Deutsche Bildungspolitiker sollten von Kolumbien lernen

Warum gerade von Kolumbien?

Nun, die kolumbianischen Gesetze schreiben eine Schulpflicht vor – vergleichbar mit Deutschland. Dennoch gibt es in Kolumbien eine Homeschool-Bewegung – ebenso wie in Deutschland. Werden nun kolumbianische Homeschooler gerichtlich verfolgt wie in Deutschland, werden sie von Staates wegen ihres Besitzes beraubt wie in Deutschland, werden ihre Kinder mit Polizeigewalt zur Schule geschleppt oder zwangspsychiatriert wie in Deutschland, sehen sie sich zur Auswanderung und zur Suche nach politischem Asyl gezwungen wie deutsche Homeschool-Familien?

Überhaupt nicht. Die nachstehenden Ausführungen einer Vertreterin des kolumbianischen Bildungsministeriums zeigen, dass eine gesetzlich vorgeschriebene Schulpflicht keineswegs als Mandat zur gewalttätigen staatlichen Verfolgung von Homeschoolern aufgefasst werden muss. Die Gesetze können auch auf andere, viel humanere, friedfertigere und konstruktivere Weise ausgelegt werden:

„… es ist völlig klar, dass die Normen das Recht jedes Menschen zu verteidigen und zu schützen suchen, zu einer Bildung von Qualität Zugang zu haben und eine solche zu erhalten. In diesem Fall suchen sie das Recht der Kinder auf eine solche zu schützen, die wegen ihrer Situation eine durch Entscheidungen von Erwachsenen verletzliche Bevölkerungsgruppe darstellen, seien diese Erwachsenen nun Lehrer, der Staat, oder Familien und Eltern.
Die Alternative einer Bildung ohne Schule entspricht nicht der Wahl einer Mehrheit in Kolumbien, noch weltweit, und ist deshalb in der Gesetzgebung nicht ausdrücklich angeführt. Das ist verständlich, da die öffentliche Politik aufgrund ihrer eigenen Natur zu dem Zweck entworfen wird, sich mit den Mehrheiten zu befassen.
Dennoch, da die Gesetze klar in erster Linie die Eltern für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich machen, und die (Eltern) Autonomie besitzen, um über die Rechte ihrer Kinder zu wachen und diese zu schützen, können sie wählen, ob sie ihre Kinder an eine Bildungseinrichtung senden oder nicht. Die Bildung ohne Schule kann eine mögliche Wahl sein, vorausgesetzt, dass die Eltern dem Staat gegenüber sicherstellen, dass die Kinder eine Ausbildung von Qualität erhalten.
Und durch welche Mechanismen können diese Wahlmöglichkeiten verwirklicht werden? – Durch die Anerkennungsprüfungen (exámenes de validación), die die Kinder und Jugendlichen ablegen können. Die Reglemente (genaugenommen das Dekret Nr.2832 von 2005) sehen vor, dass jedes Kind und jeder Jugendliche unter Beweis stellen kann, dass er die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten erreicht hat in jedem der obligatorischen und grundlegenden Fächer für die Grund- und mittleren Schuljahre, indem seine Studien durch Prüfungen oder akademische Aktivitäten kostenlos für gültig erklärt werden, an Bildungseinrichtungen, die die entsprechenden gesetzlichen Voraussetzungen erfüllen.“

(Heublyn Castro Valderrama, Subdirektorin für die Normierung und Überprüfung der Bildungsqualität, Nationales Bildungsministerium Kolumbien.)

Man beachte, dass die erwähnten Anerkennungsprüfungen den Homeschoolern (und anderen Kindern und Jugendlichen) nicht als Pflicht (im Sinne staatlicher Beaufsichtigung) aufgezwungen werden, sondern ihnen vom Staat angeboten werden als eine Möglichkeit, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und offiziell beglaubigen zu lassen – dann, wenn sie selber der Ansicht sind, sie seien zu einer solchen Prüfung bereit. Jeder zuhause ausgebildete Jugendliche kann also selber entscheiden, wann und wo er diese Prüfung ablegen will.
Hier sind die Prioritäten noch ziemlich in Ordnung: Der Staat verpflichtet sich, ein zureichendes Angebot bereitzustellen, um das Recht der Bevölkerung auf Bildung sicherzustellen. Die Familien ihrerseits sind frei zu entscheiden, ob sie von diesem Angebot Gebrauch machen möchten, oder ob sie auf andere Möglichkeiten zurückgreifen möchten, ihre Kinder auszubilden (z.B. mittels Privatschule, Fernschule, oder eben Homeschooling). Wenn schon ein Staatsschulsystem, dann sollte es so verstanden werden: als Hilfe und Angebot an jene Eltern, die ihre Kinder nicht selber ausbilden können oder wollen; aber nicht als ein Mittel zur diktatorischen Kontrolle und Gleichschaltung der ganzen Bevölkerung, wie es leider u.a. in Deutschland geschieht.

Das obige Zitat ist ein Ausschnitt aus einem Vortrag am Kongress „Bildung ohne Schule, Kollaboratives eigenständiges Lernen und Bildung in der Familie“, welcher in den Jahren 2009 und 2010 an der Nationalen Universität von Kolumbien in Bogotá durchgeführt wurde. Da führt also eine staatliche Universität einen Kongress über Homeschooling durch, und eine Vertreterin der obersten staatlichen Schulbehörde hält einen Vortrag, in welchem sie die Rechtmässigkeit des Homeschooling verteidigt!
Das Beispiel Kolumbien zeigt somit, dass auch bei einer mit Deutschland vergleichbaren Rechtslage ein friedliches Nebeneinander und sogar ein fruchtbarer gegenseitiger Austausch zwischen Schulbehörden, staatlichen Universitäten und Homeschoolbewegung möglich ist. Wenn sich deutsche Bildungspolitiker schon nicht für das US-amerikanische Konzept von Freiheit und Menschenrechten erwärmen können, dann sollten sie sich doch wenigstens an Kolumbien ein Beispiel nehmen.

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