Ein kleines Englisch-Wunder

Das Lernen eines Kindes geht nicht so linear und konstant vonstatten, wie schulische Lehrpläne uns glauben machen wollen, sondern in wechselnden Phasen von Sprüngen nach vorne, Zeiten des Stillstands, und plötzlichem Wechsel der Interessen. Die schulische Routine überdeckt diesen Tatbestand; aber sobald man Kindern und Teenagern erlaubt, auf natürliche und ihrem Alter gemässe Weise zu lernen (z.B. in unserem homeschooling), wird diese ihre Eigenschaft deutlich sichtbar. Kinder einem zum voraus festgeschriebenen Lehrplan mit vorgegebenem Zeitrahmen zu unterwerfen, ist deshalb etwa so, als wollte man den Wind zwingen, ständig mit derselben Stärke und Geschwindigkeit zu blasen.

Dieses Jahr haben wir wieder ein Beispiel davon erlebt. Unser Ältester hat letztes Jahr angefangen, ein wenig Englisch zu lernen. Wir kamen aber nicht sehr weit mit ihm; wir konnten lediglich ein Anfänger-Buch für kleinere Kinder durcharbeiten, das ein paar grundlegende Dinge wie Begrüssungen oder Worte für die alltäglichsten Gegenstände einführt.
Etwa Mitte dieses Jahres nun rief er mich eines Tages, als er am Computer arbeitete: „Kannst du mir helfen? Ich verstehe nicht ganz, was da steht.“ Er hatte ein englisches Handbuch über den Gebrauch eines neues Musikprogramms auf dem Bildschirm, das er vor einiger Zeit aus dem Internet heruntergeladen hatte und nun ausprobierte. Anscheinend hatte er den grössten Teil der Anleitung recht gut verstanden; nur mit einigen Worten und Ausdrücken hatte er Mühe.

Etwa um dieselbe Zeit erhielt ich eine Anfrage von der Tante einer Schülerin, ob ich ihr Englischunterricht geben könnte. Sie hatte bereits an der Universität einige Englischkurse besucht (und natürlich zuvor an der Schule gelernt) und wollte ihre Kenntnisse auffrischen. Ich fragte meinen Sohn, ob er die Gelegenheit ergreifen wolle, auch teilzunehmen, da er offensichtlich daran interessiert war, englische Gebrauchsanweisungen, Spielanleitungen und andere Texte zu verstehen. Er war einverstanden, und so begannen wir mit unseren Englischstunden, zweimal pro Woche. Es zeigte sich, dass er fast auf demselben Stand war wie meine erwachsene Schülerin; im Lese- und Hörverständnis war er ihr sogar deutlich überlegen. Jetzt, nach einem halben Jahr dieses Unterrichts, ist er bereits weiter fortgeschritten als die Schüler hierzulande bei ihrem Schulabschluss nach fünf Jahren Sekundarschule. Oft bin ich erstaunt, wie viele Wörter er kennt, die ich ihm nie beigebracht habe!

Offenbar war durch die Notwendigkeit, englische Anleitungen für Computerprogramme usw. zu verstehen, sein Interesse erwacht und hatte seinen „Lernmotor“ in Betrieb gesetzt. Jetzt haben wir einen neuen Beweis dafür, zu was für Leistungen dieser „Lernmotor“ imstande ist, wenn er mit dem richtigen „Treibstoff“ gefüttert wird, nämlich mit einem sinnvollen und praktischen Ziel vor Augen, für das es sich lohnt, zusätzliche Kenntnisse zu erwerben. Leider ist solcher „Treibstoff“ innerhalb des Schulsystem äusserste Mangelware. (Und genauso wie man Schüler zwingt, gemäss Lehrplan Dinge zu lernen, die sie noch gar nicht verstehen können, so erlaubt man ihnen dort auch nicht, selbständig und schneller voranzuschreiten, als es der Lehrplan vorsieht.)

Natürlich sind während dieser „Englisch-Zeit“ andere Interessen, die vorher stärker waren, eher in den Hintergrund getreten. Soll ich mir jetzt Sorgen darüber machen, dass mein Sohn in Mathematik oder Naturwissenschaften in den „Rückstand“ kommen könnte? Nein, keineswegs. Ebensowenig wie ich mir letztes Jahr darüber Sorgen gemacht hätte, er könnte in Englisch im „Rückstand“ sein. Er hat zu jeder Zeit seinen Fähigkeiten und Interessen gemäss gelernt und Fortschritte gemacht. Nur dass diese Fortschritte nicht einem schulischen Lehrplan gemäss verlaufen – aber wie das Beispiel zeigt, macht das überhaupt nichts.

Übrigens bin ich froh, dass es jetzt sinnvolle, produktive Computerprogramme sind, mit denen er arbeitet, und nicht bloss Spiele wie zu früheren Zeiten. Ich glaube, die ersten englischen Worte, die meine Kinder in ihrem Leben lernten, waren „Game over“ …

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