Europäer, was kommt auf euch zu?

Bis hier ins entfernte Perú gelangen die Schlagzeilen über die Wirtschaftskrise und die damit verbundenen Unruhen in Europa. Was wird daraus noch werden?

Was mich am meisten beunruhigt, ist nicht die Krise an sich, sondern ein gewisser Wesenszug vieler Europäer (insbesondere deutschsprachiger?), der mir nach vielen Jahren des Lebens in Perú noch viel deutlicher auffällt: Viele Europäer haben masslos übertriebene (materielle) Ansprüche an das Leben. Vielleicht fällt ihnen das in ihren Heimatländern, wo alle diese Ansprüche erfüllt sind, gar nicht mehr auf. In einer Umgebung wie hier im peruanischen Hochland hingegen kommt eine solche Eigenschaft sofort ans helle Tageslicht.

Z.B. sind die Strom- und Wasserversorgung hier ziemlich unzuverlässig. In vielen Wohngegenden ist es normal, dass es nachmittags kein fliessendes Wasser mehr gibt bis zum nächsten Morgen. Natürlich ist das Wasser aus dem Wasserhahn auch nicht zum Trinken geeignet: man muss es zuerst abkochen oder desinfizieren. Stromunterbrüche sind ebenfalls an der Tagesordnung. Weshalb ich beim Tippen dieses Artikels alle paar Minuten eine Sicherheitskopie mache, damit bei einem plötzlichen Stromausfall nicht die ganze Arbeit verlorengeht. Kerzen oder Taschenlampen sollte man für solche Fälle auch immer bereithalten. – Könnten Sie all das als normal und alltäglich hinnehmen?

Ein älteres deutsches Ehepaar, deren Tochter (Missionarin) hier in Perú heiratete, war entsetzt über das Haus, wo das frischgebackene Ehepaar wohnen würde. Es war eigentlich ein für hiesige Verhältnisse gut gebautes und komfortables Haus: aus Zement, nicht bloss aus Lehmziegeln; und sogar der Fussboden war aus Zement, nicht aus Holzplanken oder sogar aus gestampftem Lehm wie in manchen anderen Häusern. Es hatte sogar einen eigenen Wassertank mit Pumpe auf dem Dach, sodass auch nachmittags Wasser aus dem Hahn kam. Nur hatte es keine modernen vollisolierten doppelverglasten Fenster, sondern einfache Holzrahmen, in die die Scheiben nach altmodischer Weise mit Fensterkitt eingepasst waren; und es gab keine Heizung (das gibt es hier höchstens in den piekfeinen Hotels für die verwöhnten Touristen). So kann die Zimmertemperatur frühmorgens in der kalten Jahreszeit bis auf dreizehn Grad absinken – aber das macht eigentlich nichts, denn tagsüber wärmt die Sonne auch in der kalten Jahreszeit auf gegen zwanzig Grad auf. – Auch sonst war manches an dem Haus einfacher und von geringerer Qualität als in Deutschland üblich. Ein Grund zu grosser Aufregung für die besorgten Eltern.

Einmal assen wir mit einem Schweizer Ehepaar in einem Restaurant und bestellten Fisch. „Ist das üblich hier?“, fragten sie, „wir essen eigentlich nicht oft Fisch.“ – „Wir auch nicht“, antwortete meine Frau, „an manchen Tagen findet man keine guten Fische auf dem Markt, oder dann sind sie teuer.“ – Aber es stellte sich heraus, dass die Schweizer an etwas ganz anderes gedacht hatten: Sie waren sich gewohnt, jeden Tag Fleisch zu essen, und da galt Fisch bereits als ein Essen zweiter Klasse. – Bei solchen Gelegenheiten kann man den (beidseitigen) Kulturschock geradezu mit Händen greifen. (Meine Frau hat während ihrer ganzen Kindheit kaum je Fleisch genossen, weil ihre Eltern es sich einfach nicht leisten konnten – oder wenn, dann nur die billigen Innereien, aber keine guten Stücke.)

Beim Kartoffelnschneiden kommt es öfters vor, dass man dabei auch noch einen Wurm mit zerschneidet. Und wenn man auf dem Markt Früchte kauft, dann sind meistens einige darunter, die ihr Verfalldatum schon längst überschritten hätten, wenn sie eines hätten. Manchmal sind gewisse Lebensmittel einfach nicht zu bekommen. Selbst so alltägliche wie Brot – wenn z.B. der Bäcker gerade an einem dreitägigen Familienfest ist, sich betrunken hat oder einen Unfall hatte. Dann findet das Frühstück einfach etwas später statt, weil man zuerst Kartoffeln kochen oder Omeletten braten muss. – Auch käme hier niemand auf die Idee, wir hätten ein „Recht“ darauf, jegliche Art von Früchten oder Gemüse aus jeglichem Land zu jeglicher Jahreszeit kaufen zu können.

Reisen – besonders wenn es in abgelegene Gebiete geht – sind öfters mit unvorhergesehenen Zwischenfällen verbunden. Wenn der Bus fern von jeglicher Ortschaft eine Panne hat, kann das mehrere Stunden Wartezeit bedeuten. Manche Transportbetriebe haben gar keinen Fahrplan; sie fahren einfach, wenn der Bus voll ist. Und manchmal erfährt man erst in letzter Minute, dass eine Fahrt gar nicht stattfinden kann, weil eine Strecke gesperrt ist wegen Streiks, Hochwasser, Erdrutschen, Bauarbeiten, oder anderen Gründen.

Ich erinnere mich noch, wie schon in meiner Kindheit viele meiner Kameraden jammerten und stöhnten, wenn sie einmal auch nur zehn Minuten zu Fuss irgendwohin gehen mussten, statt im Auto chauffiert zu werden. Heute, wo Nicht-Autobesitzer so gut wie ausgestorben sind, dürfte diese „Krankheit“ noch weiter verbreitet sein. Hier im peruanischen Hochland hingegen habe ich Kinderlager geleitet, wo die Teilnehmer mehrere Kilometer weit zu Fuss gekommen waren – eine Kindergruppe war fünf Stunden lang gewandert, um teilnehmen zu können. Geschlafen wurde im Lager am Boden auf Wolldecken oder Schaffellen, bei Temperaturen zwischen fünf und zehn Grad. Keines der Kinder beklagte sich darüber; manche waren sich auch von zuhause nichts Besseres gewöhnt.

Nicht zuletzt befindet sich Perú im „pazifischen Feuergürtel“, der erdbebengefährdetsten Zone der Welt. Ich weiss nicht, ob das in Europa überhaupt noch in die Nachrichten kommt – aber seit den grossen Erdbeben von Haiti, Chile und Japan in den letzten Jahren kommt dieser „Feuergürtel“ überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Fast jeden Monat wird allein aus Südamerika ein grösseres Erdbeben (um Stärke 6 auf der Richterskala) gemeldet; und kleinere Beben sind an der Tagesordnung. Unter diesen Umständen bleibt man sich eher bewusst, dass unser Leben „nur ein Hauch“ ist, und dass unser Hab und Gut keineswegs sicher ist, sondern von einem Tag auf den anderen verlorengehen könnte.

Interessanterweise gibt es auch Europäer, die gerade wegen der „abenteuerlichen“ Aspekte in Perú Ferien machen. Sie betreiben dann verrückte Sportarten wie Wildwasserfahren oder Bungee-Jumping – offenbar um ihrer allzu wohlgeordneten Welt eine Zeitlang zu entfliehen. Ich muss sagen, nach solchen Dingen habe ich kein Bedürfnis. Ich habe schon genug Abenteuer, wenn ich z.B. selber auf unser Wellblechdach steigen muss, um es zu reparieren, weil es keine Dachdecker gibt. Oder wenn ich nachts in einem fremden Dorf, in dem es nicht einmal Strassennamen gibt und wo die meisten Leute kein Spanisch verstehen, eine Person suchen muss, von der ich nichts als ihren Namen weiss. Oder wenn ich auf dem Weg mein Fahrrad über Bäche tragen muss, weil es keine Brücken gibt. Oder wenn ich mir selber etwas zu essen zubereiten muss in einer Hütte auf über 4000 Metern über Meer, wo es als Brennmaterial für die Feuerstelle nichts als getrockneten Kuhmist gibt. Wenn ich von solchen Reisen zurückkehre, dann kommt mir mein nicht europataugliches Haus jeweils wie ein Palast vor.

Übrigens hätten die meisten Peruaner gar keine Zeit dafür, „Abenteuerreisen“ in fremde Länder zu unternehmen, oder auch nur in ihrer eigenen Stadt Vergnügungen nachzugehen – abgesehen von einfachen Dingen wie Fussballspielen, Familien- und Dorffeste, oder zuhause fernsehen (letzteres ist leider auch hier eine Volksseuche). Eine derartige Freizeitkultur oder Freizeitindustrie wie in Europa existiert hier überhaupt nicht. Nach der Arbeit ist man müde und muss ausruhen; die gesetzlich vorgesehene Höchstarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche wird praktisch überall weit überschritten.

Warum schreibe ich das alles? – Hauptsächlich weil ähnliche Zustände auch für Europa voraussehbar sind, wenn die Wirtschaftskrise weiter voranschreitet. Wie werden das die Europäer aushalten, die glauben, wie selbstverständlich ein Anrecht auf perfekten Komfort, perfekte Dienstleistungen und einen gemütlichen Feierabend zu haben? Wenn schon jetzt, lange bevor es so weit ist, Tausende auf die Strasse gehen wegen einiger Sparmassnahmen, was wird dann sein, wenn dieser Komfort eines Tages wirklich nicht mehr da ist? Gut möglich, dass dann die wahre Natur des gefallenen Menschen wieder in all ihrer Hässlichkeit ans Licht kommen wird, und die psychologischen, zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Nebenwirkungen der Wirtschaftskrise viel zerstörerischer sein werden als die materiellen Folgen der Krise selbst. Im Klartext: Allzu viele Menschen könnten mit Gewalt, Verbrechen, Revolutionen und Krieg reagieren, wenn ihre materiellen Ansprüche plötzlich nicht mehr erfüllt werden.

„Den Reichen in der jetzigen Welt gebiete, dass sie nicht hochmütig seien, noch ihre Hoffnung auf den unsicheren Reichtum setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet zum Genuss; dass sie Gutes tun, reich seien an guten Werken, freigebig seien, gern mitteilend, wodurch sie für sich selbst einen guten Schatz beiseite legen auf die Zukunft hin, damit sie das wahrhaftige Leben erlangen.“ So schrieb Paulus an Timotheus (1.Tim.6,17-19). Und ein wenig vorher: „Denn wir haben nichts in die Welt hereingebracht; so ist offenbar, dass wir auch nichts hinausbringen können. Wenn wir aber Nahrung und Kleidung haben, sollen wir uns daran genügen lassen. Die aber, die reich werden wollen, fallen in Versuchung und in eine Schlinge und in viele törichte und schädliche Begierden, die die Menschen in Untergang und Verderben stürzen.“ (1.Tim.6,7-9) Solche Genügsamkeit wird in der kommenden Zeit lebenswichtig sein.
– Jakobus schreibt noch viel radikaler: „Nun wohlan, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die und die Stadt ziehen und wollen da ein Jahr zubringen und Handel treiben und Gewinn machen – ihr wisst ja nicht, wie es morgen um euer Leben steht! (…) Nun wohlan, ihr Reichen, weint und jammert über die Drangsale, die über euch hereinbrechen! Euer Reichtum ist verfault und eure Kleider sind von Motten zerfressen. Euer Gold und Silber ist verrostet, und ihr Rost wird zum Zeugnis gegen euch sein und euer Fleisch verzehren wie Feuer …“ (Jakobus 4,13-14; 5,1-2)

Wohlstand und ein reibungsloses Funktionieren von Dienstleistungen sind keineswegs ein „Recht“, das wir einfordern könnten. Schon gar nicht vom Staat: es ist nicht Aufgabe des Staates, seine Bürger zu ernähren. (Allerdings ist es auch nicht sein Recht, sich auf Kosten der Bürger zu ernähren.) Nach Römer 13,3-4 und 1.Petrus 2,14 ist die Aufgabe der Regierung darauf beschränkt, die Übeltäter zu bestrafen und die Guten zu belohnen. Die Regierung ist aber nicht dazu eingesetzt, Kranke zu pflegen, Arme zu versorgen, Kinder zu erziehen, und Geschenke zu verteilen, wie heutzutage vielfach geglaubt wird. Für diese Bereiche sind in erster Linie die Familien und in zweiter Linie die christlichen Gemeinschaften zuständig.
Wir sind in dieser Hinsicht wieder bei der Mentalität angelangt, die schon das römische Reich zum Zusammenbruch führte:

„Edward Gibbon erwähnte in seinem Buch Der Untergang des Römischen Weltreiches (1776-1788) die folgenden fünf Kennzeichen, die Rom am Ende aufwies:
erstens eine zunehmende Vorliebe für Zurschaustellung und Luxus (Wohlstand);
zweitens eine grösser werdene Kluft zwischen den sehr Reichen und den sehr Armen (dies kann auf Völker bezogen sein, aber auch innerhalb eines Volkes zutreffen);
drittens eine exzentrische Sexualität;
viertens eine groteske, wunderliche Kunst, die sich als originell ausgab, und eine Begeisterung, die sich für kreativ hielt;
fünftens ein zunehmendes Verlangen, auf Kosten des Staates zu leben.
Dies kommt uns allen sehr bekannt vor. Wir haben seit unserem ersten Kapitel viel gesehen – nun sind wir wieder in Rom.“
(Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Man könnte hier auch noch die Freizeitindustrie und Vergnügungssucht anführen („Brot und Spiele“).
Schaeffer schreibt auch:

„Als es mit der von verschärfter Inflation und einer aufwendigen Regierung belasteten Wirtschaft Roms immer mehr bergab ging, wurde die Herrschaft des Staates immer autoritärer, um der Apathie entgegenzuwirken. Da niemand mehr bereit war, freiwillig zu arbeiten, musste der Staat in dieser Hinsicht oft eingreifen, und Freiheiten gingen verloren …“

Auch das (autoritäre Diktaturen) dürfte durchaus zur näheren Zukunftsperspektive Europas gehören – sofern nicht eine radikale Umkehr zu Gott stattfindet.

Jedenfalls haben die heutigen Europäer – mit wenigen Ausnahmen – ihren gegenwärtigen Reichtum nicht verdient. Es dürfte den wenigsten unter ihnen bewusst sein, dass sie im Begriff stehen, den letzten Überrest des Erbes vergangener Generationen aufzuzehren – Generationen, die materiellen Wohlstand nicht als ein einzuforderndes Recht ansahen und schon gar nicht als eine Selbstverständlichkeit, sondern im Gegenteil als einen unverdienten Segen Gottes. Wahrscheinlich war es auch unter diesen vergangenen Generationen keine Mehrheit, die persönlich wiedergeboren waren; aber immerhin herrschte eine allgemeine Gottesfurcht, und die grosse Mehrheit war von einer christlichen Weltanschauung geprägt. (Das trifft insbesondere für das 18.Jahrhundert und noch bis ins 19.Jahrhundert hinein zu, und insbesondere für die Reformationsländer.) Deshalb konnte Gott ihnen auch solche materiellen Segnungen anvertrauen. Heute aber ist auch dieses christliche Erbe weitgehend über Bord geworfen worden. Damit hat Europa nicht nur die gegenwärtige Krise heraufbeschworen, sondern hat sich zugleich jeglicher geistlicher Stütze beraubt, die nötig wäre, um einer solchen Krisenzeit erfolgreich und mit Gottvertrauen begegnen zu können. Was also soll aus Europa werden?

Leider haben auch die christlichen Kirchen und Gemeinden längst aufgehört, das „Salz der Erde“ zu sein. Wenn sie selber, die doch Hüter der Wahrheit Gottes sein sollten, der Staatsideologie und dem Wohlstandsglauben nachfolgen, wer soll sie dann auf den Weg Gottes zurückführen? Wenn das Salz seine Schärfe verliert, womit soll es dann wieder salzig gemacht werden?

Unsummen von Geld haben die Kirchen – nicht zuletzt die evangelikalen – investiert in ihre Prunkbauten, ihre Multimedia- und Verstärkeranlagen, ihre Unterhaltungsindustrie – lauter Dinge, die am Jüngsten Tag in Flammen aufgehen werden. Die Apostel Jesu haben ohne alle diese Dinge mehr und standfestere Jünger Jesu hervorgebracht als die heutigen Kirchen mit all ihrem Reichtum. Aber heute, wenn das Geld knapp wird, verzichtet man lieber auf das Missionsbudget, als auf ein luxuriöses und unnötiges Gemeindegebäude.

Apropos Missionsbudget: Da steht auch im Zentrum einer peruanischen Stadt ein solches millionenschweres Renommiergebäude, seinerzeit finanziert von einer europäischen Missionsgesellschaft (statt dass man mit dem Geld die Armen und die echten Diener Gottes unterstützt hätte, wie es in der Bibel steht). Dieses Gebäude kam kürzlich im Fernsehen – aber nicht etwa zur Ehre Gottes, sondern weil zwei Fraktionen der in sich gespaltenen Gemeinde das unwürdige Schauspiel boten, einander gegenseitig mit Polizeigewalt aus dem Gebäude hinauszuwerfen. Statt die Ausbreitung des Reiches Gottes zu fördern, hat dieses Gebäude nur die Geld- und Machtgier der seinerzeit von den Missionaren eingesetzten Leiter gefördert.

Wenn also sogar evangelikale (und missionseifrige) Kirchen im In- und Ausland das Beispiel einer solch materialistischen Gesinnung geben, was ist dann erst von „Weltmenschen“ zu erwarten? Was soll aus Europa werden?

„Denn es ist Zeit, dass das Gericht anfängt beim Hause Gottes; und wenn es zuerst mit uns anfängt, was wird das Ende jener sein, die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen?“ (1.Petrus 4,17)

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