn die Bibel das Gegenteil sagte. Alle mussten ihre Gewissen der Kirche unterwerfen.
Luther machte mit seiner Kühnheit einen gewaltigen Eindruck. In der römisch-katholischen Kirche hatte es niemand zuvor gewagt, nur der Bibel und seinem Gewissen zu folgen – und das öffentlich zu erklären. Das war der Beginn der Gewissensfreiheit.

Aber jede von Menschen gemachte Institution beginnt nach einiger Zeit ein Eigenleben zu entwickeln. Die Kirchen sind nicht frei von dieser Tendenz. Nach einer gewissen Zeit wird auf einmal „das Ansehen der Institution“ wichtiger als das Ansehen Gottes. Eine „Sünde gegen die Institution“ wird streng bestraft, während die wirklichen Sünden, die innerhalb der Institution begangen werden, verheimlicht werden – insbesondere die Sünden der Leiter. Deshalb wird eine neue Erweckung auch in den evangelikalen Kirchen die wahre Gewissensfreiheit wiederherstellen müssen. – Siehe „Das Tier in der Offenbarung, das Milgram-Experiment und die Kirchen„.

Die Bibel in der Sprache des Volkes

Nach dem Wormser Reichstag wurde Luther vom Kaiser geächtet. D.h. jeder konnte ihn töten, ohne dafür bestraft zu werden. Das war praktisch sein Todesurteil.
Auf der Heimreise von Worms verschwand Luther unter geheimnisvollen Umständen. Es gingen Gerüchte um, er sei entführt und getötet worden. (So war es schon anderen aus der Kirche ausgeschlossenen „Ketzern“ ergangen.)
Glücklicherweise war es nicht so. Der Kurfürst Friedrich von Sachsen, ein Freund Luthers, hatte beschlossen, ihn zu beschützen. Er hatte einigen Soldaten befohlen, Luther zu entführen und auf sein Schloss, die Wartburg, zu bringen. Dort hielt er ihn ein Jahr lang versteckt.
Das ist ein weiteres Beispiel, wie Gott zu seiner Zeit eingriff, um den Erfolg der Reformation zu sichern. Ohne dieses Eingreifen hätte Luther ebenso geendet wie Hus.

Das Jahr auf der Wartburg war für Luther keine verlorene Zeit. Er arbeitete fleissig an der deutschen Übersetzung des Neuen Testamentes. Er wusste, dass das Volk die Bibel brauchte, um sich in Angelegenheiten des Glaubens eine Meinung bilden zu können. Bisher hatten nur die Priester und Mönche Zugang zur Bibel, und nur auf Latein. Das „gewöhnliche Volk“ konnte nicht wissen, was die Bibel wirklich sagte. Sie mussten blind glauben, was die Priester lehrten.
Deshalb war die Übersetzung der Bibel so wichtig: Jetzt konnten die Leute selber das Wort Gottes lesen und ihre eigenen Schlussfolgerungen ziehen. Die deutsche Bibel trug viel zum Fortschritt der Reformation bei. Beim Lesen der Bibel stellten viele Leute fest, dass Luther tatsächlich recht hatte, und dass seine Verurteilung unrecht war.

Wie ist die Situation heute? Die Bibel ist in alle wichtigen Sprachen der Welt übersetzt worden. In vielen Ländern herrscht Freiheit, die Bibel zu lesen, und Bibeln sind frei verkäuflich. Das ist ein gewaltiges Vorrecht, verglichen mit der Situation vor der Reformation.
Wertschätzen wir dieses Vorrecht wirklich? Ich fürchte nein. Wie viele Evangelische lesen wirklich selber regelmässig in der Bibel? Wie viele wenden das Wort Gottes an, um die Predigten und Lehren zu prüfen, die sie hören, nach Apg.17,11 und 1.Thess.5,21?

Zur Zeit Luthers konnten die Christen die Lehre der Kirche nicht prüfen, weil sie keinen Zugang zur Bibel hatten. Heute haben sie die Bibel, aber sie gebrauchen sie selten. Die Mehrheit hat ihr Urteilsvermögen aufgegeben, wenn es um das Verständnis der Bibel geht. Deshalb besteht heute die reale Gefahr, in die Situation vor Luther zurückzufallen, obwohl wir heute die Bibel in unserer Sprache haben: Viele Kirchenmitglieder folgen blind den Traditionen und Vorgaben ihrer Kirche, ohne sie im Licht der Bibel zu prüfen. In vielen Kirchen wird die „Unterordnung unter die Leiterschaft“ viel stärker betont als das eigene Forschen in der Bibel. Deshalb gibt es auch heute wieder allzu viele Situationen, wo in der Kirche das Gute böse und das Böse gut genannt wird.

Nützen wir die Freiheit zum Bibellesen aus, solange wir sie noch haben!

(Fortsetzung folgt)

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