Archive for Dezember 2012

Knallzeit

28. Dezember 2012

Zum Jahresende ein nicht allzu tiefsinniges Stimmungsbild aus Perú.

Was würden Sie denken, wenn jemand in einem Laden einen „Schwiegermuttertöter“ verlangte? – Keine Angst, das ist nur einer der phantasievollen Namen, die hierzulande bestimmten Feuerwerks- oder Knallkörpern gegeben werden. Andere heissen z.B. „Zwiebelchen“, „Weisse Ratte“, etc. Es ist hierzulande üblich, dass sowohl am Heiligabend wie auch am Silvesterabend um Mitternacht so viele Knaller wie nur möglich abgefeuert werden. Und da die meisten Peruaner nach dem Motto leben: „Wenn schon ein Fest ist, dann muss man es ausgiebig feiern“, so findet die Knallerei während der letzten Woche des Jahres fast fortwährend statt, besonders nachts.

Da es vor allem Kinder und Jugendliche sind, die diesem Vergnügen frönen, kommt es dabei immer wieder zu Unvorsichtigkeiten und Unfällen. Es häufen sich in diesen Tagen die Nachrichten über Jugendliche, die wegen unsachgemässer Behandlung eines solchen Sprengkörpers (als solcher müssen die potenteren Ausführungen wohl bezeichnet werden) zwar nicht ihre Schwiegermutter, aber z.B. ein Auge oder mehrere Finger verloren haben. In unserer Nachbarschaft beobachteten wir einmal, wie ein solcher Riesenknaller einen Backstein aus der Mauer riss, vor der er gezündet wurde.

Es ist zwar verboten, Feuerwerkskörper an Minderjährige zu verkaufen, und auch die Lagerung solcher Waren und der Verkauf an Erwachsene unterliegt strengen Bestimmungen. (Insbesondere seit vor einigen Jahren in Lima ein ganzer Markt wegen der dort zum Verkauf angebotenen Feuerwerke in Flammen aufging.) Aber niemand hält sich an diese Bestimmungen. Die Polizei konfisziert zwar ab und zu als Alibiübung einige Kilo oder Tonnen Feuerwerk, aber da bleibt immer noch genug übrig, damit der Schwarzmarkt ungehindert weitergehen kann. Das meiste davon ist importiert aus China, offenbar hergestellt von Billigarbeitern zur Ausfuhr in Billigpreisländer. Denn anscheinend können die Hersteller es sich nicht leisten, jemanden anzustellen, der die lateinische Schrift und/oder Fremdsprachen beherrscht. „FIREWOKRS – MADE IN CHIAN“ (sic) steht z.B. in grossen Buchstaben auf einem dieser Erzeugnisse.

Zum Strassenbild gehört in diesen Tagen auch, dass man da und dort in der Stadt lange Schlangen von zumeist ärmlich aussehenden Kindern am Strassenrand stehen oder sitzen sieht. Sie warten auf eine Verteilung von billigen Spielsachen oder von heisser Schokolade und Panettone (das ist der hier übliche Weihnachts-Nachtisch), wie sie von grossen Unternehmen oder von hochstehenden Politikern organisiert werden, die sich in der Öffentlichkeit beliebt machen wollen. Es gibt Kinder, die eine ganze Nacht in einer solchen Warteschlange zubringen, damit sie am anderen Tag, wenn die Verteilung stattfindet, sicher nicht leer ausgehen. In unserer Stadt sind leider kürzlich die Kinder gleich bei zwei Gelegenheiten vergeblich Schlange gestanden, weil, wie nachher entschuldigend im Radio erklärt wurde, „etwas dazwischengekommen sei“, sodass die versprochenen Spielsachen nicht zum angekündigten Termin eintrafen.

Im übrigen ist dies eine Zeit, wie in Europa auch, wo man Verwandte einlädt und gut isst. Nur dass hierzulande dabei wahrscheinlich viel mehr Alkohol getrunken wird. Leider sind manche Familienväter während dieser ganzen Woche kaum je nüchtern anzutreffen.

Wie sehr wünschen wir uns, dass die Kinder hier Jesus kennenlernen, damit sie in ihm echte Freude erleben können, statt der zweifelhaften und oft mit viel Bitterkeit vermischten Vergnügen, die die Welt anbietet!

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Der einsame Christus

22. Dezember 2012

Das folgende Gedicht scheint mir gerade in der Weihnachtszeit angebracht zu sein, wo so manche Menschen „schlafenderweise“ den Namen Jesu in den Mund nehmen. D.h. sie denken allenfalls an ein niedliches Kind in der Krippe, aber ohne sich bewusst zu sein oder auch nur glauben zu wollen, wer Jesus wirklich war und was er für uns getan hat. Der Autor war zwar kein biblischer Christ (er war Anthroposoph); aber mir scheint, er hat in diesem Gedicht etwas Wesentliches nachempfunden und ausgedrückt, was vielen Menschen heute – selbst innerhalb der „Christenheit“ – verlorengegangen ist. In meiner Jugend hatte ich es lange Zeit über meinem Bett hängen, um mich selber daran zu erinnern, dass „Schlafen“ im geistlichen Sinn – eine selbstzufriedene oder oberflächliche Gleichgültigkeit – wohl die traurigste und beleidigendste Haltung ist, die jemand einnehmen kann gegenüber dem, was Jesus für uns getan hat.

Der einsame Christus

Wachet und betet mit mir!
Meine Seele ist traurig
bis an den Tod.
Wachet und betet!
mit mir!
Eure Augen
sind voll Schlafes, –
könnt ihr nicht wachen?
Ich gehe,
euch mein Letztes zu geben –
und ihr schlaft …
Einsam stehe ich
unter Schlafenden,
einsam vollbring ich
das Werk meiner schwersten Stunde.
Wachet und betet mir mir!
Könnt ihr nicht wachen?
Ihr alle seid in mir,
aber in wem bin ich?
Was wißt ihr
von meiner Liebe,
was wißt ihr
vom Schmerz meiner Seele!
O einsam!
einsam! Ich sterbe für euch –
und ihr schlaft!
Ihr schlaft!

(Christian Morgenstern,
nach Matthäus 26,37-41)

Der Reformator Martin Luther – Kurzes Nachwort

22. Dezember 2012

Die unvollendete Reformation

Wir haben gesehen, welch grosse Umwälzungen die Reformation in Kirche und Gesellschaft mit sich brachte. Wir haben gesehen, wie die Bewegung anfing, die Kirche wieder zu ihren in der Schrift beschriebenen Anfängen zurückzuführen. Aber wir haben auch gesehen, wie die Reformation noch eine Menge unbiblischen Ballast beibehielt: Die Säuglingstaufe und das Namenschristentum; das Pfarramt und die Trennung zwischen „Klerikern“ und „Laien“; die Vermischung von Staat und Kirche; u.a.

In diesen Punkten war die Reformation nicht fähig oder nicht willens, die biblische Wahrheit umzusetzen. Anscheinend waren sich die Reformatoren selber – oder zumindest einige von ihnen – der Tatsache bewusst, dass die Reformation nicht vollendet war. Ein Motto der reformierten Kirchen war (der Ursprung des Zitats ist nicht genau auszumachen) : „Ecclesia semper reformanda est“, „die Kirche muss sich immer reformieren“.

Dem Beispiel der Reformatoren zu folgen (insofern es ein gutes Beispiel ist), bedeutet deshalb nicht, alles so zu tun wie sie es taten. Sie hatten viele Fehler. Aber sie stellten das wichtigste Prinzip wieder her: Die höchste Autorität in der Gemeinde Jesu ist das Wort Gottes.
Dem Beispiel der Reformatoren zu folgen würde demnach bedeuten, uns immer mehr dem Bild der Gemeinde anzunähern, das wir in der Bibel finden. Würde nur dieses Grundprinzip der Reformation konsequent angewandt, dann würden ihre unbiblischen Elemente nach und nach von selbst verschwinden.
Bleiben wir also nicht bei den Traditionen der Reformation stehen (oder bei den Traditionen unserer eigenen Kirche). Reformieren wir uns weiter, gemäss der Wahrheit des Wortes Gottes!

Der Reformator Martin Luther – Teil 10 – Die weltanschauliche Umwälzung Europas

19. Dezember 2012

Man muss wahrscheinlich einige Jahre in einem katholischen Land gelebt haben, um die Reformation wirklich wertschätzen zu können. Im gegenwärtigen ökumenischen Klima sind ja die Unterschiede zwischen „katholisch“ und „reformiert“ so verwischt, dass der Durchschnittsbürger gar nicht mehr weiss, worin die Unterschiede bestehen. In Perú ist das ganz anders: da wird z.B. in den Kirchen und Schulen gelehrt, es sei eine Todsünde, eine evangelische Kirche zu betreten; evangelische Schüler an staatlichen(!) Schulen werden gezwungen oder überredet, sich katholisch taufen zu lassen und an Erstkommunion und Firmung teilzunehmen, usw. Es macht offensichtlich einen grossen Unterschied, ob die katholische Kirche in einem säkularisierten Land in der Minderheit ist, oder ob sie an den Schalthebeln der Macht sitzt (wie in Perú). Dieser Kontrast bewegt einen zum Nachdenken darüber, was die Reformation in Europa ausgelöst hat.

Wir sprechen jetzt nicht mehr spezifisch von Luther, sondern von der Reformation im allgemeinen. D.h. von den weltanschaulichen und gesellschaftlichen Folgen, die sich aus der reformatorischen Grundlage ergaben, Gottes Wort als oberste Autorität für das Leben, den Glauben, die Kirche und die Gesellschaft anzusehen.

Am Beispiel der Arbeitsethik (in der vorherigen Folge) haben wir bereits gesehen, dass die Reformation nicht nur die Kirchen veränderte, sondern die ganze Gesellschaft. Diese Veränderung beruhte auf einer neuen Grundlage für die europäische Weltanschauung. Ganz kurz und vereinfacht zusammengefasst:

Vor der Reformation hatte die weltanschauliche Grundlage Europas gelautet:
„Nur mittels der (katholischen) Kirche kann der Mensch Zugang zu Gott haben, und man muss der Kirche (d.h. ihren Leitern) in allem untertan sein.“

Nach der Reformation lautete die Grundlage:
„Jeder Mensch hat durch Jesus Christus freien, direkten Zugang zu Gott. Gottes Wort in der Heiligen Schrift ist die absolute Wahrheit und die oberste Autorität über die Kirche, über den Glauben und über das Leben.“

Wenn sich die Grundlagen bzw. Denkvoraussetzungen ändern, dann ändern sich auch alle Schlussfolgerungen, die darauf aufgebaut sind. Damit bewirkte die Reformation indirekt u.a. folgende Errungenschaften der Neuzeit:

– die Gewissensfreiheit,
– den modernen Rechtsstaat,
– die Grundlage der modernen Wissenschaft,
– materiellen Fortschritt.

In der weltlichen Geschichtsschreibung werden diese Errungenschaften teilweise oder ganz dem säkularen Humanismus und der Aufklärung zugeschrieben. Tatsächlich sind sie etwa zeitgleich mit der Aufklärung in grossem Massstab verwirklicht worden. Aber die Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse beweist noch nicht, dass das eine das andere verursacht hätte. Vielmehr müssen wir in Betracht ziehen, dass neue Ideen (und erst recht eine grundsätzlich neue Weltanschauung) sich nicht von einem Tag auf den andern durchsetzen. Bis ein solcher Umdenkprozess breitere Volksmassen „durchsetzt“, kann es ein Jahrhundert dauern – und dann nochmals ein Jahrhundert, bis das veränderte Denken ein allgemein verändertes Handeln bewirkt und dadurch die ganze Gesellschaft sichtbar geprägt wird. Deshalb sehen wir erst etwa im 18.Jahrhundert gesellschaftsweite sichtbare Auswirkungen einer auf die Bibel gegründeten Denkweise, deren Grundlagen im 16.Jahrhundert gelegt worden waren.
Die wahren Früchte der Aufklärung des 18.Jahrhunderts müssen wir ihrerseits im 20.Jahrhundert suchen: Die verschiedenen Ausprägungen von Materialismus und Atheismus, die Feindseligkeit dem biblischen Christentum gegenüber, und der daraus folgende Wertezerfall, der inzwischen die ganze westliche Gesellschaft auch mit dem materiellen Zerfall bedroht – das sind die wahren Auswirkungen des rationalistischen aufklärerischen Denkens, das erst etwa ab der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts wirklich gesellschaftsprägend wurde.

Die Gewissensfreiheit

Gewissensfreiheit hat unmittelbar mit dem direkten Zugang zu Gott zu tun. Wer unter einem priesterlichen System steht, ist mit seinem Gewissen an dieses System gebunden. Er kann sich nicht erlauben, anders zu denken als die Priester, da er sonst mit der Strafe Gottes rechnen muss (gemäss der Lehre der Priester).
Wenn der Gläubige direkten Zugang zu Gott hat, dann bedeutet das sofort, dass er auch mit seinem Gewissen niemandem verpflichtet ist ausser Gott selbst. Gewissensfreiheit, im reformatorischen Sinn, bedeutet also nicht, dass jeder sich seine eigenen Normen setzt; aber dass jeder seine eigene Verantwortung vor Gott hat, ohne Einmischung Dritter.
Die Reformatoren selber haben leider den Menschen in ihrem Einflussbereich eine solche Gewissensfreiheit noch nicht zugestanden. Aber in dem auf die Reformation folgenden Jahrhundert kam man in den Reformationsländern allmählich zur Einsicht, dass dies tatsächlich die logische Folge der reformatorischen Prinzipien war. Die Denker der Aufklärung haben in dieser Hinsicht lediglich auf das bereits vorhandene reformatorische Erbe zurückgegriffen, wie wir weiter unten am Beispiel Voltaires sehen werden.

Ein anderer Aspekt ist die Verbindung von religiöser und politischer Macht im Katholizismus. Da die katholische Kirche damals auch politische Machthaberin war, sah sie sich dazu berechtigt (und sogar verpflichtet), Andersdenkende mit sehr weltlichen Mitteln zum Schweigen zu bringen. Auch diese Verbindung zwischen religiöser und politischer Macht wurde durch die reformatorische Weltanschauung grundsätzlich in Frage gestellt. (Obwohl sich die Reformatoren selber dessen anscheinend nicht bewusst waren; es brauchte da noch eine längere Zeit, bis sich diese Erkenntnis durchsetzte.) Siehe dazu weiter unten bei „Die Autorität über die verschiedenen Gesellschaftsbereiche“.

Der moderne Rechtsstaat

1644 veröffentlichte der schottische Presbyterianer Samuel Rutherford ein Buch mit dem Titel: „Lex Rex“ („Das Gesetz ist König“). Es geht darin um die Frage: Darf ein König Gesetze erlassen wie er will und willkürlich regieren, oder muss er sich dem Gesetz unterstellen? Rutherford vertritt Letzteres: Der König ist dem Gesetz untertan – und das Gesetz basiert auf der Grundlage von Gottes Gesetz in der Bibel.
Dies ist eine direkte Anwendung des reformatorischen Prinzips auf die Politik: So wie in der Kirche nicht der Papst bzw. eine menschliche Leiterschaft die endgültige Autorität ist, sondern Gottes Wort, so ist auch im Staat nicht die Regierung die letzte Autorität, sondern Gottes Gesetz. Daraus folgt direkt die konstitutionelle Regierungsform (die dann auch in Grossbritannien zuerst eingeführt wurde): Der Staat hat ein Grundgesetz, eine Verfassung, die über der Regierung steht.

Dieses Prinzip ist übrigens gar nicht so modern; es galt schon im alten Israel:

„Und wenn er (der König) dann auf seinem Königsthron sitzt, soll er sich eine Abschrift dieses Gesetzes in ein Buch schreiben lassen nach dem, das sich bei den levitischen Priestern befindet. Und er soll es bei sich haben und soll darin lesen sein Leben lang, damit er den Herrn, seinen Gott, fürchten lerne und alle Worte dieses Gesetzes und diese Satzungen getreulich halte, dass sich sein Herz nicht über seine Brüder erhebe und dass er nicht abweiche von dem Gesetze…“
(5.Mose 17,18-20)

In lateinamerikanischen Ländern findet man oft das Phänomen, dass eine diktatorische Regierung sich äusserlich eine verfassungsmässige Gestalt gibt. Der argentinische Evangelist Alberto Mottesi kommentiert dazu:

„Der lateinamerikanische Staatsmann unterstellt sich im allgemeinen dem Gesetz nicht; besonders wenn es ein selbstgemachtes Gesetz ist. Unsere Regierungsphilosophie ist machiavellisch: der König macht das Gesetz. … Obwohl unsere Länder die nordamerikanische konstitutionelle Form anwenden, haben sie den Geist nicht verstanden, der dahintersteht. Deshalb haben unsere Imitationen nicht funktioniert. … Sowohl die Regierenden wie die Regierten brechen das Gesetz gewohnheitsmässig, wenn es keine Überwachung gibt und keine Strafe droht. Wir glauben, das Gesetz sei ein menschliches Machwerk, und eine Regierungsposition gebe uns Vorrechte. So erstaunt es nicht, dass wir den Regierenden als einen Potentaten ansehen, der nach allen Kräften die Gelegenheit ausnützen muss, solange er sie hat.“
(Alberto Mottesi, „Amerika 500 Jahre danach“, 1992)

Dieser Kommentar beleuchtet deutlich den Kontrast zwischen den Ländern, die vom reformatorischen Gedankengut geprägt wurden, und den Ländern, die von der Reformation (noch) nicht erreicht wurden.

Die Autorität in den verschiedenen Gesellschaftsbereichen

Sowohl im Katholizismus wie in der Reformation wird gelehrt, dass Gott der Herr der ganzen Welt ist. Aber die Art und Weise, wie wir Menschen an der Ausübung dieser Herrschaft beteiligt sind, wird ganz verschieden aufgefasst.
Im Katholizismus ist einzig die Kirche (als Institution verstanden) Gottes „Interessenvertreterin“ in dieser Welt. Somit versuchte der Katholizismus, alle Gesellschaftsbereiche unter die Kontrolle der Kirche zu bringen. Damit begann die Kirche, in viele Bereiche einzugreifen, in welchen sie vom Wort Gottes her gar keinen Auftrag hatte, und es kam zu allen möglichen Arten von Machtmissbrauch. In Perú ist dies noch heute sichtbar, wo die katholische Kirche z.B. in der Regierung, in den staatlichen Schulen, u.a, grossen Einfluss ausübt.
Luther versuchte dies zu ändern, indem er die Kirche der Staatsregierung unterwarf: der Fürst sollte über die Religion seines Volkes bestimmen. Damit änderte er aber noch nichts Grundsätzliches; er setzte einfach den Staat an die Stelle der Kirche. (Es ist interessant, dass die im 20.Jahrhundert einflussreichsten totalitären Staatsideologien, der Marxismus und der Nationalsozialismus, beide im reformierten Deutschland ihren Ursprung haben.)
Erst Calvin begann, den einzelnen Gesellschaftsbereichen eine unabhängige Autorität unter Gott zuzugestehen. Es ist nicht wahr, dass das calvinistische Genf von „der Kirche“ regiert worden sei. Calvin lehrte, dass die Regierung, als Gottes Dienerin, die Gebote Gottes durchzusetzen hätte; und die Ratsmitglieder als Personen waren Mitglieder der Kirche; aber die Kirche als Institution hatte in der Regierung nichts zu suchen. Ebenso hatte auch die Regierung nicht die Oberhoheit über andere Gesellschaftsbereiche.

Der niederländische Theologe und Staatsmann Abraham Kuyper schreibt dazu:

„Im calvinistischen Sinn verstehen wir, dass die Familie, die Wirtschaft, die Wissenschaft, die Kunst, usw, soziale Sphären sind, die ihre Existenz nicht dem Staat verdanken, und die ihr Lebensgesetz nicht von der Autorität des Staates ableiten. Sie gehorchen einer Autorität innerhalb ihres eigenen Kreises; einer Autorität, die durch Gottes Gnade regiert, genauso wie die Autorität des Staates. (…) Diese Autorität nennen wir die Souveränität in den individuellen sozialen Sphären, um entschieden auszudrücken, dass diese sozialen Sphären nichts über sich haben als Gott allein, und dass der Staat sich hier nicht einmischen und befehlen darf. Wie Sie sofort sehen, ist dies das interessante Thema unserer bürgerlichen Freiheiten.
(…) Diese „Souveränität im eigenen Kreis“ behauptet sich also, z.B: in den gesellschaftlichen Kreisen; in den korporativen Kreisen der Universitäten, Vereine, usw; im häuslichen Kreis der Familie und Ehe; und in der Autonomie der Gemeinden. In allen diesen Sphären darf die Regierung keine Gesetze aufzwingen, sondern muss das angeborene Gesetz des Lebens ehren. Gott regiert diese Sphären mittels seiner ausgewählten „tugendhaften und hervorragenden Menschen“, in ebenso souveräner Weise wie er den Staat regiert mittels seiner ausgewählten Magistraten.“
(Abraham Kuyper, „Vorlesungen über den Calvinismus“, 1898)

Das Zusammenspiel zwischen diesen Gesellschaftssphären und der Regierung wurde bewerkstelligt durch den Rat, in welchem Vertreter dieser verschiedenen Sphären sassen. Dies wurde später weiterentwickelt zur Idee des vom Volk gewählten Parlaments, gebildet aus Vertretern der verschiedenen existierenden „Kreise“ der Gesellschaft. Im reformierten England wurde bereits 1688 die parlamentarische Demokratie eingeführt.

Die Denker der Aufklärung haben dieses System also nicht erfunden, sondern von der Reformation übernommen. Francis Schaeffer schreibt darüber:

„Voltaire wurde während seiner Zeit im Exil dort (in England) sehr von den Ergebnissen dieser blutlosen Revolution und der sich daraus ergebenden Redefreiheit beeindruckt, wie wir in seinen Briefen über die englische Nation (1733) sehen können, wo er schrieb: „Die Engländer sind das einzige Volk auf Erden, denen es gelungen ist, der Macht der Könige Grenzen zu setzen, indem sie sich ihnen widersetzten; und die in einer Reihe von Auseinandersetzungen schliesslich … eine weise Regierung etablierten, in der der König alle Macht besitzt, Gutes zu tun, aber daran gehindert wird, Böses zu tun… und wo das Volk an der Regierung teilnimmt, ohne dass das zur Verwirrung führt.“
… Als die französische Revolution versuchte, englische Bedingungen ohne die Grundlage der Reformation zu reproduzieren (nur auf der Grundlage der humanistischen Aufklärung von Voltaire), war das Ergebnis ein Blutbad und ein rapider Zusammenbruch, der in der autoritären Herrschaft von Napoleon Bonaparte endete.“
(Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Grundlagen der modernen Naturwissenschaft

Die erkenntnistheoretische Grundlage

Francis Schaeffer macht die interessante Beobachtung, dass Naturwissenschaft im heutigen Sinne (als systematische Erforschung und Beschreibung der Naturgesetze) erst mit der Reformation möglich wurde. – Im Mittelalter war das Ideal, sich ausschliesslich mit der geistlichen Welt zu befassen und sich aus der materiellen Welt zurückzuziehen. Die Renaissance und der Humanismus gaben einen entscheidenden Anstoss dazu, sich wieder der materiellen Welt zuzuwenden. Aber dies allein genügte nicht; dieses Element war schon in der griechischen und römischen Kultur vorhanden, und trotzdem entwickelte sich dort auf Dauer keine systematische Naturwissenschaft.

Ich möchte einige Abschnitte aus dem entsprechenden Kapitel bei Schaeffer zitieren:

„An einem kritischen Punkt beruhte die wissenschaftliche Revolution auf der Lehre der Bibel. Sowohl Alfred North Whitehead als auch J. Robert Oppenheimer haben darauf hingewiesen, dass die moderne Naturwissenschaft aus dem christlichen Weltbild heraus entstanden ist. … Soweit ich weiss, waren beide keine Christen und hätten sich selbst nicht als Christen bezeichnet; jedoch erkannten sie beide ohne Einschränkung, dass die moderne Naturwissenschaft aus dem christlichen Weltbild geboren wurde.
… Whitehead erklärte, das Christentum sei die Mutter der Wissenschaft wegen „der mittelalterlichen Lehre von der Rationalität Gottes“. Whitehead sprach auch von Vertrauen auf die „verständliche Rationalität eines persönlichen Wesens.“ Er erklärte, dass die frühen Naturwissenschafter wegen der Rationalität Gottes einen „unumstösslichen Glauben daran bessassen, dass jedes einzelne Ereignis zu den vorausgegangenen Ereignissen in einer Weise in Beziehung gesetzt werden kann, in der allgemeine Prinzipien zum Ausdruck kommen. Ohne diesen Glauben wären die unglaublichen Anstrengungen der Wissenschafter ohne Hoffnung gewesen.“
… Ihre Überzeugung, dass die Welt von einem vernünftigen Gott geschaffen worden war, gab den Wissenschaftern die Zuversicht, dass es ihnen möglich sein würde, durch Beobachtung und Experimente etwas über die Welt herauszufinden. Das war ihre erkenntnistheoretische Grundlage – die philosophische Grundlage, durch die sie sicher sein konnten, dass Erkenntnis möglich sei.
Die Griechen, die Moslems und die Chinesen verloren schliesslich ihr Interesse an der Naturwissenschaft. Joseph Needham erklärt …, warum sich das nie zu einer vollen Wissenschaft entwickelte: „Es gab keine Zuversicht, dass der Code der Naturgesetze je entschlüsselt und gelesen werden könnte, weil sie keinerlei Zusicherung besassen, dass es ein göttliches Wesen gab, das, noch rationaler als wir selbst, je einen solchen Code formulierte, der von uns gelesen werden könnte.“
Robert Boyle, Isaac Newton und die früheren Mitglieder der Royal Society waren religiöse Männer, die die skeptischen Lehren von Hobbes ablehnten. … Es wurde geglaubt, dass diese (wissenschaftlichen) Methoden nie zu Schlussfolgerungen führen könnten, die mit biblischer Geschichte und übernatürlicher Religion unvereinbar wären. Newton lebte und starb in diesem Glauben.“
(Francis Schaeffer, a.a.O.)

Abraham Kuyper erwähnt hierzu die calvinistische Lehre von der Souveränität Gottes, der durch seinen Ratschluss die ganze Welt lenkt. Ein Teil dieses Ratschlusses sind offensichtlich die Naturgesetze. Wir dürfen das Wort „Naturgesetz“ nicht so verstehen, als würden diese Gesetze von selbst der Natur innewohnen; es sind vielmehr Gesetze, die Gott der Natur auferlegt hat.
Ein weiterer Aspekt ist, dass Gott den Menschen in seinem Bild erschuf; der Mensch ist also z.B. fähig, rational und geordnet zu denken, weil Gott rational ist. Ausserdem muss es eine gewisse Übereinstimmung geben zwischen der Denkstruktur des Menschen und der Struktur des Universums, da beide vom selben Gott erschaffen wurden. (Für viele moderne Philosophen ist das alles andere als selbstverständlich! Deshalb können heutige moderne Naturwissenschafter nicht erklären, warum z.B. die Naturgesetze in mathematischen Formeln ausgedrückt werden können, oder warum es überhaupt Naturgesetze gibt.)

Auf diesen Grundlagen also baut die moderne Naturwissenschaft auf – bis heute, obwohl dies den meisten heutigen Wissenschaftern nicht mehr bewusst ist. Die wissenschaftlichen Fortschritte brachten dann ihrerseits – in Verbindung mit der erneuerten Arbeitsethik – auch technische und wirtschaftliche Fortschritte hervor. Das alles ist indirekt die Frucht einer erneuerten Denkweise, welche das Wort Gottes ins Zentrum stellte.

Exkurs: Wissenschaftliche Methode und Weltanschauung

Die obigen Ausführungen mögen befremdend wirken, wenn wir die gegenwärtige Situation betrachten. Gibt es da nicht einen unüberwindlichen Gegensatz zwischen Wissenschaft und Glaube? Sagt nicht die moderne Wissenschaft, dass alle Prozesse des Universums ohne Gott erklärt werden können, auf rein natürliche Weise?

– Um in dieser Frage klar zu sehen, wollen wir einmal genauer betrachten, worin die „wissenschaftliche Methode“ besteht. Vereinfacht gesagt, besteht sie darin, Beobachtungen und Experimente zu machen, Schlussfolgerungen daraus zu ziehen, und diese nach Möglichkeit als allgemeingültiges „Modell“ zu formulieren, welches die gemachten Beobachtungen erklärt.
Wenn das alles wäre, dann müssten eigentlich alle Wissenschafter auf der Welt zu denselben Schlussfolgerungen kommen. In Wirklichkeit habe ich in meiner vereinfachten Beschreibung einen wichtigen Schritt ausgelassen: Um zu Schlussfolgerungen zu kommen, müssen die Beobachtungen interpretiert werden. An diesem Interpretationsvorgang ist der Wissenschafter mit seiner ganzen Person beteiligt! Er muss seine Überlegungen und Schlussfolgerungen irgendwo logisch abstützen können.

In der Mathematik geht das folgendermassen: Um einen Beweis folgerichtig durchführen zu können, muss man mit bereits bewiesenen Prinzipien arbeiten. Aber irgendwann kommt man zu einem Punkt, wo man nicht weiter nach Beweisen fragen kann, weil die benutzten Prinzipien so „offensichtlich einleuchtend“ sind. Man spricht dann von „Axiomen“. Z.B. dass auf Eins Zwei folgt. Oder dass es zwischen zwei Punkten genau eine gerade Linie gibt. Diese Prinzipien kann man vielleicht „einsehen“, aber man kann sie nicht logisch beweisen. In anderen Worten: Man muss sie im Glauben annehmen.

Ein Naturwissenschafter muss ebenfalls gewisse „Axiome“ zur Grundlage haben. In diesem Fall handelt es sich um seine persönlichen Denkvoraussetzungen, d.h. die Grundlagen seiner Weltanschauung. Auch diese kann man nicht beweisen; man kann sie nur im Glauben annehmen. Diese Grundlagen können aber von Person zu Person unterschiedlich sein. (Einer glaubt z.B, das Universum sei von Gott erschaffen worden; ein anderer glaubt, es sei durch Zufall entstanden. Beide Aussagen können mit rein naturwissenschaftlichen Methoden weder bewiesen noch widerlegt werden.)
Die Weltanschauung des Wissenschafters (in anderen Worten: sein Glaube) wird aber seine Interpretation der Beobachtungen beeinflussen!
– Dazu ein unwissenschaftliches Beispiel: Ein Professor wollte seine Studenten vor den Gefahren des Alkohols warnen. Zu diesem Zweck bereitete er zwei Gläser vor, eines mit Wasser und eines mit Alkohol. In jedes Glas liess er einen lebendigen Regenwurm fallen. Der Wurm im Wasserglas schwamm fröhlich umher, während der Wurm im Alkohol unter Zuckungen verendete. Der Professor fragte die Studenten: „Nun, was schliessen wir daraus?“ – Ein Student, der als Trinker bekannt war, antwortete: „Dass Alkohol gut ist gegen Würmer.“
– Ein anderes Beispiel ist die Evolutionstheorie. Beweisen nicht die Fossilien, dass das Leben durch Evolution entstanden ist? – Nein, die Fossilien beweisen gar nichts. Versteinerungen werden nicht mit Aufklebern gefunden: „Ich lebte vor 50 Millionen Jahren und habe mich aus einem primitiven Einzeller entwickelt.“ Das ist Interpretation des Wissenschafters. Wenn der Wissenschafter von vornherein an die Evolution glaubt, dann wird er diese Funde im Sinne der Evolutionstheorie interpretieren. Aber ein Wissenschafter, der an die Wahrheit der Bibel glaubt, kann dieselben Versteinerungen untersuchen und zu einem ganz anderen Schluss kommen: Diese Tiere ertranken in der Sintflut.

Jeder Wissenschafter muss also bei seinen Schlussfolgerungen von einem „Glauben“ ausgehen, d.h. von unbeweisbaren Denkvoraussetzungen – sei dies nun ein christlich-biblischer oder ein anderer Glaube. Wenn moderne Wissenschafter zu atheistischen Schlussfolgerungen kommen, dann nicht deshalb, weil Wissenschaft zwingend zum Atheismus führen müsste, sondern weil sie bereits mit atheistischen Voraussetzungen an die Wissenschaft herangingen!

Wie kam es dann zur heutigen Vorstellung, der Glaube an Gott habe in der Wissenschaft (genauer: in den Naturwissenschaften) nichts zu suchen? – Naturwissenschaft beschränkt sich per Definition auf die Untersuchung dessen, was sich beobachten und messen lässt. Offensichtlich kann man Gott und die geistliche Welt weder beobachten noch messen. Lange Zeit sah man darin keinen Widerspruch zum biblischen Glauben. Gott war zwar kein Untersuchungsgegenstand der Naturwissenschaft, aber seine Existenz war vorausgesetzt; und für die „Erforschung“ Gottes gab und gibt es andere, angemessenere Methoden.
In der Aufklärung ging man aber einen Schritt weiter und kam zur (falschen) Schlussfolgerung: „Was man nicht beobachten und messen kann, existiert nicht.“ Seither sagen Atheisten: „Wenn es einen Gott gäbe, hätten die Wissenschafter ihn gefunden.“ Dabei haben die Wissenschafter sich selber darauf beschränkt, Gott nicht zu untersuchen! Das ist, als ob jemand versuchen würde, mit einem Barometer Radiowellen zu messen, und dann sagte: „Mein Experiment hat bewiesen, dass es keine Radiowellen gibt.“

Ein kleines Englisch-Wunder

16. Dezember 2012

Das Lernen eines Kindes geht nicht so linear und konstant vonstatten, wie schulische Lehrpläne uns glauben machen wollen, sondern in wechselnden Phasen von Sprüngen nach vorne, Zeiten des Stillstands, und plötzlichem Wechsel der Interessen. Die schulische Routine überdeckt diesen Tatbestand; aber sobald man Kindern und Teenagern erlaubt, auf natürliche und ihrem Alter gemässe Weise zu lernen (z.B. in unserem homeschooling), wird diese ihre Eigenschaft deutlich sichtbar. Kinder einem zum voraus festgeschriebenen Lehrplan mit vorgegebenem Zeitrahmen zu unterwerfen, ist deshalb etwa so, als wollte man den Wind zwingen, ständig mit derselben Stärke und Geschwindigkeit zu blasen.

Dieses Jahr haben wir wieder ein Beispiel davon erlebt. Unser Ältester hat letztes Jahr angefangen, ein wenig Englisch zu lernen. Wir kamen aber nicht sehr weit mit ihm; wir konnten lediglich ein Anfänger-Buch für kleinere Kinder durcharbeiten, das ein paar grundlegende Dinge wie Begrüssungen oder Worte für die alltäglichsten Gegenstände einführt.
Etwa Mitte dieses Jahres nun rief er mich eines Tages, als er am Computer arbeitete: „Kannst du mir helfen? Ich verstehe nicht ganz, was da steht.“ Er hatte ein englisches Handbuch über den Gebrauch eines neues Musikprogramms auf dem Bildschirm, das er vor einiger Zeit aus dem Internet heruntergeladen hatte und nun ausprobierte. Anscheinend hatte er den grössten Teil der Anleitung recht gut verstanden; nur mit einigen Worten und Ausdrücken hatte er Mühe.

Etwa um dieselbe Zeit erhielt ich eine Anfrage von der Tante einer Schülerin, ob ich ihr Englischunterricht geben könnte. Sie hatte bereits an der Universität einige Englischkurse besucht (und natürlich zuvor an der Schule gelernt) und wollte ihre Kenntnisse auffrischen. Ich fragte meinen Sohn, ob er die Gelegenheit ergreifen wolle, auch teilzunehmen, da er offensichtlich daran interessiert war, englische Gebrauchsanweisungen, Spielanleitungen und andere Texte zu verstehen. Er war einverstanden, und so begannen wir mit unseren Englischstunden, zweimal pro Woche. Es zeigte sich, dass er fast auf demselben Stand war wie meine erwachsene Schülerin; im Lese- und Hörverständnis war er ihr sogar deutlich überlegen. Jetzt, nach einem halben Jahr dieses Unterrichts, ist er bereits weiter fortgeschritten als die Schüler hierzulande bei ihrem Schulabschluss nach fünf Jahren Sekundarschule. Oft bin ich erstaunt, wie viele Wörter er kennt, die ich ihm nie beigebracht habe!

Offenbar war durch die Notwendigkeit, englische Anleitungen für Computerprogramme usw. zu verstehen, sein Interesse erwacht und hatte seinen „Lernmotor“ in Betrieb gesetzt. Jetzt haben wir einen neuen Beweis dafür, zu was für Leistungen dieser „Lernmotor“ imstande ist, wenn er mit dem richtigen „Treibstoff“ gefüttert wird, nämlich mit einem sinnvollen und praktischen Ziel vor Augen, für das es sich lohnt, zusätzliche Kenntnisse zu erwerben. Leider ist solcher „Treibstoff“ innerhalb des Schulsystem äusserste Mangelware. (Und genauso wie man Schüler zwingt, gemäss Lehrplan Dinge zu lernen, die sie noch gar nicht verstehen können, so erlaubt man ihnen dort auch nicht, selbständig und schneller voranzuschreiten, als es der Lehrplan vorsieht.)

Natürlich sind während dieser „Englisch-Zeit“ andere Interessen, die vorher stärker waren, eher in den Hintergrund getreten. Soll ich mir jetzt Sorgen darüber machen, dass mein Sohn in Mathematik oder Naturwissenschaften in den „Rückstand“ kommen könnte? Nein, keineswegs. Ebensowenig wie ich mir letztes Jahr darüber Sorgen gemacht hätte, er könnte in Englisch im „Rückstand“ sein. Er hat zu jeder Zeit seinen Fähigkeiten und Interessen gemäss gelernt und Fortschritte gemacht. Nur dass diese Fortschritte nicht einem schulischen Lehrplan gemäss verlaufen – aber wie das Beispiel zeigt, macht das überhaupt nichts.

Übrigens bin ich froh, dass es jetzt sinnvolle, produktive Computerprogramme sind, mit denen er arbeitet, und nicht bloss Spiele wie zu früheren Zeiten. Ich glaube, die ersten englischen Worte, die meine Kinder in ihrem Leben lernten, waren „Game over“ …

Der Reformator Martin Luther – Teil 9 – Weitere Lehren der Reformation

9. Dezember 2012

Da ich in dieser Artikelkategorie das Schwergewicht darauf legen möchte, was wir von vergangenen Erweckungen lernen können inbezug auf eine Rückkehr zu urchristlichen Prinzipien, möchte ich nicht mehr auf das weitere Leben Luthers eingehen, da ich dort nicht mehr viel Lehrreiches in dieser Hinsicht finde. Stattdessen möchte ich in dieser und der nächsten Folge noch einige weitere Prinzipien und Folgen der Reformation erwähnen.

Andere wichtige Lehren der Reformation

Der direkte Zugang zu Gott und das allgemeine Priestertum

Die katholische Kirche und ihr Klerus sehen sich als „Mittler“ zwischen den Menschen und Gott: Der Gläubige kann seine Sünden nicht direkt Gott bekennen und von ihm Vergebung erhalten, sondern er muss dem Priester bekennen, und der Priester muss ihm Vergebung zusprechen. Der Gläubige kann auch nicht selber die Bibel richtig verstehen, sondern er muss der Auslegung des kirchlichen Lehramts folgen. (Auch heute noch, obwohl den Katholiken inzwischen das Bibellesen erlaubt ist.)

Dagegen betonte Luther, gestützt auf Bibelstellen wie 1.Tim.2,5, Hebr.4,14-16, 10,19-22, dass jeder Gläubige durch Jesus Christus persönlichen und direkten Zugang zu Gott hat. Das ist eine weitere grosse Errungenschaft der Reformation, dass sie dem Christen den direkten Zugang zu Gott (ohne Vermittlung eines irdischen Priesters) wieder geöffnet hat. (Obwohl die Reformatoren diesen Punkt nicht konsequent in die Praxis umsetzten.)

Francis Schaeffer schreibt dazu:

„Zuvor waren Kirchgänger von dem, was für sie der Mittelpunkt des Gottesdienstes war – der Altar im Altarraum – durch ein hohes Eisen- oder Holzgitter getrennt. Das war der Lettner, häufig von einem Kruzifix unterstützt, oder ein Kruzifix hing über ihm. Aber in der Reformationszeit, als die Bibel in all ihrer einzigartigen Autorität akzeptiert wurde, wurden diese Gitter oft beseitigt. In manchen Kirchen wurde an genau der Stelle, an der sich der Lettner befunden hatte, eine Bibel zur Schau gestellt, um zu zeigen, dass die Lehre der Bibel die Möglichkeit für alle Menschen eröffnete, direkt zu Gott zu kommen.“
(Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Leider hat aber die katholisch-priesterliche Trennung zwischen „Klerus“ und „Laien“ so nachhaltig gewirkt, dass auch die Reformierten und Evangelikalen bis heute nicht wirklich davon losgekommen sind. Einerseits hat Luther zwar wichtige Änderungen vorgenommen, indem er z.B. das Messopfer, das sakramentale Verständnis der Beichte, das Zölibat, etc. abschaffte. Auch definierte er das Pfarramt nicht mehr als priesterliche (Mittler-)Funktion, sondern als Predigt- und Lehramt. Aber die Idee des Pfarramts an sich hat er beibehalten, und damit auch die geistliche Entmündigung der „Laien“. Versammlungen, zu denen jedes „Glied am Leibe“ etwas beiträgt, wie z.B. in 1.Korinther 14,26 beschrieben, sind bis heute in den meisten Kirchen, die sich von der Reformation herleiten, so gut wie unbekannt. Das wichtige reformatorische Postulat des allgemeinen Priestertums wartet also immer noch auf seine Verwirklichung.

Gesetz und Gnade

Luther schreibt in den „Schmalkaldischen Artikeln“:

„Aber das vornehmste Amt und Kraft des Gesetzes ist, dass es die Erbsünde mit Früchten und allem offenbart und dem Menschen zeige, wie gar tief und grundlos seine Natur gefallen und verderbt ist, dem das Gesetz sagen muss, dass er keinen Gott habe noch achte oder bete fremde Götter an, welches er zuvor und ohne das Gesetz nicht geglaubt hätte. Damit wird er erschreckt, gedemütigt, verzagt, verzweifelt, wollte gern, dass ihm geholfen würde…
(Röm.1,18, 3,19-20, Joh.16,8)

…Und das heisst dann, die rechte Busse (Bekehrung) anfangen. …Aber zu solchem Amt tut das Neue Testament flugs die tröstliche Verheissung der Gnade durchs Evangelium, der man glauben soll. Wie Christus spricht Mark.1,15: ‚Tut Busse und glaubt dem Evangelium‘, das ist: ‚Werdet und macht’s anders und glaubt meiner Verheissung.‘ …Wiederum gibt das Evanglium nicht auf einerlei Weise Trost und Vergebung, sondern durch Wort, Sakrament und dergleichen, wie wir hören werden; auf dass die Erlösung ja reichlich sei bei Gott – wie der Psalm 130 sagt – wider das grosse Gefängnis der Sünde.“

Dies ist eine zentrale Lehre Luthers, und wichtig zum Verständnis der biblischen Botschaft. Das „Gesetz“, verbunden mit der Gerechtigkeit Gottes (belohnend und strafend) ist nötig zur Überführung des Sünders, und gehört daher unbedingt zur Evangelisation. Das „Evangelium“, verbunden mit der Gnade Gottes, ist nötig zur Rettung und zur Festigung des Christen, und gehört daher unbedingt zum geistlichen Wachstum der Wiedergeborenen. Die Praxis der meisten evangelikalen Gemeinden ist aber genau umgekehrt: Da wird den Unbekehrten die Gnade Gottes verkündet („Gott liebt dich“, „Komm zu Jesus, dann hören deine Probleme auf“) und andere Lockvögel angeboten im Sinne einer „bedürfnisorientierten Evangelisation“. Sind sie aber einmal „bekehrt“ und Teil der Gemeinde geworden, dann werden sie unter das Gesetz gestellt: „Du sollst regelmässig zum Gottesdienst kommen“, „Du sollst dich der Gemeindeleitung unterordnen“, „Du sollst den Zehnten geben“, usw. (wobei die meisten dieser Gesetze nicht einmal biblisch sind).

Diese verfehlte Praxis schafft verschiedenste Probleme. Einerseits die bereits erwähnte „billige Gnade“, wo dem halsstarrigen Sünder Errettung angeboten wird, ohne dass er umkehren muss. So füllen sich die Gemeinden mit Scheinchristen, die den Herrn nie persönlich kennengelernt haben. Das ist die Folge, wenn unbekehrten Sündern die Gnade verkündigt wird statt des Gesetzes.

Und andererseits entsteht eine gesetzliche Frömmigkeit, wo Wohlverhalten und „gute Werke“ benotet werden, sodass der Christ sich auf Menschengebote und auf seine eigenen Anstrengungen zum Gutsein abstützt. Er wird so dazu verleitet, wieder auf seine eigene Gerechtigkeit zu vertrauen statt auf das vollbrachte Werk Christi; er kann sich nicht mehr an seiner Erlösung freuen, und steht in der grossen Gefahr, „von der Gnade zu fallen“ (Gal.5,4). Ausserdem nutzen manipulative Leiter die dadurch entstehenden Schuldgefühle aus, um die Christen von sich selbst abhängig zu halten. Das war genau die Problematik der mittelalterlichen Kirche, und dieselbe Problematik besteht in vielen heutigen evangelikalen Gemeinden. Das ist die Folge, wenn wiedergeborene Christen unter das Gesetz gestellt werden statt unter die Gnade. Die Warnungen Paulus‘ beziehen sich auf genau solche Situationen: „Zu einem Preis seid ihr erkauft worden; werdet nicht Sklaven von Menschen.“ (1.Kor.7,23). „Und aus eurer eigenen Mitte werden Männer auftreten, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger hinter sich selbst herzuziehen“ (d.h. sie von sich selbst abhängig zu machen). (Apg.20,30).

Die beiden Probleme, billige Gnade und Gesetzlichkeit, sind eng miteinander verbunden. Wenn wegen der Verkündigung der billigen Gnade unbekehrte Sünder in die Gemeinde kommen und als „Christen“ angesehen werden, dann können sie gar nicht wie Christen leben. Somit „müssen“ sie einer Vielzahl von Regeln unterstellt werden, damit ihr Verhalten wenigstens einen christlichen Eindruck macht. (Warum sonst hat es eine Bibelschule nötig, in ihrem offiziellen Reglement so kleinliche Dinge vorzuschreiben wie: „Es ist verboten, Löcher in die Wände zu machen“, oder: „Es ist den Studenten untersagt, weltliche Musik zu hören“?) Wo der Geist Gottes fehlt, da muss nach Lenins Grundsatz regiert werden: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Wo aber eine wirklich christliche Gemeinschaft vorhanden ist, da kann echtes Vertrauen entstehen. (Bei jenen seltenen Gelegenheiten, wo ich mit einem Mitarbeiterteam aus mehrheitlich wiedergeborenen Christen arbeiten konnte, hatten wir es nie nötig, ein Reglement aufzustellen.)

Was allerdings bei Luther fehlt, ist der notwendige nächste Schritt: Die Gnade Gottes wirkt im Wiedergeborenen dahingehend, dass er den Willen Gottes tut und dadurch effektiv das Gesetz erfüllt (Röm.8,3-4, Titus 2,11-14) – nicht mehr durch äusserliche gesetzliche Anstrengungen, sondern weil Gottes Gesetz jetzt in sein Herz geschrieben ist (Jer.31,33-34).
(Siehe in der vorherigen Folge über die verhängnisvollen Folgen dieser Auslassung Luthers.)

Die Gemeinden heute haben es sehr nötig, zur richtigen Anwendung von Gesetz und Gnade zurückzukehren.

Gott dienen in der Welt

Die Trennung zwischen „Klerus“ und „Laien“ führte im mittelalterlichen Katholizismus zu einer scharfen Trennung der Gesellschaft in einen „geistlichen“ Bereich (alles, was zur Kirche gehörte), und einen „weltlichen“ Bereich (alles, was ausserhalb der Kirche war). Richard Stern von „Jugend mit einer Mission“ schreibt darüber:

„…Wir sind zu Christus berufen, um alles, was wir tun, zu seiner Ehre zu tun. Deutlich kommt das heraus, wenn wir uns die Definition von Arbeit in der Bibel anschauen: Arbeiten heisst, Gott dienen mit ganzem Herzen. Unsere Arbeit soll also ein Gottesdienst sein (Kol.3,17.23). Im Hebräischen wird für „arbeiten“ und „dienen“ dasselbe Wort gebraucht. (Vgl. 2.Mose 20,5 mit 20,9).
… Im Mittelalter sah das ganz anders aus. Berufen war nur noch der Geistliche, der Mönch; alle anderen Dienste galten als Dienstleistung für den Geistlichen. Aus diesem Verständnis heraus gab es eine Trennung zwischen „geistlich“ und „weltlich“. Wenn man geistlich sein wollte, zog man sich von der Welt zurück.
… Erst die Reformation brachte eine Änderung. Luther war der erste, der in der Übersetzung von 1.Kor.7,20 das Wort „Beruf“ gebrauchte. Er durchbrach damit die Trennung zwischen geistlich und weltlich. Zum ersten Mal galt der Handwerker wieder als ein von Gott Berufener, um seine Arbeit zur Ehre Gottes zu tun.
… Heute verstehen sich die meisten Tätigkeiten als „Jobs“ zum Brotverdienst. … Viel besser sieht es auch bei den Christen nicht aus. Seit der Erweckung im 19.Jahrhundert gelten wiederum nur Prediger, Missionar und Evangelist als Berufung.“
(Richard Stern, „Wozu bist du berufen?“, Zeitschrift „Der Auftrag“ Nr.28)

Hier liegt der Grund dafür, warum die Reformation nicht nur die Kirche, sondern die ganze Gesellschaft entscheidend veränderte. Jeder Christ verstand sich nun als Priester Gottes in der Welt, mit dem Auftrag, in seinem eigenen Lebens- und Arbeitsbereich die Prinzipien Gottes zu verwirklichen. Das führte zu einer ganzen weltanschaulichen Umwälzung Europas (wie wir in einer späteren Folge sehen werden).
Wenn wir unser Christentum auf einen kleinen „geistlichen Bereich“ reduzieren, dann hat dies schwerwiegende Folgen. Entweder wir ziehen uns aus der „Welt“ zurück – dann verlieren wir aber auch jeden evangeliumsgemässen Einfluss auf sie. – Die andere mögliche Folge besteht darin, dass Christen sich zwar in der „Welt“ engagieren, aber ohne christliche Massstäbe. Wenn Gott nur über den „geistlichen Bereich“ regiert, dann kann man sein Wort ja nicht auf die Politik, die Wirtschaft, die Wissenschaft, usw. anwenden, oder? – Dies lässt sich vor allem in den Landeskirchen beobachten, die sich zwar in allen möglichen sozialen und politischen Fragen engagieren – aber die Lösungen, die sie anbieten, unterscheiden sich in nichts von den „Lösungen“ des säkularen, atheistischen Humanismus.

Selbst nichtchristliche Historiker haben anerkannt, dass die „protestantische Arbeitsethik“ entscheidend zum heutigen Wohlstand in Europa und Nordamerika beitrug. Einen Faktor dieser Arbeitsethik haben wir bereits erwähnt: Die Reformatoren betrachteten Arbeit als eine Berufung von Gott und einen Gottesdienst.
Einige Lutherzitate mögen dies unterstreichen:

„Also hat jeder seinen Beruf, in welchem er Gott dient, wenn er desselben fleissig wartet. Eine Obrigkeit, die ihren Untertanen wohl vorsteht und regiert, dient Gott; eine Hausmutter, die ihrer Kinder wartet, ein Hausvater, der sich seiner Arbeit nährt, ein Schüler, der fleissig studiert, dient Gott. … Antonius entweicht und setzt sich in die Wüste, Hieronymus tut Wallfahrten in heilige Lande …. Solches hält die Welt für grosse und treffliche Dinge. Dass aber Sarah bei dem Herde steht, kocht und richetet den Gästen Essen zu, und ist sorgfältig, solches hat nicht allein keinen Schein noch Anschein einigen guten Werkes, sondern lässt sich ansehen, als sei es eine Hinderung anderer guter Werke. Wer aber auf das Wort sieht, wird finden, dass Sarah viel ein heiliger Werk damit getan hat, dennn aller Mönche und Einsiedler Werke sind.“
(In der Auslegung zu 1.Mose 17,9 und 18,15f)

„Das ist eine nötige Lehre, da sehr viel an gelegen ist, dass wir unseren Beruf in Gottes Wort fassen, und ein jeder des gewiss soll sein, dass alles, was er tut und lässt, in Gottes Namen und aus Gottes Befehl getan und gelassen sei. Wer also lebt, dass er nicht weiss, dass sein Tun und Lassen in Gottes Befehl und Wort geht, der ist verdammt. Wer aber weiss, dass er alles tut und lässt aus Gottes Befehl und Wort, der ist in seinem Gewissen und Herzen sicher, und kann dem Teufel Trotz beiten, guter Dinge sein und sagen: Ich habe heute dies und das getan, und hab’s darum getan, dass ich weiss, dass mich’s Gott geheissen und mir befohlen hat in seinem Wort; weiss derhalben, dass es ein gut und Gott wohlgefällig Werk ist. … Es soll aber niemand sich vor der Ehre scheuen, dass er und seine Werke heilig heissen. Denn Christus hat uns die Freiheit erworben, und Gott hat uns sein Wort darum gegeben, dass wir dadurch geheiligt werden. Darum, sowenig wir uns davor scheuen sollen, dass wir Christen heissen, so wenig sollen wir uns auch davor scheuen, dass wir und unser Werk heilig heissen.“
(Predigt, in „Dr. M. Luthers Hauspostille“)

Wir können hinzufügen, dass Gott selber, als der erste „Arbeiter“, unser Vorbild ist:
„Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Werk tun; aber der siebente Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. Da sollst du keine Arbeit tun … Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darin ist, und er ruhte am siebenten Tage …“ (2.Mose 2,9-11)
(Man beachte, dass sowohl die Arbeit als auch die Ruhe geboten werden, und beides als Nachahmung von Gottes eigenem Vorbild.)

Wenn also unsere Arbeit ein Dienst für Gott ist, ja sogar ein „Nachahmen“ von Gottes eigenem Vorbild, dann hat dies Folgen für den Wert, die Würde, und die Qualität unserer Arbeit. Was nach Gottes Willen getan ist, das ist wertgeschätzt von ihm, unabhängig davon, welchen „sozialen Status“ eine bestimmte Arbeit hat. Am Beispiel von Joseph im Gefängnis zeigt uns die Bibel, dass Gott selber solche treue Arbeit sogar materiell und mit „Beförderungen“ belohnen kann. – Wenn Gott mein „Arbeitgeber“ ist, dann kann ich mir natürlich auch nicht erlauben, eine Arbeit von minderwertiger Qualität abzuliefern, oder gar zu versuchen, ihn zu betrügen.

In dieser Hinsicht kann ein grosser Unterschied beobachtet werden zwischen den Reformationsländern und den Ländern, die von der Reformation nicht berührt wurden. Wenn in Nord- und Westeuropa heute noch grosser Wert gelegt wird auf ehrliche und qualitativ hochstehende Arbeit, dann ist das nicht einfach eine Mentalitätsfrage, sondern ein Erbe der Reformation (selbst wenn der geistliche Hintergrund der Reformation längst verlorengegangen ist).
Wer hier in Perú einem Handwerker oder Mechaniker eine Arbeit überlässt, muss damit rechnen, dass die Arbeit nicht seinen Wünschen gemäss ausgeführt wird, oder dass an nicht gut sichtbaren Stellen minderwertige oder schadhafte Teile eingesetzt werden. Angestellte Arbeiter müssen fast ständig kontrolliert und überwacht werden, da sie sonst nicht so arbeiten, wie es erwartet wird. Arbeitgeber ihrerseits bleiben ihren Angestellten oft monatelang den Lohn schuldig; versäumen es, Kranken- und Unfallversicherungen für sie abzuschliessen; und treffen auch an gefährlichen Arbeitsplätzen keine Sicherheitsvorkehrungen. Oft werden Arbeitsmaterialien sinnlos verschwendet. All dies trägt zur herrschenden Armut bei.
Diese Erscheinungen können wir nicht einfach damit erklären, die Peruaner seien eben „unverantwortlich“ oder „unterentwickelt“. Vielmehr kamen sie in ihrer Geschichte nie dazu, eine biblische Arbeitsethik zu entwickeln!

Der Reformator Martin Luther – Teil 8 – Fehler Luthers

2. Dezember 2012

Fehler Luthers

Einige Autoren versuchen die ganze Reformation zu disqualifizieren, indem sie auf die persönlichen Fehler und Schwächen Luthers hinweisen. Er hatte ein sehr impulsives Temperament und benutzte oft, auch in seinen Schriften, eine allzu derbe Sprache. Gegen gewisse Gruppen ging er mit einer unbegreiflichen und nicht zu entschuldigenden Grausamkeit vor: gegen die aufständischen Bauern, gegen die Täufer, und gegen die Juden. Nicht einmal mit den Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin konnte er zu einer brüderlichen Gemeinschaft kommen, obwohl die gegenseitigen Differenzen – aus heutiger Sicht – geringfügig waren.

Der Starrkopf

Offenbar lag es in Luthers Temperament, sich auf einen Standpunkt zu versteifen, und seine Gegner auf grobe und polemische Weise anzugreifen. Egal ob es um die Verteidigung einer hochwichtigen Angelegenheit ging, oder einer Nebensache, oder sogar eines Irrtums. – Disqualifiziert ihn das als Reformator?
Ich glaube, wir müssen da unterscheiden zwischen Luthers Grundprinzipien der Reformation (denen ich weitgehend zustimme), und seinem persönlichen Verhalten (an dem es vieles auszusetzen gibt). Ich glaube auch, dass Gott weiss, was für ein Temperament nötig ist für jede der Aufgaben, die er seinen Dienern zuweist. Wäre Luther weniger starrköpfig gewesen, dann hätte er die spannungsvollen Kämpfe und Konflikte in seinem Leben kaum ausgehalten. Dieselbe Charaktereigenschaft, die in gewissen Situationen eine Schwäche ist (z.B. bei seiner Begegnung mit Zwingli), wird in anderen Situationen zu einer Stärke (z.B. vor dem Wormser Reichstag). Wahrscheinlich war diese Starrköpfigkeit nötig, um der Reformation zum Durchbruch zu verhelfen.
Damit will ich nicht Luthers Fehlverhalten entschuldigen. Ich könnte mir ausmalen, dass Gott nach einem „vollkommeneren“ oder „geeigneteren“ Reformator Ausschau hielt – aber anscheinend fand er keinen solchen, und so gebrauchte er eben Luther, um den Hauptanstoss zur Reformation zu geben.

Luther, der Verfolger

Dies ist mir der unverständlichste Aspekt im Leben Luthers: Er selber war jahrelang um seines Glaubens willen verfolgt und bedroht. Er wusste, wie sich ein Gewissensflüchtling fühlt. Er schrieb starke Worte zur Verteidigung der christlichen Freiheit. Wie war es möglich, dass er selber in späteren Jahren andere mit derselben Grausamkeit verfolgen und töten liess?
Die Juden versuchte er zuerst zum Christentum zu bekehren. Aber als das keinen Erfolg hatte, begann er sie zu hassen und richtete äusserst gehässige Mordaufrufe gegen sie, sodass Jahrhunderte später Hitler hämisch sagen konnte, er setze ja nur in die Tat um, was bereits Luther geschrieben hätte.
Noch weniger verständlich ist sein Hass gegen die Täufer, die ja sein eigenes Werk, die Reformation, weiterführten. Nur taten sie einige Schritte über das hinaus, was Luther zu tun wagte, indem sie statt der Säuglingstaufe wieder die biblische Glaubenstaufe einführten, und betonten, dass ein echter Christ an einem heiligen Leben erkannt wird. Tausende von Täufern sind auf Betreiben Luthers (sowie Zwinglis in der Schweiz) ertränkt worden. Viele Tausende weiterer wurden in ganz Europa umhergehetzt, und ihre Nachkommen flohen schliesslich (falls sie überlebten) nach Amerika.
Als Vorwand für die Verfolgung diente das Massaker in Münster, das von einer extremistischen Splittergruppe verursacht worden war. Jene Gruppe war aber keineswegs repräsentativ für die Gesamtheit der Täufer, deren überwiegende Mehrheit überzeugte Pazifisten waren.
(Bei Gelegenheit werde ich, so Gott will, eingehender über die Geschichte der Täufer schreiben.)

Der holländische calvinistische Theologe Abraham Kuyper versucht ein ähnliches Verhalten Calvins (die Verbrennung des Ketzers Servet) folgendermassen zu erklären:

„Ich missbillige jene Exekution voll und ganz; aber nicht als ob sie ein charakteristischer Ausdruck des Calvinismus wäre, sondern im Gegenteil: Das war eine Spätfolge eines alten Systems, das vor dem Calvinismus bestand, unter dem der Calvinismus gewachsen war, und von dem er sich noch nicht vollständig befreit hatte.
(…) Jenes System, das religiöse Differenzen unter die Kriminaljustiz des Staates brachte, war das direkte Ergebnis der Überzeugung, dass die Kirche Christi auf Erden sich nur auf eine einzige Art, und in einer einzigen Institution, verwirklichen könnte. Im Mittelalter (…) wurde alles Andersartige als Feind dieser einzigen Kirche angesehen. Die Regierung war deshalb nicht dazu berufen, für sich selber zu richten oder zu entscheiden. Es gab eine einzige Kirche Christi auf Erden, und es war Aufgabe der Regierung, diese Kirche vor den Spaltungen, Ketzereien und Sekten zu beschützen.
Aber zerbrechen wir diese Kirche in Teile, und anerkennen wir, dass die Kirche Christi sich in vielerlei Formen manifestieren kann, (…) so verschwindet sofort alles, was aus jener Einheit der sichtbaren Kirche gefolgert wurde. (…) Und deshalb müssen wir das Charakteristische am Calvinismus nicht in dem suchen, was er noch eine Zeitlang vom alten System festhielt, sondern in dem, was neu und frisch aus seiner eigenen Wurzel hervorging.“
(Abraham Kuyper, „Vorträge über den Calvinismus“)

Es ist gut möglich, dass diese totalitäre römisch-katholische Mentalität in den Reformatoren noch weiterwirkte. Jahrhundertealte gesellschaftliche Formen und Anschauungen ändern sich nicht von heute auf morgen. Tragisch ist, dass darunter gerade jene zu leiden hatten, die dieser totalitären Mentalität am entschiedensten abgesagt hatten und jedes Staatskirchentum ablehnten.

Eine andere mögliche Erklärung könnte in der Beobachtung von Psychologen liegen, dass Missbraucher sehr oft selber Opfer von Missbrauch waren. Das Opfer steht in der Gefahr – wenn es sich dessen nicht bewusst ist und bewusst dagegen angeht -, die erlittenen Verhaltensmuster zu verinnerlichen und später selber zum Missbraucher zu werden. Das geschieht auch auf dem Gebiet des geistlichen Missbrauchs.

Die Persönlichkeit und Geschichte Luthers gibt uns hier ein kompliziertes und tragisches Rätsel auf. Kann ein echer Christ so verblendet sein (z.B. vom Zeitgeist), dass er meint, der Sache des Evangeliums zu dienen, indem er dessen (vermeinliche) Feinde verfolgen lässt? Aber gerade die Täufer geben uns ja das Beispiel, dass es auch in jener Zeit durchaus möglich war, von der Bibel geleitet diesem totalitären Zeitgeist entgegenzutreten (sofern man bereit war, mit seinem Leben dafür zu bezahlen). – Oder ist Luther irgenwann zwischen der Mitte der 1520er und Mitte der 1530er Jahre unter den Versuchungen der Macht und der weltlichen Politik vom Glauben abgefallen und wurde dann zum Spielball finsterer Mächte? Die so unterschiedlichen Früchte zwischen der Anfangs- und der Spätzeit der Reformation mögen darauf schliessen lassen. Aber andererseits verkündet ein vom Glauben Abgefallener nicht mehr Christus als seinen Herrn. – Oder war Luthers Bekehrung gar nicht echt, war er etwa gar nie ein wirklicher Christ? Aber dann können wir nicht erklären, warum gerade er es war, der als Grundprinzip das „Sola Scriptura“ („Allein die Schrift“) wiederentdeckte – diesen urchristlichen Grundstein, auf dem alle Erweckungen nach ihm aufbauten -, und der damit die Verblendung der römischen Kirche durchbrach.
Es sind zu diesem Punkt die unterschiedlichsten und z.T. sehr pointierte Ansichten vertreten worden, von der Verteidigung der Reformatoren (wie im obigen Kuyper-Zitat) bis zur völligen Verdammung von Luthers Person und Lebenswerk (siehe dazu die Kommentare zum 1.Teil). Der Leser möge die Standpunkte vergleichen und sich eine eigene Meinung bilden. Persönlich glaube ich, dass es uns aus einem Abstand von fünfhundert Jahren nicht mehr möglich ist, ein zutreffendes und gerechtes Urteil zu fällen.

Leider ist eine Entwicklung wie diejenige Luthers kein Einzelfall (nur ist er ein besonders extremes Beispiel): Ein Pionier des Glaubens wird von der traditionellen Kirche angegriffen und verfolgt, aber er bleibt seinen Überzeugungen treu, und mit der Zeit schenkt Gott ihm Erfolg und Erweckung. Die von ihm vertretene Strömung wird mit der Zeit „angesehen“ und „offiziell“. Der verfolgte Pionier wird zu einem einflussreichen und mächtigen Leiter. In diesem Moment scheint er sein vergangenes Leiden zu vergessen, und verfolgt schliesslich andere Pioniere, die weiter vorangehen als er selber.
Tatsächlich ist dieses Phänomen so häufig, dass einmal jemand sagte: „Die Vertreter der Erweckung von gestern verfolgen immer die Vertreter der Erweckung von heute.“
Wie nötig ist es da, dass wir uns immer von Gott prüfen und korrigieren lassen, damit wir nicht in dieselbe Falle gehen, wenn wir eines Tages grösseren Einfluss haben!

Vorläufer der billigen Gnade

Luther selber sagte einmal sinngemäss, man könne auf zwei Seiten vom Pferd fallen. D.h. wenn man einen Irrtum korrigiert, besteht immer noch die Gefahr, in den entgegengesetzten Irrtum zu fallen. Anscheinend ist es Luther selber mit der Lehre von der Gnade so ergangen.

Die katholische Kirche betonte „gute Werke“ als Weg zur Erlösung und zur Heiligung. (Wobei es sich meistens um Werke zugunsten der Kirche selber handelte.) Damit hielt sie die Menschen in einer ständigen Ungewissheit, ob sie nun wirklich errettet seien oder nicht; ob sie nun „genug“ Werke getan hätten oder nicht. (Natürlich sind unsere menschlichen Werke nie genug, um uns den Himmel zu erkaufen!)
Luther betonte demgegenüber, dass die Erlösung allein durch die Gnade Gottes möglich ist (sola gratia), und allein durch den Glauben erlangt werden kann (sola fide). Soweit war das eine notwendige Korrektur; aber Luther ging darüber hinaus und wollte von guten Werken überhaupt nichts mehr wissen. Bis heute ist für einen guten Lutheraner wohl der schlimmste Vorwurf, den man jemandem machen kann, er predige „Werkgerechtigkeit“. Mit Bibelstellen wie Epheser 2,10 konnte Luther deshalb nicht viel anfangen („Denn sein Werk sind wir, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zum voraus bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln“); und den ganzen Jakobusbrief nannte er pauschal eine „stroherne Epistel“. Anscheinend konnte er nicht sehen, dass gute Werke, wenn sie auch nicht ein Weg zur Erlösung sind, so doch eine notwendige Folge davon.

So behauptete Luther auch, ein Christ sei „simul iustus et peccator“, „zugleich Gerechter und Sünder“. Damit hat er nicht nur der Lehre von der billigen Gnade (siehe Teil 2) und der Allversöhnungslehre den Weg bereitet, sondern hat auch eine Denkweise propagiert, die behauptet, echte Heiligung sei unmöglich, und einem Christen sei es ebenso unmöglich wie einem Nichtchristen, die Sünde zu überwinden. Hier liegt einer der Gründe, warum späteren Erweckungsbewegungen wie den Täufern, den Quäkern oder den Methodisten gerade aus reformierten Kreisen so viel Feindschaft entgegenkam. Das ernsthafte Streben nach Heiligung wurde als „Perfektionismus“, „Werkgerechtigkeit“ und „Überheblichkeit“ angeprangert. (Siehe dazu „Guten Tag, ihr unwürdigen Sünder“.) – In einer späteren Serie werden wir – so Gott will – sehen, dass mit John Wesley das Pendel wieder zur anderen Seite hin auszuschlagen begann.

Von der Schrift her muss dazu gesagt werden, dass es ein solches „zugleich“ nicht gibt. Im Neuen Testament wird klar unterschieden zwischen „Heiligen“ (Christen) und „Sündern“ (Nichtchristen). Zwar erlebt auch ein Christ Versuchungen und kann dabei ab und zu in Sünde fallen; aber Aussagen wie Römer 6,11-14; 8,2-13; 1.Korinther 10,13; Titus 2,11-14; 1.Petrus 1,14-19; 1.Johannes 3,3-9; u.a. belegen klar, dass die Gnade Gottes einen Christen dazu befähigt, Sünde zu überwinden, und dass die Apostel ein solches Überwinden als das „normale Christenleben“ voraussetzten.

Wir können Luthers Haltung der Heiligung und den guten Werken gegenüber vielleicht von seiner Zeit her verstehen: er musste da einige sehr extreme Aussagen machen, um gegen die Irrtümer des Katholizismus anzukämpfen. Aber sobald wir seine diesbezüglichen Aussagen aus dieser Kampfsituation herausnehmen, sehen wir, dass sie falsch und unbiblisch sind, und sich im weiteren Verlauf der Kirchengeschichte sehr verhängnisvoll ausgewirkt haben. Fast jede Erweckungs- und Reformbewegung nach Luther musste nicht mehr gegen die katholische Werkgerechtigkeit ankämpfen, sondern gegen das falsche reformierte Gnadenverständnis.

(Fortsetzung folgt)